Tränen.
Wenn ich leide, wenn ich dulde,
Wandern meine kranken Tränen
Fort in meine ferne Heimat,
Wo die gute Mutter wohnt.
Und die gute Mutter öffnet
Ihre kleinen weichen Hände,
Betet für den schwachen Dulder,
Der die Tränen heimgesandt.
Segnend legt sie dann die kranken
In ein stilles, feines Kästchen,
Das aus Seele sie gezimmert,
Das nur sie erschließen kann,
Und sie pflegt die kranken Tränen
Wie ein Gärtner, der sein Leben,
Seine edle, stumme Güte
Zarten Blütenknospen weiht …
Wenn ich einst in Freudestunden
Zitternd nach den Tränen frage,
Küßt mir meine gute Mutter
Schnell den Dank vom Herzen weg.
Albert Ehrenstein.
Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. – Die weiße Zeit, 1914. Der Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918. Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.