1914

Februar.

4.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Erzerum, den 16. Februar 1914.

Heute besuchte mich der hiesige armenische Bischof Msg. Beadetian, um mir anläßlich der Annahme der Reformen[28] im Namen seiner Gemeinde zu danken für die hartnäckige Verteidigung des Reformprojekts durch die Kaiserliche Regierung, der zum großen Teil das Zustandekommen des so lang ersehnten Reformwerkes zu verdanken sei. Weder in der Stadt noch im Wilajet Erzerum liege zurzeit Grund zu Klagen vor, abgesehen von Differenzen im Kaza Narwan, wo ein Tscherkessenstamm den Besitz der Armenier beschlagnahmt habe. Doch habe der Wali bereits Untersuchung und Abhilfe zugesagt. — Die hiesige islamische Bevölkerung hat die Nachricht der Annahme der Reformen ohne irgendwelche feindseligen Kundgebungen aufgenommen und dürfte auch nichts unternehmen, um die Durchführung derselben zu stören. Nach Ansicht des Bischofs seien die Armenier jetzt völlig ausgesöhnt und fühlen sich als treue Ottomanen. Die hiesigen Armenier seien sich voll bewußt, daß die Kaiserliche Regierung mit Wohlwollen und Interesse ihr Schicksal verfolge und seien mir dankbar, daß ich dies bei verschiedenen Anlässen zum Ausdruck gebracht hätte.

Anders.

Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger
Herrn Botschaftsrat von Mutius.

Juni.

5.

Marschquartier Musch, den 21. Juni 1914.

Der Mutessarrif von Musch war bei meinem Eintreffen hier am 20. d. M. auf Inspektionsreise abwesend. Sein Vertreter, der Oberstaatsanwalt, bereitete mir einen sehr freundlichen Empfang.

Obwohl mir derselbe die allgemeine Lage im Sandjak Musch als derzeitig ruhig darstellte, so gewann ich bald eine andere Meinung, als ich den Besuch des armenischen Erzbischofs Nerses Garakian und den des Führers der Daschnakisten Ruben Effendi erhalten hatte. Beide halten die jetzige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm und äußerten sich sehr pessimistisch. Nach ihrer Ansicht seien die Kurdenchefs nur momentan durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen äußersten Widerstand entgegen zu setzen.

Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen Bauern im Kasa Modikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den Derebeys dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich 5–15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der Ballikli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebey das armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.

Bei dem Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schatakh ihre kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25 Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kasa Modikan noch die alten patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Beys bestimmte Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kasa Modikan besteht nur in dem Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.

Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist, Paschawank und Lordenzor, von denen der Balliklistamm je 2300, 1500 und 800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Wali von Bitlis Geld von der Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.

Eigenartig ist der Modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem Erscheinen des Tahsildars (Steuerbeamten) trieben die Balliklikurden 300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.

Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden (Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig den Entführern gefolgt seien. — Der Daschnakistenführer Ruben befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein Reformprogramm aufstellten, Massakres erfolgt seien. Die Kurden seien höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Seyid, den sie wie einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden die Derebeys ihre gefährdete Prärogative energisch verteidigen.

Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber, daß die Gendarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die Kurden keinen Respekt vor den Gendarmen, nur vor aktiven Soldaten.

Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan, Guzeldere und Schatakh) nicht nur die Rädelsführer der letzten Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie 2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu nehmen.

Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich reite morgen nach Bitlis weiter.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim.

6.

Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914.

Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der Generalstabshauptmann der 34. Division, Ruhi Bey, der mit einem Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am 23. d. M. um 5 Uhr vormittags und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gendarmeriekommandant im Jemen sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yaus Selim, der hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.

Am 24. d. M. vormittags stattete ich dem Wali von Bitlis, Mustapha Abdul Khalik Bey, der bis zum März d. J. Mutessarrif von Soert war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich verliehenen Medjidieorden I. Klasse und brachte ihn so von selbst auf die Ereignisse am Anfang April d. J. zu sprechen. Wäre es den Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen. Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische Konsul Schilkow sandte dem Wali, als die Sachlage, zu ungunsten der Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert. Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate währende Besuch des Mullah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch starke Abteilungen von Militär und Gendarmerie bewacht, so daß ein Entkommen Mullah Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an, daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übeltäter nicht ausliefern, sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die Grenze geschafft wird. Der Wali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten, daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gendarmeriehauptmann Kjasim Bey am 22. d. M. im Gebiet der Karsankurden (Soert) überfallen, verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d. M., verläßt eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruchi Bey die Stadt, um die Karsankurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu befreien. Kjasim Bey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Wali den Überfall nicht als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.

Es verbleiben somit zurzeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind deshalb in Musch disloziert, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine bessere Ausbildung der Truppen gestatten. Bitlis ist zu sehr in einem Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit Jahren verfolgten Übeltäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern in der Muschebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht gestellt werden wird.

Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten Seyid Ali, hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurdenchefs einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim.

Juli.

7.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Therapia, den 24. Juli 1914.

Der Kaiserliche Vizekonsul Anders (Erzerum) berichtet auf seiner Informationsreise aus Wan unter dem 4. d. M.:

„Nachdem ich vom 1. bis 30. Juni die Hauptstädte der Wilajets Mamuret ul Asis, Bitlis und Wan besucht habe, konnte ich feststellen, daß die Zustände in diesen drei Wilajets denen in Erzerum sehr ähnlich sind. Wenngleich im Wilajet Erzerum die kurdische Frage nicht so akut ist wie in den drei oben genannten, so ist doch in allen vier Wilajets die Reformbedürftigkeit die gleiche. Auf der Informationsreise habe ich in Kharput, Musch, Bitlis und Wan persönliche Beziehungen angeknüpft, sodaß ich nun die Möglichkeit habe, von Erzerum aus die Vorgänge in den drei Nachbarwilajets zu verfolgen.

Die Postverbindung läßt allerdings noch viel zu wünschen übrig. Dagegen wird sich, wie mir der hiesige Wali Tahsin Bey versichert, die Verbindung zwischen Wan und Bitlis in allernächster Zeit sehr verbessern. Die Regierung hat außer dem vorhandenen (zurzeit wegen Gasolinmangels außer Betrieb gestellten) Motorboot noch zwei größere Dampfer bestellt. Statt der bisher nötigen drei Marschtage wird nun die Entfernung von Wan nach Bitlis nur noch acht Stunden benötigen, und zwar von Wan nach Tadwan fünf Stunden im Dampfboot und von Tadwan nach Bitlis auf einer recht guten ebenen Straße drei Stunden.

Einzig und allein dem Motorboot, welches Prähme mit einigen hundert Soldaten nach Tadwan schleppte, ist es nach Tahsin Beys Meinung zu verdanken, daß am 4. April d. J. rechtzeitig genügend Truppen in Bitlis den aufständischen Kurden gegenübergestellt werden konnten. Überhaupt konnte ich beobachten, daß die beiden Walis von Bitlis und Wan sehr Hand in Hand arbeiten, besonders was die Beobachtung und Bekämpfung russischer Einflüsse unter den Kurden betrifft.“

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

8.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Trapezunt, den 30. Juli 1914.

Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß in Kurdistan ein neuer Aufstand ausgebrochen ist. Bei der Entfernung und den schlechten Verbindungen sind nicht alle Einzelheiten bekannt. Indessen scheint die Bewegung diesmal in größerem Umfang eingesetzt zu haben. Das Zentrum liegt in Bitlis und der Hochburg des Kurdentums, Dersim. Es verlautet, daß ein türkischer Oberst und einige Gendarmen von den Kurden gefangen genommen und gehängt worden sind. Auch sollen die Aufständischen die Armenier dahin verständigt haben, daß diejenigen, welche flüchtigen Kurden keine Unterkunft gewährten, getötet werden würden.

Während der kurdischen Unruhen im Frühling dieses Jahres hatten die Kurden den Armeniern ihr Leben und Eigentum garantiert. Wenn sie jetzt ihnen gegenüber eine abweichende Haltung einnehmen, so deutet das wohl darauf hin, daß der Zweck der Bewegung ein anderer ist. Früher schien es nur darauf abgesehen, der Türkischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Diesmal beabsichtigt man vielleicht eine Intervention Rußlands zu veranlassen. Inwieweit der russische Rubel wieder die Bewegung entfacht hat, läßt sich von hier aus nicht ermitteln.

Vor einigen Tagen hat der hiesige russische Konsul sich plötzlich ins Innere begeben. Es verlautet, daß er die griechischen Klöster besucht. Der hiesige Metropolit ist ihm nach zwei Tagen gefolgt. Er wurde begleitet von einem Russen, der hier bereits eine Woche bei ihm wohnt und sich als Gelehrter ausgibt. Daß der russische Kollege in einem Zeitpunkt, wo die europäische Lage von hier aus sehr wenig geklärt erscheint, seinen für Rußland wichtigen Posten verläßt, um sich Tage weit in das Innere zu begeben, erscheint auffallend.

Dr. Bergfeld.

An Seine Exzellenz den Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

August.

9.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Therapia, den 11. August 1914.

Der Kaiserliche Vizekonsul Anders berichtet aus seinem Zeltlager am Wansee unterm 26. v. M.:

„Das Eintreffen des neu ernannten General-Inspekteurs in Ostanatolien, Oberst Hoff Bey[29], auf dessen Tätigkeit naturgemäß die hiesigen Armenier sehr große Hoffnungen setzen, wird hier in den nächsten Tagen erwartet. Seitens des hiesigen armenischen Episkopats ist gestern ein Komitee aus 14 Mitgliedern ernannt worden, welches Hoff Bey nicht nur bei seiner Ankunft im Namen der Gemeinde begrüßen, sondern auch ihn bei seiner späteren Tätigkeit inoffiziell unterstützen soll. Dieses Komitee ist aus Vertretern der hiesigen drei Parteien, der Daschnakzutiun, Hintschakian, Ramgawar und aus Kaufleuten und Notabeln zusammengesetzt. Über die Persönlichkeit der einzelnen Mitglieder machte mir mein hiesiger Gewährsmann nähere Angaben. Offiziell sind zu Hoff Beys Stabe ernannt:

  1. Heigasun Beygian als Beirat für Landwirtschaft, ca. 46 Jahre alt, bisher Direktor im Ackerbauministerium,
  2. Astik Effendi Gözubügian, bisher Zivilinspektor,
  3. Krikor Effendi Schahinjian, bisher Dragoman im Büro für öffentliche Sicherheit in Stambul,
  4. Mattheos Effendi Ebligajan, bisher Präsident des Bidajet Mehkeme (Gericht 1. Instanz) in Wan.

Ich habe, wo sich Gelegenheit dazu bot, die armenischen Kreise darauf aufmerksam gemacht, daß natürlich das Reformwerk einer Reihe von Jahren bedürfe und daß man nicht übertriebene Forderungen stellen dürfe. Jedenfalls könnten sie versichert sein, daß die Kaiserlich Deutsche Regierung im Verein mit den anderen Großmächten dafür sorgen würde, daß es dieses Mal wirklich zur Durchführung der Reformen komme.“

Herr Hoff selbst hat mir mittels Telegramm vom 6. d. M. sein Eintreffen in Erzerum mitgeteilt und hinzugefügt, daß er am Anfang der folgenden Woche direkt nach Wan weiterzureisen gedachte.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

10.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Therapia, 11. August 1914.

Urschriftlich

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.

Wangenheim.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Zeltlager am Wan-See, den 25. Juli 1914.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mit dem hier zur Feier des Nationalfestes anwesenden türkischen Konsulatsverweser in Urmia und dem mir vom Jahre 1906 her befreundeten Mutessarrif von Hakkiari, Djevdet Bey, einem Schwager Enver Paschas, über die Verhältnisse im persischen Grenzgebiete zu sprechen. Beide stimmten darin überein, daß in der Provinz Azerbeidjan und besonders im Distrikt von Urmia völlige Anarchie herrsche. Die persischen Beamten seien vollkommen machtlos und bäten oft selbst die starke russische Okkupationsarmee um Hilfe. In Urmia befinden sich allein 1000 russische Soldaten. Der in russischem Solde stehende berüchtigte Simko Bey[30], ein Gefolgsmann des Scheichs von Maku, sei auf russischen Einfluß hin persischer Grenzkommandant geworden. Was den Scheich von Maku betrifft, so soll derselbe nach Djevdets Aussage seit einiger Zeit seinen bisherigen Freunden, den Russen, Schwierigkeiten zu machen beginnen, da er einsieht, daß bald das Ende seiner Unabhängigkeit und seiner Macht gekommen sei. Djevdet Bey sagte mir, es sei unmöglich, das unbefugte Passieren der Grenze durch Räuber zu verhindern oder zu kontrollieren, da auf beiden Seiten keine ausreichend starke Gendarmerie vorhanden sei. Um jedoch den häufigen Diebstählen seitens persischer Banden auf dem Gebiet seines Sandjaks einen Riegel vorzuschieben, habe er aus eigener Initiative, ohne dazu gesetzlich befugt zu sein, die Kurdenchefs, in deren Gebiet Übergriffe vorkommen, für den entstandenen Schaden haftbar gemacht. Seit dieser Maßnahme seien die nächtlichen Viehdiebstähle seltener geworden, woraus evident hervorginge, daß bei den früheren Diebstählen die türkischen Kurden mit den Räubern unter einer Decke steckten. In den letzten Monaten herrsche verhältnismäßig Ruhe, nur Mitte d. M. hätten Leute des Simko ein Dorf, dessen männliche Bewohner auf der Feldarbeit waren, angegriffen, fünf Frauen getötet und das Vieh weggetrieben. Im Interesse der bei solchen Anlässen Geschädigten bedürfe das Gesetz einer Vereinfachung. Bei Anzeigen von Diebstählen ist die Regierung zunächst nur gehalten, die Täter zu strafen. Will der Geschädigte aber von der Regierung Zurückerstattung des geraubten Guts oder Schadensersatz, so muß er eine neue zeitraubende Eingabe machen. Inzwischen sind meist schon die Spuren des geraubten Viehs verwischt.

Was die Propaganda des jetzt in Täbris weilenden Abdul Rezak Bey[31] unter den türkischen Kurden betrifft, so meint Djevdet, daß vorläufig die Hinrichtung von 14 kurdischen Notabeln in Bitlis noch abschreckend wirke. Er habe jedoch geheime Agenten an verschiedenen Plätzen seines Amtsbezirks etabliert, die ihn jederzeit von dem Eintreffen und der Tätigkeit russischer Emissäre in Kenntnis setzten. Das Verhältnis des russischen Konsuls in Wan, Akimowitsch, zu dem Wali ist ein gutes, im Gegensatz zu den ziemlich gespannten russisch-türkischen Beziehungen im Wilajet Erzerum.

Sehr interessant waren Djevdet Beys Ausführungen über die Tendenzen der russischen Politik im Gebiet westlich des Urmia-Sees. Als im Jahre 1907 der Sultan Abdul Hamid die strategisch wichtigen Punkte im Lahidjan-Gebiet bei Peswe und Wesne militärisch besetzen ließ, habe Rußland energisch protestiert. Die gemischte Grenzkommission, der seinerzeit Djevdets Vater Tahir Pascha angehörte, habe kürzlich das bisher persische Gebiet von Kasr-i-Schirin mit seinen Ölquellen der Türkei zugesprochen, dafür aber werde man gewiß das Gebiet westlich des Urmia-Sees bei Saudj-Bulak und Lahidjan den Persern d. h. den Russen überantworten. Sehr bald würden dann die Russen eine Bahn von Täbris an das Nordostufer des Urmia-Sees bauen, einen regelmäßigen Dampferdienst auf dem Urmia-See einrichten und damit sich eine neue Einfallpforte auf Mesopotamien schaffen. Bisher stand ihnen nur der Weg von Igdir-Bayezid nach Musch und damit auf Diarbekr und Mardin offen. Die Hauptstadt Wan würden die Russen bei einer Invasion auf Musch links liegen lassen, und am Nordrand des Wan-Sees entlang marschieren, so daß infolge der Unpassierbarkeit der Gebirge am Südrand des Sees Wan sehr bald von jeglicher Zufuhr abgeschnitten sein würde. Dies sei wohl auch der Grund, weswegen im Frühjahr d. J. das Kommando der 11. Armeekorps von Wan nach Kharput verlegt worden sei.

Anders.

Oktober.

11.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 16. Oktober 1914.

Wie mir deutsche Missionarinnen aus Marasch erzählen, ist der bisher noch immer durchgesetzte aktive und passive Widerstand der Bewohner von Zeitun gegen die Einstellung der Dienstpflichtigen dieser armenischen Stadt in die Armee von türkischer Seite nunmehr gebrochen worden[32]. Ihr Anführer Nazar Tschausch, das Haupt der schon seit Monaten in den Bergen umherstreifenden Deserteure, der sich mit der Zeit zu einem Räuberhauptmann entwickelt hatte und wegen seiner Willkür von den Armeniern selbst als Plage empfunden wurde, ist etwa Anfang Oktober von den türkischen Truppen durch List und Wortbruch gefangen und in der grausamsten Weise zu Tode gemartert worden.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn v. Wangenheim.

29. Oktober: Eröffnung der türkisch-russischen Feindseligkeiten.

November.

1. November: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Rußland und der Türkei.

12.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Trapezunt, den 18. November 1914.

Gestern morgen erschien die russische Schwarze Meer-Flotte, bestehend aus zwei Panzerschiffen, fünf Kreuzern und einem Transportschiff, denen sich einige Torpedoboote zugesellten, auf der Reede von Trapezunt. Um 8 Uhr begann die Beschießung der Stadt, welche mit Unterbrechung etwa eine Stunde dauerte. Es wurden einige Schüsse aus schweren Geschützen (nach den gefundenen Geschoßteilen zu urteilen, etwa Kal. 20 cm) abgegeben, welche dem Kaiserlichen Konsulat, dem alten und dem neuen Telegraphenamt zugedacht waren. Der Rest der Schüsse wurde aus kleinem Kaliber abgegeben und galt in erster Linie der alten Feste Güsel Hissar und dem Hafen. Der von ihnen angerichtete Schaden ist unerheblich.

Der Zweck der Beschießung ist nicht recht klar. Ich möchte annehmen, daß die Russen auf einen Aufstand der armenischen und griechischen Bevölkerung gehofft und für diesen Fall eine Landung beabsichtigt hatten. Die Türken hatten sofort die Muhammedaner bewaffnet und das Ufer besetzt, auch zeigten sich sehr viel Patrouillen unter Führung von Polizisten in der Stadt. Die Muhammedaner haben die beste Disziplin gezeigt.

Gleich zu Beginn des Bombardements hatten einige Armenierinnen und Türkinnen mit ihren Kindern das Asylrecht des Kaiserlichen Konsulats in Anspruch genommen. Sie hatten völlig den Kopf verloren, weinten und drohten eine Panik heraufzubeschwören. Ich habe sie daher nebst meiner Familie und den in meinem Hause befindlichen deutschen Dienstboten in die Berge geschickt und ihnen dort Nachtquartier besorgen lassen, während ich selber auf dem Kaiserlichen Konsulat blieb.

Die von den Russen dem Kaiserlichen Konsulat gewidmete Aufmerksamkeit war wohl unfreundlich und das Gefühl, der Zielpunkt ihrer Geschosse zu sein, deren Sausen deutlich zu vernehmen war, nicht gerade angenehm, immerhin muß man dem Feind die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er nicht ziellos und aus reiner Zerstörungswut die Stadt beschossen hat.

Dr. Bergfeld.

S. E. dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Dezember.

13.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, am 29. Dezember 1914.

Aus Anlaß eines Berichtes des Kaiserlichen Konsuls in Adana über die der deutschen Sache ungünstige Stimmung unter der armenischen Bevölkerung jener Landesteile habe ich den hiesigen Patriarchen der gregorianischen Armenier über seine Auffassung der einschlägigen Verhältnisse sondieren lassen.

Wie aus den Mitteilungen des Herrn Dr. Büge hervorgeht, herrscht unter den Armeniern seines Amtsbezirkes allgemein die Befürchtung, daß im Falle eines deutschen Sieges die Existenz des armenischen Volkes auf türkischem Boden vernichtet sei; wenn aber die Türkei in die Hände der Engländer und Franzosen fiele, dann würden endlich die so schwer heimgesuchten Armenier Ruhe finden. Ich habe daher dem Patriarchen versichern lassen, daß die vor Beginn des Krieges eingeleitete Reformaktion für die ostanatolischen Landesteile zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sei, und daß ich nach Wiederherstellung des Friedens für die Wiederaufnahme des Reformwerkes eintreten würde, so wie seinerzeit die dahin zielenden Schritte der russischen Regierung von uns unterstützt worden seien.

Der Patriarch fand es selbstverständlich, daß infolge des herrschenden Kriegszustandes diese Angelegenheit zurückgestellt sei und vor Beendigung des Krieges nicht wieder in Fluß gebracht werden könne. Für den Augenblick beklagte er das Mißtrauen der türkischen Behörden gegenüber den Armeniern und speziell das Los der armenischen Distrikte in der Nähe des Kriegsschauplatzes, namentlich in der Umgegend von Erzerum. Die waffenfähigen Männer im Alter von 20–45 Jahren seien eingezogen, die übrigen würden zu Transporten und dergleichen Diensten verwendet, so daß die Dörfer den Übergriffen und Ausschreitungen marodierender Soldaten schutzlos preisgegeben seien. In den übrigen Provinzen mit armenischer Bevölkerung scheine Ruhe zu herrschen, doch lägen infolge der Unterbrechung der Korrespondenzen keine sicheren Nachrichten vor.

Im allgemeinen bemerkte der Patriarch, daß jeder einsichtige Armenier das Verbleiben der Armenier unter türkischer Herrschaft wünsche und den Gedanken eines Anschlusses der betreffenden Landesteile an einen fremden Staat zurückweise; allerdings sei es unbedingt notwendig, daß im Sinne der geplanten Reformen den Armeniern in Ostanatolien die Gleichheit vor dem Gesetze und Schutz von Leben und Eigentum gewährleistet werde.

Auf die Sympathien der Armenier für die eine oder die andere der mit uns im Kriege befindlichen Mächte übergehend, meinte der Patriarch, es sei begreiflich, daß im Grenzverkehr mit dem russischen Gebiete vielfach russische Sympathien eingeschleppt würden. Alljährlich im Frühling zögen Tausende von Armeniern nach Rußland, um dort zu arbeiten, und kehrten im Herbste mit ihren Ersparnissen in ihre türkische Heimat zurück; da würden dann wohl Vergleiche zwischen der Behandlung, die sie in der Fremde erfahren haben, und ihrer Lage in der Türkei gezogen; wie aber ihr Los sich gestalten würde, wenn sie unter russische Herrschaft geraten sollten, davon hätten sie keine richtige Vorstellung. Während der Armeniermassakres in Erzerum (im Jahre 1898) habe der russische Konsul Maximow nicht nur diejenigen Armenier, die im Konsulate Zuflucht suchten, abgewiesen, sondern auch den fanatischen Pöbel durch laute Zurufe zur Fortsetzung der Ausschreitungen angetrieben. Der Patriarch führte noch andere Einzelheiten an und fügte hinzu, daß das Eintreten Rußlands für Reformen in Türkisch-Armenien durch die Rücksichtnahme auf die armenische Bevölkerung im Kaukasus begründet gewesen sei.

Wenn Sympathien für Frankreich vorhanden seien, so sei das die Folge davon, daß in den armenischen Schulen von fremden Sprachen hauptsächlich Französisch gelehrt werde; die Kenntnis dieser Sprache bilde das Medium zur Einführung französischer Ideen und französischer Sympathien. Das Deutsche sei aus Mangel an geeigneten Lehrkräften bisher nur an wenigen Schulen in den Unterricht aufgenommen. Für Amerika seien ausgesprochene Sympathien vorhanden, obwohl die Proselytenmacherei der amerikanischen Missionare vielfach Anstoß errege. — Die ausgebreitete und segensreiche Tätigkeit der Kaiserswerther Diakonissen und anderer deutscher Vereine für die Armenier in der Türkei werden vom Patriarchen richtig gewürdigt.

Die vorstehenden Ausführungen des Patriarchen dürften im allgemeinen als zutreffend und auch als aufrichtig gemeint zu erachten sein. Soweit mir bekannt, gehört er selber, ebenso wie die Majorität des derzeitigen „Großen Conseils“ der armenischen Gemeinde, der gemäßigten Partei („Ramgavar“) an.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

14.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 30. Dezember 1914.

Der beifolgende Bericht über türkische Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung in der Umgegend von Erzerum bestätigt die Mitteilungen, die mir hierüber vom Armenischen Patriarchen zugegangen waren, und hat mich veranlaßt, die Zustände auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen und dringend zu raten, für die Abstellung solcher Vorkommnisse Sorge zu tragen. Allerdings meinte der Großwesir, daß diese Vorfälle nicht ganz ohne armenische Provokation entstanden seien; als Beleg hierfür führte er an, daß die Armenier in dem Kriege offen gegen die türkische Sache Partei nehmen, und erwähnte u. a., daß die bulgarischen Armenier Rußland eine Freiwilligentruppe zur Verfügung gestellt hätten[33].

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Erzerum, den 5. Dezember 1914.

Die armenische Bevölkerung des Wilajets Erzerum, insbesondere die Landbevölkerung, ist durch einige Vorgänge sehr beunruhigt, die von ihr als Vorboten neuer Massakres aufgefaßt werden.

In dem Dorfe Osni der Erzerumer Hochebene haben am 1. d. Mts. drei türkische Freischärler (Irreguläre) einen bei den Armeniern sehr angesehenen Priester besucht, bei demselben gegessen und geschlafen und ihn am nächsten Morgen gezwungen, sie bis an das Ende des Dorfes zu begleiten, wo sie ihn durch Flintenschüsse töteten.

In dem Dorfe Tewnik, ebenfalls in der Erzerumer Hochebene, hat eine Gruppe von 12 Freischärlern sämtliche Männer des Dorfes herausgetrieben, gefesselt und ein Lösegeld von 100 türkischen Pfund gefordert. Diese Summe konnte von dem Dorfe nicht aufgetrieben werden. Die Männer blieben gefangen. Einige Frauen dieses Dorfes sind weinend zum armenischen Bischof nach Erzerum gekommen und haben um Hilfe gebeten.

Auch von anderen Dörfern kommen ähnliche Berichte.

Der armenische Bischof von Erzerum hat sich an den Wali gewendet, der die Säuberung der Erzerumer Ebene von den Freischärlern versprach.

Diese Mitteilungen stammen von angesehener armenischer Seite.

Die armenische Bevölkerung behauptet, daß es sich um eine von der türkischen Partei „Ittihad“[34] angezettelte Bewegung handle.

Tatsache ist, daß die türkischen Offiziere auf die Armenier nicht gut zu sprechen sind und ihnen vorwerfen, sie wären russenfreundlich und hätten das Eindringen russischer Truppen in türkisches Gebiet erleichtert. Auch bei der türkischen Bevölkerung scheint, wie aus mancherlei Symptomen zu ersehen, der alte Haß gegen die Armenier neu aufzulodern.

Schwarz.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.