1915
Februar.
15.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 2. Februar 1915.
Laut Artikel 5 des mit dem Generalinspektor Hoff Bey geschlossenen Vertrages hat die Türkische Regierung das Recht, den Vertrag vor seinem Ablauf zu kündigen. Eine entsprechende Klausel enthält der Vertrag mit dem Sekretär Blehr.
Die in Kristiania akkredierte türkische Gesandtschaft ist angewiesen worden, die Verträge mit den genannten Herren in aller Form zu kündigen.
Entsprechend ist gegenüber dem holländischen Reformer Westenenk verfahren worden[35].
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Maßnahme der türkischen Regierung in der armenischen Bevölkerung starke Erregung hervorrufen wird; denn sie wird als ein Zeichen dafür ausgelegt werden müssen, daß die Pforte nicht gewillt ist, den Weg der armenischen Reformen fortzusetzen. Zwar wird dies auf der Pforte nicht offen zugegeben, sondern in vagen Wendungen auf die Möglichkeit hingewiesen, die beiden Reformer nach Beendigung des Krieges wieder anzustellen; doch ist dies nicht mehr als eine façon de parler, die nicht ernst genommen werden darf.
Als ich zu Talaat Bey Bedenken äußerte, ob ein derartiger Entschluß günstig sei, erwiderte er: „C’est le seul moment propice!“ Ich bin bei den Türken durchweg der Auffassung begegnet, daß im Falle des Unterliegens der Türkei die armenische Bevölkerung sich unbedingt auf die Seite des Siegers schlagen würde, und daß alle Zugeständnisse in der Reformfrage daran nichts zu ändern vermögen. Die Pforte sei es daher überdrüssig, dem armenischen Elemente eine Vorzugsbehandlung vor den übrigen Volksteilen der Türkei zuteil werden zu lassen.
Die erwähnte Maßregel kennzeichnet sich somit als ein neues Glied in jener Kette von Regierungsakten, durch welche die Türkei neuerdings ihr unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht auf allen Gebieten ihres Staatslebens selbstbewußt zum Ausdruck bringt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler,
Herrn von Bethmann Hollweg.
16.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 22. Februar 1915.
Unter dem Eindruck, den mein Besuch beim griechischen Patriarchen am 2. d. Mts. auch in weiteren Kreisen hier gemacht hat, hatte der armenische Patriarch den Wunsch geäußert, seinerseits eine Zusammenkunft mit mir zu haben.
Bei dem Besuche, den er mir infolgedessen am 20. d. Mts. abstattete, sprach er zunächst seinen Dank für unsere wohlwollende Politik in der armenischen Reformenfrage aus; auch bat er mich, speziell die armenische Bevölkerung in den vom Kriege heimgesuchten Grenzprovinzen dem Schutze der dort befindlichen deutschen Militärs und Konsuln zu empfehlen. Im übrigen bezeichnete er die Lage der Armenier in jenen Gegenden als „verhältnismäßig befriedigend“.
Ich konnte dem Patriarchen nur wiederholen, daß wir uns nach wie vor um die Verbesserung der Lage der türkischen Armenier bemühten, und daß die längere Friedensperiode, die nach Beendigung des Krieges zu erwarten stünde, uns Gelegenheit bieten würde, unsren moralischen und politischen Einfluß weiter in diesem Sinne geltend zu machen; daß der Krieg allen Teilen der Bevölkerung große Opfer auferlege, und gelegentliche Härten nicht zu vermeiden seien, namentlich im eigentlichen Kriegsgebiete, daß aber die deutschen Beamten, soweit angängig, sich der Armenier annehmen würden und ich mir selber vorbehielte, den einen oder den anderen Punkt auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
März.
17.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 3. März 1915.
Ankunft in Pera, den 3. März 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus dem Wilajet Bitlis[36] wird von Aufstandsbewegungen der Armenier und bewaffnetem Vorgehen derselben gegen Militär und Gendarmen berichtet. In Kaisarié sollen bei Haussuchung Bomben und Chiffrebücher gefunden worden sein. Man führt diese Bewegungen auf aufreizende Agitation feindlicher Mächte zurück. Militärbehörden haben scharfe Maßregeln angeordnet, auch dürfen Armenier nicht zum Dienst mit der Waffe zugelassen werden.
Scheubner.
18.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Alexandrette, den 7. März 1915.
In den letzten Tagen haben bei sämtlichen hiesigen Rajahs — Armeniern, Syrern, Griechen — auf höheren Befehl (dem Vernehmen nach aus Konstantinopel) Haussuchungen stattgefunden. In einer Anzahl von Häusern wurden Papiere beschlagnahmt, anscheinend nur deswegen, weil sie fremdsprachlich waren. Dasselbe Schicksal hatten Bücher, besonders englische. Eine Verhaftung ist auf Grund des Ergebnisses bisher nicht erfolgt. Soweit ich den Charakter und die Tätigkeit der hiesigen kleinen Bevölkerung bisher kennen gelernt habe, glaube ich auch nicht, daß diese sich landesverräterisch betätigt. Aus diesem Grunde erregte die Maßregel auch bei den nicht betroffenen hiesigen fremden Staatsangehörigen Kopfschütteln. Durchgeführt wurde sie übrigens in verbindlichen Formen.
Die Maßnahme hängt, wie ich von militärischer Seite höre, mit dem Mißtrauen zusammen, das in Regierungskreisen neuerdings gegen die christlichen, besonders die armenischen Bevölkerungsbestandteile Syriens und Ciliciens — wohl auch anderwärts — wieder stärker geworden ist und das hier und in der benachbarten Gegend durch kleine Vorkommnisse genährt worden ist. So haben sich z. B. unter den Gendarmen, die, wie gemeldet, bei zwei Landungen des Kreuzers „Doris“ in englische Gefangenschaft gerieten, Armenier befunden. Das eine Mal soll der armenische Unteroffizier der sieben Mann starken (mit nicht funktionierenden Martinis ausgerüsteten) Besatzung eines kleinen (ohne rückwärtigen Ausgang angelegten) Schützengrabens das Zeichen der Ergebung mit dem Taschentuch gegeben haben. So naheliegend es ist, dieses Verhalten aus dem Mangel soldatischer Eigenschaften zu erklären, sahen die hiesigen Militärbehörden darin Verrat. Der gemeine Mann wird diesen Eindruck erst recht gehabt haben. Die Folge dieser beiden Vorfälle war denn auch eine panikartige Stimmung unter den hiesigen Armeniern.
Diese hat sich verschärft durch das Vorgehen der Militärbehörden in dem 30 km von hier gelegenen, zum Wilajet Adana gehörigen Flecken Dörtjol. Was dort eigentlich geschehen ist, habe ich des näheren noch nicht feststellen können[37]. Nach Angabe der hiesigen Militärbehörde handelt es sich um eine Razzia, die vor einer Woche dort als einem bekannten Zufluchtsort für Deserteure, Räuber und Unruhestifter vorgenommen wurde. Nach anderen Angaben sollen sämtliche arbeitsfähigen Leute zwangsweise zum Wegebau nach Osmanije abgeführt worden sein. Tatsache ist, daß der Ort militärisch eingeschlossen und der Eintritt sowie das Verlassen nur gegen militärischen Passierschein erlaubt ist.
Hoffmann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
19.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat
Adana, den 13. März 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich, in der Anlage eine von meinem Gewährsmann verfaßte Darstellung der Umtriebe in Dörtjol gehorsamst zu überreichen.
Irgend welche Haftung für die Zuverlässigkeit des Berichtes vermag ich nicht zu übernehmen, glaube aber, daß die Sache im ganzen zutreffend geschildert ist.
Büge.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
Anlage.
Die Unruhen in Dörtjol.
Die Gegend von Dörtjol ist mit wenigen Ausnahmen von Armeniern bewohnt und ist von türkischen Wohnstätten umgeben. Die Bevölkerung lebt ausschließlich von Orangenkultur und hat in diesem Jahre wegen des allgemeinen Krieges das einzige Produkt ihrer Arbeit nicht an den Markt bringen können. Während der Mobilmachung hatten die Bewohner von Dörtjol entweder dienen oder „Bedel“[38] zahlen müssen. Wegen des allgemeinen Geldmangels haben sich die Leute nicht helfen können und haben viele von ihnen, anstatt der militärischen Einladung Folge zu leisten, desertiert. Manche von den Deserteuren haben das Weite gesucht, aber auch viele sind an ihrem Wohnort geblieben.
Dieser Umstand und das Mißtrauen der in der Umgebung wohnenden Türken den Armeniern gegenüber haben die Aufmerksamkeit der Regierung auf dieselben gelenkt, um so mehr, weil die Bewohner von Dörtjol sich während der letzten Massaker[39] gegen die Türken verteidigt haben.
Nach der Beschießung der türkischen Häfen seitens der englischen Kriegsschiffe sind öfters Engländer ungestört auf das Land gekommen, haben sich nach Dörtjol zu den Armeniern begeben und haben dort Einkäufe gemacht. Aus Gewinnsucht haben manche Armenier mit den Engländern Geschäftsverkehr gehabt, zur Unzufriedenheit Anderer, welche merkten, daß die Regierung alles beobachtete und einmal für das Vorgehen einzelner Personen alle verantwortlich machen werde.
Vor einigen Wochen begibt sich ein früherer Deserteur namens Saldschian, der seine Erziehung bei den hiesigen Jesuiten genossen hat und an der armenischen Schule als Lehrer der französischen Sprache angestellt war, nach Dörtjol. Seit zwei Jahren befindet er sich in Cypern und ist jetzt wahrscheinlich in den englischen Dienst eingetreten. Er geht in Begleitung eines Armeniers aus Alexandrette nach Dörtjol und bleibt dort 6–7 Tage. Man kann fast bestimmt sagen, daß er die Bewohner für den fremden Dienst zu gewinnen versucht hat. In welchem Maße es gelungen ist, kann man nicht feststellen, und einige Kaufleute behaupten, daß die Mission Saldschians privater Natur sei und mit der Allgemeinheit nichts zu tun habe. Die Notabeln der Ortschaft haben von dem ganzen Vorgang keine Kenntnis gehabt, und manche sind nicht einmal dort gewesen.
Saldschian hat sich Ausweispapiere angeschafft und sich als Kaufmann vorgestellt. Sogar die Polizei hat von seiner Anwesenheit Kenntnis gehabt. Nach der Rückkehr Saldschians auf das englische Kriegsschiff wird die Polizei durch reinen Zufall auf den falschen Kaufmann aufmerksam und hat nur den Begleiter festnehmen können.
Wenige Tage nachher begibt sich wieder ein Armenier namens Köschkerian aus der Ortschaft Odschakli vom Kriegsschiff auf das Land. Dieser befand sich, nachdem seine Frau während der Massaker seitens der Türken ermordet war, im Ausland. Dieser soll auch einen Betrag von 40 Ltq. mit sich geführt haben.
Aus allen Vorgängen und Erscheinungen kann man nicht den Schluß ziehen, daß die Armenier irgendeine Organisation zwecks Verschwörung oder Revolution gehabt haben. Aber sicher ist es schon, daß das Erscheinen der Kriegsschiffe und das aggressive Vorgehen derselben seitens der Mehrzahl der gesamten christlichen Bevölkerung im allgemeinen und speziell von den Armeniern mit Freude begrüßt wurden, und wenn es einmal den Engländern oder Franzosen gelingt, auf das Land zu kommen, dann werden sie von allen Christen mit Jubel empfangen werden.
Auf das dringende Verlangen der türkischen Bevölkerung der benachbarten Wohnstätten um die Wegschaffung der Armenier aus Dörtjol zwecks Vermeidung irgendeiner Eventualität, sowie wegen Festnahme der Deserteure hat die Regierung alle Bewohner männlichen Geschlechts in einer Nacht festgenommen und aus der Gegend entfernt. Man hat sie unter strenger Aufsicht nach Aleppo geschickt und verwendet sie für Straßenbau. Während der Festnahme haben die Armenier volle Ergebenheit gezeigt und haben sich gegen die Regierung gar nicht gewehrt. Nur drei Leute sind bei der Flucht erschossen worden. Auch diese sollen von Waffen keinen Gebrauch gemacht haben.
Adana, den 12. März 1915.
20.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 26. März 1915.
Unter dem 12. d. Mts. hatte der Kaiserliche Konsul in Aleppo gemeldet, daß in Zeitun, dem aus früherer Zeit bekannten armenischen Wetterwinkel, eine Revolte ausgebrochen wäre, deren Umfang noch unbekannt sei. Trotz Warnung des Wali hätte der Militärkommandant dort keine Truppen gelassen. Der darüber befragte Konsul in Adana berichtete, daß von einem vorbereiteten Aufstand der Armenier keine Rede sei und es sich wahrscheinlich nur um einzelne Ausschreitungen aus Anlaß der Rekrutierung handele. Der hiesige armenische Patriarch bestätigt diese Darstellung und fügt namentlich hinzu, daß die Regierung vor einiger Zeit den Einwohnern von Zeitun sämtliche Waffen abgenommen habe.
Nunmehr telegraphiert Konsul Rößler von gestern:
„In Zeitun hatten armenische Deserteure, die verhaftet werden sollten, einige türkische Gendarmen erschossen; daraufhin hat die muhammedanische Bevölkerung von Marasch offenbar geplant, Metzeleien zu veranstalten, ist aber auf die Ankündigung der Einsetzung eines Kriegsgerichtes ruhig geblieben. Ein deutscher Missionsbruder aus Marasch ist als Unterhändler nach Zeitun gesandt. Wenn die Einwohner die Rädelsführer nicht herausgeben, so soll militärisch vorgegangen werden. In diesem Falle mag es schwer sein, die niedrige muhammedanische Bevölkerung von Marasch im Zaume zu halten. Bitte strengste Befehle zur Verhütung von Ausschreitungen erwirken. Die armenische Bevölkerung von Marasch ist völlig friedlich. Die Mission, in der acht Schwestern sind, hat eine Schwester an mich abgeschickt, mich zu bitten, zum Schutz der Deutschen nach Marasch zu kommen. Ich erbitte Erlaubnis zur Abreise.“
Ich habe hier die nötigen Schritte getan und den Kaiserlichen Konsul zur Reise nach Marasch ermächtigt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
21.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 29. März 1915.
Die letzten Nachrichten, die der Pforte in diesen Tagen aus Zeitun zugegangen sind, bestätigen die Auffassung des Kaiserlichen Konsuls zu Aleppo vom Ernst der dortigen Lage.
Über die einzelnen Vorfälle, die die Regierung nunmehr zum militärischen Einschreiten veranlaßt haben, machte der Minister des Innern folgende Angaben:
Armenische Deserteure, die sich durch die Flucht der Dienstpflicht entzogen hatten, unternahmen kürzlich einen Angriff auf das Gefängnis in Zeitun, um einige armenische Gefangene zu befreien; es kam zu einem blutigen Zusammenstoß, bei dem mehrere Gendarmen von der Wachmannschaft und auch einige Armenier, die sich den Angreifern entgegenstellten, verwundet und getötet wurden. Gendarmen, die in den Häusern nach Fahnenflüchtigen suchten, wurden mit scharfen Schüssen und Steinwürfen empfangen; hierbei sollen ein oder mehrere Gendarmen den Tod gefunden haben. Das Gros der Deserteure sammelte sich alsdann in einem Kloster bei Zeitun, wo sie von den türkischen Gendarmen angegriffen wurden: letztere verloren 7–8 Tote, unter denen sich auch der Gendarmeriekommandant von Marasch, Suleiman Bey, befand, und 20 Verwundete. Den Armeniern gelang es unter Zurücklassung von einigen 20–30 Toten, denen sie zum Teil die Köpfe abschnitten, zu entfliehen.
Es ergibt sich daraus, daß die renitenten Armenier, trotz der vor einiger Zeit angeordneten Entwaffnung der Bevölkerung von Zeitun, über Waffen verfügen und die Ursache dieser Kämpfe im Widerstande gegen die Konskription zu suchen ist. Der Minister glaubt, daß außerdem fremde Agitatoren ihre Hand im Spiele haben[40]; im übrigen versichert er, daß Besorgnisse wegen Ausschreitungen in den an Zeitun angrenzenden Distrikten unbegründet seien.
Der armenische Patriarch versucht, die Tragweite der Vorgänge in Zeitun und anderwärts abzuschwächen und stellt namentlich das Vorhandensein einer organisierten Aufstandsbewegung in Abrede; er sowohl, wie die ihm nahestehenden armenischen Kreise betonen, daß die türkischen Armenier ernstlich bestrebt seien, sich korrekt und loyal zu verhalten.
Die letzteren Behauptungen scheinen zuzutreffen; es ist indes nicht zu verkennen, daß das gegenseitige Mißtrauen zwischen Armeniern und Türken in den letzten Zeiten zugenommen hat. Als charakteristisches Symptom hierfür wird angeführt, daß seit einigen Wochen die armenischen Dienstpflichtigen, sowohl gediente Mannschaften wie Rekruten, nicht mehr zum Dienste mit der Waffe, sondern zu Wegebauten und dergleichen Diensten verwendet werden.
Wangenheim.
Seine Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
22.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Marasch, den 31. März 1915.
Ankunft in Pera, den 31. März 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Kampf bei Zeitun ging um ein isoliert liegendes, von Deserteuren zum Aufenthalt genommenes Kloster. Es wurde umstellt, Deserteure brachen aber durch und flüchteten ins Gebirge. Gesamtzahl etwa 150 Mann. Einige gefallen, einige verwundet und gefangen. Kloster mit Artillerie zusammengeschossen. Kämpfe gegen Stadt Zeitun nicht mehr bevorstehend.
Regierung hat alle aufgefordert, sich zu stellen, die ihrer Dienstpflicht nicht genügt haben. 125 aus Zeitun, 450 aus Marasch haben sich gestellt. Belagerungszustand Marasch verhängt, auch Sitz des Kriegsgerichts hier. Verlassen Häuser nach 6 Uhr abends verboten. Haussuchung nach Waffen streng bei Christen, weniger bei Muselmanen. Aufregung läßt seit Sonnabend etwas nach.
Rößler.
April.
23.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Marasch, den 1. April 1915.
Ankunft in Pera, den 1. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Djemal Pascha hat Mittwoch Befehl bekannt geben lassen, niemand solle sich in Regierungsangelegenheiten mischen. Ein Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt.
Rößler.
24.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 3. April 1915.
Über die Kämpfe bei Zeitun meldet Konsul Rößler unter dem 31. v. Mts., daß es sich dabei um ein isoliertes Kloster handelte, in dem armenische Fahnenflüchtige sich aufhielten. Das Kloster wurde umzingelt, die Armenier aber brachen durch und flüchteten, etwa 150 Mann stark, in die Berge. Einige von ihnen fielen, andere wurden verwundet oder gefangen genommen. Das Kloster wurde mit Artillerie zusammengeschossen.
Kämpfe gegen die Stadt Zeitun selber scheinen nicht bevorzustehen.
Auf die von den Behörden erlassene Aufforderung haben sich in Zeitun 125 und in Marasch 450 Dienstpflichtige gestellt, die sich bisher der Dienstpflicht entzogen hatten.
In Marasch selber ist ein Kriegsgericht eingesetzt und der Belagerungszustand verhängt worden. Es haben Haussuchungen nach Waffen stattgefunden, namentlich bei den Christen, und das Verlassen der Häuser nach Sonnenuntergang ist verboten. Doch hat sich die Aufregung gelegt.
In einem weiteren Telegramm vom 1. d. Mts. fügt Konsul Rößler hinzu, daß Djemal Pascha habe bekannt machen lassen: jeder Muhammedaner, der einen Armenier angreife, werde vor das Kriegsgericht gestellt werden; niemand habe sich in die Regierungsangelegenheiten zu mischen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
25.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 12. April 1915.
Die Unruhen, welche in Zeitun ausgebrochen sind, haben die Frage nahegelegt, ob sie von auswärts angezettelt seien. Keinerlei derartige Spuren aber habe ich während meiner Dienstreise nach Marasch vom 28. März bis 10. April entdecken können. Der Vorsitzende des Kriegsgerichts hat allerdings behauptet, fremder Einfluß sei vorhanden, hat mir aber keine Angaben darüber gemacht. Die an Ort und Stelle vorhandenen, aus den inneren Leiden der Türkei stammenden Keime genügen vielmehr vollkommen, die Unruhen zu erklären.
In der Nähe von Zeitun hatte sich ein Räuberunwesen unter den Armeniern unter einem gewissen Nazareth Tschausch entwickelt[41]. Im Oktober v. Js. ist der Mutessarrif Haidar Pascha von Marasch dagegen vorgegangen. Er versprach den Bewohnern von Zeitun auf sein Wort, daß er denen, die ihm die Räuber auslieferten, nichts tun würde und erreichte damit tatsächlich die Auslieferung. Anstatt aber ein Gerichtsverfahren zu eröffnen und die Schuldigen hinzurichten, ließ er Nazareth Tschausch im Gefängnis zu Tode prügeln (vgl. Bericht vom 16. Oktober v. Js). 30 der mit ihm Gefangenen ließ er nach Osmaniyé ins Gefängnis bringen, wo sie noch heute ohne Urteil sitzen, andere hat er laufen lassen, um nicht gleichzeitig gefangene muhammedanische Räuber strafen zu müssen. Dagegen hat er entgegen seiner feierlichen Zusage diejenigen Leute verhaften lassen, die ihm zur Ergreifung der Räuber führende Angaben gemacht hatten.
Mit Kriegsausbruch wurde von General Fakhri Pascha entgegen dem Rat des Wali Djelal Bey von Aleppo die in Zeitun liegende Kompagnie Soldaten fortgenommen und durch Gendarmen ersetzt und zwar durch muhammedanische Gendarmen aus Marasch, die zum Teil die persönlichen Feinde der Bewohner von Zeitun waren. Ihnen waren die letzteren ausgeliefert.
Zeitun ist eine ausschließlich christliche Stadt. Mehrfach wurden die Männer mißhandelt und die Frauen belästigt unter stillschweigender Duldung und Begünstigung durch den Gendarmeriehauptmann und den Kaimakam. Die gedrückte Bevölkerung von Zeitun wandte sich an den Mutessarrif von Marasch mit der Bitte, die beiden Beamten abzurufen. Haidar Pascha war im November auf Vorschlag des Wali durch den Mutessarrif Mumtaz Bey ersetzt worden, der als unparteiisch und besonnen gilt und bestrebt war, sich ein richtiges Bild von der Lage zu machen. Er verlangte Beweise für die Schuld der beiden Beamten. Beweise aber können die Bewohner nicht wagen gegen einen Beamten vorzubringen. Jeder Zeuge müßte früher oder später unnachsichtlich dafür büßen. So haben denn die Gendarmen weiter gehaust und eine erbitterte Stimmung geschaffen.
Noch aus einer anderen Quelle wurde die Unruhe gespeist. Von den armenischen Soldaten in Marasch, die schlecht genährt und, soweit sie Zeitunlis waren, gequält und schlecht behandelt wurden, war ein Teil desertiert. Aus Gründen, die mit dem hiesigen Bezirk nichts zu tun haben, nahm die Regierung etwa Anfang März den christlichen Soldaten Uniform und Waffen. Da dies von den unwissenden Mannschaften als Vorspiel zu weiteren, schwereren Maßnahmen gegen die Christen betrachtet wurde, so desertierten weitere christliche Soldaten und vereinigten sich mit den in der Nähe von Zeitun hausenden Räubern. Als Gendarmen ausgesandt wurden, sie zu fangen, setzten sie sich zur Wehr und erschossen 6 von ihnen etwa am 9. März. Auch einen muhammedanischen Maultiertreiber, der nach Zeitun ging, haben sie ermordet. Die Bevölkerung von Zeitun, fürchtend, daß die Räuber auch Überfälle auf die Stadt ausführen könnten, baten um Schutz, der auch gewährt wurde. Als in den verschiedenen Stadtvierteln Gendarmeriepatrouillen gingen, wurde in dem Stadtviertel Yeni Dunya, in welchem Nazareth Tschausch seinerzeit seine Wohnung gehabt hatte, aus einem Hause heraus auf eine Patrouille geschossen. Anstatt aber dieses Haus zu umstellen und die Schuldigen zu fassen, zog es der Gendarmeriehauptmann, der vorher die Bevölkerung bedrückt hatte, vor, sich nicht mehr in die Stadt zu begeben, sondern in der Kaserne oberhalb der Stadt zu bleiben. Hierauf breitete sich die Bewegung aus. Die Räuber und Deserteure verschanzten sich in einem außerhalb der Stadt gelegenen als Wallfahrtsort dienenden ehemaligen Kloster (Tekke). Versuche, ihre Auslieferung durch die Stadtbewohner zu verlangen, scheiterten, weil die Leute kein Vertrauen mehr zu Regierungsversprechungen hatten. Hier rächte sich, daß Haidar Pascha im Oktober sein Wort gebrochen und die Ausliefernden bestraft hatte. Das Anerbieten des Missionars Blank vom Deutschen Hülfsbund in Marasch, sich nach Zeitun zu begeben und einen Versuch zur gütlichen Übergabe zu machen, wurde vom Mutessarrif Mumtaz Bey verständigerweise angenommen. Blank ging am 23. März nach Zeitun, doch scheiterten seine Bemühungen daran, daß die Verschanzten niemanden mehr an das Kloster heranließen, sondern den von Blank abgeschickten Eingeborenen mit der Waffe bedrohten, sobald von Auslieferung die Rede war. Sie erklärten, sterben müßten sie doch. Sie wollten es lieber mit der Waffe in der Hand, als sich der Regierung ausliefern. Daraufhin ließ der Platzkommandant von Zeitun das Kloster umstellen, aber mit ungenügender Truppenzahl. Wäre er militärisch richtig vorgegangen, so hätte er die ganze Räubergesellschaft gehabt. Er hätte nur Ankunft von Artillerie abzuwarten oder die Räuber auszuhungern brauchen. Statt dessen aber ließ er einen Angriff machen, wobei der Gendarmeriemajor aus Marasch auf das Haupttor des Klosters losritt und nebst einigen Soldaten erschossen wurde. Die Räuber, deren Zahl vielleicht 150 gewesen sein mag, brachen unter Verlust einer Anzahl Toter und Verwundeter, die den Truppen in die Hände fielen, durch, gewannen die Stadt und von dort aus die Berge. Erwähnenswert ist, daß sie zweien ihrer Toten die Köpfe abgeschnitten haben, offenbar um ihre Identifizierung durch die Türken unmöglich zu machen. Das Kloster wurde nachträglich mit Artillerie zusammengeschossen. Die Ergreifung der Räuber in den Bergen wird schwierig sein. Mumtaz Bey, der inzwischen nach Zeitun geeilt war, setzte nunmehr den Gendarmeriehauptmann ab, weil er nach Beschießung der Patrouille nicht die richtigen Maßregeln ergriffen hatte und den Kaimakam, weil er sich noch nach Ankunft des Mutessarrif weigerte, von der Kaserne herab zur Erfüllung seiner Pflichten in die Stadt zu gehen.
Die Ereignisse von Zeitun gewinnen stets dadurch eine größere Bedeutung, daß sie eine Rückwirkung auf Marasch als die nächstgelegene größere Stadt ausüben. Diese zählt schätzungsweise 50–60000 Einwohner, von denen 36000 Moslims und 24000 Christen sein mögen. Sie leben zum Teil von Industrie und Handel, zum großen Teil aber von landwirtschaftlicher Tätigkeit, Weinbau (Gewinnung von Rosinen und Bereitung von Traubenhonig), Reisbau, Baumwolle, Seidenzucht u. a. Obwohl der Boden fruchtbar ist und reichlich Wasser vorhanden, so daß vielfach auch das Getreide bewässert werden kann, ist die Bevölkerung doch arm und gegenwärtig großenteils dem äußersten Elend nahe, teils infolge der dauernden politischen Unruhen, teils infolge der überaus mangelhaften Verkehrsverhältnisse. Die Bevölkerung ist friedlich und denkt nicht an Auflehnung gegen die Regierung. Die Wirkung der Mobilmachung, weitgehende Requisitionen haben stark auf sie gedrückt und u. a. die Beförderungsmittel äußerst knapp gemacht. Der Wagen, mit dem ich aus Aleppo ankam, war der einzige in der ganzen Stadt. Im ganzen sind bis Ende März 2000 Pferde und Maultiere requiriert worden. Am 5. April wurden 500 Esel verlangt. Christliche Maultiertreiber sind gezwungen worden, 4 Wochen lang hintereinander für militärische Zwecke unentgeltlich zu arbeiten, ohne Lohn und ohne Requisitionsschein (während man muhammedanische nach ein paar Tagen laufen ließ). Waren sie dann mit einem Schein entlassen, daß sie ihrer Pflicht genügt hätten, so wurden sie in manchen Fällen trotzdem an anderer Stelle wieder aufgegriffen. — Die Lage war bereits sehr gedrückt, als die Zeitunereignisse kamen. Jetzt wurden auch der armenischen Zivilbevölkerung die Waffen weggenommen, und zwar mit Vorliebe durch nächtliche Haussuchungen. Soldaten schlugen die Christen, Frauen wurden unter dem Vorwande, daß sie nach Waffen durchsucht werden müßten, belästigt, Kinder wurden mit Steinen geworfen. Das Gerücht wurde ausgestreut, die christlichen Soldaten hätten ihren muhammedanischen Kameraden das Brot vergiftet; muhammedanische Frauen drohten offen, es würden wieder Metzeleien vorkommen: ein Muhammedaner bot einem christlichen Freunde sein Haus zum Schutz an. Einflußreiche Muslims beschlossen, ein Telegramm an die Zentralregierung zu schicken, daß die Armenier die Moscheen besetzt hätten. So töricht diese aufreizende Beschuldigung ist, so entspricht sie doch dem niedrigen Bildungsstande der dortigen Muhammedaner. Das Telegramm wurde erst dem Mutessarrif nach Zeitun mitgeteilt, der die Absendung verhinderte und dem Kriegsgericht Anzeige erstattete, das aber gegen die Urheber nichts getan hat. — Während den Armeniern die Waffen abgenommen wurden, hatten die Muslims Gelegenheit, sich Pulver und Schrot zu kaufen. Die Bewohner des Dorfes Tekerek in der Nähe von Marasch schickten Nachricht dorthin, entweder sie müßten zum Islam übertreten, oder sie würden ihr Leben verlieren. Kurzum die ganze Sachlage erschien der deutschen Mission in Marasch derart, daß bei einer weiteren Zuspitzung der Verhältnisse, insbesondere wenn die Kämpfe in Zeitun angedauert hätten und noch weiteres Blut muhammedanischer Soldaten geflossen wäre, zweifelhaft war, ob es der Regierung gelingen würde, das Volk in Marasch im Zaum zu halten, auch zweifelhaft, welche Strömung bei den Ortsbehörden die Oberhand behalten würde, die besonnene des Mutessarrifs oder eine schärfere, der einige Notable zugehören. Da brieflicher Verkehr starker Zensur unterworfen war, nicht nur auf der Post, sondern auch der durch Boten vermittelte, und ein vor 4–5 Wochen an mich abgeschickter Brief der Mission nicht angekommen war, so entschloß sich der Hülfsbund, eine der Schwestern von Marasch nach Aleppo abzusenden, um mich um einen Besuch zu bitten. Diese überbrachte auch einen Brief der Schulleiterin Helene Stockmann, aus dem hervorgehoben zu werden verdient, in welcher unmenschlichen Weise die Prügelstrafe gehandhabt wird. Die amerikanische Mission sprach ihrem Konsul in Aleppo gleichfalls die Bitte um einen Besuch aus. Einen Brief des Dr. Shepard in Aintab darüber beehre ich mich in Abschrift beizufügen. — Allgemein wurde von dem Besuch eines Konsuls sehr viel erwartet, von der Bevölkerung wie von der Mission. In den abgelegenen Gegenden des Innern, zu denen auch Marasch gezählt werden muß, macht ein solcher noch besonderen Eindruck, auch auf die Behörden. Bereits seine Ankündigung, die ich in einem alsbald bekannt gewordenen türkischen Telegramm vom 27. März an den Mutessarrif vorgenommen hatte, hatte beruhigend und mäßigend gewirkt. Offenbar hat er auch weiter zur Beruhigung der Bevölkerung beigetragen und wohl auch Eindruck auf das Militär gemacht. Seit meiner Ankunft sind nicht mehr Leute auf der Straße geschlagen worden. Ich beehre mich, über die Wirkung einen Brief der amerikanischen Mission vom 31. v. Mts. beizulegen. Die gesamte armenische Bevölkerung von Marasch ist für den Besuch sehr dankbar gewesen und hat ihn allgemein als Erleichterung der Lage empfunden. — Erst am 31. März wurde der in der Anlage gehorsamst beigefügte Befehl von Djemal Pascha, der die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt, bekannt gegeben. Er hat übrigens nicht zu verhindern vermocht, daß noch am 3. April ein vereinzelt in einem muhammedanischen Stadtviertel lebender Armenier zwangsweise zum Islam bekehrt worden ist, nachdem ihm eine Patrouille mit dem Kolben die Tür eingeschlagen hatte.
Inzwischen nimmt die Entwicklung der Zeitunangelegenheit ihren weiteren Verlauf, ohne bisher beendet zu sein. — Die Regierung hat verlangt, daß sich alle Deserteure stellen. — 450 aus Marasch und 125 aus Zeitun hatten sich bis Ende März gestellt und werden zum Teil in Strafkompagnien zu Arbeiten verwendet, zum Teil sehen sie noch ihrer Aburteilung durch das Kriegsgericht entgegen. — Übrigens richtet sich die Untersuchung durch das Kriegsgericht gegen alle angesehenen und wohlhabenden Armenier von Marasch, von denen viele ganz offenbar mit der Zeitunangelegenheit nicht das geringste zu tun gehabt haben, und obwohl diese nichts sehnlicher wünschen, als daß mit den Räubern ein Ende gemacht werde, damit Marasch endlich einmal Ruhe habe. Man hat den Sohn des armenischen Abgeordneten für Marasch, Hosep Effendi Kirlakian in Haft genommen, erst unter der Beschuldigung, er habe Waffen geschmuggelt, dann, als dafür keinerlei Beweise vorhanden waren, unter der Beschuldigung, er habe einen Mann bestochen, eine Waffe auf der Straße abzufeuern, um auf diese Weise Unruhen hervorzurufen. Schließlich hat man ihn freilassen müssen. — Man hat Haussuchungen vorgenommen bei den armenisch-protestantischen Pfarrern, den katholisch-armenischen Geistlichen, dem armenischen Direktor der deutschen Knabenschule, dem armenischen Arzt des deutschen Krankenhauses. Alles dies angeblich auf die Tatsache hin, daß die bezeichneten Mitglieder des armenischen Wohltätigkeitsvereins (türkisch: ermeni djemiyet kheriye umumiyesi, armenisch: parekorzagan) seien, deren Liste man in Zeitun gefunden habe. Der Verein, der in Ägypten seinen Sitz hat, besteht und ist von der Regierung anerkannt, erst von Abdulhamid, 1910 auch von der konstitutionellen Regierung. Er beschäftigt sich mit der Unterstützung armenischer Schulen und Einrichtung von landwirtschaftlichen Musteranstalten. Um seine Mitglieder festzustellen, hätte man nicht erst eine Liste in Zeitun zu finden brauchen, sondern hätte sich den Vorsitzenden aus Marasch kommen lassen können. Wird die Tatsache als verdächtig angesehen, daß der Verein seinen Sitz in Ägypten hat, und wird geargwöhnt, daß seine Organisation jetzt im Kriege vom Auslande her zu politischem Zweck mißbraucht wird, so wäre das ein Grund, der sich hören ließe. Gegen eine unparteiische Untersuchung auf dieser Grundlage wäre nichts einzuwenden. Die Aussicht aber, daß die Untersuchung durch das Kriegsgericht unparteiisch geführt wird, halte ich für gering. Sein ganzes Vorgehen erweckt den Eindruck, als ob es mangels einer zweckmäßigen Tätigkeit nur eine Scheintätigkeit ausübt und als ob es, weil es die wirklich Schuldigen nicht erreichen kann, die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig ansieht und sich aus ihr zu Bereicherungszwecken die führenden aussucht.
Die Gefahr von Metzeleien ist vorläufig vorübergegangen, wenn auch die muslimischen Anstifter ihre Hand noch nicht vom Werke lassen. Sie haben am 31. März ein Telegramm an die Zentralregierung aufgesetzt, die Bewohner Zeituns (etwa 10000 Seelen) sollten verpflanzt und die Stadt dem Erdboden gleich gemacht werden. Es ist klar, daß die Ausführung eines solchen Planes auf lange Zeit hinaus Unruhe schaffen würde. Die Urheber haben auf die wohlhabenden Armenier in Marasch einen Druck ausgeübt, um sie zur Unterzeichnung dieses Schriftstückes zu veranlassen. Diese haben es damit abgewehrt, daß sie verlangten, es solle zunächst dem Mutessarrif vorgelegt werden. Letzterer hat es mißbilligt, wie übrigens auch der Mufti von Marasch. Bei den gleichen Armeniern wurden dann am 3. April die Haussuchungen vorgenommen.
Seit dem 5. April scheint eine Spaltung unter den leitenden muhammedanischen Kreisen in Marasch eingetreten zu sein. Die einen raten zum Frieden, die anderen wollen weiter hetzen.
Da eine unmittelbare Gefahr für die Deutschen in Marasch nicht bestand, und da ich die weitere Entwicklung nicht mehr an Ort und Stelle abwarten konnte, habe ich nach einem Aufenthalt von neun Tagen Marasch wieder verlassen. Es ist mir gelungen, mit den Behörden in freundschaftlicher Weise auszukommen. Der Mutessarrif befindet sich noch in Zeitun.
Ich habe von Anfang an nicht die Absicht gehabt, nach Zeitun zu gehen, weil dort keine deutschen Interessen zu schützen sind, die Militärbehörden haben aber offenbar vermutet, daß ich zu gehen wünschte und haben alles mögliche in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Nach Ansicht des Missionars Blank würden sich die in die Berge geflüchteten Räuber und Deserteure noch heute ergeben, wenn eine Amtsperson zu ihnen käme, zu der sie das Zutrauen hätten, daß die Bedingungen der Übergabe auch gehalten würden. Die Behörden wünschen aber nicht, daß einem Fremden gelinge, was ihnen nicht gelingt, abgesehen von der verständlichen allgemeinen Abneigung gegen fremde Einmischung in innere türkische Verhältnisse.
Die Unschädlichmachung der Räuber ist bisher nicht geglückt. Anfang April war der etwa halbwegs zwischen Marasch und Zeitun gelegene Bergkegel Ala Kaia, der wie überhaupt die ganze Gegend wild zerrissen und schwer zugänglich ist, die Zufluchtsstätte der Räuber geworden. Hier sollte wieder gegen sie vorgegangen werden. In Marasch verlautete, daß die Bewohner eines Dorfes beim Anrücken der Truppen aus Furcht vor ihnen ihr Dorf verlassen und zu den Räubern übergegangen wären. Sollte diese Nachricht wahr sein, so würde sie ein bedenkliches Zeichen dafür sein, daß die Bewegung auf diese Weise sich doch noch ausbreiten könnte.
Nach meiner Rückkehr hat mir Djelal Bey, Wali von Aleppo, mitgeteilt, daß an der russischen Grenze auf türkischem Gebiet einige von den Russen besetzte armenische Ortschaften russische Sympathien bekundet hätten, daß die Einwohner einiger armenischer Dörfer auf türkischem Gebiet von Muhammedanern niedergemacht worden seien und daß bei der türkischen Regierung eine Strömung die Oberhand gewonnen zu haben scheine, welche die Armenier im ganzen als verdächtig oder gar als feindlich anzusehen geneigt sei. Er betrachtet diese Wendung als ein Unglück für sein Vaterland und hat mich gebeten, Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter anheimzustellen, dieser Richtung entgegenzuarbeiten.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Gelesen.
Pera, 24. April 1915.
Wangenheim.
Anlage 1.
Aintab, March 24. 1915.
Dear Mr. Jackson,
I was in Marash for 48 hours from noon of Tuesday till noon of Thursday 18. March last week.
There had no doubt been a plan to stir up a massacre at Marash over the Zeitoon disturbances. It had gone so far as to send out messengers to call in the Koords from the mountains; but the Government had frowned upon it and it seemed to me to be definitely defeated, especially as I understood that the attitude of the leaders and a large majority of the people in Zeitoon was correct. Now Miss Rohner comes with the statement, that hostilities are imminent as between that place and the Govt. In which case it will be somewhat difficult to control the Moslim mob at Marash. I sincerely wish that a representative from the German or American Consulate or better still from each might be sent to Marash (not to meddle in the least with the Zeitoon matters, but to look after the large German and American interests in Marash).
Miss Rohner will be able to tell about the state of feeling among the Germans and Americans of that place.
Everything is very quiet here in Aintab.
Dr. Shepard.
Jesse B. Jackson, American Consul, Aleppo.
Anlage 2.
March, 31st 1915.
Let me congratulate your Consul through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.
With kind regards
Yours cordially
E. C. Woodley.
Blank, Marash.
Anlage 3.
Contenu de l’avis
Circulaire
1. Il est arrivé à Zeitoun une révolte à la suite de laquelle il a fallu une action militaire qui se poursuit jusqu’à maintenant.
2. Il est le devoir du gouvernement ottoman de défendre la prospérité, la vie et l’honneur de la population docile, soit arménienne, soit muselmane. Par conséquent celle-ci doit être sûre qu’elle ne sera pas l’objet d’une attaque et qu’elle pourra s’occuper tranquillement du travail.
3. Celui qui des muselmans, pour n’importe quelle raison, attaque un arménien sera regardé comme un émeutrier et sera remis sur-le-champ à la cour martiale. Personne donc ne doit se mêler ni directement ni indirectement des affaires du gouvernement même pour la moindre petite chose.
4. Je récommande à la population docile et innocente de se conformer très vite aux instructions de l’autorité militaire, pour qu’aucun de ses membres ne soit pas victime d’un soupçon, ou d’une punition imméritée parsuite de la poursuite acharnée des brigands.
Le commandant du IV. corps d’armée.
Djemal Pascha.
16. mart 1330 = 29 mars 1915.
(publié) 18. mart 1330 = 31 mars 1915.
26.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 15. April 1915.
Die Nachrichten aus dem östlichen Anatolien lassen erkennen, daß die schon vorher gespannten Beziehungen zwischen der türkisch-muhammedanischen Bevölkerung und den Armeniern sich im Laufe der letzten Monate noch weiter verschlechtert haben. Das gegenseitige Mißtrauen ist im Wachsen begriffen und beherrscht die Bevölkerung und die amtlichen Kreise, im Innern sowohl wie in der Hauptstadt.
Die Klagen über angebliche und wirkliche Verfolgungen, denen die Armenier infolge des Krieges ausgesetzt sind, werden immer zahlreicher und lauter; umgekehrt werden diese beschuldigt, daß sie mit den Reichsfeinden sympathisieren, mit ihnen hochverräterische Verbindungen unterhalten und an einzelnen Orten sich offen gegen die Landesbehörden aufgelehnt haben. Die Verstimmung gegen die Armenier wird vermehrt durch die Nachrichten über die Haltung der Armenier im Auslande; nicht nur aus dem Kaukasus, sondern auch aus Amerika, Bulgarien und anderen Ländern sollen tausende von ihnen freiwillig in die russische Armee eingetreten sein[42], und es wird behauptet, daß die russische Sektion der Partei Daschnakzutiun für den Fall eines für die Türkei ungünstigen Ausganges des Krieges die Vernichtung der muhammedanischen Bevölkerung in den von der Türkei abzutretenden Gebietsteilen fordere[43]. Besonders gravierend lauten endlich die Berichte über die Aufführung der armenischen Mannschaften in der türkischen Armee während des Feldzuges im Kaukasus: sie sollen wiederholt ihre Waffen gegen die Türken gekehrt haben[44].
Von jeder Seite werden die Anschuldigungen der anderen Seite als grundlos zurückgewiesen, bzw. die Schuld an den Ereignissen dem anderen Teile zugeschoben. Nur in einem Punkte dürfte Übereinstimmung herrschen: daß die Armenier seit Einführung der Konstitution den Gedanken an eine Revolution aufgegeben haben, und daß keine Organisation für eine solche besteht.
Zweifellos haben nun in Ostanatolien Ausschreitungen und Gewaltakte gegen die Armenier stattgefunden, und im allgemeinen dürften die Vorgänge von armenischer Seite richtig geschildert, wenn auch übertrieben sein. Vielfach handelt es sich um die Drangsale und Leiden, die jeder Krieg, auch in Kulturländern, im Gefolge hat; in anderen Fällen lag aber die Schuld auch auf seiten der Armenier, und die Behörden trifft höchstens der Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln getroffen haben und hinterher mit unnötiger Strenge eingeschritten sind.
Das mir aus armenischer Quelle (Patriarchat und Mitteilungen des aus Deutschland gekommenen Vertrauensmannes der deutsch-armenischen Gesellschaft Dr. Liparit Nasariantz) vorliegende Material bezieht sich in der Hauptsache auf das eigentliche Kriegsgebiet (Wilajet Erzerum) und die unmittelbar daran grenzenden Bezirke (Wilajete Wan und Bitlis).
Für die Vorkommnisse in diesen Gegenden werden von armenischer Seite verantwortlich gemacht:
- die unter der Bezeichnung Miliz militärisch organisierten türkischen Irregulären und Banden von Marodeuren; ihnen werden zahlreiche Plünderungen, Raubmorde und sonstige Ausschreitungen gegen die armenische Landbevölkerung zur Last gelegt;
- die dem Komitee Union et Progrès affiliierten Klubs, in denen viel unlautere Elemente vertreten sein sollen. Es wird behauptet, daß diese Klubs, speziell der von Erzerum, förmliche Proskriptionslisten aufgestellt haben, und eine Reihe politischer Morde, die seit Dezember v. Js. an verschiedenen angesehenen Armeniern verübt worden sind, werden auf ihre Tätigkeit zurückgeführt. Es wird hinzugefügt, daß das Ministerium des Innern bereits vor einiger Zeit von den Armeniern vor dem Treiben dieser Klubs gewarnt worden sei, die schon einmal — bei den Vorfällen in Adana im Jahre 1909 — eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben;
- verschiedene Zivilbeamte, speziell der Gouverneur von Musch (Wilajet Bitlis) und der Wali von Wan. Es wird u. a. angeführt, daß einige 2000 muhammedanische Familien aus dem von den Russen okkupierten Distrikt von Alaschgerd in den armenischen Dörfern von Musch untergebracht worden sind, die kaum imstande sind, ihren eigenen Unterhalt aufzubringen; die armenischen Bauern würden wie Zugvieh zum Transport von Munition und Proviant verwendet, viele von ihnen erlägen der unmenschlichen Behandlung, und die wenigsten, angeblich kaum ein Viertel, kehrten in ihre Dörfer zurück. In zwei Bezirken von Wan sollen unter Konnivenz der Kaimakame förmliche Metzeleien vorgekommen sein.
In den vom Kriegsschauplatz entfernteren Provinzen scheint die Lage der armenischen Bevölkerung soweit erträglich zu sein, obwohl auch von dort vereinzelte Klagen eingegangen sind: doch handelt es sich im ganzen um Vorfälle von geringerer Bedeutung, wie Haussuchungen nach verbotenen Waffen und Deserteuren, wobei es gelegentlich zu Ausschreitungen gekommen sein soll, und dergleichen mehr.
Mehr Beachtung verdienen zwei Vorfälle im Wilajet Adana, über welche die Kaiserliche Botschaft auch durch Konsularberichte eingehend informiert ist.
Anfang März haben sich in der armenischen Ortschaft Dörtjol, nachdem schon vorher wiederholt Engländer von der Flotte gelandet waren und ungestört Einkäufe besorgt hatten, zwei aus jener Gegend stammende Armenier aufgehalten, die dort im englischen Interesse agitierten. Einer dieser Emissäre fiel den türkischen Behörden in die Hände und ist in Adana hingerichtet worden. Die weitere Folge war, daß die gesamte männliche Bevölkerung von Dörtjol ausgehoben und nach dem Wilajet Aleppo geschafft wurde, wo sie zum Wegebau verwendet wird; drei Individuen wurden, weil sie zu fliehen versuchten, niedergeschossen. Es kam hinzu, daß zur Zeit dieser Vorfälle zahlreiche Fahnenflüchtige sich in Dörtjol versteckt hielten, auch hatte man nicht vergessen, daß die Bewohner während des Massakres im Jahre 1909 sich mit den Waffen in der Hand gegen die Türken verteidigt hatten.
Über die Ereignisse in Zeitun, die durch den Widerstand der Armenier gegen die Rekrutierung hervorgerufen worden sind, ist bereits berichtet worden; auch in diesem Falle dürfte die Behörden der Vorwurf treffen, daß sie nicht rechtzeitig eingegriffen haben.
Mit Bezug auf die vorstehend geschilderten Verhältnisse ist von armenischer Seite die Bitte geäußert worden, daß die Kaiserliche Botschaft und unsere Konsulate ihren Einfluß bei den türkischen Regierungsorganen geltend machen möchten, um den weiteren Verfolgungen der Armenier in den in Betracht kommenden Landesteilen Einhalt zu tun. Als besonders wichtig wird die Bestellung von erfahrenen, mit den armenischen Angelegenheiten vertrauten Walis und Mutessarrifs für die betreffenden Provinzen bezeichnet; auch glaubt man, daß die Anwesenheit deutscher Konsuln in Wan, Bitlis usw. hinreichen würde, um die ärgsten Ausschreitungen zu verhindern.
Hier wie auch im Innern wird von den Armeniern eine solche Verwendung unseres Einflusses zu ihren Gunsten als ein nobile officium für uns als christliche europäische Großmacht angesehen und als eine natürliche Folge unseres Bundesverhältnisses zur Türkei erwartet, weil es im eigensten Interesse der Türkei, also auch in unserem, liege, das armenische Element zu schützen und seine Sympathien sich zu bewahren; es wird hervorgehoben — was, wie bemerkt, von den Türken bestritten wird —, daß die Armenier trotz aller Leiden, denen sie ausgesetzt seien, sich loyal und korrekt, mindestens aber passiv verhalten; bei einer fortgesetzten, systematischen Verfolgung wäre aber zu befürchten, daß diese friedliche Gesinnung ins Gegenteil umschlüge; die regierungsfreundlichen Parteien, wie die Daschnakzutiun, würden die Massen nicht mehr zurückhalten können, und es entstünde die Gefahr, daß bei einem Vordringen der Russen nicht nur die Armenier in dem Invasionsgebiete zum Feinde übergehen, sondern auch eventuell im Rücken der türkischen Armee Insurrektionsherde sich bilden.
Der Appell an das nobile officium der deutschen Vertretung in der Türkei ist aus der Entwicklung der armenischen Frage verständlich, besonders aber jetzt, wo infolge des Krieges die Dreiverbandmächte hier ausgeschaltet sind und als Schutzmächte nicht in Frage kommen. Aber ein Versuch, diesem Appell Folge zu geben und die Rolle zu übernehmen, die England nach dem Berliner Kongreß und neuerdings Rußland als Beschützer der Armenier gespielt haben, würde von der Pforte als eine unberechtigte und lästige Einmischung in ihre innerpolitischen Angelegenheiten empfunden werden. Der Moment ist um so weniger dazu geeignet, als die Pforte gerade jetzt daran gegangen ist, die Schutzrechte, die andere fremde Mächte über türkische Untertanen ausgeübt haben, zu beseitigen. Auch hat sie auf das durch die Ereignisse der letzten Jahre stark gehobene Nationalbewußtsein der türkischen Elemente Rücksicht zu nehmen.
Was die sonst von armenischer Seite vorgebrachten Erwägungen anbetrifft, so dürften sie ernste Beachtung verdienen, und ich habe daher schon vorher wiederholt Anlaß genommen, sowohl auf der Pforte wie beim Patriarchat auf eine versöhnliche Politik und auf die Erhaltung guter Beziehungen zueinander zu dringen. Aber die den Armeniern jetzt so ungünstige Stimmung in den Regierungskreisen zieht unserer Verwendung für die Armenier noch engere Schranken. Ich glaube daher auch, daß die in diesem Zusammenhange angeregte Verwendung der deutschen Konsulate in den sogenannten armenischen Provinzen ihren Zweck nicht erfüllen würde. Voraussichtlich würde die Pforte darin den Versuch einer Überwachung ihrer eigenen Behörden durch uns erblicken, ähnlich wie seinerzeit England und in jüngster Zeit Rußland durch Entsendung konsularischer Vertreter die Durchführung der armenischen Reformen in jenen Landesteilen zu kontrollieren versucht haben; eine solche Maßregel wäre geeignet, die Behörden erst recht gegen die Armenier aufzubringen und so den entgegengesetzten Erfolg herbeizuführen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
27.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.[45]
Aleppo, den 20. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie aus neuen zuverlässigen Berichten des Vorstehers des amerikanischen Kollegs in Aintab, Dr. Merril, hervorgeht, wird in Marasch und Zeitun und allen Dörfern bis herunter nach Hassanbeili die armenische Bevölkerung, soweit sie Geld oder Bildung oder Einfluß hat, von der Regierung deportiert. Mit der Ausführung ist begonnen. 35 Familien aus Zeitun sind fort, eine zweite und dritte Abteilung sind unterwegs. Die Männer werden von den Frauen getrennt. Letztere werden in besonderen Trupps von Soldaten geleitet.
Alle christlichen Soldaten vom 32. bis zum 45. Lebensjahre haben ihre Einberufung erhalten, sicher zum Zweck der Deportierung. Die muselmanischen sind nicht einberufen. Offenbar beruhen diese Maßregeln der Zentralregierung auf falschen Berichten aus Marasch. Sie sind ein Unglück für das Land und auf den systematischen Ruin eines wichtigen Bevölkerungsteiles berechnet. Sie gehen von einer falschen Grundauffassung aus, welche die ganze armenische Bevölkerung als verdächtig oder gar feindlich ansieht. Ich stelle gehorsamst anheim, diesem Verfahren entgegenzuwirken.
Mein amerikanischer Kollege bittet, die amerikanische Botschaft, und Dr. Merril bittet im Auftrage der Armenier, das armenische Patriarchat zu benachrichtigen. Der hiesige stellvertretende armenische Bischof ist zum Katholikos nach Sis abgereist.
Rößler.
Inhalt ist am 24. April der amerikanischen Botschaft und dem armenischen Patriarchat mitgeteilt.
25. 4.
Mordtmann.
28.
(Kaiserliches
Konsulat Adana.)
Telegramm.
Adana, den 24. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der armenische Katholikos von Sis wünscht einen Bericht über die Vorgänge in Zeitun durch Vermittlung von Konsulat und Botschaft an das Patriarchat in Konstantinopel zu befördern. Deutsche Übersetzung würde mitgesandt werden.[46] Drahtweisung erbeten.
Büge.
Telegramm. Pera, 25./4.
An Konsulat Adana.
Antwort auf Tel. v. 24./4. Einverstanden.
Wangenheim.
29.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 24. April 1915.
Ankunft, den 25. April 1915.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie Konsulat Erzerum vom 22. drahtet, sind in Wan und Umgebung Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe) ausgebrochen. Straßenkampf, Telegraphenlinien sind zerstört. Verbindung mit Persien unterbrochen. Ministerium des Innern hat Richtigkeit bestätigt, bittet aber um vorläufige Geheimhaltung.
Wangenheim.
30.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 24. April 1915.
Auf dem Ministerium des Innern wurde mir — mit der Bitte um vorläufige Geheimhaltung — die Richtigkeit der Meldung aus Erzerum betreffend Armenierunruhen in Wan bestätigt.
Die unliebsamen Vorfälle, wie Angriffe auf Gendarmen etc., hätten sich in der letzten Zeit stark vermehrt und eine schlimme Wendung voraussehen lassen. Zu bewaffneten Zusammenstößen sei es anfangs in den Orten Schatakh und Wostan südlich von Wan gekommen, dann sei in Wan selbst der Aufstand ausgebrochen. Die Armenier hätten auch mit Bomben gearbeitet, und die Gebäude der Dette Publique und der Post seien infolgedessen vernichtet.[47] Bei den Straßenkämpfen hätten die Truppen 20 Tote gehabt. Der Wali Djevdet Bey, der in Anbetracht der Gärung vor kurzem nach Wan zurückgekehrt war (er war vorher in Persien), gehe energisch vor und hoffe, bald Ruhe zu stiften.
Auf die Bemerkung, daß es vor allem darauf ankomme, die Disziplin unter den Truppen aufrecht zu erhalten, um Vorgängen vorzubeugen, die wie Christenmassakres aussehen könnten, meinte mein Gewährsmann ziemlich kleinlaut, daß die in Wan stehenden Truppen aus neu eingezogenen, nicht gut disziplinierten Leuten bestehen und daher Ausschreitungen vorkommen könnten.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
31.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Aufzeichnung.
Unterredung mit Herrn General Posseldt am 26.4.1915.
1. Glaubt, daß die Armenier sich ruhig verhalten würden, wenn sie nicht von den Türken bedrückt und gereizt wären, vielfach sei auch Konkurrenzneid im Spiele. Die Aufführung der Armenier sei tadellos gewesen.
Richtig sei, daß türkische Armenier den Russen bei deren Vordringen gegen Erzerum wiederholt Führerdienste geleistet, auch hätte man solche unter den den Russen abgenommenen Gefangenen gefunden. Dagegen hält er es für ausgeschlossen, daß armenische Mannschaften auf ihre türkischen Kameraden geschossen; man hätte die Armenier stets hinter der Front verwendet.
2. Bestätigt das Treiben des Klubs in Erzerum; die Proskriptionsliste umfaßt 22 Namen von Armeniern. Tahsin Bey, der Wali, hat nach Möglichkeit die Ausführung von Metzeleien verhindert.
Pasdirmadjan wurde umgebracht, weil sein Bruder, früherer Deputierter, im Wilajet Wan, in russischem Interesse gewühlt hatte; er wurde von zwei Soldaten erschossen; die Namen der Mörder wurden anonym den Behörden mitgeteilt, aber trotzdem er, Posseldt, sich für die Sache interessierte, wurden sie nicht ergriffen.
26.4.
Mordtmann.
32.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 26. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der Armenische Bischof bittet, den dortigen Patriarchen über die Vorgänge in Wan zu informieren.
Scheubner.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Dem Armenischen Patriarchen am 28.4. vertraulich mitgeteilt.
28./4.
Mordtmann.
33.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 26. April 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an Telegramm vom 24. April.
Soeben aus Wan eingetroffene Privatnachrichten vom 19. April besagen, daß die Regierung vor Ausbruch der Unruhen angesehene Armenier verhaftet hat, von denen der armenische Notabele Ischkhan mit drei anderen auf dem Transport unter polizeilicher Bewachung ermordet worden ist. Armenischer Stadtteil wurde umzingelt; 250 armenische Häuser sind vernichtet worden. Die Banque Ottomane ist angeblich von Armeniern in die Luft gesprengt worden.[48]
Hier herrscht Ruhe; die armenische Bevölkerung ist jedoch sehr beunruhigt und befürchtet Massakre. Der Bischof hat um den Schutz des Konsulats gebeten.
Scheubner.
34.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Adana, den 26. April 1915.
Anliegender Bericht des armenischen Katholikos nebst deutscher Übersetzung wird gemäß Telegramm der Botschaft vom 25. d. M. der Kaiserlichen Botschaftskanzlei ergebenst übersandt.
(Stempel.)
(In deutscher Übersetzung.)
Adana, den 8./21. April 1915.[49]
An den Hochwürdigen Erzbischof Zaven, armenischen Patriarchen in Konstantinopel.
Mit meinem Schreiben vom 7./20. d. M. habe ich Ihnen über die Vorgänge in Zeitun schon kurze Mitteilung gemacht und will hiermit ausführlich darüber berichten mit der Gewißheit, daß dies Schreiben in Ihre Hände gelangen wird.
Zu seiner Zeit habe ich Ihnen schon über die Grausamkeiten und die unmenschlichen Taten des Mutessarrifs von Marasch berichtet. Es dürfte Ihnen schon bekannt sein, wie er, anstatt die Schuldigen zu strafen, die Unschuldigen, ja sogar die Frauen und Kinder mißhandelt und manche davon Repressalien und Schändungen unterworfen hat. Manche Frauen haben infolge der Mißhandlungen Fehlgeburten und einige Gefangene ganze Körperteile verloren gehabt. Regierungsbeamte verhöhnen unseren Glauben und beschimpfen unsere Ehre. Es soll auch Ihnen schon bekannt sein, wie der Mutessarrif nicht nur die ausgelieferten 25 Deserteure, sondern auch mehrere Unschuldige aus dem friedliebenden Volke nach Marasch bringen ließ und alle Mißhandlungen unterwarf. Dies alles ertrug damals das von der Regierung als aufständisch verrufene Volk, um seine Treue gegen das Reich nicht aufzugeben.
Die unerhörten Greueltaten und Mißhandlungen des Kaimakams von Zeitun, Hüssein Hüssni, des Feldwebels Suleiman Bey, des Müfti und der Regierungsbeamten, die nur das Ansehen der Regierung in Mißkredit brachten, hatten nur den Zweck, das friedliche Volk zum Äußersten zu treiben, um der Regierung Anlaß zur Vernichtung zu bieten. Trotz alledem erträgt das Volk alles und versucht hie und da Klagerufe vernehmen zu lassen. Es bittet umsonst um die Entsendung von loyalen unparteiischen Inspektoren. Niemand schenkt dem armen Volk Gehör, und dieser Zustand dauert fort.
Die Frauen versuchten ihre herzzerreißende Lage durch ein Telegramm der Walidé Sultan (der Kaiserin-Mutter) zu schildern, um Gnade zu erhalten. Weil dies ihnen seitens der Regierung verweigert wurde, glaubten sie, daß der Gemeindevorsteher die Schuld daran trüge und demonstrierten.
Einige Deserteure, die sich ins Gebirge geflüchtet hatten, versuchten die Bevölkerung zum gemeinsamen Widerstände zu bewegen. Es wurde ihnen aber von dem friedlichen Volke keine Folge geleistet.
Im Februar beabsichtigte die Regierung die in der Stadt Zeitun lagernden Waffen und Munition nach Marasch zu transportieren. Die Deserteure vernahmen dies Vorhaben und wollten alles in Besitz nehmen. Aber durch das mißbilligende Auftreten der armenischen Notabeln gelang es ihnen nicht, und ihr Vorhaben scheiterte. Am 15./28. Februar wurde diese Absicht der Deserteure festgestellt und am nächsten Tag nach einer einstimmigen Beschlußfassung der Regierung durch den Gemeindevorsteher und den Bürgermeister amtlich mitgeteilt. Die Regierung hatte schon durch die Geheimpolizei von allen Vorgängen Kenntnis gewonnen.
Inzwischen flüchteten sich einige ins Weite, die den barbarischen Greueltaten Haidar Beys ausgesetzt und Augenzeuge des gräßlichen Todes des gefangen genommenen Nazareth Nor Aschkharian gewesen waren. Sechzehn Gendarmen, die für die Festnahme der Deserteure geschickt waren, kehrten zurück, die dann in den umliegenden Ortschaften neue Greueltaten verübten. Die Gendarmen begegneten während der Rückfahrt den Deserteuren. Nach dem Zusammenstoße flüchteten sich die Gendarmen nach Verlust von 6–8 Mann nach Zeitun zurück.
Die Regierung und die Gendarmerie, erzürnt über den Mißerfolg, verlangten von den Vorgesetzten der Gemeinde die Auslieferung der Deserteure. Die Vorstehenden gaben zu verstehen, daß die Forderung nicht durchführbar sei, nachdem die Bevölkerung ihre Waffen der Regierung abgeliefert habe und machtlos sei gegen die bewaffneten Deserteure.
Am 5./18. März versammelten sich die Notabeln, um die verheerenden Folgen dieser Spannung zu vermeiden. Die Deserteure drangen in die Stadt ein, um der Gendarmerie und der Regierung Herr zu werden. Während dieses Zusammenstoßes, wo die Armenier der Regierung Beistand leisteten, haben die Deserteure einen Verwundeten, aber die Bürger und die Gendarmen 9 Tote gehabt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Gendarmeriekommandant eilten mit zwei Kompagnien nach Zeitun und forderten von der Stadt die Auslieferung der von den getöteten Gendarmen eroberten Gewehre. Nach einer Beratung begaben sich der katholische Gemeindevorsteher und der Stadtarzt nach dem Kloster, wohin die Deserteure sich geflüchtet hatten, um sie zur Ablieferung der Gewehre zu überreden, mit dem Versprechen des Kaimakams, ihre Begnadigung zu erwirken.
Anstatt dieses Versprechen zu halten und Friede herbeizuführen, machte der Kaimakam die folgende Deklaration: „Dies ist das 35. Mal, daß die Bewohner von Zeitun sich empören. Die bisherigen Unruhen waren nicht so gefährlich wie jetzt. Die früheren waren wie Familienstreitigkeiten. Jetzt ist das Land von allen Seiten bedroht und jeder muß der Regierung beistehen.“ Diese Forderung ist an und für sich gerecht, aber sie gilt nicht für die Bewohner von Zeitun, weil diese sich niemals empört haben. Möglich ist, daß sie sich gegen die Irregulären gewehrt und die Überfälle derselben abgewiesen haben. Auch damals hat die Regierung, unter dem Vorwand, den Aufstand niederzuringen, Truppen entsandt. Auch diesmal hat die ungerechte Handlung der böswilligen Regierungsbeamten die jetzige traurige Situation herbeigeführt.
Der Mutessarrif von Marasch und der Kaimakam von Zeitun haben nicht einmal ihr Ehrenwort gehalten, welches sie für die Schonung des Volkes gegeben hatten. In 8–10 Tagen hat man mit einer militärischen Kraft von 4000 Mann und einem rücksichtslosen Kommandanten die Bewohner einschüchtern wollen. An demselben Tage begaben sich auch einige Notabeln aus Marasch nach Zeitun, um die Deserteure zur Ergebenheit zu überreden. Nach einer gemeinsamen Beratung wandten sich die Armenier an den Kommandanten mit dem Ersuchen, die Deserteure, weil sie sich nicht ergeben wollten, durch Gewalt niederzuringen. Der Kommandant verlangte wieder von dem Volke die bedingungslose Auslieferung und Übergabe der Deserteure.
Die Notabeln aus Marasch kehrten heim. Die Regierung ließ dann die Vorräte aus der Stadt in die Kaserne schaffen. Sobald die Nachricht von der Wegschaffung von Regierungspapieren und Büchern in der Stadt zirkulierte, schloß man die Schulen, und die Panik wurde größer. Inzwischen flüchteten die Deserteure in das naheliegende Kloster, wo sie vom Militär belagert wurden. Am 12./25. März beginnt das Bombardement mittels 2 Kanonen. Trotz zahlreicher Schüsse hat man auf diese Weise dem Kloster keinen Schaden zufügen können. Nachdem die Regierung sich überzeugt hatte, daß das Volk sich ruhig verhalte, verengte sie den Umzingelungsgürtel. Die Deserteure erwiderten dann das Feuer und die Zahl der gefallenen Soldaten war beträchtlich. Der Oberst (Bimbaschi) näherte sich dem Klostertor, und in dem Moment, wo die Soldaten das Kloster niederbrennen wollten, fiel der Oberst nebst einigen Soldaten. Bis Abend dauerte der Kampf.
An demselben Tage ersuchten die Stadtbewohner die Regierung, daß sie, um den Deserteuren keine Möglichkeit zur Flucht zu geben, die Umzingelung nicht aufgeben solle, sonst würden sie wieder den Bürgern und dem Militär lästig werden. Trotz des gegebenen Versprechens hob die Regierung die Belagerung des Klosters auf und gab den Deserteuren die Gelegenheit, zu entfliehen. Es ist uns nicht begreiflich, wie es 15–20 Deserteuren gelang, den Belagerungsgürtel von 4000 zu durchbrechen. Wir haben den Verdacht, daß die Regierung absichtlich einige Deserteure frei laufen läßt, damit sie die friedliche Bevölkerung als Mitschuldige der Deserteure angeben und die Verbannungsaktion (expatriation) durchführen könne.
Nach der Flucht der Deserteure setzte man die Regierung davon in Kenntnis mit dem Ersuchen, das Kloster zu schonen, welches Eigentum des ganzen armenischen Volkes sei und wo viele Kostbarkeiten und Heiligtümer aufbewahrt seien. Der Kaimakam, der Müfti und andere Beamte versprachen es, aber das Militär beachtete es nicht und setzte das Kloster in Brand. Trotz der Bitte des Gemeindevorstehers wurden sogar die naheliegenden Wohnstätten der Bauern nicht geschont und wurden niedergebrannt. Angesichts dieser Vernichtung weinte und klagte das Volk um sein Schicksal, und sogar die Steine gaben dem Widerhall.
Am nächsten Tag kam ein Hauptmann aus der Kaserne in die Stadt und begann die Untersuchung, um die verwundeten Deserteure und Waffen zu finden. Er fand einige wertlose Waffen und beim Tschakrian Betros, dessen Sohn ebenfalls desertiert war, ein blutiges Hemd. Er nahm Betros und andere Personen als verdächtig fest und führte sie ins Gefängnis.
Am 25./28. März wurden etwa 30 Notable nach der Kaserne gerufen und dort vom Kaimakam Churschid Pascha zurückbehalten. Ohne ihnen Zeit zu geben, um die allernotwendigsten Reisevorbereitungen zu treffen, schickte man sie samt Frauen und Kindern zunächst nach Marasch. Dort wurden sie in einen Chan interniert, wo die herzzerreißenden Klagerufe der Weiber und der Kinder zum Himmel stiegen.
Auf dem Weitertransport kamen die Armen nach dreitägiger Fahrt in Osmaniyé an, von wo aus sie mit vielen anderen Gefangenen nach Adana transportiert wurden. Man hat sie von hier sofort nach Tarsus geschickt.
Alle diese Verbannten sind treue Untertanen und haben der Regierung in jeder Hinsicht Beistand geleistet. Die Regierung sollte eigentlich diese treuen Untertanen auszeichnen, anstatt dessen gab sie ihnen die härteste Strafe, die Verbannung. Wohin werden diese verschickt? Wovon sollen sie leben? Was wird aus dem Hab und Gut der Verbannten? Was wird aus den Daheimgebliebenen? Wird man auch diese so herdenweise in alle Richtungen der Erde verschicken?
Auch ich habe als Katholikos den Bewohnern von Zeitun immer den Rat gegeben, dem osmanischen Reich treu zu bleiben und den staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Sie haben mir Gehorsam gezeigt, und jetzt müssen sie mittellos und nackt herumirren! Das ist der Lohn meiner aufrichtigen Bemühungen, und meine Strafe ist noch schwerer. Ich bekomme immer neue Gewissensbisse. Gern möchte ich sterben, weil ich nur im Tode so viele Schmerzen vergessen kann.
Ich kann mich teilweise nur dadurch trösten, daß Dschemal Pascha, an welchen ich telegraphiert hatte, sein Wort gehalten hat und keine Metzelei stattfand.
Nach dem Brand des Klosters ergaben sich ohne Widerstand 190 Deserteure. Diese wurden greulichen Mißhandlungen ausgesetzt, gebunden wie Tiere und unter Knutenhieben nach Damaskus geschickt. Einer von ihnen fand unterwegs den Tod. Was aus den anderen werden wird, weiß ich nicht.
Soviel habe ich bis jetzt erfahren und Ihnen berichten können. Gott soll uns vor den kommenden Übeln schützen! Ich bin jetzt moralisch und physisch ganz machtlos.
Meine 12 jährige Dienstzeit ist mir eine ewige Zeit des Kummers und der Trauer geworden. Wäre ich kein Christ, würde ich dem Tag fluchen, wo ich zur Welt kam, oder vielmehr dem, da ich zu diesem schweren, verantwortungsvollen Amt berufen wurde!
Sahak,
Katholikos von Cilicien.
35.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 27. April 1915.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Wie das Konsulat Erzerum unter dem 24. April telegraphiert, ist der Aufruhr in Wan nach amtlicher Mitteilung unterdrückt[50]. Hierbei seien ungefähr 400 Armenier getötet worden, die übrigen seien nach Rußland entflohen.[51] Angeblich hätten sich auch Kurden am Aufstande beteiligt, um sich für die Hinrichtung ihrer Scheiche in Bitlis 1914 und die Bedrückung durch die Regierung zu rächen.[52]
Wangenheim.
36.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 28. April 1915.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Eine Verwendung Ihrerseits für die Armenier wird darauf auszugehen haben, Ausschreitungen des Pöbels wie Massakres und Plünderungen zu verhindern und auf ein regelrechtes Verfahren gegen die politisch verdächtigen Personen hinzuwirken. Hierbei wäre der Schein, ab ob wir ein Schutzrecht über die Armenier ausüben und in die Tätigkeit der Behörden eingreifen wollen, zu vermeiden und dies eventuell auch den Behörden gegenüber zu betonen. Vertraulich: Die hiesigen Behörden haben dieser Tage mehrere Hundert armenische Notabeln verhaftet und nach Anatolien verschickt, angeblich weil sich Anzeichen für eine revolutionäre Bewegung gezeigt haben.
Wangenheim.
37.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 30. April 1915.
Über die Vorgänge in Wan meldet der Kaiserliche Konsul in Erzerum nachträglich auf Grund von Nachrichten aus Wan vom 19. April, daß die dortigen Behörden vor Ausbruch der Unruhen eine Anzahl Armenier verhaften ließen, von denen drei während des Transportes unter polizeilicher Bedeckung ermordet wurden; unter diesen befand sich auch ein gewisser Ischkhan, der sich früher ab Freischärler hervorgetan hat. Während des Kampfes wurde das Armenierviertel umzingelt; 250 Häuser wurden zerstört, darunter das Gebäude der Zweigniederlassung der Banque Ottomane, das von den Armeniern in die Luft gesprengt worden sein soll.[53]
Der Minister des Innern teilte am 28. d. M. dem ersten Dragoman mit: „In Wan sei das Schlimmste überstanden; es sei dort zu einem regelrechten Kampfe gekommen, und die Verluste auf beiden Seiten seien beträchtlich gewesen; über 400 Armenier seien umgekommen, aber auch die Truppen hätten mehrere Hundert Mann verloren. Die Disziplin sei jedoch aufrecht erhalten worden, so daß man nicht von Massakres reden könne. Daß zwischen den Armeniern und Russen enge Beziehungen bestanden, könne als einwandfrei festgestellt gelten.[54] Gleichzeitig mit der Bewegung dort hätte auch eine verstärkte militärische Aktion im Kaukasus eingesetzt.“
Wan, mit einer armenischen Bevölkerung von etwa 20000 Seelen, war schon seit Jahren ein Hauptzentrum der Partei Daschnakzutiun. In dem Bericht, den sie im Jahre 1910 dem internationalen Sozialistenkongreß in Kopenhagen erstattet hat, wird ihre Tätigkeit in den Provinzen Bitlis und Wan geschildert. „In diesen“, heißt es in dem Bericht, „hatten wir bis 1908 die ganze waffenfähige Landbevölkerung, welche in politische Gruppen organisiert war, unter unserer Fahne... Diese Tätigkeit war wesentlich eine politische und revolutionäre. Sie dauert heute fort, aber schon in offener Weise. In allen Zentren des türkischen Armeniens hat unsere Partei ihre Scharen von Fidais, deren Zweck ist, darüber zu wachen, daß die Reaktion nicht wieder den Kopf erhebe.“ An einer anderen Stelle wird erwähnt, daß im Jahre 1908 in Wan mehr als 1000 Gewehre, eine Million Patronen und Massen von Explosivstoffen angesammelt waren, die damals von der Regierung beschlagnahmt wurden.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
38.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 30. April 1915.
In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag den 25. d. M. und von Sonntag auf Montag den 26. d. M. haben hier zahlreiche Verhaftungen von Armeniern stattgefunden. Im ganzen sollen an 500 Personen aus allen Gesellschaftsklassen festgenommen sein, namentlich Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, Geistliche, auch einige Deputierte. Das Lokal der Zeitung Azadamart, Organ der Partei Daschnakzutiun, der viele von den Verhafteten angehörten, wurde behördlich gesperrt. Die meisten wurden in den folgenden Tagen nach dem Innern von Klein-Asien verschickt.
Über die Ursachen dieser Maßregeln waren im Publikum allerlei unkontrollierbare Gerüchte verbreitet. Unter anderem hieß es, daß man in armenischen Häusern und Kirchen Explosivstoffe, Bomben und Waffen entdeckt habe, und daß die Armenier für den Tag des Thronbesteigungsfestes (27. d. M.) Anschläge auf die Pforte und andere öffentliche Gebäude geplant hätten.
Als der Armenische Patriarch beim Großwesir und beim Minister des Innern nach den Gründen dieser Massenverhaftungen fragte, wurde ihm erwidert, daß die Organisation der armenischen Bevölkerung zu politischen Parteien im gegenwärtigen Augenblick von einzelnen einflußreichen Persönlichkeiten ausgenützt werden könnte, um die öffentliche Ruhe zu stören, und daß es im Interesse des Staatswohls geboten erscheine, solchen Eventualitäten durch Entfernung der leitenden Persönlichkeiten aus der Hauptstadt vorzubeugen.
Der Minister des Innern äußerte gegenüber dem ersten Dragoman folgendes:
Die Regierung sei jetzt entschlossen, dem bisherigen Zustand ein Ende zu bereiten, wonach jede Religionsgemeinschaft ihre besondere „Politik“ mache und hierzu besondere politische Vereinigungen gründen und unterhalten könne.[55] In der Türkei solle künftig nur „osmanische Politik“ gemacht werden.
Unter den hiesigen Armeniern befänden sich eine Reihe von politisch nicht ganz sicheren Persönlichkeiten; sie seien natürlich gerade unter den tätigen Mitgliedern der Klubs und Redaktionen zu suchen. Die Besorgnis sei nicht von der Hand zu weisen, daß im Falle einer ungünstigen Wendung des Krieges diese Elemente die Gelegenheit zu Unruhestiftungen ergreifen könnten. Der Augenblick schien günstig, alle diese Verdächtigen aus der Hauptstadt zu entfernen. Unter den Verschickten gebe es sicher viele, die in keiner Weise schuldig seien. Dies leugne die Regierung nicht, und er — Talaat — werde aus eigenem Antrieb und ohne daß es hierzu einer Intervention bedürfe, diesen die Erlaubnis zur Rückkehr erteilen.
Die Behauptung, es lägen Beweise vor, daß für den Tag des Thronbesteigungsfestes ein Putsch beabsichtigt gewesen sei, erklärte Talaat Bey für unzutreffend.
Die Vorgänge in Wan und die in diesen Tagen erfolgten Angriffe der Russen auf den Bosporus und der vereinigten Franzosen und Engländer auf die Dardanellen dürften nicht ohne Einfluß auf die Entschließungen der Regierung gewesen sein.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
39.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum den 30. April 1915.
Ankunft in Pera den 1. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie aus Erzingian berichtet wird, verübten der dortige Mutessarrif und die Gendarmerie Ausschreitungen und schwere Bedrückungen gegen die armenischen Bewohner.
Hier herrscht Ruhe. Die vorgenommenen Verhaftungen erschweren es, Nachrichten aus Wan zu erhalten.
Scheubner.
Mai.
40.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 4. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die aus Zeitun und Umgegend verbannten Armenier werden auf wenigstens tausend, vielleicht mehrere tausend geschätzt. Sie sollen durch muhammedanische Flüchtlinge aus Mazedonien ersetzt werden.
Die Aktion geht weiter. In Aintab sind neuerdings Verhaftungen, in Aleppo Haussuchungen vorgenommen worden.
Rößler.
41.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 4. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 6. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Kämpfe in Wan zwischen den Truppen und Armeniern dauern an. Auf türkischer Seite wurden in den letzten Tagen ungefähr 200 Tote und doppelt so viel Verwundete gezählt. Hier wurden gegen 200 Verhaftungen vorgenommen. Die Furcht vor einem Massaker dauert an. Der Wali glaubt im Besitz von Beweisen für eine Konspiration eines Teiles der hiesigen Armenier zu sein. Die Entscheidung dürfte in den nächsten Tagen fallen. Ich glaube, daß es hier möglich sein wird, Massakres zu vermeiden.
Scheubner.
42.
(Deutsches Waisenhaus.)
Mamuret-ul-Aziz, den 5. Mai 1915.
Ew. Exzellenz!
Da in diesem Wilajet kein deutscher Konsul ist, ersuche ich Ew. Exzellenz um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, über die hiesigen innerpolitischen Verhältnisse kurz zu berichten.
Seit einigen Tagen werden in den christlichen Häusern der Stadt und Umgegend strenge Haussuchungen gehalten, der Regierung verdächtig erscheinende Personen verhaftet und die Leute zur Ablieferung ihrer Waffen aufgefordert.
Diese Maßnahmen der Regierung scheinen im Zusammenhang mit Vorgängen in Wan und Diarbekr zu stehen und auf Anweisung der Zentralregierung angeordnet worden zu sein.
Die gesamte christliche Bevölkerung ist dadurch in große Unruhe versetzt worden und befürchtet das schlimmste.
Durch meinen 18 jährigen Aufenthalt an diesem Ort die Verhältnisse genau kennend, möchte ich die Aufmerksamkeit Ew. Exzellenz auf die Tatsache lenken, daß, wenn auch die hiesige Bevölkerung zum Teil sich in Privatgesprächen manchmal unzufrieden über die türkische Regierung geäußert hat, und wenn auch die Sympathien mancher Christen in diesem Krieg auf Seiten des Dreiverbands waren, trotz alledem weitaus die große Masse der Bevölkerung dieses Wilajets der Regierung gehorsam ist und die Christen hier im entferntesten nicht daran denken, sich gegen die Regierung aufzulehnen.
Die christliche Mannschaft von 20–45 Jahren hat sich ohne Schwierigkeiten zum Heeresdienst gestellt, und bei Requirierungen von Lebensmitteln wie auch bei der Unterstützung des „Roten Halbmonds“ kam die christliche Bevölkerung soweit als möglich der Regierung entgegen, so daß ich es für meine Pflicht halte, für die Christen hier um Schonung zu bitten.
Der wohlgesinnte Generalgouverneur, mit dem ich eben in freundschaftlicher Weise über die Angelegenheit sprach, hofft, daß es hier zu keinen ernsten Ereignissen kommen wird und versichert mich, daß er alles tun wird, um die Angelegenheit in friedlicher Weise zu ordnen. Er ist ebenfalls von dem friedliebenden und regierungstreuen Charakter der hiesigen christlichen Bevölkerung überzeugt. Doch besteht die Gefahr, daß starke armenierfeindliche Elemente die Oberhand bekommen und zum schlimmsten schreiten, so daß ich Ew. Exzellenz im Interesse der Menschlichkeit ersuche, die nötigen Schritte zur Aufklärung der Türkischen Zentralregierung über die hiesigen Verhältnisse tun zu wollen.
Verehrungsvoll
Johannes Ehmann.
An Seine Exzellenz, Freiherr von Wangenheim,
Botschafter Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.
43.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 6. Mai 1915.
Ankunft den 6. Mai 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Laut Telegramm des Konsulats Erzerum vom 4. Mai haben in Wan dieser Tage erneut Kämpfe mit Armeniern stattgefunden. Türkische Truppen verloren dabei 600 Mann an Toten und Verwundeten. In Kaisarié und Diarbekr wurden größere Bombenvorräte entdeckt.[56] Die Regierung hat umfassende Vorsichtsmaßregeln gegen Umsichgreifen der armenischen Bewegung im Innern angeordnet. In Erzerum ist Verhaftung von 200 Personen erfolgt, Deportation der Armenier aus den größeren Ortschaften dauert fort. Sie werden durch muhammedanische Einwanderer ersetzt.
Wangenheim.
44.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 8. Mai 1915.
Trotz der Bemühungen der armenischen Kreise, die Bedeutung der in den letzten Wochen an verschiedenen Stellen ausgebrochenen Unruhen abzuschwächen oder die Schuld den Maßnahmen der türkischen Behörden zuzuschieben, mehren sich doch die Anzeichen dafür, daß diese Bewegung weiter verbreitet ist, als bisher angenommen wurde, und daß sie vom Ausland mit Hilfe der armenischen Revolutionskomitees gefördert wird.
Die bereits gemeldeten Kämpfe in Wan, bei denen die Aufständischen zeitweilig sogar die Oberhand gehabt zu haben scheinen, deuten darauf hin, daß die dortige armenische Bevölkerung ausreichend mit Waffen und Sprengstoffen versehen war; unter den Toten wurden nach Mitteilung der türkischen Behörden vielfach Individuen in russischer Kleidung gefunden, und es wird auch von den Armeniern nicht geleugnet, daß einer ihrer Landsleute, ein gewisser Pasdirmadjian, dort in russischem Interesse stark gewühlt hat. Dieser gefährliche Agitator war seinerzeit durch das von ihm geleitete Attentat auf die hiesige Banque Ottomane auch in weiteren Kreisen bekannt geworden, kehrte dann nach Wiedereinführung der Konstitution hierher zurück, ward Abgeordneter und ging später, weil er nicht wieder gewählt wurde, nach Rußland. Nach den letzten Nachrichten (vom 8. d. M.) ist es armenischen Freischärlern mehrfach gelungen, sich von Wan aus mit den Russen zu vereinigen.[56]
Über die in Kaisarié gefundenen Bomben gibt das armenische Patriarchat an, daß ein aus Amerika zurückgekehrter Armenier, der sich in Everek bei Kaisarié niedergelassen hatte, sich mit ihrer Herstellung beschäftigte, und nachdem er drei verfertigt hatte, bei der vierten verunglückte; die drei fertigen Bomben wurden von seinen Landsleuten versteckt, aber von der Polizei, die durch Zufall von der Sache erfuhr, entdeckt; bei weiteren Nachforschungen kamen 24 leere, noch nicht geladene Hülsen, unter dem Ziegeldache der dortigen armenischen Kirche, zutage. Dies trug sich Anfang Februar zu. Seitdem scheinen noch weitere Funde von Bomben gemacht worden zu sein; der Minister des Innern gab kürzlich die Zahl der in Kaisarié gefundenen Bomben auf 400 an, außerdem seien solche auch in Diarbekr zutage gefördert und nach Wan geschickt worden, um dort im Kampf mit den Aufständischen verwendet zu werden[57].
Daß die armenische Bevölkerung in den östlichen Provinzen über Waffen verfügt, wird von den Armeniern zugegeben; angeblich sollen diese Waffen zur Abwehr gegen die räuberischen Überfälle durch Kurden und anderes Gesindel dienen; es läßt sich vermuten, daß sie in der Hauptsache von den armenischen Revolutionskomitees schon vor längerer Zeit dort angesammelt worden sind[58].
Die Behörden nehmen bestimmt an, daß auch die Armenier von Zeitun durch fremde Umtriebe zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung aufgestachelt worden seien[59].
Es läßt sich nicht leugnen, daß die armenische Bewegung in den letzten Wochen einen besorgniserregenden Charakter angenommen hat, der die Regierung zu scharfen Repressivmaßregeln veranlaßt hat.
Die Massenverhaftungen hier und anderwärts, wie z. B. in Erzerum, wo der Wali Beweise für eine armenische Verschwörung in Händen zu haben glaubt, in Aintab usw. richten sich gegen die Komitees, die auf diese Weise ihrer Führer beraubt werden, in erster Linie gegen die Partei Daschnakzutiun.
Hier in der Hauptstadt ist vor einigen Tagen die gesamte Bevölkerung aufgefordert worden, die in ihrem Besitz befindlichen Waffen aller Art abzuliefern.
Bei der Erregung, die sich auch der muhammedanischen Bevölkerung bemächtigt hat, werden Bedrückungen der ruhigen Elemente und Ausschreitungen seitens der Unterbehörden nicht zu vermeiden sein. Aber trotz der vielfach herrschenden Besorgnisse ist es bisher zu keinen Massakers gekommen, weder in Zeitun, noch in Marasch, noch in Aintab, noch in Erzerum, und es wird der Regierung auch wohl in Zukunft möglich sein, solche zu verhindern.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
45.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 9. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 10. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unruhen in Wan andauern noch immer. Türken haben bis jetzt rund 1000, Armenier 3000 Tote[60].
Hier kürzlich weitere verhaftet, einige 30 sollen verschickt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie unterwegs ermordet werden.
Scheubner.
46.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 10. Mai 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Auf Grund der Mitteilung des Walis von Mossul vom 8. Mai telegraphiert dortiges Konsulat:
Christliche Bevölkerung der Provinz Wan befindet sich seit mehreren Tagen im Aufruhr. Armenier überfielen muhammedanische Dörfer bei Wan, angriffen vergeblich Zitadelle Wan. Schwache türkische Garnison verlor 300 Mann bei Abwehr Angriffe. Stadt selber, in der täglich Straßenkämpfe, größtenteils in Händen der Aufrührer. Aufstand besonders heftig im Bezirk Schatakh bei Wan. Nestorianer-Stamm der Tiari im Bezirk Baschkalé erhob sich gleichzeitig, 2000 gut bewaffnete Tiari überfielen muhammedanische Dörfer und verschanzten sich nördlich von Djulamerk. Nach Wan und Baschkalé sollen Truppenverstärkungen unterwegs sein.
Wegen Schicksals deutschen Waisenhauses Wan telegraphiert Botschaft direkt an Prediger Spoerri.
Wangenheim.
47.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 10. Mai 1915.
Seitdem ich von Marasch zurückgekehrt bin, haben neueren Nachrichten zufolge die Verbannungen aus Zeitun und den umliegenden Dörfern größeren Umfang angenommen. Ferner haben nach einem Telegramm des Missionars Blank vom 9. d. M. die Verschickungen jetzt auch aus Marasch begonnen. Die Liegenschaften der Verbannten werden von einer dazu eingesetzten Kommission abgeschätzt und sollen ihnen vergütet werden. Doch wird abzuwarten sein, ob diese Absicht der Regierung auch ausgeführt werden wird. Die Wiederansiedlung soll im Wilajet Konia und anscheinend in Zor erfolgen. Wird die Behandlung aber so fortgesetzt, wie Blank sie schildert, so werden die Überwandernden, soweit sie nicht ihr Leben einbüßen, elend und krank ankommen, und nicht mehr die Fähigkeit haben, sich wirtschaftlich wieder aufzurichten. An Stelle der Verbannten werden muhammedanische Flüchtlinge aus dem Balkan in Zeitun und Umgegend angesiedelt.
Inzwischen habe ich weiter in Erfahrung zu bringen gesucht, worauf sich die Ansicht der Regierung von einer weit verbreiteten armenischen Verschwörung stützt. Nur eine Tatsache aber ist mir bekannt geworden. Nämlich eine mit Armeniern in enger Fühlung stehende und gut über sie unterrichtete neutrale Persönlichkeit hat mir erzählt, es seien im Beginn von Einwohnern von Dörtjol Briefe nach Zeitun abgeschickt worden, daß der Moment zu einer Empörung günstig sei. Verbindung mit den englischen Kriegsschiffen sei hergestellt. Ob die Briefe ihre Bestimmung erreicht haben, ist meinem Gewährsmann nicht bekannt. Bewiesen wäre also damit, wenn überhaupt mein Gewährsmann gut unterrichtet war, eine Aufforderung zur Empörung. Wie sich die Adressaten zu dieser Aufforderung verhalten haben, ist nicht bekannt. Sind von englischer Seite die Adressen von Mitgliedern der Wohltätigkeitsgesellschaft, die ja in Ägypten zu haben waren, zu englischen Zwecken gebraucht worden, so müßte von türkischer Seite gerechterweise vor Bestrafung der Adressaten der Beweis illoyaler Gesinnung oder illoyaler Handlungen derselben erbracht werden. Dieser ist aber offenbar nicht für nötig erachtet worden. Auch im übrigen scheint die Regierung die Verschwörung mit dem Vergrößerungsglase betrachtet zu haben. Ich bin der Überzeugung, daß die ganz überwiegende Mehrheit der Verbannten unschuldig leidet. — Die Mitglieder der Wohltätigkeitsgesellschaft haben stets offen gegenüber der Regierung gehandelt. Dafür müssen sie jetzt büßen. Die Regierung scheint auch auf dem mittelalterlichen Standpunkt zu verharren, daß für die Tat eines einzelnen oder einiger weniger Solidarhaft eines ganzen Volkes besteht. Denn ihre Maßregeln gehen auf Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken hinaus. Alle Armenier von Besitz, Bildung oder Einfluß sollen beseitigt werden, damit nur eine führerlose Herde zurückbleibt. Sie läuft Gefahr, das Vertrauen zu untergraben, daß es für die Armenier in Zukunft möglich sein wird, mit ihr auszukommen, und schafft dadurch selbst den Boden für Verwicklungen.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim.
48.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 10. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 11. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bisher waren nur Armenier aus Zeitun und umliegenden Dörfern verbannt worden, jetzt werden auch Familien aus Marasch weggeführt.
Rößler.
49.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 14. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 14. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie Halil Bey gestern dem hiesigen Wali aus Urmia gedrahtet hat, marschiert er mit einem Teil seiner Truppen über Ghever-Baschkalé nach Wan.
Lage scheint sich dort verschlimmert zu haben.
Verbindung mit Wan von hier seit neun Tagen unterbrochen. Bitte daher gehorsamst telegraphische Nachricht über die Lage in Wan.
Holstein.
50.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 15. Mai 1915.
An Deutsches Konsulat, Mossul.
Wie Minister des Innern heute bestätigte, dauert Kampf in Wan fort. Er fügte hinzu, daß sich russische Streitkräfte Wan nähern. Telegraphische Verbindung zwischen hier und Wan soll noch bestehen.
Wangenheim.
51.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Erzerum, den 15. Mai 1915.
Eingetroffen: Konstantinopel, den 27. Mai 1915.
Euerer Exzellenz
erlaubte ich mir bereits in meinen Telegrammen vom 26. und 30. April, 4. und 9. Mai über die Armenierunruhen in Wan und die Erregung im hiesigen Gebiet zu berichten.
Ich halte es für angezeigt, diesen telegraphischen Berichten folgendes hinzuzufügen:
Der äußere Anlaß zu den Unruhen in Wan ist, wie ich bereits berichtete, die Verhaftung und Ermordung einiger armenischer Notabeln, insbesondere Ischkhans und des armenischen Deputierten von Wan, Wramian gewesen, die sich unter den Armeniern eines großen Ansehens erfreuten.
Ob dieses Vorkommnis im Einverständnis mit den dortigen Behörden geschehen ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls mußte sich aber die Regierung darüber klar gewesen sein, daß dadurch der letzte Anstoß gegeben wurde, die schon seit langem, besonders aber seit Kriegsausbruch gärende Erregung, die nur noch von den Führern niedergehalten werden konnte, zum Ausbruch zu bringen.
Nicht nur in Wan und dessen Umgebung, also den Grenzgebieten gegen Rußland, und den hiesigen, durch Requisitionen und Truppenansammlungen besonders in Mitleidenschaft gezogenen armenischen Gebieten, sondern auch in den mehr im Innern gelegenen armenischen Orten machte sich eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. An vielen Stellen waren seit langem Waffen angesammelt worden, anfänglich wohl nur zu Zwecken der Selbstverteidigung bei einem eventuellen Massakre, später wohl auch für einen bewaffneten Aufstand.
Daß von türkischer Seite in der Behandlung der Armenierfrage andauernd Fehler gemacht worden sind, ist Euerer Exzellenz ja zur Genüge bekannt, desgleichen, daß diese Fehler von russischer Seite schon lange vor dem Krieg zu einer planmäßigen Verhetzung ausgenutzt wurden.
Besonders Wan und das dortige russische Konsulat war von jeher ein Brennpunkt russischer Wühlarbeit, die um so ungestörter ins Werk gesetzt werden konnte, als eine ein Gegengewicht bildende deutsche Vertretung dort nicht vorhanden war. Das junge Konsulat von Erzerum konnte, schon infolge der Entfernung, seinen Einfluß nicht in genügendem Maße dorthin erstrecken; eine Einflußnahme in der jetzigen Zeit, die hier die vollste Aufmerksamkeit erfordert, erscheint ausgeschlossen. Zurzeit ist zudem auch die Verbindung mit Wan unterbrochen.
Während die hiesigen armenischen Kreise infolge der besseren Postverbindung und der Tätigkeit des hiesigen Konsulats (Nachrichtenhalle, Lesesaal, Zeitungsartikel, Anschläge über die Kriegslage) über die allgemeine Weltlage und die Mißerfolge der Russen auf den europäischen Kriegsschauplätzen orientiert sind, dürfte diese Orientierung in Wan gefehlt haben. Die dortigen Armenier, die sich den türkischen Veröffentlichungen gegenüber naturgemäß mißtrauisch verhalten, schöpfen ihre sonstigen Nachrichten nur aus russischen, keineswegs ungetrübten Quellen, und erhalten somit, wie so manches andere Volk der Welt, ein völlig falsches Bild der Lage in Europa. Ein Grund mehr, die schon früher vorhandene Zuneigung zu Rußland in einem Aufstand kund zu tun.
Wie Euerer Exzellenz bekannt, sahen die Armenier der Türkei seit jeher in Rußland ihren natürlichen Beschützer, und hat Rußland ja auch stets dieses Schutzrecht für sich in Anspruch genommen und ausgenutzt. Die Tatsache, daß sich die russischen Armenier, abgesehen von der größeren Sicherheit ihres Lebens, auch in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, übt auf die große Masse gleichfalls eine bedeutende Anziehungskraft aus. Demgegenüber blieb die Erwägung, daß eine stärkere Einflußnahme Rußlands die Gefahr der Entnationalisierung mit sich bringen müßte, nur auf die geistigen Führer der Armenier beschränkt. Auch unter den letzteren haben sich zwei Richtungen gebildet: die eine stellt die Bewahrung nationaler Eigenart, die nur in der Türkei möglich, in den Vordergrund, die andere wirtschaftliche Interessen und religiöse Gemeinschaft.
Der deutsche Einfluß war bisher unter den Armeniern gering. Von Deutschland und den Deutschen wußten nur wenige gebildete Armenier. Soweit mir bekannt, machen hierin nur die ehemaligen Zöglinge der Sanassarian-Schule — die vor einigen Jahren nach Siwas verlegt wurde, in Befürchtung einer Besitzergreifung von Erzerum durch Rußland! — eine Ausnahme. Und das auch nur soweit, als sie ihre Hochschulstudien in Deutschland betrieben. Der größere Teil der armenischen gebildeten Jugend erhielt seine Ausbildung in französischen Schulen und später in Frankreich und Rußland. Unter dem Volk bestanden bei Ausbruch des Krieges sogar Zweifel darüber, ob die Deutschen Christen seien, da sie sich mit den Türken verbündet hätten. Die Tatsache, daß Deutschland schon Freund der absolutistischen Türkei war, unter deren Herrschaft die Armenier so viel gelitten, erfüllt sie noch jetzt mit Mißtrauen. Die Schuld am Kriege wird gleichfalls dem Einfluß Deutschlands beigemessen, und die durch denselben hervorgerufenen wirtschaftlichen Schäden werden von dem auf Wahrung und Mehrung seines Besitzes stark bedachten Volk besonders unangenehm empfunden.
Die allgemeine Stimmung der Armenier den Deutschen gegenüber war somit bei Ausbruch des Krieges wenig freundschaftlich, hat sich aber im Laufe der letzten Monate sichtlich geändert. Dazu mag der deutsche Waffenerfolg auf allen Schlachtfeldern und die Anwesenheit deutscher Offiziere in Erzerum ein Teil beigetragen haben. Besonders jedoch machte sich dieser Umschwung bemerkbar, als die hiesigen Armenier gewiß zu sein glaubten, daß — es war etwa Mitte März — der Ausbruch eines Massakres nur durch die Anwesenheit und Tätigkeit des hiesigen Konsulats verhindert worden sei. Der armenische Bischof sprach denn auch wiederholt General Posseldt und mir seinen Dank für den Schutz der Armenier aus.
Zur hiesigen Lage, wie sie sich zurzeit darbietet, bemerke ich, daß ein Aufstand der Armenier Erzerums und seiner näheren Umgebung nicht anzunehmen ist, trotz der geringen hier vorhandenen türkischen Streitkräfte. Die weiter zur russischen Grenze hin gelegenen armenischen Ortschaften sind von ihren Bewohnern längst verlassen; letztere sind teils nach Rußland geflohen, wo sie in den Reihen der russischen Truppen — wie auch bei Wan — gegen die Türken kämpfen sollen, teils kamen sie nach Erzerum. Einzelne Vorkommnisse, wie bewaffneter Widerstand bei Requisitionen in entlegenen Dörfern, Ermordung von Türken, die die Auslieferung armenischer Mädchen und Frauen verlangten, Zerschneiden und Störung von Telegraphen- und Telephonlinien, Spionage, sind Erscheinungen, die während des Krieges in einem Grenzgebiet mit gemischter Bevölkerung nichts Außergewöhnliches darstellen.
Die ruhige Haltung der hiesigen Armenier ist meiner Meinung nach bedingt durch
1. die schon erwähnte bessere Orientierung über die allgemeine Weltlage, die sie auf einen „raschen Sieg“ der Russen nicht mehr hoffen läßt;
2. die vernünftige Stellungnahme der hiesigen Regierung, welche krasse Fälle von Bedrückungen bis jetzt vermieden hat.
Außer der Ermordung des Pasdirmadjan, Direktors der Banque Ottomane, im Februar, sind Fälle von politischen Morden hier nicht vorgekommen. Der Wali Tahsin Bey hat aus seiner früheren Tätigkeit in Wan in der Behandlung der Armenierfrage große Erfahrungen und vertritt, im Gegensatz zu einigen militärischen Kreisen, die den Augenblick der Abrechnung mit den Armeniern für gekommen halten, einen maßvollen Standpunkt. Die Maßregeln der Regierung haben sich bis jetzt auch nur auf Haussuchungen und Verhaftungen beschränkt. Von den Verhafteten ist die Mehrzahl wieder freigelassen worden, einige sollen ins Innere des Landes verschickt werden. Die Haussuchungen haben, soweit mir bekannt, belastendes Material nicht ergeben. Diese Haltung der Regierung trägt viel zur Beruhigung der Armenier bei. Auch der Ausbruch eines Massakres ist hier kaum anzunehmen, es sei denn, daß Mißerfolge an der Front die türkischen Truppen zu einem Rückzuge nach Erzerum nötigen würden. Ich habe nicht versäumt, dem Gedanken einer „Abrechnung“ überall energisch entgegenzutreten und auf die üblen Folgen innerer Unruhen in der Türkei in der jetzigen Zeit hinzuweisen.
Die Anwesenheit und Tätigkeit des Konsulats, verbunden mit dem guten Nachrichtendienst desselben, dürfte somit nicht wenig zu der bisherigen ruhigen Haltung der hiesigen Türken und Armenier beigetragen haben.
von Scheubner-Richter.
Seiner Exzellenz dem Herrn Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
52.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 15. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus den umliegenden Dörfern werden die Armenier ausgewiesen und nach dem Etappengebiet verschickt. Die Bevölkerung ist dadurch sehr beunruhigt.
Scheubner.
53.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 16. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Maßnahmen der Verschickung der gesamten armenischen Bevölkerung der hiesigen Umgebung nach Mamachatun etc. sind auf Befehl des Armee-Oberkommandos getroffen und mit militärischen Rücksichten begründet worden.
Da die männlichen Armenier zur Dienstleistung in Arbeitsbataillonen eingezogen sind, werden hauptsächlich Frauen und Kinder fortgetrieben, wobei sie ihre Habe zurücklassen müssen. Da ein Aufstand der hiesigen Armenier nicht zu erwarten ist, ist diese Maßnahme grausamer Ausschließung unbegründet and ruft Erbitterung hervor. Die Zivilverwaltung ist unbeteiligt und weist auch jede Verantwortung für die daraus entstehenden Folgen von sich.
Scheubner.
54.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 17. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 18. Mai 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Mit Bezug auf Tel. v. 16. 5.
Der armenische Bischof bittet Eure Exzellenz, den Patriarchen über die hiesige Lage informieren lassen zu wollen.
Scheubner.
55.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
20. Mai 1915.
Notiz.
Heute dem Patriarchen Mitteilung gemacht; er hatte keine Nachrichten von Erzerum. Stellte ihm anheim, daß, falls er seinerseits Schritte täte, er sich ans Kriegsministerium wenden sollte.
Mordtmann.
56.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Mai 1915.
Ankunft den 19. Mai 1915.
An Auswärtiges Amt.
Meldung des Konsulats Erzerum vom 17. d. M.
Wan ist von Russen besetzt, militärische Situation für Türken ungünstig. Armenier sollen sich Russen angeschlossen und Muhammedaner massakriert haben, 80000 Muhammedaner auf Flucht nach Bitlis sein.
Wangenheim.
57.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 18. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 20. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Oberherr der Nestorianer Mar Schimun in Kotschanes teilte mir mit, antichristliche Bewegung im Bezirk Amadia wachse täglich, Muselmanen dort planten allgemeine Christenmassakres und hätten teilweise schon damit begonnen. Der hiesige Chaldäische Patriarch machte mir heute gleiche Mitteilung.
Wali gibt Tatsache zu, und scheint mir diese Bewegung wenn nicht gerade zu schüren, so doch nicht energisch genug zu hemmen, was sehr unklug ist. Wenn er kurdische Scheichs beeinflussen wollte, wäre Hemmung unschwer möglich.
Stelle anheim, dahingehende Order an den Wali erwirken zu wollen.
Holstein.
58.
(Kaiserliches
Konsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana den 18. Mai 1915.
Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die gesamte armenische Bevölkerung im Wilajet Adana ist durch das Vorgehen der Regierung aufs äußerste geängstigt. Hunderte von Familien sind verbannt worden, die Gefängnisse sind überfüllt. Heute früh haben wieder mehrere Hinrichtungen stattgefunden.
Durch ihr barbarisches Vorgehen schädigt die Regierung offensichtlich die Interessen des Landes. Die Deutsche Orientbank, die insbesondere erheblich geschädigt ist, bat mich dafür einzutreten, daß die Verschickung der Armenier eingestellt werde.
Büge.
59.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum den 18. Mai 1915.
Ankunft in Pera den 18. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Das Elend unter den vertriebenen Armeniern ist fürchterlich. Frauen und Kinder lagern zu Tausenden ohne Nahrung um die Stadt herum. Die zwecklose Vertreibung ruft die größte Erbitterung hervor.
Darf ich deswegen bei dem Oberkommandierenden Schritte unternehmen?
Scheubner.
60.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Pera, den 19. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf das Telegramm vom 18. d. M.
Sie sind unter den dargestellten Umständen ermächtigt, beim dortigen Oberkommando wegen der vertriebenen Armenier Vorstellungen zu erheben und auf humane Behandlung der ausgewiesenen Bevölkerung hinzuwirken.
Wangenheim.
61.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 19. Mai 1915.
Euer Hochehrwürden Schreiben vom 5. d. M. und Ihr Telegramm vom 17. sind richtig in meine Hände gelangt.
Aus Ihrem Schreiben entnehme ich zu meiner Befriedigung, daß die dortige Lage vorläufig zu keinen begründeten Besorgnissen Anlaß gibt, und ich hoffe, daß es auch in Zukunft den besonnenen Elementen gelingen wird, ernstere Zwischenfälle zu vermeiden. Daß die Regierung mit Rücksicht auf die bedauerlichen Vorgänge in Wan besondere Vorsichtsmaßregeln ergreift, ist verständlich, ebenso, daß hierunter gelegentlich auch die friedliche Bevölkerung zu leiden hat. Immerhin werde ich bei sich bietender Gelegenheit auf Ihre Ausführungen aufmerksam machen, und bitte Sie, auch Ihrerseits Ihre Beziehungen zu den Behörden und zur Bevölkerung zu benutzen, um auf beide in beruhigendem Sinne einzuwirken. In dieser Beziehung möchte ich noch besonders erwähnen, daß trotz der in der jetzigen Zeit erklärlichen Aufregung und trotz mannigfacher Provokationen es bisher nirgends zu Massenausschreitungen, wie Massakres, Plünderungen u. dgl., gegen die Armenier gekommen ist.
Weitere Mitteilungen von Ihnen werde ich gerne und mit besonderem Interesse entgegennehmen.
von Wangenheim.
Herrn Pfarrer Johannes Ehmann, Hochehrwürden, Mamuret ul Aziz.
62.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 19. Mai 1915.
Aus Anlaß der in Wan ausgebrochenen Unruhen hatte ich, wie bereits telegraphisch gemeldet, dem Pfarrer Spoerri in Wan direkt telegraphiert, um Auskunft über seine Lage zu erhalten. Da die Antwort ausblieb, wandte ich mich zu gleichem Zwecke an das Ministerium des Innern; letzteres teilt nunmehr folgende telegraphische Auskunft des Walis von Wan mit:
Die armenischen Aufständischen hätten sich gerade in dem Stadtviertel verschanzt, in dem die Anstalten des Predigers Spoerri und der amerikanischen Mission (Raynolds) liegen. Er, der Wali, habe das für Spoerri bestimmte Telegramm mittels eines Boten mit weißer Flagge an den Adressaten befördern wollen. Die Armenier hätten aber auf den Parlamentär gefeuert[61].
Der Wali fügt hinzu, daß er bei der Verfolgung und Unterdrückung des Aufstandes auf die Anwesenheit der Deutschen und Amerikaner Rücksicht nehme.
Vom Missionar Johannes Ehmann in Kharput (Mamuret ul Aziz) liegen hier ein ausführlicher Bericht vom 5. d. M. und ein diesen Bericht bestätigendes Telegramm vom 17. d. M. vor; danach dürften vorläufig keine Befürchtungen für ihn und seine Anstalt bestehen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
63.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 22. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wegen der Vertreibung der Armenier habe ich mit Armee telephonisch gesprochen und werde mich Montag Hauptquartier Tortum begeben. Muhammedanische Emigranten besetzen die Dörfer vertriebener Armenier.
Scheubner.
64.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 24. Mai 1915.
Ankunft in Pera, den 25. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich bitte Mr. Peet, Bibelgesellschaft, im Auftrage der hiesigen amerikanischen Mission zu fragen, ob er die vertriebenen Armenier durch Geldmittel unterstützen wolle. Erbitte direkte Drahtantwort an Konsulat und Mission.
Scheubner.
65.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Pera, den 26. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf das Tel. vom 24. Mai.
Mr. Peet hat Unterstützungsfonds für die Armenier bereitgestellt. Wegen Unsicherheit der Übermittelung wird probeweise zunächst ein kleinerer Betrag übersandt werden.
von Wangenheim.
66.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo den 26. Mai 1915.
Ankunft in Pera den 26. Mai 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus vollständig zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die Zahl der armenischen Familien, die bisher aus dem Sandschak Marasch und dem östlichen Teil des Wilajets Adana verbannt worden sind, 2000, das sind 10000 Seelen, beträgt. Die Verbannungen werden fortgesetzt. Euerer Exzellenz stelle ich anheim, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß daraus für die Zukunft Verwickelungen entstehen können. Man sollte nicht Marasch für die Fehler der Armenier im Osten büßen lassen und Unschuldige für die Schuldigen bestrafen. Es ist genug Unglück geschehen, und es wäre an der Zeit, einzuhalten. Wenn man innere Umsiedlung und Kolonisation beabsichtigt, so müßten dafür die nötigen Vorbereitungen getroffen werden.
Rößler.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Mit Talaat Bey besprochen 29. 5.; der Minister war über die Deportation der Armenier aus Marasch nicht näher unterrichtet und wird sich erkundigen.
Mordtmann.
67.
Office of W. W. Peet, Treasurer of American Missions in Turkey.
Constantinopel.
26th May 1915.
Mr. Mordtmann, Consul General, German Embassy, Pera.
Dear Sir:
Referring to your kind offer this morning to inform our people in Erzroom of my despatch of funds for relief of the poor and needy, I find on consulting late communications from our people in Erzroom, that they are able to secure local money for payment here, I have therefore telegraphed our Dr. Case to draw on me for Lt. 250 of which Lt. 150 is for relief purposes. I enclose herewith a copy of the telegram which I am despatching to-day.
If you will kindly confirm this telegram through your Consul it will be deeply appreciated by us all.
Thanking you for your kindness in this matter, I am, Sir,
Yours faithfully,
W. W. Peet
Treasurer.
Our wire to Erzroom sent this day reads as follows:
Draw for relief of poor and needy hundredfifty Liras, for Station expenses hundred Liras.
68.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Konstantinopel, 29. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Die dortige amerikanische Mission wird durch Herrn Peet ermächtigt, zweihundertfünfzig türkische Pfund auf ihn zu ziehen, wovon hundertfünfzig für Unterstützung Notleidender und hundert für die Station bestimmt sind.
Neurath.
69.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
29. Mai 1915.
Aufzeichnung.
Habe heute bei Talaat Bey angeregt, die Deportationsmaßregeln gegen die Armenier von Erzerum, namentlich gegen Frauen und Kinder, zu mildern. Er zeigte sich abgeneigt, man habe gerade in Erzerum nicht nur belastende Korrespondenzen, sondern auch Waffen, Bomben u. dgl. bei den Armeniern gefunden[62], es hätte der Plan bestanden, beim Vordringen der Russen einen Aufstand zu erregen und den Türken in den Rücken zu fallen[63]. Durch die Deportation sollten die Armenier vor Schlimmerem, nämlich vor Massakres, bewahrt werden. Die Regierung werde den Ausgewiesenen neue Wohnsitze anweisen und sie auch unterstützen.
Mordtmann.
70.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Pera, den 30. Mai 1915.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Auf Bericht vom 15. Mai.
Minister des Innern behauptet, Armenier in Erzerum seien durch Funde von Bomben und Schriftstücken stark belastet und hätten bei Vordringen der Russen Aufstand im Rücken der türkischen Truppen zu erregen beabsichtigt[64]. Deportation sei auch im Interesse der Vertriebenen, um Schlimmeres zu verhüten (Massakres).
Wangenheim.
71.
La loi du 14/27 Mai 1915 sur le déplacement des personnes suspectes[65] contient les dispositions suivantes:
Article 1. — En temps de guerre, les commandants d’armée, de corps d’armée et de division ou leurs remplaçants, ainsi que les commandants des postes militaires indépendants, qui se verraient en butte de la part de la population à une attaque ou une résistance armée, ou rencontreraient, sous quelque forme que cela soit, une opposition aux ordres du Gouvernement ou aux actes et mesures concernant la défense du pays et la sauvegarde de l’ordre public, ont l’autorisation et l’obligation de les réprimer immédiatement et vigoureusement au moyen de la force armée et de supprimer radicalement l’attaque et la résistance.
Article 2. — Les commandants d’armée, de corps d’armée et de division peuvent, si les besoins militaires l’exigent, déplacer et installer dans d’autres localités, séparément ou conjointement, la population des villes et des villages qu’ils soupçonnent coupable de trahison ou d’espionnage.
Article 3. — Cette loi entre en vigeur à partir de sa publication.
14/27 Mai 1915.
72.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 31. Mai 1915.
Ankunft 1. Juni 1915.
An Auswärtiges Amt.
Zur Eindämmung der armenischen Spionage und um neuen armenischen Massenerhebungen vorzubeugen, beabsichtigt Enver Pascha unter Benutzung des Kriegs-(Ausnahme-)zustandes eine große Anzahl armenischer Schulen zu schließen, armenische Postkorrespondenz zu untersagen, armenische Zeitungen zu unterdrücken und aus den jetzt insurgierten armenischen Zentren alle nicht ganz einwandfreien Familien in Mesopotamien anzusiedeln. Er bittet dringend, daß wir ihm hierbei nicht in den Arm fallen.
Diese türkischen Maßnahmen werden natürlich in der gesamten uns feindlichen Welt wieder große Aufregung verursachen und auch gegen uns ausgebeutet werden. Die Maßnahmen bedeuten gewiß auch eine große Härte für die armenische Bevölkerung. Doch bin ich der Meinung, daß wir sie wohl in ihrer Form mildern, aber nicht grundsätzlich hindern dürfen. Die von Rußland genährte armenische Wühlarbeit hat Dimensionen angenommen, welche den Bestand der Türkei bedrohen.
Bitte Dr. Lepsius und deutsche armenische Komitees entsprechend verständigen, daß erwähnte Maßnahmen bei der politischen und militärischen Lage der Türkei leider nicht zu vermeiden[66].
Konsulate Erzerum, Adana, Aleppo, Mossul, Bagdad sind von mir vertraulich informiert worden.
Wangenheim.
Juni.
73.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Meine Rücksprache mit dem Oberkommandierenden über die Aussiedelung der Armenier führte zu keinem positiven Resultat. Die armenischen Bewohner aller Ebenen, wahrscheinlich auch Erzerums, sollen bis Der es Zor geschickt werden. Diese Aussiedelung großen Maßstabes ist gleichbedeutend mit Massakres, da mangels jeglicher Transportmittel kaum die Hälfte ihren Bestimmungsort lebend erreichen wird, und dürfte nicht nur den Ruin der Armenier, sondern ganzen Landes nach sich ziehen. Militärische Gründe können für Maßnahmen nicht angeführt werden, da Aufstand der hiesigen Armenier nicht anzunehmen ist und die Ausgewiesenen alte Männer, Frauen und Kinder sind. Armenier, die zum Islam übertreten, werden nicht ausgewiesen. Von mir besichtigte verlassene armenische Dörfer fand ich ausgeplündert, desgleichen das Kloster Kizilwang, dessen Kirche verwüstet war.
Scheubner.
74.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 2. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf das Telegramm vom 30. Mai. In Erzerum und Umgebung wurden Bomben und dergleichen nicht gefunden, was auch vom Wali bestätigt werden kann[67]. — Ich kann von hier aus nicht kontrollieren, ob wo anders derartige Funde gemacht wurden.
Scheubner.
75.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 3. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf das Telegramm vom 31. Mai.
Es ist Befehl ergangen, die aus dem Wilajet Adana hier eingetroffenen Armenier auf muhammedanische Dörfer des Wilajet Aleppo zu verteilen. Dort müssen sie umkommen, was nicht die Absicht Enver Paschas sein kann. Ich stelle gehorsamst anheim, dahin wirken zu wollen, daß diese Armenier in der Stadt Aleppo, wo sie unschädlich sind, bleiben dürfen. Zur Durchführung der Regierungspolitik gegen die Armenier ist ein besonderer Beamter, Eyub Bey, nach Aleppo entsandt und direkt Fachri Pascha unterstellt worden. Der Wali Djelal Bey, von dem die Regierung weiß, daß er für eine mildere Politik eintritt, ist damit ausgeschaltet.
Rößler.
76.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 6. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 6. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In aller Ehrerbietung bitte ich nochmals vorstellig werden zu dürfen. Unter den armenischen Verbannten befinden sich ganz überwiegend Frauen. Auf dem Transport und in den Dörfern wären sie wehrlos der Schande preisgegeben. Wäre es nicht möglich, daß nur die Männer zerstreut werden und daß Frauen und Kinder in Aleppo bleiben? Bisher sind schon zahlreiche Kinder den Transporten zum Opfer gefallen.
Rößler.
77.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 6. Juni.
Vom Minister des Innern wurde zugesagt, daß er wegen der Verhältnisse der dort ausgewiesenen Armenier beim Wali in Aleppo anfragen werde.
Wangenheim.
78.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 10. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 11. Juni 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
614 aus Diarbekr hierher verbannte armenische Männer, Frauen und Kinder sind auf der Floßreise sämtlich abgeschlachtet worden; die Keleks sind gestern hier leer angekommen; seit einigen Tagen treiben Leichen und menschliche Glieder im Fluß vorbei. Weitere Transporte armenischer „Ansiedler“ sind hierher unterwegs, ihnen dürfte dasselbe Los bevorstehen.
Ich habe der hiesigen Regierung meinen tiefsten Abscheu über diese Verbrechen zum Ausdruck gebracht; der Wali sprach sein Bedauern darüber aus mit dem Bemerken, daß allein der Wali von Diarbekr dafür verantwortlich sei.
Holstein.
79.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 13. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Von dem hier weilenden Katholikos von Sis wird die Seelenzahl der bisher verbannten Armenier auf über 30000 angegeben. Zeitun und Umgegend, ferner Alabasch, Albistan, Dörtjol, Hassan-Beyli sind vollständig geräumt. Es sind nicht nur die Familien, die „nicht ganz einwandfrei“ schienen, verbannt worden, sondern die ganze Bevölkerung, sogar die Familien der im Heeresdienst stehenden Soldaten. Könnte nicht wenigstens für diese eine Ausnahme gemacht werden? Der Transport von Frauen und Kindern auf das Land wird fortgesetzt. Selbst in kleinen Provinzorten wie Bab, Membidj, Idlib läßt man sie nicht bleiben, sondern zerstreut sie zu 3–4 Familien auf die muhammedanischen Dörfer, wo sie, von aller Hilfe abgeschnitten, zugrunde gehen müssen.
Damit geht die Regierung weit über den Zweck notwendiger Vorbeugungsmaßregeln hinaus. Bedenkt sie nicht, daß beim Friedensschluß, ehe ihr die hauptsächlich von Armeniern bewohnte, augenblicklich verlorene Provinz Wan wieder zugesprochen wird, möglicherweise in Betracht gezogen werden wird, wie sie in Cilicien, statt sich auf notwendige Vorbeugungsmaßregeln zu beschränken, einen wichtigen Teil der Bevölkerung vernichtet hat?
Rößler.
80.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 13. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 14. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an mein Telegramm vom 10. Juni.
Die Niedermetzelung der Armenier im Wilajet Diarbekr wird hier von Tag zu Tag mehr bekannt und erzeugt zunehmende Unruhe unter der Bevölkerung, die bei der unverständigen Gewissenlosigkeit und der Schwäche der hiesigen Regierung leicht unabsehbare Folgen haben kann. In den Bezirken von Mardin und Amadia haben sich die Zustände zu einer wahren Christenverfolgung ausgewachsen.
Wir werden bald überall den hellsten Aufruhr haben, wenn die Zentralregierung ihr Programm der Christenverfolgung nicht ändert. Die Armeniermassakres müssen unbedingt aufhören.
Holstein.
81.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 17. Juni 1915.
Die Austreibung der armenischen Bevölkerung aus ihren Wohnsitzen in den ostanatolischen Provinzen und ihre Ansiedelung in anderen Gegenden wird schonungslos durchgeführt.
Nach den glaubwürdigen Angaben des Katholikos von Sis sind allein aus seiner Diözese bisher 30000 Armenier deportiert worden. Zeitun und Umgegend, Albistan, Dörtjol, Alabasch, Hassan-Beyli und selbst kleinere Ortschaften sind vollständig geräumt. Hier wie anderwärts werden die Bewohner über das Innere zerstreut und unter Muhammedanern angesiedelt, zum Teil in weit voneinander entfernten Gegenden, wie z. B. die Bewohner von Zeitun, die teils nach der Umgegend von Konia, teils nach Der es Zor am Euphrat verpflanzt wurden. Die Armenier von Erzerum sind nach Terdjan (Mamahatun) geschafft worden.
Die Ausgesiedelten werden gezwungen, sofort oder in wenigen Tagen ihre Wohnsitze zu verlassen, so daß sie ihre Häuser und den größten Teil ihrer beweglichen Habe im Stiche lassen müssen und sich nicht einmal mit den notwendigsten Subsistenzmitteln für den Transport versehen können. Bei der Ankunft an ihrem Bestimmungsort stehen sie hilf- und wehrlos inmitten einer ihnen feindselig gesinnten Bevölkerung da. An einzelnen Stellen ist es schon während ihrer Überführung zu Ausschreitungen gekommen; die von Diarbekr nach Mossul abgeschobenen Armenier sollen unterwegs sämtlich abgeschlachtet worden sein. Daß die Regierung die Ausgetriebenen mit Geld, Nahrungsmitteln oder sonst unterstützt, ist ausgeschlossen; in Erzerum haben der Kaiserliche Konsul und die amerikanischen Missionare helfend eingegriffen, anderwärts das hiesige armenische Patriarchat.
Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Der Minister des Innern, Talaat Bey, hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zurzeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rückhalt dahin ausgesprochen, „daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden (den einheimischen Christen) gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden“.
Der armenische Patriarch äußerte einige Tage später zu demselben Beamten, daß die Maßregeln der Pforte nicht nur die zeitweilige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, sondern ihre Austreibung aus der Türkei, oder vielmehr ihre Ausrottung bezweckten. Die Deportierung sei ebenso schlimm wie ein Massakre, und es würde nicht zu verwundern sein, wenn die Armenier sich schließlich zur Wehr setzten, selbst ohne Aussicht auf Erfolg „wie ein gequältes Tier, das gegen seine Peiniger ausschlägt“. Er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben, durch Schritte bei der türkischen Regierung eine Wendung zum Besseren herbeiführen zu können. Er ist nach wie vor — und wie wohl alle Armenier, soweit sie Kenntnis von den Vorgängen haben — der Überzeugung, daß die von der Regierung den Armeniern vorgeworfenen Ausschreitungen durch das Vorgehen der Behörden hervorgerufen worden sind.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
82.
Deutsch-Armenische
Gesellschaft.
Potsdam, den 18. Juni 1915.
Aus Sofia erhielt ich die folgenden Telegramme:
Sofia, aufgegeben den 14.6.
Potsdam, aufgenommen den 16.6.
„Von verbannten Armeniern sind vorläufig Aknuni, Hajak, Zarterian, Minassian nach Angora vor Kriegsgericht geschickt. Man räumt Armenien von Armeniern. Aus Ersindjian, Marasch, Hadjin, Aintab ist armenische Bevölkerung ins Innere Mesopotamiens verschickt. In ganz Cilicien massenhafte Verbannung aller Armenier. Auch aus Konstantinopel. Allgemeine Verzweiflung. Über unternommene Schritte bitten uns zu informieren.“
Sofia, aufgegeben den 17.6.
Potsdam, aufgenommen den 18.6.
„Konstantinopel sind 20 Hentschakisten hingerichtet. Dasselbe Schicksal droht nach Angora verbannten Daschnakisten. Wir bitten alles Mögliche zu tun, um diesem Unglück vorzubeugen.“
Dr. Johannes Lepsius.
An das Auswärtige Amt.
83.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 18. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Die Deutsch-armenische Gesellschaft hat Nachricht erhalten, daß 20 Hentschakisten hingerichtet sind und daß den nach Angora verbannten dort vor Kriegsgericht gestellten Daschnakisten, darunter angesehensten Führern der loyalen Armenier wie Aknuni, Zarterian u. a. gleiches Schicksal droht. Falls die Nachricht zutreffend, ist zu befürchten, daß bisher loyale Armenier ins Ententelager getrieben werden und Empörung sich in Attentaten und Putschen gegen dortige Machthaber Luft macht. Anheimstelle die Pforte dringend vor übereilten Schritten zu warnen und zu befürworten, daß etwaige Todesurteile gegen Daschnakistenführer aufgehoben werden.
Zimmermann.
84.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die aus der Ebene von Erzerum ausgewiesenen Armenier sind auf dem Wege über Ersindjan nach Kharput von Kurden und ähnlichem Gesindel überfallen worden. Die Männer und Kinder sind größtenteils ermordet, die Frauen geraubt worden. Die Regierung kann oder will nichts zum Schutz Ausgewiesener tun. Welche Schritte soll ich in dieser Angelegenheit und zur Verhinderung weiterer Abschlachtungen unternehmen?
Scheubner.
85.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 18. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 19. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Sind Gerüchte über Armenieraufstand in Adana zutreffend? Erbitte Drahtmitteilung.
Scheubner.
86.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 19. Juni 1915.
An Pfarrer Ehmann,
Deutsche Missionsstation Mamuret ul Aziz.
Auf Telegramm vom 18. Juni.
Nach Auskunft Ministerium des Innern ist Ausweisung dortiger armenischer Bevölkerung nicht beabsichtigt.
Wangenheim.
87.
(Kaiserlich
Deutsches Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 21. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 22. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der hiesige Wali Djelal Bey hat den Befehl erhalten, mit dem Wali von Angora zu tauschen. Abberufung ist auf seine Haltung in der armenischen Frage zurückzuführen. Djelal Bey hatte bisher aus dem Wilajet Aleppo keine Armenier verbannt und sich dafür verbürgt, daß sie ruhig bleiben. Offenbar will die Regierung auch hier freie Hand haben.
Die Abberufung ist im türkischen Interesse bedauerlich.
Rößler.
88.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 21. Juni 1915.
An Deutsches Konsulat, Erzerum.
Antwort auf das Telegramm vom 18. Juni.
Ich bitte dem Wali eindringlich vorzustellen, daß solche schmachvollen Vorfälle das Ansehen der Regierung bei den Freunden der Türkei und im neutralen Auslande schädigen und die Autorität der Behörden im Innern untergraben. Repressalien und Racheakte von Seiten der Russen und Armenier in den von ihnen besetzten Gebieten sind die unausbleibliche Folge. Auch wird dadurch die Stellung der Türkei bei den künftigen Friedensverhandlungen erschwert und erneut Grund zur Einmischung der Mächte in die armenischen Angelegenheiten gegeben. Wenn wir auch gegen Maßregeln, soweit sie durch die Kriegslage gerechtfertigt sind, keine Einwendungen erheben können, so müssen wir doch um so energischer, auch in unserem Interesse, darauf dringen, daß Niedermetzelungen der wehrlosen Bevölkerung unterbleiben. Pflicht der Ortsbehörden ist es, solche Vorkommnisse mit allen Mitteln zu verhindern, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung auf sich laden wollen.
Zu Ihrer persönlichen Information bemerke ich, daß ich in gleichem Sinne Vorstellungen bei der Pforte erheben werde.
Wangenheim.
89.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 22. Juni 1915.
An Deutsches Konsulat, Adana.
Gerücht meldet Armenieraufstand Adana. Erbitte Drahtbericht.
Wangenheim.
90.
(Kaiserliches
Konsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana, den 23. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Wilajet Adana kein Armenieraufstand. Hier herrscht überall Ruhe und Ordnung.
Büge.
91.
(Kaiserlich
Deutsches Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 21. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Am 19. und 20. Juni ist die zweite Gruppe ausgewiesener Armenier — ca. 300 Familien — von hier abgegangen. Auf meine Vorstellung und infolge der im Telegramm vom 18. berichteten Vorfälle hat der Wali 100 Gendarmen mitgegeben.
Scheubner.
92.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 22. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 23. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich habe dem Wali instruktionsgemäß Vorstellungen gemacht. Er gab Schmachvolles der Vorgänge zu, bedauerte es und versprach sein möglichstes zu tun, damit Wiederholung solcher Vorfälle vermieden werde. Habe Wali ersucht, Armeeoberkommando von meinen Vorstellungen Kenntnis zu geben.
Scheubner.
93.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Pera, den 23. Juni 1915.
Ankunft Berlin, den 24. Juni 1915.
An Auswärtiges Amt.
Armenischer Patriarch wird Reise des Dr. Lepsius hierher mit Freude begrüßen. Auch dürfte sie wohl dazu beitragen, auf die uns mißgestimmten armenischen Kreise günstig hinzuwirken. Der Minister des Innern verspricht sich allerdings keinen Erfolg davon und bedauert, Dr. Lepsius das Reisen im Innern nicht gestatten zu können, erklärt aber im übrigen, daß es ihm freistände, hierher zu kommen.
Wangenheim.
94.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 24. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 25. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In Karahissar ist es zu Ausschreitungen gegen die Armenier gekommen. Hier hat heute die Verhaftung der Armenier zwecks Abtransports begonnen. Vom Wali wurden mir die bestimmtesten Versicherungen gegeben, daß die Durchführung der Ausweisung auch im Falle des Widerstands der Armenier unter Ausschaltung des jungtürkischen Komitees oder sonstiger Privatpersonen lediglich den Behörden überlassen sei. Damit dürfte der Gefahr von Ausschreitungen gegen die Armenier hier nach Möglichkeit vorgebeugt sein.
Bergfeld.
95.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. Juni.
An Deutsches Konsulat, Trapezunt.
Antwort auf Telegramm vom 24. Juni.
Letzthin sind in Erzerum, Diarbekr und anderwärts deportierte Armenier wiederholt von Wegelagerern, angeblich sogar von den Begleitmannschaften überfallen und niedergemacht worden. Ich bitte daher dem Wali eindringlich anzuempfehlen, für den Schutz der Deportierten während des Transports Sorge zu tragen.
Wangenheim.
96.
(Deutscher Hilfsbund
Mamuret ul Aziz.)
Telegramm.
Mamuret ul Aziz, den 26. Juni 1915.
Ankunft den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Nach all den Nöten der letzten Zeit jetzt Ausweisung der gesamten christlichen Bevölkerung von Stadt und Land unterschiedslos befohlen. Bitte im Namen der Menschlichkeit um Fürsprache, daß den Unschuldigen, den Schwachen und Greisen Gnade erwiesen werde. Ferner ersuche ich Euer Exzellenz um Schutz für unsere Anstalten und alle unsere Angestellten.
Ehmann.
97.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 26. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Heute erschien Bekanntmachung: Armenier, auch Frauen und Kinder, haben binnen fünf Tagen abzureisen.
Bergfeld.
98.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 26. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings hat der Oberkommandierende angeordnet, alle Armenier aus Erzerum auszuweisen. Dieser militärisch unbegründete und meines Erachtens nur auf Rassenhaß zurückzuführende Befehl dürfte, falls er wirklich zur Ausführung kommt, auch für die Armee bedenklich sein, da alle Militärhandwerker, Chauffeure etc. Armenier sind.
Scheubner.
99.
(Kaiserliches
Konsulat Samsun.)
Telegramm.
Samsun, den 27. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Regierung verhängte Ausweisung des gesamten armenischen Volkes nach Mesopotamien mit fünftägiger Frist zur Regelung ihrer Ortsangelegenheiten.
Kuckhoff.
100.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 27. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 28. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an mein Telegramm vom 26. Juni.
Die Deportation trifft allein im Wilajet Trapezunt rund dreißigtausend Personen. Ein Transport derartiger Massen über hunderte von Kilometern auf Wegen, wo es an Unterkommen und Verpflegung mangelt und die 300 Kilometer weit durch Flecktyphus verseucht sind, würde besonders unter den Frauen und Kindern ungeheure Opfer fordern; hierdurch würde nicht nur das moralische Ansehen der Türkei, sondern auch das ihrer Verbündeten leiden. Ich halte mich verpflichtet, Euere Exzellenz auf die Gefahren der Massendeportation vom Standpunkt der Menschlichkeit und des Prestige hinzuweisen. Der hiesige Wali beruft sich auf Weisungen aus Konstantinopel.
Mein österreichischer Kollege berichtet seiner Botschaft im gleichen Sinne. Vielleicht verzichtet die türkische Regierung auf die Verschickung der Frauen und Kinder oder begnügt sich mit ihrer Unterbringung in der Nähe, soweit sie ihren Männern nicht freiwillig folgen.
Bergfeld.
101.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 28. Juni 1915.
Telegramm.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wramian, Abgeordneter von Wan und Führer der Daschnakzagan, soll, wie Dr. Lepsius erfährt, vermutlich zur Hinrichtung nach Konstantinopel gebracht werden. Lepsius bittet zu intervenieren.
Zimmermann.
Notiz.
In armenischen Kreisen ist über die Sache nichts Näheres bekannt. Der Patriarch sagte mir heute: Wramian (alias Onik Tertzakian) sei schon vor 1½ Monaten, als Wan noch in türkischen Händen war, verhaftet und von Wan fortgeschafft, und dann auf dem Transport in Bitlis umgebracht worden.
5./7. Mordtmann.
102.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 29. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 1. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die armenischen Familien haben Befehl erhalten, sich morgen Abend zur Abreise bereit zu halten. Mit meinen sämtlichen Kollegen bin ich der Ansicht, daß der Transport der Frauen und Kinder unter den im Telegramm vom 27. Juni geschilderten Verhältnissen an Massenmord grenzt. Ich setze meine Bemühungen fort, beim hiesigen Wali eine Erweiterung der Ausnahmen zu erzielen. Ein genereller Ausschluß der Frauen und Kinder von dieser Deportation kann aber nur durch eine Anordnung der Pforte erreicht werden.
Bergfeld.
103.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 29. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 29. Juni 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Zohrab und Wartkes Effendi, die beiden bekannten armenischen Abgeordneten, befinden sich gegenwärtig hier auf dem Transport nach Diarbekr.
Nach allem, was von dort bekannt, ist anzunehmen, daß dies ihren sicheren Tod bedeutet. Zohrab ist herzleidend, Frau von Wartkes hat eben geboren.
Ich stelle gehorsamst anheim, ein Wort einzulegen, daß sie in Aleppo bleiben dürfen.
Ich schreibe dieses Telegramm auf Verwendung eines hochstehenden Muhammedaners.
Rößler.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
12. Juli 1915.
Notiz.
Nach dem Bericht des Katholikos von Sis aus Aleppo vom 18. v. M. befanden sich dort außer Zohrab und Wartkes noch Dr. Dagavarian, Aknuni, Zarterian (Chefredakteur des Azadamart) und Hajak (Mitarbeiter des Azadamart). Wie mir der Patriarch neulich erzählte, geht es in Diarbekr schlimm zu: ein Dutzend Armenier sind in der Voruntersuchung zu Tode geprügelt worden, der dortige armenische Bischof hat aus Verzweiflung Selbstmord begangen. Wartkes Ef. hatte seinerzeit während der Gegenrevolution den bekannten Halil Bey mehrere Wochen bei sich versteckt.
Mordtmann.
104.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Abgang aus Erzerum, den 30. Juni 1915.
Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf Telegramm vom 18. Juni.
Zahl der Armenier, die unterwegs ermordet wurden, dreitausend.
Scheubner.
Juli.
105.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 2. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 2. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wali hat die Ausnahme auf Kinder unter 10 Jahren ausgedehnt.
Der aus Erzerum über Ersindjan hier eingetroffene Unteroffizier Schlimme berichtet: Zwischen Mamachatun und Ersindjan habe er eine etwa 400 Mann starke Bande unter französisch sprechenden Führern[68] getroffen, die anscheinend auf Armenier aus Erzerum wartete. Zwischen Ersindjan und Sipikor sei er armenischen Frauen begegnet, welche aus Hunger Gras aßen. Schließlich habe er aus sicherer Quelle erfahren, daß die aus Ersindjan deportierten Armenier in den Bergen hinter Ersindjan von Soldaten niedergemacht worden sind.
Bergfeld.
106.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 7. Juli 1915.
Die Austreibung und Umsiedlung der armenischen Bevölkerung beschränkte sich bis vor etwa 14 Tagen auf die dem östlichen Kriegsschauplatze benachbarten Provinzen und auf einige Bezirke der Provinz Adana. Seitdem hat die Pforte beschlossen, diese Maßregel auch auf die Provinzen Trapezunt, Mamuret ul Aziz und Siwas auszudehnen, und mit der Ausführung begonnen, obwohl diese Landesteile vorläufig von keiner feindlichen Invasion bedroht sind.
Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedelung durchgeführt wird, zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten.
In dieser Beziehung darf ich meinen früheren Berichten noch folgendes hinzufügen:
Am 26. Juni wurden, wie der Kaiserliche Konsul in Trapezunt meldet, die dortigen Armenier angewiesen, binnen fünf Tagen abzureisen; ihr Hab und Gut sollte unter der Obhut der Behörden zurückbleiben. Nur Kranke waren ausgenommen; hinterher wurde noch eine Ausnahme für Witwen, Waisen, Greise und Kinder unter fünf Jahren, ferner für Kranke und für die katholischen Armenier zugelassen. Nach neuerer Meldung sind aber die meisten Ausnahmen wieder aufgehoben, und es bleiben nur Kinder und Transportunfähige zurück, welch letztere in Hospitäler gebracht werden.
Im ganzen werden allein im Wilajet Trapezunt rund 30000 Personen betroffen, die über Erzindjan nach Mesopotamien abgeschoben werden sollen. Ein solcher Massentransport nach einem viele hunderte Kilometer entfernten Bestimmungsorte ohne genügende Transportmittel durch Gegenden, die weder Unterkunft noch Nahrung bieten und von epidemischen Krankheiten, namentlich vom Flecktyphus verseucht sind, dürfte besonders unter Frauen und Kindern zahlreiche Opfer fordern. Außerdem führt der Weg der Umgesiedelten durch die kurdischen Distrikte von Dersim, und der Wali von Trapezunt erklärte offen dem Konsul, der ihm auf diesseitige Weisung hin darüber Vorstellungen machte, daß er nur bis Erzindjan für die Sicherheit des Transportes garantieren könnte. Von da ab läßt man die Auswanderer durch die Banden der Kurden und anderer Wegelagerer förmlich Spießruten laufen. So sind z. B. die aus der Ebene von Erzerum ausgetriebenen Armenier auf dem Wege nach Kharput angefallen worden, wobei die Männer und Kinder niedergemacht und die Frauen geraubt wurden. Der Kaiserliche Konsul in Erzerum gibt die Zahl der bei dieser Gelegenheit umgekommenen Armenier auf 3000 an.
In Trapezunt sind die Armenier massenhaft zum Islam übergetreten, um sich der drohenden Deportation zu entziehen und Leben wie Hab und Gut zu retten.
Abgesehen von dem materiellen Schaden, der dem türkischen Staate durch die Depossedierung und Vernichtung eines arbeitsamen und intelligenten Bevölkerungselementes erwächst — für das die an seine Stelle tretenden Kurden und Türken vorläufig keinen nennenswerten Ersatz bieten —, werden auch unsere Handelsinteressen und die Interessen der in jenen Landesteilen bestehenden deutschen Wohltätigkeitsanstalten empfindlich geschädigt.
Ferner verkennt die Pforte die Wirkung, welche diese und andere Gewaltmaßregeln wie z. B. die Massenhinrichtungen hier und im Innern auf die öffentliche Meinung des Auslandes ausüben, und die weiteren Folgen für die Behandlung der armenischen Frage bei den zukünftigen Friedensverhandlungen.
Ich habe es daher für geboten erachtet, die Pforte darauf aufmerksam zu machen, daß wir Deportationen der Bevölkerung nur insofern billigen, als sie durch militärische Rücksichten geboten ist und zur Sicherung gegen Aufstände dient, daß aber bei Ausführung dieser Maßregel die Deportierten vor Plünderung und Metzeleien zu schützen seien. Um diesen Vorstellungen den nötigen Nachdruck zu geben, habe ich sie schriftlich in Form eines Memorandums zusammengefaßt, das ich am 4. d. M. dem Großwesir persönlich überreicht habe; Abschriften dieses Memorandums habe ich nachträglich den Ministerien des Äußern und des Innern übergeben lassen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Memorandum der Deutschen Botschaft in Pera,
am 4./7. 1915 dem Großwesir überreicht.
Les mesures de répression décrétées par le Gouvernement Impérial contre la population arménienne des provinces de l’Anatolie Orientale ayant été dictées par des raisons militaires et constituant un moyen de défense légitime, le Gouvernement Allemand est loin de s’opposer à leur mise en exécution, tant que ces mesures ont le but de fortifier la situation intérieure de la Turquie et de la mettre à l’abri de tentatives d’insurrections.
A ce sujet, les vues du Gouvernement Allemand s’accordent tout à fait avec les explications données par la Sublime Porte en réponse aux menaces que les puissances de l’entente lui avaient adressées dernièrement à la suite des prétendues atrocités commises sur les Arméniens en Turquie.
De l’autre côté, le Gouvernement Allemand ne peut pas dissimuler les dangers créés par ces mesures de rigueur et notamment par les expatriations en masse qui comprennent indistinctement les coupables et les innocents, surtout quand ces mesures sont accompagnées d’actes de violence, tels que massacres et pillages.
Malheureusement, d’après les informations parvenues à l’Ambassade, les autorités locales n’ont pas été en état d’empêcher des incidents de ce genre, qui sont regrettables sous tous les rapports.
Les puissances ennemies en profiteront pour fomenter l’agitation parmi les Arméniens et les nouvelles qu’on en répandra à l’étranger, ne manqueront pas de causer une vive émotion dans les pays neutres, surtout dans les Etats-Unis d’Amérique, dont les représentants ont depuis quelque temps commencé a s’intéresser au sort des Arméniens en Turquie.
Le Gouvernement Allemand croit de son devoir, comme puissance amie et alliée de la Turquie, d’attirer l’attention de la Sublime Porte sur les conséquences qui en pourraient résulter au détriment de leurs intérêts communs tant pendant la guerre actuelle qu’à l’avenir; il est à prévoir que lors de la conclusion de la paix la question arménienne servira de nouveau de prétexte aux puissances étrangères pour s’ingérer dans les affaires internes de la Turquie.
L’Ambassade pense qu’il serait d’urgence de donner des ordres péremptoires aux autorités provinciales afin qu’elles prennent des mesures efficaces pour sauvegarder la vie et la propriété des Arméniens expatriés, aussi bien pendant leur transport que dans leurs nouveaux domiciles.
Elle pense également qu’il serait prudent de surseoir, pour le moment, à l’éxecution des arrêts de mort déjà rendus ou à rendre contre des Arméniens par les cours martiales de la capitale ou dans les provinces, surtout à Diarbékir et à Adana.
Enfin l’Ambassade d’Allemagne prie le Gouvernement Ottoman, de prendre en considération les nombreux intérêts du commerce allemand et des établissements de bienfaisance allemands dans les provinces où on procède actuellement à l’expulsion des Arméniens. Le départ précipité de ces derniers portant un grave préjudice à ces intérêts, l’Ambassade verrait avec reconnaissance, si la Sublime Porte voulait bien, dans certains cas, prolonger les délais de départ accordés aux expulsés et permettre à ceux qui font partie du personnel des établissements de bienfaisance en question, ainsi qu’aux élèves, orphelins et autres personnes qui y sont entretenus, de continuer à habiter dans leurs anciens domiciles sauf, bien entendu, le cas où ils auraient été reconnus coupables d’actes qui nécessiteraient leur éloignement.
107.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 8. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 9. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings sind wieder strenge Befehle von Djemal Pascha gegeben, welche die Verhütung von Armeniermetzeleien bezwecken. Er hat der Regierung vorgeschlagen, auch für den Bereich der 3. Armee gleiche Befehle zu geben. Sein Befehlsbereich schließt nach Osten mit Urfa ab, während Diarbekr zur 3. Armee gehört. Anheimstelle in gleichem Sinne wie Djemal auf Regierung einzuwirken.
Rößler.
108.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 9. Juli 1915.
Der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet unter dem 8. d. M. folgendes:
„Der von Mossul zurückgekehrte Major von Mikusch berichtet folgendes:
Vor etwa einer Woche haben Kurden in Tell Ermen und einem benachbarten armenischen Dorf Armeniermetzeleien veranstaltet. Die großen Kirchen sind zerstört; Herr von Mikusch hat selbst 200 Leichen gesehen. Miliz und Gendarmerie hat Metzelei mindestens geduldet, wahrscheinlich sich daran beteiligt.
Zwischen Nisibin und Tell Ermen haben Ersatztruppen (entlassene Sträflinge) ein niedergemetzeltes armenisches Dorf vollständig ausgeraubt und einschließlich ihres Offiziers freudestrahlend von Massakres erzählt.
In Djerabulus sind vielfach zusammengebundene Leichen Euphrat abwärts getrieben.“
In einem weiteren Telegramm von demselben Tage berichtet Herr Rößler, daß Djemal Pascha neuerdings strenge Befehle erteilt, um die Niedermetzelung von Armeniern in seinem Befehlsbereiche zu verhüten, und hier beantragt habe, gleiche Befehle für den Bereich der dritten Armee zu erlassen.
Zu letzterer gehört u. a. auch Wilajet Diarbekr, in dem die Armenier besonders grausam verfolgt werden sollen. Das Kriegsgericht von Diarbekr führt augenblicklich eine Untersuchung gegen eine Anzahl Führer des Daschnakistenbundes wegen hochverräterischer Umtriebe; man nimmt an, daß sämtliche Angeschuldigte, darunter auch solche, die früher in engen Beziehungen zum jungtürkischen Komitee „Einheit und Fortschritt“ standen, zum Tode verurteilt werden. Über die sonstigen Vorgänge dort ist hier nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. Der armenische Bischof (Murachas) von Diarbekr soll aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.
Aus Erzerum telegraphiert Herr von Scheubner unter dem 8. d. M., daß nach neueren Nachrichten aus Baiburt, Erzindjan und Terdjan die Armeniermassakres dort wieder begonnen haben. Er ist der Ansicht, daß diese Greuel durch das Komitee, dessen Mitglieder dort als Nebenregierung eine verhängnisvolle Rolle spielen, unter Konnivenz der Behörden gefördert werden.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
109.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Trapezunt, den 9. Juli 1915.
Nach dem Eintritt der Türkei in den Krieg machten sich unter den hiesigen Armeniern ernste Befürchtungen für ihre persönliche Sicherheit bemerkbar. Obwohl keinerlei Anzeichen auf bevorstehende Ausschreitungen hindeuteten, habe ich dennoch den Schutz der Christen in Trapezunt und Umgegend bei dem hiesigen Wali in freundschaftlicher Form zur Sprache gebracht. Er gab mir die bestimmtesten Versicherungen, daß gegen sie nichts unternommen werden würde, solange sie selber sich ruhig verhielten, und zeigte mir ein Telegramm des Ministeriums des Innern, in welchem Talaat Bey die Armenier dem besonderen Schutz der Behörden empfahl.[69] Tatsächlich haben sich die Christen hier auch zunächst der größten Sicherheit erfreut, und einige bei Armeniern notwendige Haussuchungen wurden, wie mir von den Armeniern selber versichert worden ist, mit der größten Rücksicht durchgeführt. Dies bedarf um so mehr der Anerkennung, als an der Küste russische armenische Freischaaren in Banden nicht nur gegen die Türken kämpfen, sondern auch gegen die russischen Muhammedaner die schwersten Ausschreitungen begangen haben[70]. Tausende vor ihnen flüchtende Muhammedaner sind hier eingetroffen und zum größten Teil in das Innere weiter transportiert worden.
Die hiesigen Christen machten aus ihrer Abneigung gegen die Türkei und ihren Sympathien für den Dreiverband, insonderheit für Rußland, kein Hehl, und die hier umgehenden Gerüchte unsinnigster Art, wie Fall der Dardanellen, Konstantinopels, Erzerums, russische Landung bei Midia, oder gar Flucht des Sultans nach Brußa sind auf sie zurückzuführen. Es kam dann die Aufdeckung der Verschwörung gegen das jungtürkische System und seine Führer[69], der Aufstand der Armenier in der Provinz Wan[71] und Unruhen von ihrer Seite an anderen Orten der Türkei. Dies veranlaßte wohl die Hohe Pforte, gegen die Armenier Ausnahmemaßregeln zu ergreifen.
Am 24. Juni wurden die hiesigen Führer der armenischen Komitees verhaftet und über Samsun in das Innere abgeschoben. Am gleichen Tage erfuhr ich, daß die Deportierung sämtlicher Armenier erwogen werde und daß sich eine Strömung geltend mache, diesen Anlaß zu Ausschreitungen gegen die hiesigen Armenier zu benützen. Ich habe den Wali hierauf hingewiesen und von ihm die bündigsten Erklärungen erhalten, daß eine etwaige Ausweisung der Armenier, selbst bei bewaffnetem Widerstand, lediglich von den Zivil- und Militärbehörden, unter Ausschaltung irgendwelcher unverantwortlicher Privatpersonen, durchgeführt werden würde. Am 26. Juni wurden dann die Armenier aufgefordert, sich zur Abschiebung ins Innere nach Ablauf von 5 Tagen bereit zu halten. Nur den Kranken wurde erlaubt, zu bleiben, und ihre Unterbringung in Krankenhäuser vorgesehen. Der Verkauf irgend welcher Sachen war ihnen verboten. Die Läden und Magazine sollten versiegelt, alle Gegenstände aus den Wohnungen an bestimmte Orte gebracht und dort der Obhut der Regierung unterstellt, Geld zur etappenweisen Nachsendung auf dem Postamt abgeliefert werden.
Von der Deportierung wurden in der Provinz Trapezunt etwa 30000 Personen betroffen. Ein solcher Massentransport auf Straßen, wo es an genügend Nahrung und Unterkommen mangelt und welche in ihren ersten 300 km als völlig verseucht mit Flecktyphus angesprochen werden müssen, mußte unter den Armeniern, besonders unter Frauen und Kindern, ungeheure Opfer fordern, die im Ausland und auch in Deutschland eine berechtigte Kritik einer derartig weitgehenden Maßregel herausgefordert hätten. Ich habe daher der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel von der Sachlage Kenntnis gegeben und mich gleichzeitig bemüht, bei dem hiesigen Wali eine Milderung der Ausweisung zu erreichen. Er zeigte meinen Vorstellungen ein williges Gehör und Entgegenkommen. So wurden von der Deportierung zunächst ausgenommen: Alle Kinder unter 10 Jahren, Witwen und Waisen, sowie alle weiblichen Personen, welche zurzeit ohne männlichen Schutz sind, worunter auch die Familien der unter den Waffen Stehenden fielen, Kranke und Schwangere, sowie die katholischen Armenier. Den Kranken und Schwangeren wurde überdies erlaubt, in ihrer Wohnung zu bleiben und eine weibliche Familienangehörige zu ihrer Pflege bei sich zu behalten; Kinder konnten bei Bekannten untergebracht werden. Schließlich wurde den Ausgewiesenen auch gestattet, Wertgegenstände, sowie ihren Hausrat nach einer Einholung einer Genehmigung des Polizeidirektors zu verkaufen. Nach diesen Grundsätzen wurden an den ersten beiden Tagen des Abtransportes verfahren, wobei in bezug auf das Alter der Kinder und auf Krankheiten der Frauen Nachsicht geübt wurde. Bedauerlicherweise wurden am dritten Tage, anscheinend auf Weisungen aus Konstantinopel, alle hier erreichten Ausnahmen, abgesehen von der Erlaubnis des Bleibens für die Kinder, wieder aufgehoben.
Der Abtransport aus der Stadt Trapezunt und der nächsten Umgegend ist beendet.
Für die Sicherheit der Deportierten während des Transports hat der Wali mir beruhigende Versicherungen gegeben. Ich vertraue auch seiner Energie und seinem guten Willen, daß innerhalb seines Machtbereiches den Armeniern nichts zustoßen wird. Indessen deuten Anzeichen darauf hin, daß an anderen Orten an eine Ausrottung der Armenier gedacht wird. So sind zwischen Erzindjan und Diarbekr Armenier auf der Bergstraße, angeblich von Kurden, niedergemetzelt worden, und größere Banden von Wegelagerern unter französisch sprechenden Führern haben sich bei Erzerum und Baiburt gezeigt. Es ist immerhin auffallend, daß in jener Gegend, welche bisher unbedingt sicher war, sich größere Banden bilden können. Ohne für meine Meinung Beweise bringen zu können, vermag ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß das jungtürkische Komitee als treibende Kraft für das Vorgehen gegen die Armenier anzusehen ist. Das Zentralkomitee scheint auf diese Weise der armenischen Frage endgültig ein Ende machen zu wollen. Denn diejenigen Armenier, welche ihren Bestimmungsort wirklich erreichen, werden nur ausnahmsweise später in ihre alten Wohnsitze zurückkehren. Den Meisten unter ihnen wird es schon an den nötigen Mitteln fehlen. Damit wird es künftig keine Provinzen mit einem starken Prozentsatz armenischer Bevölkerung mehr geben. Die Lokalkomitees der Jungtürken hoffen bei der Deportierung der Armenier aus der Aneignung von deren Gütern reichen Privatgewinn zu finden, und bei der Abhängigkeit der meisten Verwaltungsbehörden vom Komitee werden sie sicher in ihrer Berechnung sich nicht getäuscht haben.
Meine hiesigen Kollegen haben ihren Botschaften in Konstantinopel von dem Ausweisungsbefehl telegraphisch Kenntnis gegeben. Die Vertreter von Italien und Amerika, denen ein chiffrierter Verkehr mit ihren Botschaften nicht gestattet ist, haben sich auf eine kurze Mitteilung der Tatsache beschränken müssen. Der Konsul von Österreich-Ungarn hat seine vorgesetzte Behörde auf die großen Gefahren, welche die Massendeportierung für Frauen und Kinder bietet, hingewiesen. Bei dem hiesigen Wali hat der österreichische Kollege für einige Kinder, der amerikanische Konsul für die seinem Schutze unterstellten persischen Armenier interveniert, beide erfolglos.
In den kritischen Tagen wurde die in nächster Nähe des Kaiserlichen Konsulats gelegene Polizeiwache militärisch verstärkt und meine Privatwohnung unauffällig von Militär bewacht. Einen Schutz meiner Person, auch für meine Ritte in die Stadt und zurück, habe ich abgelehnt.
Dr. Bergfeld.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
110.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 10. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 11. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Von dem zurzeit hier anwesenden früheren Mutessarrif von Mardin wird mir folgendes mitgeteilt:
Der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, wüte wie ein toller Bluthund unter der Christenheit seines Wilajets; vor kurzem habe er auch in Mardin 700 Christen (meistens Armenier), darunter den armenischen Bischof, in einer Nacht durch Gendarmerie, die dazu aus Diarbekr entsandt wurde, sammeln und in der Nähe der Stadt wie Hammel abschlachten lassen. Reschid Bey fahre fort in seiner Blutarbeit unter den Unschuldigen, deren Zahl heute über zweitausend betrage.
Ergreift die Regierung nicht sofort ganz energische Maßnahmen gegen Reschid Bey, so wird die muselmanische niedere Bevölkerung des hiesigen Wilajets gleichfalls Christenmetzeleien beginnen. Die Lage wird hier von Tag zu Tag drohender.
Die Regierung sollte Reschid Bey sofort abberufen und damit dokumentieren, daß sie seine Schandtaten nicht billigt, das würde die allgemeine Erregung hier beschwichtigen[72].
Holstein.
111.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. Juli 1915.
An Deutsches Konsulat Mossul.
Inhalt Ihres Telegramms vom 10. Juli werde ich der Pforte mitteilen.
Wangenheim.
112.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Le 12 Juillet 1915.
Dem Minister des Innern Talaat Bey übergeben:
L’Ambassade d’Allemagne vient d’apprendre d’une source digne de foi ce qui suit:
Le Wali de Diarbekir, Réchid Bey a dans les derniers temps organisé des massacres en règle parmi la population chrétienne de sa circonscription sans distinguer les Arméniens des chrétiens appartenant à d’autres confessions, et sans se soucier s’il s’agit de coupables ou d’innocents.
A ce propos on rapporte le fait suivant, qui s’est passé tout dernièrement:
Sur les ordres de Réchid Bey des gendarmes de Diarbekir se rendirent à Mardine et y arrêtèrent l’évêque Arménien avec un grand nombre d’Arméniens et d’autres chrétiens, en tout sept cent personnes; tout ce monde fut conduit pendant la nuit à un endroit hors de la ville et égorgé comme des moutons.
Le nombre total des victimes de ces massacres est évalué à 2000 âmes.
Si le Gouvernement Impérial ne prend pas de mesures contre Réchid Bey il est à craindre que les basses classes de la population musulmane des Vilayets environnants ne se lèvent à leur tour pour se livrer à un massacre général de tous les habitants chrétiens.
113.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 15. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 16. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Das chaldäische Dorf Feihschahbur bei Djesireh (Wilajet Diarbekr) ist vorigen Sonntag von muselmanischen Kurden überfallen und seine ausschließlich aus chaldäischen Christen bestehende Bevölkerung massakriert worden.
Solange die Regierung nichts gegen den Wali von Diarbekr unternimmt, kann mit dem Aufhören der Massakres nicht gerechnet werden.
Holstein.
114.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Die von Herrn Lepsius mitgeteilten Tatsachen[73] werden durch die der Kaiserlichen Botschaft vorliegenden Nachrichten aus anderen Quellen, namentlich durch die konsularischen Berichte, bestätigt; ebenso dürften die daran geknüpften Betrachtungen zutreffen.
Die Pforte fährt trotz der wiederholten eindringlichen Vorstellungen, die wir dagegen erhoben haben, fort, die Armenier zu deportieren und durch die Ansiedlung in unwirtlichen Gegenden der Vernichtung preiszugeben. Wir können sie nicht daran hindern und müssen ihr die Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Maßregel überlassen.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
115.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 16. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 17. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der gestern hierher zurückgekehrte hiesige Wali teilte mir mit:
1. Der Kaimakam von Midiat (Muselman) wurde kürzlich auf Befehl des Wali von Diarbekr ermordet, da er sich geweigert hatte, die Christen seines Bezirks massakrieren zu lassen.
2. Von den aus dem Wilajet Diarbekr hierher verbannten Armeniern sind nur Frauen und Kinder angekommen, und von den letzteren auch nur etwa ein Drittel der ursprünglichen Anzahl; die Männer wurden sämtlich unterwegs ermordet; von den Frauen wurden die jungen unter die muselmanischen Kurden verteilt.
Der hiesige Wali hat Maßnahmen getroffen, um im Wilajet Mossul Christenmassakres zu verhindern; ich fürchte jedoch, daß diese Maßnahmen schon zu spät kommen.
Holstein.
116.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Euere Exzellenz beehre ich mich anbei Abschrift eines Berichts des Kaiserlichen Vizekonsuls in Samsun vom 4. d. M. über Armenieraustreibungen zu überreichen. Ich habe Herrn Kuckhoff mitgeteilt, daß ich mit seiner Haltung und seinen Ausführungen einverstanden sei, ihn auch mit Weisungen wegen Sicherstellung der deutschen Interessen zu versehen. Meine Einwirkungen bei der Pforte versprechen leider nur geringen Erfolg.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserlich
Deutsches Vizekonsulat.
Samsun, den 4. Juli 1915.
Die Maßregel der Deportation — anscheinend für alle anatolischen Wilajets gültig, ist von einer Härte und dem Menschlichkeitsgefühl so widerstrebend, daß sie nicht gleichgültig hingenommen werden kann. Es handelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes, dessen Angehörige an der revolutionären Bewegung keinen direkten Anteil hatten, also unschuldige Opfer sind. Die Art der Ausführung des Verbannungsbefehls droht Formen anzunehmen, die nur in der Judenverfolgung Spaniens und Portugals ein Gleichnis finden. Die Regierung entsandte fanatische, strenggläubige muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, selbstverständlich unter Androhung der schwersten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Soviel mir bekannt, sind bis heute hier schon viele Familien übergetreten und täglich vermehrt sich deren Zahl. Die Mehrheit der Unglücklichen widerstand bis jetzt den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Fast keinem verblieb Zeit zur Regelung seiner Angelegenheiten. Nur mit dem Notdürftigsten versehen, mußten sie ihr Heim und Hab und Gut im Stiche lassen. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Punkten jetzt zurückgehalten, um dort noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden; einige von ihnen kehrten zu diesem Zwecke auch nach hier zurück. In der Umgebung von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisiert worden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen wurden, außer den Renegaten, niemandem zuteil. Alle Armenier ohne Ausnahme: Männer, Frauen, Greise, Kinder bis zum Säugling, Altgläubige, Protestanten und Katholiken — welch letztere sich nie einer nationalen revolutionären Bewegung anschlossen und auch von Abdul Hamid verschont wurden — mußten fort. Kein christlicher Armenier darf hier bleiben; selbst nicht solche ausländischer Staatsangehörigkeit; letztere sollen ausgewiesen werden. Der Bestimmungsort der Samsuner Verbannten ist nach Aussage des Mutessarrifs Urfa.
Es ist selbstverständlich, daß kein christlicher Armenier dieses Ziel erreicht. Nachrichten aus dem Innern melden bereits das Verschwinden der abgeführten Bevölkerung ganzer Städte.
Ich habe mit allen Mitteln auf den Gouverneur dahin einzuwirken versucht, daß die Maßregel der Regierung sich auf die einstweilige Verbannung der männlichen Bevölkerung im Alter von 17–60 Jahren beschränken möge, und erst die wirklich Schuldigen zu ermitteln. Auch machte ich ihn auf den sehr peinlichen Eindruck, den seine Maßnahme bei der christlichen Bevölkerung in Deutschland und Österreich-Ungarn hervorrufen müsse, aufmerksam. Alles umsonst: Fanatiker sind Vernunftgründen unzugänglich! Was sind die Folgen? Durch Ausrottung des armenischen Elements wird aller Handel und Wandel in Anatolien zerstört und jegliche wirtschaftliche Entwicklung des Landes auf Jahre hinaus unmöglich, denn alle Kaufleute, Industrielle und Handwerker sind fast ausschließlich Armenier. Auch diesen Punkt erklärte ich dem Gouverneur; leider ohne Erfolg.
Es ist vorauszusehen, welche Folgen bei Bekanntwerden der Greuel die Armenierfrage zeitigen muß. Ein Entrüstungsschrei der ganzen christlichen Welt ist unausbleiblich. Alle Arbeit der protestantischen und katholischen Missionen in Anatolien ist vernichtet. Unsere Feinde werden davon vorzüglich Kapital schlagen, und auch bei unseren Landsleuten dürfte das Gefühl tiefster Empörung nicht ausbleiben.
Und das Schlimmste an der Sache ist, daß die ganze Welt die Schuld dafür auf Deutschland abwälzen wird, da Freund und Feind glaubt, die Macht bei der Hohen Pforte liege ganz in unseren Händen und daß eine so tiefgehende Maßregel nur mit deutscher Zustimmung ausgeführt werden konnte.
Der aufgepeitschte Fanatismus der Muhammedaner und unsere eigentümliche Stellung in der Türkei bei der heutigen Weltlage, sowie die Geistesverfassung der leitenden politischen Kreise am goldenen Horn lassen die Schwierigkeiten vorausahnen, die einer zufriedenstellenden Lösung der Armenierfrage von Menschlichkeits- und praktischen Vernunftsstandpunkt aus entgegenstehen.
Trotzdem erlaube ich mir zu hoffen, daß es Euerer Exzellenz gelingen wird, der gänzlichen Vernichtung des größten Teils eines der ältesten und unglücklichsten Völker des Erdballs Einhalt zu gebieten.
Kuckhoff.
117.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 16. Juli 1915.
Ich bestätige ergebenst Ihren gefälligen Bericht vom 4. d. M., von dessen Inhalt ich mit lebhaftem Interesse Kenntnis genommen habe. Mit Ihrer Haltung und Ihren Ausführungen erkläre ich mich einverstanden.
Meine wiederholten Bestrebungen, das Schicksal derjenigen Ausgewiesenen zu mildern, welchen keine strafbaren Handlungen zur Last gelegt werden, versprechen zu meinem Bedauern nur geringe Aussicht auf Erfolg.
Ihrer weiteren Berichterstattung darf ich entgegensehen.
von Neurath.
An den Kaiserlichen Vizekonsul Samsun.
118.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 21. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 23. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Hier sind bisher rund sechshundert Frauen und Kinder (armenische, chaldäische, syrische) eingetroffen, deren männliche Verwandte in Soert, Mardin und Feihschahbur massakriert worden sind; ebenso viele werden in den nächsten Tagen erwartet.
Das Elend dieser Menschen ist nicht zu beschreiben, ihre Kleider verfaulen ihnen am Leibe; täglich sterben Frauen und Kinder Hungers.
Mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln kann die hiesige Regierung kaum Brot für diese Elenden kaufen.
Um weitere Menschenleben zu retten, war sofortige Hilfe nötig, namentlich Anschaffung von Kleidung.
Überzeugt, im Sinne der Kaiserlichen Regierung zu handeln, und da sofortige Hilfe ein Gebot der Menschlichkeit war, habe ich namens der Kaiserlichen Regierung gestern der hiesigen Regierung 300 Ltq. zur Verfügung gestellt; hiervon wird Brot, Kleidung und Schuhe für den dringendsten Bedarf angeschafft.
Holstein.
119.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 21. Juli 1915.
Notiz[74].
Meines unmaßgeblichen Erachtens sind nach den Erfahrungen, die wir in letzter Zeit mit der Pforte gemacht haben (vgl. unsere Verwendung für die Angestellten des Herrn von Scheubner in Erzerum, für das armenische Personal des Hilfsbundes in Marasch, für die Arbeiter von Zimmer in Amasia[75], für Parsighian und Balakian in Tschangri), alle Schritte unsererseits erfolglos bzw. haben den gegenteiligen Erfolg. In der Zimmer’schen Sache hat Talaat Bey angeblich entschieden: „Man könne des bösen Beispiels wegen keine Ausnahme zulassen.“ Im Falle Zohrab und Wartkes handle es sich außerdem noch um eine Ingerenz in ein schwebendes Gerichtsverfahren.
Höchstens könnte noch ein Versuch im Kriegsministerium gemacht werden.
Mordtmann.
120.
Kaiserliches
Konsulat Aleppo.
Aleppo, den 27. Juli 1915.
Über die Verschickung der Armenier und die Art ihrer Durchführung ist mir seit Abgang meines letzten Berichtes noch das folgende bekannt geworden:
1. Wie nach Absetzung des hiesigen Wali Djelal Bey zu erwarten, wird die Verschickung jetzt auf den Küstenstrich des Wilajets Aleppo ausgedehnt. Befehl zur Räumung von Alexandrette, Antiochien, Haram, Beilan, Soukluk, Kessab und anderen Ortschaften ist Nachrichten aus armenischer Quelle zufolge gegeben, doch wird eine kurze Frist in der Ausführung gewährt. — Das Kaiserliche Vizekonsulat Alexandrette hatte bis zum 17. d. M. keine Kenntnis[76].
2. Nachrichten zufolge, welche der Katholikos von Sis erhalten hat, sind 800–1000 Männer, die von Diarbekr nach Süden geschickt waren, nirgends angelangt. Man nimmt an, daß sie sämtlich umgebracht worden sind. Es muß sich hierbei um ein Geschehnis handeln, das schon wochenlang zurückliegt.
3. Das berichtete Vorbeitreiben von Leichen auf dem Euphrat, das in Rumkaleh, Biredjik und Djerabulus beobachtet worden ist, hatte, wie mir am 17. d. M. mitgeteilt wurde, 25 Tage lang gedauert. Die Leichen waren alle in der gleichen Weise, zwei und zwei Rücken auf Rücken, gebunden. Diese Gleichmäßigkeit deutet darauf hin, daß es sich nicht um Metzeleien, sondern um Tötung durch die Behörden handelt. Es heißt und ist wahrscheinlich, daß die Leichen durch Soldaten in Adiaman in den Fluß geworfen worden sind. Wie weiter unten zu berichten sein wird, hat das Vorbeitreiben nach einer Pause von mehreren Tagen von neuem begonnen und zwar in verstärktem Maße. Dieses Mal handelt es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder.
4. Armenier in Tell Abiad haben, wie ich von einem unbedingt glaubwürdigen älteren, bisher in Tell Abiad ansässigen Schweizer Ehepaar erfahre, ihre Mädchen im Alter von 8–12 Jahren verkauft, zunächst für 2 Medjidi (eine Medjidi etwa 3,50 Mk.), später für 1 Medjidi und weniger oder haben sie umsonst weggegeben. Offenbar wollten sie ihnen das in der Wüste vom Klima und von den Beduinen ihrer harrende Geschick ersparen. Immer wieder haben die herbeigeeilten Türken im Dorfe Tell Abiad mit den Verbannten um die Kinder gefeilscht. Mein Gewährsmann hat mir Namen von Käufern genannt. Die in Tell Abiad Durchziehenden, deren erste Trupps aus Zeitun kamen — vorläufig nach Rakka bestimmt —, waren durch ihr Geschick stumpfsinnig geworden und ließen stillschweigend alles über sich ergehen. Nahrungsmittel waren ihnen in genügender Menge gegeben worden, aber zu unregelmäßig. Südlich von Tell Abiad müssen, wo das Wasser sehr knapp, die jüngeren Kinder sterben. Auch sonst müssen viele den Strapazen erliegen. Ein ganzer Trupp ist bereits vollständig an Wassermangel zugrunde gegangen. Landwirtschaftliche Geräte haben sie nicht mitnehmen können. Was sollen die Überlebenden am Bestimmungsort anfangen?
5. Bei der Härte der Befehle der Regierung hängt die Behandlung der Wandernden mehr oder minder von dem guten Willen der einzelnen Beamten und Gendarmen ab, deren Bezirk sie gerade durchziehen. Teilweise werden sie daher ernährt, teilweise nicht.
In Aleppo, wo die Ernährung durch die Regierung zeitweise ungenügend war, wird zurzeit auf Befehl Djemal Paschas nach Verwendung des Katholikos für den Erwachsenen 5 Metalik (20 Pf.), für das Kind 4 Metalik (16 Pf.) gezahlt. Die Zahl der hier auf der Durchwanderung Befindlichen wird gegenwärtig auf durchschnittlich mehrere Tausende geschätzt. Sie dürfen sich hier etwas ausruhen.
6. Es mehren sich die Anzeichen, daß die Regierung sich die Durchführung ihrer Maßregeln absichtlich oder unabsichtlich aus der Hand gleiten und in Armeniermetzeleien durch Tscherkessen und Kurden übergehen läßt.
7. Über Ras ul Ain (die gegenwärtige Endstation der Bagdadbahn) kommen neuerdings Armenier aus Kharput, Erzerum und Bitlis. Von den Armeniern aus Kharput wird berichtet, daß in einem Dorf, einige Stunden südlich der Stadt, die Männer von den Frauen getrennt wurden. Die Männer sind niedergemacht worden und haben rechts und links vom Wege gelegen, an dem die Frauen dann vorbeikamen. Ein Trupp Frauen und Mädchen ist zwischen Mardin und Ras ul Ain von Beduinen vollständig ausgeplündert worden. Solche, die den Beduinen gefielen, wurden mitgeschleppt. Was soll aus den Unglücklichen werden, wenn sie noch tiefer in das Beduinengebiet hineinkommen?
8. Ein hiesiger Armenier hat mir von einer ihm verwandten Familie aus Kharput erzählt, die aus 17 Köpfen bestand. 7 Männer sind abgeführt worden, ihr Geschick ist unbekannt, 2 Frauen sind den Strapazen des Weges erlegen, 8 Köpfe sind in Ras ul Ain angekommen. Dabei fängt der schlimmere Teil des Weges in Ras ul Ain erst an.
9. Die bekannten armenischen Abgeordneten Zohrab und Wartkes hielten sich, aus Konstantinopel verbannt, kürzlich einige Zeit in Aleppo auf. Sie wußten, daß sie den Tod erleiden würden, wenn der Befehl der Regierung, sie nach Diarbekr zu verbannen, ausgeführt würde. Auch hatte ich Anlaß, die Kaiserliche Botschaft hiervon zu unterrichten. Nach den Erzählungen der sie begleitenden jetzt hierher zurückgekehrten Gendarmen, wonach sie Räubern begegnet wären, welche zufällig gerade die beiden Abgeordneten erschossen hätten, kann kein Zweifel mehr daran bestehen, daß die Regierung sie auf dem Wege zwischen Urfa und Diarbekr hat ermorden lassen.
Die geschilderte Behandlung des armenischen Volkes verdient meines gehorsamen Erachtens außer aus anderen Erwägungen auch aus dem Grunde besondere Aufmerksamkeit von deutscher Seite, als sie von weiten Kreisen der Bevölkerung, auch der muhammedanischen, auf deutsche Einwirkung bei der türkischen Regierung zurückgeführt wird. Es heißt, Deutschland sei der Anlaß zu dem Entschluß der türkischen Regierung, das armenische Volk bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu zerschmettern. Die türkische Regierung wird vermutlich alles tun, dieser Ansicht Vorschub zu leisten. Sie wird froh sein, das Odium ihrer Maßregeln auf uns abwälzen zu können.
Meine bisherige telegraphische und schriftliche Berichterstattung dürfte dargetan haben, daß die türkische Regierung über den Rahmen berechtigter Abwehrmaßregeln gegen tatsächliche und mögliche armenische Umtriebe weit hinausgegangen ist, vielmehr durch die Ausdehnung ihrer Anordnungen, deren Durchführung sie in der härtesten und schroffsten Weise den Behörden zur Pflicht gemacht hat, auch gegen Frauen und Kinder, bewußt den Untergang möglichst großer Teile des armenischen Volkes mit Mitteln herbeiführen bestrebt ist, welche dem Altertum entlehnt sind, einer Regierung aber, die mit Deutschland verbündet sein will, unwürdig sind. — Sie hat, wie wohl kein Zweifel sein kann, die Gelegenheit, da sie sich im Kriege mit dem Vierverband befindet, dazu benutzen wollen, um sich der armenischen Frage für die Zukunft zu entledigen, dadurch, daß sie möglichst wenige geschlossene armenische Gemeinden übrig läßt. Hekatomben Unschuldiger hat sie mit den wenigen Schuldigen geopfert.
Wäre es nicht möglich, noch jetzt weiteren Greueln Einhalt zu tun und wenigstens die Armenier aus dem Küstenstrich des Wilajets Aleppo noch zu retten, deren Verschickung erst noch bevorsteht? Sollte aus militärischen Gründen ihre Verschickung unumgänglich notwendig sein, könnte nicht wenigstens ihr Transport um ein bis zwei Monate hinausgeschoben und sorgfältig vorbereitet werden durch Bereitstellung der nötigen Tragtiere und Lebensmittel? Könnten sie nicht in den Städten Aleppo oder Urfa bleiben, mit dem schon jetzt auszusprechenden Recht späterer Rückkehr? Die türkische Regierung hat in einer in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 9. Juni veröffentlichten Denkschrift, „Die Ottomanische Regierung gegen feindliche Beschuldigungen“, behauptet, daß die Verschickungen zeitweilig seien. Sie hat erklärt: „Wenn gewisse Armenier zeitweilig auf andere Reichsgebiete übersiedeln mußten, so geschah das, weil sie im Kriegsgebiet wohnten...“ Könnte sie hier beim Wort genommen werden? Sind Beilan, Soukluk, Kessab u. a. wirklich Kriegsgebiet? Ist die Anwesenheit von Frauen und Kindern dort gefährlich, da doch die Männer so gut wie alle eingezogen sind?
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung veröffentlicht am 13. Juli in Nr. 192, erste Ausgabe, eine Erklärung der offiziösen osmanischen Depeschenagentur „Agence Milli“, welche gegen die Behauptung der „Gazette de Lausanne“ protestiert, die osmanische Regierung leihe den gegen die in der Türkei lebenden Armenier begangenen Ausschreitungen ihren Schutz und diese Ausschreitungen beständen häufig in Metzeleien.
Leider wird sich vieles für diese Behauptung der „Gazette de Lausanne“ sagen lassen.
Mein telegraphischer Bericht über die ungewöhnlich gut bezeugten Metzeleien in Teil Ermen lag bei Veröffentlichung des Dementis bereits vor. Diese von Kurden vorgenommenen Metzeleien sind nachgewiesenermaßen im Beisein der bewaffneten Macht der türkischen Regierung, wahrscheinlich aber unter deren aktiver Teilnahme vor sich gegangen.
Die türkische Regierung hat ihre armenischen Untertanen, wohlgemerkt unschuldige, unter dem Vorwande, sie aus dem Kriegsgebiet entfernen zu müssen, zu Tausenden und Abertausenden[77] in die Wüste getrieben, weder Kranke noch Schwangere noch die Familien der zu den Waffen einberufenen Soldaten ausgenommen, hat sie ungenügend und unregelmäßig ernährt und mit Wasser versorgt, hat nichts gegen die unter ihnen ausgebrochenen Epidemien getan, hat die Frauen in Not und Verzweiflung getrieben, daß sie ihre Säuglinge und ihre Neugeborenen am Wege ausgesetzt, ihre dem mannbaren Alter entgegengehenden Mädchen verkauft, daß sie sich selbst mit ihren kleinen Kindern in den Fluß gestürzt haben, sie hat sie der Willkür der Begleitmannschaft und damit der Schande preisgegeben, einer Begleitmannschaft, die Mädchen an sich genommen und verkauft hat, sie hat sie den Beduinen in die Hände gejagt, die sie ausgeplündert und entführt haben, sie hat die Männer in einsamen Gegenden ungesetzlich niederschießen lassen und läßt die Leichen ihrer Opfer den Hunden und den Raubvögeln zum Fraß, sie hat angeblich in die Verbannung geschickte Abgeordnete ermorden lassen; sie hat Sträflinge aus den Gefängnissen entlassen, in Soldatenkleider gesteckt und in die Gegenden geschickt, wo die Verbannten durchziehen mußten, sie hat tscherkessische Freiwillige angeworben und sie auf die Armenier hingelenkt. Was aber behauptet sie in ihrer halbamtlichen Erklärung „Die Osmanische Regierung... erstreckt ihren wohlwollenden Schutz auf alle ehrlichen und friedlichen in der Türkei lebenden Christen...“
Fürwahr, ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich diese Erklärung gesehen habe, und ich finde keinen Ausdruck, um den Abgrund ihrer Unwahrheit zu kennzeichnen. Denn die türkische Regierung wird die Verantwortung für alles, was geschehen ist, auch soweit es aus mangelnder Fürsorge und Voraussicht, aus der Verderbtheit der ausführenden Organe und aus den an Anarchie grenzenden Zuständen der östlichen Teile ihres Gebietes hervorgeht, nicht ablehnen können, hat sie doch die Verbannten mit Vorbedacht in dieses Chaos hineingetrieben. Die Verantwortung wird auch dann auf ihr lasten, wenn sie die Herrschaft über die von ihr gerufenen Elemente verlieren sollte, wie es besonders im Wilajet Diarbekr leicht sich ereignen könnte. Wie hierzulande die Vernichtung der Armenier auf deutsche Anregung zurückgeführt wird, so versucht die türkische Regierung vor der europäischen Öffentlichkeit ihre Handlungsweise durch unsere Autorität zu decken.
Euerer Exzellenz aber darf ich gehorsamst anheimstellen, in Erwägung ziehen zu wollen, ob türkische Erklärungen zur Armenierfrage noch ferner zur Veröffentlichung in der deutschen Presse geeignet sind und ob nicht Gefahr besteht, daß wir durch unseren Verbündeten kompromittiert werden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
121.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 27. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 27. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Über die Ausrottung der Armenier im Osten hier eintreffende zuverlässige Nachrichten sind grauenerregend. Den Euphrat treiben von neuem und in verstärktem Maße Leichen herunter, diesmal hauptsächlich Frauen und Kinder. Ist keine Möglichkeit, dem Greuel Einhalt zu tun? Bitte gehorsamst Auswärtiges Amt benachrichtigen, damit nicht türkische Dementis Aufnahme in deutsche Presse finden, wodurch Anschein deutscher Billigung erweckt wird.
Rößler.
122.
Kaiserliche Botschaft.
Telegramm.
Pera, den 28. Juli 1915.
An Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 27. Juli.
Von hier aus ist bereits alles mögliche geschehen. Auswärtiges Amt wurde dauernd auf dem laufenden gehalten.
Hohenlohe.
123.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Erzerum, den 28. Juli 1915.
Wie ich Euerer Exzellenz bereits in meinem Bericht vom 9. ds. zu unterbreiten die Ehre hatte, machte sich hier bedauerlicherweise in letzter Zeit der Einfluß einer Nebenregierung bemerkbar.
Abgesehen davon, hat nun auch der Oberkommandierende der III. Armee, Mahmud Kamil Pascha, der sein Hauptquartier hierher verlegt hat, in scharfer Weise in die Regierung des Wilajets eingegriffen.
Bisher ist in Erzerum, im Gegensatz zu den anderen Städten, einigermaßen mild gegen die Ausgewiesenen vorgegangen worden. So stellte z. B. die Regierung vielen mittellosen Familien Ochsenkarren bis Erzindjan und Siwas zur Verfügung. Der Wali erlaubte ferner, daß Kranke, Familien ohne männliche Mitglieder, alleinstehende Frauen in Erzerum bleiben dürfen.
Diesem humanen Vorgehen, für das auch ich eingetreten bin, wurde plötzlich durch irgendwelche Komitee-Einflüsse ein Ende bereitet. Nunmehr hat auch noch Mahmud Kamil Pascha die sofortige und rücksichtslose Ausweisung aller Armenier angeordnet.
Den noch in der Stadt gebliebenen Frauen und Kranken wurden die bereits erteilten Aufenthaltsscheine wieder abgenommen und sie auf die Landstraße getrieben — einem sicheren Tode entgegen.
Es geschah das, während der Wali und ich in Erzindjan waren.
Mir scheint hierbei, daß der hiesige Wali, Tahsin Bey, der in der Behandlung der Armenierfrage eine etwas humanere Auffassung wie die andern haben dürfte, gegen die schroffe Richtung machtlos ist.
Von den Anhängern letzterer wird übrigens unumwunden zugegeben, daß das Endziel ihres Vorgehens gegen die Armenier die gänzliche Ausrottung derselben in der Türkei ist. Nach dem Kriege werden wir „keine Armenier mehr in der Türkei haben“ ist der wörtliche Ausspruch einer maßgebenden Persönlichkeit.
Soweit sich dieses Ziel nicht durch die verschiedenen Massakres erreichen läßt, hofft man, daß Entbehrungen auf der langen Wanderung bis Mesopotamien und das ungewohnte Klima dort ein übriges tun werden. Diese „Lösung“ der Armenierfrage scheint den Anhängern der schroffen Richtung, zu der fast alle Militär- und Regierungsbeamte gehören, eine ideale zu sein. Das türkische Volk selbst ist mit dieser Lösung der Armenierfrage keineswegs einverstanden und empfindet schon jetzt schwer die infolge der Vertreibung der Armenier über das Land hier hereinbrechende wirtschaftliche Not.
v. Scheubner-Richter.
Seiner Exzellenz dem Herrn Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
124.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 28. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 28. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
1. Der Aufstand christlicher (sowohl chaldäischer als syrischer) Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat dauert an. Telegraphenlinie nach Diarbekr ist zerstört.
Dieser Aufstand ist unmittelbar durch das extreme Vorgehen des Wali von Diarbekr gegen Christen im allgemeinen hervorgerufen. Sie wehren sich ihrer Haut.
2. Abd-ur-Rezak Bedr Han marschiert von Bajazid aus über Boghr nach Soert; Kurden unterwegs schließen sich an. Familien von Soert sind auf der Flucht.
3. Verkehr auf Post- und Reiseweg Mossul-Ras ul Ain unterbrochen, da Gegend Nisibin durch aufständische Schammar besetzt.
4. Die Jesidi vom Djebel Sindschar (westlich Mossul) sind gleichfalls seit einigen Tagen revolutioniert.
Holstein.
125.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 30. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 30. Juli 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Regierung hat jetzt den Befehl gegeben, daß sowohl das Küstengebiet des Wilajete Aleppo als auch Aintab und Killis und wahrscheinlich auch Marasch von Armeniern geräumt werden, Orte, die weder im Kriegsgebiet noch an der Etappenstraße gelegen sind. Aintab hat 32000, Killis 6000 armenische Einwohner. Euerer Exzellenz stelle ich gehorsamst anheim, der Regierung dringend anzuraten, diesen Befehl zu widerrufen oder wenigstens seine Ausführung hinauszuschieben. Ihre Organisation ist für die auf einmal erfolgenden Massenverschiebungen in keiner Weise ausreichend. Schon jetzt liegen 10000 Armenier hier. In Der-Zor liegen 15000, deren Ernährung durch die Regierung völlig ungenügend ist.
Die zahlreichen gebildeten Städter wären den Strapazen des Weges noch weniger gewachsen als die Dorfbewohner. Die Armenier regen an und bitten, sofern Maßregeln gegen sie unabwendbar sind, ihnen statt der Verschickung die Erlaubnis zur Auswanderung zu verschaffen.
Rößler.
126.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 31. Juli 1915.
Seit Anfang dieses Monats hat der Wali von Diarbekr, Reschid Bey, mit der systematischen Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Amtsbezirks, ohne Unterschied der Rasse und der Konfession, begonnen. Hiervon sind u. a. besonders die katholischen Armenier von Mardin und Tell Ermen und die chaldäischen Christen und nicht-unierten Syrer der Bezirke Midiat, Djeziret ibn Omar und Nisibin betroffen worden.
Infolgedessen hat sich nach Meldungen des Konsulats Mossul die christliche Bevölkerung zwischen Mardin und Midiat gegen die Regierung erhoben und die Telegraphenlinie zerstört.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
August.
127.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 2. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 30. Juli.
Alle diesseitigen Vorstellungen haben sich gegenüber dem Entschluß der Regierung, die einheimischen Christen in den östlichen Provinzen unschädlich zu machen, als unwirksam erwiesen.
Hohenlohe.
128.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 3. August 1915.
Ankunft in Pera, den 3. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bisher sind gegen 40000 Armenier aus dem westlichen Kleinasien verschickt worden. Werden sie jetzt auch aus den großen Städten und Küstenstrichen des Wilajets Aleppo verbannt, so wird die Zahl 150000 erreichen.
Mit der Ausführung ist schon begonnen. Wenn nicht in irgend einer Form eine Hilfsaktion von außerhalb der Türkei eingeleitet werden kann, so ist damit zu rechnen, daß in den nächsten Monaten Tausende verhungern.
Rößler.
129.
Kaiserliches
Konsulat Erzerum.
Erzerum, den 5. August 1915.
Die Aussiedelung der Armenier ist nun zu einem gewissen Abschluß gelangt, d. h. es befinden sich im Amtsbezirk des hiesigen Konsulats keine Armenier mehr. Es scheint mir daher angebracht, über die mit der Armenieraustreibung im Zusammenhang stehenden Vorfälle der letzten Monate kurz zusammenfassend zu berichten.
Bis Anfang Mai lebten die Armenier hier frei und ungehindert und konnten ungestört ihren Geschäften nachgehen. Einzelne Vorfälle, wie die Ermordung des Bankdirektors Pasdirmadjan und ähnliches, übten nur vorübergehend eine beunruhigende Wirkung aus. Die Furcht vor einem Massaker durch die Türken war allerdings vorhanden und nicht unbegründet, doch dürfte die Anwesenheit und Tätigkeit General Posseldts[78] sowie des deutschen Konsuls den Ausbruch eines solchen verhindert haben.
Zu Beginn des Mai führten die bekannten Vorgänge von Wan dazu, daß die Regierung und die Militärbehörden zu scharfen Maßregeln gegen die Armenier griffen. Alle noch mit der Waffe dienenden Armenier wurden aus dem Heere entfernt und in Arbeiterbataillone gesteckt. Die Bewohner der Erzerumer und der Passin-Ebene, die nur noch aus Frauen, Kindern und alten Männern bestand, wurden aus ihren Dörfern vertrieben und sollten zwangsweise nach Mesopotamien gebracht werden. Diese mit militärischen Rücksichten begründete Maßnahme wurde in unnötig rücksichtsloser und grausamer Weise durchgeführt. Auf dem Wege nach Erzindjan wurden die Betreffenden bei Mamachatun, Sansar, Euphrat Brücke und Päräz von Kurden und türkischen Freiwilligen überfallen, beraubt und getötet. Die Zahl der Umgekommenen dürfte zwischen 10–20000 betragen, nach Angabe der Regierung nur 3–4000.
In derselben Zeit wurden die Bewohner der Erzindjaner Ebene bei ihrem Durchzug durch die Schlucht von Kemach gleichfalls bis auf wenige beraubt und getötet, die Frauen entführt. Hierbei soll, wie mir glaubwürdig mitgeteilt wurde, türkisches Militär bzw. Gendarmen beteiligt gewesen sein.
Zu Beginn des Juni wurde aus Erzerum die erste Gruppe der armenischen Notabeln ausgewiesen mit einer Frist von 14 Tagen. Zirka 500 Personen verließen am 16. Juni Erzerum und zogen durch das Gebirge über Kharput nach Urfa. Von diesen sind laut Mitteilung der Regierung unterwegs 14 Personen ermordet worden, nach mir zugegangenen privaten Informationen fast alle Männer. Die zweite Gruppe, ca. 3000 Personen, verließ am 19. und 20. Erzerum. Bei Baiburt wurde ein Teil von ihnen, besonders Männer, abgetrennt, über deren Verbleib ich nichts ermitteln konnte. Sie dürften wahrscheinlich ermordet worden sein. Die übrigen gelangten unbelästigt nach Erzindjan, wo sie bis zur Sicherung der Wege verblieben. Die dritte Gruppe Ausgewiesener, zirka noch 300 Familien, verließen am 26. Juni Erzerum. Sie gelangten in guter Ordnung und unbelästigt bis nach Erzindjan. Die vierte Gruppe, hauptsächlich aus Handwerkerfamilien bestehend, die zuerst von der Regierung Aufenthaltsscheine erhalten hatten, welche ihnen später auf Befehl des Armee-Oberkommandos entzogen wurden, kamen gleichfalls gut über Baiburt nach Erzindjan. Es waren somit bis zum 15. Juli fast alle Armenier aus Erzerum ausgewiesen worden. Die wenigen dort noch verbliebenen hatten auf Grund besonderer Verhältnisse, wie Unabkömmlichkeit, Krankheit u. dgl. spezielle Aufenthaltsscheine von der Regierung erhalten. Während meiner und des Walis Abwesenheit von Erzerum wurden ihnen diese Aufenthaltsscheine auf Befehl des Armee-Oberkommandierenden plötzlich entzogen. Sie mußten Erzerum in kürzester Zeit verlassen, und viele von ihnen konnten sich nicht einmal mit dem Notwendigsten für die Reise versehen. Diese letzte Gruppe ist bei Aschkalé und Baiburt teilweise ausgeplündert worden. Zu derselben gehörten auch die armenischen Ärzte und Apotheker, von denen ein Teil, angeblich auf kriegsgerichtliches Urteil, bei Baiburt erschossen wurde. Die zweite, dritte und vierte Gruppe sind, wie schon erwähnt, mit einigen Ausnahmen gut in Erzindjan angekommen und bleiben dort bis Anfang August im Zeltlager. Bei meiner Anwesenheit in Erzindjan habe ich mich persönlich davon überzeugt, daß es ihnen nach Maßgabe der Umstände gut ging. Anfang August wurden sie nach Urfa weiter geschickt und sollen die berüchtigte Schlucht von Kemach gut passiert haben. Wie viele von ihnen lebend und gesund an ihrem Bestimmungsort anlangen werden, lasse ich dahingestellt.
Was die aus den benachbarten Wilajets vertriebenen Armenier anbelangt, so soll die Anzahl der Umgekommenen dort eine weit größere sein. So haben z. B. in der Ebene von Khinis große Armeniermassaker stattgefunden und sollen im Wilajet Trapezunt fast alle Männer umgebracht worden sein. Tatsächlich habe ich bei meiner Anwesenheit in Erzindjan bei den dort durchziehenden Armeniern aus dem Wilajet Trapezunt gar keine Männer bemerkt. Auch die Form der Ausweisung war eine weit schroffere; so wurde z. B. in Trapezunt den Armeniern nur einige Stunden Zeit gegeben und ihnen verboten, etwas von ihren Sachen zu verkaufen. Auch erhielten sie keinerlei Transportmittel von der Regierung, so daß die meisten zu Fuß gehen mußten. In ähnlich schroffer Form wurde gegen die Armenier in Siwas vorgegangen.
Was nun meine Haltung bei der ganzen Frage anbetrifft, so habe ich mich von folgenden Gesichtspunkten leiten lassen:
Es war mir bekannt, daß wir ein Recht zum Eintreten für die von der Ausweisung betroffenen, unschuldigen Armenier nicht besitzen, auch sonst keinerlei Schutzrecht über sie ausüben.
Meine Verwendung für die Armenier, welche sich der Regierung gegenüber nichts zuschulden hatten kommen lassen, mußte sich darauf beschränken, daß ich für Schutz ihres Lebens und Eigentums gegen Vergewaltigungen und dafür eintrat, daß die durch die militärische Notwendigkeit begründete Aussiedelung in möglichst humaner Weise vor sich gehe. In diesem Sinne bin ich auch bei Beginn der Aussiedelung sowohl bei der Zivilverwaltung als auch beim Armee-Oberkommando vorstellig geworden. Nach Bekanntwerden der ersten großen Massaker bei Kemach, Khinis Terdjan habe ich gemäß der mir auf meinen diesbezüglichen Bericht an Euere Exzellenz erteilten Instruktion dem Wali in sehr eindringlicher Form Vorstellungen gemacht. Ich habe dabei betont, daß solche schmachvollen Vorgänge geeignet sind, das Ansehen der Türkei im neutralen Auslande und bei ihren Freunden zu schädigen. Weiterhin betonte ich, daß solche Vorgänge leicht Grund zu erneuter fremder Einmischung in die armenischen Angelegenheiten geben und die Stellung der Türkei bei künftigen Friedensverhandlungen unnütz erschweren könnten. Außerdem wies ich noch eindringlich darauf hin, in welch unangenehme Lage unsere Regierung durch diese Vorfälle versetzt wird, und daß wir darum energisch darauf dringen müssen, daß eine Wiederholung derselben durch die verantwortlichen Regierungsorgane auf jeden Fall vermieden wird. Der Wali gab ohne weiteres zu, daß meine Ausführung berechtigt sei, wies aber seinerseits darauf hin, daß die Verantwortung nicht ihn, sondern das Armee-Oberkommando[79] treffe, unter dessen Befehl er stehe. Dasselbe habe trotz der ihm bekannten Unsicherheit der Wege die Aussiedelung der Armenier befohlen, ohne genügenden Schutz für dieselben zu gewähren. Im übrigen versprach der Wali sein möglichstes zu tun zur Verhinderung von Wiederholungen. Tatsächlich ist er auch bemüht gewesen, für den Schutz der Vertriebenen, soweit ihm das bei den entgegengesetzten Absichten des Komitees und anderer maßgebender Persönlichkeiten möglich war, zu sorgen. Um dem Widerstand, den er bei seinen diesbezüglichen Bestrebungen beim Armee-Oberkommando sowohl wie beim Komitee fand, zu begegnen, reichten aber weder sein Einfluß noch seine Energie aus. Im allgemeinen sind die Bewohner Erzerums jedoch bei ihrer Aussiedelung weit besser behandelt worden als die anderer Städte. Dem Entgegenkommen des Wali und meinen Bemühungen zufolge wurden ihnen folgende Erleichterungen gewährt:
1. Die meisten erhielten eine Frist von 14 Tagen zu Reisevorbereitungen.
2. Es wurde ihnen gestattet, ihre Sachen mitzunehmen oder zu verkaufen.
3. Ein Teil der Kaufleute und Notabeln hatte die Möglichkeit, ihre Waren, Sachen und Kostbarkeiten der Ottomanbank zur Aufbewahrung in der armenischen Kirche zu geben.
4. Die Regierung stellte vielen mittellosen Familien Ochsenkarren unentgeltlich zur Verfügung.
5. Diejenigen Männer, deren Familien ohne weiteren männlichen Schutz waren, wurden aus den Arbeiterbataillonen entlassen und durften ihre Familie begleiten.
Eine weitere humane Anordnung der Zivilverwaltung, daß Kranke, alleinstehende Frauen und Kinder in Erzerum bleiben sollten, wurde durch Befehl der Militärbehörde bzw. auf Betreiben des Komitees aufgehoben.
Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die Maßnahme der Aussiedelung der Armenier aus den Grenzgebieten in einen Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde. Von vernünftig denkenden weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung, besonders von den Grundbesitzern, wird diese Ausrottungspolitik auch nicht gebilligt.
Meine Berichte und meine Tätigkeit in der Armenier-Frage zusammenfassend bemerke ich folgendes:
Es würde hier zu weit führen, auf die Ursachen der Armenierunruhen einzugehen und zu untersuchen, ob dieselben durch zweckmäßige Maßregeln und Verhandlungen der Regierung hätten vermieden werden können. Soviel mir bekannt, ist in dieser Hinsicht rechtzeitig nichts geschehen. Es ist ferner selbstverständlich, daß dort, wo auf Betreiben armenischer Revolutionäre und russischer Emissäre Aufstände stattgefunden haben, mit aller Strenge gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Ich hätte sogar viel schärfere Vorbeugungsmaßregeln der Regierung und der Militärbehörden an bedrohten Punkten erwartet und gewünscht, nicht aber, wie das meist geschehen, nachträgliche Vergeltungsmaßregeln. Für einen allgemein beabsichtigten und vorbereiteten Aufstand der Armenier fehlen jedoch meines Erachtens jegliche Beweise.
Daß sich eine von ihrer eigenen Regierung unterdrückte und schlecht behandelte, folglich also unzufriedene Grenzbevölkerung anderer Nationalität und anderen Glaubens einem siegreich vordringenden Feinde desselben Glaubens, der sich zudem als Befreier ausgibt und sie mit Versprechungen lockt, anschließt, erscheint mir, wenn auch bedauerlich, so doch natürlich und ist auch auf anderen Kriegsschauplätzen vorgekommen. Ebenso natürlich sind dagegen politische und scharfe militärische Abwehrmaßnahmen. Es erscheint mir aber unnatürlich und einer auf Zivilisation Anspruch erhebenden Regierung unwürdig, wenn dieselbe zuerst keinerlei Maßregeln trifft, um einer vorauszusehenden Erhebung einiger Teile eines mit Recht unzufriedenen Volkes, sei es durch geeignete militärische Vorkehrungen, sei es durch politische Verhandlungen vorzubeugen, sondern eine solche durch ihre Untätigkeit und durch das provokatorische Verhalten ihrer Polizeiorgane und „Tschättäh“ (berittenen Freiwilligen) geradezu herausfordert.
Auf Grund dieser Erwägungen und in Anbetracht der ganzen Sachlage hielt ich es als Vertreter der deutschen Regierung für meine Pflicht, dem Vorgehen der Regierung gegen die Armenier und den gegen sie getroffenen Maßnahmen nicht stillschweigend zuzusehen, sondern da wir diese Maßnahmen nicht hindern können, wenigstens auf eine möglichst milde Form der Ausführung hinzuarbeiten. Ich habe die Unbequemlichkeiten ja Gefahren, die mit meiner Haltung bisweilen für mich verknüpft waren, auch deshalb gern auf mich genommen, weil ich annahm, daß es meiner Regierung nur angenehm sein dürfte, zu wissen, daß ihr hiesiger Vertreter mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für eine humane und rechtmäßige Behandlung unschuldig Leidender eingetreten ist.
Bei diesen meinen Bestrebungen bin ich von vernünftig denkenden Türken aus Regierungs- und Militärkreisen unterstützt worden, soweit dieselben davon nicht durch die Furcht vor dem Komitee zurückgehalten wurden. In dem Ortskomitee wiederum war es eine kleine Gruppe ziemlich minderwertiger, aber die anderen terrorisierenden Individuen, die, durch persönliches Interesse und Habgier veranlaßt, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier predigte. Dies waren übrigens dieselben Leute, die durch ihr beispiellos brutales Vorgehen in den von den Türken vorübergehend eroberten Gebieten, wie Ardanuß, Ardahan, Olti usw. die türkische Sache bei den muselmanischen Bewohnern Rußlands auf lange hinaus, wenn nicht auf immer, schädigten.
Leider ist der Einfluß dieser dunklen Komitee-Hintermänner, die außerdem durchaus deutschfeindlich sind, stärker als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Diesen Einfluß erhalten sie sich schon durch ihr Terrorisierungssystem und kann derselbe meines Erachtens nur durch sehr energisches Auftreten gegen sie gebrochen werden. Ein Überhandnehmen des Einflusses und der „Regierungsmethoden“ dieser Leute bedeutet eine Gefahr nicht nur für die Türken, sondern auch für uns, ihre Bundesgenossen. Denn die Art der Behandlung der Armenierfrage hat deutlich gezeigt, welches gefährliche Instrument die Regierungsgewalt in der Hand keine Verantwortung tragender und nur persönliches Interesse kennender Leute ist.
Ich erlaube mir beizufügen:
Bericht über das vom Kriegsfreiwilligen Karl Schlimme auf seinem Ritt nach Trapezunt Gesehene.
von Scheubner-Richter.
An Seine Durchlaucht den Kaiserlichen Botschafter
Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Konstantinopel.
130.
Erzerum, den 5. August 1915.
Bericht über meine Reise nach Trapezunt.
Am 18. Juni ritt ich von hier im Auftrage von Herrn Vizekonsul von Scheubner nach Trapezunt. Bis Baiburt ritt ich zusammen mit den Mitgliedern der österreichischen Ski-Mission. Die Herren waren vom hiesigen Wali gebeten worden, eine armenische Familie, u. a. die Schwester des hiesigen armenischen Bischofs mitzunehmen, welche einen Passierschein nach Angora erhalten hatten. In Baiburt wurde von uns verlangt, daß wir die Familie herausgeben sollten. Als wir uns weigerten, wurden die Kutscher fortgenommen, so daß wir die Wagen selbst weiter fahren mußten. Dr. Pietschmann bat mich, ihn weiter bis Ersindjan zu begleiten, auch wurden in Baiburt keine Telegramme von uns für das deutsche Konsulat angenommen. Während wir noch verhandelten, bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig und konnten nur dadurch unbelästigt aus Baiburt hinauskommen. Unterwegs bemerkten wir regelrechte Posten von Komitatschis. Die uns begleitenden Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen, und machten uns mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. So gelangten wir unter ständiger Erwartung eines Überfalles nach Ersindjan.
Hier wurde uns die armenische Familie durch die Polizei abgenommen und interniert.
Carl Schlimme, Kriegsfreiwilliger.
131.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
6. August 1915.
Aufzeichnung.
Gespräch des Korvettenkapitäns Humann mit Enver Pascha.
Anknüpfend an die Anwesenheit des Dr. Lepsius vom deutsch-armenischen Komitee erwähnt Enver einen ihm bekannt gewordenen Bericht eines amerikanischen Konsuls an den hiesigen Botschafter der Vereinigten Staaten. Der Konsul kommt darin zum Resultat, daß die amerikanische Regierung gut tun würde, ihre Armenierpolitik ein für allemal aufzugeben, da die Türken durch ihr Vorgehen gegen die Armenier jede weitere politische Aktion mit diesen unmöglich gemacht hätten. Man habe die Armenier nicht ausgerottet, was vom politischen Gesichtspunkt aus noch nicht das Schlimmste gewesen wäre, denn bei solchen Massakres bliebe immer noch ein kleiner Stamm übrig, auf den man alle späteren Hoffnungen aufbauen könnte. Man habe sie statt dessen — was vom politischen Gesichtspunkte aus viel schlimmer ist! — über das ganze Land zerstreut, so daß sie wohl oder übel in das türkische Element des Landes aufgehen müssen. Damit sei die Grundlage für eine aussichtsvolle Armenierpolitik ohne weiteres aus der Welt geschafft worden.
Enver erzählt weiter von den vielfachen Warnungen, die er dem armenischen Patriarchen zu Beginn des Krieges hat zukommen lassen und weist gleichzeitig auf das Lob hin, das kürzlich Sassonow in der Duma den „treuen“ Armeniern in der Türkei gespendet hat.
Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten, haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur noch 30000 Muhammedaner am Leben sind[80].
Enver ist ferner eine Verschwörung bekannt, nach welcher die etwa 30000 Armenier in der Gegend von Adabazar Ismid eine russische Landung bei Sakaria unterstützen wollten[81].
Er selbst hat im Ministerrat den Standpunkt vertreten, daß man gerade mit Rücksicht auf den Krieg den Versuch machen müsse, mit den Armeniern gut und friedlich auszukommen. Er hat auch dieses dem Patriarchen gesagt, jedoch zugleich mit dem Hinweis, daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde. Das Heer, das im Kaukasus gegen einen mächtigen Feind kämpft, müsse unbedingt die Gewißheit haben, daß in seinem Rücken kein Feind steht. Dafür werde er, der militärische Oberbefehlshaber, mit allen Mitteln sorgen.
Enver Pascha ist übrigens bereit, Dr. Lepsius zu empfangen und mit ihm die Armenierfrage zu erörtern[82].
132.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Erzerum, den 10. August 1915.
An das Auswärtige Amt.
Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden. Die türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die Armenieraufstände in Wan, Musch[83], Karahissar[84] und anderen Orten bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche Maßregeln hofft sie, die politischen und kulturellen Bestrebungen der Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei, die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, ein selbständiges kulturelles Leben zu führen. Ich will hier davon absehen, daß diese Regierungsmaßnahmen in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, daß es auf andere Weise gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich den Juden als Rasse von großer Widerstandskraft. Durch ihre Bildung, ihre kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem Wege zum ersehnten Ziel, zur „Lösung“ der Armenierfrage führen. Ob eine solche Lösung dieser Frage für die Türken zweckmäßig, möchte ich bezweifeln. Zur Begründung führe ich folgendes an:
Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken, Armeniern und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am tiefsten, die Armenier am höchsten. Die Liebe zu ihrer Heimat, zu der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene, bildet einen Grundzug ihres Charakters, und mit den sympathischsten. Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid erspart geblieben. In den Städten dominieren sie in wirtschaftlicher Hinsicht, fast der gesamte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Gewinnsucht machen sie oft keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur einigermaßen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens, die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu fördern. Hierbei sei bemerkt, daß der Einfluß französischer Kultur auf die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken Einfluß ausgeübt.
Auch politisch ist in Ostanatolien unter den Armeniern von französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite eine starke Propagandatätigkeit ausgeübt worden. England und Rußland hatten ein politisches Interesse daran, daß die der Türkei aus der Armenierfrage erwachsenden Schwierigkeiten nicht aus der Welt geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf und veranlaßten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche utopistisch politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen.
von Scheubner-Richter.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
133.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. August 1915.
Konsulat
Trapezunt.
„
Erzerum.
„
Adana.
„
Aleppo.
„
Mossul.
In den letzten Wochen haben die Armeniergreuel trotz unserer wiederholten Vorstellungen einen Umfang angenommen, der es uns zur Pflicht macht, wo erforderlich, unsere entschiedene Mißbilligung dieser Vorgänge zum Ausdruck zu bringen. Verschiedentlich haben türkische Offiziere, Geistliche und andere Personen im Innern offen ausgesprochen, wir seien die Urheber dieser Greuel; einer solchen uns kompromittierenden Auffassung muß energisch entgegengetreten werden.
Hohenlohe.
134.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. August 1915.
Ankunft in Pera, den 12. August 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
1. Hiesige Armenier schätzen jetzt die Zahl der im Osten umgekommenen Armenier auf wenigstens zwei, wahrscheinlich mehrere hunderttausend Seelen. In den weitaus überwiegenden Fällen sei die Tötung der Männer nicht durch Kurden, sondern durch Gendarmen erfolgt.
Es sind ernste Anzeichen dafür vorhanden, daß die Methode, die Verbannten auf der Wanderung umzubringen, auch in den Bezirken Aleppo und Marasch befolgt werden soll. Djemal Paschas Befehle stehen dem entgegen, das Komitee arbeitet jedoch dafür.
2. Die protestantischen Armenier haben den Kriegsminister und den Minister des Innern erneut telegraphisch um die gleiche Vergünstigung wie die katholischen Armenier gebeten.
Rößler.
Notiz: Werde Talaat Bey bei erster Gelegenheit wegen der protestantischen Armenier interpellieren.
Mordtmann.
135.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 14. August 1915.
Deutsches Konsulat, Damaskus.
Wie das Konsulat in Aleppo meldet, steht die Umsiedelung der Armenier aus dem Wilajet Aleppo und Marasch bevor und man befürchtet Massakre der Auszutreibenden. Bekanntlich hat Djemal Pascha wiederholt Befehle gegen solche Ausschreitungen gegeben, diese Befehle werden aber von anderer unverantwortlicher Seite nicht immer beachtet. Bitte daher Djemal Pascha veranlassen, seine diesbezüglichen Befehle für den vorliegenden Fall zu erneuern.
Hohenlohe.
136.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 12. August 1915.
Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen deportierten armenischen Bevölkerung hatte in den letzten Wochen einen derartigen Umfang angenommen, daß eine erneute eindringliche Vorstellung unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien, zumal da an verschiedenen Orten auch die Christen anderer Rassen und Konfessionen nicht mehr verschont wurden. Dazu kam, daß in diesen Tagen die Behörden damit begonnen hatten, die armenischen Einwohner von verschiedenen Ortschaften in der Umgegend von Ismid (Nikomedien), also in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, umzusiedeln, weil sie angeblich eine russische Landung an der Mündung des Sakaria unterstützen wollten. Diese Maßregel rief unter der hiesigen armenischen Bevölkerung eine schwere Beunruhigung hervor, und man wollte wissen, daß nach Ablauf der heute beginnenden Bairamfesttage die hiesigen Armenier ebenfalls ausgetrieben werden würden. Bei der großen Anzahl der hier ansässigen Armenier (nach niedrigster Schätzung 80000 Seelen) hätte die Ausführung eines solchen Vorhabens nicht nur tiefgehende Störungen von Handel und Wandel zur Folge gehabt, sondern auch Leben and Eigentum der nichtmohammedanischen Einwohnerschaft, die Fremden nicht ausgeschlossen, ernstlich gefährdet.
Ich habe daher am 11. d. M. das in Abschrift beigefügte Memorandum auf der Hohen Pforte übergeben. Talaat Bey, der es in Abwesenheit des Großwesirs in Empfang nahm, versprach, soweit möglich Abhilfe zu schaffen und versicherte auf meine Anfrage, daß die Armenier von Konstantinopel nicht verschickt werden sollten.
Der auf der Pforte anwesende Kammerpräsident Halil Bey, der anscheinend das Vorgehen der Regierung gegen die Armenier nicht billigt, behauptete, daß die Massakres und anderen Greuel nicht von der Regierung gebilligt würden, aber die Regierung sei nicht immer in der Lage gewesen, die Ausschreitungen der Volksmassen zu hindern, auch hätten die untergeordneten Behörden bei der Ausführung der Deportationsmaßregel Mißgriffe getan.
Im Anschluß an vorstehendes muß erwähnt werden, daß unter der türkischen Bevölkerung im Innern vielfach die Auffassung besteht, daß die deutsche Regierung mit der Ausrottung der Armenier einverstanden sei und sie sogar geradezu veranlaßt habe. Ich habe daher die Kaiserlichen Konsulate in Anatolien angewiesen, solchen, für uns kompromittierenden Anschauungen, die sogar von Offizieren, Geistlichen und andern Persönlichkeiten der besseren Klassen offen geäußert werden, entschieden entgegenzutreten. Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, ob es sich nicht empfiehlt, zu geeignetem Zeitpunkt auch in der deutschen Presse darauf hinzuweisen, daß wir den Zwangsmaßregeln der türkischen Regierung gegen die Armenier durchaus fernstehen und daher auch nicht verantwortlich sind für die dabei vorgekommenen Ausschreitungen, die wir nur mißbilligen und bedauern können.
Endlich scheint es zur Unterstützung der hier unternommenen Schritte erwünscht, den neuen ottomanischen Botschafter dort auf die etwaigen Folgen der Armenierpolitik seiner Regierung und unsern Standpunkt in dieser Frage aufmerksam zu machen.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Kaiserliche Deutsche Botschaft
in Konstantinopel.
Pera, le 9 août 1915.
Memorandum.
Par son memorandum du 4 Juillet l’Ambassade d’Allemagne a eu l’honneur de faire connaître à la Sublime Porte la manière de voir du Gouvernement Impérial Allemand au sujet de l’expatriation des habitants arméniens des provinces Anatoliennes, et d’attirer son attention sur le fait que cette mesure avait été accompagnée en plusieurs endroits par des actes de violence, tels que massacres et pillages qui ne pouvaient pas être justifiés par le but que le Gouvernement Impérial Ottoman poursuivait.
L’Ambassade d’Allemagne regrette de devoir constater que, d’après les renseignements qu’elle a reçus depuis lors de sources impartiales et dignes de foi les incidents de ce genre, au lieu d’être empêchés par les autorités locales, ont régulièrement suivi l’expulsion des Arméniens de sorte que la plupart d’eux ont péri avant même d’arriver au lieu de leur destination. Ce sont surtout les provinces de Trébizonde, de Diarbékir et d’Erzéroum d’où ces faits sont signalés; en certains endroits, comme à Mardine, tous les Chrétiens sans distinction de race ou de confession ont subi le même sort.
En même temps le Gouvernement Impérial Ottoman a cru devoir étendre la mesure d’expatriation aux autres provinces de l’Asie Mineure et tout dernièrement les villages arméniens des districts d’Ismid à proximité de la capitale ont été évacués de leurs habitants dans des conditions pareilles.
En présence de ces événements l’Ambassade d’Allemagne par ordre de son Gouvernement, est obligée de remontrer encore une fois contre ces actes d’horreur et de décliner toute responsabilité des conséquences qui en pourraient résulter. Elle se voit forcée à attirer l’attention du Gouvernement Ottoman sur ce point d’autant plus que l’opinion publique est déjà portée à croire que l’Allemagne en sa qualité de puissance amie et alliée de la Turquie aurait approuvé ou même inspiré ces actions de violence.
137.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 13. August 1915.
Der Diakon Künzler aus Urfa hatte seinen mit Bericht vom 11 d. M. eingereichten Brief mit den Worten geschlossen: „Über die Furchtbarkeit der Frauen- und Kindertransporte wird Ihnen ein Augenzeuge mündlich berichten.“ Dieser Zeuge, ein Österreicher, der mir seit zwei Jahren genau bekannt ist und für dessen Wahrheit in der Darstellung ich persönlich einstehe, hat zur Erholung einige Wochen in einem Weinberge bei Urfa mit seiner Frau zugebracht, ist aber vorzeitig zurückgekehrt, weil er die Greuel nicht länger mit ansehen mochte. Auf meinen Wunsch hat er einige seiner Beobachtungen in der in anliegender Abschrift gehorsamst eingereichten Aufzeichnung niedergelegt. Übrigens ist er auf dem Wege von Urfa nach Arab Punar einem sehr ernsten Raubanfall ausgesetzt gewesen, den er hat zurückschlagen können, weil die Räuber nicht darauf vorbereitet waren, daß er Feuerwaffen bei sich hatte und weil ihm einige von den Angreifern nicht bemerkte Kutscher zu Hilfe eilten. Offenbar haben die Räuber einem Zuge Armenier aufgelauert. Die Frau des Österreichers liegt an den Folgen des Schrecks noch jetzt krank.
Der Vertreter der deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft, Teppichmanufaktur Urfa, Herr Franz Eckart, hat den in anliegender Abschrift gehorsamst beigefügten Brief vom 5. August an mich gerichtet. Dieser Brief, sowie die allgemeine Lage in Urfa hat mich veranlaßt, ein Schreiben an den Mutessarrif in Urfa zu richten, in dem ich ihm den Schutz der dortigen Deutschen für ihre Person, für ihr Personal und für die Ausübung ihrer Tätigkeit besonders empfohlen habe.
Über einen weiteren aus Adiaman abgegangenen Trupp sind mir, wie in früheren ähnlichen Fällen, genaue Mitteilungen gemacht worden. Von 696, die Adiaman verließen, sind 321 in Aleppo angekommen; 206 Männer und 57 Frauen sind getötet worden, 70 Frauen und Mädchen und 19 Knaben sind entführt worden. Über den Rest fehlen die Angaben.
Ein aus Siwas am 12. d. M. hier angekommener Trupp war 3 Monate lang unterwegs und völlig erschöpft. Gleich nach der Ankunft sind einige gestorben. Vielfach hatte man ihm unterwegs das Wasser verweigert. Am Muradsu sind sie 14 Tage lang an einer Stelle im Kreise herumgeführt worden, in der Weise, daß sie tagsüber kein Wasser hatten. Die Zahl der Verluste bei diesem Trupp ist mir nicht bekannt geworden.
Wie mir der hiesige Wali, Beschir Sami Bey, heute mitteilt, ist die den katholischen Armeniern gewährte Vergünstigung wieder aufgehoben worden. Alle ohne Ausnahme werden verschickt. Auf der anderen Seite hat er erklärt, daß er Ungesetzlichkeiten oder Einflüsse unverantwortlicher Stellen in seinem Wilajet nicht dulden und gegen etwaige Missetäter auf das schärfste vorgehen werde. Leider verhindert dieser gute Wille nicht solches Unglück, das aus mangelnder Organisation und Vorbereitung erwächst. Es ist kein Zweifel, daß auch im Wilajet Aleppo, z. B. auf dem Weg von Bab nach Membidj, zahlreiche Frauen und Kinder an Erschöpfung zugrunde gegangen sind.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
Anlage I.
Aufzeichnungen eines Österreichers.
Dem Deutschen Konsulat Aleppo am 11. August 1915 übergeben.
Beobachtungen bei den Armeniertransporten in der Gegend von Urfa.
Die Transporte bestanden nur aus Frauen, Greisen und Kindern. Rüstige, kräftige Männer fehlten. Diejenigen Trupps, die bereits eine Woche oder noch länger auf dem Marsche waren, machten einen erbärmlichen Eindruck. Viele von den Strapazen Übermüdete und Erkrankte hinkten mit und zogen Kinder mit sich (viele Säuglinge und schwangere Frauen). Bei Kindern, alten oder sonst schwachen Personen sah man meist wunde, dickgeschwollene in Fetzen gewickelte Füße. Die meisten Transporte hatten ihre Habseligkeiten vor Urfa verkauft, um Transportesel in den Dörfern zu mieten (3 Medjidie pro Tag, d. i. der dreifache des gewöhnlichen Preises). Andere Haufen brachten noch einige Reisegegenstände und Hausgeräte mit nach Urfa, deren sie hier auf schreckliche Weise beraubt wurden, fast ohne Geld. In der Tscharschi verkauften selbst Soldaten Sachen dieser Transportierten. Die meisten Angekommenen wurden im Waisenhause untergebracht, wo sie für Nahrung selbst zu sorgen hatten. Militärposten hielten ringsum Wache. Ich bemerkte, wie ein gieriger Händler mit gekauften Kleidern über die Gartenmauer sprang und dem Posten das Bestechungsgeld offen in die Hand zählte.
Durch Trinkgeld, Kauf oder Freundschaft konnte man von den wandernden Massen Frauen, Mädchen und Kinder an sich nehmen. Später verbot die Behörde diesen Handel; dennoch kommen die Aneignungen vor. Ich sah selbst zwei Frauen von 16 und 30 Jahren, die von der Straße weg von Türken zu sich genommen wurden und die mir dann — als ich zu den Türken noch am selben Tage als Gast kam, erzählten, sie seien aus Adiaman und bereits 10 Tage auf dem Wege. Die Gendarmen waren gut mit ihnen gewesen, schlugen eine räuberische Kurdenbande, die auf Weiberraub lauerten, zurück — in den Dörfern bekamen sie immer wieder Brot und Käse. Tagesmärsche dauerten 6–7 Stunden, Rast hatten sie oft. Auf dem Wege von Adiaman trafen sie nackte ermordete Frauen, auch verstümmelte mit abgeschnittenen Brüsten, zwei noch Lebende erzählten, sie seien vom Zuge zurückgeblieben, teils aus Krankheit, teils aus Fluchtabsicht, wobei sie dann von den Kurden geschändet und beraubt wurden.
Auf dem Transporte gehen viele Personen zugrunde. In Urfa stürzte vor mir eine Frau nieder. Da der Polizist nicht zurückbleiben durfte, forderte er einige Umstehende auf, zur Polizei zu gehen, um dies zu melden, damit man die Kranke wegtrage. Am andern Tag fand ich dieselbe Frau (30 Jahre alt) in einer anderen Straße vor dem Waisenhause in dem größten Sonnenlicht auf der Straße tot liegen. Ich trat hinzu, und sie zeigte bereits blaues Gesicht. Soldaten standen nebenan auf Posten, Polizei und Zivil belebten den Platz. Die Frau lag meiner Schätzung nach schon mehrere Stunden tot da. Erst meine Intervention beim Mutessarrif veranlaßte innerhalb einer halben Stunde die Abfuhr des Leichnams, jedoch mit einem Mistwagen.
Außerhalb Urfas (gegen Tell Abiad zu), knapp vor den Urfagärten, lag am Straßenrande der Leichnam eines 20–24 jährigen Mannes. Niemand beerdigte ihn, sondern Raubvögel fraßen daran.
Auf der Straße Urfa-Arab Punar sah ich wohl im Dunkeln keine Leichen, doch mein Kutscher, der diesen Weg beständig fährt, zeigte mir längs der Straße hin und wieder Brandstellen — die menschlichen Kadaver werden nämlich an Ort und Stelle verbrannt.
Manche Züge humpeln schreiend vor Schmerz dahin. Sobald sie eines Menschen ansichtig werden, fallen viele dieser Unglücklichen auf die Knie und erbitten Hilfe und Rettung oder legen ihre Kinder zur Annahme vor. Auf diesen Märschen bei 56 Grad Celsius und bei Wassermangel erliegen viele vor Erschöpfung. Wer zurückblieb, ist dem Tode sicher.
Anlage II.
Deutsche Orient-Handels- und
Industriegesellschaft m. b. H.
Teppichmanufaktur Urfa.
Urfa, den 5. August 1915.
Vor einigen Tagen haben zwei junge Türken eine junge Frau aus den auf der nahen Diarbekrstraße vorüberziehenden armenischen Emigranten nach dem untern Teil meines Grundstückes in eine Versenkung geschleppt und sie entkleidet, um sie zu vergewaltigen. Auf das Schreien der Frau sind meine Kinder hinzugeeilt und haben drei in der Nähe befindliche Arbeiter von mir zu Hilfe gerufen. Diese befreiten die Frau, welche in mein Haus flüchtete. Nach kurzer Zeit kamen die zwei Türken mit vier andern Begleitern vor mein Haus und forderten in meiner Abwesenheit von meiner Frau die Herausgabe der Frau. Auf wiederholte Antwort meiner Frau: „Hier wohnen Deutsche“ zogen sie drohend ab.
Trotz meiner Vorstellungen bei dem Gouverneur bin weder ich noch meine Familie, noch meine Arbeiter vor weiteren Belästigungen jener Türken sicher. Sie haben erst heute morgen wieder die drei Arbeiter von ihrer Arbeit in meinem Garten vertrieben. Ich bin daher gezwungen, den Schutz meiner eigenen Regierung anzurufen.
Fr. Eckart.
An das
Kaiserlich Deutsche Konsulat, Aleppo.
138.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 13. August 1915.
Das Kriegsgericht in Konstantinopel erläßt in den hiesigen Blättern die öffentliche Ladung des bekannten armenischen Politikers und ägyptischen Staatsmannes Boghos Nubar Pascha, der verschiedener landesverräterischer Handlungen beschuldigt wird.
Das vom Kriegsgericht eröffnete Verfahren ist nicht ernsthaft zu nehmen.
Richtig dürfte sein, daß Nubar Pascha sich an den Verhandlungen des Katholikos von Etschmiadsin mit den Dreiverbandmächten über die Schaffung eines autonomen oder unabhängigen armenischen Staates aus den ostanatolischen Provinzen beteiligt hat, bzw. noch beteiligt. Dagegen wird — mit Recht — bezweifelt, daß er in einer direkten Verbindung mit den in der Ladung genannten Blättern steht, welche Organe der Hintschakistenpartei sind, da er sich bisher von dem bekannten armenischen Vereine ferngehalten hat.
In der weiteren Anschuldigung, die sich auf Boghos Nubar Pascha’s Tätigkeit in der armenischen Reformfrage[85] während der Jahre 1913 und 1914 bezieht, wird hier von manchen Seiten ein versteckter Vorwurf gegen unsere damalige Politik erblickt, die das Zustandekommen des Reformprojektes unterstützt habe.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.
139.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 14. August 1915.
Ankunft in Pera, den 15. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ich habe in verschiedenen deutschen Zeitungen türkische amtliche Dementis der Christengreuel gelesen und bin über die Naivität der Pforte erstaunt, welche die Tatsachen der Verbrechen türkischer Beamten durch krasse Lügen aus der Welt schaffen zu können glaubt.
Holstein.
140.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 15. August 1915.
Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Immer weiter eintreffenden Informationen zufolge sind die Armenier im Osten schon heute so gut wie völlig vernichtet.
Regierung will die Armenier des Westens entweder auch vernichten, oder sie weiß nicht, was sie tut. Es herrscht völlige Desorganisation, so daß die mit der Ausführung beauftragten Beamten nicht wissen, was die Regierung will. Die Armenier aus Cilicien, die sich in Aleppo befinden, erhalten, wenn auch unregelmäßig, etwas Lebensunterhalt von der Regierung. Die aus dem Osten, von denen etwa 6000 hier sind, während täglich etwa 300 ankommen, erhalten nichts. Die von der armenischen Gemeinde Aleppo aufgebrachten Mittel sind bald erschöpft. Früher konnte jeder Flüchtling 4 kleine Brote täglich, jetzt nur 2 erhalten und keine andere Nahrung. Für Tausende und aber Tausende an anderen Orten als Aleppo sorgt niemand.
Rößler.
141.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 16. August 1915.
Ankunft in Pera, den 16. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der Abtransport der Armenier von Marasch hat begonnen. Es liegen keine Nachrichten von der dortigen deutschen Mission vor. Ich stelle gehorsamst anheim, eine Ausnahme für das Personal des Hospitals und für den Lehrkörper, die Schüler und Schülerinnen der Schulen des Hilfsbundes zu erwirken, da es sich um deutsche Anstalten handelt.
Rößler.
142.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 17. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Vom Minister des Innern wurde mir der Schutz der deutschen Anstalten, des Hospitals nebst Apotheke und der Schulen in Marasch, auch das Verbleiben des Hilfspersonals und der Schulkinder zugesagt. Gleichzeitig wurde versprochen, daß die Ortsbehörden entsprechende telegraphische Anweisung erhalten werden.
Hohenlohe.
143.
(Bericht von Deutschen
in Konia.)
Konia, den 16. August 1915.
Die unterzeichneten, zurzeit in Konia ansässigen deutschen Staatsangehörigen gestatten sich, der Kaiserlich Deutschen Botschaft folgenden Bericht zu unterbreiten:
Seit einer Woche sind wir Zeugen der ergreifendsten Szenen, über die sich ein Fernstehender kaum ein Bild machen kann. Täglich kommen lange Züge mit Armeniern an, die nach ihren Aussagen aus Ismid, Adabazar und Umgebung ausgewiesen worden sind.
Von Durchreisenden haben wir erfahren, daß diese Ausweisungsmaßregeln schon seit Monaten in Cilicien und Nordmesopotamien zur Anwendung kommen, und wie wir hören, soll auch in anderen Orten Anatoliens mit den Armeniern aufgeräumt werden. Heute erhielten auch die hiesigen Armenier den Befehl, die Stadt innerhalb acht Tagen zu verlassen.
Was wir mit unserem Bericht bezwecken, ist, gegen die jeder Menschlichkeit zuwiderlaufende Art der Behandlung dieser Vertriebenen Einspruch zu erheben.
Weiber und Kinder werden mit Faust- und Stockschlägen angetrieben. Auf offenen Karren und Tatarwagen werden sie in die Nacht gejagt, und die Unbemittelten müssen zu Fuß mit dem Rest ihrer Habe die beschwerliche lange Reise fortsetzen.
Die des Nötigsten entbehren, müssen ihre geringen Habseligkeiten verschleudern, ja, sie werden ihnen oftmals mit Gewalt entrissen und gestohlen.
Wie groß die Verzweiflung ist, geht daraus hervor, daß Mütter ihre Kinder verschenken, um sie vor dem elendesten Los zu bewahren.
Kinder, die von mitleidigen christlichen Familien angenommen wurden, sind diesen später von den Behörden abgefordert und Türken gegeben worden.
Hilfeleistungen von unserer Seite wurden nicht gern gesehen. Dies erinnert uns an einen Vorfall im April d. J., wo die Unterstützung der hiesigen amerikanischen Mission an die ca. 3000 von Zeitun ausgewiesenen Armenier verboten wurde; dagegen wurde von keiner Seite Einspruch erhoben, als bei den Balkanwirren von der gleichen Mission für mehr als 500 Ltq. Betten und Wäsche von Eskischehir bis Eregli unter den muhammedanischen Auswanderern verteilt wurden.
Der ganze Weg von hier bis hinter Aleppo gleicht einer Karawane des Jammers und des Elends. In Ortschaften wie Karaman, Eregli und Bozanti, wo die Bewohner selbst an Brotmangel leiden, ist das Los der Vertriebenen unausdenkbar; sie sind einem langsamen qualvollen Hungertode preisgegeben. Zur Kenntnisnahme erwähnen wir, daß in Bozanti trotz einem Brotpreise von Piaster 8 per Oka solches nicht zu bekommen ist.
In den Gebirgsgegenden diesseits und in der Ebene jenseits des Taurus sind diese Ärmsten den schändlichen Gelüsten der halbwilden muhammedanischen Bevölkerung ausgesetzt.
Die ganze Maßregel läuft also allem Anschein nach auf eine völlige Ausrottung der Armenier hinaus.
Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur für die Türken einen unauslöschlichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch für uns Deutsche, falls wir der Sache untätig zusehen und die Vernichtung dieses Volkes zulassen. Abgesehen davon ist dieses Vorgehen höchst beklagenswert im Interesse der wirtschaftlichen Lage des Landes und auch deutsche Unternehmungen werden dabei in Mitleidenschaft gezogen, wenn dieses arbeitsame Volk zugrunde geht.
Wenn sich Unterzeichnete erlauben, der Kaiserlichen Botschaft einen Bericht über diese Zustände zu übersenden, so tun sie dies in der Annahme, daß diese der Kaiserlich Deutschen Botschaft nicht in vollem Umfange bekannt sind.
Wir Deutsche, die wir hier jetzt täglich gezwungen sind, einem unmenschlichen Treiben zusehen zu müssen, fühlen uns als Mitglieder eines Kulturstaates inmitten eines halb zivilisierten Volkes verpflichtet, dagegen zu protestieren.
In Erwartung, daß unsere Bitte dahin berücksichtigt wird, daß wenigstens das Los der tausende und abertausende unschuldiger Frauen und Kinder gemildert wird, zeichnen wir
Hochachtungsvoll
Willy Seeger, Leiter der Anatolischen Industrie- und Handelsgesellschaft, Filiale Konia. Georg Biegel, Mittelschullehrer. Heinrich Janson, Werkmeister. J. E. Maurer, Diplom-Ingenieur.
An die Kaiserlich Deutsche Botschaft
Konstantinopel.
144.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 18. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Bitte zu geeigneter Zeit und in entsprechender Form Bericht aus Aleppo vom 27. Juli bei Pforte verwerten und Überzeugung aussprechen, das Vorgehen gegen die Armenier widerspreche ihren Absichten und Instruktionen.
Unsere Freunde im türkischen Kabinett werden begreifen, daß wir schon wegen des gegen uns erhobenen Vorwurfs der Anstiftung an energischer Unterdrückung der Ausschreitungen lebhaft interessiert sind.
Zimmermann.
145.
Eingabe eines Armeniers.
Deutsche Botschaft.
(Von Msgnre Dolci übergeben.)
Pera, 19.8.1915.
Aus der Deportation der Armenier.
Die Katholiken von Nicomedia (Ismid) sind mit anderen Armeniern deportiert worden. Zwei Priester und ein Teil der katholischen Armenier sind durch einen glücklichen Zufall in Eskischehir geblieben. Nach fünf Tagen werden sie davon fortgejagt. Wir bitten Sie, es zu erlangen, daß diese zwei Priester und ihr Volk entweder nach ihren Städten oder Dörfern zurückkehren, oder in Eskischehir bleiben, aber so frei wie die dortigen katholischen Armenier.
Gegen alle Versprechungen hat man am 16. d. M. die katholischen und protestantischen Armenier von Baktschedjik abtransportiert. Durch einen Zufall sind fünf Nonnen und drei Priester in Nicomedia geblieben und ihr Volk durch Eisenbahn deportiert. Wir bitten Sie, diese Priester und Schwestern entweder nach Baktschedjik zurückzuschicken oder nach Konstantinopel kommen zu lassen. Ebenfalls das katholische und protestantische Volk nach seinem Dorfe zurückschicken oder in Eskischehir aufhalten.
Den Eisenbahnbeamten Order geben, daß sie diese Unglücklichen menschlicher behandeln.
Man gestatte uns, den Armen Almosen zu geben.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Verfügung.
Herrn Generalkonsul Mordtmann mit der Bitte, die Sache möglichst heute noch bei Talaat befürwortend zur Sprache zu bringen.
21. August 1915.
Neurath.
146.
Aufzeichnung.
21. August 1915.
Ich habe heute auf dem Ministerium des Innern bei Aziz Bey (Minister und Djambulad Bey waren nicht da) wegen Rücksendung der bereits abtransportierten katholischen Armenier Schritte getan.
Aziz Bey wird die Sache dem Minister vortragen, und bemerkte dabei, daß nach neuester Verfügung die katholischen Armenier von Angora und Adana von der Vergünstigung wieder ausgenommen seien.
Ich hatte speziell gebeten, wegen der bereits nach Eskischehir und Konia abgeführten und dort in den Konzentrationslagern internierten katholischen und protestantischen Armenier dem Mutessarriflik Eskischehir und Wilajet Konia telegraphische Weisungen wegen Sistierung des Weitertransports bzw. Rücksendung der Internierten zugehen zu lassen.
Mordtmann.
Notiz:
Pera, 23. August 1915.
Der katholische armenische Patriarch teilt mit, der Befehl, die katholischen Armenier von der Ausweisung auszunehmen, sei rückgängig gemacht und bittet um Verwendung.
147.
Aufzeichnung.
23. 8. 15.
Heute Talaat Bey vorgetragen, der sich ausweichend ausdrückte. Gleichzeitig regte ich an, die bereits nach Eskischehir und Konia abgeschobenen Armenier protestantischen und katholischen Glaubens nicht weiter zu transportieren und ihnen eventuell die Rückkehr in ihre Heimat zu gestatten, und erhielt gleiche unbestimmte Auskunft.
Aziz Bey, den ich hierauf aufsuchte, um ihm die Sache wegen Eskischehir dringend zu machen, bezweifelte sehr, daß der Minister die gewünschten Ordres geben würde.
Mordtmann.
148.
Telegramm.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Pera, den 24. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Adana.
Kürzlich hatte die Pforte das Verbleiben der katholischen und protestantischen Armenier in ihren Wohnsitzen zugesagt, nachträglich aber diese Vergünstigung für Angora und Adana zurückgezogen. Daraufhin sind von hier aus Schritte getan worden, um den letzten Beschluß der Pforte rückgängig zu machen. Ob diese Schritte Erfolg haben werden, erscheint zweifelhaft. Bitte eventuell Drahtbericht über die dortige Lage.
Hohenlohe.
149.
(Oberstleutnant Stange.)
Erzerum, den 23. August 1915.
Bericht über die Armeniervertreibungen.
Die Armenieraustreibungen begannen etwa Mitte Mai 1915. Bis dahin war alles ziemlich ruhig geblieben; die Armenier konnten ihrem Handel und Gewerbe nachgehen, übten ungestört ihre Religion aus und waren im allgemeinen mit ihrer Lage zufrieden. Allerdings wurde am 10. Februar d. J. der 2. Direktor der hiesigen Ottomanbank, ein Armenier, gegen 6 Uhr abends auf offener Straße erschossen. Trotz angeblicher Bemühungen der Regierung ist der Täter nie ermittelt worden; heute ist kein Zweifel mehr darüber, daß der Anlaß zu diesem Morde ein rein politischer war. Um die damalige Zeit wurde auch der armenische Bischof von Ersindjan ermordet.
Gegen den 20. Mai war vom Oberkommandierenden Kamil Pascha die Räumung der armenischen Dörfer nördlich Erzerum befohlen worden, was von den türkischen Organen in rohester Weise ausgeführt wurde; hierüber liegt die Abschrift eines Briefes der armenischen Dorfbewohner an ihren Bischof vor: Die Leute wurden in kürzester Zeit von Haus, Hof und Feld verjagt und zusammengetrieben, einem großen Teil ließen die Gendarmen nicht die Zeit, das Nötigste zusammenzupacken und mitzunehmen. Zurückgelassenes und mitgenommenes Gut wurde von den begleitenden Gendarmen und Soldaten den Eigentümern abgenommen oder aus den Häusern gestohlen. Bei dem damaligen schlechten Wetter mußten die Vertriebenen unter freiem Himmel nächtigen; sie erhielten von den Gendarmen meist nur gegen besondere Bezahlung die Erlaubnis, die Ortschaften zur Besorgung von Lebensmitteln oder zur Entnahme von Wasser betreten zu dürfen. Vergewaltigungen sind vorgekommen und tatsächlich haben verzweifelte Mütter ihre Säuglinge in den Euphrat geworfen, weil sie keine Möglichkeit mehr sahen, sie zu ernähren. Der deutsche Konsul ließ mehrmals durch seine deutschen Konsulatsangestellten Brot verteilen, und letztere sind in der Lage, über das Elend der Verjagten zu berichten.
Es steht einwandfrei fest, daß diese Armenier fast ohne Ausnahme in der Gegend von Mamachatun (Terdjan) von sogenannten Tschettäs (Freiwilligen), Aschirets und ähnlichem Gesindel ermordet worden sind, und zwar unter Duldung der militärischen Begleitung, sogar mit deren Mithilfe. Der Wali gab diese Tatsachen — natürlich nur in beschränktem Umfange — dem deutschen Konsul zu, und letzterer hat über die Begebenheiten einen dem Gemetzel verwundet entkommenen alten Armenier eingehend vernommen. Eine größere Anzahl von Leichen wurde vom Konsulatsdiener Kriegsfreiwilligen Schlimme dort gesehen.
Anfangs Juni wurde mit der Ausweisung der Armenier aus der Stadt Erzerum begonnen. Die Art und Weise, wie sie von den Regierungs- und Polizeibehörden und deren Organen durchgeführt wurde, läßt jegliche Organisation und Ordnung vermissen. Im Gegenteil ist sie ein Musterbeispiel für rücksichtslose, unmenschliche und gesetzwidrige Willkür, für tierische Roheit sämtlicher beteiligter Türken gegenüber der ihnen tief verhaßten und als vogelfrei angesehenen Bevölkerungsklasse. Hierüber liegt eine große Zahl von sicheren Beispielen vor. Die Regierung tat nicht das geringste, den Ausgewiesenen irgendwie behilflich zu sein, und da die Polizisten die Gesinnung ihrer Vorgesetzten kannten, so taten sie auch ihrerseits alles, was die Quälereien der Armenier vermehren konnte. Ausweisungen wurden verfügt und wieder aufgehoben, dann die ausgestellten Aufenthaltserlaubnisscheine von der Polizei nach wenigen Tagen wieder abverlangt und vernichtet und neue Ausweisungsbefehle erteilt; in vielen Fällen wurden letztere vom Abend zum Morgen gegeben. Einsprüche und Beschwerden wurden nicht beachtet und nicht selten mit Mißhandlungen beantwortet.
Die Regierung gab den Ausgewiesenen keinen Bestimmungsort an. Sie ließ zu, daß die Preise der Beförderungsmittel eine fast unerschwingliche Höhe erreichten, sie gab meist eine unzureichende Zahl Begleitmannschaften mit, die schlecht ausgebildet waren und ihre Pflicht, die Vertriebenen zu schützen, keinesfalls ernst nahmen, wie sich später oft herausstellte. Und doch war es allgemein bekannt, daß die Unsicherheit auf den Landstraßen einen hohen Grad erreicht hatte, was die Behörde aber nicht abhielt, die Armenier hinauszujagen. Sie sollten eben umkommen. In Trapezunt war es den Armeniern nach erhaltenem Ausweisungsbefehl sogar verboten worden, irgend etwas von ihrem Eigentum zu veräußern oder mitzunehmen. Der Diener des hiesigen Konsulats, deutscher Kriegsfreiwilliger Schlimme (Schlimme hatte eine Dienstreise im Auftrag des Konsulats über Baiburt Ersindjan nach Trapezunt unternommen) hat selbst in Trapezunt gesehen, wie Polizeimannschaften den an der Polizeiwache vorüberziehenden ihre ärmlichen Bündel abnahmen.
Vorstehendes möge genügen, um einen, wenn auch nur schwachen Begriff von der rohen Behandlung zu geben, der die Armenier ausgesetzt waren. Zahlreiche weitere Einzelheiten stehen zur Verfügung.
Soweit es bei dem Bestreben der Regierung, die Ereignisse zu verheimlichen oder abzuschwächen, übersehen werden kann, ist die Lage folgendermaßen:
Von dem ersten Trupp, der am 16. Juni auf dem direkten Weg nach Kharput abging, und der vorwiegend aus armenischen Notabeln bestand, die ziemlich viel Gepäck mitführten, sind alle Männer mit wenigen Ausnahmen umgebracht, was vom Wali für eine Anzahl von 13 Armeniern zugegeben wurde. Die Frauen scheinen mit den kleinsten Kindern in Kharput angekommen zu sein, von den erwachsenen Mädchen ist nichts sicheres bekannt. Die übrigen Trupps wurden über Baiburt und Ersindjan und weiter in Richtung Kemach (Euphrattal) geleitet. Sie „sollen“ im allgemeinen glücklich durch das Euphrattal durchgekommen sein, haben aber noch eine gefährliche Gegend auf dem Marsch nach Kharput und in die Gegend von Urfa zu durchqueren.
Von den Armeniern von Trapezunt wurden die Männer abseits ins Gebirge geführt und unter Mithilfe von Militär abgeschlachtet, während die Frauen in bejammernswertem Zustande nach Ersindjan getrieben wurden. Was weiter mit ihnen geschah ist zurzeit nicht bekannt. In Trapezunt wurden Armenier aufs Meer hinausgefahren und dann über Bord geworfen. Der Bischof von Trapezunt wurde vor das Kriegsgericht in Erzerum geladen und auf der Reise dahin samt seinen Kawassen erdrosselt. Ein armenischer Militärarzt wurde zwischen Trapezunt und Baiburt ermordet.
Die Armenier von Ersindjan wurden allesamt ins Kemach-(Euphrat-)Tal getrieben, und dort abgeschlachtet. Es wird ziemlich glaubwürdig berichtet, daß die Leichname auf schon vorher bereit gehaltenen Wagen nach dem Euphrat geschafft und in den Fluß geworfen wurden. Der Bischof von Ersindjan hat seine Glaubensgenossen begleitet und wird ihr Los geteilt haben.
In Erzerum befinden sich nur noch ganz wenige Armenier, nachdem die ursprünglich getroffene Anordnung, Frauen und Kinder ohne männlichen Schutz dürften in der Stadt bleiben, wieder aufgehoben und deren Vertreibung streng und rücksichtslos durchgeführt war. Selbst diejenigen, deren man für Heeres- und Verwaltungsbetrieb unbedingt bedurfte, Handwerker, Beschlagschmiede, Kraftwagenführer, Lazarettpersonal, Bank- und Regierungsbeamte, Militärärzte wurden planlos verschickt.
Die Entfernung der Armenier aus dem Kriegsgebiet von Erzerum war gesetzlich zulässig und wird mit militärischer Notwendigkeit begründet. In der Tat hatten sich die Armenier in verschiedenen Gegenden als unzuverlässig erwiesen. Es kam zu Aufständen z. B. am Wansee, in Bitlis und Musch.[86] Gelegentlich wurden Telegraphendrähte durchgeschnitten und nicht wenig Fälle von Spionage kamen vor. Andererseits hatte sich bisher die armenische Bevölkerung in Erzerum vollkommen ruhig verhalten. Ob sie bei etwaiger Annäherung der Russen an Erzerum weiter ruhig geblieben wären, ist zurzeit nicht mit Sicherheit festzustellen. Alle wehrfähigen Armenier waren bis auf einen verhältnismäßig geringen Bruchteil eingezogen. Ein besonderer Anlaß, eine Erhebung zu befürchten, lag demnach nicht vor. Trotzdem scheint die Regierung eine solche Furcht vor den Armeniern gehabt zu haben, die in keinem Verhältnis zu dem machtlosen Zustande stand, in dem sich zurzeit hier die Armenier befanden. Wenn nun auch immer die Entscheidung über Entsendung dieses nicht ganz zuverlässigen Elementes allein Sache des Oberkommandos ist, so dürfte doch erwartet und verlangt werden, daß diese Maßnahme ohne Schaden für Leben und Eigentum der Ausgewiesenen, denen persönlich nicht die geringste Schuld nachzuweisen war, durchgeführt wurde. Hierdurch wird die Berechtigung und Verpflichtung, einzelnen Schuldigen den Prozeß zu machen, nicht berührt. Daß aber Hunderte und Tausende regelrecht ermordet wurden, daß die Behörden über jedes zurückgelassene Eigentum (Häuser, Läden, Waren, Hausrat) willkürlich verfügten — in der armenischen Kirche lagen Vorräte im Werte von etwa 150000 Ltq[87] — daß überhaupt die Entfernung in der unmenschlichsten Weise vor sich ging und Familien und Frauen ohne männlichen Schutz vertrieben wurden, daß endlich die zum muhammedanischen Glauben übergetretenen Armenier nicht mehr als verdächtig betrachtet und also in Ruhe gelassen wurden, gibt zu der Vermutung berechtigten Anlaß, daß militärische Gründe erst in zweiter Linie für die Vertreibung der Armenier in Betracht kamen, und daß es hauptsächlich darauf ankam, diese günstige Gelegenheit, wo von außen her Einspruch nicht zu erwarten war, zu benutzen, einen lang gehegten Plan, die gründliche Schwächung, wenn nicht Vernichtung der armenischen Bevölkerung zur Ausführung zu bringen. Hierzu boten militärische Gründe und die aufrührerischen Bestrebungen in verschiedenen Landesteilen willkommenen Vorwand.
Dabei scheinen die Behörden den Grundsatz als berechtigt anzuerkennen, an Unschuldigen Vergeltung zu üben für die Vergehen Schuldiger, deren man aber nicht habhaft werden kann.
Bei der Durchführung der Ausweisungsmaßnahmen berief sich der Wali einmal auf die Befehle des Oberkommandierenden, ein anderesmal auf Befehle von Konstantinopel. Umgekehrt drängte der Oberkommandierende dauernd auf rücksichtslose Beschleunigung der Austreibung und gab nicht selten Befehle, für deren Ausführung er dem Wali die Verantwortung zuschob, ohne ihm die Mittel zur Ausführung geben zu können oder zu wollen. Der Oberkommandierende mußte von der Ermordung der ersten Armenier Kenntnis haben, auch von dem Verhalten der begleitenden Gendarmen; er kannte die Unsicherheit der Straßen, tat nichts zur Beseitigung dieses Übelstandes und befahl trotzdem die Vertreibung der Armenier auf eben diese Straßen. Dieses Verhalten entspricht allerdings seiner Äußerung zum Konsul, „daß es nach dem Kriege eine Armenierfrage nicht mehr geben werde“.
Nach allem vorgefallenem kann folgendes als sicher angenommen werden:
Die Austreibung und Vernichtung der Armenier war vom jungtürkischen Komitee in Konstantinopel beschlossen, wohl organisiert und mit Hilfe von Angehörigen des Heeres und von Freiwilligenbanden durchgeführt. Hierzu befanden sich Mitglieder des Komitees hier an Ort und Stelle.
Hilmi Bey, Schakir Bey, der Abgeordnete für Erzerum, Seyfulla Bey; außerdem hier im Amt: Der Polizeidirektor Chulussi Bey und der Oberkommandierende Mahmud Kamil Pascha.
Stange,
Oberstleutnant.
An die deutsche Militärmission
Konstantinopel.
150.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 25. August 1915.
Ankunft in Pera, den 25. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Djemal Pascha hat gegen den klaren Befehl des Minister des Innern, daß protestantische Armenier bleiben dürfen, Gegenbefehl gegeben. Er ist zunächst durch den Wali auf den Widerspruch aufmerksam gemacht worden.
Rößler.
151.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 27. August 1915.
An Deutsches General-Konsulat, Jerusalem.
Die protestantischen Armenier waren durch Verfügung der Pforte von der Ausweisung ausgenommen. Djemal Pascha hat bezüglich Wilajet Aleppo laut Telegramm dortigen Konsuls Gegenbefehl gegeben. Bitte, falls Djemal Pascha dort erreichbar, auf Zurücknahme des Gegenbefehls hinwirken, eventuell dessen Gründe feststellen[88].
Hohenlohe.
152.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 27. August 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Ich habe Konsulat Jerusalem ersucht, bei Djemal Pascha wegen der protestantischen Armenier vorstellig zu werden. Auf der Pforte wurde erklärt: die Ausnahme für katholische und protestantische Armenier bezöge sich nur auf die Stadt Aleppo, nicht auf das Wilajet.
Hohenlohe.
153.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 26. August 1915.
Ankunft in Pera, den 27. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Ein seinerzeit mit Waffe vom Militär geflüchteter Armenier hat am 19. August in Urfa bei Haussuchung drei Polizisten getötet.
Daraufhin erfolgte ein regelrechtes Massakre durch Pöbel, wobei etwa 200 Männer, Armenier und Syrer, erschlagen wurden. Die Regierung hatte am folgenden Morgen das Heft wieder in der Hand.
Rößler.
154.
(Kaiserliches
Konsulat Damaskus.)
Telegramm.
Abgang aus Damaskus, den 26. August 1915.
Ankunft in Pera, den 27. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Djemal Pascha ist auf dem Wege nach Jerusalem und nicht nach Damaskus gekommen, ich konnte ihn daher nicht sprechen. Habe hiesigen Wali, der heute zu ihm fährt, vom Inhalt des Telegramms vom 14. August in Kenntnis gesetzt. Bisher sind 3000 Armenier mit Hedjasbahn nach der Gegend von Kerak gebracht. Es sollen 60000 Armenier dorthin und nach Hauran verschickt werden. Gegenwärtig könnten in Provinz Damaskus nach Ansicht Sachverständiger nur für 12000 Einwanderer Unterkunft und Unterhalt besorgt werden. Außerdem erklärt Hedjasbahn, nicht für 60000 Armenier ohne Gefährdung der Transporte für Eisenbahnbau Hedjas-Ägypten für Getreidelieferung nach Hedjas und der Truppenbewegungen Züge bereitstellen zu können. Bisherige Behandlung der Armenier soll seitens der hiesigen Behörden ordentlich sein. Jedoch ist zu befürchten, daß Armenier allmählich ein Opfer der Beduinen und Drusen in Kerak und Hauran werden.
Loytved.
155.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 28. August 1915.
Ankunft in Pera, den 28. August 1915.
Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Armenier, die anfangs mit Erlaubnis des Wali zurückbleiben durften, wie die Beamten der Ottomanbank und der Regie und alleinstehende Frauen, werden nachts abgeschoben und anscheinend an der Stadtgrenze ermordet. Der Wali, der machtlos ist, hat das Feld geräumt und begibt sich für etwa drei Wochen ins Innere.
Ich darf gehorsamst anheimstellen, die Einrichtung eines Kriegsgerichts in Trapezunt zur Untersuchung des Sachverhalts anzuregen. Von dieser Maßnahme ist aber nur dann ein Erfolg zu erwarten, wenn die Einrichtung für die Behörden, die Gendarmerie und das Jungtürkische Komitee überraschend geschieht und die Mitglieder des Gerichts unabhängig genug sind, um nicht der Versuchung einer Teilung der armenischen Beute und der Furcht vor dem Jungtürkischen Komitee zu erliegen.
Bergfeld.
156.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Trapezunt, den 27. August 1915.
Bei der allgemeinen Deportation der Armenier aus Trapezunt blieben einzelne mit der mündlichen oder schriftlichen Genehmigung des Wali hier. Es handelt sich um die Beamten der Ottomanbank, der Tabakregie, zwei Frauen von Beamten und einige alleinstehende Frauen. Diese werden nun nachts abgeschoben und anscheinend unmittelbar vor der Stadt ermordet. Der Wali von Trapezunt ist wohl Mitglied des jungtürkischen Komitees, aber er war bestrebt, die Maßnahmen gegen die Armenier nach Möglichkeit abzuschwächen, und bemühte sich, seine Unabhängigkeit zu wahren. Auf seinen Einfluß dürfte die inzwischen erfolgte Abberufung des hiesigen Inspektors und Führers des Komitees zurückzuführen sein. Leider findet er bei seinen Beamten und den Polizeiorganen keinerlei Unterstützung. Sie bereichern sich mit geringer Ausnahme bei der Räumung der armenischen Häuser auf das schamloseste. So hat der Wali gegen die Verbrecher an armenischem Leben und Eigentum nicht aufkommen können. Andererseits müßte es seiner Natur widersprechen, machtloser Zuschauer der von ihm gemißbilligten Übeltaten zu bleiben. Hierauf dürfte es zurückzuführen sein, daß er das Feld geräumt und sich unter einem unbedeutenden Vorwand auf etwa drei Wochen ins Innere begeben hat.
Die geschilderten Vorkommnisse sind nicht nur im Hinblick auf das deutsche und das türkische Ansehen, sowie aus allgemein menschlichen Gründen bedauerlich, sie bieten auch die Gefahr, daß die Komiteeleute an einer derartigen mühelosen Bereicherung Gefallen finden und, falls jetzt keine Bestrafung erfolgt, im gegebenen Moment gegen die griechische Bevölkerung in derselben Weise vorgehen.
Bestrafung ist nur durch die Errichtung eines Kriegsgerichts in Trapezunt zur Untersuchung und Aburteilung der Angelegenheit möglich. Indessen wird die Stellung der Richter nicht leicht sein. Sie werden nicht nur Versuchen von Bestechung aus der armenischen Beute ausgesetzt sein, sondern laufen auch Gefahr, durch ein Vorgehen gegen die Komiteeleute ihre Zukunft zu kompromittieren.
Ich habe der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel Abschrift dieses Berichts eingereicht.
Dr. jur. Bergfeld.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
157.
Aktennotiz.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Pera, den 31. August 1915.
Der Herr Botschafter hat am 30. August in Begleitung des Botschaftsrats den Großwesir aufgesucht und Vorstellungen wegen des Vorgehens gegen die Armenier erhoben.
Am 31. August morgens hat der armenisch-katholische Patriarch Seine Durchlaucht aufgesucht, Abschrift eines allgemeinen Ausweisungsbefehls des Gouverneurs von Adana übergeben und um Fürsprache wegen Rückgängigmachung der die armenischen Katholiken von Adana und Angora betreffenden Ausweisungsbefehle gebeten. Seine Durchlaucht hat sich darauf bei Talaat Bey anmelden lassen. Dieser ist aber selbst auf die Botschaft gekommen, um mitzuteilen, daß er diese Ausweisungsbefehle schon rückgängig gemacht habe. Er will morgen Abschrift des Gegenbefehls schicken. Zugleich erklärte Talaat Bey, die Maßnahmen gegen die Armenier seien überhaupt eingestellt. „La question arménienne n’existe plus.“
Auf Anordnung des Herrn Botschafters habe ich (telephonisch) dem armenisch-katholischen Patriarchat (Sekretär Hoissich) mitgeteilt, daß die Ausweisung der Katholiken aus Adana und Angora nicht mehr stattfinden solle. Der Herr Botschafter bittet, sobald wir die versprochene Abschrift des Gegenbefehls haben, dem Patriarchen auch noch schriftliche Nachricht zu geben.
Göppert.
158.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 31. August 1915.
Ankunft in Pera, den 31. August 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf meine Vorstellung hat gestern der Wali den Weitertransport der hier befindlichen armenischen Protestanten aus Aintab und Marasch unter der Hand um eine Woche verschoben, um das Ergebnis der von Euerer Durchlaucht bei Djemal Pascha eingeleiteten Schritte abzuwarten. Voraussichtlich trifft Djemal Pascha am 1. September in Jerusalem ein.
Rößler.
September.
159.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 1. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Pera.
In Mamaret ul Aziz, Marasch und Harunije sind nach Mitteilung des deutschen Hilfsbundes seine Anstalten infolge der Armenierverfolgung gefährdet. Bitte dafür einzutreten, daß die Waisenkinder aus deutschen Anstalten nicht entfernt werden.
Zimmermann.
160.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 4. September 1915.
Talaat Bey übergab mir am 2. d. M. die in Abschrift beigefügte deutsche Übersetzung von verschiedenen telegraphischen Befehlen, die er in Sachen der Armenierverfolgungen an die in Betracht kommenden Provinzialbehörden gerichtet hat. Er wollte hiermit den Beweis liefern, daß die Zentralregierung ernstlich bemüht ist, den im Innern vorgekommenen Ausschreitungen gegen die Armenier ein Ende zu machen und für die Verpflegung der Ausgewiesenen auf dem Transporte Sorge zu tragen. Mit Bezug hierauf hatte Talaat Bey einige Tage vorher mir gegenüber die Äußerung getan: La question arménienne n’existe plus.
Die erste und die dritte Depesche tragen kein Datum; erstere dürfte am 31. August abgegangen sein.[89]
Indem ich mir weitere Berichterstattung vorbehalte, darf ich bemerken, daß nach einem Telegramm des Kaiserlichen Konsulats in Trapezunt dort noch in den letzten Tagen des August eine Anzahl bisher verschonter Armenier (darunter Beamte der Ottomanbank, der Regie und Frauen) nachts abgeschoben wurden und in der Nähe der Stadt umgebracht sein sollen. Ebenso wird vom hiesigen armenisch-katholischen Patriarchat auf Grund der Aussagen von Reisenden berichtet, daß die Armenier von Angora (hauptsächlich Katholiken), darunter der katholische Erzbischof mit seinem Klerus und mehreren Ordensschwestern am 30. August von Angora abgeschoben und in einiger Entfernung sämtlich getötet worden seien.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
(Osmanisches Ministerium
des Innern.)
Depesche.
An die Provinzialbehörden von:
Hudawendigiar, Angora, Konia, Ismid, Adana, Marasch, Urfa, Aleppo, Zor, Siwas, Kutahia, Karassi, Nigde, Mamuret ul Aziz, Diarbekr, Karahissar, Kaissarijeh, Erzerum.
Da die Kaiserliche Regierung durch die Versetzung der Armenier aus ihren Wohnstätten in die im voraus bestimmten Zonen das alleinige Ziel verfolgt, die regierungsfeindliche Tätigkeit und Unternehmung dieser Nationalität zu verhindern, sowie dieselbe außerstand zu setzen, ihren nationalistischen Bestrebungen bezüglich der Schaffung eines armenischen Staates nachzujagen, nicht aber deren Vernichtung, so wurde endgültig beschlossen, alle Maßregeln zur Beschützung und Beköstigung der Kolonnen während der Abführung zu treffen und alle übrigen Armenier, mit Ausnahme derjenigen, welche bereits aus ihren Wohnorten entfernt sind und ihre weitere Versetzung erwarten, sowie gemäß der bereits erfolgten Mitteilung die Soldatenfamilien, eine den Bedürfnissen entsprechende Zahl von Handwerkern und die Armenier von der katholischen und protestantischen Gemeinde künftighin von ihren Wohnorten nicht auszuweisen.
Es wird hierdurch erklärt, daß gegen alle Personen, welche die Kolonnen angreifen, Räubereien begehen und durch ihre bestialischen Triebe Schandtaten verüben würden, samt ihren Mithelfern, sowie gegen alle schuldigen Beamten und Gendarmen zu ihrer strengen Bestrafung unverzüglich das gerichtliche Verfahren eingeleitet werden wird. Diejenigen Beamten, welche sich schuldig gemacht haben, müssen genannt werden. Bei Wiederholung solcher Missetaten werden die Wilajet- und Livabehörden dafür verantwortlich gemacht.
Anlage 2.
(Osmanisches Ministerium
des Innern.)
Depesche vom 16. August 1331 (29. August 1915).
An das Wilajet Konia.
Für die in Eregli befindlichen armenischen Auswanderer müssen Brot und Oliven besorgt und verteilt, sowie Zwieback bereitgestellt werden. Die erforderlichen Spesen bekanntgeben, damit die nötige Summe von hier aus abgeschickt wird.
Anlage 3.
(Osmanisches Ministerium
des Innern.)
Depesche.
An die Provinzialbehörden zu:
Ismid, Eskischehir, Kutahia, Karahissar, Hudawendigiar, Konia, Angora, Adana, Aleppo.
Hierdurch sind Sie beauftragt, für die Armenier, welche sich bereits in den Haltestellen befinden und für solche, die von den weiteren Haltestellen hingeführt werden sollen, auf drei oder vier Tage Brot zu besorgen und alle Maßregeln zu treffen, damit sie auf dem Wege nicht Not leiden.
161.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 7. September 1915.
An Deutsches Konsulat, Trapezunt.
Antwort auf das Telegramm vom 28. August.
Kürzlich (angeblich am 29. August) hat die Pforte den meisten Wilajeten, allerdings mit Ausnahme Trapezunts, eröffnet, daß Gewalttaten gegen deportierte Armenier gerichtlich geahndet und im Wiederholungsfalle die Provinzialbehörden dafür zur Verantwortung gezogen werden sollen. Die Botschaft hat eine deutsche Übersetzung dieses Rundtelegramms erhalten. Ich bitte, Näheres über die gemeldeten Vorfälle festzustellen und, falls sie sich bestätigen, die Aufmerksamkeit des Wali in geeigneter Form auf das erwähnte Rundtelegramm zu lenken.
Hohenlohe.
162.
(Kaiserliches
Konsulat Trapezunt.)
Telegramm.
Abgang aus Trapezunt, den 8. September 1915.
Ankunft in Pera, den 9. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Von Schritten bei dem Wali, welcher noch nicht zurückgekehrt und dem jungtürkischen Komitee gegenüber machtlos ist, verspreche ich mir keinen Erfolg. Werde den Auftrag gleichwohl ausführen, bitte aber inzwischen das erwähnte Rundtelegramm der Pforte der hiesigen Provinzregierung zukommen zu lassen.
Bergfeld.
163.
(Kaiserliches
Konsulat Jerusalem.)
Telegramm.
Abgang aus Jerusalem, den 9. September 1915.
Ankunft in Pera, den 9. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 27. August.
Djemal Pascha erklärte, daß Talaat Bey bestimme, in welcher Ausdehnung die Ausweisung stattfände, während er — Djemal Pascha — lediglich für die militärischen Ausführungen der vom Minister des Innern erlassenen Verfügungen zu sorgen habe.
Schmidt.
164.
(Kaiserlich Deutsches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 9. September 1915.
Ankunft in Pera, den 9. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die Regierung hat seit einigen Tagen anscheinend allgemeine Weisung erteilt, daß die Armenier, die noch in ihren Wohnsitzen sind, dort belassen werden. Die als verdächtig Bezeichneten werden aber doch verschickt. Unter den Emigranten in Aleppo ist die Zahl der täglichen Todesfälle von 25 auf 40, dann auf 60 gestiegen. Hier herrscht Dysenterie, auf anderen Stationen wütet der Typhus. Die Etappenstraßen der Armee sind in Gefahr, verseucht zu werden. Es liegt daher im militärischen Interesse, daß die Emigranten ärztliche Behandlung erhalten.
Die Zahl der Hungerleidenden wird immer größer. Hilfe in irgend einer Gestalt wird immer dringender, z. B. Geldüberweisung durch den Patriarchen.
Rößler.
165.
(Kaiserliches
Konsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana, den 10. September 1915.
Ankunft in Pera, den 10. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die von der Pforte der Kaiserlichen Botschaft gemachte Mitteilung vom 31. August bezüglich der Armenier ist lediglich eine dreiste Täuschung, weil nachher die Pforte auf Betreiben des hierher entsandten Inspektors An Munif Bey diese Verfügung vollkommen aufgehoben hat. Die Behörden handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses fort. Die Zahl der auf Order ermordeten Armenier übersteigt hier wahrscheinlich schon die Masse der Opfer der jungtürkischen Massakres von 1909[90]. Es ist möglich, daß die nichtdeutsche Presse trotz der bisher von türkischen Konsuln veranlaßten Dementis den Greueln näher treten wird.
Übrigens hatte der hiesige Komiteeführer, wenn die Armenier nicht deportiert würden, mit allgemeinem Christenmassakre gedroht.
Büge.
166.
Schreiben des Militärkommissars an die Bauabteilung III der Bagdadbahn.
Commissariat Militaire.
Alep le 28 Août, 10 Septembre 1915.
Monsieur l’Ingénieur en Chef,
La quatrième Armée ayant été informée que certains Ingénieurs et Employés du Chemin de Fer de Bagdad prennent les photographies de vue de transports des Arméniens, Son Excellence, Djémal Pacha, Commandant en Chef de l’Armée, a donné ordre afin que ces Ingénieurs et Employés remettent de suite et dans le délai de 48 heures, au Commissariat Militaire tous les clichés des photographies avec toutes les copies qu’ils ont pris. Tous ceux qui ne remettront pas ces photographies seront soumis aux punitions et jugés comme ayant pris des photographies sur le champ de guerre sans autorisation.
Veuillez, je vous prie, donner les instructions nécessaires en conséquence à qui de droit et agréez, Monsieur l’Ingénieur en Chef, l’assurance de ma parfaite considération.
pr. le Commissaire Militaire.
Nizami.
167.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 11. September 1915.
Der Kaiserliche Konsulatsverweser Holstein telegraphiert unter dem 9. d. M. aus Mossul, daß nach den von anderer Seite bestätigten Angaben türkischer Truppen, die auf dem Marsche von Djezireh nach Bagdad durch Mossul kamen, etwa eine Woche vorher Banden von Kurden, die zu diesem Zwecke von dem Deputierten von Diarbekir angeworben waren, unter Duldung der Ortsbehörden und Teilnahme des Militärs die gesamte christliche Einwohnerschaft der Stadt Djezire (Wilajet Diarbekr) niedergemetzelt haben.
Die Bevölkerung von Djezireh wurde im Jahre 1891 auf etwa 10000 Seelen geschätzt, von denen die Hälfte Muhammedaner (darunter über 2000 Kurden); die andere Hälfte setzte sich zusammen aus 4750 Armeniern (2500 Gregorianern, 1250 Katholiken, 1000 Protestanten), 250 katholischen Chaldäern und 100 syrischen Jakobiten.
Dieser Vorfall sowie die bereits gemeldeten Vorfälle in Trapezunt und Angora stehen in offenem Widerspruch mit den kürzlich vom Ministerium des Innern erlassenen Weisungen, die hoffen ließen, daß die Armenierverfolgungen und die damit im Zusammenhange stehenden Ausschreitungen nunmehr aufhören würden.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
168.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 12. September 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Bereits vor einiger Zeit hat die Kaiserliche Botschaft wegen der Anstalten des Deutschen Hilfsbundes wiederholt Schritte bei der Pforte getan mit folgendem Ergebnis:
Pfarrer Ehmann drahtete am 10. September aus Mamuret:
„Die Witwen- und Waisenarbeit mit über 450 Pfleglingen ist bis jetzt ohne ernste Störungen fortgesetzt worden. Sämtliche Schulgebäude und ein Waisenhaus sind seit sechs Monaten mit Militär belegt, der Schulbetrieb ist daher eingestellt. Mehr als die Hälfte des Lehrpersonals hier; Tagesschüler mit den Familien sind größtenteils ausgewiesen. Die Wiedereröffnung unserer Schulen in früherem Umfang mit türkischer und deutscher Unterrichtssprache wäre erwünscht.“
Das Kaiserliche Konsulat in Aleppo drahtete unterm 7. September:
„Die Anstalten in Marasch werden weiter betrieben; das deutsche und armenische Personal sowie die Schüler bleiben.“
Was Harunijeh betrifft, so gab der Minister des Innern Anfang August den Befehl, die deutschen Waisenanstalten in keiner Weise zu belästigen. Auf meine diesbezügliche telegraphische Anfrage hat das Kaiserliche Konsulat in Adana noch nicht geantwortet.
Hohenlohe.
169.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. September 1915.
Ankunft in Pera, den 13. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Hiesiger Wali versteht die Instruktionen der Pforte dahin, daß nur solche Protestanten und Katholiken nicht mehr verschickt werden sollen, die noch nicht von ihrem Wohnsitz deportiert sind. Dagegen will er die von auswärts in Aleppo angesammelten, nicht nur Altarmenier, sondern auch Protestanten und Katholiken, weiterverschicken. Erbitte gehorsamst Erwirkung erneuter klarer Befehle, daß sie allgemein da bleiben dürfen, wo sie sind. Eile ist geboten.
Rößler.
170.
(Kaiserliches
Konsulat Adana.)
Telegramm.
Abgang aus Adana, den 13. September 1915.
Ankunft in Pera, den 13. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die gegen die Armenier getroffenen Maßregeln sind verschärft worden: Witwen, Waisen und Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde sollen sofort abreisen! Das Konsulat wird von Hilfe suchenden Frauen umlagert.
Ich bitte gehorsamst um Bescheid, ob Aussicht besteht, daß diese Verfügung rückgängig gemacht wird.
Büge.
171.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 15. September 1915.
An Deutsches Konsulat, Adana.
Antwort auf das Telegramm vom 13. September.
Der Minister des Innern sagte zu, heute nach Adana zu telegraphieren, daß die erwähnten Kategorien von der Verschickung ausgenommen werden.
Hohenlohe.
172.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 14. September 1915.
Ankunft in Pera, den 14. September 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Da die Türken nicht imstande sind, die organisatorische Aufgabe der Massenernährung zu lösen, muß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten zu ernähren, die Mehrzahl mit der Zeit verhungern. Wenn noch irgend eine Hoffnung besteht, auf die Entscheidungen der Pforte Einfluß auszuüben, so stelle ich gehorsamst anheim, dafür einzutreten, daß wenigstens die Protestanten und Katholiken da bleiben dürfen, wo sie sich aufhalten.
Rößler.
173.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 16. September 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 14. September.
Der Notstand der armenischen Auswanderer in Aleppo ist von mir erneut auf der Pforte zur Sprache gebracht worden. Talaat Bey hat materielle Hilfe zugesagt, sich jedoch gegen das Verbleiben von Katholiken und Protestanten ausgesprochen.
Hohenlohe.
174.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 22. September 1915.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Auf den Bericht vom 11. d. M.
Ich darf annehmen, daß Euere Exzellenz die gemeldeten Ausschreitungen gegen die christliche Bevölkerung der Stadt Djezireh bei der Pforte zur Sprache gebracht haben. Nötigenfalls bitte ich, erneut und in entschiedener Weise dahin vorstellig zu werden, daß die Zentralregierung ihren zum Schutz der christlichen, insbesondere armenischen Bevölkerung an die Provinzialbehörden erlassenen Weisungen Nachdruck verleiht und deren Ausführung streng überwacht.
Zimmermann.
175.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 25. September 1915.
Weitere Meldungen der Kaiserlichen Konsuln in Adana und Aleppo bestätigen, daß die bekannten telegraphischen Weisungen der Pforte, um das Los der ausgesiedelten Armenier zu verbessern, infolge der verschiedenen Ausnahmen, die die Pforte selber von vornherein und nachträglich von den gewährten Vergünstigungen gemacht hat, und durch die Willkür der Provinzialbehörden, ihren Zweck zum größten Teil verfehlt haben.
Wie Herr Dr. Büge unter dem 13. d. M. berichtet, sollten in Adana Witwen, Waisen, Soldatenfamilien, selbst Kranke und Blinde verschickt werden.
Gleichzeitig meldet Herr Rößler aus Aleppo, daß trotz des Befehls der Pforte, die Deportierten mit Nahrungsmitteln zu versehen, die Mehrzahl derselben an Hunger zugrunde gehen müßten, da die Behörden nicht imstande seien, eine solche Massenernährung zu organisieren.
Letzthin ging von Herrn Rößler noch das folgende Telegramm vom 18. d. M. ein:
„Lange Züge fast verhungerter armenischer Frauen und Kinder sind dieser Tage vom Osten zu Fuß hier eingetroffen und weiter transportiert, soweit sie nicht alsbald hier starben.
Der Befehl der Pforte, die noch an ihrem Wohnsitz befindlichen zu belassen, wird illusorisch, da jeder beliebige als verdächtig bezeichnet werden kann. Davon wird vielfach Gebrauch gemacht.
Entgegen dem Befehl werden Soldatenfamilien nicht ausgenommen. Auch schwer Kranke werden unbarmherzig abtransportiert.
Transporte erfolgen neuerdings auch wieder nach Mossul und Der es Zor.
Trotz gegenteiliger Versicherung der Pforte läuft alles auf Vernichtung des armenischen Volkes hinaus.
Armenier haben mich gebeten, Ew. Durchlaucht dies noch einmal vorzustellen.“
Talaat Bey, den ich auf diese Zustände habe aufmerksam machen lassen, hat zwar bereitwilligst Abhilfe zugesagt; ich glaube indes kaum, daß die Befehle der Zentrale eine wesentliche Besserung in der Lage der ausgesiedelten Armenier herbeiführen werden.
Hohenlohe.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
176.
(v. Tyszka.)
Konstantinopel, den 30. September 1915.
Die türkischen Maßregeln zur Vernichtung der Armenier.
In den Wilajets von Smyrna und Adrianopel beläßt man die Armenier, ebenfalls zum Teil in Konstantinopel. In allen anderen Provinzen sind die Armenier nach Aleppo, Mossul, Der es Zor und anderen Orten verbannt worden, wo sie nicht eingetroffen sind. Der frühere Deputierte Zohrab, einer der bedeutendsten Anwälte in Konstantinopel, ist auf dem Wege von Alexandrette nach Urfa gestorben, der Deputierte Wartkes in Diarbekr, wohin er verbannt war, nicht eingetroffen.
Die Walis von Smyrna, Rahmi Bey, und von Adrianopel, Hadji Adil Bey, haben erklärt, die Armenier nicht ausweisen zu wollen. Zum Bericht beim Minister des Innern eingetroffen, sind beide bei ihrem Entschlusse geblieben. Auch ein Zeichen von Unstimmigkeit im Komitee. Talaat ist extrem, was er wollte, geschah bisher. Rahmi hat mehr gelernt als Talaat, ist mehr in der Welt herumgekommen, ein praktischer aber auch humaner Charakter, dessen klares Urteil als Deputierten über verschiedene politische Fragen von mir wiederholt eingeholt wurde. Er hat großen Anhang im Komitee.
Im allgemeinen schenkt man alarmierenden Gerüchten in der Türkei wenig Aufmerksamkeit, weil man weiß, daß viel übertrieben wird, aber auch weil man der heutigen Regierung möglichst viel Armfreiheit gewährt. Die heutige Regierung ist ganz zu Unrecht in den Geruch einer liberalen gekommen. Sie ist alles eher als dieses, sie ist absoluter, diktatorischer als die Abdul Hamids war. Die Presse ist geknebelt und kennt nur das Lob der jetzigen Machthaber.
So sprach man von strengen Maßregeln, die die Regierung gegen die Armenier wegen des Aufstandes in Wan in Anwendung brachte, als von einer gerechten Selbsthilfe, zu der der Staat greifen muß, um Ordnung zu schaffen. Die Schuld der Armenier erschien um so größer, als sie sich im Pakt mit dem Nationalfeinde, dem Russen, befanden, die der armenischen revolutionären Erhebung in Wan Vorschub leisteten.
Daß die Regierung mit eiserner Hand eingreift und niederzwingt, was sich loslösen will, ist ihr gutes Recht, denn das Land besteht aus vielen disparaten Elementen, die nur auf eine passende Gelegenheit warten, es den Armeniern nachzutun, und nichts wirkt nachteiliger, als Schwäche zu zeigen, wo nur Kraft das Ansehen der Regierung stärken kann. Aber sie muß, wenn der Freiheitsmantel nicht zum Popanz werden soll, eine Grenze, eine Beschränkung kennen und darf nicht statt Schuldige zu strafen, Unschuldige und Wehrlose vernichten, weil sie zur Rasse der Empörer gehören.
Es handelt sich heute um Opfer, wie sie die an Gewaltakten wahrlich nicht arme türkische Geschichte noch nicht kennt. Das ist eine erschütternde Wahrheit, die Hilfe erheischt von Jedem, der zu helfen imstande ist.
Ob die Opfer, die die Armenier gebracht haben, 500000 übersteigen oder nicht erreichen, ist im Prinzip gleichgültig. Was ins Gewicht fällt, ist die Ruhe und Selbstverständlichkeit, die bei der Verfolgung vor sich geht und von einem Selbstdünkel zeugt, der jeder fremden Einmischung spottet.
Es waren nicht Armenier, die meine tiefere Beschäftigung mit Ursachen und Folgen der Handlung der türkischen Regierung wachriefen, als Vertreter des Rechts und der Humanität zu erscheinen, es waren türkische Senatoren des hiesigen Senats, Männer von größtem Verdienst und tadellosem Charakter, die Ekel empfanden über Taten, die ihre Regierung mit unerschütterlicher Ruhe und Selbstverständlichkeit ausübte.
Als dann ein armenischer intimer Freund von mir, ein Zivilinspektor im Ministerium des Innern, der 26 Jahre lang als Conseiller légiste, als Vertreter von Gouverneuren und Generalgouverneuren, Agop Hamamdjan Effendi, mit großem Eifer und unerschütterlicher Loyalität beschäftigt war und plötzlich ohne Pension aus dem Dienst entlassen wurde, da verlangte ich Aufklärung, da dem ersten Schritte bald ein zweiter, vernichtender für das Leben einer Familie folgen konnte.
Von dem mir befreundeten Direktor im Ministerium des Innern, Hassan Fehmy Bey, bekam ich unter dem 14. September d. J. folgenden Bescheid:
„Die Ehrlichkeit Ihres Freundes steht außer Zweifel. Nur infolge einer angenommenen, allgemein gültigen Maßregel wird er in den Ruhestand versetzt.“
So lautet der Verlegenheitsausweis; denn der Mann ist der fähigste, beste Arbeiter und, wie auch amtlich erklärt wird, von erprobter Ehrlichkeit. Er hat aber eine zahlreiche Familie, ist ihr einziger Ernährer und kann jeden Augenblick nach außerhalb versandt werden, woher er nicht zurückkehrt.
Am 20. d. M. erklärte mir Hassan Fehmi Bey, daß der Minister Talaat Bey alle Armenier aus dem Ministerium des Innern entfernen wolle, da die türkischen Beamten nicht mehr mit ihnen arbeiten wollen. Diese türkische Weigerung könne aber nur schädlich auf den Dienstbetrieb wirken und fortgesetzt weitere Schwierigkeiten in der inneren Verwaltung im Gefolge haben. So habe denn der Minister des Innern entschieden, alle Armenier in seinem Ressort ohne Ansehen der Person aus dem Dienste zu entlassen. In der inneren Verwaltung hätten die Armenier mehr als in jedem anderen Ministerium die Gelegenheit, gemeinsam Pläne zu schmieden und Empörungen anzuzetteln. Mit den Armeniern müsse aufgeräumt werden, denn sie haben einen unversöhnlichen, rachsüchtigen Charakter, und da sie mutig sind, seien sie gleichzeitig ein staatsgefährliches Element.
Auf meinen Einwand, daß in anderen Ministerien, wie in denen der Justiz, der Finanzen, der öffentlichen Arbeiten, der Forsten und Landwirtschaft, wie auch im Conseil d’Etat, sich doch ebenfalls Armenier befänden, erhielt ich zum Bescheide, daß mit den Armeniern reiner Tisch gemacht werden müsse. Es müßte im Ministerium des Innern der Anfang gemacht werden, mit der Zeit würden auch die anderen Staatsbehörden folgen.
Es ist mithin in der Türkei beschlossene Tatsache, aus allen staatlichem Zweigen die Armenier zu entfernen und das osmanische Reich auf rein türkischer Grundlage weiter zu bauen.
Der türkische Plan, alle Armenier aus den Provinzen fortzujagen und sie in Mesopotamien anzusiedeln, ist alten Datums. Die Türken trauten den Armeniern nicht als russischen Grenznachbarn. Ein Anstoß, die Vertreibung der Armenier durchzuführen, war durch die Erhebung in Wan gegeben. Einem Mann von so eisernem Willen wie Talaat Bey, der zu dem extremsten Schritte neigt, wenn er ihn für richtig hält, sich von Niemandem beeinflussen läßt und jede Art der Ausführung für gut hält, wenn sie ihn zum Ziele bringt, einem solchen Mann war mit der Erhebung in Wan die Vertreibung der Armenier zur Notwendigkeit geworden.
Welche Ungerechtigkeiten und Härten dabei unterlaufen, gilt gleich. Talaat Bey ist Optimist par excellence, insbesondere bezüglich seiner eigenen Entschlüsse. Wie er heiteren Sinnes dekretiert, so nimmt er gleichmütig alle Beschwerden entgegen. Bis vor kurzem, anfangs dieses Jahres, galt das armenische Element als das zuverlässigste, ja das allein zuverlässige von den christlichen Elementen in der Türkei. Man las es in allen Zeitungen, und die türkischen Großwürdenträger bestätigten es bei allen sich bietenden Gelegenheiten.
Seit dem März hat sich die Änderung vollzogen, so allgemein, so bestimmt, als ob die Türken bisher nicht gewußt hätten, wie gefährliche Nattern sie am Busen gewärmt hätten.
Wo keine Erfahrung die Handlungen reguliert und bestimmt, da gibts nur Willkür und Unstätigkeit. Djemal Pascha, als Marineminister, war der eifrigste Förderer des türkisch-französischen Komitees. Auch dem Todfeinde, den Russen, sollten goldene Brücken gebaut werden. Take Jonesku, der vielgenannte rumänische Minister des Innern, war der vertrauteste Freund Talaat Beys.
Was können die Armenier im allgemeinen für ein Interesse haben, sich von den Türken loszureißen? Sie haben keinen Anschluß, wie Bulgaren, Griechen und Serben in der Türkei an ihr Königreich und sehen zu klar, um den Russen zu trauen. Die Waffen aber, die die Türken bei den Armeniern fanden, waren großenteils dieselben, die sie von den Türken 1908 erhielten, damit sie dem Komitee bei der Verteidigung gegen die Reaktion Helferdienste leisten konnten. Wenn die Türken aber den Armeniern, die an der russischen Grenze echeloniert waren, nicht trauten, warum schaffte man sie mit derselben Härte wie an der russischen Grenze aus Jalova, Angora, Brussa, Kastamuni fort? Aus diesen Orten sind allein 250000 Armenier vertrieben. In 48 Stunden hatten sie ihre Wohnungen zu verlassen und in die Verbannung nach Aleppo, Zor, Hama, Mossul, ja nach dem Hauran zu gehen.
Nichts war geschehen seitens der türkischen Regierung, um die Vertriebenen an den Ort ihrer Verbannung zu befördern. Die Bahnzüge waren durch den Truppentransport besetzt. Kein Armenier fand dort Platz. Für die Sicherheit auf dem Wege war keine Fürsorge getroffen.
Die Tschettäs, die alten Baschiboschuks vom Kriege 1877/78, waren wieder da, wo billig Beute zu machen und zu morden war, ohne dabei etwas zu riskieren. So tapfer der türkische Soldat ist und so menschlich er fühlt, wenn er nicht religiös aufgestachelt wird, so feige und unmenschlich ist der Irreguläre. Daß die Tschettäs von Jungtürken angestiftet und geführt wurden, wird mit Sicherheit behauptet.
In den Plätzen, wo Massakres der armenischen Bevölkerung stattfanden, wie in Baiburt, Marasch, Schabin-Karahissar, Angora, Malatia, wurden die Männer von der Familie getrennt. Was die Weiber in der Eile zusammenraffen konnten, führten sie mit sich. Die Tschettäs folgten den Zügen der Wehrlosen, beraubten, vergewaltigten und töteten, wie es ihnen beliebte. Ein türkischer Oberstleutnant, der an den Dardanellen kämpft und mit kurzem Urlaub in der Hauptstadt eintraf, erzählte weinend, was ihm seine Verwandten aus Trapezunt und Siwas über die türkischen Massakres an den Armeniern geschrieben hatten.
Von der hohen armenischen Geistlichkeit weiß man heute nur, daß der Bischof von Smyrna am Leben ist, mit der Ermordung der meisten anderen fürchtet der Patriarch rechnen zu müssen. Was mit den armenischen Kirchen, mit den durch Jahrhunderte gesammelten Schätzen in den Kirchen geschehen ist, weiß niemand. Jede Anfrage des armenischen Patriarchen beim Minister des Innern bleibt ohne Antwort.
Die Türken lassen sich gern loben. Zu früherer Zeit hörten sie das Lob und freuten sich darüber, ohne daß das Lob eine nachhaltige Wirkung auf ihr Verhalten ausübte. Heute nehmen die Jungtürken alles Lob für bare Münze und sonnen sich an ihrer Unfehlbarkeit.
Es ist wirklich Zeit, daß die so gänzlich überflüssigen Lobhudeleien den Türken gegenüber eingestellt werden. Will man doch in den höheren Schulen in Hessen die türkische Sprache als Lehrgegenstand einsetzen. Dies zu einer Zeit, da man durch die Straßen irrt, ohne sich durch die rein türkischen Inschriften der Schilder zurecht zu finden und die Türken alle Bescheinigungen über angekommene Wertsendungen dem Europäer bis auf seinen Namen in türkischer Sprache schicken, so daß man nicht wissen kann, ob man der Empfangsberechtigte ist, oder nicht. Man darf in der Sentimentalität doch nicht zu weit gehen und den an Größenwahn Leidenden nicht immer neuen Stoff für ihren unberechtigten Dünkel zuführen. Ein inspirierter Artikel des „Hilal“ verlangt, daß deutsche Professoren, die auf der hiesigen Universität dozieren wollen, nicht ihre Dolmetscher aus der Heimat mitbringen, sondern sie hier suchen und, um mit Erfolg zu lehren, sich bemühen müßten, das Türkische so zu erlernen, daß sie die Lehrgegenstände in dieser Sprache vortrügen. Ein anderer Leitartikel des „Hilal“ stellt Enver Pascha an Dispositionsfähigkeit, Willenskraft und genialer Ausführung auf gleiche Stufe mit Hindenburg.
Ohne Voreingenommenheit sehen die Dinge aber ganz anders aus. Die Expedition nach dem Suezkanal mußte versagen, da sie zu unrichtiger Zeit und mit ungenügenden Mitteln, als dem Mangel an schweren Geschützen und an Lasttieren, Kamelen, deren Lieferung man sich rechtzeitig beschaffen mußte, unternommen war.
Im arabischen Irak wurden die Türken durch den englischen Vormarsch überrascht und hatten von den langen Vorbereitungen zur Expedition seitens der Engländer in Basra keine Kenntnis. Die Expedition nach dem Kaukasus erfolgte mit ungenügend bekleideten Truppen, deren Bedürfnisse nicht gedeckt waren. Der Typhus, dem ein Armeekorps an Zahl zum Opfer fiel, war auf die schweren Strapazen zu schieben, die den Truppen ohne Grund und ohne Resultat zugemutet wurden. Wan ist noch in den Händen der Russen, die auch in der Nähe von Erzerum sind. Zum Schutz der Dardanellen ist viel geschehen. Die Truppen sind gut ausgerüstet und werden gut verpflegt. Nach den außerordentlichen Resultaten daselbst, die sich vor den Augen Europas vollziehen, wird die Kraft der Türkei beurteilt. Und doch lägen die Dinge auch dort anders, wenn dort nur Türken kommandierten. Die Bravour der Truppen tut es nicht allein. Die Türken sind keine Systematiker. Die meisten Generale verstehen nicht zu befehlen, sie können den Unterführern nicht in die Hand arbeiten. Sie bedürfen des Lehrers, der ihnen zeigt, wie der einzelne nur im Rahmen des Ganzen mit Erfolg tätig sein kann und ihnen daher den Blick für eine Offensive eröffnet, die ihnen noch fremd ist. Deutsche Arbeit kann hierbei Großes schaffen. Ihr unvergeßlicher alter Lehrmeister v. d. Goltz Pascha müßte noch einmal die Zügel in seine feste Hand nehmen und Einheitlichkeit in das ganze Getriebe bringen.
Enver Paschas Verdienst um die Ausstattung dieser türkischen Musterarmee an den Dardanellen soll gewiß nicht verkleinert werden; er hat geschaffen, was guter Wille und Fleiß und Aufgehen im Berufe schaffen kann. Ohne die Deutschen wäre es aber nicht so gegangen, wie es gegangen ist.
v. Tyszka,
Zeitungskorrespondent.
177.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 30. September 1915.
An Auswärtiges Amt.
Bis Mitte September war die Anstalt in Harunijeh in ungestörtem Betrieb, obschon die armenischen Lehrer wiederholt mit Ausweisung bedroht wurden. Auf Intervention der Botschaft war die Pforte geneigt, die armenischen Lehrer und das Dienstpersonal dort zu belassen, während der Wali auf Ausweisung bestand; schließlich ist die Belassung der Lehrer unterm 25. September von der Pforte telegraphisch angeordnet worden.
Hohenlohe.
Oktober.
178.
(Auswärtiges Amt.)
Notiz.
Berlin, 1. Oktober 1915.
Dem türkischen Botschaftsrat wurden heute eindringlich alle Argumente vor Augen geführt, die für schonende Behandlung der armenischen Bevölkerung in der Türkei sprechen. Durch Verfolgung und Vernichtung des armenischen Elementes, das einer der Hauptträger von Handel und Gewerbe in der Türkei sei, würde die Türkei selbst wirtschaftlich aufs schwerste geschädigt. Die Nachrichten über die Armenierverfolgungen erregten nicht nur im feindlichen, sondern auch im neutralen Auslande großes Aufsehen und seien für das Ansehen der türkischen Regierung abträglich. In Deutschland selbst beginne in philantropischen Kreisen lebhafte Beunruhigung sich bemerkbar zu machen.
Edhem Bey versprach, mit dem Botschafter zu sprechen und auch nach Konstantinopel zu berichten. Er gab zu, daß es zu Ausschreitungen gekommen sei, wenn auch die im Auslande verbreiteten Nachrichten stark übertrieben seien. Bis zum Frühjahr dieses Jahres habe ein durchaus gutes Verhältnis zwischen Armeniern und Türken bestanden, was um so erklärlicher sei, als ja die Armenier während der Revolutionszeit mit dem Komitee sympathisiert hätten und gemeinsam mit ihm gegen das alte Regime vorgegangen seien. Der Umschwung sei erst im April eingetreten, als es während des türkischen Vormarsches nach Aserbeidschan zu einer Armenierrevolte im Rücken des türkischen Heeres gekommen sei, bei der nicht weniger als 180000 Muhammedaner umgebracht worden seien[91]. Es sei nicht verwunderlich, daß die Muhammedaner hierfür Rache genommen hätten. Der Abtransport der Armenier ins Innere sei aus militärischen Gründen und im Interesse der Selbsterhaltung der Türkei notwendig gewesen. Wenn es dabei zu Übergriffen gekommen sei, so würden diese von der Zentralregierung durchaus gemißbilligt. Bei den großen räumlichen Entfernungen und den primitiven Verhältnissen des Reichs sei die Zentralregierung leider nicht immer in der Lage, Ungeschicklichkeiten und Nachlässigkeiten unterer Behörden zu verhindern.
Rosenberg.
179.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 5. Oktober 1915.
Der Dr. med. Roupen Tschilinguirian, eine in den hiesigen armenischen Kreisen bekannte Persönlichkeit, wurde mit vielen anderen Armeniern am 24. April d. J. verhaftet, um nach Anatolien verbannt zu werden. Ursprünglich sollte er nach Ajasch bei Angora verschickt werden, wo die schwerer belasteten Persönlichkeiten untergebracht und zum Teil in Polizeihaft gehalten wurden. Auf diesseitige Verwendung wurde er in Tschangri (Kiangri) interniert, wo sich die Verbannten frei bewegen und ihren Berufen nachgehen konnten.
Frau Dr. Tschilinguirian[92] und ihre Mutter, Frau Apell, haben dann Schritte unternommen, um für den Genannten die Erlaubnis zur Rückkehr hierher und zur Übersiedelung nach Deutschland zu erwirken. Die türkischen Behörden lehnten indes beides ab, weil sie — wie aus den Äußerungen der betreffenden Beamten hervorging — den Dr. T. für einen jener „Intellektuellen“ hielten, deren Einfluß auf die Massen sie fürchteten. Wie Frau Apell hier angab, hatte zwar der Polizeipräfekt Bedri Bey geäußert, daß dem Dr. T. unter genügender Garantie für sein Wohlverhalten die Reise nach Deutschland gestattet werden könnte, doch hat Bedri Bey, als er von einem Beamten der Kaiserlichen Botschaft darüber befragt wurde, jede dahingehende Äußerung in Abrede gestellt.
Schließlich versuchten noch die beiden Damen für den Dr. T. die Erlaubnis zu erwirken, seinen Aufenthalt in Angora zu nehmen, als hier am 26. August ein Telegramm von ihm einging, daß er denselben Tag nach Ajasch überführt werden sollte. Das Ministerium des Innern gab auf die diesseitigen Schreiben hin sofort telegraphische Anweisung, den Genannten in Tschangri zu belassen bzw. ihn dorthin zurückzubefördern. In Beantwortung dieses Telegramms meldete dann der Gouverneur von Tschangri unter dem 30. August, daß der Dr. T., nachdem er am 26. desselben Monats Tschangri verlassen hatte, in der Nähe von Kaledjik von Wegelagerern angefallen und umgebracht worden war, sowie daß 4 von der aus 12 Individuen bestehenden Bande durch die Behörden festgenommen waren.
In Vertretung
Freiherr von Neurath.
An den Herrn Reichskanzler.
180.
Kaiserliches
Konsulat Aleppo.
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 9. Oktober 1915.
Ankunft in Pera, den 9. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Der armenischen Bevölkerung Urfa droht Verschickung, hat aber beschlossen, den Greueln des Verschickunsgtodes sofortiges Ende vorzuziehen und sich verbarrikadiert. Fachri Pascha soll selbst in Urfa sein, hat Armenierviertel blockiert und Zerstörung durch Artillerie angeordnet. Fortschritte der türkischen Truppen sollen bisher gering sein. Deutsche in Urfa wohlbehalten.
Hoffmann.
181.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Pera, den 13. Oktober 1915.
Ankunft in Berlin, den 14. Oktober 1915.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Von Seiner Heiligkeit dem Papst ist an den Sultan ein Handschreiben gerichtet worden, in welchem dessen Mitleid für die verfolgten Armenier in Anspruch genommen wird. Monsignore Dolci war von der Kurie beauftragt, dem Sultan das Handschreiben in besonderer Audienz zu übergeben. Da die Pforte in der päpstlichen Kundgebung eine Kritik ihrer eigenen Politik erblickte und den Standpunkt einnahm, daß, solange die diplomatischen Beziehungen nicht hergestellt seien, der päpstliche Delegierte nicht offiziell vom Sultan empfangen werden könne, hatten seine Bemühungen bisher keinen Erfolg. Auf Bitte Dolcis habe ich dem Großwesir vorgestellt, daß gerade das päpstliche Handschreiben der Pforte Gelegenheit biete, in ihrer Antwort den türkischen Standpunkt zu der Armenierfrage darzulegen. Der offizielle Empfang des Delegierten durch den Sultan werde überall den Eindruck hervorrufen, als ob die diplomatischen Beziehungen im Begriff ständen, hergestellt zu werden oder hergestellt seien.
Der Großwesir ließ sich überzeugen und stellte in Aussicht, daß Audienz gewährt werde.
Wangenheim.
182.
Deutsche Realschule in Aleppo.
Aleppo, den 15. Oktober 1915.
Als Lehrer einer deutschen Schule, der sich ein weites Feld der Tätigkeit eröffnet hat, halten wir Unterzeichneten es für unsere Pflicht, das Auswärtige Amt auf die traurige Wirkung hinzuweisen, die diese hoffnungsvolle Arbeit durch die Gräßlichkeiten erleidet, die sich in der Austreibung der Armenier tagtäglich vor unseren Augen abspielen.
Wir wollen nicht bei den blutigen Greueln verweilen, mit denen die Wegführung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu beginnen pflegt; den Tausenden von Männern, die abgesondert oder manchmal vor den Augen der ihrigen abgeschlachtet wurden; nicht bei den zahllosen Mädchen, Frauen und Kindern, die der Schändung oder der Verstümmelung durch ihre Wächter und deren Spießgesellen anheimfielen und deren nackte Leichen an den Wegen liegen, die die immer neuen Scharen der Verbannten wandern müssen; nicht bei den unsäglichen Roheiten, dem Verdursten, dem Hunger, die die übriggebliebenen, meist bis aufs letzte ausgeplünderten Witwen und Waisen dezimierten, ehe sie, oft zu Gerippen geworden, hier anlangen, um dann vielleicht — eine von sechs, die auszogen — auf einem ähnlichen Leidenswege ohne Existenzmöglichkeit wieder in die Wüste geschickt zu werden, auf daß der armenische Name verschwinde.
Das alles, nehmen wir an, wird dem Auswärtigen Amt durch seine Vertreter hier im Lande bekannt sein.
Dagegen sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung zu beleuchten, einen Ausschnitt, der uns dicht unmittelbar neben unserer Schule, nur durch eine schmale Gasse getrennt, entgegentritt.
Es ist da ein alter großer Chan, den die türkischen Behörden den Armeniern für ihre Vertriebenen, besonders die schwer Kranken, zur Verfügung gestellt haben. Also eine Art Krankenhaus, sollte man meinen. Treten wir durch den engen, schmalen Gang ein.
Einige Gewölbe, mit elenden, ausgemergelten Gestalten, in Lumpen gehüllt, auf der nackten Erde, bestenfalls auf einigen ärmlichen Resten ihrer fahrenden Habe gelagert. Frauen und Kinder. Hin und wieder ein Greis. Das Mannesalter fehlt.
Wir treten auf den Hof. Er ist ein einziger Abort geworden. Am Rande, vor jenen Gewölben, Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten, durcheinander in ihrem Unrat liegend. Millionen Fliegen auf den erschöpften Kranken und auf den Leichen. Stöhnen, Wimmern, hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der von Hunderten von Fliegen gepeinigten Augenhöhlen. Neben der nackten Leiche eines Greises zwei Kinder, die ihre Notdurft verrichten.
Wir steigen über den mit Exkrementen bedeckten Hof in ein Gewölbe. Ein Dutzend Kinder, halb verhungert, stumpf; einige sterbende — oder tote? — darunter. Keiner nimmt sich ihrer an. Aus einer finsteren Nische wurde eine halbverweste Knabenleiche hervorgezogen, auf die man erst durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden war. Da sind Waisen, deren Mütter in diesen letzten Tagen in diesen Räumen starben. Kein Arzt erscheint hier. Keine Arznei bringt Linderung. Auch sie sind einem schrecklichen Tode geweiht. Sie werden verhungern. Die Regierung liefert diesem „Krankenhause“ Linsen oder Burgul (eine Art Weizenschrot), oder schwarzes Soldatenbrot. Der geschwächte Magen dieser elenden, oft Wochen, ja Monate durch wasserlose Hitze getriebenen Geschöpfe verträgt solche Nahrung nicht mehr, die ohnehin nicht entfernt hinreichen würde. Dysenterie, Entkräftung, Typhus folgen.
Inzwischen sind Lastträger mit Särgen erschienen. Ein Teil der in den letzten Tagen Gestorbenen wird, wie sie sind, hineingelegt, zum nächsten Kirchhof getragen, in das Massengrab entleert. Der Transport mit Särgen (die bloße Traggelegenheit sind) genügt nicht; sterben doch täglich 100 bis 150 der hierher gelangten Überlebenden; auf Lastwagen werden die Leichen ladungsweise abgefahren; eine Plane deckt das Schlimmste. Beine, ein Kopf hier und da, baumeln herunter, wie der Karren über die Straße rattert.
Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.
In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!
Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!
Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.
Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier — bei Christen und Muhammedanern — wie aber später erst in der ganzen Welt! — täglich mehr auf der Seele lasten läßt.
Oberlehrer Dr. Niepage.
Die Darstellung des Kollegen Dr. Niepage übertreibt in keiner Weise. Wir atmen hier seit Monaten Leichengeruch und leben unter Sterbenden. Nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende des himmelschreienden Zustandes erlaubt uns noch, an der Schule weiter zu arbeiten, und der Wille, der hiesigen nichttürkischen Bevölkerung mit unseren schwachen Hilfskräften zu beweisen, daß wir Deutsche persönlich nichts mit den entsetzlichen Methoden dieses Landes zu tun haben.
Schuldirektor Huber.
Eduard Graeter, Dr. phil.
Marie Spieker.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
183.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Abgang aus Pera, den 15. Oktober 1915.
Ankunft in Berlin, den 15. Oktober 1915.
Der amerikanische Botschafter, Herr Morgenthau, mit welchem ich den im englischen Oberhaus und in der feindlichen Presse gegen die deutsche Regierung und die deutschen konsularischen Vertreter in der Türkei erhobenen Vorwurf der Begünstigung der Armenierverfolgungen besprochen habe, betonte wiederholt, er wisse genau, daß deutscherseits alles geschehen sei, um Ausschreitungen zu verhindern und um die türkische Regierung von ihrem Vorgehen gegen den unschuldigen Teil der Armenier abzubringen. Auch sei ihm aus Berichten seiner Konsuln bekannt, daß sich die deutschen Konsuln stets und überall der Armenier angenommen haben.
Wangenheim.
184.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 15. Oktober 1915.
Der Inhalt der hierher gelangten Meldung über die Metzeleien von Djezireh ist seinerzeit dem Ministerium des Innern mitgeteilt worden, das angeblich keine Kenntnis von diesen Vorfällen hatte. Als der Minister kürzlich von neuem darüber interpelliert wurde, erklärte er, daß er die fraglichen Nachrichten in Abrede stellen müsse; in der Türkei kämen keine Massakres vor. Aus dieser wenig befriedigenden Antwort dürfte zu schließen sein, daß es tatsächlich in Djezireh zu Ausschreitungen gekommen ist und die Pforte durch ein Dementi sich unbequemen Erörterungen entziehen zu können glaubt.
Wangenheim.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
185.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.
Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern wurde Räumung der Stadt von verschickten Armeniern (20000) binnen 14 Tagen angeordnet. Einstweilen Sammlung in Konzentrationslagern außerhalb der Stadt. Südlich Taurus soll Eisenbahn nicht mehr zur Verschickung benutzt werden. Familien ohne eigene Fuhrmittel werden zu Fuß abtransportiert. Jede Familie soll ein Kamel für Gepäck erhalten, welches aber notgedrungen oftmals zurückbleibt. Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-Mittel-Nord-Anatolien im Anzug. Zur „Ansiedelung“ nach Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der-es-Zor) weitergesandt 300000. Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selbst überlassen und „werden alle sterben“; die Regierung hätte „vielleicht“ im Frieden Ansiedlung fertiggebracht, obwohl Ansiedlung von Muhammedanern vielfach ebenso gescheitert, habe aber jetzt weder Geld noch Beamte. Jedenfalls fehlt zur Ansiedlung alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert; verschickten Bauern sind von Behörde selbst Hacken, Spaten abgenommen. Allgemeine Überzeugung, daß sämtliche Verschickte dem Tode verfallen. Einverständnis Deutschlands mit diesem Massenmord wird übrigens nicht nur von gesamten Christen, sondern, teils billigend, teils aber auch mißbilligend, von muhammedanischer Bevölkerung des Landes angenommen.
Hoffmann.
186.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 18. Oktober 1915.
Ankunft in Pera, den 19. Oktober 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Seit heute wird bemittelten Armeniern Benutzung Bahn oder eigenes Fuhrwerk behufs Selbstansiedelung gestattet. Wenn unsererseits noch Eindämmung dieses schon rein wirtschaftlich betrachtet unsinnigen Massenmordes beabsichtigt und möglich sein sollte, so käme in Frage: 1. Belassung aller, die noch nicht verschickt sind, vor allem auch der ansässigen Bevölkerung Aleppos (die ebenfalls Verschickungsorder fürchtet), sowie derjenigen Verschickten, die feste Wohnung in Städten gefunden. 2. Sofortige Organisation der Ansiedlung unter Opferung bedeutender Mittel; dabei stärkere Heranziehung der Städte wie Damaskus, Hama, Homs, sowie ihrer Umgebung, eventuell nur vorläufig der leichteren Unterbringung halber. 3. Gestattung Auswanderung.
Nachdem die Pforte selbst kürzlich zahlreiche feindliche Ausländer aus Syrien (Urfa) ausgewiesen, dürften militärische Bedenken unerheblich sein.
Hoffmann.
187.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 20. Oktober 1915.
Der Verweser des Kaiserlichen Konsulats in Erzerum hat mir Abschrift des der Kaiserlichen Botschaft unter dem 5. August d. J. erstatteten Berichts über die Armenierfrage eingereicht.
Ich bin mit der Haltung des Kaiserlichen Vertreters in Erzerum zur armenischen Frage einverstanden und kann es nur begrüßen, wenn er sich der armenischen Bevölkerung nach Möglichkeit angenommen hat. Ebenso stimme ich dem von ihm geplanten Versuche zu, durch Anbahnung einer Verständigung zwischen den türkischen Vertretern und den Führern der Daschnakzagan-Partei einen erträglichen Modus vivendi herzustellen.
Ew. Exzellenz bitte ich Herrn von Scheubner-Richter entsprechend zu bescheiden.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.
188.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 25. Oktober 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich auf die in der „Westminster Gazette“[93] gegen mich erhobenen Beschuldigungen, ich hätte die türkische Bewegung gegen die Armenier geleitet und ermutigt, in der Anlage mit dem Anheimstellen geeignet scheinender Verwendung zwei Briefe zu überreichen, welche dartun, wie die amerikanische Mission in Marasch über meine Wirksamkeit in dieser Stadt aus Anlaß meiner Dienstreise vom 28. März bis 10. April d. J. gedacht hat. Der erste dieser Briefe ist an den deutschen Missionar Herrn Blank gerichtet. Der Verfasser E. C. Woodley ist englischer Staatsangehöriger (Kanadier) und befindet sich noch jetzt an der Spitze der amerikanischen Mission in Marasch. Der zweite Brief ist vom Vorstand der Mission, an erster Stelle wieder von Herrn Woodley an mich selbst gerichtet und drückt mir den Wunsch aus, dahin zu wirken, daß Herr Blank zum deutschen Konsularagenten in Marasch ernannt werde; offenbar in der Überzeugung, daß damit auch den amerikanischen Missionsinteressen gedient sein würde. Es hätte nicht geschehen können, wenn die Amerikaner und in erster Linie Mr. Woodley nicht volles Vertrauen zu meinen Bestrebungen, mildernd zu wirken und unnötiges Unheil abzuwenden, gehabt hätten. Ein Beweis auch für die Stärke der europäischen Kulturgemeinschaft, deren Empfindung unter den besonderen Verhältnissen von Marasch trotz des Weltkrieges sich geltend machte. Beide Äußerungen der Mission sind spontan erfolgt und in keiner Weise von mir hervorgerufen worden. Ich bedurfte solcher Äußerungen nicht und konnte nicht voraussehen, daß sie von mir einst noch zur Abwehr feindlicher Verleumdungen gebraucht werden könnten. Wenn die Missionare nicht die Ernennung eines Konsularagenten ihrer eigenen Nationalität herbeizuführen bestrebt waren, so geschah es, weil sie eine prinzipielle Entscheidung der amerikanischen Regierung kannten, nicht einen Missionar zum Konsularagenten zu ernennen.
Je eine der Abschriften ist vom hiesigen amerikanischen Konsul beglaubigt.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Abschriftlich nebst 2 Originalanlagen
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Pera, den 9. November 1915.
Neurath.
Anlage 1.
Le Matin.
Les Allemands Assassins.
Londres, 30 Septembre. — On mande du Caire au Times:
„Plusieurs consuls allemands ont dirigé ou encouragé les massacres des Arméniens.
„On cite notamment M. Roessler, consul à Alep, qui s’est rendu à Aintab pour diriger en personne des massacres, et le fameux baron Oppenheim[94], qui a donné l’idée de transporter les femmes et les enfants appartenant aux nations alliées à Ourfa, sachant bien que ces malheureux ne pourraient éviter d’y voir les actes barbares commis par les troupes dans les rues mêmes de la ville qui sont littéralement inondées de sang.“ (Havas.)
Anlage 2.
(Reuter-Telegramm.)
Amsterdam, den 7. Oktober, 8 Uhr 44 Min. N.
Wie Reuter meldet, beschäftigte sich gestern englisches Oberhaus mit böser Lage der Armenier. Lord Cromer sagte, daß nicht weniger als 800000 getötet seien. Obschon er keine direkten Beweise für Deutschlands Mitschuld habe, sei es doch infolge großen Einflusses auf Türkei zweifellos dafür verantwortlich. Lord Crewe erklärte, daß es nützlich sei, wenn Tatsachen der ganzen Welt bekanntgegeben werden, soweit diese amtlich bestätigt seien, und hinzufügte, daß Regierung keine amtliche Bestätigung von Deutschlands Mitschuld erhalten könnte. Daß aber deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur zugesehen, sondern zu diesen Greueltaten kräftig aufgemuntert haben, sei aus Berichten amerikanischer Augenzeugen ersichtlich, und aus dem, was Deutsche an anderen Stellen getan haben, sei es nicht unwahrscheinlich, daß ihre Mitschuld auch hier in Frage kommt. Lord Crewe, der Vorsitzende des Ausschusses ist und Untersuchung leitet, gab dann noch einige Greueltaten zur Kenntnis, so wurden z. B. in Trapezunt gesamte Bevölkerung armenischer Abstammung in Booten auf See geführt und ertränkt. Daß Gesamtzahl Opfer 800000 betrage, sei ihm sehr wahrscheinlich.
Anlage 3.
March 31st 1915.
Dear Herr Blank,
Let me congratulate your Consul, through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition, which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.
With kind regards
Yours cordially
E. C. Woodley.
Anlage 4.
Marash, April. 2nd 1915.
Mr. Rößler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo, Marash.
Sir,
We desire to express our sense of the value of your present visit to Marash and that its results may be permanently secured, venture to approach you with the hereafter mentioned request.
It is unnecessary for us to set forth here the critical state of affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully acquainted with it. We rejoice that your influence has already made itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of your official presence is removed, the former conditions will return. We feel very strongly that there should be some official representative or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more normal state obtains.
No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view of this fact, we desire to prefer the following request.
As members of the American Mission we would unitedly request you to use your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official representative in Marash[95], of the Imperial German Government, promising to support him in every way possible in any action he may take for the safeguarding of all the interests of the various communities here.
Trusting that this request may meet with your approval, and expressing again our gratitude for what you have already done to secure better conditions here, we remain
Yours respectfully
The American Mission in Marash
E. C. Woodley, Chairman
James K. Lyman, Vice-Chairman
Kate E. Ainslie, Secretary.
Anlage 5.
Central Turkey College
Aintab, Turkey-in-Asia.
Aleppo, December 9, 1915.
Hon. Walter Rößler, Imperial German Consul, Aleppo.
Sir,
Replying to your note of the 4th inst, I have the honour to state that no disturbances have occurred in Aintab[96].
Respectfully
J. E. Merrill.
November.
189.
(Hauptquartier.)
Telegramm.
Abgang aus Pleß, den 3. November 1915.
Ankunft in Berlin, den 4. November 1915.
Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.
General von Falkenhayn hat folgendes Telegramm an Enver Pascha gerichtet:
„Die Entwickelung der Kriegslage läßt es möglich erscheinen, daß Leistung auf den nach Syrien und Mesopotamien führenden Bahnen bis aufs äußerste gesteigert werden muß. Erbitte Ihre Unterstützung, daß den Bahngesellschaften die Erhaltung ihres geschulten Personals erleichtert wird, die durch Deportierung der armenischen Angestellten während des Krieges schwer gefährdet werden würde.“
Treutler.
190.
(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 4. November 1915.
Ankunft in Pera, den 5. November 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern ist Halil Bey mit seinem Stab hier angekommen. Er selbst muß infolge Erkrankung einige Tage das Bett hüten. Ein Oberst seines Stabes erklärte mir soeben, man müsse auch in Mossul die Armenier niedermachen, was zu tun er die Absicht habe; er werde sich auch durch mich davon nicht abhalten lassen; die Deutschen verleugneten ihre Freundschaft für die Türken, da sie diese an der Exekution gegen die Armenier verhindern wollten.
Es sind dringend sofortige ganz energische Befehle an Halil Bey geboten, auf jeden Fall weitere Massakres zu verhindern.
Morgen oder übermorgen werden die Truppen Halils, die im Norden massakriert haben, hier erwartet.
Holstein.
191.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 5. November 1915.
An Deutsches Konsulat, Mossul.
Antwort auf Telegramm vom 4. November.
Kriegsminister ist sofort vom Minister des Auswärtigen ersucht worden, die dortige Militärbehörde telegraphisch anzuweisen, sie solle nichts gegen die Armenier unternehmen.
Neurath.
192.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 6. November 1915.
Der abschriftlich anliegende Bericht des der Roten-Kreuz-Expedition angehörenden deutschen Arztes Dr. Neukirch aus Erzindjan über die Armenierfrage wird zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
(Stempel.)
Auswärtiges Amt.
An den Kaiserlichen Geschäftsträger
Herrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage.
Rote Kreuz-Expedition.
Erzindjan, den 5. August 1915.
Die armenische Frage ist für Erzindjan zunächst erledigt. Außer wenigen von der Regierung zurückbehaltenen Handwerkern ist kein einheimischer Armenier mehr hier. Schaue ich auf meine bisherigen Mitteilungen zurück, so glaube ich genau genug das Gehörte von dem selbst Gesehenen unterschieden zu haben. Will man sich allerdings nur auf Gesehenes beschränken, so bleibt wenig übrig, da bei den eventuellen Massakres Fremde auf alle Fälle ferngehalten werden. Wie solche Dinge hier vorgehen, wissen die Kenner der Armenierunruhen genügend. Andererseits ist schwer festzustellen, was an den Erzählungen, die man täglich hört, wahr ist. Immerhin schien es, mangels anderer Quellen nötig, die Dinge so zu notieren, wie ich es getan habe. Nach dem, was in letzter Zeit hier zu sehen war, sind Schritte, die die Ausweisung der Armenier humaner gestalten sollten, und über die wir naturgemäß nichts Näheres wissen, von Erfolg gewesen.
Während früher elende Horden von armen Weibern und Kindern ohne Habe vorbeigetrieben wurden, nur von wenigen Bewaffneten geleitet, hatten später die Leute, die vorbeikamen, auch Lasttiere und Vieh mit sich. Zuletzt kamen die Einwohner von Erzerum in riesigen wohlausgerüsteten Ochsenwagenkarawanen vorbei. Die Leute (offenbar auch die Männer vollzählig) sahen sehr gut aus, reisten in kleinen Märschen und waren durch äußerst zahlreiche Gendarmen unter Führung von Offizieren geschützt.
Den größten der Züge begleitete ein hoher Beamter, der Mutessarrif von Bajasid, persönlich. Die Leute bezogen in der Ebene von Erzindjan ein Zeltlager und zogen nach etwa einer Woche weiter. Das Verdienst für diese sachgemäße Beförderung der Erzerumer Armenier hat offenbar der dortige Wali, Tahsin Bey. Es ist zu bedauern, daß die hiesige Lokalbehörde anders verfahren ist. — Auch die Vorgänge in Trapezunt sollen nach guter Quelle bedauerlich gewesen sein. Die Leute aus der dortigen Gegend kamen zu Fuß und mit wenig oder keiner Habe hier durch.
Die Beziehungen der Expedition zu Behörden und Bevölkerung sind gut. Dagegen werden die Armenier uns mit der Verantwortung für das Geschehene belasten wollen.
Zusammenfassung.
Es hat eine vollkommene Entfernung aller Armenier aus diesem Lande stattgefunden, offenbar als Antwort auf die Verrätereien in Wan. In den ersten Wochen sind fraglos schwerste Mißgriffe vorgekommen, späterhin ist die Sache für orientalische Verhältnisse ziemlich geordnet verlaufen. Massakres haben hier offenbar seit Mitte Juni nicht mehr stattgefunden.
Die wirtschaftlichen Folgen sind unübersehbar.
Dr. Neukirch.
193.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 8. November 1915.
Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.
Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die Sachsen:
„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“
Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung, die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen, im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfte insbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann. Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.
Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.
Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über alten Höhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.
Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.
Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber, was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: „Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wieviel hier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.
Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.
Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.
Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.
Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche geschehen wird.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
194.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
8. November 1915.
Akten-Notiz.
Auf Grund von Nachrichten, daß die türkische Regierung neuerdings beabsichtige, auch die Armenier in Konstantinopel zu vertreiben, bin ich heute bei Halil Bey vorstellig geworden und habe ihn erneut auf die Gefahr eines solchen Vorgehens und die schweren Schädigungen wirtschaftlicher Art hingewiesen. Halil Bey erklärte, der Ministerrat habe bereits beschlossen, von allen weiteren Armenierverschickungen, insbesondere auch von Verschickung der Armenier Konstantinopels abzusehen.
von Neurath.
195.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 9. November 1915.
Herr v. Scheubner-Richter berichtet aus Mossul unter dem 5. d. M. folgendes:
„Auf dem Wege von Erzerum über Khinis, Musch, Bitlis, Soert nach Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw. Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen. Lebende männliche Armenier habe ich nicht gesehen. Es sollen etliche sich in die Berge geflüchtet haben. Ca. 500 armenische Frauen und Kinder befinden sich in beklagenswertem Zustande in der armenischen Kirche in Bitlis; auch sollen armenische Frauen in türkischen Häusern gefangen gehalten werden. Auf dem ganzen Wege habe ich und die mich begleitenden deutschen Herrn noch Leichen von armenischen Männern, Frauen und Kindern liegen sehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen, trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren. Nach Aussage von Kurden sind alle Armenier der dortigen Gegend umgebracht worden. Eine von den Armeniern vorbereitete Revolution bzw. Erhebung hat es nach meinen Informationen nur in Wan gegeben[99], an anderen Orten war es Selbstverteidigung. Die Türken u. a. auch türkische Offiziere, haben überall verbreitet und vielfach auch selbst geglaubt, daß die deutsche Regierung die Vernichtung der Armenier veranlaßt habe.“
Über die Ausrottung der Armenier von Musch und die Zerstörung des Armenierviertels in Musch sowie der armenischen Dörfer in der Umgegend hat die kürzlich hier eingetroffene Schwester Alma Johansson (Schwedin) von dem dortigen Waisenhause des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient eingehende Angaben gemacht. Danach dürfte von der armenischen Bevölkerung außer wenigen Flüchtlingen und einigen geraubten Frauen fast nichts übrig geblieben sein; die armenischen Häuser wurden in Brand gesteckt und dann dem Erdboden gleich gemacht. Diese Ereignisse, die in der ersten Hälfte Juli sich zutrugen, waren, wie aus den Schilderungen der Genannten zu schließen ist, anscheinend mit durch das Herannahen der russischen Truppen, die nach der Besetzung von Achlat, Bulanik, Gop und Liz bis ein, zwei Tagemärsche von Musch streiften, veranlaßt.
Fräulein Johansson, die im August Musch verließ und, nachdem sie sich in Kharput (Mesereh, Mamuret ul Aziz) einige Monate aufgehalten, über Siwas hierher gekommen ist, bemerkte zum Schluß ihrer Schilderungen, daß die offiziellen Kreise sowohl in Musch wie in Mesereh und auch in Siwas übereinstimmend behaupteten, die Deutschen hätten die türkische Regierung zu den Armenierverfolgungen gedrängt.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
196.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
6. November 1915.
Aufzeichnung.
Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten des „Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient“ in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch.[100]
(NB. In Musch besteht ein deutsches Waisenhaus für Knaben und ein zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die sogenannte ärztliche Station.)
Die Stadt Musch zählt 50000 Einwohner, von denen die eine Hälfte Armenier die andere Muhammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa 300 Dörfer, meist armenisch.
Während des Winters wurde die männliche armenische Bevölkerung bei den Proviant- und Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von 2–300 im Durchschnitt kaum 50.
Im Frühling wurden die armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.
Im Mai-Juni wurde Bitlis von Armeniern ausgeräumt.
Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom Mutesarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung beschlossen hätten, alle Europäer nach Kharput zu senden.
Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Wan aus Ahlat, Bulanik, Gop und Liz besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer Entfernung von 1–2 Tagesmärschen von Musch.
Die beiden Schwestern weigerten sich aber, Musch zu verlassen.
Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.
Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker der armenischen Bevölkerung mit Gewehrschüssen eingeleitet, die Türken behaupteten, daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun durchzuschlagen.
Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehöre, zurücklassen müßten.
Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.
Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an; die türkische Bevölkerung nahm daran teil.
Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach versteckten Armeniern zu suchen.
In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim Versuch, das Hoftor zu schließen, wurde eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.
Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif Servet Bey, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.
Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab trotz des Zuredens aus seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet, drei Mädchen und einen Diener zu behalten.
Die männliche armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.
Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.
Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt, ein Albanese, durch Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.
Am 10. August reisten diese nach Mesereh Kharput ab, wo sie am 20. August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage später starb.
Über die Ausrottung der Armenier in Kharput hat die Schwester Alma ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten Julitagen statt.
Von Einzelheiten erwähne ich:
Die offiziellen Kreise in Musch, Mesereh-Kharput und Siwas behaupten einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.
Mordtmann.
197.
Der Reichskanzler.
Berlin, den 10. November 1915.
In der abschriftlich anliegenden Eingabe haben namhafte Vertreter protestantischer Kreise Deutschlands die Armenierfrage bei mir zur Sprache gebracht. Mit dem gleichen Gegenstande beschäftigt sich die in Abschrift beigefügte Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Beide Kundgebungen zeigen die steigende Sorge und Erregung, mit der auch in Deutschland das Vorgehen der Türken gegen die Armenier verfolgt wird.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, unter Berücksichtigung der in den Anlagen dargelegten Gesichtspunkte und Wünsche weiter bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit allem Nachdruck Ihren Einfluß bei der Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen und insbesondere Ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die Maßregeln der Pforte nicht etwa noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung in der Türkei ausgedehnt werden.
Über die Entwickelung der Angelegenheit wollen Euer Hochwohlgeboren mich fortlaufend unterrichten.
von Bethmann Hollweg.
Seiner Hochwohlgeboren
dem Kaiserlichen Geschäftsträger Herrn
Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage 1.
Berlin, den 15. Oktober 1915.
Euer Exzellenz!
Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei versetzt sind, dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht, wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht schleunigst Einhalt geboten wird.
Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:
Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden. Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten durchgeführt worden. Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.
Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird.
Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000), Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen Lebens sich äußern.
Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.
Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden — nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor —, er rechtfertigt nicht die getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt. In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern ausgetilgt werden.
Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben, ihre inneren Verhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen, kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel.
Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten, werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben. Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern, wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das Mögliche zu ihrer Rettung geschah.
Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.
Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.
Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen. Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß, während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen zwangsweise zum Islam konvertiert werden.
Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen. Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.
Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten, dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:
1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,
2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern,
3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.
Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglicht und für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.
Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.
Euer Exzellenz ganz gehorsamste
Dr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.
Professor D. Baumgarten, Kiel.
Professor Dr. Johannes Burchard, Professor der Rechtswissenschaften an der Königlichen Akademie zu Posen.
Superintendent D. A. Cordes, Leipzig.
D. Adolf Deißmann, ord. Professor der Theologie an der Universität Berlin, Vorstandsmitglied der deutschen Orientmission.
Oberhofprediger D. Dibelius, Dresden, Vizepräsident des Evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums.
Konsistorialrat Pfarrer D. Erich Foerster, Frankfurt a. M.
Th. Haarbeck, Pfarrer, 1. Vorsitzender des deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, Barmen.
Direktor D. G. Haccius, Hermannsberg i. Hannover.
A. Haccius, Geh. Justizrat, Hannover.
Haendler, Propst und Generalsuperintendent, Berlin.
Professor D. v. Harnack, Wirkl. Geh. Rat., Berlin-Grunewald.
Professor D. G. Haußleiter, Halle a. d. S.
Held, Missionsinspektor der Sudan-Pioniermission, Wiesbaden.
P. O. Hennig, Missionsdirektor der Brüdergemeinde, Herrnhut.
Professor Dr. W. Herrmann, Marburg.
D. Hesekiel, Generalsuperintendent, Wernigerode.
Dr. Hornemann, Landgerichtsrat, Berlin.
Generalsuperintendent D. Kaftan, Kiel.
Pastor D. Dr. Kind, Präsident des Allg. Ev. Prot. Missionsvereins, Berlin.
D. W. L. Kölbing in Herrnhut, Vorsitzender der Verwaltung des Aussätzigenasyls der Evangelischen Brüdergemeinde in Jerusalem.
Dr. Johannes Lepsius, Potsdam.
Geh. Konsistorialrat Professor Dr. Loofs, Halle.
Professor D. Mahling, Berlin-Charlottenburg.
D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.
Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.
Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.
Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für lutherische Mission in Persien.
Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.
Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.
Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Barmen.
Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.
Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.
A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.
D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.
Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.
Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.
Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.
F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V., Frankfurt a. M.
Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.
Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.
Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.
A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Orientmission.
Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.
Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.
Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.
Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.
Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in Miechowitz.
Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.
An den Kanzler des Deutschen Reiches
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg, Exzellenz, Berlin W.
Anlage 2.
Berlin, den 29. Oktober 1915.
Der Missionsausschuß des Zentralkomitees für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, versammelt zu Berlin am 29. Oktober 1915, hält es für seine unabweisbare Pflicht, seine Stimme zu erheben, damit den überaus harten Maßregeln, welche zurzeit von Seiten der türkischen Regierung gegen die Armenier zur Anwendung gebracht werden, sofort ein Ende gemacht werde. Was immer auch den Armeniern zur Last fällt, so verlangt doch das Gebot der Menschlichkeit, welchem auch die türkische Regierung ihr Ohr nicht versagen darf, daß der drohenden Ausrottung des ganzen armenischen Volkes gesteuert werde.
Die Versammlung hat das Vertrauen zu der Leitung des Deutschen Reiches, daß sie auch bisher schon zur Linderung des Loses der Armenier alles getan hat, was in ihren Kräften stand. Sie bittet aber angesichts der fortdauernden Schrecknisse in Armenien, daß sie unausgesetzt auf diplomatischem Wege, durch Einwirkung auf die Regierung der uns verbündeten Türkei, alles zur Linderung des Loses der Armenier aufbiete, was ohne Gefährdung des militärischen Bündnisverhältnisses geschehen kann.
Die türkische Regierung wird begreifen müssen, daß die christliche Bevölkerung Deutschlands trotz ihrer politischen Bundesfreudigkeit zur Türkei in Aufregung geraten muß, wenn ihre Glaubensgenossen in der Türkei so schwer bedrückt werden. Dies um so mehr, als alle deutschen Katholiken, wie es sich aus den Besprechungen des Missionsausschusses als springender Punkt ergab, auf dem Standpunkt stehen, von allen christlichen Völkern der Türkei volle Loyalität gegenüber dem türkischen Staate zu verlangen, sie auch ihrerseits bereit sind, in dieser Richtung auf die orientalischen Christen einzuwirken und bei ihnen das Verständnis für staatsbürgerliche Gesinnung zu wecken.
Übrigens erfordert es das richtig verstandene Interesse der Türkei selbst, daß diese sich nicht so wertvoller Mitarbeiter beraubt, wie die Armenier bisher es auf dem Gebiete der Staatsverwaltung und des wirtschaftlichen Fortschrittes für sie gewesen sind.
Vor allem aber bitten wir den Herrn Reichskanzler, darauf ein wachsames Auge zu halten, daß unter keinen Umständen auch in anderen Teilen des türkischen Reiches ähnliche Ereignisse gegenüber der christlichen Bevölkerung Platz greifen.
Die im unterzeichneten Missionsausschuß vertretenen deutschen Katholiken hegen volles Vertrauen zur Leitung des Deutschen Reiches und zur befreundeten Regierung der Türkei, daß durch Beseitigung der erwähnten Mißstände unser Bündnis mit der Türkei auch weiterhin beim christlichen Volke Deutschlands freudige Stimmung und Teilnahme finden kann.
Im Namen aller im Missionsausschuß vertretenen Organisationen der deutschen Katholiken zeichnen:
Prälat Dr. Werthmann, Vorsitzender.
Justizrat Dr. jur. Carl Bachem.
Erzberger, M. d. R.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler
von Bethmann Hollweg.
198.
(Der Reichskanzler.)
Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 15. v. M. übermittelten Eingabe mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von dem Inhalt Ihrer Eingabe unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
An den Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe,
Herrn A. W. Schreiber, Hochwohlgeboren.
199.
Der Reichskanzler.
Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 30. v. M. übermittelten Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von der Entschließung der Missionskonferenz unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
Herrn M. Erzberger, M. d. R., Hochwohlgeboren, hier.
200.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 12. November 1915.
Euere Exzellenz bitte ich, den Bericht eines deutschen Lehrers[101] zum Anlaß nehmen zu wollen, um bei der Pforte erneut gegen die grausame Behandlung der Armenier Verwahrung einzulegen und sie auf die verhängnisvollen Folgen aufmerksam zu machen, die dem türkischen Reiche aus der Fortsetzung einer derartigen Ausrottungspolitik erwachsen müssen.
Jagow.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
201.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 12. November 1915.
Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die türkische Regierung trotz aller gegenteiligen Versicherungen beschlossen hat, auch die in Konstantinopel ansässigen Armenier in die Verbannung zu schicken. Die Maßregel soll nicht sofort und nicht gegen alle armenischen Bewohner der Hauptstadt auf einmal ergriffen werden, jedenfalls aber noch vor Beendigung des Krieges zur Ausführung gelangen. Ich habe deshalb Halil Bey am 8. d. M. wiederholt dringend auf die unabsehbaren Folgen aufmerksam gemacht, die ein solches Vorgehen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht nach sich ziehen werde. Euerer Exzellenz Erwägung möchte ich anheimstellen, auch Hakki Pascha vor Ausführung des unheilvollen Planes eindringlich zu warnen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
202.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 16. November 1915.
Die türkische Botschaft in Berlin hat über den Aufruhr in Urfa die in der Anlage beigefügte Erklärung veröffentlicht, die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. Oktober, Nr. 299 (2. Ausgabe), zum Abdruck gekommen ist und mir zu den folgenden Bemerkungen Anlaß gibt. Sie besagt u. a.:
„Der Zweck, den die Banden mit dem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folge dieser Morde auf die Türkei abzuwälzen. Andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an die befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie vom Kriegsschauplatz abziehen.“
Demgegenüber wird daran festzuhalten sein, daß der Zweck des Aufruhrs nicht ohne seine Vorgeschichte verstanden werden kann. Urfa hat unter den Armeniermetzeleien vor 20 Jahren schwer gelitten. Damals wurden u. a. 1000 Menschen in der Kirche, in die sie unter dem Vorwande, ein Asyl zu finden, hineingelockt waren, vorsätzlich verbrannt. Die Armenier haben seitdem in steter Furcht vor einer Wiederholung der Metzeleien gelebt und sich mit Waffen versehen, um nicht wehrlos zu sein.
Als im Frühsommer d. J. die Armenierverschickungen angeordnet wurden, sagte mir der hiesige Wali Djelal Bey, der sich weigerte, sie auszuführen und deswegen versetzt wurde, „es ist das natürlichste Recht des Menschen, zu leben. Der Wurm, den man tritt, krümmt sich. Die Armenier werden sich wehren.“
Welcher Art die Vorbeugungsmaßregeln sind, die von der türkischen Regierung in der gegenwärtigen Weltkrisis gegen die Armenier ergriffen wurden, hatten die Bewohner von Urfa bereits erfahren. Gegen Mitte Juni sind 50 der angesehensten von ihnen verhaftet und einer von ihnen mit 100 Stockschlägen fast zu Tode geprügelt worden. Kurz darauf wurden sie nach Diarbekr in Marsch gesetzt, woselbst angeblich ihre Aburteilung erfolgen sollte, sind aber unterwegs — also ohne Urteil — umgebracht worden. Darunter befand sich der langjährige Apotheker des deutschen Hospitals, der nach dem Zeugnis der deutschen Missionare, wie übrigens viele unter den 50 Abgeführten, loyaler ottomanischer Untertan gewesen ist. Auch das Schicksal der aus dem Norden und Osten angekommenen Verschickten hatten die Urfaleute vor Augen. Sie wußten, daß die Männer ermordet, Frauen und Mädchen geschändet, günstigstenfalls in muslimische Harems aufgenommen, und daß der Rest, nämlich Kinder und ältere Frauen dem Hungertode preisgegeben waren. Daher ihr Entschluß, lieber mit der Waffe in der Hand zu sterben, und ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, als sich und ihre Familie wehrlos vernichten oder entehren zu lassen. Es ist richtig, daß die allgemeine Verschickung der Armenier Urfas noch nicht beschlossen war, als der Aufruhr losbrach. Die einzigen Städte der Türkei, welche bis dahin dieses Geschick noch nicht erlitten hatten, waren, soweit hier bekannt, Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und Urfa. Welche Gewähr aber bestand, daß Urfa nicht auch an die Reihe kommen würde? 18 Familien waren im Mai bereits verbannt, von der Vernichtung der 50 im Juni habe ich soeben gesprochen.[102] Es lag nahe, daß, wie überall, auch die Masse verschickt werden würde, nachdem die Führer beseitigt waren. Haussuchungen nach Waffen erfolgten. Dabei wurde eine Patrouille niedergeschossen. Eine zweite, nicht aufgeklärte Schießerei hat dann die Krisis ausgelöst.
Die Armenier haben sich nicht, wie die Erklärung verallgemeinernd behauptet, „der fremden Niederlassungen“ bemächtigt, woraus ein mit den Verhältnissen vertrauter Deutscher schließen müßte, daß auch die deutschen Missionshäuser in den Kampf hineingezogen worden sind, sondern sie haben nur die für ihre Verteidigung günstig gelegene amerikanische Mission benutzt[103].
Auch haben die Armenier den amerikanischen Missionar Leslie und sieben französische Untertanen in ihrem Stadtviertel als Geiseln zurückbehalten, aber nicht, um sie zu töten. Hätten sie dies gewollt, so hätten sie reichlich dazu Gelegenheit gehabt, da sie tagelang diese Fremden in ihrer Gewalt hatten. Verständlicher wäre es gewesen, wenn die Erklärung gesagt hätte, „um sie durch türkische Kugeln töten zu lassen“. Denn die Zurückbehaltung war allerdings ein verzweifelter Versuch, das Schicksal der Fremden an das der Armenier zu ketten, um auf diese Weise irgendwie ihre Lage zu verbessern.
Was schließlich die Behauptung betrifft, daß die Armenier sich der Stadtteile der Muslimen bemächtigt und begonnen hätten, die Einwohner niederzumetzeln, so ist sie erfunden. Sie erinnert mich an folgenden Vorfall: Als ich Anfang April in Marasch war, und die wenigen Armenier, die sich überhaupt aus den Häusern wagten, unter dem Druck des verhängten Belagerungszustandes und der Furcht vor dem Kommenden sich nur ängstlich an den Häusern entlang drückten, versuchten muslimische Intriganten ein Telegramm nach Konstantinopel zu schicken, des Inhalts, die Armenier hätten die Moscheen in Marasch besetzt und in Kirchen verwandelt!
Die in der türkischen Erklärung gegebenen Daten sind diejenigen des orientalischen Kalenders. Die Schießerei war also nach westlichem Kalender am 29. September und der Aufstand war am 16. Oktober unterdrückt. Die türkischen Verluste an Toten betrugen nicht 20, sondern 50, außerdem 120 bis 150 an Verwundeten.
Ich beabsichtige mit meiner Darstellung nicht, der einen oder der anderen Partei zu Liebe oder zu Leide zu schreiben, halte es aber für meine Pflicht über Dinge, die sich in meinem Amtsbezirk ereignet haben, Euerer Exzellenz vorzulegen, was ich für die Wahrheit halte.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(Norddeutsche
Allgemeine Zeitung.)
Berlin, den 27. Oktober 1915.
Die Kaiserlich Türkische Botschaft teilt mit: In der Nacht vom 16. September haben armenische Banden einen Aufruhr veranstaltet. Sie hatten sich in starken Gebäuden auf den beherrschenden Punkten der Stadt Urfa verschanzt und eröffneten das Feuer gegen unsere Gendarmeriepatrouillen, von denen zwei Mann getötet und acht verwundet wurden. Unsere Gendarmerie wurde überall mit Feuer empfangen. Nachdem die Armenier sich der fremden Niederlassungen bemächtigt und deren Besitzer mit Gewalt zurückgehalten hatten, stellten sie dort Schießscharten her. Da diese Tatsachen bewiesen, daß die aufrührerischen Banden entschlossen waren, bewaffneten Widerstand zu leisten und die Unzulänglichkeit der in geringer Zahl vorhandenen Gendarmerie auzunützen, und da sie sich schließlich der Stadtteile der Muselmanen bemächtigt hatten und die Einwohner niederzumetzeln begannen, wurden einige für die Front bestimmte Truppen nach Urfa abgeschickt. Die Schlupfwinkel der Banden wurden zerstört, und der Aufruhr war am 3. Oktober unterdrückt. Die Zahl der bei diesem Vorfall getöteten Soldaten und Gendarmen beträgt 20, die der Verwundeten 50.
Der Zweck, den die Banden mit ihrem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folgen dieser Morde dann auf die Türken abzuwälzen, andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an ihre befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie so vom Kriegsschauplatz abziehen.
Dank den kräftigen und schnellen Maßnahmen der Kaiserlichen Behörden hatte der Aufruhr nicht den erwünschten Erfolg. Er wurde unterdrückt, ohne daß einem Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Länder oder einem Neutralen Schaden zugefügt worden ist.
203.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 16. November 1915.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedrängt haben.
Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat.“
Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl auch vom Wasserweg gelten.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.
Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5–6 Piaster, Brot 4–5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten — obwohl Möglichkeit vorhanden wäre — nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.
Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern, vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir ließen sie in den Chan schaffen — eine menschenleere Miststätte mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am Straßenrande.
Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die Wüstenklippen hinweg führte.
Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen noch in gemieteten Häusern (3–4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2–3 Krämerläden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken — meist Frauen — aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen). Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte: „Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und abwärts ist allerdings für die Überlebenden ein fruchtbares Terrain. Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.
Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen. Früher 14000 Einwohner, derzeit 25–30000. Für die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150–200 Köpfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.
Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst.“
Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.
Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.
Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)
Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern, sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!).
Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.
Aleppo, den 11. November 1915.
Unterschrift.
204.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 20. November 1915.
Über die Vorgänge in Urfa liegt seitens des Kaiserlichen Konsuls in Aleppo bisher nur ein kurzes Telegramm vom 9. Oktober vor. Danach hat die armenische Bevölkerung, als sie Ende September von ihrer bevorstehenden Verschickung erfuhr, beschlossen, sich zur Wehr zu setzen und sich in ihren Häusern verschanzt. Fahri Pascha, der Militärkommandant von Aleppo, begab sich an Ort und Stelle, aber erst nach hartnäckigen Straßenkämpfen, bei denen die Türken auch Artillerie verwendeten, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.
Leider ist es trotz der dringenden Verwendung der Kaiserlichen Botschaft und des Konsuls Rößler nicht gelungen, das Verbleiben der armenischen Angestellten und Pfleglinge der deutschen Anstalten in Urfa zu erlangen. Der Minister des Auswärtigen, Halil Bey, hatte zunächst die Berücksichtigung unserer diesbezüglichen Wünsche zugesagt, aber Fahri Pascha erklärte, nur militärischen Rücksichten gehorchen zu können, und wollte höchstens solche Armenier in deutschen Diensten ausnehmen, die nicht mit Familien von Aufständischen verwandt sind und keine soziale Stellung einnehmen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
205.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 29. November 1915.
Der Bericht des Herrn von Scheubner-Richter[104] vom 5. d. M. und andere hier vorliegende Nachrichten erwecken leider den Eindruck, daß die türkische Regierung allen unseren Vorstellungen und Warnungen zum Trotz an ihrer verhängnisvollen Politik gegenüber den Armeniern festhält. Abgesehen von Erwägungen allgemein humanitärer und politischer Natur, können wir es als aufrichtige Freunde der Türkei in deren eigenstem Interesse nur auf das tiefste beklagen, daß sie sich durch ihr Vorgehen in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit eines für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wichtigen Bevölkerungselementes beraubt. Im feindlichen und neutralen Ausland hört man nicht auf, uns für das Treiben der türkischen Behörden verantwortlich zu machen. Wie der Bericht des Herrn von Scheubner von neuem bestätigt, ist sogar in weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung die Vorstellung verbreitet, daß Deutschland die Türkei zu den Armenierverfolgungen angestiftet habe. Wir glauben von der Loyalität der Pforte gegen ihren deutschen Bundesgenossen erwarten zu dürfen, daß sie derartigen Gerüchten mit Nachdruck entgegentritt.
Euer Exzellenz beehre ich mich zu bitten, im vorstehenden Sinn mit der dortigen Regierung zu sprechen und bei dieser Gelegenheit erneut der Erwartung Ausdruck zu geben, daß die Pforte unseren Ratschlägen in der Behandlung der armenischen Frage Folge geben wird.
von Jagow.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Graf Wolff-Metternich, Pera.
206.
Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 29. November 1915.
Gr. Weinmeisterstraße 45.
Euer Exzellenz.
Bezugnehmend auf den in der Eingabe zugunsten der Armenier in der Türkei ausgesprochenen Wunsch, daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel ein Riegel vorgeschoben werden möchte, beehre ich mich, die folgende mir von dem armenischen Komitee in Sofia zugegangene Mitteilung zur Kenntnis zu bringen:[105]
„Malgré les assurances faites aux représentants des Grandes Puissances à Constantinople le Gouvernement Turc a commencé inexorablement l’expulsion des Arméniens de Constantinople. Jusqu’à présent on a expulsé déjà 10000 personnes, dont la majorité est assassinée dans les montagnes d’Ismid. La liste de 70000 hommes est préparée.
Au nom du christianisme et de l’humanité sauvez les derniers débris d’un peuple, qu’on extermine et par une intervention efficace arrêtez le martyr des innocents.
Comité arménien.“
Dr. Johannes Lepsius.
Vorsitzender.
An Seine Exzellenz den Herrn Reichskanzler
Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.
Dezember.
207.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 1. Dezember 1915.
Die bei Mardin und Midiat befindlichen Christen syrischer Konfession dürften mit den Nestorianern identisch sein. Soweit hier bekannt ist, haben sich die betreffenden Syrer hauptsächlich deshalb in die Berge zurückgezogen, um den Gewalttätigkeiten der Kurden zu entgehen, nicht aber, um sich gegen die türkischen Behörden aufzulehnen. Es erscheint daher dringend erwünscht, daß die entstandenen Schwierigkeiten auf gütlichem Wege beseitigt werden.
Euer Exzellenz bitte ich, in geeignet scheinender Weise hierauf hinzuwirken und über das Veranlaßte berichten zu wollen.[106]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
208.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 4. Dezember 1915.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Die türkische Regierung soll nach Mitteilung des armenischen Komitees in Sofia[107] entgegen früheren Versprechungen nun auch die Austreibung der Armenier aus Konstantinopel begonnen haben. 10000 sind angeblich bereits vertrieben und größtenteils im Ismidgebirge ermordet, über weitere 70000 sei Proskriptionsliste vorbereitet. Bitte nachdrückliche Vorstellungen zu erheben, falls Meldung zutreffend.
Zimmermann.
209.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 7. Dezember 1915.
Ich habe die Armeniergreuel im Laufe der letzten Woche mit Enver Pascha, mit Halil Bey und heute mit Djemal Pascha ernstlich besprochen und darauf hingewiesen, daß Unruhe und Empörung auch im befreundeten Ausland und in Deutschland weite Kreise ergriffen habe und der türkischen Regierung schließlich alle Sympathien entziehen würde, wenn nicht Einhalt geschehe. Enver Pascha und Halil Bey behaupten, daß keine ferneren Deportationen — insbesondere nicht aus Konstantinopel — beabsichtigt seien. Sie verschanzen sich hinter Kriegsnotwendigkeiten, daß Aufrührer bestraft werden müßten, und gehen der Anklage aus dem Wege, daß Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen ins Elend gestoßen werden und umkommen. Djemal Pascha sagt, daß die ursprünglichen Anordnungen notwendig gewesen seien, ihre Ausführung aber schlecht organisiert worden sei. Er leugnet nicht, daß infolgedessen traurige Zustände herrschten, die er durch Zuführung von Lebensmitteln und Geld zu lindern bestrebt sei. Es ist dies richtig. Seine Etappenstraße bei Aleppo ist infolge des Elends der Flüchtlinge verseucht, und er sucht nach Abhilfe, hat auch mehrere Personen, die die Flüchtlinge bestohlen haben, aufhängen lassen. Oberst von Kreß, der Chef des Stabes Djemals, sagt mir, daß das Elend jeder Beschreibung spotte und alle Schilderungen übertreffe. Dabei wird im Lande verbreitet, die Deutschen wünschten die Massakres.
Ich habe eine äußerst scharfe Sprache geführt. Proteste nützen nichts, und türkische Ableugnungen, daß keine Deportationen mehr vorgenommen werden sollen, sind wertlos.
Von vertrauenswürdiger Seite erfahre ich, daß nach Auskunft des hiesigen Polizeipräsidenten, auch aus Konstantinopel neuerdings etwa 4000 Armenier nach Anatolien abgeführt worden sind und daß mit den 80000 noch in Konstantinopel lebenden Armeniern allmählich aufgeräumt werden soll, nachdem schon im Sommer etwa 30000 aus Konstantinopel verschickt und andere 30000 geflohen sind. Soll Einhalt geschehen, sind schärfere Mittel notwendig.
Auch soll man in unserer Presse den Unmut über die Armenierverfolgung zum Ausdruck kommen lassen.
Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben, müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflößen. Wagen wir aus militärischen Gründen kein festeres Auftreten, so bleibt nichts übrig, als mit ferneren erfolglosen Verwahrungen, die mehr verärgern als nützen, zuzusehen, wie unser Bundesgenosse weiter massakriert.
Talaat Bey kehrt erst Ende der Woche aus Anatolien zurück. Ich werde erst dann erfahren, welche Wirkung meine Besprechungen mit seinen Kollegen und Djemal auf ihn haben.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
210.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 9. Dezember 1915.
Ich habe heute mit dem Großwesir die Armenierfrage in ernster Weise besprochen, ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die türkische Regierung sich durch die Armenierverfolgungen die Sympathien verscherze, die sie in dem ihr wohlgesinnten Auslande besitze, daß in Deutschland die Erregung zunehme und der Herr Reichskanzler mit Adressen bestürmt werde, um bei der befreundeten und verbündeten türkischen Regierung sich zugunsten der Armenier zu verwenden. Ich habe wiederum darauf hingewiesen, daß Verschwörer gegen die Sicherheit des Staates zwar strenger Bestrafung verfallen, daß aber die schmähliche Vertreibung von Hunderttausenden von Greisen, Kindern und Frauen ein dunkles Blatt in der jungtürkischen Geschichte bildete.
Ich habe diesmal absichtlich bei dem Großwesir und nicht bei einem Mitgliede des Triumvirats Vorstellung erhoben, weil mir bekannt ist, daß er die Armenierverfolgungen mißbilligt. Er hat zwar nicht die Macht, sie einzustellen, es wird ihm aber ganz erwünscht sein, meine Vorstellungen bei seinen Kollegen zu verwerten.
Ich habe ihm schließlich von dem Mißbrauch gesprochen, den türkische niedere Beamte sich zuschulden kommen ließen durch die falsche Behauptung, daß die Deutschen die Armenierverfolgungen begünstigten. Diese Verleumdung sei in Anatolien, wie ich von Reisenden und aus anderen Quellen unumstößlich wisse, weit verbreitet. Wir seien durchaus nicht gesonnen, die Verantwortung für die Armenierpolitik mit der türkischen Regierung zu teilen, und ich bäte ihn, diesen Gerüchten mit Nachdruck entgegenzutreten.
Dem Großwesir war über derartige Gerüchte nichts bekannt. Er versprach aber ausdrücklich, sie dementieren zu lassen. Im übrigen führte er aus, daß die Armenier ein Opfer fremder, insbesondere russischer Anstiftung geworden seien. Ganze Distrikte seien zum Aufstande organisiert gewesen und mit Waffen versorgt worden. Es habe sich nicht um den Aufstand einzelner, sondern ganzer Gegenden gehandelt, weshalb auch nicht nur einzelne zur Bestrafung hätten herausgegriffen werden können. Im übrigen sei er nicht einverstanden mit der Behandlung, die die armenische Bevölkerung betroffen habe. Ich bemerkte ihm, daß, wie er wisse, nach der Erfahrung der Geschichte, Revolutionen die Folge einer schlechten Regierung seien, und daß die Verfolgung und Mißhandlung von Hunderttausenden unschuldiger Personen keine legitime Abwehrmaßregel eines Staates bilde.
Wenn ich den Türken etwas Unangenehmes zu sagen habe, so tue ich dies mit großer Ruhe, und sie lassen es sich auch gefallen. Es gibt zwar keine alttürkische Partei mehr, aber unter den älteren Türken gibt es noch Leute, die sich über die Armenierverfolgungen schämen.
Ich möchte glauben, daß meine Vorstellungen doch nicht ganz vergeblich gewesen sind. Djemal Pascha hatte gewisse Erleichterungen für die Armenier verlangt: daß die noch in Aleppo befindlichen Armenier in der Nähe verbleiben dürften, anstatt nach Der-es-Zor am Rande der Wüste abgeschoben zu werden, wo sie umgekommen wären; daß die beim Bau der Bagdadbahn beschäftigten armenischen Ingenieure, Baubeamten und Arbeiter, die schon verschickt waren, zurückgerufen, und daß die vertriebenen Handwerker ebenfalls für Armeezwecke wieder angeworben werden dürften. Djemal Pascha, der auch zu den Türken gehört, die sich schämen, hatte bisher beim Komitee Widerstand bei der Durchführung seiner Wünsche gefunden. Ganz neuerdings werden sie dagegen, wie mir der Chef seines Stabes, Oberst von Kreß, mitteilt, gewährt. Er schreibt dies meinem Einschreiten zu. Der Oberst sagt mir, daß die Erinnerung an die schauderhaften Bilder des Armenierelends ihn wohl sein Leben lang nicht verlassen würde.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
211.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 10. Dezember 1915.
Euerer Exzellenz Ermessen darf ich ergebenst anheimstellen, auch den vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo unter dem 16. v. M. eingereichten Bericht eines Deutschen über das Schicksal der nach Der es-Zor verschickten Armenier[108] zur Kenntnis der türkischen Regierung zu bringen und den Inhalt zu erneuten Vorstellungen im Interesse der Armenier zu benutzen.
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
212.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 12. Dezember 1915.
Dr. Straubinger schreibt an den Reichstagsabgeordneten Erzberger unter dem 25. November:
„Dieser Tage sagt mir Msgr. Dolci, daß der Minister des Auswärtigen ihm versprochen habe, die katholischen Armenier dürften zurückkehren. Sollte dieses Wort sich bewahrheiten, so ist die Möglichkeit der Hilfeleistung wohl gegeben. Das Gerücht, daß alle Armenier ausgerottet seien, ist nämlich nicht ganz wahr; es existieren deren außer in der europäischen Türkei noch die in die Berge versprengten, sowie einige Gemeinden an den Bahnlinien und diejenigen, die die Deportation aushielten. Die drei Dinge, die zur Erhaltung des Restes der Armenier notwendig erscheinen, sind: Möglichkeit der Rückkehr für alle, Möglichkeit der Hilfeleistung (Kleidung und Nahrung für den Winter) seitens Europäer und Amerikaner, Möglichkeit der Wiedererlangung des alten Besitztums. Letzteres ist nämlich, soweit es nicht zerstört ist, durch das Liquidationsgesetz[109] so gut wie verloren.“
Euere Exzellenz bitte ich, sich zu Dr. Straubingers Schreiben äußern zu wollen.[110]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
213.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 12. Dezember 1915.
Nach dem abschriftlich anliegenden Schreiben des Direktors Schuchardt vom 4. d. M. soll die türkische Regierung versuchen, die Überreste des armenischen Volkes gewaltsam zum Islam zu bekehren. Es liegt auf der Hand, daß wir einem derartigen Vorgehen nicht ruhig zusehen könnten. Indem ich auf das Schreiben Bezug nehme, in dem der Herr Reichskanzler kürzlich zur Armenierfrage Stellung genommen hat, beehre ich mich Euer Exzellenz zu bitten, den Sachverhalt aufzuklären und gegebenenfalls bei der Pforte nachdrückliche Vorstellungen zu erheben. Über das Ergebnis Ihrer Schritte bitte ich zu berichten.[111]
Zimmermann.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
Anlage.
Deutscher Hilfsbund
für christliches Liebeswerk im Orient.
Frankfurt a. M., den 4. Dezember 1915.
An Seine Exzellenz den Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Berlin.
Euere Exzellenz gestattet sich der ergebenst Unterzeichnete auf eine vertrauliche Verfügung der Kaiserlich Ottomanischen Regierung aufmerksam zu machen, nach der die türkischen Lokalbehörden im Innern des Landes angewiesen sind, den Überrest des armenischen Volkes dahin zu bringen, einen Revers zu unterzeichnen, in dem sie um die besondere Gnade bitten, zur heiligen Religion des Islam übertreten zu dürfen. Sich Weigernde sollen abtransportiert werden. Eine Anzahl armenischer Frauen sind bereits zum Islam übergetreten, um sich vor dem Hungertod zu retten.
Wie vor 20 Jahren hervorragende Armenier gezwungen wurden, eine Erklärung zu unterschreiben, daß sie in jeder Weise mit den Maßnahmen der türkischen Regierung zufrieden gewesen seien und daß alle im Auslande verbreiteten Nachrichten über Massakres usw. nicht den Tatsachen entsprächen, ebenso wird es den Machthabern im Innern auch ein leichtes sein, nach außen hin den Schein der „Freiwilligkeit“ für die zum Islam Übergetretenen zu wahren.
Nach der Antwort, die der Herr Reichskanzler den Vertretern der evangelischen Kreise Deutschlands unter dem 12. November 1915 gegeben hat, hoffe ich mit Bestimmtheit, daß Euere Exzellenz die Kaiserlich Deutsche Botschaft in Konstantinopel mit entsprechenden Weisungen versehen und vor allen Dingen darauf hinwirken wird, daß eine Täuschung unserer Behörde unmöglich gemacht werde.
Der Wali von Mamuret-ul-Azis hatte dem Leiter unserer Station, Herrn Prediger Ehmann, für alle Armenier vollkommene Straflosigkeit versprochen für den Fall, daß es ihm gelänge, die Armenier der dortigen Gegend zu veranlassen, alle Waffen, die sich in ihrem Besitz befänden, abzuliefern. Herr Ehmann unterzog sich diesem Auftrag, und nichtsdestoweniger wurde auch die dortige Bevölkerung niedergemacht oder verbannt. In den Augen der Armenier hat unsere Arbeit dadurch sehr an Ansehen eingebüßt.
F. Schuchardt.
214.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
16. Dezember 1915.
Aufzeichnung.
Der hiesige armenische Patriarch teilt mir folgendes mit:
Die Verhaftungen und Austreibungen von hier ansässigen Armeniern, die aus Anatolien zugewandert sind, dauern fort. Seit Beginn der Verfolgungen sind etwa 5000 Individuen abgeschoben worden. Nach offiziellen Angaben leben in Konstantinopel und Umgegend 75000 Armenier; die Ziffer ist anscheinend viel zu niedrig gegriffen; von anderer Seite wird ihre Zahl auf 120–150000 Seelen geschätzt.
Mordtmann.
215.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 18. Dezember 1915.
Ich habe heute mit Talaat Bey, der von Anatolien zurückgekehrt ist[112], die Lage der Armenier eingehend besprochen. Er habe umfassende Maßnahmen zur Ernährung der abgeschobenen armenischen Familien getroffen. Vergehungen gegen Eigentum und Leben der Armenier würden streng bestraft. Es seien kürzlich noch über 20 Personen, die sich dieser Vergehungen schuldig gemacht hätten, hingerichtet worden. In den Bezirken an der russischen Grenze und bei Aleppo wären aus Rücksichten der militärischen Sicherheit Massenverschiebungen seinerzeit notwendig gewesen. Von der russischen Regierung eingeleitete Verschwörungen unter den gregorianischen Armeniern in den Grenzbezirken und bei Aleppo seien in großem Maßstabe entdeckt worden. Anschläge auf Brücken und Eisenbahnen seien vorbereitet gewesen. Es sei unmöglich gewesen, aus der Masse einzelne Schuldige herauszugreifen. Nur der Abtransport im großen habe Sicherheit gewährt. In Syrien seien die Armenier unbehelligt geblieben, in Konstantinopel ebenfallls. Augenblicklich fänden nirgends mehr Abtransporte statt, und die Regierung suche die im Gefolge der Verschiebungen entstandenen Übelstände zu mildern.
Ich bemerkte, der katholisch-armenische Expatriarch und sein Stellvertreter hätten mir heute den üblichen Antrittsbesuch gemacht und mir versichert, daß sie und ihre Gemeinden loyale ottomanische Untertanen seien und sich an keinen revolutionären Bewegungen beteiligten. Trotzdem seien die meisten vertrieben worden. Diese Geistlichen hofften, daß die Vertriebenen in ihre Gemeinden und verlassenen Heimstätten in und bei Aleppo zurückkehren dürften. Ich fragte den Minister, ob ihnen dies ebenso wie den protestantischen Armeniern, die sich als nicht revolutionär erwiesen hätten, gestattet werden könne. Er entgegnete, daß die katholischen und protestantischen Armenier sich im großen und ganzen nicht revolutionär betätigt hätten und, soweit dies möglich sei, sie in ihre Heimat zurückkehren würden.
Ich sprach dem Minister sodann von dem in Anatolien weit verbreiteten Gerücht, wonach die deutsche Regierung die Verfolgung der Armenier begünstigt habe. Er erwiderte, infolge meines Gesprächs mit dem Großwesir über diese Angelegenheit habe er sämtliche in Frage kommenden Behörden angewiesen, dem Gerüchte entgegenzutreten und zu erklären, daß die deutsche Regierung nichts mit der Angelegenheit zu tun habe und daß die türkische Regierung allein für die Maßnahmen gegen die Armenier die Verantwortung trage.
Im Laufe der Unterhaltung ergab sich die merkwürdige Auffassung bei Talaat Bey, die ich auch schon bei seinen Kollegen gefunden habe, daß wir im ähnlichen Falle ebenso gehandelt hätten und eine revolutionäre Bewegung in Deutschland mit Gewalt ausrotten würden. Ich fand immer wieder die Verständnislosigkeit für den Gesichtspunkt, daß, um Schuldige zu treffen, nicht Unschuldige leiden und daß nur bewiesene Vergehen bestraft werden dürften. Ich habe dem Minister auseinandergesetzt, daß wir niemals ähnlich handeln würden und nur den einer Schuld Überführten bestraften.
Von verschiedenen Seiten wird mir mitgeteilt, daß meine ernsten Ermahnungen auf die türkischen Machthaber doch Eindruck gemacht zu haben scheinen. Sobald es notwendig ist, werde ich wieder eingreifen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
216.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Dezember 1915.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Talaat Bey hat mir erklärt, daß keine neuen Maßnahmen gegen Armenier beabsichtigt sind und daß vertriebenen Familien Hilfe geleistet wird. Regierung widerlegt durch Anweisung an ihre Beamten Gerüchte in Anatolien, daß wir Verfolgungen begünstigen.
Metternich.
217.
20. Dezember 1915.
Halil Bey bestreitet aufs entschiedenste, daß zwangsweise Bekehrungen zum Islam in nennenswertem Umfang versucht worden seien. Die vorgekommenen Fälle von Übergriffen unterer Beamter seien bestraft worden.
von Neurath.
Aufzeichnung.
Pera, 21. Dezember 1915.
Gewaltsame Islamisierung der Armenier in Anatolien.
Sie begann in größerem Umfange und wurde systematisch betrieben in der Provinz Trapezunt.
Der Vizekonsul Kuckhoff (Samsun) berichtete darüber ausführlich zu Anfang Juli d. J.[113]
Er schreibt u. a.:
„Es handelt sich um nichts weniger als um die Vernichtung oder gewaltsame Islamisierung eines ganzen Volkes. Die Regierung entsandte strenggläubige fanatische muhammedanische Männer und Frauen in alle armenischen Häuser behufs Propaganda für den Übertritt zum Islam, unter Androhung der schlimmsten Folgen für diejenigen, die ihrem Glauben treu bleiben. Bis heute sind hier schon viele Familien übergetreten, und ihre Zahl vermehrt sich täglich. Die Mehrzahl widerstand bisher den Lockungen und wurde täglich gruppenweise ins Innere getrieben. Wie ich erfahre, werden sie an nicht entfernten Orten zurückgehalten, um noch gründlicher für den Islam bearbeitet zu werden. In der Umgegend von Samsun sind alle armenischen Dörfer muhammedanisch geworden, ebenso in Unieh. Vergünstigungen werden, außer den Renegaten, niemand zuteil.“
Über Übertritte in Erzerum und Trapezunt vgl. Berichte von dort[114].
Anfang August berichtete ein muhammedanischer Reisender aus jenen Gegenden, daß in Unieh, Samsun, Ineboli usw. die Armenier massenhaft zum Islam übergetreten seien; trotzdem seien manche von ihnen hinterher deportiert worden. In Termeh war der armenische Priester Muhammedaner geworden und die Kirche in eine Moschee verwandelt worden.
In anderen Gegenden scheint die Islamisierung keinen weiteren Erfolg gehabt zu haben; doch wurde z. B. berichtet, daß in Konia eine Anzahl Armenier (25) bereit waren, überzutreten.
Es ist anzunehmen, daß in vielen Fällen die Behörden, um nicht den Zweck der Armenieraustreibungen, Vernichtung der Männer und Konfiszierung des armenischen Eigentums, zu vereiteln, den Massenübertritt hinderten bzw. die Übergetretenen trotzdem verschickten.
Auf die Islamisierung der Armenier in Hadjin und Umgegend (Wilajet Adana) bezieht sich ein Bericht der Schwester Didsun vom 15. November. Aus Adana selbst berichtet der Konsul Büge unter dem 21. Oktober:
„Der Direktor des türkischen Waisenhauses hat den christlichen Zöglingen erklärt, daß sie entweder zum Islam übertreten oder das Haus verlassen müßten. Die Mädchen verließen das Haus, ebenso ein Teil der Knaben, von denen 14 zurückblieben, die vermutlich islamisiert wurden. Der Direktor hatte den Kindern erklärt, daß in einem osmanischen Waisenhause die christliche Religion keinen Platz hätte; das Beten wurde ihnen untersagt.“
Hier in Konstantinopel sollen bis jetzt unter dem Druck der Verhältnisse 20 Armenier übergetreten sein; angeblich namentlich solche, die in Anatolien begütert sind und durch den Übertritt ihr Vermögen zu retten suchen.
Mordtmann.
218.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 23. Dezember 1915.
Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage Abschrift einer mir soeben zugegangenen erstmaligen schriftlichen Äußerung der Pforte auf die diesseitigen Noten bezüglich der armenischen Angelegenheiten vorzulegen.
Die Notiz der Kaiserlichen Botschaft vom 4. Juli ist mittels Berichts vom 7. Juli vorgelegt worden. Die von der Pforte in bezug genommene Notiz vom 13. September bzw. die Verbalnote vom 16. November sind durch Reklamationen deutscher Interessenten veranlaßt worden, über die ich mir gegebenenfalls Berichterstattung vorbehalten darf.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Notice Nr. 75510.
Le 22 Décembre 1915.
En réponse aux communications de l’Ambassade de Sa Majesté l’Empereur d’Allemagne datées des 3 Juillet, 13 Septembre et 16 Novembre 1915 et relatives au déplacement des arméniens, il est porté à sa haute connaissance ce qui suit:
En premier lieu il est à remarquer que les mesures prises à l’égard de la population arménienne de l’Empire rentrent dans le domaine des actes d’Administration intérieure du pays; elles ne sauraient donc faire l’objet d’une démarche diplomatique fussent-elles de nature à toucher inévitablement aux intérêts des étrangers y établis. En effet, il est incontestable que tout Etat a le droit de prendre les mesures propres à enrayer un mouvement subversif propagé sur son territoire; surtout lorsque ce mouvement se produit en temps de guerre.
L’Ambassade de l’Empire Allié, dans son appréciation éclairée a bien voulu du reste confirmer la justesse de ce point de vue. C’est ainsi qu’elle a reconnu dans son memorandum du 3 Juillet, que les mesures de répression décrétés contre la population arménienne des provinces de l’Anatolie Orientale sont dictées par des raisons militaires et constituent un moyen de légitime défense. En effet partout où les mesures en question ont été appliquées, elles ont été provoquées par les mêmes motifs impérieux.
Pour ce qui est de la responsabilité des dommages que le commerce allemand aurait subis, le Gouvernement Impérial Ottoman ne peut que la décliner; car l’Ambassade de sa Majesté l’Empereur voudra bien reconnaître elle-même que l’exercise d’un droit légitime ne peut donner lieu à une réclamation quelconque. On pourrait d’autant moins prétendre la responsabilité du Gouvernement Impérial que malgré les soucis de la défense nationale qui doit absorber toute son attention, il fait preuve d’une extrême vigilance afin de réduire aux minima les préjudices qui pourraient résulter du déplacement des personnes susindiquées. C’est dans cet ordre d’idées que la Loi provisoire du 17 Zilkadé 1333[115], contenant les garanties désirables pour la sauvegarde de tous les intérêts a été promulguée.
S’il importe de déterminer la responsabilité des dommages et perturbations — lesquels sont ressentis dans la vie économique ottomane dans une mesure incomparablement supérieure — elle ne doit en réalité être attribuée qu’aux ennemis communs extérieurs qui ont provoqué et encouragé le mouvement révolutionnaire arménien dans l’Empire, ainsique cela résulte des documents authentiques.
En ce qui concerne les considérations de l’Ambassade Impériale relative aux délais, la Loi du 17 Zilkadé étant exécutoire depuis sa publication à l’égard de toute personne intéressée, les sujets étrangers devront s’y conformer aussi bien que les ottomans pour faire valoir leurs réclamations dans les délais impartis.
En conséquence de ce qui précède les réserves formulées par l’Ambassade Impériale d’Allemagne dans les communications susvisées des 3 Juillet, 13 Septembre et 16 Novembre ne peuvent qu’être déclinées.
219.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 27. Dezember 1915.
Auf den Erlaß vom 12. d. M.[116]
Monsignore Dolci bestätigt, daß Halil Bey, der Minister des Auswärtigen, ihm seinerzeit in Aussicht gestellt habe, daß die Verfolgung der katholischen Armenier eingestellt und den Deportierten die Rückkehr in ihre Heimat gestattet werden sollte, aber diese Zusage, die übrigens in keiner bindenden Form erfolgte, ist nicht erfüllt worden, wenigstens soweit es sich um die Rückkehr der Verschickten handelt. Wenn seitdem von weiteren Verfolgungen gar nichts mehr verlautet ist, so hat das seinen Grund darin, daß die Austreibung der Armenier in der Hauptsache beendet ist. Ein weiterer Schritt des apostolischen Delegaten, um die Wiedereröffnung der gesperrten katholischen Kirchen und die Rückkehr der verbannten Geistlichen in ihre Diözesen zu erlangen, wurde auf der Pforte als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei“ aufgefaßt und hatte keinen Erfolg, außer etwa, daß der Bischof von Kaisarijeh (Caesarea) nachträglich nach Aleppo verschleppt wurde.
Ferner ist zu bemerken, daß die Zahl der Armenier, die der Verschickung entgangen sind, geringer ist, als Herr Dr. Straubinger annimmt. In der europäischen Türkei dürften, nachdem die armenische Bevölkerung der größeren Städte und Ortschaften im Innern in den letzten Monaten nach Anatolien übergeführt worden ist, nur spärliche Reste verblieben seien.
Was die Fürsorge für die in den Konzentrationslagern in Anatolien (z. B. in Eskischehir, Konia, Eregli, Aleppo) und sonst angesammelten Armenier betrifft, so halte ich die Anregung des Dr. Straubinger für unausführbar, da die Pforte jeder Hilfeleistung von auswärts und sogar von seiten der beteiligten Patriarchate die größten Schwierigkeiten in den Weg legt. Eine solche Aktion würde voraussichtlich das Zeichen dazu geben, daß die Pforte diejenigen Armenier, die durch Zufall oder infolge Duldung seitens der Lokalbehörden in Anatolien verblieben sind, nach Mesopotamien oder Syrien abschiebt.
Ebenso halte ich es für ausgeschlossen, daß die Verschickten je wieder in den Besitz ihres von der Regierung beschlagnahmten Eigentums gelangen. In einem Spezialfalle wurde auf dem Ministerium des Innern erklärt: Die Rückkehr der betreffenden Individuen in ihre Heimat sei unzulässig, weil sie dort ihr Eigentum nicht mehr vorfänden, von dem inzwischen die Liquidationskommission Besitz ergriffen habe.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
220.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 31. Dezember 1915.
Notiz.
Amerikanischer Botschafter sagte mir heute, daß 4000 protestantische und katholische Armenier in Aintab bedroht seien und die Abtransportierungen begonnen hätten. Wer nicht Muslim werde, werde verschickt. Talaat Bey habe ihm seinerzeit versprochen, die Protestanten und Katholiken in Ruhe zu lassen. Mir ebenfalls.
Metternich.
221.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 31. Dezember 1915.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Vertreibung von Protestanten und Katholiken von Aintab steht angeblich bevor oder hat begonnen. Erbitte Drahtbericht.
Metternich.
Anhänge
zum Jahr 1915.
222.
Loi provisoire
concernant les biens, les dettes et les créances des personnes
transportées ailleurs.
Art. I. — Les biens, les dettes et les créances des particuliers et des personnes morales transportés ailleurs, conformément à la loi provisoire du 14 mai 1331, sont liquidés par les tribunaux sur la présentation des bilans dressés spécialement, pour chaque personne, par une commission instituée à cet effet.
Art. II. — Les propriétés bâties (vakf Idjarétéinli) et les terrains vakfs appartenant aux personnes dont il est question à l’article I, sont inscrits au nom de la caisse du ministère des fondations pieuses; les autres immeubles sont inscrits au nom du ministère des finances. Après épuration de la situation du propriétaire il lui sera remis le reliquat du montant de la valeur de sa propriété payée par l’un de ces deux ministères.
Dans les procès concernant les immeubles et relatifs, soit à des contestations de propriété, soit à d’autres objets, la partie adverse est représentée par les fonctionnaires du cadastre. On peut établir la propriété par d’autres preuves que les actes de propriété délivrés par le ministère des Cadastres, pourvu qu’il ne s’agisse pas d’un acte aprocryphe. Si dans les actes de transfert et de vente faits par les personnes susvisées, dans les 15 jours avant leur transport, on constate à la suite d’un procès, l’existence d’une simulation ou d’une tromperie excessive l’acte conclu est annulé.
Art. III. — L’argent liquide, le bien mobilier délaissé, les créances et les dépôts des personnes précitées sont réunis, repris et exigés par les présidents des commissions ad hoc qui, en même temps, opèrent la vente des biens mobiliers délaissés pour lesquels il n’y a pas de contestation. Les sommes ainsi produites sont laissées en dépôt dans les caisses du ministère des finances au nom de leur propriétaire.
Art. IV. — Un délai de deux mois est imparti à ceux qui prétendent avoir des droits sur les meubles délaissés ou qui disent avoir des créances sur les personnes transportées pour s’adresser personnellement ou par l’entremise d’un fondé de pouvoirs aux commissions et faire inscrire leurs réclamations. Ce délai est de 4 mois pour les personnes habitant l’étranger. Elles sont obligées, en outre, d’élire un domicile dans la ville où siège de la commission pour qu’on puisse leur faire toute sorte de communications. Les procès intentés après ce délai suivent les règles de la procédure ordinaire et les personnes ayant eu gain de cause dans ces procès ne peuvent pas s’adresser aux biens liquidés conformément à la présente loi.
Art. V. — Les commissions recherchent les preuves de chaque créance et dette, elles acceptent et enregistrent celles qu’elles trouvent fondées et envoient les créanciers aux tribunaux compétents après avoir inscrit les procès en contestation concernant les bien délaissés. Ensuite, la commission dresse le bilan du passif et de l’actif de chaque personne et porte ce bilan à la connaissance des intéressés en affichant aux endroits voulus les copies légalisées de ces bilans dont ils expédient les originaux au procureur général avec les pièces y afférentes.
Le procureur envoie ces papiers au tribunal de première instance dans la circonscription du quel se trouvait la demeure légale du débiteur avant son transport et demande à ce tribunal d’enregistrer les dites pièces. Les créanciers peuvent faire des objections à ces procès verbaux, devant le tribunal compétent et dans les 15 jours suivant la date de l’affichage.
A l’expiration de ce délai le tribunal examine les comptes en présence du procureur général et, s’il y a eu des objections il convoque d’urgence la personne qui les a formulées et le président de la commission ou son remplaçant pour prendre connaissance de la demande et de la défense. Après quoi, le tribunal apporte les modifications voulues aux bilans en cause et les ayant enregistrés les rend aux commissions sous forme de sentence pour qu’ils soient exécutées conformément aux dispositions de l’article suivant: Ces sentences ne sont susceptibles ni d’objection ni de renvoi, ni d’appel ni de cassation.
Art. VI. — Le soin de payer conformément à la sentence définitive du tribunal les dettes privilégiées et ordinaires du débiteur incombe aux commissions de liquidation et aux bureaux exécutifs, lorsque ces commissions ne siègeront plus. Sil’ensemble des biens du débiteur ne suffit pas à payer intégralement ses dettes ordinaires et privilégiées on paie ces dernières au prorata de l’actif.
Art. VII. — Les saisies conservatoires et les saisies exécutoires mises sur les biens des personnes transportées, soit par les tribunaux, soit par les administrations de l’Etat sont nulles et ceux qui ont fait ces saisies doivent se conformer à la présente loi. Ceux qui ont des procès en cours contre les personnes transportées sont libres de s’adresser aux commissions ou de laisser l’affaire suivre son cours normal conformément aux dispositions générales.
A ceux qui ne s’adressent pas aux commissions s’applique le dernier paragraphe de l’article quatre. Les procès en cours en faveur de ces personnes sont poursuivis par le président de la commission ou par son préposé.
Art. VIII. — Le façon dont les commissions vont être instituées et l’application des différentes dispositions de la présente loi seront fixés par un réglement.
Art. IX. — Les immeubles bâtis de la catégorie des vakfs Idjaréteinli ainsi que les terrains vakfs et les autres immeubles inscrits au compte des ministères de l’Evkaf et des finances pourront être, conformément aux règlements concernant les immigrés, distribués aux immigrés.
Art. X. — Les ministres de l’evkaf, de l’intérieur, de la justice et des finances sont chargés de l’exécution de la présente loi.
Art. XI. — La présente loi entre en vigueur dès sa promulgation.
Le 13. ejlul 1331
(= 26. September 1915.)
223.
Bericht über Senatsverhandlungen im Oktober und November 1915.
1. Sitzung vom 21. ejlul 1331 (= 4. Oktober 1915); Verhandlungsberichte S. 301.
Ahmed Riza Bey: Tausende und Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen irren heute elend und ratlos auf den Straßen und in den Bergen Anatoliens umher. Von dem Gerechtigkeitssinn der Regierung erwarte ich, daß diese Leute noch vor Eintritt des Winters entweder in ihre Heimatsorte zurückgebracht oder dort angesiedelt werden, wo sie es wünschen. Falls das hohe Haus sich diesem meinem Wunsche anschließt, bitte ich den Herrn Präsidenten, der Regierung hiervon Mitteilung zu machen. (Rufe: Einverstanden!) Ich überreiche auch einen Gesetzesvorschlag und bitte, ihn in die nächste Tagesordnung aufzunehmen zwecks Überweisung an den Ausschuß für Gesetzesvorschläge.
2. Sitzung vom 28. ejlul 1331 (= 11. Oktober 1915); Verhandlungsberichte S. 305 ff.
Der Gesetzesvorschlag Ahmed Riza Beys gelangt zur Verlesung.
Gesetzesvorschlag.
Ich schlage vor, den Art. 11 des provisorischen Gesetzes vom 13. ejlul 1331 (= 26. September 1915) über das Vermögen der an andere Orte verbrachten Personen und über ihre hinterlassenen Schulden und Forderungen folgendermaßen abzuändern:
Dies Gesetz gelangt nach Beendigung des Weltkrieges und einen Monat nach Bekanntgabe des Friedensschlusses zur Ausführung.
Motive:
1. Kriegszeiten geben niemand das Recht, anderen bewegliches oder unbewegliches Vermögen wegzunehmen.
2. Wo Grundstücke veräußert werden, sind jetzt gerade die Personen, die für den Ankauf das meiste Interesse haben, nämlich die Bauern und die Ortsansässigen, wegen des Krieges abwesend. Ferner können sich jetzt wohlhabende Leute, die für diese Grundstücke angemessene Preise bezahlen würden, kein Geld beschaffen. Im gegenwärtigen Augenblick würde daher der Verkauf dieser Grundstücke ihre Eigentümer schwer schädigen, außerdem würde die Mitbewohnerschaft des betreffenden Ortes keinen Vorteil davon haben.
3. Dieses provisorische Gesetz, das zwei Tage vor Eröffnung des Parlaments erlassen worden ist, widerspricht dem Art. 16 der Verfassungsurkunde in verschiedener Hinsicht. Auch ist es unvereinbar mit Recht und Gerechtigkeit. Dieses Gesetz muß daher zunächst durch das Parlament gehen und erst nach dem Kriege zur Ausführung kommen. Deshalb verlange ich gemäß Art. 53 der Verfassung die vorstehende Abänderung.
Am 21. ejlul 1331.
Ahmed Riza.
Stellvertr. Präsident: Das in dem Antrag angezogene Gesetz betrifft den Verkauf des Vermögens einer gewissen Klasse abwesender Personen. Das Gesetz ist am 13. ejlul veröffentlicht worden und ist mit diesem Tage in Kraft getreten. Ahmed Riza Bey schlägt vor, daß das Gesetz einen Monat nach Friedensschluß in Kraft tritt und daß ein Artikel abgeändert wird. Das provisorische Gesetz selbst ist aber noch nicht zu uns gelangt, auch wissen wir nicht, wann es zu uns kommen wird. Wollen wir den Antrag dem Ausschuß für Gesetzesvorschläge überweisen in Erwartung des Eingangs des provisorischen Gesetzes?
Musa Kiazim Effendi: Natürlich muß der Antrag diesem Ausschuß zugehen.
Stellvertr. Präsident: Gut. Nach Eingang des provisorischen Gesetzes soll dann der Antrag zusammen mit dem Gesetz beraten werden.
Ahmed Riza Bey: Ist das Gesetz heute in Kraft oder nicht?
Stellvertr. Präsident: Ich kenne das provisorische Gesetz nicht. Sie sagen ja selbst, daß es vom Tage der Bekanntgabe ab in Kraft ist.
Ahmed Riza Bey: Ich habe es im Amtsblatt gelesen. Es ist am 12. ejlul veröffentlicht worden und vom Tage der Veröffentlichung ab in Geltung.
Stellvertr. Präsident: Dann verlangen Sie also die Abänderung von Art. 11.
Ahmed Riza Bey: Wir wissen nicht, wann das Gesetz zu uns kommt. Was soll geschehen, wenn es überhaupt nicht zu uns kommt, oder erst so spät, daß keiner der Betroffenen überhaupt noch Vermögen hat?
Hüsni Pascha: Es scheint mir zwecklos, den Antrag an den Ausschuß gehen zu lassen. Wir haben das Gesetz selbst noch nicht, können also einen Abänderungsvorschlag nicht in Erwägung ziehen.
Mahmed Pascha: Der Antrag muß doch an den Ausschuß gehen.
Aristidi Pascha: Zunächst mag sich der Ausschuß dazu äußern.
Stellvertr. Präsident (läßt abstimmen): Die Mehrheit ist für Überweisung des Antrags an den Ausschuß.
3. Sitzung vom 19. teschrin-i-ewwel 1331 (= 1. November 1915); Verhandlungsberichte S. 331:
Ahmed Riza Bey: Ich hatte früher gebeten, die Aufmerksamkeit der Regierung auf gewisse Punkte betreffend die in den Bergen Anatoliens herumirrenden bedauernswerten Leute zu lenken. Das hohe Haus hatte sich meiner Bitte angeschlossen. Ist die Regierung auf die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Erleichterung des Loses dieser Personen zu treffen, hingewiesen worden, und zu welchem Ergebnis ist es gekommen?
Präsident: Auf den Beschluß des hohen Hauses habe ich mich mit der Regierung über diese Frage besprochen. So wie die Regierung sich bemüht hat, die Hindernisse zu beseitigen, die das Wohlergehen der Bevölkerung irgendwie beeinträchtigen könnten, bemüht sie sich auch Mittel zu finden, durch die das Wohlergehen dieser Personen sichergestellt wird. Sie hat sogar zu diesem Zweck den Direktor für Angelegenheiten von Auswanderern lediglich für diese Angelegenheit in jene Gegenden entsandt[117]. Kredite sind bereitgestellt worden, und weitere Beamte werden entsendet. Die Regierung läßt sich die Sorge für das Wohlergehen dieser Personen angelegen sein. (Rufe: Sehr gut.)
Ahmed Riza Bey: Wie Sie wissen, stehen wir schon im Winter. Wenn etwas geschehen soll, muß es so bald wie möglich geschehen. Die Regierung hat Ihnen doch in diesem Sinne amtlich Auskunft erteilt, nicht wahr?
Präsident: Jawohl.
224.
Aufzeichnung
über die geplante Deportation der Armenier von Mossul, Dezember 1915.
Im Spätsommer 1915 waren auf Anordnung der türkischen Regierung die in Bagdad wohnhaften Armenier nach Mossul deportiert worden. Kurz nach der Ankunft des Feldmarschalls Freiherrn v. d. Goltz in Bagdad (Dezember 1915) erließ der bisherige Oberkommandierende in Mesopotamien, Nureddin Bey, den Befehl, diese Armenier von Mossul weiter zu transportieren und auch die in Mossul ansässigen Armenier nach dem Euphrat zu schaffen. Der Feldmarschall erhielt zufällig Kenntnis von dieser militärisch in keiner Weise gerechtfertigten Maßnahme und intervenierte energisch bei den Wilajetbehörden. Zunächst ohne jeden Erfolg. Die Sache zog sich fast einen Monat lang hin, und der Feldmarschall konnte zunächst nur erreichen, daß die Armenier einstweilen in Mossul auf weitere Weisung warten sollten. Als bis Mitte Januar 1916 keine Weisung aus Konstantinopel eingetroffen war, verbot der Feldmarschall auf Grund seiner Oberbefehlshaberbefugnisse dem Wali von Mossul, die Armenier weiter zu transportieren. Der Wali berichtete erneut nach Konstantinopel. Eine Antwort war bis zum 27. Januar nicht eingetroffen, vielmehr kam die Nachricht, die Regierung bestehe auf dem Abtransport. Hierauf bat der Feldmarschall telegraphisch um seine sofortige Abberufung. Erst jetzt antwortete Enver Pascha in einem verbindlich gehaltenen Telegramm, in welchem er Zusicherungen bezüglich des Verbleibens der Armenier in Mossul machte, im übrigen aber den Feldmarschall darauf hinwies, daß ihn seine Oberbefehlshaberbefugnisse nicht berechtigen, sich in die inneren Angelegenheiten des türkischen Reiches einzumischen.
Der Feldmarschall wollte auch jetzt noch auf seinem Abschiedsgesuch bestehen, gab diese Absicht aber auf, da er ja in der Sache selbst seinen Willen durchgesetzt hatte, und da er sich für verpflichtet hielt, angesichts der schwierigen militärischen Lage von Kut-el-Amara auf seinem Posten zu bleiben.
Berlin, den 19. November 1918.
Legationsrat Dieckhoff.