1916
Januar.
225.
Telegramm.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Aleppo, den 3. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 31. Dezember.
In Aintab waren nach den Verschickungen vor einigen Monaten noch 7 bis 8000 Armenier geblieben. Von diesen sind jetzt 5 bis 6000 ohne Unterschied der Konfession teils schon verschickt, teils in Verschickung begriffen; der Befehl hierzu ist anscheinend von militärischer Seite ergangen wahrscheinlich unter dem falschen Vorwand der Anteilnahme am Widerstand der Stadt Urfa. Jetzt ist auch die letzte protestantische Kirche in Aintab geschlossen.
Rößler.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Notiz.
Die Meldung wurde Halil Bey mitgeteilt. Er erklärt die Nachricht für unrichtig. Es seien nur einige an der Bahn angesiedelte Armenier aus militärischen Gründen weiter geschickt worden.
Neurath.
226.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 3. Januar 1916.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage die folgenden Nachrichten zur Armenierverschickung:
1. Abschrift eines Berichtes des Diakons Künzler aus Urfa über die dortigen Vorgänge seit Anfang August bis Anfang Dezember. Der Bericht wiederholt zwar zum Teil schon Bekanntes, verdient aber doch eine Wiedergabe. Insbesondere ist daraus zu entnehmen, daß gegen 600 Armenier bereits abgeschlachtet waren, ehe die Kämpfe Anfang Oktober begannen, nämlich 100 in der Stadt, ungefähr 100 eines Arbeiterbataillons im Norden der Stadt, und 400 eines Arbeiterbataillons im Süden der Stadt, abgesehen von den bereits vorher Verschickten und auf dem Wege nach Diarbekr Ermordeten. Neu ist auch, was er über das Geschick der Stadt nach ihrer militärischen Niederzwingung berichtet.
2. Ein deutscher Ingenieur, der während der entscheidenden Ereignisse wochenlang in Ras-ul-Ain und Tell-Abiad für den Bau der Bagdadbahn beschäftigt war und dessen Glaubwürdigkeit die allerbeste ist, gab erschütternde Berichte, die einen Einblick in die bewußte und gewollte Vernichtung der Verschickten durch türkische Regierungsorgane gewährten. Die von den Armeniern immer wieder vorgebrachte Erzählung, daß die Züge der Verbannten absichtlich kreuz und quer geführt worden sind, um sie „zu Tode zu wandern“ fand an einem Beispiel ihre Bestätigung. Ein Trupp Verschickter aus Urfa hat folgenden Weg zurücklegen müssen:
Von Urfa nach Tell-Abiad,
„ Tell-Abiad nach Rakka,
„ Rakka nach Tell-Abiad,
„ Tell-Abiad nach Rakka.
Die Strecke von Tell-Abiad nach Rakka beträgt in der Luftlinie rund 90 km.
3. Die schon öfter gemeldete und soeben wieder bestätigte Tatsache, daß Regierungsorgane die Bevölkerung zur Vertilgung der Armenier aufgefordert und ermutigt haben, kann dahin eingeschränkt werden, daß Djemal Pascha, der Höchstkommandierende der 4. Armee, persönlich die Vernichtung der Armenier nicht gewollt hat. Sein Wille hat sie nicht aufzuhalten vermocht, aber es ist eine Erleichterung, in dem grauenhaften Bilde auch einmal einen versöhnlichen Zug entdecken zu können. Das Sammellager der Armenier in Islahije ist 6 Wochen lang, trotz der Verteidigung durch deutsche Ingenieure, der Gegenstand zahlreicher Raubüberfälle durch Kurden gewesen, bei denen Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden. Als Djemal Pascha durchkam und ihm darüber Vortrag gehalten wurde, stellte er seine 12 Leibgendarmen zur Verfügung, die sehr energisch gegen die Kurden vorgingen und einige gefangen einbrachten. Diese sind dann gehängt worden. Wenn die Zustände im Bereich der 4. Armee, obwohl sie schlimm genug sind, doch nicht an diejenigen im Bereiche der 3. Armee heranreichen, so wird neben den durch die geographische und politische Lage sowie durch den verschiedenen Stand der Verkehrswege bedingten Unterschieden auch der Einfluß Djemal Paschas in Anschlag zu bringen sein[118].
4. Während ich früher wiederholt berichtet habe, daß Leichen der Armenier unbeerdigt geblieben sind und den Raubtieren zum Opfer fielen, kann nach neuerdings mir erstatteten mündlichen Berichten kein Zweifel mehr sein, daß auch noch lebende Armenier, die im Krankheits- und Erschöpfungszustande im Freien lagerten und um die sich niemand kümmerte, von Hunden angefressen worden sind.
Es liegt dafür das Zeugnis eines älteren deutschen Ingenieurs von unbedingter Zuverlässigkeit vor, der, in Arab-Punar stationiert, die Strecke zwischen dort und Harab-Nass unter sich hatte. Die Beobachtung ist sowohl von ihm selbst, wie von seinen eingeborenen Angestellten gemacht worden. Sein Name steht auf Erfordern zur Verfügung.
Der Leichengeruch auf der Straße zwischen diesen beiden Stationen war derartig stark, daß er sich mehrfach das Gesicht verbunden hat, wenn er sie zu Pferde zurückzulegen hatte.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage 1.
Deutsche Missionsklinik Urfa.
Urfa, den 5. Dezember 1915.
Ich nehme an, daß Sie über die meisten hiesigen Vorgänge seit August richtig unterrichtet sind. Dennoch möchte ich hier etwas wiederholen. Vielleicht, daß darunter doch noch etwas ist, was Sie nicht wissen.
Anfang August Ankunft zweier Beys von Diarbekir. Gleich darauf begann der Todestransport der schon lange gefangen gehaltenen Armenier, darunter auch unser Apotheker Abraham. Am 15. August beginnt neue Suche nach jungen Armeniern, behufs angeblichen Soldatendienstes. Am 19. August wurde bei einer Hausdurchsuchung aus dem Hinterhalt ein Polizist niedergeschossen, nachmittags 3 Uhr. Die übrigen Polizisten springen weg ins muslimische Quartier und melden es der Obrigkeit. Die beiden Beys von Diarbekr gaben Orders zu einem Massakre. Bis zum Abend fielen ca. 100 Armenier. Anderen Tags werden ungefähr 100 Armenier des Arbeiterbataillons eineinehalbe Stunde nördlich von Urfa abgeschlachtet. Anderen Tags 400 eines im Süden arbeitenden Arbeiterbataillons. Seit dem 19. August Stille, aber die Armenier bleiben in ihren Häusern. Am 29. September suchte die Polizei nach jungen Armeniern, welche nachts zuvor aus einem Hause Schüsse abgaben. Hierbei wurde wieder auf sie geschossen. Wer fliehen konnte, floh. Auf dem Markte befindliche Armenier wurden abgeschlachtet, doch hatten sich seit dem 19. August nur einzelne auf den Markt herausgewagt. Schon am Abend war das armenische Viertel für Muhammedaner nicht mehr zugänglich. Dann begann die Belagerung des armenischen Stadtviertels, welche ja für die Armenier schlecht enden mußte. Am 16. Oktober die Internierung der meist unbeteiligten Armenier, besonders Frauen und Kinder. Die Männer, die sich übergeben hatten, wurden abgeschlachtet, auch einige gehängt. Die Frauen und Kinder nach und nach in den Süden verschickt. Die Suche nach dem Rest der Armenier, welche sich nicht ergaben, sondern sich in Brunnen und Verstecken verborgen hatten, dauerte noch recht lange, bis Mitte November.
Anfänglich ließ man an der Revolution unbeteiligte Bäcker am Leben und in ihren Läden arbeiten, aber am 20. November entfernte man auch diese, indem man sie auf den Weg schickte und sie dann draußen abschlachtete.
Ein paar Armenier, die das zweifelhafte Metier hatten, den Türken die Wege zu den Verstecken zu zeigen, durften mit ihren Familien in Urfa bleiben. Auch Apotheker Karekin kann bleiben, aber jetzt werden diese Leute halb und halb gezwungen, Muslim zu werden. Unserem Apotheker wurde es heute nahegelegt, wenn er bleiben wolle, wenigstens einen muslimischen Namen anzunehmen. Wahrscheinlich wird auch unserem Arzt diese Sache nahegelegt.
Das an dem Aufstand völlig unbeteiligte einzige christliche Dorf Garmudj ist letzte Woche auch verschickt worden! Sehr traurig!
Oft denke ich, wenn nur jemand von uns nach Rakka, Der-es-Zor usw. gehen könnte, um dem Rest Überlebender der Verschickten beizustehen.[119] Allein ich bin sicher, die Regierung würde eine Hilfe unsererseits nicht zulassen. So müssen wir denn das Volk einfach untergehen lassen.
Jakob Kuenzler.
An den Kaiserlich Deutschen Konsul Herrn Rößler in Aleppo.
Anlage 2.
Publication aux Vilayets.
Malgré les ordres et communiqués que j’ai donnés pour que la population arménienne expédiée en différents endroits ne soit soumise à aucune oppression et mauvais traitement, j’apprends des faits regrettables qui se sont produits.
Ci-dessous quelques détails que j’ai reçus jusqu’à présent à ce sujet:
1. Une oppression a été faite pendant la recherche d’armes et un certain nombre d’arméniens ont dû acheter des armes à des prix très élevés de leurs voisins turcs et circassiens pour les livrer au gouvernement.
Un certain nombre de leurs chevaux et de leurs effets de valeur ont été volés.
Sous prétexte qu’ils seront rationés en route ils ont été laissés sans pain et sans eau.
Ils ont subi de la part des fonctionnaires chargés de les accompagner un traitement sévère et inutile tel que d’insultes et des voies de faits.
Pendant leurs étapes ils ont dû se suffir des 25–30 Drames de pain et une solde de 25 paras par jour.
Les employés et professeurs des écoles et orphelinats arméniens ont subi le même traitement que la population indigène au lieu d’être renvoyés dans leurs provinces. On ne laissa même pas à certains d’entre eux le temps de prendre leurs effets. A Gueben des femmes ont été convoquées au moment où elles faisaient leurs lessives et dûrent se mettre en route pieds-nus et sans avoir pu emporter les linges qu’elles avaient lavés.
Certains pères de familles ont été expédiés à des endroits séparément de leurs femmes et enfants. Et par manque de moyens de transport, certaines femmes ont dû se débarasser de leurs enfants comme d’une charge inutile et les ont laissés au bord d’une route ou au revers d’une haie et même certaines entre elles essayèrent de les vendre.
La permission de faire venir leurs bêtes qui se trouvaient à quelque distance de leurs lieux d’habitation leur a été refusée.
De pareils traitements portent atteinte à notre honneur national et forment une tâche au nom de l’Ottomanisme. J’attire donc l’attention des autorités compétentes à ce sujet.
2. Enquêtes sévères doivent être faites immédiatement au sujet de tous ces évènements et les fauteurs de troubles seront punis pour cette fois de réprimande. Tous ceux qui commettraient des actes pareils seront considérés par moi comme des Ottomans indignes de ce nom et livrés à la cour martiale sous inculpation de traîtrise de la Patrie.
3. Avant le déplacement de la population arménienne un délai fixe leur sera donné et au moment de l’expulsion, ceux qui auront des voitures et des chevaux en profiteront pour leur voyage. Le Gouvernement procurera des moyens nécessaires de transport pour les autres.
4. Les malades resteront jusqu’à leur guérison, à l’endroit où ils se trouvent.
5. La population sera expédiée avec une escorte de gendarmerie et aisément. Une solde de 50 Paras aux adultes et aux hommes et de 30 Paras aux enfants sera donnée s’ils sont indigents.
6. Les gendarmes et les employés faisant partie de leur escorte sont responsables de leur vie, de leurs biens et de leur honneur.
7. Aux endroits où ils seront établis tout leur nécessaire sera assuré et tous seront sous la protection et affection du Gouvernement.
Je m’assurerai de l’exécution absolue de ces ordres par l’inspection de mes officiers en qui j’ai toute confiance. Nul ne sera informé de leurs enquêtes et suivant leurs rapports tous peuvent être assurés que je punirai de la façon la plus rigoureuse ceux qui agiront contre ces ordres.
Djemal Pascha.
227.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 10. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Aus Aintab stammende Armenier, die schon 3 oder 4 Jahre hier wohnhaft sind, erhielten die Aufforderung, Aleppo binnen einer Woche zu verlassen.
Es gibt Anzeichen dafür, daß auch die in Aleppo ansässigen Armenier verschickt werden sollen. Es scheint zu diesem Zwecke von der Behörde eine Liste aufgestellt zu werden. Von Bab erfolgen Weiterverschickungen, die in Widerspruch zu dem stehen, was Djemal Pascha in Konstantinopel durchgesetzt hatte.
Rößler.
228.
Kaiserliche Botschaft.
Pera, den 20. Januar 1916.
Telegramm.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Auf Telegramm vom 10. Januar.
Die Pforte erklärt, daß Verschickung der Armenier aus Aleppo nicht beabsichtigt sei.
Metternich.
229.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 12. Januar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Neuerdings werden 3000 armenische Witwen, die früher von Aleppo nach Killis gesandt und dort verhältnismäßig gut aufgehoben waren, nach Der-es-Zor verschickt, wobei die meisten zugrunde gehen. Könnte nicht erreicht werden, daß wenigstens der jetzt noch verbliebene Rest dort belassen wird?
Rößler.
Bei Halil zur Sprache gebracht. Er wollte Talaat Bey informieren.
20.1.1916. Neurath.
230.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 24. Januar 1916.
Auf den Erlaß vom 12. Dezember v. J.[120]
Der hiesige Minister des Äußern, Halil Bey, hat auf meine Vorstellungen hin auf das entschiedenste bestritten, daß zwangsweise Bekehrungen der Armenier zum Islam in nennenswertem Umfange versucht worden seien. Bei den vorgekommenen Fällen von Übergriffen unterer Beamter seien die Betreffenden bestraft worden.
Die Versicherungen des Ministers stehen in Widerspruch mit den übereinstimmenden Berichten, die der Kaiserlichen Botschaft wiederholt über diese Frage aus verschiedenen Lokalitäten und aus von einander unabhängigen Quellen zugegangen sind.
Aus den eingehenden Angaben des Vizekonsuls Kuckhoff in Samsun, die von anderer Seite bestätigt wurden, ist zu schließen, daß namentlich in den Distrikten am Schwarzen Meer die Islamisierung der Armenier — teils durch Überredung, teils durch Drohungen — in größerem Umfange durchgeführt worden ist.
Allerdings haben anderwärts, wo zahlreiche Armenier aus eigenem Antriebe, um der Verbannung und Vermögenskonfiskation zu entgehen, sich zum Übertritt zum Islam entschlossen, die Behörden diese Bewegung nicht begünstigt und die Übergetretenen trotzdem verschickt. Anscheinend befürchtet man, daß durch weitere Massenübertritte der eigentliche Zweck der Armenieraustreibungen, die völlige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, vereitelt werden könnte.
Seitdem ist ein anderer weniger auffälliger Weg eingeschlagen worden.
So berichtet der Konsul Büge in Adana im Oktober v. J., daß der Leiter des dortigen türkischen Waisenhauses den christlichen Zöglingen eröffnet habe, daß in einem osmanischen Waisenhause die christliche Religion keinen Platz hätte; wer nicht zum Islam übertrete, müsse das Haus verlassen. Daraufhin verließen die christlichen Kinder das Haus mit Ausnahme von 14 Knaben, die vermutlich inzwischen zum Islam übergetreten sind.
Ferner teilte der armenische Patriarch Mitte Dezember hierher mit, daß man in Anatolien begonnen habe, die weiblichen Mitglieder der verschickten armenischen Familien, deren männliche Mitglieder umgekommen oder verschollen sind, gruppenweise auf muhammedanische Dörfer zu verteilen, um sie dem Islam zuzuführen; auch habe das Kriegsministerium angeordnet, daß sämtliche im Heeresdienste befindlichen Armenier Muhammedaner werden und schon jetzt muhammedanische Namen erhalten sollten, während die eigentlichen Formalitäten (Beschneidung) mit Rücksicht auf den Kriegszustand für später vorbehalten werden.
Endlich wird behauptet, daß auch hier in der Hauptstadt von Türken vielfach auf Armenier eingewirkt werde, damit sie zum Islam übertreten; doch ist die Zahl der Übergetretenen im Verhältnis zur Gesamtzahl der hiesigen armenischen Bevölkerung nur geringfügig. Angeblich haben bis jetzt nur einige 20 Armenier den Islam angenommen, darunter namentlich solche, die in Anatolien begütert sind und durch den Übertritt ihr Vermögen zu retten suchen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
231.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 26. Januar 1916.
Zur Frage der Verschickung der Armenier aus Aleppo habe ich aus Anlaß eines Einzelfalles von einem Polizeikommissar folgendes erfahren:
Es sind Befehle gegeben, jeden Armenier auszuweisen, der nicht ein in Aleppo selbst ausgestelltes „Teskere Nufus“ (Heimatschein) besitzt, und zwar ohne Rücksicht auf die Zeit, die er etwa schon in Aleppo zugebracht hat. Nur ein solches gilt als Nachweis, daß der Inhaber nicht zu den Verschickten gehört.
Ist also ein Armenier z. B. vor 10 Jahren aus einer anderen türkischen Stadt nach Aleppo übergesiedelt und besitzt er ein Teskere Nufus aus jener anderen Stadt, ohne indessen Veranlassung gehabt zu haben, dieses Papier gegen ein hiesiges umzutauschen, so ist er der Verschickung verfallen.
Mit diesem Befehl hat die Regierung eine Waffe in der Hand, die Mehrzahl der hiesigen Armenier auszuweisen. Nur die hier Geborenen sind sicher, und auch diese nur, soweit sie bei der Regierung eingetragen sind, was bekanntlich bei den ottomanischen Untertanen nicht durchweg geschieht. Von den Zugewanderten, d. h. also auch den vor der Verschickung Zugewanderten, wird ein sehr erheblicher Teil nicht im Besitze des hiesigen Papieres sein. Die Polizei ist mit den Feststellungen beschäftigt. Auch sind manche hiesige Armenier auf diese Art bereits verschickt worden.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich.
232.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 28. Januar 1916.
Ein weiteres sicheres Beispiel für die Islamisierung der Armenier wird vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo gemeldet. Auf Antrag des Herrn Rößler stand die Kaiserliche Botschaft im Begriff, sich für den Arzt und den Apothekergehilfen des von der deutschen Orientmission in Urfa unterhaltenen Spitals zu verwenden, welche von den Behörden verhaftet worden waren und von denen der letztere bereits zum Islam übergetreten war. Nunmehr zeigt Herr Rößler hier an, daß auch der Arzt, ein gewisser Abuhaijatian, mit dem gesamten übrigen männlichen Personal des Spitals Muhammedaner geworden sei und den Namen Arif angenommen habe. Trotzdem ist er vom Kriegsgericht verurteilt worden. Die von den Behörden in Urfa gesammelten Waisen sind ebenfalls dem Islam zugeführt worden. Nach Ansicht des Herrn Rößler würde ein weiteres Eintreten für die auf diese Weise Bekehrten nur zur Folge haben, daß sie verschickt und unterwegs aus dem Wege geräumt werden.
Endlich wird in einem Briefe aus Konia bestätigt, daß die dort konzentrierten Armenier allmählich weiter ins Innere abgeschoben werden, wo sie auf türkische Dörfer verteilt und zur Annahme des Islam genötigt werden.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
233.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 29. Januar 1916.
Mit dem von deutscher Seite für die armenische Hilfsaktion zur Verfügung gestellten Gelde eine besondere Organisation zu schaffen, ging nicht an, denn sie wäre von türkischer Seite nicht geduldet worden. Auch war die Not so ungeheuer, daß den Hungernden nicht die Hilfe zugunsten einer erst noch zu schaffenden Organisation verweigert werden konnte. Ein großer Teil der im Herbst zur Verfügung gestellten Summen ist durch das hiesige Missionsehepaar Spieker verteilt worden, dem die Notleidenden vielfach persönlich bekannt waren und das seine Vertrauensleute hatte, so daß für Verwendung für wirklich Bedürftige gesorgt war.
Von armenisch-protestantischer Seite ist ein Waisenhaus geschaffen und hierfür die wohlwollende Unterstützung des Deutschen Konsulats erbeten worden. Formell konnte ich sie nicht gewähren, aber tatsächlich. Ich gab die Genehmigung, daß ein hinter dem Deutschen Konsulat gelegenes, von einem Deutschen zur Verfügung gestelltes Haus benutzt würde. Die Polizei hat darauf dieses Haus unbelästigt gelassen, wohl in der stillschweigenden Annahme, daß sie andernfalls auf den Widerstand des Deutschen Konsulats stoßen würde. Es hieß dann bei den Armeniern wie bei den Behörden das „Deutsche Waisenhaus“. Ich habe monatliche Beiträge seit September beigesteuert und diese Beisteuer zunächst bis Ende April zugesagt.
Aleppo ist gegenwärtig der Mittelpunkt eines Hilfswerks an den Armeniern, das sich auf Bab, Membidj, Der-es-Zor, Damaskus u. a. Plätze erstreckt. Auf Vorschlag der Schwester Beatrice Rohner habe ich kürzlich für Waisenarbeit in der Umgegend von Damaskus einen Beitrag zur Verfügung gestellt.
Ein zweites hiesiges Waisenhaus, welches auf Verwendung des Freiherrn von Kreß durch Befehl Djemal Paschas der deutschen Schwester Beatrice Rohner zur Verwaltung übergeben worden ist, nachdem es bis dahin von türkischer Seite geleitet worden war, zählt zurzeit 376 Kinder.
Die Regierung hat die Absicht, die sämtlichen Waisenkinder aus Aleppo nach Konstantinopel überzuführen. Sie hat nur die Ausführung dieser Absicht mit Rücksicht auf die winterliche Ungunst des Wetters und mit Rücksicht darauf, daß die Beförderungsmittel ausschließlich für militärische Zwecke gebraucht werden, auf das Frühjahr verschoben. Durch die Überführung würde in einschneidender Weise in die gegenwärtige Gestaltung der Hilfsaktion eingegriffen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich.
234.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 31. Januar 1916.
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Briefes des Diakons Künzler in Urfa, aus welchem hervorgeht, daß die letzten in Urfa verbliebenen Armenier unter dem Zwange der Verhältnisse den Islam angenommen haben. Darunter auch die von türkischer Seite in Urfa gesammelten Waisen.
Über die Verhaftung von Dr. Arménak Abuhajatian, Arzt am Deutschen Hospital, habe ich der Kaiserlichen Botschaft anderweit berichtet. Aus dem Briefe geht hervor, daß er an den Widersetzlichkeiten der Bevölkerung völlig unbeteiligt war.
Zwangsbekehrungen zum Islam sind vor einigen Wochen hier auch von anderer Stelle bekannt geworden. In Caesarea war der Befehl ergangen, die Armenier nach Siwas zu verschicken. Diese Verschickung bedeutete den Tod. Möglicherweise um sie zu retten, ließ der Mutessarrif bekannt werden, wer zum Islam übertrete, werde verschont. Viele traten über. Eine Anzahl protestantischer und katholischer Geistlicher weigerten sich, überzutreten. Auf mir nicht bekannt gewordene Weise kam es dahin, daß diese nicht nach Siwas, sondern nach Eregli verschickt wurden, auf welchem Wege die Gefahren geringer waren. Als sie nach mancherlei Fährlichkeiten in Tarsus ankamen, trafen sie dort zufällig Freiherrn von Kreß auf seiner Reise mit Djemal Pascha nach Konstantinopel. Er führte sie beim Pascha ein, der ihnen sicheres Geleit nach Aleppo gab und ihnen später teils Damaskus, teils Jerusalem als Wohnsitz anwies. Von diesen stammt die Nachricht. Unter ihnen befindet sich der protestantische Prediger Wahram Tahmissian, jetzt in Damaskus.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage.
Deutsche Missionsklinik Urfa.
Urfa, den 17. Januar 1916.
Hochgeehrter Herr Konsul!
Sie erwarten wohl mit Recht wieder einige Zeilen von mir über die Vorgänge in unserem Hospital.
Gestern vor 8 Tagen wurde plötzlich unser sich noch immer in Rekonvaleszenz befindender Arzt von der Polizei abgefaßt. Eine Stunde später geschah das gleiche auch mit dem Apothekergehilfen Hosep, jetzt muhammedanisch Jussuf genannt. Als ich sah, daß die beiden statt von der Polizei zurückzukehren, ins Gefängnis geworfen wurden, begab ich mich abends zum Gouverneur, wobei ich nur erfuhr, daß der Verhaftungsbefehl nicht aus Urfa, mutmaßlich aus Aleppo stammte. Am folgenden Morgen sandte ich dann das Telegramm an Sie. Im Laufe der Woche erfuhr ich unter der Hand, von wo der schlechte Wind wehte. Wir hatten eine Zeit lang einen militärischen Obern hier, Z. G., der jetzt dort weilt, welcher den Befehl gegeben. Ganz Urfa war empört über die Gefangennahme der beiden, von denen jedermann bezeugen kann, daß sie bei dem Widerstande völlig unbeteiligt waren. G. ist eben ein roh Durchgehender. Hätte er vielleicht gewußt, daß unser Arzt, jetzt Arif Eff. genannt, inzwischen, wie das ganze männliche eingeborene Personal, muhammedanisch geworden ist, hätte er vielleicht den Befehl nicht erlassen. Die Waisen, welche auf Befehl des jetzt dort weilenden, früheren Obersten (Generals) Fakhri ed din Paschas hier gesammelt wurden, sind alle vor kurzem „umgetauft“ worden, mitsamt den diversen Hausmüttern.
Ich höre, daß der Arzt bereits verurteilt ist; wie lange die Strafe, weiß ich nicht.
Jakob Künzler.
Februar.
235.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
Aus dem andauernden langsamen Untergang größerer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:
Im November und Anfang Dezember befanden sich größere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mußten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahije und Katma zu Fuß nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismäßig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, daß die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestoßen worden, und die Unglücklichen werden von Bab nach Der-es-Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber unterrichtet ein Brief des Konsuls Litten, den er über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der-es-Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Straße ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat u. a. Seine Durchlaucht Prinz Reuß etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha, wie er mir erzählt hat, 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.
Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben, dieser aber nahm sie nicht an, so daß sie im Freien bleiben mußten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kinder erfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.
Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit außerhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, daß Ende Januar in den 2½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen, wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muß auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.
Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismäßig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
236.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Unter Bezugnahme auf Bericht vom 26. Januar.
1. Über 70 hiesige armenische Familien, die aus Aintab stammen, aber größtenteils schon jahrelang hier wohnen, werden verschickt. Dies ist nur ein Anfang.
2. Die mit Erlaubnis der Regierung seit einigen Monaten auf Gütern in der Provinz Aleppo angesiedelten Armenier, vielleicht 10000 Menschen, werden jetzt weiter verschickt.
3. Die von der Zentralregierung erlassenen Befehle scheinen milder; aber Verschickungskommissar und Wali arbeiten unerbittlich an der Vernichtung der Armenier.
Rößler.
237.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Telegramm.
Erzerum, den 9. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wali hat mir durch Polizeipräsidenten sagen lassen, daß auf Befehl des Armeekommandanten Kiamil Pascha, respektive der Militärbehörde, alle armenischen Frauen und Mädchen, die unter unserem Schutze stehen, ausgewiesen werden. Männer stehen keine unter unserem Schutze.
Euere Exzellenz bitte ich gehorsamst, dringende Schritte zu unternehmen, damit unsere Schützlinge hier verbleiben können.
Selbst von den ausgewanderten reichen und wohlhabenden Familien sind unterwegs viele durch die Kälte zugrunde gegangen.
Ich bitte um Drahtweisung, wie ich mich zu den hiesigen Behörden verhalten soll. Müssen die Armenier auswandern, so ist es sicher, daß alle umkommen werden.
Werth.
238.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 11. Februar 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich Abschrift einer mir vom Abgeordneten Erzberger übergebenen Aufzeichnung vorzulegen über die Unterredungen, welche er mit Enver Pascha und Talaat Bey bezüglich der Armenierfrage und der christlichen Interessen in der Türkei gehabt hat. Ähnliche Zusagen haben die türkischen Minister auch mir bekanntlich wiederholt gegeben, ohne daß ich bisher eine Einlösung derselben wahrnehmen konnte. Ob der Schritt des Herrn Erzberger nachhaltiger wirken wird, erscheint mir vorerst recht zweifelhaft.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Unterredung des Abgeordneten Erzberger am 10. Februar 1916 betreffend
Armenierfrage und Christenfrage im Orient.
1. Mit Enver Pascha, der zusagte, daß keine weiteren Maßnahmen gegen die Armenier erfolgen werden. Die vertriebenen Armenier werden in geschlossenen Ortschaften angesiedelt. Religionsfreiheit werde garantiert.
2. Mit Talaat Bey, Minister des Innern, der als Kriegsziel die volle Unabhängigkeit der Türkei bezeichnete, Deutschland möge sich über alle Fragen mit der Türkei verständigen, auch über den Ersatz der Kapitulationen. Dann lasse sich alles regeln. Die Öffnung der armenischen Kirchen werde erfolgen. Die Ansiedelung der vertriebenen Armenier in geschlossenen Dörfern geschehe in der Weise, daß ihnen mindestens dieselbe Fläche an anbaufähigem Land zugewiesen werde, die sie vorher besessen haben.
Erzberger.
An die Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
239.
Basel, den 12. Februar 1916.
An den Kaiserlich Deutschen Gesandten Exzellenz Freiherrn von Romberg, Bern.
Exzellenz!
Nachdem Sie die Freundlichkeit gehabt haben, unsere Vertreter, die Herren Leopold Favre und Dr. Wilhelm Vischer zu empfangen, beehren wir uns, Ihrem Wunsche gemäß im Anschluß an die Unterredung vom 26. Januar d. J. und in Bestätigung derselben, Ihnen folgendes mitzuteilen.
Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Armenier, welches die Vernichtung dieses christlichen Volkes zum Ziele hat, hat in weiten Kreisen unseres Landes eine tiefe Bewegung erregt und den dringenden Wunsch wachgerufen, etwas für die von den schweren Verfolgungen Betroffenen zu tun.
Auf Veranlassung von Vereinigungen und Persönlichkeiten in der Schweiz, welche schon seit Jahren für Hilfszwecke unter den Armeniern tätig sind und welche über die Vorgänge des letzten Jahres genügend informiert sind, ist ein schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier organisiert worden zum Zwecke, den Überlebenden dieses Volkes die Hilfe zu leisten, die noch möglich ist.
Es kommt für uns, da uns Mittel nicht zu Gebote stehen, direkt auf die türkische Regierung einzuwirken, um eine Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßregeln zu erreichen, vornehmlich in Betracht, einen Weg zu finden, wie den noch vorhandenen Resten des armenischen Volkes, die sich in der größten Not befinden, materielle Hilfe gebracht werden kann.
Die aus ihren Wohnsitzen nach verschiedenen Gegenden in Mesopotamien verbrachten, aus Greisen, Frauen und Kindern bestehenden Deportiertenzüge sind den größten Qualen von Hunger und Krankheit ausgesetzt; wenn es nicht möglich ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Wir möchten gerne zur Linderung des Loses dieser Unglücklichen nach unseren Kräften beitragen und gestatten uns daher die Anfrage, ob wir dabei auf die Unterstützung der Kaiserlich Deutschen Regierung rechnen dürften. Es würde sich z. B. darum handeln können, daß durch Persönlichkeiten, welche wir aussenden könnten oder durch zuverlässige Vertrauensleute, die sich in der asiatischen Türkei befinden, Geld oder Lebensmittel ausgeteilt oder sonst für die Linderung der Not Vorkehrungen getroffen würden. Wir wären sehr dankbar, wenn eine solche Aktion ermöglicht und durch die Organe der deutschen Regierung unterstützt werden könnte. Wir gestatten uns, in dieser Angelegenheit uns an die Vertretung des Deutschen Reiches zu wenden, da ohne die Unterstützung der Deutschen Regierung uns Schritte in der von uns angedeuteten Richtung aussichtslos scheinen und in der Überzeugung, daß ein Eintreten für die Rettung der Reste des armenischen Volkes, das lediglich von allgemein menschlichem Mitgefühl veranlaßt ist, nur im Interesse sowohl der Türkei selbst als namentlich der mit ihr verbündeten Mächte liegen kann.
Wir werden für eine wohlwollende Prüfung unseres Anliegens sehr dankbar sein und stehen gerne zu jeder etwa noch gewünschten weiteren Auskunft in der Sache zur Verfügung.
Genehmigen Euer Exzellenz den Ausdruck unserer ausgezeichnetsten Hochachtung.
Der geschäftsführende Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerkes 1915 für Armenien.
Der Präsident: Dr. Vischer.
Der Sekretär: Dr. A. Oeri.
240.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 14. Februar 1916.
Die zwischen den syrischen Christen bei Mardin und Midiat, und den türkischen Behörden entstandenen Schwierigkeiten[121] sind inzwischen behoben. Hierbei hat der Einfluß mitgewirkt, welchen Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz auf militärischem Gebiet auszuüben in der Lage gewesen ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
241.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Wie ich vertraulich erfahre, sollen die armenischen Waisen aus Aleppo nach Konstantinopel gebracht werden, woselbst Platz für 500 sei. Hier sind 1000, darunter 400 der Schwester Rohner unterstehende, die mit fort sollen.
Schwester Rohner hält für wahrscheinlich, daß die Regierung unterwegs Reiseziel ändern wolle.
Rößler.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 28. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.
Metternich.
242.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 23. Februar 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in Washington haben die Vereinigten Staaten ihren Geschäftsträger in Konstantinopel mit Demarche zugunsten der Armenier beauftragt. Euere Exzellenz wollen der Pforte zu entgegenkommender Antwort raten.
Zimmermann.
243.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 27. Februar 1916.
Ich habe mit Talaat und Halil Bey im Sinne des Telegramms vom 23. d. M. gesprochen und entgegenkommende Antwort angeraten, die mir auch zugesagt worden ist.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
244.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 26. Februar 1916.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, dem geschäftsführenden Ausschuß des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien auf seine Eingabe mitzuteilen, daß sein Wunsch, zur Linderung der Not unter den ausgesiedelten Armeniern beizutragen, sich mit den Bemühungen der Kaiserlichen Regierung begegnet und von dieser gern unterstützt werden wird, soweit dies unter Wahrung der gebotenen Rücksicht auf die verbündete Türkei und auf inoffiziellem Wege möglich ist. Die Kaiserliche Regierung nimmt davon Kenntnis, daß das Eintreten des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier lediglich vom allgemeinen menschlichen Mitgefühl veranlaßt ist und setzt infolgedessen voraus, daß jeder Anschein einer politischen Propaganda für die Armenier oder gegen die Türkei von den Veranstaltern der Aktion sorgsam vermieden werden wird. Um beurteilen zu können, in welcher Form etwa deutscherseits den Bestrebungen des Hilfswerks Unterstützung gewährt werden kann, wären uns, wenn tunlich, eingehendere Angaben darüber erwünscht, wie die technische Durchführung der Aktion gedacht ist. Wir würden dann zunächst die Ansichten der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel und derjenigen Kaiserlichen Konsulatsbehörden einholen, die sich bisher mit der Fürsorge für die Armenier befaßt haben. Insbesondere dürfte das Kaiserliche Konsulat in Aleppo, das sich für gewisse Gebiete zum Mittelpunkt derartiger Hilfsunternehmungen entwickelt hat, in der Lage sein, zweckmäßige Ratschläge zu erteilen. Nach unseren bisherigen Erfahrungen wird es kaum empfehlenswert sein, von der Schweiz aus besondere Abordnungen zu entsenden, da diese bei Reisen in der Türkei, sofern ihnen die Erlaubnis hierzu angesichts der gegenwärtigen militärpolitischen Lage überhaupt erteilt wird, voraussichtlich großen technischen Schwierigkeiten begegnen würden. Den Vorzug dürfte der von dem Schweizerischen Hilfswerk ins Auge gefaßte zweite Weg verdienen, nämlich zuverlässige Vertrauensleute, die sich bereits an Ort und Stelle befinden, mit Geld, Kleidungsstücken und Lebensmitteln zwecks Verteilung an die Notleidenden zu versehen. Soweit geeignete Mittelsleute noch nicht bekannt sind, würden solche auf Wunsch zum Teil möglicherweise auch mit Hilfe der Kaiserlichen Konsulate ausfindig gemacht werden können.
Zimmermann.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Gesandten
Herrn Freiherrn von Romberg, Bern.
Berlin, den 26. Februar 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel, zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Zimmermann.
März.
245.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 2. März 1916.
Die Pforte hat unter dem 1. d. M. an die hiesigen fremden Vertretungen eine Druckschrift[122] verteilt, welche eine Darstellung der armenischen revolutionären Bewegung und der seitens der türkischen Regierung dagegen ergriffenen Maßregeln enthält.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Notiz.
Auf Seite 11 der Druckschrift wird erklärt:
Les assertions d’après lesquelles ces mesures auraient été suggérées à la Sublime Porte par certaines Puissances étrangères sont absolument dénuées de fondement. Le Gouvernement Impérial, fermement résolu à maintenir son absolue indépendance, ne pouvait naturellement admettre aucune immixtion, sous quelque forme que ce soit, dans ses affaires intérieures fut-ce même de la part des amis et alliés.
246.
Berlin, den 3. März 1916.
Seiner Hochwohlgeboren Herrn Baron von Rosenberg, Auswärtiges Amt
Sehr geehrter Herr Baron!
In der Anlage überreiche ich Ihnen den Entwurf zu der Denkschrift wie ich sie mir gedacht habe, um sie Enver Pascha und Talaat zu überreichen, dem letzteren in französischer Übersetzung.
M. Erzberger, Mitglied des Reichstags.
Anlage.
Denkschrift
über die Maßnahmen zugunsten der Christen in der Türkei.
— — — — — — — — — — — —
Die Lage der katholischen Armenier.
1. Die katholischen Armenier, deren Zahl von einigen auf annähernd 100000, von anderen höher geschätzt wird, sind scharf zu unterscheiden von den sogenannten gregorianischen oder orthodoxen, wie von den protestantischen Armeniern. Sie stehen unter einem eigenen Patriarchen, sind von der türkischen Regierung als Millet anerkannt und haben in nationaler Hinsicht nie Anlaß zur Beschwerde gegeben.
2. Trotz der loyalen Gesinnung der katholischen Armenier und trotz der Zusicherungen, die man ihnen gab, widerfuhr ihnen dasselbe Schicksal wie ihren Volksgenossen. Die Verluste an Menschenleben und Gütern sind bei ihnen relativ ebenso groß wie bei den anderen, nur der Unterschied wurde gewöhnlich gemacht, daß bei ihnen Exekution und Deportation um einige Tage oder Wochen aufgeschoben wurden.
3. Man hatte nach den Versprechungen, die die türkische Regierung dem apostolischen Delegaten gegenüber abgab, gehofft, daß der Rest der katholischen Armenier zurückkehren dürfe. Tatsächlich ist keiner von ihnen zurückgekehrt. Im Gegenteil. Nach zuverlässigen Nachrichten, die in diesen Tagen eingingen, geht man jetzt auch gegen die zurückgebliebenen Armenier in Marasch, Aintab und Aleppo vor.
Die Interessen der türkischen Regierung erfordern es, daß noch während des Krieges eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt werden. Als solche Maßregeln zur sofortigen Durchführung werden vorgeschlagen:
1. Möglichkeit der direkten Annäherung an die Deportierten, und zwar nicht durch Privatpersonen, sondern durch eine Mission des Malteser-Ritterordens, die in Deutschland ausgerüstet wird und kostenlos arbeitet. Brot und andere nötige Subsistenzmittel werden durch diese Mission verteilt, aber von der deutschen oder türkischen Regierung geliefert.
2. Allmählicher Rücktransport der Deportierten und Neuansiedlung derselben. Die Ansiedlung darf sich indes nur auf Kleinasien und nicht auf Syrien und Arabien erstrecken. Die Ansiedlung erfolgt in geschlossenen Ortschaften. Die Regierung stellt den heimkehrenden Armeniern soviel und so gutes Land zur Verfügung, als sie vorher besessen haben. Für den Verlust der Wohnungen und Inventars sollen sie dadurch entschädigt werden, daß ihnen Brennmaterial, Ackergeräte und Saatfrüchte gratis zur Verfügung gestellt werden. Der Rücktransport und die Ansiedlung erfolgen durch die Delegation des Malteser-Ritterordens.
3. Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Armenier. Es sind z. B. in Angora immer noch 2000 katholische Armenier ohne Bischof und Priester, obwohl schon vielfach Schritte unternommen wurden, ihnen einen Priester zu schicken. Die geschlossenen Kirchen müssen wieder geöffnet werden, das Kirchengut zurückgegeben und den Armeniern, die aus Angst zum Islam übergetreten sind, die Rückkehr zu ihrer Kirche nicht zur Unmöglichkeit gemacht werden.
4. Die städtischen Armenier dürfen in ihre Städte, soweit sie nicht Kriegsgebiet sind, zurückkehren.
5. Das Liquidationsgesetz wird suspendiert oder findet wenigstens auf diejenigen Armenier keine Anwendung, die zurückkehren.
6. Da die katholischen Armenier sich anerkanntermaßen von revolutionären Umtrieben fernhielten, sollen sie beim Rücktransport zuerst berücksichtigt werden.
7. Die türkische Regierung wird gebeten, den Patriarchen der katholischen Armenier, Msgr. Terzian, nach kirchlich-katholischen Prinzipien anzuerkennen.
Durch die Ausführung dieser Maßnahmen würde erreicht werden, daß die auch unter den Christen der Mittelmächte vorhandene Erregung nachlassen würde. Gerade der Malteserorden eignet sich sehr für die Durchführung dieser Maßnahmen. Die hierfür notwendigen Gelder müßten von der deutschen Regierung zu Lasten der türkischen zur Verfügung gestellt werden.
Diese Vorschläge sind von dem Bestreben diktiert, die Hindernisse, die der Erreichung der türkischen Kriegsziele im Wege liegen, zu beseitigen. Wir glauben auch allen berechtigten Ansprüchen der türkischen Regierung weitgehendst Rechnung zu tragen. Diese Vorschläge geben auf der anderen Seite den ausländischen und einheimischen Katholiken in der Türkei die Garantie für völlige Glaubensfreiheit.
247.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 5. März 1916.
Auswärtiges Amt an Botschaft Pera.
Auf Bericht vom 28. Februar.
Bitte eventuell nach Rückfrage in Aleppo für Waisenkinder intervenieren.[123]
Zimmermann.
248.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 10. März 1916.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie Konsulat Aleppo meldet, ist Abreise der Waisen vorläufig verschoben worden.[124]
Metternich.
249.
Basel, den 6. März 1916.
An Seine Exzellenz Freiherrn von Romberg, Kaiserlich Deutschen Gesandten in Bern.
Euere Exzellenz hatten die Güte, am 4. März eine Delegation des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, bestehend aus Herrn Dr. Andreas Vischer und dem Unterzeichneten zu empfangen und ihr mitzuteilen, daß unsere Bitte um Unterstützung des Bestrebens, den notleidenden Armeniern unter Ausschluß aller politischen Nebenzwecke Hilfe zu leisten, an den zuständigen deutschen Amtsstellen wohlwollend aufgenommen worden ist. Wir bitten Euere Exzellenz nochmals, den Ausdruck unseres wärmsten Dankes dafür entgegen zu nehmen und auch weiterleiten zu wollen. Die Wünsche, die wir auf Grund der Unterredung glauben formulieren zu dürfen, sind folgende:
Da es sich auf Grund Euerer Exzellenz Mitteilungen nicht wird darum handeln können, eine schweizerische Hilfsexpedition in die Türkei zu schicken, so möchten wir die gütig angebotene Vermittelung gerne in Anspruch nehmen, um notleidenden Armeniern Hilfe zukommen zu lassen, vor allem aber auch, um mit den Persönlichkeiten, die Unterstützungen an Ort und Stelle austeilen, in Verbindung zu treten. Wir denken, daß außer dem Kaiserlich Deutschen Konsul Herrn Rößler in Aleppo, vor allem der Reichsdeutsche Herr F. Eckart, Mitglied der deutschen Orientmission in Urfa, und die Schweizer, Herr Jakob Künzler, ebenfalls Mitglied der deutschen Orientmission in Urfa, und der Kaufmann Herr E. Zollinger in Aleppo bereit wären, sich an dem schweizerischen Hilfswerk für die Armenier zu beteiligen. Wie weit diese Herren persönlich für das Werk werden arbeiten können, oder wen sie sonst vorzuschlagen haben, wird sich aus der Korrespondenz ergeben. Ebenso wird es sich zeigen, ob die Verhältnisse so sind, daß es sich hauptsächlich um Rettung Deportierter vor dem Hungertode handelt, oder ob unsere Mittel für Bedürfnisse anderer Art, Kleidung, ärztliche Hilfeleistung usw. Verwendung finden können.
Indem wir uns noch gestatten, nach Euerer Exzellenz Vorschlag einen Brief für Herrn Konsul Rößler und einen Fragebogen für andere Stellen, die sich unter Umständen mit Unterstützung von Armeniern beschäftigen könnten, beizulegen, danken wir zum voraus für alle weiteren freundlichen Bemühungen und zeichnen
mit vollkommener Hochachtung
Schweizerisches Hilfswerk 1915 für Armenier.
Dr. A. Oeri, Sekr.
250.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 7. März 1916.
Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.
Am 5. d. M. drahtet Graf Schulenburg aus Erzindjan: Lage unverändert. Wahib Pascha heute fast ohne Aufenthalt hier durchgereist. Bitlis von Russen genommen. Armenische Banden haben dort Blutbad unter Bevölkerung angerichtet, das angeblich 2–3000 Opfer gekostet hat.[125]
Metternich.
251.
Kuratorium der Deutschen
Orientmission.
Potsdam, den 10. März 1916.
Exzellenz!
Die unterzeichneten Gesellschaften, die mit ihrer Arbeit unter den Christen des Orients ausschließlich humanitäre und kulturelle Zwecke verfolgen, wünschen eine Hilfsexpedition auszurüsten nach den Gebieten in Syrien und Mesopotamien, in welche die Frauen und Kinder des armenischen Volkes der Türkei deportiert worden sind.
Die Expedition soll aus Ärzten und Krankenschwestern und solchen Herren bestehen, die der Landesverhältnisse kundig sind. Der Zweck der Expedition ist, unter der Masse der deportierten Frauen und Kinder, die nach Hunderttausenden zählt und ohne Fürsorge, Hilfsmittel, Pflege und Obdach der langsamen Vernichtung durch Hunger und Krankheit preisgegeben ist, Lebensmittel und Unterstützungen zu verteilen, für sanitäre Maßnahmen zu sorgen und ärztliche Hilfe zu bringen.
Wir bitten Euere Exzellenz, die Genehmigung der türkischen Regierung für die Samariterarbeit dieser Expedition erwirken zu wollen.
Die türkische Regierung hat, soviel uns bekannt ist, derartige Hilfeleistungen von neutraler Seite abgelehnt. Um so mehr ist es die Pflicht der humanitären Kreise Deutschlands, die mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut sind, durch die Vermittelung der Reichsregierung einen Notstand lindern zu helfen, für dessen Fortbestand Deutschland als Bundesgenosse der Türkei von der übrigen Welt moralisch verantwortlich gemacht wird.
Die türkische Regierung hat seit Kriegsbeginn ein solidarisches Interesse für die muhammedanischen Völker auch in den nichttürkischen Ländern geltend gemacht. Dieselbe Solidarität darf von der deutschen Christenheit in Anspruch genommen werden für ein humanitäres Werk unter den notleidenden Christen der Türkei. Der Untergang einer halben Million von Frauen und Kindern kann in keinem Falle als politisches Interesse der Türkei anerkannt werden. Dagegen erscheint es uns als ein wesentliches politisches Interesse Deutschlands, sich vor der Welt von dem Vorwurf der moralischen Mitverantwortlichkeit für den Untergang eines christlichen Volkes zu entlasten.
Zur Rechtfertigung unserer Bitte dürfen wir uns auf die Antwort berufen, die Euer Exzellenz am 12. November v. J. auf die Eingaben von evangelischer und katholischer Seite erteilt haben, und auf die Zusicherung von amtlicher Stelle bei Gelegenheit der Veröffentlichung dieser Antwort, daß sich die deutschen Christen darauf verlassen dürfen, daß ihre humanitären Bestrebungen zur Linderung bestehender Not seitens der deutschen Regierung nachdrückliche Unterstützung finden werden.
Das Kuratorium der Deutschen Orientmission.
Dr. Johannes Lepsius.
Prof. Adolf Deißmann.
Dr. Paul Rohrbach.
Roedenbeck, Superintendent.
Das Notwendige Liebeswerk.
Prof. D. Martin Rade,
Marburg.
Prof. D. Dr. H. Guthe,
Leipzig.
Die Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Pfarrer Stier, Marburg.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler
Dr. von Bethmann Hollweg, Berlin.
252.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 14. März 1916.
Abschriftlich nebst Anlage
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter, Herrn Grafen Wolff-Metternich, Pera.
Zur gefälligen vertraulichen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
Die Note bezieht sich auf die mit Telegramm vom 23. Februar angekündigte Demarche.[126]
Zimmermann.
Embassy of the United States of America. Berlin, Germany.
Note Verbale.
Acting under instructions from its Government, the American Embassy has the honor to transmit herewith to the Imperial Foreign Office, for its information, a copy of a Note dated February 16, 1916, which the Secretary of State has delivered to the Imperial German Ambassador at Washington, relative to an instruction which the former had cabled to the American Chargé d’Affaires at Constantinople, instructing him to again urgently appeal to the sense of humanity and justice of the Turkish Government and to urge it to take immediate steps towards the amelioration of the conditions at present existing among the Armenians and towards the redress of the injuries already inflicted upon them.
Berlin, March 11th, 1916.
To the Imperial Foreign Office,
Enclosure: Copy of a Note dated Feb. 16, 1916 from Washington.
Anlage.
Department of State, Washington, February 16, 1916.
Excellency:
Referring to your unofficial note of October 8, 1915, enclosing a copy of a memorandum handed to the Imperial Ottoman Government by the acting Imperial Ambassador at Constantinople on August 9, 1915, protesting against the expulsion of the Armenians, I have the honor to inform you that the United States Government has received and is still receiving information giving detailed accounts of the continued sufferings which have accompanied and resulted from the systematic expulsion of the Armenians from their homes and from the other mistreatment which they have suffered. The information has come largely from private but reliable sources and from individuals of many different nationalities and indicates that the promise, which you state in your note of October 8th the Ottoman Government had made to the acting Imperial German Ambassador at Constantinople, to the effect that it would take the measures necessary to prevent the repetition of excesses against the Armenians, has not been fulfilled. Being greatly in doubt as to whether I am longer justified in keeping from the American people the terrible facts in my possession, I have instructed the American Chargé d’Affaires at Constantinople again earnestly to appeal to the sense of justice and to the humanity of the Ottoman Government, and to urge it to take prompt action to redress the injuries, which have been inflicted upon the Armenians and to adopt measures to ameliorate the condition of the surviving Armenians in the future. My decision as to what if any statement, on the subject of the treatment of the Armenians by the Turks, should be made to the American people, will depend very largely upon the action which the Ottoman Government takes upon the new appeal made in behalf of the Armenians by the American Chargé d’Affaires.
As your note of October 8, 1915, to the Department and the note of the acting Imperial German Ambassador at Constantinople, both indicate that the German Government shares with the Government of the United States its indignation at the conduct pursued by the Ottoman Government against the Armenians and its desire to secure an amelioration of the existing conditions, I have thought it proper to communicate to you at this time the substance of the instruction which has been cabled to the American Chargé d’Affaires at Constantinople, in the hope that the German Government may see fit to exercise once more its influence with the Ottoman Government in the effort now being made to put an end to the Armenian tragedy.
Accept, Excellency, the renewed assurances of my highest consideration.
Robert Lansing.
His Excellency Count J. H. von Bernstorff, Imperial German Ambassador.
253.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 21. März 1916.
Infolge der letzthin in Aleppo, Marasch, Brussa, Adrianopel, Angora, Konia und anderen Orten wieder einsetzenden Armenierverfolgungen waren von verschiedenen Seiten, u. a. vom Pater Dr. Straubinger und Pater Liebl, Gesuche um Intervention bei der türkischen Regierung an mich gerichtet worden. Ich hatte daraufhin umgehend Schritte bei Halil Bey in dieser Angelegenheit unternommen und ihn insbesondere darauf aufmerksam gemacht, daß eine etwaige Austreibung der fast allein noch übrigen christlichen Frauen und Kinder bei der überdies erregten Stimmung in Deutschland den allerschlechtesten Eindruck machen würde. Halil Bey hatte mir versprochen, sofort beim Minister des Innern darauf hinzuwirken, daß etwaige geplante Schritte gegen die genannte armenische Bevölkerung eingestellt werden würden.
Bei meinem gestrigen Besuche auf der Hohen Pforte sagte mir nun der Minister des Auswärtigen, nach Rücksprache mit Talaat, die Regierung habe kürzlich auf Berichte der türkischen Lokalbehörden hin angeordnet, einige unruhige Elemente zu entfernen. Die Lokalbehörden aber hätten in übertriebenem Eifer den Befehl mißgedeutet und Anstalten getroffen, größere Abteilungen Armenier abzuschieben. Es sei nunmehr angeordnet worden, daß in Konia, Angora, Aleppo, Aintab und Marasch überhaupt keine Armenier mehr abgeschoben werden dürften.
Ich erwiderte dem Minister, daß ich mich über diese Mitteilung freue, da in Deutschland auf Grund von dorthin gelangten Nachrichten in weiten Kreisen die Beunruhigung über das Los der Armenier wieder stark zugenommen habe.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler.
254.
(Kaiserlich
Deutsches Konsulat.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 23. März 1916.
Ankunft in Pera, den 25. März 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Armeniern ist von einigen Polizisten erklärt worden, einzige Rettung vor Verschickung sei Übertritt zum Islam. Auf ähnlichen Druck hin haben schon Ende Februar Anzahl Armenier in Arbeiterbataillonen Glauben gewechselt. Gestern sind 30 Familien um Übertritt eingekommen.
Rößler.
255.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 27. März 1916.
Der zu telegraphischem Bericht aufgeforderte Kaiserliche Konsul zu Aleppo bezeichnet die von schweizerischer Seite angebotene Hilfe für die notleidenden Armenier sowie die Informationsreise des Dr. Vischer, den er für besonders geeignet zu diesem Zwecke hält, als sehr erwünscht. Allerdings glaubt er nicht, daß die Beteiligung des Schweizerischen Vereins in einer festen Form wird erfolgen können, vielmehr würde es sich um einen Versuch handeln, unter der Hand zu helfen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
256.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 29. März 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Auf Bitten des hiesigen American Bible House hatte ich den Kaiserlichen Konsul in Damaskus aufgefordert, sich über die Aussichten einer von dieser Anstalt geplanten größeren Hilfsunternehmung für die notleidenden Armenier in Damaskus zu äußern. Der Gedanke war, in Damaskus oder eventuell in Beirut eine Zentralstelle mit Depots einzurichten; die erforderlichen Geldmittel und das Hilfspersonal sollten von amerikanischer Seite zur Verfügung gestellt werden, dagegen wurde dringend gewünscht, eine deutsche Persönlichkeit mit der Leitung zu betrauen, und man hatte hierfür bereits den Pastor Kunze ins Auge gefaßt.
Herr Loytved meldet daraufhin folgendes:
„Vor etwa 3 Wochen hatte ich die Absicht, unter Leitung des in Damaskus wohnhaften deutschen Missionars Hanauer für die in Damaskus und Umgebung befindlichen Armenier ein Waisenhaus, eine Garküche und ein Bad einzurichten. Als ich Djemal Pascha hiervon in Kenntnis setze, sagte er mir vertraulich, daß er persönlich das Los der Armenier nach Möglichkeit erleichtern möchte, aber strenge Anweisung von Konstantinopel habe, jede deutsche und amerikanische Beteiligung an einer Hilfsunternehmung für Armenier zu verhindern, da der innere Widerstand der Armenier gegen die türkische Regierung nur gebrochen werden könne, wenn ihnen beigebracht würde, daß sie keinerlei Unterstützung von irgend einer fremden Regierung zu erwarten hätten. Auf meine Bitte, dann selbst etwas zu tun, gab er in meiner Gegenwart dem Bürgermeister von Damaskus Befehl, ein Haus zu mieten und darin Armenierwaisen aufzunehmen. Djemal Pascha erklärte sich bereit, Gelder für die Armenier durch mich entgegenzunehmen und durch türkische Beamte verteilen zu lassen, die auch mein Vertrauen genießen.“
Hierzu ist zu bemerken, daß die türkischen Behörden auch das armenische Patriarchat daran zu hindern suchen, den notleidenden Verbannten zu Hilfe zu kommen, so daß das Patriarchat genötigt ist, sich zu diesem Zwecke fremder Vermittelung zu bedienen. Es gewinnt somit den Anschein, als ob die Pforte jede Notstandshilfe, von welcher Seite sie auch kommen möge, ablehnt.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
April.
257.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 6. April 1916.
Ankunft in Pera, den 7. April 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
In Ras-ul-Ain ist dieser Tage das armenische Konzentrationslager von den dicht dabei wohnenden Tscherkessen und anderen ähnlichen Leuten überfallen worden, wobei von den unbewaffneten 14000 Insassen der größte Teil niedergemacht wurde. Einzelheiten werden mir erst später zugehen.
Nach anderer Quelle handelt es sich zunächst nur um 400 Familien, die abgetrennt und niedergemacht worden sind.[127]
Rößler.
258.
Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 17. April 1916.
Gr. Weinmeisterstraße 45
Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri, Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen 190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz. Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der armenischen Nation die dringende Bitte an die Reichsregierung, daß die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen — nach der allgemeinen Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann — durch den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.
Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit dem Leben davongekommen sind.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist, abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.
Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach drei Seiten berührt.
1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen. Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.
2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden. Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära der terroristischen Mittel einsetzen.
3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung einwirken, daß sie bei der Neugestaltung der von den Russen okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen trennen.
4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei verantwortlich gemacht wird.
Vorausgesetzt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel in der Lage ist, die den armenischen Führern drohende Exekution zu verhindern, möchten wir bitten, daß in vertraulicher Weise der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft von dem Erfolg der Schritte des Botschafters in Kenntnis gesetzt wird, damit unsererseits das armenische Zentralkomitee in der Schweiz davon verständigt werden kann.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.
Dr. Johannes Lepsius.
An Seine Exzellenz Herrn Unterstaatssekretär
Zimmermann, Berlin, Auswärtiges Amt.
259.
Notiz.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 17. April 1916.
Unterzeichneter hat am 13. d. M. dem stellvertretenden Unterstaatssekretär des Auswärtigen Ministeriums Folgendes vorgetragen:
Bitte des Deutschen Vereins für christliches Liebeswerk im Orient in Frankfurt a. M., den in Aleppo tätigen Schwestern des Vereins die Fürsorge für 200 armenische Waisen zu übertragen.
Ich hob hervor, daß Dr. Schuchardt, der Leiter des Vereins, über die Lage orientiert sei, die Behörden von Aleppo machten Anstalt, die Waisen weiter zu verschicken (nach Konia und Eskischéhir in Kleinasien).
Mordtmann.
260.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 27. April 1916.
Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J. berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll auf seine Aufreibung abgesehen ist.
1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.
2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.
3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.
4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.
Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50–100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.
5. Am 6. April war hier bekannt geworden, daß bei Ras ul Ain wieder Massakre vorgekommen seien[128]. Die eine Nachricht besagte, daß der größte Teil des aus 14000 Personen bestehenden Konzentrationslagers niedergemacht sei, während nach einer anderen Nachricht 400 Familien aus dem Lager geführt und unterwegs umgebracht worden seien. — Nach zuverlässigen Erkundigungen eines Deutschen, der mehrere Tage in Ras ul Ain und Umgegend gewesen ist und mich bei seiner Rückkehr von dort am 22. April besuchte, muß ich folgendes annehmen: Das Lager besteht noch aus höchstens 2000 Verbannten[129]. — Es sind einen Monat lang täglich oder fast täglich 300–500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa 10 km von Ras ul Ain niedergemacht worden. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen, der auf der großen Kiepertschen Karte von Klein-Asien, Blatt Nsebin (D VI), als Djirdjib el Hamar eingezeichnet ist und der um diese Jahreszeit viel Wasser führte. Ein türkischer Offizier, welcher wegen dieser Vorgänge den Kaimakam von Ras ul Ain zur Rede stellte, habe die ruhige Antwort erhalten, er handle auf Befehl. Durch jene Gegend führt die Etappenstraße der VI. Armee von Ras ul Ain nach Mossul. Da sich dort der Bau von zwei Brücken als notwendig herausgestellt hatte, die VI. Armee aber nicht die nötigen Kräfte dafür bereit hatte, so wurde von der IV. Armee etwa am 15. April ein syrisch-muhammedanisches Pionierbataillon dafür abgegeben. Diese Leute, welche in zwei Tagen von Damaskus nach Ras ul Ain befördert worden sind, von der Lage der verschickten Armenier nichts wußten und unterwegs, wie anzunehmen, nicht beeinflußt worden sind, waren bei Ankunft an Ort und Stelle ganz entsetzt. Sie waren der Ansicht, daß die Armenier durch Soldaten niedergemetzelt seien. Darin kehrt also die Auffassung wieder, daß das Werk auf Befehl vollbracht worden sei. Jedenfalls war dies die in der Gegend allgemein verbreitete Ansicht. Als Henker hat der bei Ras ul Ain ansässige Tscherkessenstamm der Tschetschen gedient.
6. Ende Februar, Anfang März wurde den Armeniern im Arbeiterbataillon Aleppo, teilweise mit Erfolg nahegelegt, zum Islam überzutreten. Im Laufe des Monats März wurden polizeiliche Listen der Armenier Aleppos als Vorbereitung für die Verschickung angefertigt und durch Polizisten die Nachricht verbreitet, die einzige Rettung vor der Verschickung sei der Übertritt zum Islam. Als darauf eine Reihe von Familien um den Übertritt einkam, wurden sie so behandelt, als ob die Gewährung der Bitte eine besondere Gnade sei. Man schreckte also eher wieder ab, sei es, daß man unliebsames Aufsehen fürchtete, sei es, daß die Aufforderung zum Übertritt auf andere als die verantwortlichen Stellen zurückzuführen war, sei es endlich, daß man sich nur daran weiden wollte, mit den Armeniern wie die Katze mit der Maus zu spielen.
7. In Aleppo ist im März und in der ersten Hälfte April nicht nur auf die von außerhalb gekommenen hier versteckten Armenier die schärfste Jagd gemacht, sondern auch mit der Verschickung der hierorts ansässigen Armenier der Anfang gemacht worden. Auch einzelne Frauen und Mädchen wurden auf der Straße aufgegriffen und dieser Zustand zu Willkürakten von Regierungsorganen benutzt. Es wäre vielleicht nicht zu verwundern gewesen, wenn die in ihrer Religion und der Ehre ihrer Frauen angegriffenen Armenier zu Akten der Verzweiflung getrieben worden wären.
Seit dem 18. April ist in Aleppo etwas Ruhe eingetreten und zwar, wie es scheint, auf Intervention der Kaiserlichen Botschaft, welche den Minister des Innern zu dem Befehl an die Ortsbehörden veranlaßt hat, die Ortsansässigen, sowie Katholiken und Protestanten nicht zu verschicken. Die Form, unter welcher der Wali die Pause hat eintreten lassen, war seine Zusage an die hiesige Geistlichkeit, während des Osterfestes Schonung zu gewähren. Man wagt noch nicht zu hoffen, daß die Schonzeit lange dauern oder gar die Gefahr vorüber sei. Auch sind trotz der Zusage unter der Hand immer noch einzelne verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
261.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 28. April 1916.
Die von der Deutschen Orientmission geplante Hilfsexpedition[130] für die notleidenden Armenier in Syrien und Mesopotamien ist diesseits auf der Hohen Pforte zur Sprache gebracht worden. Ich habe dabei hervorheben lassen, daß der genannte Verein hierbei lediglich humanitäre Ziele im Auge habe, wie dies schon daraus sich ergebe, daß es sich in der Hauptsache um Fürsorge für Frauen und Kinder handle, ferner, daß der Verein unter seinen Mitgliedern zahlreiche Persönlichkeiten von Einfluß und Ansehen habe, sowie endlich, daß Herr Lepsius im vorigen Jahre persönlich hierhergekommen sei und sich u. a. durch Rücksprache mit Enver Pascha über die armenische Frage zu unterrichten Gelegenheit gehabt habe.
Die Antwort der Pforte lautete durchaus ablehnend, und zwar mit der Begründung, daß die türkische Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion für die Armenier zulassen könnte, da hierdurch die Armenier in ihren Hoffnungen auf das Ausland bestärkt würden. Diese Begründung stimmt wörtlich überein mit der Antwort, die dem Konsul Loytved in Damaskus von Djemal Pascha erteilt wurde, als er den letzteren über die von amerikanischer Seite mit deutscher Beteiligung geplante Hilfsaktion sondierte.
Über eine eventuelle Verteilung der den Armeniern zugedachten Hilfsmittel durch Djemal Pascha hat sich Konsul Loytved auf telegraphische Anfrage dahin geäußert, daß er diesen Modus zunächst nur dort für zweckmäßig erachte, wo Konsulate die Unterorgane Djemal Paschas beaufsichtigen können. Aber auch hierfür müsse die Genehmigung der Zentralregierung eingeholt und dann dem Djemal Pascha Art und Weise der Verteilung von den Geldgebern genau mitgeteilt werden, im übrigen empfehle es sich, die Hilfsaktion wie bisher durch Vertrauenspersonen im geheimen fortzusetzen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
262.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 28. April 1916.
Im Anschluß an Bericht vom 27. März.
Euerer Exzellenz beehre ich mich die von den Konsulaten zu Aleppo und Adana eingegangenen Beantwortungen[131] des Fragebogens des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien, ferner ein Schreiben des Konsuls Rößler an Dr. Vischer nebst Unterlage mit dem Anheimstellen zu überreichen, diese Schriftstücke dem genannten Verein übermitteln lassen zu wollen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 12. April 1916.
Sehr geehrter Herr Dr. Vischer!
Ihren durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern eingegangenen Brief vom 7. März habe ich zusammen mit dem weiteren Brief vom 18. März vorgestern erhalten und seine Anlagen an Schwester Beatrice Rohner gegeben, die auch die Beantwortung des Fragebogens übernommen hat. Haben Sie vielen Dank für alle Ihre Bemühungen sowie für die Übersendung zuerst von 10000 Frs., dann von 5000 Frs., welch letzterer Betrag mir dieser Tage ausgezahlt worden ist.
Das erschütternde Bild, das Schwester Beatrice Rohner von dem Unglück entworfen hat, wird Ihre Schweizer Freunde hoffentlich nicht entmutigen, ebensowenig wie der Umstand, daß eine feste Form der Notstandsarbeit nicht in Aussicht steht. Es gilt, wie sie gesagt hat, so viel als möglich vor dem Hungertode zu retten. Bei einer Organisation der Arbeit, wie Einrichtung von Suppenküchen, regelrechten Waisenhäusern, Krankenhäusern usw. würde mit demselben Geld voraussichtlich mehr zu erreichen sein. Die Spender müssen aber die Entsagung üben, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind, und müssen die der Hilfe entgegenstehenden Schwierigkeiten in den Kauf nehmen. Auch die Amerikaner überlassen alles dem Ermessen der Schwestern Rohner und Schäfer.
Einen Teil des Schweizer Geldes habe ich der Schwester Paula Schäfer überlassen und füge zur Begründung eine Schilderung von ihr vom 1. März in der Anlage bei.
Rößler.
Herrn Dr. Andreas Vischer, Hochwohlgeboren,
Basel.
Anlage 2.
Maraschhospital, z. Z. Aleppo.
Aleppo, den 1. März 1916.
Das Krankenhaus Salem in Marasch hat schon seit Beginn der Armenierausweisungen und damit in Hospital und Klinik eine außerordentliche Tätigkeit gehabt — und mehr als fast möglich — geleistet an Verpflegung von Vertriebenen, wie Medikamentenausgabe an eben solche in der Klinik.
Bei den außergewöhnlichen Umständen mußte das Krankenhaus, da es der Not wegen das ganze Jahr hindurch offen bleiben mußte (da wir sonst doch für 1–2 Monate schließen), mit all seinen Nahrungsmitteln, wie Medikamenten und Verbandstoffen, ziemlich abwirtschaften, da das monatliche Fixum nicht erhöht werden konnte.
Darum bitte ich, mir einen Zuschuß für diese Notstandsarbeit des Marascher Hospitals freundlich zukommen zu lassen.
Die Not in Marasch wie Umgegend ist unbeschreiblich, besonders in der Basardjikebene, wo Verschickte aus Erzerum angesiedelt wurden, die aber Hungers sterben, wenn wir ihnen nicht auf irgend eine Weise helfen würden.
Es handelt sich darum, für diese Vertriebenen Weizen in großen Mengen anzukaufen.
Schwester Paula Schäfer.
263.
Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?
2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?
3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?
4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?
5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?
Anlage 1.
Aleppo, den 12. April 1916.
Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Frage: Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihren Wirkungskreisen?
Antwort:
Unser Wirkungskreis ist ein doppelter: Schwester Paula Schäfer übernahm die Bahnstrecke Osmanie-Islahije und die Ebene südlich von Marasch, wo sich überall kleinere und größere Lager versprengter, zurückgebliebener Armenier befinden. In Marasch selbst ist unter den dort zurückgebliebenen ca. 7000 Armeniern furchtbare Not. Unter Türken und Armeniern gleich bekannt, kann Schwester Paula an diesen Orten ziemlich ungehindert ihre Arbeit tun.
Dem Einfluß des Herrn Oberst von Kreß ist es gelungen, Ende Dezember Djemal Pascha zu veranlassen, der Unterzeichneten ein Waisenhaus mit ca. 400 Waisen zu übergeben; dadurch war die Möglichkeit geschaffen, in aller Stille Notstandsarbeit zu betreiben. Dieselbe hatte schon im Sommer begonnen und war, von dem deutschen und amerikanischen Konsul unterstützt, durch die evangelischen und gregorianischen Geistlichen weitergeführt worden. Der sich dabei durch besondere Treue und Hingabe auszeichnende Prediger Eskidjian ist vor wenigen Wochen am Flecktyphus gestorben. Im ganzen sind hier 1250 Waisen gesammelt, davon sind 400 bei Prediger Haron Schiradjian, 250 in der gregorianischen Kirche und 600 (früher 400) bei der Unterzeichneten. Anfangs beschaffte die Regierung die nötigen Lebensmittel, doch ließ der Eifer bald nach, seit etwa 5 Wochen bekommen wir noch Brot, und auch das geht zu Ende. Die Lebensmittel sind mehr als vierfach im Preise gestiegen, wir müssen bei der denkbar einfachsten Beköstigung 4 Piaster (80 Cts.) pro Kind täglich rechnen, brauchen demnächst allein für die Waisen in Aleppo 50 Pfund türkisch pro Tag. Außer diesen Kindern halten sich in Aleppo noch ca. 4000 deportierte Armenier als Flüchtlinge versteckt. Sie fliehen vor der Polizei von einem Haus, einem Viertel ins andere und fristen ein jammervolles Dasein. Sie werden unter der Hand von den Vorstehern ihrer Kirchen unterstützt.
Südlich und südöstlich von hier sind noch jetzt ca. 250000 Armenier zerstreut, von denen die meisten, nicht direkt, aber unter der Hand, mit Liebesgaben zu erreichen sind. In der Gegend von Hama, Damaskus, Ostjordanland, am Euphrat, warten viele auf Hilfe.
2. Frage: Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?
Antwort:
Der Zustand der Deportierten spottet jeder Beschreibung. Von Hausrat, Betten, Kleidern, ist natürlich längst nicht mehr die Rede, alles ist verkauft und verzehrt. Auch früher Reichen fehlt es heute am täglichen Brot.
3. Frage: Könnten Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?
Antwort:
Außer der Notstandsarbeit in Aleppo selbst, sind in Killis, Maarra, Hama, Ras-ul-Ain, Damaskus, Der-es-Zor, Kinder gesammelt worden, und es wurden an die erwähnten Ortschaften, wie auch nach Bab, Meskene, Sabkha, bis nach Ana hinunter größere Summen zur Linderung der Not geschickt. Dies konnte natürlich nur durch Vermittlung treuer eingeborener Christen geschehen und ist Gott sei Dank bis heute gelungen, ohne den Verdacht der Regierung auf uns zu lenken.
4. Frage: In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?
Antwort:
Außer 4000 Pfund monatlich für Aleppo wären pro Person 2 Piaster Unterstützung gerechnet, täglich 100000[132] Frs. nötig. Es gilt so viele als möglich vom Hungertode zu retten und womöglich bis nach dem Krieg zu erhalten.
5. Frage: Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?
Antwort:
Hilfskräfte müssen aus dem Volke selbst herangezogen werden. Eine europäische Organisation würde nur dazu dienen, der Sache ein jähes Ende zu bereiten.
Beatrice Rohner.
Anlage 2.
Deutsches Konsulat.
Adana, den 15. April 1916.
Beantwortung der Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Rund 1000 deportierte Armenier sind zurzeit auf der Baustrecke der Bagdadbahn als Handwerker und Arbeiter, einige von ihnen als Bau- und Transportunternehmer der Baugesellschaft beschäftigt.
2. Die Leute werden von der Bagdadbahn-Baugesellschaft reichlich bezahlt und bedürfen daher keiner Unterstützung.
3.-5. Diese Fragen erledigen sich durch die Beantwortung der ersten beiden Fragen.
Bemerkung: Das deutsche Waisenhaus in Harunije hat sich zur Zeit, als große Scharen Deportierter namentlich in Osmanie lagen, dieser angenommen und die hierfür nötigen Mittel von amerikanischer Seite erhalten. Gegenwärtig ist diese Hilfstätigkeit in das Wilajet Aleppo verlegt worden.
Anlage 3.
Deutsches Konsulat.
Damaskus, den 17. April 1916.
Fragen des Schweizerischen Hilfswerks 1915 für Armenien.
1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise...?: Im Wilajet Damaskus gegen 2000 Familien zu je 5 Köpfen.
2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?: Höchstens 10 vom Hundert können sich durch eigene Geldmittel erhalten. Den übrigen fehlt alles zum Lebensunterhalt. Sie werden auch größtenteils bisher zu keiner Beschäftigung zugelassen.
3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?: Die eingegangenen Unterstützungen habe ich bisher durch den armenischen Prediger V. B. Tahmissian den hilfsbedürftigen Armeniern zukommen lassen. Diesem stehen vier Vertrauensleute in der Stadt Damaskus und weitere Hilfskräfte im Wilajet Damaskus zur Verfügung.
4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?: Für den Lebensunterhalt ist vorläufig wenigstens 1 Frs. täglich zu rechnen. 10000 Armenier im ganzen, davon 1000 Armenier nicht unterstützungsbedürftig, bleiben 9000 Armenier, die hilfsbedürftig sind. Täglich würden 9000 Frs. erforderlich sein.
5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?: Weitere Hilfskräfte sollen nach Ansicht des Predigers Tahmissian nicht unbedingt erforderlich sein. Die Hilfskräfte arbeiten alle im geheimen, da die türkische Regierung eine offene Hilfsarbeit verbietet.
Anlage 4.
Deutsches Konsulat.
Mossul, den 4. Mai 1916.
Beantwortung.
Zu 1. Die Zahl der nach dem Wilajet Mossul deportierten Armenier wechselt dauernd infolge starker Mortalität, sowie infolge dauernden Weiterschubs und neuen Zuzugs. Zurzeit befinden sich im Wilajet Mossul ungefähr 4–5000 deportierte Armenier aus Erzerum, Bitlis, Ras ul Ain, Der-es-Zor, hauptsächlich Frauen und Kinder. Auf diesem Bestand dürfte auch künftig auf längere Zeit hinaus die Zahl der ins hiesige Wilajet deportierten Armenier bleiben.
Zu 2. Ein geringer Teil der Deportierten (nur Frauen und Kinder und etwa 200 Männer) hat, soweit die Stadt Mossul selbst in Frage kommt, Unterkunft in hiesigen christlichen und muhammedanischen Familien gefunden. Der Zustand dieser Wenigen, die von seiten der Regierung keinerlei Unterstützung erhalten, ist erträglich. Der Rest ist in Mossul, Kerkuk und Suleimanijeh in ihrem Bestande nach dauernd wechselnden Lagern untergebracht. Ihr Zustand ist mehr als elend. Offiziell soll die Regierung an die deportierten Armenier pro Kopf und pro Tag einen Piaster (20 Pf.) zahlen, wovon sich die Deportierten alsdann selber zu verpflegen haben. Die Zahlung dieser Unterstützungsgelder erfolgt jedoch sehr unregelmäßig, häufig überhaupt nicht, so daß eine große Anzahl der Deportierten aufs Betteln angewiesen ist. Es fehlt den Leuten hauptsächlich an Kleidung aller Art, an ärztlicher Behandlung und an Nahrungs- und Arzneimitteln. Voraussetzung für eine wirksame Hilfe ist, daß die Deportierten zunächst mal an zu bestimmenden Orten definitiv verbleiben dürfen und nicht wie es bisher geschehen ist und noch dauernd geschieht, je nach Gutdünken der sich mit jenen Angelegenheiten befassenden und sehr skrupellos vorgehenden türkischen „Spezialkommissionen“ ruhelos hin- und hergehetzt werden. Solange dies letzter Verfahren weiter angewandt wird, ist jede wirksame Hilfe ausgeschlossen. Die Zahlung von Unterstützungen in diesem Falle würde nur eine Verlängerung der Leiden der Deportierten bedeuten und ihr elendes Ende nur etwas weiter hinausschieben.
Zu 3. Unterstützungen an die im Wilajet Mossul befindlichen deportierten Armenier könnten durch Vermittlung des Konsulats geführt werden, und zwar direkt oder auch durch Inanspruchnahme der betreffenden türkischen Deportiertenkommissionen, im Einvernehmen mit der Regierung.
Zu 4. Bei Berechnung von 1 Ltq. pro Kopf, welcher Betrag zur Beschaffung von Kleidern und Wäsche genügen und wovon noch pro Kopf ein kleiner Barbetrag übrig bleiben würde, würde für die ins hiesige Wilajet deportierten Armenier eine Summe von 4–5000 Ltq. erforderlich sein.
Zu 5. Eine, die Landessprachen (arabisch und türkisch) beherrschende Persönlichkeit als Hilfskraft für Rechnungsführung, Beschaffung der nötigen Gegenstände etc. wäre erforderlich. Diese Hilfskraft kann hier beschafft werden. Monatsremuneration von 4–6 Ltq.
Mai.
264.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 11. Mai 1916.
Nachdem die türkische Regierung im letzten Jahre den Entschluß gefaßt hatte, die armenische Bevölkerung aus gewissen Teilen des Landes abzuschieben, hatte sie auf Grund der von hier aus unternommenen Schritte wiederholt zugesichert, die Armenier römisch-katholischen und protestantischen Glaubens soweit als irgend möglich von der Verschickung auszunehmen. Trotz dieses Versprechens ist es vorgekommen, daß auch diese Armenier von Haus und Hof vertrieben wurden. In einzelnen Fällen konnten allerdings die bereits eingeleiteten Austreibungen wieder rückgängig gemacht werden.
Gleichzeitig mit der Vertreibung der armenischen Bevölkerung trafen aus verschiedenen Gegenden des türkischen Reiches Meldungen hier ein, wonach, zum Teil mit Hilfe der türkischen Behörden, eine zwangsweise Bekehrung der Bevölkerung zum Islam eingeleitet worden war. Von der Zentralregierung in Konstantinopel wurde die Richtigkeit dieser Vorgänge stets in Abrede gezogen. Sowohl Halil Bey als Talaat Bey versicherten mir wiederholt, daß ihnen jedes Vorgehen gegen die christlichen Elemente der armenischen Bevölkerung durchaus fernliege, etwaige Ausschreitungen der Unterbehörden würden aufs strengste geahndet werden. Im Laufe des Monats März und Anfang April liefen hier wiederum Meldungen ein, wonach besonders in Aintab, Cäsarea, Aleppo und Adrianopel mit Hilfe der türkischen Behörden Bekehrungen der zurückgebliebenen christlichen Armenier zum Islam stattfinden. Auch in Urfa sollten die Insassen des dortigen armenischen Waisenhauses und die zurückgebliebenen armenischen Frauen zwangsweise zum Islam bekehrt worden sein.
Ich habe diese Vorgänge Ende v. M. zur Kenntnis der Pforte gebracht und energisch um Abstellung ersucht. Halil Bey versicherte mir erneut, daß der Zentralregierung in Konstantinopel von diesen Vorgängen nichts bekannt sei. Nach Rücksprache mit seinem Kollegen Talaat Bey erklärte er, es seien neuerdings strengste Weisungen an die Provinzbehörden ergangen, alle Versuche, die christliche armenische Bevölkerung zum Islam zu bekehren, zu unterlassen. Außerdem sei den Provinzbehörden streng verboten worden, selbst etwaige freiwillige Anerbietungen zum Übertritt zum Islam entgegenzunehmen. Seit dieser Zeit sind keine neuen Meldungen über Bekehrungsversuche der armenischen Bevölkerung hier eingetroffen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
265.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 12. Mai 1916.
Ankunft in Pera, den 12. Mai 1916.
An Deutsche Botschaft in Konstantinopel.
Mutessarrif von Marasch, der bisher den Armeniern gegenüber milde war, hat einer deutschen Schwester folgendes erzählt: „Armenier seien aufgegriffen, die sich als Syrer ausgaben und im Besitze neuer englischer Waffen waren. Verhör durch Mutessarrif persönlich habe ergeben: Sie gehören einer geheimen Verbindung an, die Beziehungen zu Russen und Engländern habe. Sie gaben viele Namen an, auch eine Straße und Haus in Aleppo, wo Waffendepot sein sollte, das auch tatsächlich gefunden worden sei.“
Offenbar handelt es sich um Leute, die sich aus der Verschickung einzeln in die Zeitungegend zurückgeschlichen haben. Nach hiesiger Version ist mit Waffen desertierter Soldaten zu geschäftlichen Zwecken Handel getrieben worden, wobei auch Muhammedaner und Juden beteiligt waren.
Wali von Aleppo hat erklärt: „Djemal Pascha habe auf diese Vorgänge hin Befehl gegeben, Marasch ganz zu räumen, und von Aleppo alle ausgewiesenen von außerhalb ohne jede Ausnahme weiter zu schicken, während die in Aleppo ansässigen Armenier, weil tatsächlich schuldlos, ausgenommen seien.“
Außerdem sollen die hiesigen 1400 Waisenkinder zum Teil vom jungtürkischen Komitee übernommen, zum Teil nach Konia, Eskischehir, Konstantinopel geschickt werden.
Wali will beantragen, daß der Schwester Rohner 100 oder wenigstens 50 Waisen belassen werden, mit denen sie wahrscheinlich nach Konia übersiedeln soll.
Rößler.
266.
Berlin, den 13. Mai 1916.
Euere Exzellenz
haben durch Herrn Dr. Lepsius dieser Tage einen französischen Bericht über die Rede des russischen Parlamentariers Miljukow in Sachen der Armenier vorgelegt erhalten. Wie mir Herr Dr. Lepsius mitteilte, fehlte in der französischen Wiedergabe der Miljukowschen Rede die Angabe des Datums und der näheren Umstände. Ich habe das Stück in dem Dumabericht der Zeitung „Rjetsch“, Nr. 70, vom 25. März d. J., aufsuchen und übersetzen lassen.
Dabei möchte ich mir gestatten, die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz auf den ungemein wichtigen Schlußpassus bei Miljukow hinzulenken, wo deutlich gesagt ist, daß die russische Regierung die Besiedelung des eroberten Gebiets in Türkisch-Armenien mit Kosaken, also mit einer militärisch organisierten russischen Grenzbevölkerung, beabsichtigt. Die gleichfalls von Miljukow erwähnten Bemühungen russischerseits, die Kurden ansässig zu machen, dürften so zu erklären sein, daß man daran denkt, das türkische System, nach dem die Kurdenstämme zu einer irregulären berittenen Miliz organisiert waren, zu übernehmen und in russischem Sinne auszubauen. Schon vor dem Kriege befolgte die russische Regierung die Praxis, die Kurden mit Waffen und Geld zu versehen und sie sowohl gegen die Türkei als auch gegen die Armenier aufzuhetzen, während umgekehrt den Armeniern Schutz vor den Kurden in Aussicht gestellt wurde, sobald sie für ihre Rettung auf Rußland bauen würden.
Wie weit die Pläne der russischen Regierung bereits in der Ausführung begriffen sind, geht aus der Mitteilung Miljukows hervor, der von den Einwohnern (d. h. also auch von den geflüchteten Armeniern) hinterlassene Besitz — es ist damit natürlich der unbewegliche Besitz, der Grund und Boden gemeint — sei als russisches Staatseigentum erklärt worden.
Dr. Paul Rohrbach.
An Seine Exzellenz den Herrn Staatssekretär
des Auswärtigen Dr. v. Jagow.
Anlage.
Rjetsch Nr. 70 vom 25. März 1916.
Miljukow in der Reichsduma über die armenische Frage.
Leider sind Anzeichen vorhanden, die dafür sprechen, daß sich auch hier wiederum Dinge wiederholen können, die die traurige Erinnerung an die galizische Epopöe wachrufen. Diese Anzeichen treten bereits in die Erscheinung: es ist das viel zu leichtfertige Verhalten zu dem von den Einwohnern hinterlassenen Besitz, welcher aus irgend welchen Gründen als Staatseigentum erklärt wurde (Stimme von links: „Januschkewitsch“)... Ja, das ist Januschkewitsch, das ist die Politik Januschkewitschs — das ungleichmäßige Verhalten zu den Völkerschaften. Wir sind geneigt, die Kurden, diese unverbesserlichen Nomaden, zu unterstützen, und bemühen uns sogar, Ackerbauer aus ihnen zu machen — auf Kosten ihrer alten Opfer — der Armenier. Vor noch nicht langer Zeit nahm der Kurde dem Armenier Land fort, entführte ihm Weib und Tochter, beraubte und erschlug ihn, aber jetzt wird diesem Feinde von gestern aufgewartet, wie einem Freunde, und es wird ihm sichtlich der Vorzug vor dem alten Freunde, dem Armenier, gegeben. Erinnern wir uns, meine Herren, der Worte Doumergues an die Adresse der Armenier: Mögen die Opfer der Toten den Lebenden angerechnet werden. Wir wollen nicht die Früchte der Plünderung und des Landraubs sanktionieren — was nur auf dem Boden der alten Türkei möglich war. Aber noch weniger dürfen wir an eine Umwandlung des angestammten armenischen Landes in irgend ein Territorium eines Neu-Euphratischen Kosakentums denken. Setzen wir nicht die Arbeit der Türken fort! Entsagen wir wenigstens hier im feierlichen Moment der Wiederherstellung des verletzten Rechtes und der Gerechtigkeit — den engen Plänen des nationalistischen Egoismus.
267.
Berlin, den 27. Mai 1916.
Euerer Exzellenz gestatte ich mir nachstehendes über erneut einsetzende Verfolgungen der Christen im Orient zu unterbreiten.
Von zwei absolut sicheren Vertrauensmännern, von denen der eine gestern mit dem Balkanzug aus Konstantinopel hier eingetroffen ist, erfahre ich folgendes:
„Von Angora kommen böse Nachrichten. Die Polizei verbot dem dortigen deutschen katholischen Geistlichen jeden Beistand an katholische Armenier, auch an Sterbende. Die Frauen, durch die man Almosen verteilen ließ, wurden eingesperrt. Sodann ist der Generalvikar des griechisch-katholischen Bischofs von Beirut in Angora eingetroffen und wird von dort weiter deportiert.“
Nachdem bisher die türkische Regierung auf das Bestimmteste zugesagt hat, daß gegen die ruhigen Armenier und die Christen in Syrien nichts unternommen werden soll, jetzt aber mit solchen Zwangsmaßregeln vorgeht, würde ich Euere Exzellenz sehr dankbar sein, wenn Euere Exzellenz die Güte hätten, die türkische Regierung erneut darauf hinweisen zu lassen, wie sehr die Dauerhaftigkeit des Bündnisses mit Deutschland erschwert wird, wenn solch ungesetzliches Verhalten ohne jeden Anlaß fortgesetzt wird; denn weder in Aleppo noch in Syrien kann es sich um Strafen gegen aufrührerische Elemente handeln.
Erzberger, Mitglied des Reichstages.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 30. Mai 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel
zur gefälligen Kenntnisnahme und mit dem Anheimstellen der geeignet erscheinenden weiteren Veranlassung ergebenst übersandt.
Stumm.
Juni.
268.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 5. Juni 1916.
Auf Erlaß vom 30. Mai 1916.
Die in dem Schreiben des Abgeordneten Erzberger enthaltenen Nachrichten aus Angora hatten mich schon vor einiger Zeit veranlaßt, bei Halil Bey energische Vorstellungen gegen das Vorgehen der dortigen Behörden zu erheben. Auf Grund meiner Schritte ist auch sofort ein Gegenbefehl durch das Ministerium des Innern erlassen und Abhilfe geschaffen worden.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
269.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 7. Juni 1916.
An Konsulat Damaskus.
Konsulat Aleppo meldet unter dem 5. Juni:
„Offenbar steht die Weiterverschickung aller auswärtigen Armenier von Aleppo unmittelbar bevor. Seit vorgestern werden auch denjenigen, die Aufenthaltserlaubnis für Aleppo besaßen, ihre Scheine abgenommen. Anscheinend ist eine Bekanntmachung im Druck, wonach alle Genannten Aleppo binnen wenigen Tagen verlassen sollen, widrigenfalls sie erschossen würden.“
Ich bitte, bei Djemal Pascha in geeigneter Form gegen eine solche Maßregel Vorstellung zu erheben und über das Ergebnis telegraphisch zu berichten.
Metternich.
270.
(Kaiserliches
Konsulat Damaskus.)
Telegramm.
Damaskus, den 11. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Antwort auf Telegramm vom 7. Juni.
Auf meine Vorstellungen teilte mir Djemal Pascha mit, daß diejenigen Armenier, denen er Aufenthaltsscheine für Aleppo erteilt habe, nicht weiter verschickt werden würden. Zur Verschickung der übrigen eingewanderten Armenier sähe er sich gezwungen, weil von ihnen in Aleppo ein geheimes Aktionskomitee gegen die türkische Regierung gebildet worden sei.
Loytved.
Halil Bey sagte mir heute, es würden keine Armenier aus Aleppo oder Angora mehr verschickt.
12.6. Metternich.
271.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 17. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Es scheint, daß die Vorstellungen bei Djemal Pascha doch etwas gewirkt haben. Die geplante Verschickung ist bisher jedenfalls unterblieben.
Rößler.
272.
Deutsche Botschaft
Konstantinopel.
Pera, le 19 juin 1916.
Aide-Mémoire.
L’Ambassade Impériale d’Allemagne vient d’être informé que les Arméniens déportés à Alep et qui s’y étaient installés avec la permission du Gouvernement Impérial, allaient être de nouveau expulsés par ordre des autorités militaires.
A cette occasion l’Ambassade a l’honneur de renouveler sa prière de vouloir bien exempter de cette mesure les déportés appartenant aux communautés catholiques et protestantes ainsi que ceux qui se trouvent en possession de permis de séjours en règle.
En même temps l’Ambassade se permet d’attirer l’attention du Gouvernement Impérial sur la situation des Arméniens en cours de déportation et se trouvant à Angora, Afioun-Karahissar, Eski-Chéhir et Konia; elle prie de vouloir bien aviser aux moyens nécessaires afin que ces exilés et notamment les membres des deux communautés précitées puissent rester dans ces localités, sans être exposés à une nouvelle déportation dont ils paraissent être menacés.
den 19. 6. 1916.
Halil Bey heute mündlich mitgeteilt. Erklärte, daß keine Austreibungen mehr stattfinden.
Metternich.
273.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 19. Juni 1916.
Verschiedene Meldungen aus dem Innern Kleinasiens, wonach in der letzten Zeit erneute Austreibungen von Armeniern stattfinden oder von den türkischen Behörden in Aussicht gestellt sind, veranlaßten mich heute, Halil Bey davon Mitteilung zu machen. Der Minister versicherte mir, die türkische Regierung beabsichtige keine Austreibungen mehr vorzunehmen, werde jedoch über die angegebenen Fälle Erkundigungen einziehen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
274.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 17. Juni 1916.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Berichtes der Schwester Beatrice Rohner an Mr. Peet in Konstantinopel, mit welchem sie ihre Abrechnung über 7435 Ltq. vom 1. Januar bis 1. Juni d. J. durch sie zur Verteilung gelangte amerikanische Notstandsgelder begleitet hat.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Bericht über Notstandsarbeit in Aleppo 1. Januar bis 1. Juni 1916.
Als ich Ende Dezember 1915 mit Schwester Paula Schäfer nach Aleppo kam, um wenn möglich eine Erlaubnis zu erwirken, weiter nach Süden den Vertriebenen nachziehen zu können, war die Notstandsarbeit bereits im Gange. Die durch den amerikanischen Konsul eingehenden Gelder wurden in der Hauptsache von dem protestantischen Prediger Ohannes Eskidjian verwaltet. Es bestanden bereits mehrere Waisenhäuser und die verschiedenen Gemeinden versorgten ihre Armen soweit die eingehenden Mittel reichten. Natürlich dachten wir da zunächst nicht daran, hier die Arbeit zu übernehmen, bis Djemal Paschas abschlägige Antwort auf unsere Reisevorschläge und seine dringende Aufforderung uns des einen sehr vernachlässigten Waisenhauses anzunehmen, mich nötigte, einstweilen in Aleppo zu bleiben. Bis Ende März beschränkte ich meine Tätigkeit auf die mir übergebenen 350 Kinder und half persönlich, wo die Not an mich herantrat. Als aber Badwelli Eskidjian sowohl als der Hausvater eines Waisenhauses Ende März starben, übernahm ich nach seinem Wunsch die Notstandsarbeit ganz, sowie auch das Waisenhaus, das er mit Erlaubnis der Regierung eröffnet hatte. Wie aus der Abrechnung von April und Mai hervorgeht, habe ich Gelegenheit, Gelder nach den verschiedensten Richtungen zu versenden. Mit der Post können natürlich nur kleine Beträge unauffällig gesandt werden, aber Geschäftsleute und Durchreisende, auch einzelne mutige junge Armenier, denen es gelingt, zwischen Aleppo und Der-es-Zor zu reisen, vermitteln größere Summen. Die Schwierigkeit in dieser Arbeit besteht hauptsächlich in der mangelnden Organisation, aber es ist unmöglich, jetzt Komitees zu bilden, ohne sofort den Verdacht der Regierung auf sich zu laden. Auch Quittungen sind nicht zu bekommen, da sich die Leute aus Furcht weigern, ihre Unterschrift zu geben. Daß diese Art der Arbeit viel unzufriedene Gemüter aufregt, läßt sich denken; manches fühlt sich übergangen und andere vorgezogen; man kritisiert diejenigen, welche die Gelder verwalten. Hoffentlich hat dies nicht noch schließlich zur Folge, daß die Regierung doch aufmerksam wird, und daß diese letzte Hilfsquelle abgeschnitten wird.
Beatrice Rohner.
275.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 19. Juni 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.
Metternich.
Kaiserliches Konsulat.
Damaskus, den 30. Mai 1916.
Wie ich im März d. J. telegraphisch zu melden die Ehre hatte, hat Djemal Pascha ein Hilfswerk für die hierher ausgewiesenen Armenier organisiert, das seit etwa sechs Wochen an der Arbeit ist. An der Spitze dieser Organisation steht der ehemalige Wali von Salonik und Aleppo, Hussein Kasim Bey, der allgemein als gediegener Charakter und rührig geschätzt wird. Ihm zur Seite stehen zwei höhere außer Dienst befindliche Beamte und der stellvertretende Wali von Damaskus. Auch diese drei Kommissionsmitglieder genießen einen guten Ruf.
Hussein Kasim Bey bereiste seit vorigem Monat die im Hauran und südlich davon gelegenen Gebiete, in denen sich Armenier befinden. In Deraa hat er zunächst Brot an die Armenier verteilen lassen und eine Entlausungs- und Badeanstalt mit Krankenhaus errichtet. Von dort aus wurden nach erfolgter Reinigung viele Armenier nach verschiedenen Orten verschickt, in denen sie Arbeit finden konnten. Gegen 700 Witwen und Waisen kamen nach Hama, wo sie in einer Wirkfabrik arbeiten.
Vorgestern traf ich gelegentlich eines Essens, das Djemal Pascha gab, den Hussein Kasim Bey. Als er mich sah, sagte er mir, daß er mich dringend sprechen möchte. Er erklärte mir in sehr erregtem Tone, daß er sein Amt als Vorsitzender der Armenierkommission niederlegen wolle, da er nicht mehr arbeiten könne. Seine Maßregeln werden nicht nur nicht ausgeführt, sondern die Behörden handeln ihnen entgegen. Die Armenier, die er programmäßig von Deraa nach Damaskus schicke, werden von den hiesigen Stadtbehörden wieder zurückgeschickt. Die Regierung stelle ihm viel zu wenig Geldmittel zur Verfügung, um wirksam der großen Not der Armenier entgegentreten zu können. Er sei ganz verzagt und glaube überhaupt nicht mehr an den ernsten Willen der türkischen Regierung, den ausgewiesenen Armeniern helfen zu wollen. Er fürchte sogar, daß man sie systematisch ausrotten wolle. Er höre, daß die nach Aleppo geleiteten Armenier wieder nach dem Osten in der Richtung nach Mossul und Der-es-Zor gebracht würden, wahrscheinlich um den Beduinen zum Opfer zu fallen. Diese grausame Vernichtungspolitik sei eine Schmach für die Türkei und würde nach dem Frieden der Türkei sehr schaden und auch Deutschland in Verlegenheit bringen, weil es von der Welt beschuldigt würde, nicht wirkungsvoller für die Armenier eingetreten zu sein. Er finde keinen anderen Ausweg, als daß Deutschland dahin wirke, daß alle Armenier nach irgend einem Land — er meinte Südamerika — baldigst verschickt würden. Auf diese Weise würde man der Türkei und den Armeniern am besten helfen.
Ich wies ihn auf die armenierfeindliche Stimmung bei den maßgebenden Komiteemitgliedern in Konstantinopel hin, gegen die selbst Djemal Pascha scheinbar nicht aufkommen könne. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß Deutschland, soweit die gegenwärtige Lage es erlaube, den Armeniern nach Möglichkeit helfe, und bat ihn, im Interesse der Sache sein gedachtes Amt nicht niederzulegen und trotz aller Gegenströmungen weiter zu arbeiten. Er wird, sobald Djemal Pascha in einigen Tagen von Aleppo zurückkommt, mit ihm weiter verhandeln und, wenn ihm nicht mehr Machtvollkommenheit und Geldmittel zur Verfügung gestellt werden, auf sein Ehrenamt verzichten. Nach seiner Schätzung befinden sich zwischen Aleppo und dem Hedjas 60000 Armenier. Falls das Schweizerische Hilfswerk Geldmittel für die hiesigen Armenier zur Verfügung stellen will, würde ich empfehlen, durch das Konsulat unter der Hand dem Hussein Kasim Bey, zu dem ich volles Vertrauen habe, Geld für den gedachten Zweck zu geben. Es scheint Eile dringend geboten, weil die Not groß ist.
Loytved Hardegg.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Herrn Botschafter
Grafen von Wolff-Metternich, Konstantinopel.
276.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Therapia, den 19. Juni 1916.
An das Auswärtige Amt.
Für Herrn von Gwinner und Geh. Rat Riese, Berlin:
Aus Airan drahten Winkler und Morf vom 18. Juni, daß infolge Austreibung armenischer und dadurch veranlaßter Flucht türkischer Arbeiter im Amanus nur 2900 Arbeiter von zusammen 5300 verblieben. Weitere Abnahme der Arbeiterzahl wird infolge andauernder Austreibung mit Sicherheit eintreten. Infolge Fehlens aller gelernten Arbeiter ist mit den Verbliebenen der Fortschritt der Bauarbeiten und der Betrieb des Bahnhofs unmöglich. Vor einigen Tagen auf unsere Vorstellungen vom türkischen Kriegsministerium gegebener Gegenbefehl erfolglos geblieben. Anwerbung neuer Arbeiter ist heute unmöglich. Entsprechende Zahl Arbeitersoldaten zu stellen, würde längere Zeit erfordern, und wegen Ungeübtheit neuer Arbeiter weitere Verlängerung der Bauzeit um mindestens drei Monate verursachen. Im großen Amanustunnel besteht Gefahr Einbruchs ausgezimmerter unsicherer Abschnitte und damit lange dauernde Unterbrechung des Betriebes. Polizei verweigert unseren Ingenieuren und Arbeitern Eintritt in den großen Tunnel zur Ausführung unbedingt notwendiger Sicherungen. Da auch zwei armenische Ärzte und 43 Apotheker und Pfleger vertrieben sind, liegen Kranke unversorgt in Hospitälern Bagtsche, Yarbaschi und Entilli, was bei vorhandener Seuche größte Gefahr bedeutet. Bitte dringende Vorstellung bei deutschem Großen Hauptquartier, Kriegsministerium, Auswärtigem Amt und außerdem bei Generalmajor von Lossow zu erheben, der im Hauptquartier oder in Berlin. — Anatolische Bahngesellschaft.
Grages.
277.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Therapia, den 21. Juni 1916.
An Auswärtiges Amt.
Für Deutsche Bank und für Riese:
Der Kriegsminister hat heute dem Kommandanten der IV. Armee und dem Wali von Adana telegraphisch befohlen, daß die ausgetriebenen Armenier nach ihren Arbeitsstellen zurückgeführt werden.
Grages.
278.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 22. Juni 1916.
An Auswärtiges Amt.
Anatolische Bahngesellschaft an von Gwinner und Riese.
Winkler drahtet heute wie folgt:
Der Wali erklärt, keinen Befehl zur Rückkehr der Vertriebenen erhalten zu haben, sondern nur einen Befehl, durch den die Zahl der noch zu Vertreibenden beschränkt wird[133]. Der Wali erklärte obendrein, daß er einen derartigen Befehl, auch wenn er ihn erhalten würde, nicht befolgen würde; er fügte hinzu, das könne ein anderer Wali besorgen.
Neurath.
279.
Kaiserliches
Deutsches Generalkonsulat.
Jerusalem, den 26. Juni 1916.
Der armenische Patriarch hat mich heute besucht, um mir mitzuteilen, daß die im Ost-Jordanland angesiedelten Armenier gewaltsam zum Islam bekehrt würden. Der frühere Ansiedlungskommissar Kiazim sei ziemlich milde gewesen; sein kürzlich aus Konstantinopel gekommener Nachfolger Kanal wende indes brutale Mittel an. Unter seinem Druck hätten sich in Deraa kürzlich 3500 Personen zum Übertritt zum Islam bereit erklärt.
Die Zahl der im Ostjordanland angesiedelten Armenier bezifferte der Patriarch auf 15000 im Hauran, und 3–4000 in Kerak.
Dr. Brode.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich in Konstantinopel.
280.
(Kaiserliches
Konsulat Siwas.)
Telegramm.
Abgang aus Siwas, den 27. Juni 1916.
Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern Abend sind alle noch hier verbliebenen, zu Wegbauten und zum Pionierregiment gehörenden Armenier, ferner die der Gewerbeschule und auch alle Griechen in der armenischen Kirche eingesperrt worden. Die Griechen und zum Islam übergetretenen Armenier sind nach einer heftigen Bastonnade heute wieder freigelassen worden, den anderen Armeniern ist durch die Behörden angeraten worden, zum Islam überzutreten. Weigern sie sich, so werden sie verschickt.
Werth.
281.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 27. Juni 1916.
Ankunft in Therapia, den 28. Juni 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an Telegramm vom 17. Mai.
Unter dem Vorwand, es handele sich um sanitäre Maßregeln oder politisch Verdächtige, hat seit dem 19. Juni wieder rücksichtslose Verschickung aus Aleppo begonnen, auch von solchen, die seit langer Zeit hier ansässig.
Rößler.
282.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 30. Juni 1916.
Ich habe die Vertreibung der armenischen Arbeiter von der Amanusstrecke, wodurch die Kriegführung geschädigt wird, mit Talaat Bey und Halil Bey besprochen. Diese Maßregel, so sagte ich u. a. den Ministern, mache den Eindruck, als ob die türkische Regierung selbst darauf bedacht sei, den Krieg zu verlieren.
Der Vorgang ist lehrreich nach verschiedenen Richtungen hin. Leute wie Talaat und Enver wissen wohl, daß dem Kriegszweck durch die Gefährdung des Eisenbahnbetriebes und -baues am Amanus geschadet wird. Es hat aber niemand hier mehr die Macht, die vielköpfige Hydra des Komitees, den Chauvinismus und Fanatismus, zu bändigen. Das Komitee verlangt die Vertilgung der letzten Reste der Armenier, und die Regierung muß nachgeben. Das Komitee bedeutet aber nicht nur die Organisation der Regierungspartei in der Hauptstadt. Das Komitee ist über alle Wilajets verbreitet. Jedem Wali bis zum Kaimakam (Landrat) herab steht ein Komiteemitglied zur Unterstützung oder zur Überwachung zur Seite. Die Armeniervertreibungen haben überall wieder begonnen. Von diesen Unglücklichen haben die hungrigen Wölfe des Komitees außer der Befriedigung ihrer fanatischen Verfolgungswut aber nicht mehr viel zu erwarten. Ihre Güter sind längst eingezogen, und ihr Vermögen ist durch eine sogenannte Kommission liquidiert worden, d. h. wenn beispielsweise ein Armenier ein Haus im Werte von 100 Ltq. besaß, so ist es einem Türken, Freund oder Mitglied des Komitees, für etwa 2 Ltq. zugeschlagen worden. Von den Armeniern ist also nicht mehr viel zu holen. Die Meute bereitet sich daher auch schon mit Ungeduld auf den Augenblick vor, wo Griechenland, von der Entente gezwungen, sich gegen die Türkei oder deren Verbündete richten wird. Es werden dann Massakres in weit größerem Umfange eintreten, als bei den Armeniern. Die Opfer sind zahlreicher und die Beute ist verlockender. Das Griechentum bildet das Kulturelement der Türkei. Es wird dann vernichtet werden, ebenso wie das armenische, wenn äußere Einflüsse nicht Einhalt gebieten. Türkisieren heißt, alles nicht Türkische vertreiben oder töten, vernichten und sich gewaltsam anderer Leute Besitz aneignen. Hierin und im Nachplärren freiheitlicher französischer Phrasen besteht vorläufig die berühmte Wiedergeburt der Türkei. Leute wie Talaat, die den ehrlichen Willen haben, die Türkei vorwärts zu bringen, obgleich auch er nur Machtpolitik kennt, müssen sich der vielköpfigen Hydra fügen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
283.
(Kaiserliches
Konsulat Damaskus.)
Telegramm.
Abgang aus Damaskus, den 30. Juni 1916.
Ankunft in Therapia, den 1. Juli 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden. In Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen; nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu. Da Djemal Pascha in Jerusalem ist, habe ich einen hiesigen muhammedanischen Notabeln, der gegen diese zwangsweisen Religionsänderungen ist, veranlaßt, den Gereanten des Wilajets aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme in Deutschland eine starke Strömung gegen die jungtürkische Regierung hervorrufen würde. Politische Vorteile, die durch solche Versuche, die Armenier zu entnationalisieren und ihre Beziehungen zu den christlichen Mächten abzuschneiden, vielleicht hier erreicht würden, ständen nicht im Verhältnis zu den Nachteilen, die durch die Gegenstimmung in Europa und Amerika gegen die Türkei entstehen würden. Der Gereant des Wilajets, der diese Besprechung an Djemal Pascha gedrahtet haben dürfte, bestritt die Islamisierungsversuche.
Loytved.
Juli.
284.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 8. Juli 1916.
An Deutsches Konsulat, Damaskus.
Antwort auf Telegramm vom 30. Juni.
Auch anderwärts wird trotz der offiziellen Dementis und trotz angeblicher Gegenbefehle die Islamisierung der Armenier durchgeführt. Unsere Gegenvorstellungen sind nutzlos; doch bin ich mit Ihrer Demarche einverstanden.
Metternich.
285.
Telegramm.
Großes Hauptquartier, den 1. Juli 1916.
Ankunft, den 1. Juli 1916.
Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.
General von Falkenhayn hat am 29. 6. an Enver Pascha gedrahtet:
„Wie ich erfahre, ist durch die Ausweisung von Arbeitern, die im Amanus- und Taurusgebiet beschäftigt waren, eine vollständige Betriebseinstellung verursacht worden, deren Ende sich nicht absehen läßt. Ich würde es in hohem Maße für die Gesamtlage bedauern, wenn dadurch auch nur ein Aufschub der geplanten Operationen notwendig würde, und würde Euerer Exzellenz für eine Orientierung über die Folgen des bedauerlichen Vorfalls dankbar sein. Wegen der Behinderung des Nachschubs für die deutschen Formationen in Kleinasien liegt ein unmittelbares deutsches Interesse vor.“
Treutler.
286.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Therapia, den 1. Juli 1916.
Ankunft in Berlin, den 1. Juli 1916.
An Auswärtiges Amt.
Ich habe schon vorgestern ernste Vorstellung bei Halil und Talaat Bey erhoben unter Betonung der Kriegszwecke. Talaat Bey wollte nochmals mit Enver die Ausweisungsfrage erörtern. Über inzwischen erfolgte Gegenbefehle und deren Ausführung noch keine Klarheit. Ausweisung auf Komiteebeschluß zurückzuführen, da überall Armenierverfolgungen wieder einzusetzen scheinen. Auch Enver und Talaat Bey sind solchen fanatischen Beschlüssen gegenüber machtlos.
Mit stellvertretendem Militärbevollmächtigten habe ich von vornherein vereinbart, daß ich seine Schritte bei Enver meinerseits bei der türkischen Regierung unterstütze.
Metternich.
287.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 10. Juli 1916.
Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.
Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.
Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.
Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.
Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].
In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.
Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.
Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: „Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“
Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulen und Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.
Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.
So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch Hilfsleistungen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
288.
Kaiserliches
Deutsches Generalkonsulat.
Genf, den 12. Juli 1916.
Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann (Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs neue Geldunterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.
Geißler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg in Berlin.
289.
(Kaiserliches
Konsulat Siwas.)
Telegramm.
Siwas, den 23. Juli 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Heute am Tage des Nationalfestes sind alle armenischen Militärärzte jeden Grades unter Drohung gezwungen worden, zum Islam überzutreten. Alle mußten sich bekehren. Ein armenischer Sanitätshauptmann weigerte sich und ist deshalb vorläufig eingesperrt worden.
Werth.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 24. Juli 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht.
Metternich.
290.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 29. Juli 1916.
Die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten tun dar, daß die Armenierverfolgung unvermindert und unerbittlich anhält. Von den Deutschen, die den Euphratweg von Bagdad her zurückkehren, ist keiner, der nicht von dieser Katastrophe den tiefsten Eindruck empfinge.
1. Ein Beamter des höheren deutschen Reichsdienstes hat mir am 18. Juli erzählt, die Strecke von Sabkha über Hammam nach Meskene sei mit Resten von Kleidungsstücken übersät; sie sähe aus, als ob dort eine Armee zurückgegangen wäre.
Der türkische Militärapotheker in Meskene, der dort seit 6 Monaten stationiert ist, hat ihm erzählt, daß allein in Meskene 55000 Armenier begraben seien. Dieselbe Zahl ist ihm unabhängig davon von einem türkischen Offizierstellvertreter dortselbst gleichfalls genannt worden.
2. Aus Der-es-Zor kam unter dem 16. Juli Nachricht, daß die Armenier den Befehl zum Weiterwandern erhalten hatten. Am 17. wurden alle Geistlichen und führenden Männer verhaftet. Bis zum 22. Juli, so war der Befehl, sollten alle Armenier wieder zum Wanderstab gegriffen haben. Nachdem schon früher von der Zentralregierung angeordnet worden war, daß nur soviel Armenier in Der-es-Zor bleiben sollten, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entsprach, soll nun auch der letzte Rest vertilgt werden, eine Änderung, die möglicherweise damit zusammenhängt, daß der menschliche Mutessarrif Suad Bey nach Bagdad versetzt ist und einen unbarmherzigen Nachfolger erhalten hat.
Mit Peitsche und Knüppel werden wehrlose erschöpfte Frauen und Kinder von Gendarmen geprügelt, eine Beobachtung, die schon oft gemacht und mir auch jetzt wieder von einem des Wegs gekommenen deutschen Offizier aus eigener Anschauung bestätigt worden ist.
3. Ein aus Diarbekr über Urfa hier angekommener deutscher Offizier hat mir am 24. Juli erzählt, daß einige Zeit vorher wieder 2000 armenische Frauen aus den östlichen und nördlichen Gebieten nach Urfa gebracht worden sind. Es handelt sich hier offenbar um eine Nachlese von solchen, die sich früher hatten versteckt halten können oder die in muhammedanische Familien aufgenommen waren und deren man jetzt überdrüssig geworden ist.
Auf ähnliche Zustände deutet die in Abschrift gehorsam hier beigefügte briefliche Nachricht des Diakons Künzler aus Urfa vom 22. Juli, wonach es ihm gelungen ist, 150 Waisenkinder zu unterstützen.
4. In Aleppo ist seit dem 12. Juli die Verschickung eingestellt, anscheinend weil ein Konflikt zwischen den oberen Behörden darüber ausgebrochen ist, daß es den reicheren Armeniern gelungen ist, Schonung zu erlangen, während die ärmeren der Polizei ausgeliefert waren. Aus Meskene ist es etwa 250 Armeniern gelungen, mit stillschweigender Duldung des dortigen Militärkaimakams, nach Aleppo zurückzuwandern, wo sie in erbarmungswürdigem Zustande ankamen. Der Wali hat infolgedessen Befehl an die Dörfer gegeben, keinen Armenier nach Aleppo zurückzulassen. Überträgt man die Ausführung behördlicher Anordnungen der Bevölkerung, so erklärt man die Armenier damit für vogelfrei. Weitere Maßregeln gegen sie werden hier vermutlich zu erwarten sein. Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(Notstandswerk Urfa.)
Urfa, den 22. Juli 1916.
Unter der Hand ist es mir gelungen, Dank der Hilfe aus der Schweiz, hier Überreste des armenischen Volkes, Waisenkinder, bereits 150 an der Zahl, zu unterstützen und sie so vom drohenden Hungertode zu retten. Es gibt noch mehr; allein für alle reichts nicht.
Jakob Künzler.
An den Kaiserlichen Konsul Rößler, Aleppo.
August.
291.
(Kaiserliches Konsulat
Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 7. August 1916.
Ankunft in Therapia, den 7. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Es scheint, daß die Weiterverschickung aller auswärtigen Armenier von Aleppo erneut und ernstlich in Angriff genommen werden soll. Ich werde von den hiesigen Armeniern gebeten, dies Euer Exzellenz vorzutragen. Offenbar will die hiesige Regierung die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen lassen.
Rößler.
292.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 8. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an das Telegramm vom 7. August.
Die auswärtigen Armenier, deren Verschickung unmittelbar bevorsteht, zählen über 8000. Der amerikanische Konsul schätzt außerdem die Zahl der hier ansässigen Armenier, die in großer Gefahr stehen, verschickt zu werden, auf etwa 15000. Er glaubt, daß diese Maßregel auf die eigene Initiative des Wali zurückzuführen ist, und bittet Ew. Exzellenz, die amerikanische Botschaft zwecks Intervention vom vorstehenden zu verständigen.
Rößler.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Notiz.
Am 12. 8. auf der amerikanischen Botschaft in Abwesenheit des Geschäftsträgers an Mr. Tarler mitgeteilt; Mr. Tarler bestätigt, daß die amerikanische Botschaft mit der Sache befaßt ist und Schritte auf der Pforte getan hat.
13. 8. Mordtmann.
293.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 13. August 1916.
Ankunft in Therapia, den 14. August 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Im Anschluß an das Telegramm vom 8. August.
Die ersten 200 Personen sind am 12. August verschickt worden. Weitere Transporte werden folgen. Ich bitte um Benachrichtigung auch der amerikanischen Botschaft.
Rößler.
Deutsche Botschaft
am 15. 8. der amerikanischen Botschaft mitgeteilt. Auf der Pforte hatte man versichert, daß keine Verschickungen mehr stattfinden würden.
16. 8. Mordtmann.
294.
14. August 1916 p. m.
Ein Funkspruch vom Eiffelturm meldet unter dem 12. 8. 1916:
„Aus Washington erfährt man, daß die Türkei die Bitte der Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlagen hat, einem neutralen Komitee zu erlauben in Syrien[135], wo Tausende von Einwohnern Hunger leiden, Hilfe zu schaffen.“
295.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 17. August 1916.
Der Erzbischof Stepan hatte vor einiger Zeit durch Vermittelung des Patriarchats darum gebeten, von Meskene, wohin er inzwischen geschafft worden war, in eine größere Ortschaft überführt zu werden. Nach Mitteilung des Patriarchats ist nunmehr der Statthalter von Aleppo angewiesen worden, dem Genannten die Übersiedelung nach Jerusalem zu gestatten.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
296.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 23. August 1916.
Das von der Pforte erlassene Gesetz über das armenische Katholikat und Patriarchat trägt das Datum des 2 Schawwal 1334/19 Temuz 1332 (d. i. 1. August d. J.) und wurde im türkischen Reichsanzeiger (takvimi-vakaji) vom 10. d. M., Nr. 2611, veröffentlicht.
Wie der erste Paragraph bestimmt, werden die beiden Katholikate von Sis und Aghtamar mit den beiden Patriarchaten von Jerusalem und Konstantinopel zu einer einzigen Würde vereinigt und der Titular als „Katholikos-Patriarch“ zum geistlichen Oberhaupte der osmanischen Armenier mit dem Sitze im Kloster Mar Jakub in Jerusalem eingesetzt; die hierarchischen und sonstigen Beziehungen zum Katholikos von Etschmiadsin werden gelöst.
Titel und Würde eines armenischen Katholikos entsprechen denen eines Patriarchen in den griechisch-orthodoxen Kirchen. Ursprünglich gab es nur den einen Katholikos von Etschmiadsin. Im Laufe der Zeit und infolge der politischen Ereignisse wurden im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit noch die Katholikate von Aghtamar (am Wansee) und Sis (Cilicien) errichtet.
Durch die Verschmelzung der Katholikate von Aghtamar und Sis mit den beiden Patriarchaten hat der neue Katholikospatriarch von Jerusalem das Recht erworben, sämtlichen Bischöfen in der Türkei die Weihe zu erteilen und ist hierarchisch unabhängig geworden. Die Auflösung aller Beziehungen zu Etschmiadsin dürfte die weitere Folge haben, daß den osmanischen Armeniern künftighin die Beteiligung an der Wahl des Katholikos von Etschmiadsin nicht mehr gestattet ist.
Unstreitig hatte die Pforte ein großes politisches Interesse, das Zwitterverhältnis, in dem der Patriarch von Konstantinopel zur türkischen Regierung und zu dem von Rußland abhängigen Katholikos von Etschmiadsin stand, zu beseitigen, und hat jetzt von demselben Rechte Gebrauch gemacht, wie Rußland, als es im Jahre 1836 die Palajenia erließ und dadurch die Stellung des Katholikos einseitig im Reichsinteresse regelte. Formell aber steht diese Maßregel im Widerspruch mit den Verpflichtungen, die sie durch Art. 62, Abs. 4, des Berliner Vertrages übernommen hatten: „Aucune entrave ne pourra être apportée soit à l’organisation hiérarchique des differentes communions, soit, à leur rapports avec leurs chefs spirituels.“
Die zweite tief eingreifende Veränderung ist die Beseitigung des „Grand Conseil de la Nation“, des großen Volksrats der Armenier.
Das neue Gesetz hat durch die Aufhebung des Volksrates und andere Bestimmungen dem demokratischen Regiment ein Ende bereitet. Der zukünftige Katholikospatriarch und seine Suffragane sind nunmehr unabhängig von dem russisch-armenischen Kirchenfürsten von Etschmiadsin und von dem politischen Parteien der Hauptstadt und haben den ihnen zustehenden Einfluß als Vorsteher der Gemeinde. Andererseits ist damit eine empfindliche Capitis deminutio verbunden. Der Patriarch der Armenier ist nicht mehr Oberhaupt des armenischen Millet („Nation“), sondern einer Djemaët, Kultusgemeinde; denn mit diesem Ausdruck, der im Kanzleistil der Hohen Pforte von den bescheidenen Gemeinden der protestantischen Armenier und Karaitischen Juden gebraucht wird, während Griechen, Juden und bisher auch die Armenier ein „Millet“ bildeten, werden die letzteren jetzt im neuen Gesetz bezeichnet. Als einfache Gemeindevorsteher sind der Katholikospatriarch und die Bischöfe aller politischen Befugnisse entkleidet und, abgesehen von ihren kirchlichen Funktionen, auf die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten beschränkt. Der Sitz des Oberhauptes ist aus der Hauptstadt nach Jerusalem verlegt, wo er jeder politischen Betätigung entrückt ist; er ist nicht mehr das Exekutivorgan des Volksrates, sondern lediglich der Befehle der Regierung; überdies darf er fortan nur mit dem Kultusamte als vorgesetzter Behörde verkehren, während er früher Zutritt zu sämtlichen Behörden und zum Sultan hatte. Endlich ist die Zahl der Bischöfe dadurch erheblich verringert worden, daß solche in Zukunft nur für Distrikte mit über 15000 Seelen bestellt werden dürfen. Nach der Aussiedelung der armenischen Bevölkerung aus Kleinasien und Rumelien dürften nur wenige Distrikte übrig geblieben sein, in denen die armenische Bevölkerung diese Ziffer erreicht.
Das neue Gesetz vom 1. August d. J. zieht das Fazit aus den Maßregeln der Regierung, durch die die osmanischen Armenier als lebensfähige Nation vernichtet werden sollen; auf die Massenaussiedelungen mit der Niedermetzelung der Männer, Islamisierung der Zurückgebliebenen und der Kinder ist die Vermögenskonfiskation, auf diese nunmehr die Zertrümmerung der politischen Gemeinde erfolgt.
Metternich.
An Seine Exzellenz den Reichskanzler
von Bethmann Hollweg.
297.
Kaiserliches
Konsulat Aleppo.
Aleppo, den 29. August 1916.
Über den Stand der Armenierverschickung in der Euphratgegend berichtet ein deutscher Offizier, der soeben von dort zurückgekehrt ist und die Zustände von früheren Reisen auf derselben Strecke gut kennt, folgendes:
Die Straße Aleppo-Der-es-Zor (die die Verschicktenzüge seit langen Monaten benutzen) biete jetzt ein verändertes Bild: sie sei verhältnismäßig leer geworden. Zwar seien bei den Aleppo zunächst gelegenen Stationen noch größere Armenierlager vorhanden. Weiter nach Süden zu, von Meskene ab, seien die Lager bedeutend verkleinert. Von den großen Stationen sei Sabkha ganz, Der-es-Zor bis auf einige hundert Handwerker, die für die Truppen arbeiteten, geleert, während an letzterem Orte noch vor 8 Wochen viele Tausende (von anderer Seite auf 20000 geschätzt) gelagert gewesen seien. Die geistigen Führer, wie Lehrer, Anwälte, Geistliche habe man in der letzten Zeit aus den Lagern gesammelt und in die Regierungsgebäude (also wohl in Gefängnisse) gesperrt. Alle übrigen — auch diejenigen, die in den nördlicheren Stationen sich wirklich anzusiedeln begonnen hatten — seien verschwunden. Nach amtlicher Lesart seien sie nach Mossul weitergeführt (d. h. einen Weg, auf dem die wenigsten Aussicht haben, lebend ans Ziel zu gelangen), nach allgemeiner Volksmeinung aber in den kleinen Tälern südöstlich von Der-es-Zor, im Winkel zwischen Euphrat und Chaburfluß, umgebracht worden. Man habe die Armenier nach und nach in Trupps von einigen Hunderten abgeführt und von dazu bestellten Tscherkessenbanden abschlachten lassen. Diese Angaben wurden dem Offizier bestätigt von einem arabischen Augenzeugen, der gerade vom Schauplatz einer solchen Szene kam, wohin ihn die Neugier getrieben hatte. Der Mann machte auf den Offizier einen glaubwürdigen Eindruck. Er erwähnte bei seiner Schilderung, deren Einzelheiten ich übergehe, zurzeit harrten an der von ihm besuchten Stelle noch dreihundert Armenier der Abschlachtung; die Hälfte kämen noch am selben Nachmittag, der Rest in der Nacht an die Reihe.
Manche Armenier haben Unterschlupf in Araberhäusern gefunden. Zu deren Aufsuchung ist Gendarmerie aufgeboten, die förmliche Jagden veranstalten soll. Die Beute wird in Euphratkähne geladen und nach Der-es-Zor gebracht.
Die Nomaden haben nach meinem Gewährsmann jenen Winkel zwischen Euphrat und Chabur verlassen, angeblich wegen der geschilderten Vorgänge.
In Aleppo hat die Verschickung der nicht „eingesessenen“ Armenier noch keinen großen Umfang angenommen. Immerhin sind ihr bisher schon etwa 800 verfallen. Dabei wird rücksichtslos auf der Straße aufgegriffen. Einen Aleppiner Bekannten traf jener deutsche Offizier beispielsweise unterwegs in einem Trupp von 50 Leuten in Pantoffeln und Hausrock ohne jedes Gepäck; er war beim Einkauf auf dem Markte aufgehoben, ins Sammellager geführt und verschickt worden.
Auch für die hiesigen Waisenhäuser, in denen man die Waisen Verschickter gesammelt, scheint die wiederholt angedrohte letzte Stunde nunmehr geschlagen zu haben. Diese Waisenhäuser werden bekanntlich von europäischen (Schweizer und deutschen) und amerikanischen Hilfsgeldern unterhalten und von armenischen Geistlichen und (eins mit über 800 Waisen) Schwestern des Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk verwaltet. Jetzt hat die hiesige Regierung einen besonderen Kommissar für diese Waisenhäuser ernannt, der die Übernahme in türkische Verwaltung ausführen soll. Nach unter der Hand eingezogenen Erkundigungen soll diese nach folgenden Grundsätzen vor sich gehen:
Die Knaben über 13 Jahre sollen verschickt, die Mädchen über 13 verheiratet werden (natürlich an Muhammedaner). Die Kinder zwischen 10 und 13 Jahren werden, weil sie schon unter dem Eindruck des Erlebten stehen, von den jüngeren getrennt in rein türkischen Waisenhäusern untergebracht, wo sie ein Handwerk lernen sollen. Die Kinder unter 10 Jahren werden in besonderen Waisenhäusern erzogen. Das heißt mit anderen Worten: Die Knaben über 13 Jahre werden umgebracht, die Mädchen dieses Alters in die Harems gesteckt — ein auffallend hübsches 12 jähriges Mädchen wurde soeben unter Drohung von Repressalien gegen hier lebende Verwandte aus dem neben dem Konsulat gelegenen Waisenhaus weggenommen und zwangsweise an einen stadtbekannten 70 jährigen Pascha verheiratet — die kleineren Kinder dem Islam zugeführt, soweit sie die türkische Waisenhausverwaltung überstehen.
In Hama, Homs, Damaskus usw. sind, übereinstimmenden Nachrichten zufolge, in den letzten Wochen die Verschickten in Massen durch die Drohung weiterer Verschickung zum Übertritt zum Islam gepreßt worden. Dieser geht rein bürokratisch vor sich: Eingabe, und darauf Namensveränderung.
Daß die Türkei durch diese Scheinbekehrung wirklich eine Vertürkung der Armenier erreichen könnte, muß als Illusion angesehen werden. Augenscheinlich schweben den Urhebern Beispiele aus der Erobererzeit des Osmanentums vor. Sie dürften aber ihre Rechnung ohne das heute ganz anders gestärkte Rassen- und Nationalgefühl gemacht haben und ohne den abgrundtiefen Haß, der ganz natürlicherweise auch in den neuen armenischen Muhammedanern gegen das eigentliche Türkentum — den Henker ihres Volkes — weiter leben wird. Werden die muhammedanischen Armenier somit nach allem Erlebten auch im Denken und Fühlen Armenier bleiben — und sicherlich nicht nur in der gegenwärtigen Generation —, so macht sie ihre Vermummung im Islam dem türkischen Volkstum künftig nur noch gefährlicher, weil weniger kenntlich.
I. V.:
Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.
September.
298.
Kaiserliches
Konsulat Aleppo.
Aleppo, den 5. September 1916.
Die Angaben des Berichts vom 29. v. M. über die Verhältnisse der Armenierverschickung in der Gegend von Der-es-Zor sind mir inzwischen aus anderen vertrauenswürdigen Quellen im wesentlichen bestätigt worden. So berichtete mir ein soeben von dort zurückgekehrter deutscher Angestellter einer amerikanischen Firma, der gelegentlich einer Geschäftsreise die meisten dortigen Lager besucht hat, folgendes:
„Längs der Euphratstraße ziehen sich bis Der-es-Zor nur noch kleine Lager von je 1000–2000 Seelen hin. Die 20–30000 Armenier, die ich bei meiner letzten Reise in Der-es-Zor sah und die unter dem menschlich denkenden Mutessarrif aufzuatmen begannen, sind seit dessen vor einigen Monaten erfolgten Ersetzung durch den brutalen jetzigen Mutessarrif Sekki Bey, einen Tscherkessen, bis auf einige Handwerker und etwa 1200 Kinder, weiterverschickt, und zwar, wie ich hörte, in die Gegend des Flusses Chabur[136]. Dort werden sie, allgemeiner Ansicht nach, niedergemetzelt oder kommen sonstwie um. Die erwähnten 1200 Kinder sind ganz verelendet; was man sieht, trägt den Hunger im Gesicht.
Für den Unterhalt der in den Lagern Untergebrachten tut die Regierung gar nichts. Die Lager sind fast durchweg entfernt von Städten und Dörfern. Deshalb ist die Versorgung mit Nahrung selbst für den, der noch Geld hat, äußerst schwer. Sie beschränkt sich auf das, was die arabischen Bauern täglich an Brot, Melonen usw. ins Lager bringen, d. h. eine ganz unzureichende Menge. Viele leben nur von Melonen, die in jenen Gegenden reichlich wachsen und die sie mit Schale und Kernen essen. Als ich in einem kleinen Lager Brot verteilte, benahmen sich die Leute wie die wilden Tiere, ich mußte flüchten und die Verteilung durch Gendarmen vornehmen lassen. Wer kein Geld hat, verhungert. Das Papierpfund gilt 45 Piaster. Aber man weist Unterstützung in Geld sogar zurück und schreit nach Brot. Ich sah Leute, die Gerstenkörner aus dem Pferdemist zum Essen heraussuchen.
Solange die Verschickten noch Geld haben, läßt man sie in ihrem Lager. Ist es damit zu Ende, werden sie gegen Der-es-Zor abgeschoben. Dabei reißt man rücksichtslos Familien auseinander. Bei El-Hammam arbeiten 6–700 armenische Männer ohne Familien an Regierungsbauten. Auch sie sehen übrigens ganz verhungert aus.
Die Lagerinsassen setzen sich aus Angehörigen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen. Ich wurde bei meinen Besuchen vielfach auf französisch, englisch und deutsch angesprochen; auf deutsch von Zöglingen deutscher Schulen und Waisenhäuser. Viele Flüchtlinge versuchen, in andere Lager zu flüchten, die näher bei Ansiedlungen liegen und daher eher Nahrungsgelegenheit bieten. Auf solche Flüchtlinge fahnden beständig Gendarmen. Wer gefaßt wird, gilt als verloren.
Die Winterkälte wird unter den Verschickten wohl endgültig aufräumen.“
Soweit der oben erwähnte Gewährsmann.
Was das Schicksal der von Der-es-Zor weiter Verschickten angeht, die nach amtlicher Angabe nach Mossul gehen, so habe ich mich beim Konsulat Mossul erkundigt, wieviel Verschickte von Der-es-Zor in den letzten Monaten schätzungsweise angekommen seien. Nach der daraufhin erteilten Auskunft sind am 15. April vier Transporte auf zwei Wegen von Der-es-Zor abgegangen und, 19000 an der Zahl, in einem Lager am Flusse Chabur vereinigt worden. Am 22. Mai, also 5 Wochen später, sind von diesen Transporten etwa 2500, darunter auch einige hundert Männer, in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen und Mädchen ist unterwegs an die Beduinen verkauft worden; alles übrige ist durch Hunger und Durst unterwegs umgekommen.
Seit 3½ Monaten sind demnach keine neuen Transporte in Mossul angekommen. Auch diese Tatsache dürfte die Volksmeinung in Der-es-Zor und die ihr entsprechenden tatsächlichen Angaben bestätigen, daß unter der Herrschaft des neuen tscherkessischen Mutessarrifs von Der-es-Zor mit den weiter Verschickten neuerdings im Euphrat-Chabur-Winkel kurzer Prozeß gemacht wird.
Die Auflösung der hiesigen Waisenhäuser für Kinder umgekommener Verschickter hat noch nicht begonnen. Jedoch hat der Vertreter des hiesigen Verschickungskommissars der einen leitenden Schwester jetzt auch amtlich erklärt, diese Waisen würden in ein neues großes nationales Waisenhaus in Konia verbracht werden; dort würden sie selbstredend türkische Namen bekommen und als Türken (d. h. Muhammedaner) erzogen werden.
I. V.:
Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.
299.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 25. September 1916.
Ich habe heute mit Halil Bey eingehend gesprochen und ihn nachdrücklich darauf hingewiesen, daß während die früheren Verschickungen von Armeniern angesichts der damaligen militärischen Lage im Interesse der Sicherheit des Landes noch mit einem Schein des Rechts verteidigt werden konnten, die jetzt geplanten Maßregeln gegen die aus Frauen und Kindern bestehenden traurigen Reste der Armenier in keiner Weise gerechtfertigt oder entschuldigt werden könnten. Das Vorgehen der türkischen Regierung werde in der ganzen zivilisierten Welt einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der sich auch nach dem Kriege nicht so bald legen werde. Insbesondere werde die geplante Auflösung der Waisenhäuser und die Massenbekehrungen zum Islam nicht nur in Deutschland, sondern bei allen christlichen Völkern mit Recht dem schärfsten Widerspruch begegnen.
Zimmermann.
300.
86. Sitzung des Reichshaushaltausschusses am 29. September 1916.
Aufzeichnung des Staatssekretärs.
Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist, sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.
Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden, haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe geschaffen werde.
Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu brechen. Sie werden verstehen, daß wir uns dazu nicht entschließen können. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder, die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste. Sie werden mit mir übereinstimmen, daß wir so weit nicht gehen können, den Türken, die wir tatsächlich durch unsere andauernden Vorstellungen in der armenischen Frage stark verstimmt haben, noch das Bündnis zu kündigen.
Oktober.
301.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Aleppo, den 2. Oktober 1916.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Auf Befehl von Konstantinopel erfolgen in Marasch, wo von 25000 Armeniern noch etwa 4000 verblieben waren, wieder neue Ausweisungen. 120 Familien sind seit dem 18. September verschickt, weitere sollen folgen.
Rößler.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 4. Oktober 1916.
Abschriftlich
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst überreicht
W. Radowitz.
302.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Therapia, den 4. Oktober 1916.
Die in Abschrift beigefügte, vom Kaiserlichen Konsul in Aleppo hierher mitgeteilte statistische Aufzeichnung der Schwester Beatrice Rohner vom Deutschen Hilfsbunde für christliches Liebeswerk im Orient über die ihr überwiesenen 720 armenischen Waisen, verdient in mehrfacher Beziehung Beachtung. Sie gibt den ersten einigermaßen sicheren Anhalt, um die Zahl der bei der Aussiedlung umgekommenen Armenier wenigstens prozentual annähernd zu schätzen. Die 720 Pfleglinge der Schwester Rohner sind die Überreste von 3336 Personen; wenn man nun die Gesamtzahl der türkischen Armenier auf 2 Millionen und die Zahl der Verschickten auf 1½ Million veranschlagt und dasselbe Verhältnis zwischen Überlebenden und Umgekommenen wie bei den Waisen der Schwester Rohner annimmt, so gelangt man zu einer Zahl von über 1175000 von Umgekommenen und rund 325000 Überlebenden. Die bisherigen Schätzungen der Umgekommenen bewegten sich zwischen 800000 und 1 Million und scheinen nach vorstehendem nicht übertrieben.
Ein anderer Punkt, der hervorgehoben werden muß, betrifft die erschreckend große Zahl der Mütter, die einen gewaltsamen Tod gefunden haben (379), während nur 321 Väter als unnatürlichen Todes verstorben aufgeführt werden; endlich bestätigt die vorliegende Statistik die auch sonst berichtete Tatsache, daß gegen die ausdrücklichen Weisungen der Zentralregierung die Familien von Männern deportiert worden sind, die zum Militärdienst eingezogen waren; die Statistik führt nicht weniger als 246 solcher Fälle auf.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage 1.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 15. September 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich, eine von der Schwester Beatrice Rohner für den Monat August aufgestellte Statistik über die ihr infolge der Armenierverschickung unterstellten 720 Waisenkinder zur geneigten Kenntnisnahme anliegend zu überreichen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich.
Anlage 2.
Statistischer Bericht über 720 in unserem Waisenhaus befindliche Kinder im August 1916.
Heimat
Zahl
Wilajet Siwas
142
„ Erzerum
50
„ Aleppo
189
„ Adana
162
„ Angora
21
„ Kharput
34
„ Konia
11
„ Brussa
22
„ Diarbekr
30
„ Konstantinopel
3
Mesereh
9
Adiaman
3
Smyrna
1
Ismid
2
Ägypten
1
Heimat unbekannt
40
720
Väter der Kinder.
Zahl
Getötet
152
Den Entbehrungen und Strapazen
auf dem Wege erlegen
85
Im Adanamassaker umgekommen
32
Zum Militär eingezogen
107
In der Verbannung
52
Im Gefängnis
11
Noch lebend
80
In Amerika
10
Vor der Ausweisung gestorben
129
Verschollen
62
720
Mütter der Kinder.
In der Verbannung gestorben
282
Noch in der Verbannung
91
Zum Islam übergetreten
4
Lebend
97
Vor der Ausweisung gestorben
53
Kinder, die keine Auskunft über
ihre Mutter geben konnten
193
720
Konfession der Kinder.
Gregorianisch
554
Protestantisch
106
Katholiken
20
Sabbatisten
1
Konfession nicht zu ermitteln
39
720
Durchschnittsalter der Kinder 9 17/36 Jahre.
Kinder, die früher in Waisenhäusern waren: 40.
Zahl der Väter, die eines unnatürlichen Todes starben
321
„ „ „ „ „ natürlichen „ „
129
„ „ „ deren Leben gefährdet ist
170
„ „ „ die durch den Kriegsdienst von den Kindern entfernt sind
107
„ „ „ infolge der Ausweisung den Kindern verloren gingen
394
Mütter, die eines unnatürlichen Todes starben
379
„ „ „ natürlichen „ „
53
„ deren Leben gefährdet ist
91
„ „ durch Deportation den Kindern verloren gingen
474
„ „ deportiert wurden, während der Mann im Heere diente
246
Angehörige der Kinder, die während der Deportation umkamen
2616
Es blieben von 3336 Deportierten übrig: 720; also betrug Verlust:
78,5%
Kinder von 1–6 Jahren, die keine Auskunft geben konnten
126
Vollwaisen
258
Von der ganzen Familie nur zu zweit übrig geblieben
144
„ „ „ „ allein „ „
239
Beatrice Rohner.
303.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 9. Oktober 1916.
In einem Leitartikel bespricht die hiesige türkische Zeitung „Taswiri Efkiar“ im Anschluß an das Euerer Exzellenz bekannte Exposé des Komitees „Einheit und Fortschritt“ die armenische Frage und gelangt zu dem Schluß, daß die anfänglich vom Komitee eingeschlagene Politik der Vereinigung und Verschmelzung der verschiedenen Bevölkerungselemente „Bankrott gemacht“ habe, und statt dessen die „Säuberung“ des Reiches von allen nichtmuhammedanischen, d. h. von den christlichen Elementen ins Auge gefaßt werden müsse. Der Artikel dürfte die Überzeugung der ultranationalistischen Kreise ziemlich getreu wiedergeben, zum Teil sind diese Gedanken bereits in die Tat umgesetzt worden durch die Austreibung der in den östlichen Grenzprovinzen ansässigen syrischen Christen und der Griechen in einzelnen Distrikten von Kleinasien und Rumelien. Ferner verlangt wohl der Verfasser auch noch die Aussiedlung der bisher von der Aussiedlung verschonten Armenier von Konstantinopel und Smyrna.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
304.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 20. Oktober 1916.
Der türkische Reichsanzeiger (Takvimi-Vakaji) veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 1./14. d. M. ein provisorisches Gesetz, durch das den ausgesiedelten Personen in den ihnen angewiesenen Ortschaften zum Zweck ihrer Unterkunft und Niederlassung und um ihnen die Mittel zum Unterhalt zu gewähren, Wohnplätze und Ländereien aus der Kategorie der vakanten Evkaf-und Miriländereien unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Die Ministerien des Innern und der frommen Stiftungen sowie das Justiz- und Finanzministerium sind mit der Ausführung dieses Gesetzes betraut, das vom 22 Elul 1332 (5. Oktober d. J.) datiert und mit dem Tage der Veröffentlichung in Kraft tritt.
Das Gesetz steht in auffälligem Widerspruch mit den hier vorliegenden Berichten über die Behandlung, der die nach Mesopotamien geschafften Armenier in letzter Zeit ausgesetzt sind.
I. V.:
Göppert.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
November.
305.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 11. November 1916.
Am 25. September d. J. hatte mir Djemal Pascha erzählt, daß er beabsichtige, die Herren Dr. Niepage und Dr. Graeter, welche beide bis zum Juni d. J. als Lehrer an der deutschen Realschule in Aleppo tätig gewesen waren, wegen Veröffentlichungen in der Armenierangelegenheit kriegsgerichtlich verurteilen zu lassen. Dieser Tage sind nun Polizisten mehrfach in der Schule erschienen, um nach ihnen zu forschen. Offenbar wird also das Verfahren ernstlich durchgeführt[137].
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
306.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 13. November 1916.
Wie der Kaiserliche Konsul zu Smyrna meldet, haben die dortigen Behörden mit der Verschickung der armenischen Bevölkerung begonnen. Den Anlaß dazu bot der Umstand, daß angeblich vor einigen Wochen auf dem katholischen Friedhofe alte Bomben u. dgl. Material aufgefunden wurden, die von Armeniern dort versteckt sein sollen. Daraufhin forderte der Wali den armenischen Bischof bzw. die Gemeinde auf, die verdächtigen Personen zu benennen und noch vorhandene Waffen abzuliefern, der Bischof erklärte jedoch, daß ihm keine solche Personen bekannt und keine Waffen mehr versteckt seien.
Infolgedessen wurden am 8. d. M. eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen und den folgenden Tag 300 Armenier ohne Unterschied des Alters und Geschlechts mit der Eisenbahn abgeschoben; weitere Transporte sollen folgen. Die Verschickung wird vom Polizeichef von Smyrna geleitet, dem der Wali freie Hand gelassen hat.
Der zurzeit in Smyrna anwesende Marschall Liman von Sanders hat den Wali darauf aufmerksam gemacht, daß diese Massenverschickung die militärischen Interessen schädige und er daher weitere Verhaftungen und Abschiebungen nicht dulden würde.
Der Marschall schreibt folgendes: „Da derartige Massendeportationen in das militärische Gebiet hinübergreifen — Wehrpflichtige, Gebrauch der Eisenbahnen, Gesundheitsmaßnahmen, Unruhe der Bevölkerung in einer Stadt nahe vor dem Feinde etc. —, so hatte ich den Wali benachrichtigt, daß ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen und -deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den Wali, daß ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern lassen würde.
Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir zugesagt, daß sie unterbleiben würden.
Da er aber angibt, von Konstantinopel aus (Talaat Bey) dazu veranlaßt zu sein, so bin ich nicht sicher, daß nur vielleicht andere Wege gewählt werden.
Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, beläuft sich die Zahl der in Smyrna lebenden Armenier auf 6–7000, darunter die reichsten Leute der Stadt, aber auch einzelne üble Persönlichkeiten.“
Aus der Aufzeichnung des Grafen Spee füge ich folgendes hinzu:
„Die ganze Angelegenheit ist, abgesehen von der rechtlichen Vergewaltigung und den unabsehbaren Folgen für die Opfer, für die deutschen Interessen bzw. das deutsche Ansehen von größter Tragweite.
Die Maßnahmen der Regierung erfolgen in einer Zeit, zu welcher außer dem deutschen Korpskommandeur auch der Oberbefehlshaber, Marschall Liman von Sanders, in Smyrna anwesend war. Das Gerücht geht in der Stadt, daß das planmäßige Vorgehen von den Deutschen vorbereitet sei, damit sie sich der ihrem Handel unbequemen armenischen Konkurrenten auf diese Weise entledigen könnten.
Materiell wird ein direkter Schaden entstehen, da tatsächlich die armenischen Kaufleute deutsche Waren in großem Umfange abgenommen haben, die zum großen Teil noch nicht bezahlt sind. Die von den Armeniern noch zurückgehaltene Ware wird unter Anwendung des neuen Gesetzes über zurückgelassene Habe den üblen türkischen Elementen die Handhabe bieten, sich ohne weiteres in den Besitz dieser Waren gleichzeitig mit den sehr beträchtlichen Vermögen der Armenier zu setzen. Und dies alles unter dem billigen Vorwande, daß die Deutschen es gemacht haben.
Radowitz.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
307.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 17. November 1916.
Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage Abschrift einer Aufzeichnung des Marschalls Liman von Sanders über die Armenierverschickungen in Smyrna vorzulegen. Wie daraus und auch aus dem nebenbezeichneten Bericht hervorgeht, sind die gegen die Armenier gerichteten Maßnahmen auf Anordnung aus Konstantinopel getroffen worden. Der Vorwand für die Verschickungen — das angebliche Auffinden von Bomben und Waffen auf einem armenischen Friedhof — gehört zu dem schon bekannten Inventar der türkischen Behörden an solchen Vorwänden. Das Eingreifen des Marschalls ist auch deshalb zu begrüßen, weil sich in Smyrna, wie dies auch an anderen Orten vorgekommen ist, das Gerücht verbreitet hatte, die deutschen militärischen Stellen hätten die Austreibung der Armenier verlangt. Ich werde nicht verfehlen, die türkische Regierung auf den Vorfall anzureden und ihr größte Zurückhaltung in der Behandlung der Armenierfrage zu empfehlen.
Kühlmann.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Militärmission.
Konstantinopel, den 17. November 1916.
Aufzeichnung für die Kaiserliche Botschaft.
Vom 4. bis 11. November war ich zur Besichtigung der neu formierten 56. Division und der nach dem europäischen Kriegsschauplatz abzutransportierenden 16. Division in Smyrna.
Am Donnerstag, den 9. November, gegen Abend, als ich von der Besichtigung der österreichischen Batterie bei Phokia zurückkehrte, wurde mir von Konsul Graf v. Spee mitgeteilt, daß am 8. und in der vergangenen Nacht zahlreiche Armenierverhaftungen in Smyrna stattgefunden hätten und daß diese Armenier mit der Eisenbahn in das Innere des Landes abtransportiert seien.
Ich zog an verschiedenen Stellen nähere Erkundigungen ein. Es wurde mir bestätigt, daß durch die Polizei — zum Teil in rohester Weise, indem alte Frauen und kranke Kinder in der Nacht aus den Betten geholt wurden — mehrere hundert Armenier verhaftet und direkt auf die Bahn gebracht worden seien. Zwei Eisenbahnzüge voll Armenier waren abtransportiert worden. — In der Stadt herrschte große Aufregung über diese Vorgänge.
Ich schickte am 10. November morgens den Chef des Stabes der V. Armee, Oberst Kiasim Bey, zum Wali und ließ ihm sagen, daß ich derartige Massenverhaftungen und Transporte, welche in einer vom Feinde bedrohten Stadt nach verschiedenen Richtungen in das militärische Gebiet eingriffen, nicht weiter dulden würde. Sollte die Polizei trotzdem mit diesen Maßnahmen fortfahren, so würde ich sie mit Waffengewalt durch die mir unterstehenden Truppen verhindern. Ich gab dem Wali bis zum Mittag dieses Tages Zeit, sich zu entscheiden.
Den Kommandierenden General in Smyrna, Königlich Preußischen Oberst Trommer, der die Vorgänge bereits kannte, verständigte ich durch Major Prigge von obiger Mitteilung und den eventuell zu treffenden Maßnahmen.
Gegen 1,30 Uhr nachmittags kam Major Kiasim Bey vom Wali, der in Burnabad war, zurück und meldete mir, daß die Verhaftungen und Transporte eingestellt worden seien und unterbleiben würden.
Am Nachmittag des Tages kam der erste Departementschef des Wali — Kara Biber Bey — zu mir, und hatte ich ausführliche Rücksprache über die Angelegenheit mit ihm.
Am selben Abend kamen 3 Griechen aus Urla bei Smyrna (ca. 25000 griechische Einwohner) zu mir und zeigten mir mit Bitte um Hilfe an, daß die 10 angesehensten und reichsten Notabeln in Urla durch 30 dorthin entsandte Gendarmen ohne Verhör verhaftet und in das Smyrnaer Gefängnis verbracht worden seien.
Am 11. November vormittags war ich zu Besichtigungen in Urla, fand die Tatsache bestätigt und erhielt vom Abschnittskommandeur nähere Meldung.
Am 11. November nachmittags suchte mich der Wali persönlich auf. In einer langen Rücksprache setzte mir der Wali die Gründe für die Massenverhaftungen der Armenier auseinander. Ich konnte diese Gründe, die auf ganz unzureichenden Grundlagen beruhten, nicht billigen und betonte, daß die militärische Lage die größte Ruhe in der zum größten Teil von Griechen bewohnten Stadt Smyrna unbedingt erfordere.
Ich erklärte dem Wali, daß ich hier als Oberbefehlshaber in meinem Bezirk Verschickungen nicht dulden dürfe, ohne die Ruhe zu gefährden. Er könne sich auf mich berufen. Er sagte dies zu und versprach mir, schriftlich Nachricht zu geben.
Ebenso veranlaßte ich sofortige Untersuchung über die scheinbar unschuldig verhafteten Einwohner von Urla.
Am Abend reiste ich ab. Der Wali war an der Bahn.
Kurz nach meiner Rückkehr nach Panderma erhielt das Oberkommando Schreiben des Wali, worin mitgeteilt wurde, nach welchem Ort die Armenier verbracht worden seien, und in dem erklärt wurde, daß die unschuldig Befundenen nach Smyrna zurücktransportiert werden würden.
Liman von Sanders,
Königl. Preuß. General der Kavallerie.
308.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. November 1916.
An das Auswärtige Amt.
In Smyrna sind die Armenierverschickungen inzwischen sistiert. Angelegenheit ist damit erledigt.
Kühlmann.
Dezember.
309.
von Scheubner-Richter.
z. Zt. München, den 4. Dezember 1916.
Unter ergebenster Bezugnahme auf meinen Bericht vom 5. August 1915 aus Erzerum und den daraufhin erfolgten, meine Stellungnahme zur Armenierfrage anerkennenden Erlaß Euerer Exzellenz, dessen Inhalt mir unter dem 28. Oktober 1915 durch die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel nach Mossul übermittelt wurde, erlaube ich mir ganz gehorsamst folgendes zu unterbreiten:
Bei meinem Bestreben, noch in letzter Stunde zu versuchen, die Anbahnung eines Modus vivendi zwischen den sich mit dieser Frage befassenden Vertretern des türkischen Komitees und den Armeniern herbeizuführen, ging ich von der Voraussetzung aus, daß ich in dem mit mir nach Aserbeidschan und dem Ostkaukasus gehenden Generalinspektor des türkischen Komitees für Einheit und Fortschritt, Omer Nadji, den ich persönlich gut kannte, Unterstützung finden würde, da ich wußte, daß er die rigorosen Maßnahmen der übrigen Komiteemitglieder nicht billigte. Mit Recht befürchtete er, daß dieses Vorgehen eine ungünstige Wirkung auch auf die Führer der kaukasischen Partei Fidai ausüben würde.
Ich hoffte ihn bei unserer gemeinschaftlichen Reise von der Unsinnigkeit der Maßnahmen gegen die Armenier noch weiter zu überzeugen. Außerdem rechnete ich darauf, daß meine Anwesenheit zum mindesten verhüten werde, daß die Omer Nadji zur Verfügung gestellten Truppen, unter dem Einfluß einiger anderer mit uns reisender Komiteemitglieder, unter denen mir einer als einer der Anstifter der Armeniermassakers im Wilajet Trapezunt bekannt war, dazu mißbraucht werden würden, ähnlich wie die Truppen Halils, in Nordpersien Christenmassakers zu inszenieren.
Diese meine Voraussetzungen haben mich, wie ich mit Befriedigung feststellen kann, nicht getäuscht.
Omer Nadji selbst war froh, in mir, als deutschem Offizier, eine Stütze für seine maßvolle Haltung gegenüber den anderen Komiteemitgliedern zu finden.
Der grauenvolle Anblick der erschlagenen Armenier in den verwüsteten Dörfern der von uns durchzogenen Gebiete bis Bitlis verfehlte auch auf die anderen Herren seine Wirkung nicht. Es war ihnen sichtbar unangenehm, daß ich und meine deutschen Begleiter Zeugen dieses Wirkens ihrer Gesinnungsgenossen wurden, und versuchten sie wiederholt durch Erklärungen, die alle Schuld den Kurden beimaßen, den von uns empfangenen üblen Eindruck abzuschwächen.
Ich konnte in einzelnen Fällen, so z. B. in Bitlis, den noch dort zurückgebliebenen armenischen Frauen und Kindern, deren sich amerikanische Missionarinnen angenommen hatten, Erleichterungen verschaffen und auch den letzteren Hilfe gewähren.
Nicht unerwähnt möchte ich folgenden charakteristischen Vorfall lassen:
Auf dem Wege nach Mossul, der uns in den neugeschaffenen Befehlsbereich der 6. Armee führte, erhielten Omer Nadjis und meine Abteilungen den Befehl, ein Armenierdorf bei Hesak, in dem sich angeblich aufständische Armenier verschanzt hatten, zu stürmen und zu bestrafen. Ich erfuhr rechtzeitig, daß die angeblich „Aufständischen“ Leute waren, die sich aus Furcht vor einem Massaker verschanzt hatten und gern bereit wären, ihre Waffen auszuliefern, wenn ihnen nur ihr Leben zugesichert würde.
Ich entzog mich dem mir drohenden Konflikt dadurch, daß ich die mir unterstellten Deutschen, Offiziere und Mannschaften, nach Mossul berief und den Befehl über die türkischen Mannschaften einem meiner türkischen Offiziere übergab, mit der Motivierung, daß es sich um eine „innertürkische“ Angelegenheit handele und ich es daher nicht für angebracht halte, daß Deutsche hierbei den Befehl über „Gendarmeriedienst“ tuende türkische Truppen führten. Mein Verhalten fand die Billigung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz.
Auch von türkischer Seite wurde dasselbe anerkannt. Die dabei zutage tretende Enttäuschung legt die Vermutung nahe, daß es sich bei diesem mir erteilten Befehl um einen Versuch Halil Beys handelte, mich und die mich begleitenden Deutschen, in uns kompromittierender Weise in die Armenierangelegenheit hineinzuziehen[138].
Die später erfolgte Zuteilung meiner Abteilung zur neugeschaffenen Gruppe Mossul und meine dadurch bedingte militärische Unterstellung unter das Kommando des Wali von Mossul, Haidar Bey, legte mir naturgemäß größere Zurückhaltung in bezug auf das Eingreifen in armenische Fragen auf.
Trotz der Schwierigkeit meiner Stellung konnte ich aber auch hier bewirken, daß während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit bei den in Nordpersien operierenden türkischen Truppen Fälle von Massakern oder außergewöhnlichen Bedrückungen der dortigen orientalischen Christen nicht vorgekommen sind.
Besonders möchte ich hervorheben, daß es mir im Verein mit Omer Nadji gelungen ist, bei der Eroberung von Sautschbulag, die dortige nicht muhammedanische Bevölkerung, einschließlich der Parteigänger Rußlands, vor Niedermetzelung und Vergewaltigungen zu schützen, wie sie bei früheren Besetzungen der Stadt durch türkische Truppen bzw. Freischärler stattgefunden hatten.
Dieses ist auch von dem in Sautschbulag lebenden amerikanischen Missionar Fossum und der deutschen Missionarin Meta v. d. Schulenburg anerkannt worden.
Aus Gefangenenaussagen und anderen an mich gelangten Nachrichten konnte ich aber feststellen, daß das diesmalige maßvolle Verhalten der türkischen Truppen auf gegnerischer Seite Erstaunen hervorgerufen und somit geeignet gewesen ist, den schlechten Eindruck früherer türkischer Offensiven in Nordpersien und Ostkaukasus wenigstens zum Teil zu verwischen.
Das Vordringen der russischen Truppen im Mai dieses Jahres, wodurch die schwachen türkischen Kräfte zurückgehen mußten, sowie meine anderweitige militärische Verwendung, setzten meinen diesbezüglichen Bestrebungen ein vorläufiges Ende.
Ich bitte gehorsamst, im Anschluß hieran noch auf folgendes hinweisen zu dürfen:
Die in meinem Bericht aus Erzerum ausgesprochene Befürchtung, daß die Aussiedelung der Armenier ihrer Vernichtung gleichkommen werde bzw. dieselbe bezwecken sollte, hat sich leider bewahrheitet. Was von den Ausgesiedelten dieses Volksstammes noch in Mesopotamien lebt, befindet sich in einem trostlosen Zustande. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man ausspricht, daß die türkischen Armenier mit Ausnahme einiger Hunderttausender in Konstantinopel und anderen größeren Städten Lebender so gut wie ausgerottet sind.
Es würde zu weit führen, wollte ich auf die Ursachen der Ausrottung der Armenier und die politischen und wirtschaftlichen Folgen dieser Maßnahme für die Türkei eingehen.
Dieses Kapitel ist fürs erste leider abgeschlossen, und kann sich unsere Fürsorge und unser Interesse nur noch auf die Erleichterung der Lage der sich in Mesopotamien befindenden Überlebenden erstrecken.
Ich halte mich aber andererseits für verpflichtet, die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz noch auf nachstehendes zu lenken: Eine Reihe von Gesprächen mit maßgebenden türkischen Persönlichkeiten hinterließ bei mir folgende Eindrücke:
Ein großer Teil des jungtürkischen Komitees steht auf dem Standpunkt, daß das türkische Reich nur auf rein muhammedanischer, pantürkistischer Grundlage aufgebaut werden muß. Die nichtmuhammedanischen und nichttürkischen Bewohner desselben müssen gewaltsam muhammedanisiert und türkisiert, wo das nicht angängig, vernichtet werden.
Zur Verwirklichung dieses Planes scheint diesen Herren die jetzige Zeit die geeignetste.
Als erster Punkt ihres Programms kam die Erledigung der Armenier.
Für die mit der Türkei im Bündnis stehenden Mächte wurde eine angeblich vorbereitete Revolution der Partei der Daschnakzagan vorgeschützt. Lokale Unruhen und Selbstschutzbestrebungen der Armenier wurden außerdem aufgebauscht und zum Vorwand genommen, die Aussiedelung der Armenier aus bedrohten Grenzgebieten zu motivieren. Unterwegs wurden die Armenier auf Anstiftung des Komitees von kurdischen und türkischen Banden, stellenweise auch von Gendarmen, ermordet.
2. Etwa zu gleicher Zeit wurden die Nestorianer im östlichen Kurdistan durch türkische Truppen von Mossul nach tapferer Gegenwehr aus ihren Wohnsitzen vertrieben und zum Teil vernichtet. Ihre Felder und Wohnstätten wurden verwüstet. Die Überlebenden flüchteten zu den Russen und kämpfen jetzt in deren Reihen gegen die Türkei.
3. Der Feldzug Halil Beys nach Nordpersien hatte Massakrierung seiner armenischen und syrischen Bataillone und Vertreibung der armenischen, syrischen und persischen Bevölkerung aus Nordpersien zur Folge und hinterließ eine große Erbitterung gegen die Türken.
4. An eine Abrechnung mit den Arabern wird ebenfalls gedacht, doch die im Augenblick ungünstige militärische Lage ließ den Zeitpunkt dafür noch nicht für gekommen erscheinen. Inzwischen versuchte man durch starke Rekrutierung der Araber und Entsendung arabischer Truppen in mangelhaftester Ausrüstung in klimatisch ungünstige Gegenden (Winterfeldzug 1914 Erzerum, 1915 Nordpersien) einen geeigneten Ersatz zu finden.
5. In lächerlicher Überschätzung der Kraft und der Fernwirkung pantürkischer Ideen, und in Unterschätzung des Einflusses der kaukasischen Armenier, glaubt man die Muhammedaner des Kaukasus für einen Anschluß an die Türkei und zu einem Aufstand gegen Rußland gewinnen zu können, und nur langsam dämmert die Erkenntnis, daß durch das Vorgehen gegen die Armenier und das Verhalten türkisch-kurdischer Freischärler in den kaukasischen Grenzgebieten dieser Plan stark an Wahrscheinlichkeit eingebüßt hat. Die deutsche Verständigung mit den Kaukasiern wird ungern gesehen und vielfach gehindert.
Meine Eindrücke in bezug auf die Frage des Verhältnisses der Türken zu den anderen dort lebenden Nationen zusammenfassend (die ich bis Ende August 1916 gewonnen habe), möchte ich, im Hinblick auf die Zukunft, folgendes ausführen:
Es erscheint mir nicht ausgeschlossen, daß im Bereich der 6. Armee der Versuch gemacht werden wird, zur Hebung der Stimmung der auf türkischer Seite kämpfenden Kurden, ihren Fanatismus erneut anzufachen und ihnen freie Hand gegen die dortige christliche Bevölkerung zu geben.
Ein ähnliches Ausspielen der sunnitischen Kurden gegen die schiitischen Perser könnte unter Umständen in Nord- und Mittelpersien stattfinden und dadurch, abgesehen von den wirtschaftlichen Folgen, einen dauernden Gegensatz zwischen den Beteiligten hervorrufen.
Ich habe schließlich den Eindruck gewonnen, daß ein schärferes Auftreten gegen die rigorosen Bestrebungen des jungtürkischen Komitees, wo wir die Macht dazu haben, unserem Ansehen dienen dürfte und uns die Sympathien, nicht nur der Nichtmuhammedaner und Araber, sondern auch der Alttürken und der derzeitigen Minderheit der Jungtürken eintragen würde.
Bei der Unsicherheit der türkischen politischen Verhältnisse erscheint es mir nicht unangebracht, die Stimmung dieser in der Provinz Einfluß habenden Kreise in Rechnung zu ziehen.
Wenn wir, die Türken, in diesem Kampf um die Existenz des osmanischen Reiches verbluten, so soll es auch keine anderen Nationen in demselben mehr geben: dieser Ausspruch eines jungtürkischen Politikers kennzeichnet am besten den Standpunkt der jungtürkischen Komiteekreise. Die, meist aus Mangel an Organisation und Voraussicht immer mehr auftretende Schwächung des reinen Türkentums (der Anatolier) zieht in logischer Konsequenz auch die gewaltsame Vernichtung der anderen in der Türkei lebenden Nationen nach sich.
Diesem Vernichtungsprozeß unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden und ihm auch entgegenzuwirken, scheint mir in unserem politischen und wirtschaftlichen Interesse geboten.
v. Scheubner-Richter.
An Seine Exzellenz den Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg, Berlin.
310.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 25. Dezember 1916.
In einem Bericht des Verwesers des Kaiserlichen Generalkonsulats in Jerusalem ist u. a. davon die Rede, daß nach zuverlässigen Nachrichten und entgegen allen türkischen Ableugnungsversuchen die gewaltsamen Islambekehrungen unter den verschickten Armeniern fortgesetzt werden. Die gleiche Nachricht ist auch auf anderen Wegen hierher gedrungen und hat in weiten Kreisen der deutschen Christen berechtigte Empörung hervorgerufen.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, die Angelegenheit erneut mit gebührendem Ernste bei der Pforte zur Sprache zu bringen und ihr zu bedeuten, daß sie durch Duldung zwangsweiser Bekehrungen zum Islam nicht nur ihre Stellung bei den Friedensverhandlungen erschwere, sondern den Mächten auch für die Zukunft eine neue Handhabe zur Einmischung in innere türkische Verhältnisse bieten würde. Als christliche Macht und als Bundesgenosse, dem die innere Kraft und Unabhängigkeit der Türkei am Herzen liegt, können wir unseren türkischen Freunden nur dringend raten, für schnelle und gründliche Abhilfe zu sorgen.
Zimmermann.
Seiner Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Geschäftsträger
Herrn Göppert, Pera.