Nacht.
Schon deckt beschattend dein Gefieder
Des Tages Licht, du nahst mit Macht.
Auf starken Schwingen steigst du nieder,
Du meine Mutter, stolze Nacht!
Nun öffnen sich der Seele Pforten,
So streng geschlossen kaum zuvor,
Und meinem Weh und seinen Worten
Leihst du dein mir geneigtes Ohr.
Nun stehn die Gassen öd' und düster
Und, wie in ewig regem Leid,
Haucht sein verhallendes Geflüster
Dein Wind durch deine Einsamkeit;
Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier –
Den Blick beirrt' es kaum zuvor –
Doch riesenhaft und ungeheuer
Wächst wahrhaft Großes nun empor.
Ich liebe dich, bin dir entsprungen,
Und feind dem Tag, so laut und dreist!
Das Wenige, das mir gelungen,
Du gabst es dem verwandten Geist;
Dein Anhauch ist es, der zur Lohe
Der Seele trübes Licht entfacht –
Sei mir willkommen, ernste hohe,
Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht!
Richard Dehmel.
Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg. Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882–87 Philosophie, Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8. Februar 1920. – Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter 1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903. Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.