1917

Januar.

311.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Notiz.

Pera, den 4.1.17.

Inhalt der Anlage mit Halil Bey besprochen.

Er versprach, bei Enver Pascha und Talaat Bey dahin zu wirken, daß die Zwangsbekehrungen sofort aufzuhören hätten. Den Übergetretenen die Rückkehr zum christlichen Glauben schon jetzt zu ermöglichen, sei nicht wohl angängig und nicht praktisch, da dies neue Verschickungen zur Folge haben könnte. Nach dem Kriege werde das ebenso möglich sein, wie nach den Armenierverfolgungen zu Abdul Hamids Zeiten.

Göppert.

Anlage.

Péra, le 4 janvier 1917.

Le Gouvernement Allemand apprend de sources dignes de foi que, contrairement aux démentis officiels, on continue de forcer les Arméniens dans les provinces à renier la foi chrétienne et à embrasser l’islamisme. Les nouvelles de ces faits s’étant répandues en Allemagne les milieux chrétiens s’en sont émus à juste titre et ce n’est qu’à grande peine que le Gouvernement Allemand a réussi à empêcher, jusqu’à présent, la discussion publique de cette question; cependant, il ne peut ne pas tenir compte des nombreuses démarches faites auprès de Mr. le chancelier de l’Empire et auprès du Département des Affaires Etrangères à l’effet de faire cesser ces persécutions et de donner aux personnes converties de force la faculté de rentrer dans la foi chrétienne après le rétablissement de la paix.

Le Gouvernement Allemand, en sa qualité de puissance chrétienne, ne peut que regretter et désapprouver des actes de violence qui sont contraires aux principes de la liberté de conscience, principes qui ont été toujours observés en Turquie et qui, d’ailleurs, ont été consacrés dans un article spécial de la constitution Ottomane. De même, il est d’avis que les persécutions des Arméniens Chrétiens sont de nature à créer au Gouvernement Ottoman de sérieuses difficultés lors de la discussion des conditions de paix, et il prévoit que les puissances de l’entente en profiteront à l’avenir pour s’ingérer dans les affaires intérieures de l’Empire.

Le Gouvernement Allemand guidé par le sincère désir de contribuer à l’affermissement de l’indépendance nationale de l’Empire Ottoman, a cru de son devoir de communiquer au Gouvernement Ottoman sa manière de voir au sujet d’une question qui, dans ce sens, intéresse également les deux Gouvernements alliés. En même temps, il aime à espérer que le Gouvernement voudra bien prendre les mesures nécessaires pour mettre fin à des incidents qui ne peuvent être justifiés ni par les intérêts militaires ni par des motifs d’ordre public.

312.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 5. Januar 1917.

An Auswärtiges Amt.

Antwort auf Erlaß vom 25. Februar.

Halil Bey versprach dahin zu wirken, daß Zwangsbekehrungen sofort ein Ende gemacht werde. Sofortige Rückkehr der zwangsweise Bekehrten zum Christentum sei nicht opportun, doch werde sich diese Frage nach Friedensschluß voraussichtlich befriedigend lösen lassen.

Göppert.

313.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 26. Januar 1917.

In einem längeren Auszuge, den die in New York erscheinende griechische Zeitung „Atlantis“ aus einer Veröffentlichung des Lord Bryce gebracht hat (Ausgabe vom 7. November v. J.), wird u. a. behauptet, daß bei der Niedermetzelung der armenischen Bevölkerung von Musch im Juli 1915 ein nicht näher bezeichneter deutscher Offizier eine aktive Rolle gespielt habe.

Hierüber wird folgendes gesagt:

„Die Türken hatten unter allerlei Vorwänden einige 5000 Armenier aus den umliegenden Dörfern beim Kloster Surb Karabet in Musch gesammelt, die sie dann vor den Mauern des Klosters niedermachten. Bevor das Gemetzel begann, stieg ein deutscher Offizier auf die Mauer und warf den Armeniern vor, daß die türkische Regierung den Armeniern stets viel Gutes erwiesen und große Vorrechte verliehen habe, daß aber die Armenier, hiermit nicht zufrieden, nach Autonomie gestrebt hätten. Darauf feuerte er seinen Revolver ab und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Gemetzel usw.“

Über die Vorgänge in Musch lagen hier die Angaben der Schwester Alma Johansson vom Deutschen Hilfsbunde für christliches Liebeswerk im Orient vor, welche sich in den kritischen Tagen an Ort und Stelle befunden hat[139]; sie hat in ihrer Erzählung dieser Ereignisse mit keiner Silbe die Anwesenheit eines deutschen Offiziers bei den türkischen Truppen erwähnt, und es ist nicht anzunehmen, daß sie keine Kenntnis davon erhalten, oder, wenn sie davon gehört, es hier verschwiegen hätte. Durch weitere Nachfrage bei der hiesigen Militärmission ist dann noch festgestellt worden, daß Deutsche im Juli 1915 bei den Ereignissen in und bei Musch nicht zugegen waren.

Die Angaben des Lord Bryce über die Beteiligung eines deutschen Offiziers an den fraglichen Ereignissen beruhen also auf Erfindung.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

Februar.

314.

Deutscher Hilfsbund für christliches
Liebeswerk im Orient, E. V.

Abschrift
eines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.

Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.

Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch sehen, was ich schreiben kann.

Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an die Amerikaner in Kharput — die Türken sollen sich teilweise schon auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung, dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! — Da wir am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bis heute ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben, der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier, der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus, geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus. Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein, sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen, die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen die Schlüssel abgeliefert waren — es war am 24. Januar —, steht Elim bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser genug, sondern es war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von diesen Unterstützungen.

Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d. h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten, in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen, zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf gebracht.

315.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 14. Februar 1917.

Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats, welcher im Einverständnis mit der türkischen Regierung vor kurzem zur Verteilung von Notstandsgeldern an die verschickten Armenier ausgesandt wurde, ist zurückgekehrt und berichtet folgendes: Er hat in Rakka 20000 Kilo Getreide angekauft, die durch den Vertreter der amerikanischen Süßholzgesellschaft gemeinsam mit 2 türkischen Beamten zu verteilen sein werden, und hat 4500 Ltq. verteilt, indem er persönlich jedem einzelnen der 600 Verschickten wenigstens eine Viertelpfundnote, zum Teil mehr, ausgehändigt hat. Trotzdem ist er der Ansicht, daß ein sehr großer Teil davon dem Hunger und der Entbehrung erliegen muß. Denn es herrscht jetzt nicht nur unter den Armeniern, sondern auch unter der Bevölkerung von Rakka selbst Hunger, so daß die Verteilung von Nahrungsmitteln durch die Regierung an die Vertriebenen fast ganz aufgehört hat. 160–175 Kilo Weizen kosten 500 Piaster Hartgeld oder nicht ganz das Dreifache in Papiergeld, so daß also ein Kilo Weizen auf ungefähr 2 Mk. zu stehen kommt. Die Vertriebenen wohnen dicht gedrängt. Ihre Kleidung ist zerlumpt, Typhus ist unter ihnen ausgebrochen, so daß die Zahl der täglichen Todesfälle gegenwärtig 20 beträgt.

An manchen Stellen des Weges werden die Reste der Armenier zu Straßen-, Brücken- und Häuserbauten verwendet, so:

in Nahr Dahab (35 km vor Aleppo)

172

in Der Hafir (50 km  „    „   )

180

Meskene

600

außer denen in der Nähe noch 300 Unbeschäftigte im elendesten Zustande vorhanden sind,

Sabkha (zum Teil beschäftigt)

2000

Dazu kommen, wie schon aufgeführt (unbeschäftigt),

in Rakka

6000

in Siaret bei Rakka (unbeschäftigt)

400

und in Urfa infolge Zuzuges aus Rakka

2500

In Urfa sind sie jetzt verhältnismäßig gut und sicher aufgehoben. Man hat sie dorthin geholt, um die notwendigsten Handwerker zu haben.

Der Beauftragte des amerikanischen Konsulats war der in früherer Berichterstattung bereits genannte Deutsche Bernau, der jetzt bei Rückkehr von seiner Reise die Nachricht vom Abbruch der Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland vorfand und infolgedessen seine Stellung am amerikanischen Konsulat niederlegt. — Über Sabkha hinaus nach Süden ist er diesmal nicht gekommen.

In Aleppo hat die Regierung am 13. d. M. auf Befehl Djemal Paschas aus den von der Schwester Beatrice Rohner geleiteten Waisenhäusern 70 Knaben genommen, um sie in ein Regierungswaisenhaus auf dem Libanon zu verbringen, wo sie mit Kindern muhammedanischer Flüchtlinge aus Ostanatolien zusammen erzogen werden sollen. Weitere derartige Verteilungen auf Regierungswaisenhäuser sind in Aussicht genommen. Die Armenier sollen auf diese Weise zu vaterlandsliebenden Osmanen und, wie die offene oder stillschweigende Voraussetzung ist, zu Muhammedanern gemacht werden. Es ist schwer, hierbei die Erinnerung an die Rekrutierung der Yanitscharen zu unterdrücken. Dem gegenwärtigen Versuch muß man wohl skeptisch gegenüberstehen. Die meisten armenischen Knaben werden weglaufen, diejenigen, welche in die Regierungswaisenhäuser kommen, werden dort vor die Frage gestellt werden, ob sie den Islam annehmen wollen. Lehnen sie ab, und versagen Zwangsmittel, so werden sie auf die Straße gejagt werden und verkommen. Nur die wenigsten werden dort heranwachsen. Der mit der Verteilung auf die Regierungswaisenhäuser beabsichtigte positive Zweck wird also nicht erreicht werden, nur wird die Zahl heranwachsender junger Armenier erneut erheblich vermindert sein.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

316.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 16. Februar 1917.

Der Vorsitzende der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, hat im Interesse wirksamerer Fürsorge für die deportierten Armenier gebeten, den anliegenden Fragebogen[140] von den zuständigen deutschen konsularischen Vertretern ausfüllen zu lassen.

Euere Exzellenz wollen die Fragebogen den in Betracht kommenden Kaiserlichen Konsulaten mit entsprechender Weisung zugehen lassen und für tunlichst beschleunigte Erledigung Sorge tragen.

Zimmermann.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
i. a. M. Herrn von Kühlmann, Pera.

317.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 16. Februar 1917.

Das Kabinett Talaat Pascha hat sich gestern offiziell der Kammer vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit hat der neue Großwesir programmatische Erklärungen abgegeben, die mir von prinzipieller Wichtigkeit scheinen und in der inneren Geschichte der Türkei einen neuen Wendepunkt bilden.

Wie ich bereits vor einiger Zeit Euerer Exzellenz zu berichten die Ehre hatte, gewann innerhalb der einflußreichen Kreise eine gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen, vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere Politik für die Türkei verlangte. Die Türkei ist durch die vielen fremden Elemente in ihrer Mitte ein von jedem anderen europäischen Staate wesentlich unterschiedenes Gebilde. Die Versuche, durch versöhnliches Entgegenkommen die fremden Bestandteile im ottomanischen Staatskörper zu einem wirklichen ottomanischen Patriotismus und damit zur freiwilligen überzeugten Mitarbeit am türkischen Staatsleben zu erziehen, haben immer wieder abgewechselt mit Perioden, in denen durch Druck und Ausrottungsbestrebungen die dem Staate so nötige Einheit der Zusammensetzung erzwungen werden sollte.

Sultan Abdul Hamid war in der letzten Zeit seiner Regierung durch die berüchtigten Armeniermassakers in der Richtung einer schonungslosen Ausrottungspolitik soweit gegangen, daß selbst in dem an Blutvergießen gewöhnten Orient ein Schauder durch alle Gemüter ging. Das Komitee, in allen Stücken trachtend, eine der Sultanpolitik entgegengesetzte Haltung einzunehmen, schrieb im Anfang seiner Wirksamkeit Zusammenfassung aller in der Türkei lebenden Körperschaften zu freier und freiwilliger Mitarbeit im Staate auf seine Fahnen und konnte im Anfange seiner Tätigkeit fast alle dissentierenden Elemente — Araber, Armenier und Griechen —, wenn auch nur für kurze Zeit, unter einen Hut bringen. Das Fortbestehen der separistischen Treibereien unter den Armeniern und die während des Balkankrieges, als die Türkei dem Zusammenbruche nahe schien, aufs neue klar hervortretende, vaterlandsverräterische Gesinnung weiter nichttürkischer Kreise aber führte zu einem Umschwunge und zu einem vollständigen Siege der türkisch-nationalistischen Richtung im Komitee.

Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch dem griechischen Elemente gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das Resultat dieser politischen Richtung gewesen.

Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.

Im vertrauten Gespräche habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen zu rechnen. Den Armeniern soll (damit will man aber erst in einiger Zeit hervortreten) die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.

Die wilde nationalistische Richtung ist natürlich noch nicht tot. Die fähigen und rücksichtslosen Köpfe, die sie vertreten haben, werden sich bei ihrer zeitweiligen Niederlage nicht beruhigen. Auch darauf, daß nun, wie mit einem Zauberschlage, die Klagen aus verschiedenen Provinzen über Bedrückungen und Verfolgungen einzelner Verwaltungsbeamten völlig verstummen, ist nicht zu rechnen. Aber die Erfahrung lehrt doch, daß die in Konstantinopel ausgegebene Parole im großen ganzen in der Provinz befolgt wird; um so mehr, wenn die Parole nicht das Ergebnis fremden Drucks auf die Zentralregierung ist, sondern der freien Entschließung der türkischen Machthaber entspricht. Dies ist zum Glück dieses Mal der Fall.

Zweifellos wird die Stellungnahme Talaat Paschas in seiner gestrigen Rede für geraume Zeit hinaus richtunggebend bleiben. Dies ist, meiner Ansicht nach, für uns und die Sache des deutsch-türkischen Bündnisses ein großer Gewinn. Denn auf Seiten all unserer Feinde bestand das Bestreben, uns für die blutigen Ausschreitungen des türkischen Nationalismus verantwortlich zu machen. Andererseits bildeten die häufigen Einmischungsversuche, zu denen uns humanitäre Erwägungen gegenüber diesen Maßnahmen veranlaßten, eine Quelle ständiger Reibung mit der türkischen Regierung. Auch unserer Öffentlichkeit gegenüber ist das Bündnis mit einer gemäßigten, auch im Innern nach modernen Grundsätzen arbeitenden Türkei leichter zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, als mit einem ausgesprochen ottomanisch-nationalistischen Gebilde.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler.

318.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 24. Februar 1917.

Talaat Pascha bestätigte mir persönlich, daß er in allen Fragen der Nationalitätenpolitik einen neuen Kurs zu steuern beabsichtige. Er habe sowohl den katholischen, als den ökumenisch armenischen Patriarchen zu sich kommen lassen und ihnen gesagt, die armenische Bevölkerung könne sicher sein, daß ihre verfassungsmäßigen Rechte nicht angetastet werden. Was die vorige Regierung unter dem Zwange militärischer Notwendigkeit habe veranlassen müssen, solle nach Möglichkeit wieder gut gemacht werden. Entsprechende Befehle seien an alle Provinzialbehörden ergangen.

von Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

319.

Deutscher Hilfsbund für christliches
Liebeswerk im Orient, E. V.

Frankfurt a. M., den 28. Februar 1917.
Fürstenbergerstraße 151.

Herrn Geh. Legationsrat von Rosenberg, Berlin

Auswärtiges Amt.

Unsere Schwester Beatrice Rohner meldet mir heute telegraphisch aus Aleppo, daß die unter ihrer Obhut stehenden armenischen Waisenkinder verteilt würden. Ich möchte Sie nun herzlich bitten, durch die Botschaft bei dem Deutschen Konsulat in Aleppo anfragen zu lassen, was das Schicksal dieser Kinder für die Zukunft sein wird, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir dann ebenfalls auf telegraphischem Wege Mitteilung zukommen ließen[141].

F. Schuchardt.

März.

320.

(Auswärtiges Amt.)

Berlin, den 1. März 1917.

Telegramm.

An Deutsche Botschaft, Pera.

Auf Grund eines Telegramms der Schwester Beatrice Rohner aus Aleppo, daß die ihr anvertrauten armenischen Waisenkinder verteilt würden, bittet Deutscher Hilfsbund durch Konsulat Aleppo festzustellen, was mit den Kindern geplant ist.

Anheimstelle, wenn möglich, die günstigen Dispositionen des neuen Großwesirs zugunsten der Kinder zu verwerten.

v. Stumm.

321.

Auswärtiges Amt.

3. März 1917.

Aufzeichnung.

Die zwischen Missionsdirektor Schreiber als Wortführer der deutschen Armenierfreunde und dem Kriegsarbeitsamt geführten mündlichen Verhandlungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß die von der Einberufung nach der Türkei bedrohten in Deutschland befindlichen Armenier — es handelt sich um 50–60 Mann — im Zivilhilfsdienst untergebracht werden und dadurch zunächst von der Abschiebung nach der Türkei gesichert sind. Wie Direktor Schreiber mitteilt, hat Oberst von Braun, der die Verhandlungen seitens der Militärbehörden führte, für die politische Seite der Frage volles Verständnis gezeigt.

Rosenberg.

322.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 7. März 1917.

An Auswärtiges Amt.

Antwort auf Telegramm vom 1. März.

Türkische Regierung hatte bereits im Dezember 1915 Schwester Rohner eröffnet, daß ihr die Waisenkinder nur zeitweilig übergeben seien; sie werden nunmehr auf Befehl Ministers des Innern verteilt; 70 sind Mitte Februar nach dem Libanon übergesiedelt, 400 sollten am 5. März mit Eisenbahn Reise nach verschiedenen Ortschaften Kleinasiens antreten. Einige 350 fanden bei entfernten Verwandten Unterkunft. Bericht Konsul Rößlers eintrifft demnächst.

Kühlmann.

323.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 8. März 1917.

Abschriftlich

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn v. Kühlmann, Konstantinopel,

zur gefälligen Kenntnis übersandt.

Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat.

Artikel des Retsch Nr. 24 vom 26. 1./8. 2. 17:

Am 25. Januar a. St. stattete eine aus angesehenen Vertretern der einheimischen armenischen Bevölkerung bestehende Deputation der Stadtduma von Petersburg einen Besuch ab und übergab dem Stadtoberhaupt im Namen des Katholikos aller Armenier, Kework, eine Dankesadresse für die von der Duma erwiesene Unterstützung der armenischen Bevölkerung. Das Schriftstück ist an das ehemalige Stadtoberhaupt Graf J. J. Tolstoi gerichtet, der an der Spitze eines Komitees zur Unterstützung der Armenier stand und darin eine wirksame Tätigkeit entfaltete. Der Patriarch schreibt in seiner Adresse u. a. folgendes: Euerer Erlaucht ist die Vergangenheit und Zukunft des armenischen Volkes bekannt. Von jeher hat die türkische Regierung meinem Volke jegliche Menschenrechte verweigert. Leben, Ehre und Vermögen der Armenier blieben nicht vor den grausamsten Vergewaltigungen verschont, und so konnte mein Volk nie frei denken und nie ruhig für den nationalen Fortschritt und Wiederaufbau arbeiten. Jetzt aber werden die unglücklichen Söhne meines Volkes noch schonungsloser unterdrückt und verfolgt, unbewaffnet und wehrlos sind sie den räuberischen Kurden und türkischen Beamten ausgeliefert, von denen nicht einmal Frauen und unschuldige Kinder verschont werden; die Kinder werden gewaltsam zum muhammedanischen Glauben bekehrt. Und diese an der wehrlosen christlichen Bevölkerung vollzogenen Greueltaten werden damit entschuldigt, daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren. In der Stunde der großen Prüfung des armenischen Volkes haben Euere Erlaucht zusammen mit den würdigen Vertretern der Petersburger Stadtverwaltung geruht, 50000 Rubel zu gunsten der armenischen Flüchtlinge, die nicht nur ihre ganze Habe, sondern oft auch ihre nächsten Verwandten verloren haben, zu opfern...“

Die Adresse schließt mit dem Ausdrucke heißer Dankbarkeit für die brüderliche Unterstützung der Armenier in der Zeit der schweren Prüfung.

324.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Notiz.

Pera, den 15. März 1917.

Nach meinem Dafürhalten rechtfertigt die gesperrte Stelle in der Dankesadresse des Katholikos von Etschmiadsin nicht die sensationelle Überschrift „Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat“.

Nach der Fassung des betreffenden Passus ist es vielmehr wahrscheinlich, daß die Worte:

„daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren“

vom Katholikos den Türken in den Mund gelegt werden.

Selbst wenn aber diese Auffassung nicht zutrifft, liegt keinesfalls Bestätigung der Gesinnung durch Handlungen vor.

Mordtmann.

325.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 12. März 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Die im Auslande lebenden Armenier haben die Deutsch-Armenische Gesellschaft gebeten, die Verteilung und Überweisung der von ihnen für ihre deportierten Stammesgenossen gesammelten Hilfsgelder, die bisher hauptsächlich über Amerika gingen, zu übernehmen. Die Gesellschaft beabsichtigt zu diesem Zwecke einen Vertreter nach der Türkei zu entsenden.

Das Kaiserliche Konsulat ersuche ich um gutachtliche Drahtäußerung und um eventuelle Vorschläge über die Wege, auf welchen die Hilfsgelder zweckentsprechend geleitet werden könnten.

Kühlmann.

326.

(Kaiserliches Konsulat.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 15. März 1917.
Ankunft in Pera, den 15. März 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 12. März.

Nach Auflösung ihrer Waisenhäuser ist Schwester Rohner sowohl vom amerikanischen Konsul als von türkischen Behörden gebeten worden, die Notstandsarbeiten in der Stadt Aleppo neu zu organisieren, wobei letzteren allerdings nicht bekannt sein wird, daß es sich um 20000 Bedürftige handelt.

Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200 verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten. Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden, woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe. Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.

Rößler.

327.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 16. März 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.

Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142] Bei ihrer Berufung im Dezember 1915 zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.

Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. — Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. — 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. — Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben, und 70 sammelte sie von der Straße auf. — Alle 400 ließ sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“

Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. — Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.

Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt — das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.

Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. — Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. — Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. — Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie gern bereit sei, zu helfen.[143] — Außer den genannten 1200 Kindern befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

328.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917.
Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Für Deutsche Bank von Anatolischer Bahn:

Neuerdings haben wieder Armenierausweisungen eingesetzt. Die zweite Baudivision meldet Ausweisung aus Amanusstrecke von 505 Arbeitern mit 187 Familienmitgliedern seit dem achtzehnten. Vom Taurus etwa gleiche Zahl.

Kühlmann.

April.

329.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 5. April 1917.

Der Fragebogen des D. Karl Axenfeld ist den Kaiserlichen Konsularbehörden in Aleppo, Bagdad, Beirut, Damaskus und Mossul übermittelt worden. Bisher liegt nur die Beantwortung aus Aleppo vor; die Berichte der übrigen Konsulate folgen bei Eingang nach.

Waldburg.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

Antworten auf die Fragebogen.
330.
(1. Deutsches Konsulat Aleppo.)

Aleppo, den 20. März 1917.

Fragen.

Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?

1. Etwa 45000.

2. Können Sie uns Mitteilung machen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse?

2. 10000 Frauen sind in Aleppo mit Spinnen und Weben beschäftigt, doch reicht ihr Arbeitsverdienst zur Ernährung nicht aus. Die übrigen 35000 sind in äußerster Not, viele am Verhungern.

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

3. Ja, doch sind überwiegend nur Geldunterstützungen möglich. — Durch Schwester B. Rohner vom Deutschen Hilfsbund, die in Aleppo als der Zentrale des Hilfswerkes bleibt. In Marasch mit Hilfe des Hilfsbundes, in Aintab mit Hilfe der amerikanischen Mission (an deren Stelle nur in dem äußersten Notfall, daß die Missionare abzureisen hätten, Eingeborene treten müßten), in Urfa mit Hilfe der Deutschen Orientmission. Nach anderen Gegenden, wie Sabkha und Rakka, muß auf Gelegenheiten zur Entsendung von Hilfsgeldern gewartet werden.

4. In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?

4. Ein Kilo Weizen kostet mehr als 2 Mark. Wollte man nicht allen 45000, sondern nur 35000 täglich 250 Gramm Weizen ohne andere Nahrung geben, so wären täglich 17500 Mark erforderlich. Ein Kilo Brot kostet gar 3,40 Mk.

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

5. In Aleppo ist das Werk, so gut es geht, mit armenischen Hilfskräften Mitte März von Schwester Rohner neu organisiert. — Anderen deutschen Kräften als ihr würde die Arbeit von den türkischen Behörden bald unmöglich gemacht werden. — Unter Umständen kommt, wenn Schwester Rohner es wünschen sollte, die Zuteilung einer zweiten Hilfsbundschwester in Frage.

Schwester Rohner ist am 19. März auf einen Monat zur Erholung nach Marasch gereist. Vorher hat sie noch hier in Aleppo mit amerikanischem Geld für einen Monat für die Bedürftigen in der Stadt vorgesorgt.

Schätzung.
Marasch  4500
Aintab und Umgegend  8000
Urfa jetzt  2500
Biredjik und Djerablus  2000
Aleppo jetzt 20000
Rakka  6400
Zwischen Aleppo und Sabkha  3200
46600

331.
(2. Deutsches Konsulat Beirut.)

Beirut, den 24. März 1917.

Fragen.

Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?

1. a) Zum Islam übergetretene Armenier: in Beirut ca. 40 Familien; in Saida und Sur ca. 200 Familien. Für diese Familien sorgen die türkischen Regierungsstellen durch Brotverteilung, Arbeitsnachweis etc.

b) Nicht zum Islam übergetretene gregorianische Armenier, die sich meistenteils heimlich, d. h. ohne bei der Polizei gemeldet zu sein, hier aufhalten:

In Beirut 17 Familien, davon ein Drittel wohlhabend, ein Drittel hat Arbeit, ein Drittel in Not. Im Libanon, in Zahle und Dur-e-Schuer ca. 50 Familien, davon reichlich ein Drittel in Not.

2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?

2. In wirklicher Not sollen sich von obigen unter 1b verzeichneten Armeniern ca. 25 Familien mit etwa 100 Angehörigen befinden. Die Männer können sich aus Besorgnis, zum Militärdienst gezwungen zu werden, und weil sie polizeilich nicht angemeldet sind, nicht frei bewegen, demzufolge auch nicht frei arbeiten.

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

3. Ja, mit Hilfe hiesiger wohlhabender Armenier, wie z. B. des Sackis Cassabian, Inhabers der angesehenen Firma Jusuffian u. Cassabian in Mersina, der für die Kriegsdauer hierher übersiedelte.

4. In welchem Umfang wären Mittel erforderlich?

4. Bei den heutigen Preisen wären pro Person 5 Ltq. monatlich, also 100 Personen 500 Ltq., zum Unterhalt erforderlich.

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

5. Nein.

332.
(3. Deutsches Konsulat Damaskus.)

Damaskus, den 23. März 1917.

Fragen.

Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?

1. Im Mai v. J. wurde die Zahl der zwischen Aleppo und dem Hedschas befindlichen Armenier von dem Vorsitzenden der Auswandererkommission, Wali a. D. Hussein Kasim Bey, der als aufrichtig und Armenierfreund gilt, auf 60000 Seelen geschätzt. Von diesen dürfte etwa die Hälfte inzwischen gestorben sein.

Im April v. J. gab der auf Empfehlung des Kaiserlichen Konsulats Aleppo mit dem hiesigen armenischen Liebeswerk betraute armenische Hilfsprediger V. B. Tachmisian die Zahl der im Wilajet Damaskus befindlichen Armenier mit 2000 Familien zu je 5 Köpfen (10000 Seelen) an. Der Genannte schätzt jetzt die Zahl der in der Provinz Damaskus (Hama, Homs, Damaskus, Hauran und Kerak) befindlichen Armenier auf 30000 Seelen. Es ist bei der Zerstreutheit der Armenier und bei ihrer Zurückgezogenheit nicht leicht, ihre Zahl genau anzugeben.

2. Können Sie uns Mitteilungen über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?

2. Sie befinden sich größtenteils in einem beklagenswerten Zustand. Immerhin hat sich dieser in den letzten Monaten etwas gebessert, indem ihnen in den Städten die Möglichkeit zum Erwerb gegeben wurde. Als fleißige und geschickte Handwerker verstehen sie sich durchzusetzen. Viele von den Armeniern sind, wenn auch zwangsweise, Muselmanen geworden und können infolgedessen ungestörter ihren Lebensunterhalt erwerben. Bei der zunehmenden Teuerung, über die ich in der Anlage eine Zusammenstellung der wichtigsten Lebensmittelpreise beifüge und bei der Entwertung des Papiergeldes, das heute nur 25% des Nennwertes beträgt und voraussichtlich weiter sinken wird, befinden sich die meisten Armenier in einer schweren Notlage. Es würde sich darum handeln, ihnen Brot und sonstige Nahrungsmittel, ferner Kleider und gesunde Unterkunft zukommen zu lassen.

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

3. Bisher hat dieses Kaiserliche Konsulat hauptsächlich durch den armenischen Hilfsprediger V. B. Tachmisian, ferner durch den hiesigen deutschen Missionar Hanauer und in gewissen Fällen das Kaiserliche Konsulat direkt Geld an die Armenier verteilt. Im allgemeinen empfiehlt es sich, das Geld durch einen vertrauenswürdigen Europäer verteilen zu lassen, der ein Herz für das armenische Liebeswerk hat und außerdem in geschickter unauffälliger Weise zu arbeiten versteht. Die türkischen Behörden sehen es im allgemeinen nicht gern, wenn sich Europäer der Armenier annehmen. Sie fürchten, daß diese hierdurch in ihrer Opposition gegen die türkische Regierung gestärkt werden. Ein gewandter Europäer oder Europäerin, die die orientalischen Verhältnisse kennen, würden trotzdem eine Organisation schaffen können, die in unauffälliger Weise den Armeniern helfen könnte. Der hiesige Prediger Hanauer kennt Land und Leute. Für die Konsularbehörde ist es nicht möglich, eine solche Organisation zu schaffen und offen zu überwachen, da sie in den Verdacht kommen würde, gegen die türkische Regierung zu arbeiten. Sie kann höchstens mit Rat zur Seite stehen und von Zeit zu Zeit unter der Hand der einen oder anderen Person und den Armen auf der Straße Unterstützungen zukommen lassen.

4. In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?

4. Von den hiesigen Armeniern sollen etwa 10% sich selbst erhalten können. Die anderen sollen unterstützungsbedürftig sein. Für die Person kann man täglich etwa 1 Mk. gleich ca. 5 Piaster wenigstens für den Unterhalt rechnen, vorausgesetzt, daß dieser Betrag in Hartgeld gezahlt wird. Bei Papiergeld müßte der 4 fache Betrag gerechnet werden.

Nimmt man die Zahl der im Wilajet Damaskus unterstützungsbedürftigen Armenier mit durchschnittlich 15000 Seelen an, so würden täglich 15000 Mk. und im Monat 450000 Mk. zu zahlen sein, wenn man allen helfen wollte.

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

5. Wie bereits unter [Nr. 3] hervorgehoben, würden besonders europäische Hilfskräfte für das gedachte Unterstützungswerk am geeignetsten sein, die sich ihrerseits armenischer Vertrauenspersonen als Unterorgane bedienen könnten.

Damaskus, den 23. März 1917.

Lebensmittelpreise in Goldgeld. (Hartgeld, nicht Papier.)

a) Nahrungsmittel.

Vor dem
Kriege
Piaster G.

Jetziger
Preis
Piaster G.

Erhöhung
um Prozent

Weizen

per

100

kg

90

300

333

Bulgur (zerstoßener Weizen)

100

100

500

500

Reis

100

220

1000

455

Kartoffeln

100

50

250

500

Gemüse

100

200

1000

500

Butter

100

1000

3200

320

Käse

100

700

1700

245

Öl

100

800

1600

200

Hammelfleisch

100

550

1300

235

Zucker

100

200

2700

1350

Kaffee

100

750

4500

600

Früchte, frische und getrocknete

500

Wein II. Qualität

100

125

500

400

Alkohol

100

450

7500

1665

Eier per 100 Stück

25

60

240

b) Kleidung.

Stoffe

500

Ledersohlen

300

Baumwolle, Garn

400

Vorstehende Preise sind in Hartgeld berechnet. Bei Bezahlung in Papiergeld erhöhen sie sich auf das Vierfache.

333.
(4. Deutsches Konsulat Mossul.)

Mossul, den 19. Juli 1917.

Fragen.

Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten Armeniern befindet sich ungefähr in Ihrem Wirkungskreise?

1. In den Städten Mossul und Kerkuk, sowie in den Dörfern des Wilajets Mossul befinden sich etwa 7000–8000 anderwärts ausgesiedelte Armenier, größtenteils Frauen und Kinder. Eine größere Anzahl von Frauen und Mädchen soll außerdem bei den Beduinen der Dschesireh und den Yesiden des Sindschargebirges in halber Sklaverei leben.

2. Können Sie uns Mitteilung über ihren Zustand und ihre Bedürfnisse machen?

2. Ein Teil der Deportierten hat Arbeit und Verdienst gefunden. Im vorigen Jahre wurde eine größere Anzahl auf die umliegenden Dörfer verteilt, wo sie in der Landwirtschaft beschäftigt wurden. Aus mehreren muhammedanischen Dörfern mußten die Verschickten jedoch infolge des Fanatismus der Bevölkerung flüchten und wieder in die Städte zurückkehren. Hier hat die Regierung teilweise Anstrengungen gemacht, den Leuten Arbeit zu verschaffen, eine hinreichende Linderung der Not konnte dadurch nicht erreicht werden, es fehlt vielfach an Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und ärztlicher Behandlung.

3. Können Sie den Deportierten Unterstützungen zukommen lassen? In welcher Weise? Mit wessen Hilfe?

3. Wenn die zur Unterstützung der Verschickten bestimmten Beträge den türkischen, zuständigen Stellen überwiesen werden, bleibt der größte Teil an den Fingern unredlicher Beamten kleben, zumal der Wali Heidar Bey, der in solchen Angelegenheiten zuverlässig war und den Armeniern nicht übelwollend gegenüberstand, mittlerweile abberufen worden ist.

4. In welchem Umfange wären Mittel erforderlich?

4. Eine Unterstützung mit kleineren Beträgen würde nur Verlängerung der Qualen der Deportierten bedeuten; größere Beträge ihrem Zwecke wirksam zuzuführen, erscheint fast unmöglich. Es muß offen und klar ausgesprochen werden, daß alle derartigen Hilfsaktionen solange Schöpfen in ein Faß ohne Boden bedeuten, als die türkische Regierung sich nicht selbst entschließt, mit dem bisherigen System zu brechen und die Reste der Armenier zu erhalten.

Wenn aber trotzdem laufende Unterstützungen gezahlt und diese pro Kopf auf nur 1 Pfund türkisch monatlich bemessen werden sollen, würde ein monatlicher Aufwand von etwa 5000 Pfund türkisch erforderlich sein.

5. Haben Sie zu diesem Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

5. Da das Kaiserliche Konsulat nicht in der Lage ist, das Unterstützungswerk unmittelbar auszuüben, würden dafür besondere Hilfskräfte einzustellen sein.

334.

(Notstandswerk Urfa.)

Urfa, den 8. April 1917.

Wie Ihnen kund sein dürfte, hat sich in Urfa eine ziemliche Menge von armenischen Emigranten angesammelt, welche die Regierung hierher gebracht hat. Leider fordert die Regierung, unter deren Mitgliedern der Gouverneur am meisten, diese Unglücklichen öfter auf, die muhammedanische Religion anzunehmen. Selbst an Drohungen mit neuen Ausweisungen fehlt es nicht. Obwohl ich glaube, daß dagegen nichts zu machen ist, fühlte ich mich doch gedrungen, Ihnen hiervon Nachricht zu geben.

Jakob Künzler.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Dr. von Bethmann Hollweg zur geneigten Kenntnis gehorsamst überreicht.

Aleppo, den 20. April 1917.

Rößler.

335.

(Notstandswerk Urfa.)

Urfa, den 25. April 1917.

Bericht über muhammedanische Emigrantenhilfe[144] in Urfa.

Die mir vom amerikanischen Konsulat in Aleppo zur Verteilung an die muslimischen Emigranten in dieser Gegend überlassenen ca. 100000 Kilo Weizen und Gerste habe ich im Gebiet von Haran und von Besowa unter 17600 Hungrige verteilt, so daß pro Kopf ein halbes Dimin gegeben werden konnte. Ein halbes Dimin entspricht etwa 21 kg.

Mit den 300 Ltq., mir vom Kaiserlich Deutschen Konsulat in Aleppo für diesen Hilfszweck überlassen, habe ich die Notleidenden im Dorfe Garmusch, nahe Urfa, 1200 Hungrige unterstützen können.

Ich habe bei der Verteilung immer die Quellen der Gaben angegeben und ich verhehle nicht, daß das ganze Hilfswerk allgemein großen Eindruck gemacht hat. Ganz besonders soll ich im Namen der Beschenkten den tiefstgefühlten Dank aussprechen, welcher Aufgabe ich mich hiermit gern entledige.

Jakob Künzler.

An das Kaiserlich Deutsche Konsulat in Aleppo.

336.

Orient-und Islamkommission des Deutschen
Evangelischen Missionsausschusses.

Berlin, den 27. April 1917.
Georgenkirchstraße 70.

Euere Exzellenz

wollen es mir nicht verübeln, wenn ich noch einmal eine dringliche Bitte zugunsten des armen armenischen Volkes ehrerbietigst vorzutragen mir erlaube.

An den Wechsel des Großwesirats hatte sich, wie Nachrichten vom Orient erkennen ließen, die Hoffnung auf Milderung der gegen die Armenier getroffenen Maßnahmen geknüpft. Neuere Eingänge, die durch die dem Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte nur bestätigt werden, lassen leider erkennen, daß das Elend noch immer wächst, ja neuerdings wieder Verschärfungen eingetreten sind.

Sollte es nicht Euerer Exzellenz möglich sein, die Anwesenheit des Herrn Großwesirs zu benutzen, um ihm persönlich darzulegen, wie schlechthin unerträglich es für uns deutsche Christen ist, mit verschränkten Armen mit ansehen zu sollen, daß ein altes christliches Volk unter den Händen unserer Bundesgenossen dahinstirbt, und ihn zu bitten, daß er endlich eine Lösung der Armenierfrage suche, die den politischen Bedürfnissen und den wahren Interessen des osmanischen Reiches entspricht, ohne seine neue Entwicklung mit so furchtbarer Blutschuld und dem Fluch der gesamten gesitteten Welt zu beladen?

Die Frage ist besonders dringlich geworden durch den Abbruch der politischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika, weil dadurch die Fortführung der amerikanischen Liebestätigkeit in Frage gestellt ist. So sollte wenigstens uns Deutschen, deren loyale Gesinnung gegen die Türkei ja jenseits jeden Zweifels steht, der Weg zur Hilfeleistung vertrauensvoll freigegeben werden.

D. Karl Axenfeld,
Vorsitzender der Orient- und Islamkommission
des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses.

Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler, Berlin.

337.

(Auswärtiges Amt.)

Berlin, den 6. Mai 1917.

Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich auf das an den Herrn Reichskanzler gerichtete gefällige Schreiben vom 27. v. M. zu erwidern, daß die Armenierfrage selbstverständlich bei Talaat Pascha während seiner Anwesenheit in Deutschland zur Sprache gebracht und unser Standpunkt dabei nachdrücklich dargelegt worden ist.

Wegen Euer Hochwohlgeboren Anregung, im Hinblick auf die Einstellung der amerikanischen Liebestätigkeit der deutschen Hilfeleistung, wenn möglich, einen weiteren Spielraum zu verschaffen, habe ich mich mit dem Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel in Verbindung gesetzt.

Zimmermann.

An den Vorsitzenden der Orient- und Islamkommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, Herrn Missionsdirektor D. Karl Axenfeld, Hochwohlgeboren, Berlin.

338.

(Notstandswerk Urfa.)

Urfa, den 28. April 1917.

Gestern bin ich wohlbehalten von Rakka zurückgekehrt. Dort angekommen, erfuhr ich, daß die dortigen Emigranten kurz vor Ostern (armenische) 250 Ltq. Gold von Aleppo erhalten haben. Aber was bedeutet dies für die Übriggebliebenen! Jedes Glied erhielt 5 Piaster. Ich konnte auch nicht mehr geben. Also eine Verlängerung der Leiden bis zum Eintritt des sicheren Hungertodes um einige Tage! Wenn deren Gebundenheit an den Ort noch länger als zwei Monate anhält, so wird wenig mehr von ihnen übrig bleiben. Der Hunger wird sie alle hinraffen. Ich überlege mir, ob es nicht richtig wäre, in Zukunft, wenn wieder Mittel für die Unglücklichen anlangen, man nicht am besten täte, damit eine kleinere Anzahl zu beschenken, damit diese wenigen womöglich durchgebracht werden.

Ohne eine Summe von 3–5000 Ltq. wieder dorthin zu gehen, ist bei diesen niedrigen Notenkursen eigentlich fruchtlos, denn was sind 5 Goldpiaster (92,5 Pf.)! Allerdings ist vorauszusehen, daß bis in zwei Monaten viele am Hunger gestorben sein werden und daß dann vielleicht auch mit einer kleineren als der oben genannten Summe noch etwas zu erreichen wäre.

Auf der Rückreise besuchte ich auch noch die 400 Emigranten im Dorfe Ain Isse. Hier der gleiche, womöglich noch trostlosere Zustand wie in Rakka. Bis jetzt konnten sich die Armen noch von Gras ernähren, aber jetzt ist auch diese Möglichkeit durch das Vertrocknen desselben ausgeschlossen. Wenn nur die Regierung anfangen wollte, die wenigen noch Übriggebliebenen, vor denen sie wahrlich keine Angst mehr zu haben brauchte, frei zu lassen. In größeren Städten würde sich manche Witwe mitsamt ihren Kindern durchzuschlagen wissen mit ihrer Hände Werk.

Jakob Künzler.

An den Kaiserlichen Konsul, Herrn Rößler,
Hochwohlgeboren, Aleppo.

Mai.

339.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 1. Mai 1917.

Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten Notstandsgelder für Armenier. — Die Zahl der dort unterstützten Waisenkinder ist auf 2200 gestiegen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten Notstandsgelder für Armenier.

Einnahmen seit dem 1. Juni 1916 bis 31. März 1917.

Piaster

von Basel

255344,35

von Potsdam, Dr. Johs. Lepsius

207491,—

vom Deutschen Hilfsbund

9975,—

vom amerikanischen Konsulat

140000,—

Total 612810,35

Ausgaben 1916.

Waisenversorgung, Witwenversorgung, Bekleidung.

Juni

3783,05

Juli

7954,—

August

11203,—

September

18513,—

Oktober

29542,05

November

26868,—

Dezember

41662,30

Januar

66684,20

Februar

57813,10

März

106551,15

Für Arbeitsbeschaffung, Taschentücherarbeit und Seidenzucht

43774,25

Für Gehälter

17500,—

Total 431849,30

Aktivsaldo pro April 180961,10 Piaster.

340.

(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 2. Mai 1917.
Ankunft in Pera, den 3. Mai 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Werden Gelder, die bisher dem amerikanischen Konsul überwiesen wurden, in Zukunft seinem noch zu bestimmenden Vertreter überwiesen? Ist bekannt, ob die amerikanische Zentrale für Zahlung der Hilfsgelder (Peet, Bibelhaus) bestehen bleibt? Der amerikanische Konsul hat Schwester Rohner den Rest der Hilfsgelder übergeben. In Rakka fallen täglich eine Anzahl Menschen dem Hungertode zum Opfer.

Rößler.

341.

American Bible House.

Pera, May 3rd. 1917.

My dear Dr. Mordtmann.

In view of the present situation which brings my work to an end, I have decided, to take advantage of the opportunity given to leave the country and to take a vacation. My wife needs this change even more than I do. She has been most devotedly attached to her work in the hospitals and in divising work for the poor. I am distressed in view of the misery which may come to the poor people in the interior and I am doing what I can to keep the stream of help which we have supplied thus far from dying out altogether.

I cannot leave without sending a word of thankfulness for your never-failing kindness to me in these matters.

I have also most grateful recollections of the Embassy’s courtesy in their share of the work.

It will always afford me pleasure to testify of this.

Yours faithfully
M. M. Peet.

342.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 7. Mai 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Antwort auf Telegramm vom 2.5.

Bibelhaus wird versuchen, die Notstandsaktion durch den Vertreter des Herrn Peet fortzuführen und amerikanische Gelder über Holland oder Schweden hierher zu leiten.

Waldburg.

343.

Bible House.

May 12, 1917.

My dear Mr. Mordtmann,

Before leaving for Europe, Mr. Peet told me of his conversation with you, and of your willingness to help us in the matter of carrying on Relief to the poor in the Aleppo District, through our German friends there, Miss Rohner and Miss Schaeffer.

I should be very glad of an opportunity to talk over this matter with you, now that I am attempting to carry on Mr. Peet’s work. If convenient for you, could I call at your home some time soon to see you? I live near Tokatlian’s Hotel, and so could come in some evening, if that would be more convenient for you than during the day time.

Trusting that you will be able to see me on this matter,

Believe me,
Very truly yours,

L. R. Fowle.

344.

(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 14. Mai 1917.
Ankunft in Pera, den 14. Mai 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 7. Mai.

Deutsch-armenische Gesellschaft und Direktor Axenfeld mögen etwa zur Verfügung stehende Notstandsgelder durch die Deutsche Orientbank an Zollinger, Aleppo, überweisen lassen.

Schwester Rohner hat infolge Erkrankung ihre Arbeit einer Kommission von Armeniern unter Aufsicht von Zollinger übergeben und zieht sich nach Marasch zurück.

Rößler.

345.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 14. Mai 1917.

Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine Aufzeichnung des Diplomingenieurs Bünte über Beobachtungen gelegentlich, einer vom 1. bis 6. April am Chabur ausgeführten Reise. Es ist kein Zweifel, daß die dort in großen Mengen liegenden menschlichen Schädel und Gebeine von den Armeniermetzeleien des vorigen Juli und August herrühren, über die ich zuletzt am 5. September v. J. berichtet habe[145]. Die aus armenischer Quelle stammenden Erzählungen der Anlagen jenes Berichtes, welche als eine Stelle, bei der hauptsächlich die Metzeleien erfolgt seien, Schedadie (Kalat Scheddad) genannt hatten, finden dadurch ihre Bestätigung.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Aleppo, den 11. Mai 1917.

Ich bin in der Zeit vom 1. bis 6. April zusammen mit Herrn Hauptmann Loeschebrand und Herrn Unteroffizier Langenegger von Buseir am Euphrat den Chabur hinaufgegangen und fand am linken Ufer große Mengen von ausgebleichten Menschenschädeln und Gerippen, zum Teil waren die Schädel mit Schußlöchern. An einigen Stellen fanden wir Scheiterhaufen, ebenfalls mit menschlichen Knochen und Schädeln. — Gegenüber der Kischla Scheddade waren die größten Anhäufungen. Die Bevölkerung sprach von 12000 Armeniern, die hier allein niedergemetzelt, erschossen oder ertränkt seien[146].

An dieser Stelle verließen wir den Fluß und fanden auf dem Wege zum Sindjar keine Spuren mehr.

Bünte,
Diplomingenieur, K. O. Oberleutnant.

346.

(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 17. Mai 1917.
Ankunft in Pera, den 18. Mai 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Bitte zu veranlassen, daß das Bibelhaus von jetzt an das Geld an Zollinger, Aleppo, schickt. Schwester Rohner ist abgereist und zieht sich endgültig von der Arbeit zurück.

Rößler.

Notiz. Ich habe den Verwalter der amerikanischen Hilfsgelder (Mr. Fowle, American Bible-House) unter der Hand verständigt.

Mordtmann.

347.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 19. Mai 1917.

Wie der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet, ist die Schwester Beatrice Rohner, welche bisher die Hilfsaktion für die deportierten Armenier leitete, infolge Erkrankung nach Marasch zurückgereist und hat die Arbeit einer Kommission von Armeniern übergeben, die von Herrn Zollinger kontrolliert wird. Da die Genannte endgültig zurückgetreten ist, so werden die deutsch-armenische Gesellschaft und die Orient- und Islamkommission des deutschen Evangelischen Missionsausschusses gebeten, die von ihnen eventuell zu bewilligenden Hilfsgelder durch die Deutsche Orientbank an Herrn Zollinger in Aleppo zu überweisen.

Ich bitte gehorsamst, vorstehendes zur Kenntnis der beiden genannten Vereine bringen zu wollen.

Waldburg.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

348.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 19. Mai 1917.

Das hiesige American Bible House, das bisher die amerikanischen Hilfsgelder für die Türkei verwaltete und verteilte, hofft bestimmt, daß weder von amerikanischer noch auch von türkischer Seite der Fortführung des Liebeswerkes, das sich nicht nur auf die deportierten Armenier erstreckte, sondern auch anderen christlichen Bevölkerungselementen (Griechen, Syrer etc.) und den Muhammedanern zugute kam, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. In dieser Beziehung wird darauf hingewiesen, daß die amerikanische Hilfsaktion für die notleidende Bevölkerung in Belgien auch nach dem Bruche mit Deutschland unter neutraler Leitung ihren Fortgang nimmt, und daß die hiesigen türkischen Behörden und speziell Talaat Pascha sich der Tätigkeit des Bible House gegenüber bisher wohlwollend verhalten haben. Übrigens sind seitens des Bible House bereits Verhandlungen angeknüpft worden, um eventuell, d. h. sobald die amerikanische Regierung die Verwendung der Hilfsgelder nach der Türkei gestattet und sofern kein anderer Weg sich bietet, diese über Holland oder Schweden hierher zu leiten. Im Augenblick verfügt das Bible House noch über genügend Fonds für etwa zwei Monate und hat hiervon noch in den letzten Tagen u. a. einen größeren Betrag nach Aleppo überwiesen; bereits vorher hatte der dortige amerikanische Konsul Jackson bei seiner Abreise den Rest seiner Hilfsgelder an die Schwester Rohner abgegeben. Die Verwalter dieser Fonds (Mr. W. W. Peet, der inzwischen am 9. d. M. nach der Schweiz abgereist ist, und sein Nachfolger, Mr. Fowle) haben unter der Hand die Bitte ausgesprochen, daß die Kaiserliche Botschaft und die Kaiserlichen Konsulate in der Provinz ihnen in der bisherigen Weise die rein geschäftlichen Berichte der im Innern mit dem Hilfswerke betrauten Personen übermitteln möchten, und ich trage um so weniger Bedenken, dieser Bitte zu entsprechen, als es sich hauptsächlich um die Vermittelung der Korrespondenz mit Schweizer Staatsangehörigen, wie z. B. Schwester Rohner und Hr. Zollinger in Aleppo, handelt.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

349.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Telegramm.

Pera, den 23. Mai 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Das amerikanische Bibelhaus überwies durch die ottomanische Bank am 15. Mai 3000 t. Pfund. Glauben Sie, daß es zu erreichen wäre, Merrill oder Martin von Aintab zur Organisation und Kontrolle des Hilfswerkes nach Aleppo kommen zu lassen? Geschäftliche Nachrichten über Hilfswerk würden dem Bibelhause erwünscht sein und ihm von der Botschaft unter der Hand mitgeteilt werden.

Kühlmann.

350.

(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 31. Mai 1917.
Ankunft in Pera, den 1. Juni 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die Organisation, welche Zollinger leitet, ist von Schwester Rohner geschaffen und so brauchbar als bei der schwierigen Lage möglich. Meines Erachtens könnten Amerikaner aus Aintab hier nicht von der Polizei ungestört arbeiten. Durch amtliche Verwendung für diesen Zweck könnte das ganze Hilfswerk gefährdet werden.

Bitte dem Bibelhaus anheimzustellen, 3000 Pfund türkisch, die am 15. Mai auf den Namen der Schwester Rohner überwiesen waren, auf Zollinger überschreiben zu lassen.

Rößler.

Juni.

351.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 15. Juni 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 19. v. M.

Das American Bible House, das bisher die amerikanischen Hilfsgelder für die Türkei ihrer Bestimmung übermittelte, ist seit Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika von jeder Verbindung mit den Geldgebern abgeschnitten. Der bisherige Leiter des Bible House, Mr. Peet, ist vor einiger Zeit nach der Schweiz abgereist und hat bisher keine Nachrichten hierher gelangen lassen. Inzwischen sind die vorhandenen Fonds fast völlig aufgebraucht, und der Betrieb müßte demnächst eingestellt werden, wenn nicht dem Vertreter des Mr. Peet neue Kredite eröffnet werden.

Meines Erachtens haben auch wir ein wesentliches Interesse daran, daß die amerikanischen Geldsendungen nicht unterbrochen werden oder ganz aufhören.

Ich glaube daher der Bitte des Mr. L. R. Fowle, der den abwesenden Mr. Peet vertritt, um Beförderung des anliegenden Briefes entsprechen zu sollen. Gegebenenfalls bitte ich die Antwort des Mr. Peet auf gleichem Wege hierher gelangen zu lassen wollen; eine tunlichst baldige Erledigung würde im allseitigen Interesse sein und von den Beteiligten mit besonderem Dank begrüßt werden.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

352.

Berlin, den 20. Juni 1917.

Seiner Hochwohlgeboren Herrn Geheimrat von Rosenberg, Auswärtiges Amt.

In der Anlage überreiche ich Ihnen die Abschrift eines Briefes, der mir aus Angora zugegangen ist. Ich würde es für gut halten, wenn man die Türkei doch wissen lassen würde, daß diese Art des Auftretens den türkischen Interessen in Deutschland schädlich ist.

Erzberger, Mitglied des Reichstags.

353.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 25. Juni 1917.

Nach dem auszugsweise hier beigefügten, dem Abgeordneten Erzberger zugegangenen Schreiben des Dr. David in Angora gibt das Verhalten der dortigen Behörden gegenüber den katholischen Armeniern neuerdings zu Besorgnissen Anlaß. Nach Dr. Davids Ansicht ist es auf Zwangsbekehrungen abgesehen; möglicherweise werden auch neue Austreibungen beabsichtigt, die sich durch militärische Gründe nicht würden rechtfertigen lassen.

Euere Exzellenz bitte ich, die türkische Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen und die Erwartung auszusprechen, daß sie die dortigen katholischen Armenier vor Zwangsbekehrungsversuchen und anderen Verfolgungen der Ortsbehörden schützen wird.

Zimmermann.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn von Kühlmann, Konstantinopel.

Anlage.

Angora (Kleinasien), den 3. Juni 1917.

Seit Dezember vorigen Jahres fand sich hier wieder ein armenisch katholischer Priester, der in vollkommener Freiheit Seelsorge ausüben konnte. Die Folge war, daß die so hart geprüfte Bevölkerung wieder aufatmete und neue Lebenshoffnung bekam. Damit ist es nun wieder völlig vorbei.

Schon im Februar dieses Jahres verleidete man den Armeniern die Teilnahme an meinem Gottesdienste, indem man während der hl. Messe in brutalster Weise lärmend mit Polizei und Gendarmerie eindrang und alle Armenier hinauswies. Seit Pfingsten ist nun auch dem armenisch-katholischen Priester die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste untersagt. Außerdem finden Vorkehrungen statt, die nach früheren Erfahrungen und nach ausdrücklicher Versicherung unterer Polizeiorgane eine neue Exilierung einleiten sollen. Ich habe allerdings einstweilen noch den Eindruck, es handele sich mehr darum, die wieder mutiger gewordenen Katholiken einzuschüchtern, ihren Widerstand gegenüber der Einladung zum Übertritt zum Islam zu lähmen und die früher in nicht rechtsverbindlicher Form Übergetretenen beim Islam festzuhalten.

Wie dem auch sei, jedenfalls liegt eine eigentliche religiöse Verfolgung vor. Jedenfalls kommen Gründe militärischer Art gar nicht in Betracht, da es sich fast nur um Frauen und Kinder handelt und Angora zudem soweit als möglich von jedem Kriegsgebiet entfernt liegt.

Dr. David, Feldgeistlicher in Angora.

Juli.

354.

(Auswärtiges Amt.)

Berlin, den 1. Juli 1917.

Telegramm.

An Deutsche Gesandtschaft, Bern.

Bitte Herrn Peet, Genf, mitzuteilen: Wie die Botschaft Konstantinopel drahtet, hat das amerikanische Bibelhaus, da seine Mittel erschöpft sind, die Geldüberweisungen nach dem Innern eingestellt. Dringende Gesuche um Unterstützung aus den amerikanischen Hilfsgeldern sind gerade in den letzten Tagen durch das Konsulat Aleppo eingegangen.

Zimmermann.

355.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 9. Juli 1917.

Auf Erlaß vom 25. Juni[147].

Auf Wunsch des Dr. David in Angora bin ich bereits im Monat Mai bei der Pforte in der Angelegenheit der katholischen Armenier vorstellig geworden.

Der Vertreter des Vereins vom heiligen Lande, Herr Dr. Schade, hat mir einen Auszug verschiedener Briefe Dr. Davids zur Verfügung gestellt; aus einem vom 13. Juni (also 10 Tage nach Abgang des Briefes an Herrn Erzberger) datierten Schreiben ist folgende Stelle zu entnehmen: „Vorige Woche kam mir eine telegraphische Weisung des Ministeriums zur Sicht, in der kategorisch dem hiesigen Wali untersagt wird, die Katholiken zu deportieren, selbst falls dafür Gründe vorlägen, und aufgegeben wird, weitere Weisungen abzuwarten. Ich denke, daß dies eine Wirkung der von der Botschaft unternommenen Schritte ist. Man beschränkt sich seither auf Maßnahmen gegen solche, die früher einmal zum Islam übergetreten waren, und scheint sich damit zufrieden zu geben, wenn sie sich im Gefängnis bereit erklären, in Zukunft türkische Tracht zu tragen.“

Aus weiteren Stellen der erwähnten Briefe geht hervor, daß in Angora unter den armenischen Katholiken große Beunruhigung besteht. Bei der nun einmal hier herrschenden Willkür ist es nicht ausgeschlossen, daß gewisse Übergriffe von Zeit zu Zeit erfolgen werden. Immerhin ist die Regierung zweifellos gewillt, ein schärferes Vorgehen gegen die armenischen Katholiken zu vermeiden. Dr. Schade erhält mich fortgesetzt auf dem Laufenden über die Verhältnisse in Angora. Ich werde nicht verfehlen, die Angelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls die hiesige Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.

356.

Deutsche Evangelische
Missionshilfe.

Berlin-Steglitz, den 14. Juli 1917.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

Als Vorstandsmitglied der Deutschen Blindenmission im Orient ging mir von dem Leiter unseres Blindenheims in Malatia, Ernst J. Christoffel, ein Brief vom 26. März d. J. zu, der die Anschauung des Herrn Christoffel über die Lage und Zukunft der Armenier in Kleinasien enthält. Ich erlaube mir, denselben in Abschrift zur Kenntnisnahme vorzulegen, ohne zu den Mitteilungen Stellung zu nehmen.

A. W. Schreiber,
Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe.

Anlage.

Bericht des Herrn J. Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia, über die Lage der Armenier, an Pastor G. Stoevesandt, Berlin.

Malatia, den 26. März 1917.

Ich benutze eine günstige Gelegenheit, um Nachricht zu geben. In der Hauptsache die Lage der orientalischen Christen Betreffendes.

Die Verluste des armenischen Volkes seit der Verschickung Sommer 1915 bis heute übersteigen 1 Million. Ein Teil wurde in den Gefängnissen, nach fürchterlichen Folterqualen, getötet. Von Frauen und Kindern starben die meisten auf dem Wege in die Verbannung, an Hunger, Seuche und Mord. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Sollte A. K. Gelegenheit haben, Sie zu sehen, so kann er mehr oder weniger meine nackten Sätze illustrieren.

Ein kümmerlicher Rest der Verschickten fristet in den Ebenen Syriens und Nordmesopotamiens ein elendes Dasein und wird durch Seuchen und Zwangsbekehrungen täglich kleiner. Männer sind nur vereinzelt übrig geblieben. In den Städten Anatoliens befindet sich noch eine Anzahl Versprengter, Geflüchteter, die aber meistens zum Islam übergetreten sind. Neben den Zwangsbekehrungen, die in Massen stattfanden, stand als ein anderes charakteristisches Zeichen die Massenadoption armenischer Kinder. Es handelt sich da um viele Tausende. Sie werden künstlich zu fanatischen Muhammedanern gemacht. Das Morden hat nachgelassen, aber der Vernichtungsprozeß hat nicht aufgehört, hat nur andere Formen angenommen.

Den Leuten ist alles geraubt worden. Eigentum, Familie, Ehre, Religion, Leben. Im Herbst 1915 kam für die protestantischen und katholischen Armenier, wahrscheinlich auf Veranlassung der deutschen und österreichischen Botschaft, ein Gnadenerlaß heraus, der diese vor der Verschickung bewahren und sie in Besitz ihres Eigentums lassen sollte. Er war nur wie ein Schlag ins Wasser. Meistenteils wurde er unterdrückt, bis die protestantischen Männer getötet waren, und auch für die Frauen und Kinder hatte er kaum praktische Bedeutung.

Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt des Evangeliums verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten. Die protestantischen Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen (vielleicht 4 bis 5), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen, geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den katholischen und altarmenischen Gemeinden.

Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zuzuschieben, ist ein Unsinn. Die haben vom türkischen Standpunkt aus gefehlt, nicht so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig. Das weiß die türkische Regierung so gut wie jeder in diesem Lande. Für uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, daß Deutschland von Christen und Muhammedanern als der Urheber der Greuel angesehen wird. Die Ansicht wird von türkischer Seite genährt und gestärkt. Bleibt dieser Vorwurf auf Deutschland haften, dann wird er auf Jahrzehnte hinaus das größte Hindernis deutscher Mission sein, sowohl den Christen wie den Muhammedanern gegenüber. Nachrichten aus türkischen oder turkophilen Kreisen sind entweder glatt abzulehnen oder mit größtem Mißtrauen zu behandeln. Wenn jemals diese Verfolgung untersucht werden sollte, so müßte von deutscher Seite darauf gedrungen werden, daß damit:

1. Unparteiische, unabhängige Männer beauftragt würden, die auch Verständnis für die religiöse Seite der Frage haben.

2. Den Armeniern, die zwangsweise zum Islam bekehrt wurden, muß Gelegenheit gegeben werden, den Übertritt rückgängig zu machen, und zwar dieses, ohne daß sie für Leib und Leben zu fürchten haben.

3. Die Verwandten derjenigen Kinder, die in muhammedanischen Häusern weilen, müssen das Recht haben, dieselben zurückzufordern.

4. Die gottesdienstlichen und Schulgebäude müssen zurückgegeben werden.

5. Das immobile Eigentum muß zurückgegeben oder der Wert ersetzt werden.

6. Den Armeniern muß die Auswanderung erlaubt sein.

7. Der christliche Gottesdienst darf nicht verhindert werden.

Wir deutschen Missionare hier im Innern können nicht viel mehr tun, als das unsagbare Leid der orientalischen Christenheit, mehr oder weniger passiv, mitzutragen. Aktivität aber ist Sache der deutschen evangelischen Christenheit und bei den deutschen evangelischen Missionskreisen.

Ich bin überzeugt, wenn man die Wahrheit wüßte, würde ein einziger Schrei der Entrüstung durch unser Volk gehen. Es ist kein Zweifel, das, was dem armenischen Volke angetan wurde und noch angetan wird, ist das größte Verbrechen der Weltgeschichte. Wird das Volk der Reformation die gänzliche Vernichtung einer christlichen Nation als gegebene Tatsache hinnehmen? Wird die deutsch-evangelische Kirche, die in diesem Jahr ihre Reformationsjahrhundertfeier begehen will, kein Wort des Protestes dafür haben, daß hier eine Schwesterkirche von sadistischen Fanatikern zerstört wurde? Das wäre nicht deutsch, nicht christlich.

Bitte machen Sie von meinem Brief Gebrauch, wo Sie können. Womöglich lassen Sie auch Exzellenz Dryander Einsicht nehmen.

Gott aber, der Herr der Kirche, wolle Sie in allem leiten!

Und dann noch eins: Wir brauchen materielle Hilfe, und wieder Hilfe und nochmals Hilfe. Es stehen missionarische Güter von höchstem Wert auf dem Spiel.

Ernst J. Christoffel.

357.

(Kaiserlich
Deutsche Gesandtschaft.)

Telegramm.

Bern, den 24. Juli 1917.

An Auswärtiges Amt.

M. Léopold Favre (Genf) hat mir einhunderttausend Franks ausgehändigt für Hilfswerk im Innern.

Er bittet, diese Summe Mr. Fowle in Konstantinopel zur Verfügung zu stellen.

Romberg.

358.

(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 31. Juli 1917.
Ankunft in Berlin, den 2. August 1917.

Der Kaiserliche Konsul an Auswärtiges Amt.

Für Dr. Andreas Vischer, Basel:

Ich habe zweitausend Franks erhalten. Geber sollten diesen Betrag lieber für Waisenkinder in Aleppo bestimmen, anstatt für Tokatleute. 800 Kinder sollen morgen mangels Brot aus armenischer Kirche auf die Straße gesetzt werden.

Große Summen wären zu wirksamer Hilfe erforderlich. Letzte Zuwendungen für Kinderheim waren ganz unzureichend. Drahtantwort.

Rößler.

August.

359.

Auswärtiges Amt.

Berlin, den 7. August 1917.

An Deutsche Gesandtschaft, Bern.

Unter dem 4. d. M. ist der Kaiserliche Geschäftsträger in Konstantinopel angewiesen worden, Herrn Fowle den Gegenwert von 100000 Franks gleich 6987,5 türkische Pfand auszuzahlen. Bitte, Herrn Favre hiervon zu verständigen.

Frhr. v. d. Bussche.

360.

Niederschrift über den Gang der Besprechung zwischen dem Generalissimus der türkischen Armee in Syrien, Djemal Pascha, und Missionsdirektor D. Axenfeld, Direktor A. W. Schreiber und Oberlehrer Sommer, zu Berlin.

Hotel Adlon, den 28. August 1917.

Nach freundlicher Begrüßung durch Exzellenz Djemal Pascha eröffnete die in französischer Sprache geführte Besprechung

D. Axenfeld. Er dankte für die Gewährung der Unterredung und gab der Sympathie aller Deutschen für die tapferen türkischen Bundesgenossen Ausdruck. Namens der Sr. Exzellenz bekannten deutschen evangelischen, Liebesarbeiten im Orient dankte er auch für den Schutz und die mannigfache Förderung dieser dem Wohle der notleidenden türkischen Bevölkerung dienenden Unternehmungen, so der Arbeit der Kaiserswerther Schwestern in Jerusalem, Beirut und Aleppo und des deutschen Hilfsbundes in Aleppo und Marasch (Schwester Beatrice Rohner, Schwester Paula Schäfer, Herr Blank). Die Not, namentlich bei den Armeniern, übersteige aber unsere Hilfskräfte und wecke unser tiefstes Mitleid. Wir seien Deutsche, und darum sei es selbstverständlich, daß wir loyale Freunde der Türkei seien. Aber wir seien auch Christen. Wie es ein muslimisches Gemeingefühl gäbe, so hätten auch wir Christen ein herzliches Mitgefühl mit allen unseren Mitchristen, zumal wenn sie sich in Not und Anfechtung befänden. Es gehe ein tiefer Schmerz durch die Kreise der deutschen Christen wegen des Geschickes der Armenier. Er erlaube sich daher die sehr herzliche Bitte um Hilfe für die Notstände, an deren Linderung die deutschen Liebeswerke arbeiten, namentlich um Gewährung von Nahrungsmitteln für die Frauen und Kinder.

Djemal Pascha dankt für den Besuch, sowie den Ausdruck der Sympathie für die Türkei und spricht seine „Anerkennung der geäußerten edlen religiösen Gefühle und seine volle Übereinstimmung mit den bekundeten menschenfreundlichen Gesinnungen“ aus. Diese Übereinstimmung werde aber nicht widerlegt durch die Stellung, die die Türkei gegen die Armenier eingenommen habe. Ihnen gegenüber habe es sich nicht um eine religiöse, sondern um eine politische Frage gehandelt. Die Türkei habe einem Manne geglichen, der von allen Seiten überfallen wird und in der höchsten Lebensnot zu den äußersten Mitteln greifen muß. In jedem Lande ginge ferner die Bevölkerung, zumal in Zeiten der Erregung, leicht über strenge Maßnahmen der Regierung noch hinaus und ließe sich zu Ausschreitungen hinreißen, die nicht zu billigen seien, so in der Türkei besonders die Kurden. Gegen die Armenier sei die türkische Regierung nicht vorgegangen, weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren, und der Bestand des Staates gefährdet war. Gegen Araber würde im gleichen Fall ebenso verfahren. Im übrigen wären in seinem Bezirke, dank seines starken persönlichen Einflusses, keine Ausschreitungen gegen Armenier erfolgt. Aber nicht jeder Oberbefehlshaber könne einen so starken Einfluß ausüben.

Auf die Frage, ob seine Ausführungen deutlich gewesen und verstanden worden seien, erwiderte

D. Axenfeld: Ich habe die Ausführungen Euerer Exzellenz wohl verstanden. Mir liegt aber Ihnen gegenüber sehr daran, festzustellen, daß wir nicht gekommen sind, um zu tadeln oder anzuklagen, sondern nur, um in loyaler Gesinnung Hilfe zu erbitten für Notleidende. Diese hungernden Frauen und Kinder können der Türkei nicht gefährlich sein. Es handelt sich um ein Werk der rein menschlichen Barmherzigkeit.

Djemal Pascha: Dem kann ich nur beistimmen. Ich bin gern bereit, in jeder Beziehung Ihre Arbeiten zu unterstützen und unentgeltlich Lebensmittel zu gewähren. Schreiben Sie Ihren Freunden in Aleppo und Marasch, in Jerusalem und Beirut und anderen Orten, daß sie ihre Bitten mir vorlegen. Ich werde reichlich helfen und auch in anderen Bezirken meinen Einfluß geltend zu machen suchen.

Oberlehrer Sommer dankt in türkischer Sprache für die bisherige Hilfe und die freundliche Zusage der freien Gewährung von Lebensmitteln. Da die Hungersnot sehr empfindlich und Getreide auf dem offenen Markt nicht zu haben sei, bittet er besonders um Gewährung von Getreide aus den staatlichen Vorräten. Es sei dieses eine reine Menschlichkeitsfrage; auch in unseren Anstalten, besonders den Krankenhäusern, werde Christen und Muhammedanern die gleiche Hilfe zuteil.

Djemal Pascha, ebenfalls in türkischer Sprache: Das ist auch meine persönliche Stellung. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen und Muhammedanern. Das Wohl aller Osmanen liegt mir am Herzen. Der Grundsatz der Toleranz ist mir sehr sympathisch. Ihre Bitten will ich gerne gewähren.

D. Axenfeld. Schreiber.

Oktober.

361.

Deutsche Evangelische
Missionshilfe.

Berlin-Steglitz, den 24. Oktober 1917.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

Herr Dr. Greenfield, der stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, schickt mir einen Brief von Agathon Bey, dem Sekretär von Nubar Pascha. Der Brief ist die Antwort auf eine von Dr. Greenfield gerichtete Anfrage betreffend die zeitweilige Stockung in der Überweisung von Unterstützungen für die Armenier, die glücklicherweise seit Mitte August wieder aufgehoben ist. Agathon Bey fragt an, wie von ihm gesammelte Kleidungsstücke am besten an Konsul Rößler in Aleppo geschickt werden. Dr. Greenfield gibt mir diese Anfrage weiter, die ich hierdurch dem Auswärtigen Amt mit der Bitte um Beratung vorlege.

A. W. Schreiber,
Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe.

November.

362.

Telegramm.

Berlin, den 6. November 1917.

An Deutsche Botschaft, Pera.

Funkspruch Lyon 3. 11. 1917 meldet: Rußland. Das armenische Heer, Tiflis: Das armenische Heer, dessen Aufstellung von der provisorischen Regierung Rußlands verfügt worden ist, beginnt sich zu organisieren. Dieses Heer wird in kurzer Zeit 150000 Mann stark sein und setzt sich nur aus Armeniern russischer Untertanenschaft zusammen, welche sonst an anderen Fronten standen und nun für die Befreiung Armeniens von der Türkei kämpfen werden. Die armenischen Freiwilligen-Legionen werden wie früher ein Korps für sich bilden, welches Seite an Seite mit dem oben erwähnten russisch-armenischen Heere kämpfen wird. Der Kommissar der provisorischen Regierung Rußlands, Kharlawoff, wohnte einer Parade über die Truppen bei und erklärte ihnen im Auftrag der Regierung: „Es ist die heilige Pflicht der russischen Demokratie, den Armeniern zur Erlangung ihrer alten politischen Wünsche beizustehen. Eine Folge unseres Sieges wird die Befreiung Armeniens sein.“

Dezember.

363.

Sozialdemokratische Partei
Deutschlands.
Der Parteivorstand.

Berlin, den 7. Dezember 1917.

Das holländisch-skandinavische Komitee, die derzeitige Vertretung der Sozialisten der neutralen Länder in Stockholm, übersendet uns eine ihm von armenischer Seite zugegangene Mitteilung über eine angeblich geplante neue Deportation von Armeniern nach wüsten Gegenden Mesopotamiens. Wir fügen die betreffende armenische Mitteilung in der uns übermittelten Fassung bei.

Das holländisch-skandinavische Komitee ersucht uns, bei der Deutschen Regierung zu intervenieren, in der Hoffnung, daß es durch Einwirkung auf die türkische Regierung gelingen würde, Tausende Frauen und Kinder zu retten.

Wir unterbreiten Ihnen die Angelegenheit und bitten, Ermittelungen darüber anzustellen, ob die Behauptungen den Tatsachen entsprechen.

Ergebenst

Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Hermann Müller, Reichenbach, M. d. R.

An das Auswärtige Amt, Hier.

364.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 10. Dezember 1917.

An Deutsche Botschaft, Pera.

Durch die deutsche sozialdemokratische Partei hat das holländisch-skandinavische Komitee, welches die Sozialisten neutraler Länder vertritt, unsere Intervention bei der türkischen Regierung erbeten, damit angeblich geplante neue Armenierverschickungen aus Konia und Aleppo und Umgegend unterbleiben.

Bitte bei dortiger Regierung festzustellen, ob der in letzter Zeit mehrfach von feindlicher Presse erwähnte Verschickungsplan tatsächlich besteht und gegebenenfalls dringend von Ausführung abzuraten.

Kühlmann.

365.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Konstantinopel, den 11. Dezember 1917.

An Auswärtiges Amt.

Antwort auf Telegramm vom 10. Dezember.

Großwesir bittet kategorisch zu dementieren, daß neue Deportierung von Armeniern erfolge.

Vertraulich fügte er hinzu, er habe die Absicht, wenn es zum Separatfrieden mit Rußland komme, einen allgemeinen Gnaden- und AmnestieerlaB für Armenier nebst Geldbewilligung zu veröffentlichen. Jeder deportierte oder gefangene Armenier solle frei hingehen können, wohin er wolle, und mit Geld unterstützt werden. Die Finanzfrage habe er — Talaat Pascha — bereits mit Djavid Bey erörtert.

Bernstorff.

366.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 16. Dezember 1917.

Der armenisch-katholische Patriarch, Monseigneur Terzian, hat mir kürzlich die in der Anlage beigefügte Übersicht über den Bestand der armenisch-katholischen Gemeinden in den von den Armenierverfolgungen betroffenen Bezirken in Kleinasien und Ostanatolien übergeben.

Danach zählten diese Gemeinden vor dem Kriege rund 70000 Seelen mit 157 Geistlichen und 128 Ordensschwestern; hiervon sind:

1.

an Ort und Stelle
verblieben

16360 (23,37 %)

21

Geistliche,

24

Ordensschwestern

2.

ausgesiedelt:

a) an anderen Orten
angesiedelt

13050 (18,64 %)

37

56

b) verschollen

40590 (57,99 %)

99

48

70000

157

128

Unter den Verschollenen dürfte sich ein, wenn schon geringer Prozentsatz von solchen finden, die sich zurzeit noch versteckt halten oder zum Islam übergetreten sind; anderen dürfte es gelungen sein, nach Rußland oder Persien zu flüchten. Von der Mehrzahl kann jedenfalls angenommen werden, daß sie durch Krankheiten und Entbehrungen und auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist. Am schlimmsten betroffen sind die Gemeinden Diarbekr, Trapezunt, Siwas, Tokat, Harput, Kaisarieh, Musch und Malatia. Sämtliche Verschickte sind aber durch die mit der Aussiedelung verbundenen Vermögenskonfiskationen um ihr gesamtes Hab und Gut gekommen.

Bernstorff.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.