1918
Februar.
367.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 8. Februar 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Deutsche Armenierfreunde sind durch Meldung der Milli-Agence vom 4. Februar über armenische Greuel lebhaft beunruhigt. Sie bezweifeln Richtigkeit dieser Meldungen und befürchten türkische Vergeltungsmaßnahmen.
Euere Exzellenz bitte ich, bei der dortigen Regierung bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen: Es ist im eigensten Interesse der Türkei durchaus notwendig, bei dem Vormarsch der Kaukasusarmee die strengste Disziplin zu halten, von allen Vergeltungsmaßregeln abzusehen und lediglich diejenigen Armenier den Gerichten zur Bestrafung zu übergeben, die an Verbrechen gegen die muselmanische Bevölkerung teilgenommen haben.
Für die Türkei, und zwar auch für ihr Verhältnis zu den Bundesgenossen müßte eine Wiederholung der türkischen Armeniergreuel die schwersten Folgen haben. Erbitte Drahtbericht über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen.
Freihr. v. d. Bussche.
368.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 10. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 8. Februar.
Bereits mehrfach habe ich mich im Sinne der Weisungen Euerer Exzellenz ausgesprochen, insbesondere General v. Seeckt gebeten, dafür zu sorgen, daß nicht etwa militärischerseits Repressalien angeordnet werden. Auch Halil werde ich energisch auf mögliche Folgen aufmerksam machen. Da hierzulande nur ein Mann Autorität besitzt, nämlich Talaat Pascha, dürfte es sich daher empfehlen, schon jetzt vor seiner Abreise aus Brest oder Berlin auf ihn einzuwirken.
Bernstorff.
369.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Im Anschluß an Telegramm vom 10. Februar.
Auf meine Vorstellungen antwortete mir Halil Bey, daß sehr strenge Befehle erlassen wären, um Repressalien wegen der armenischen Banden zu verhindern. Ich erinnerte den Minister an das Versprechen des Großwesirs, nach Abschluß des Friedens mit Rußland eine armenische Amnestie zu erlassen, und sagte ihm, jetzt sei dazu der Moment gekommen, worin mir Halil Bey zustimmte. Ich darf annehmen, daß der Herr Staatssekretär Gelegenheit gehabt haben wird, Talaat Pascha in unserem Sinne zu beeinflussen, da mir Halil Bey sagte, daß der Großwesir die Frage mit Trotzki besprochen hätte.
Bernstorff.
370.
Orient- und Islam-Kommission
des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses.
Berlin, den 11. Februar 1918.
Euer Exzellenz
bitte ich als Vorsitzender der Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses unsere ernste, neuerdings aufs höchste gesteigerte Sorge um das Geschick des armenischen Volkes gehorsamst vortragen zu dürfen, wie ich mich in gleicher Angelegenheit wiederholt an Euer Exzellenz Herrn Amtsvorgänger habe wenden dürfen.
Wenn schon im Januar d. J. die durch die Verhandlungen in Brest-Litowsk eröffnete Aussicht auf Wiederbesetzung des von den Russen eroberten Teils von Türkisch-Armenien durch die Türken die Gefahr neuer, schlimmer Ausschreitungen nahelegte, so läßt die vom Wolffschen Büro am 4. Februar mitgeteilte Meldung der Agence Milli für die nächste Zeit Vorgänge befürchten, die alles, was schon während dieses Krieges an Greueln bekannt wurde, unter Umständen weit hinter sich lassen können. Wenn es wahr ist, daß nachdem die russischen Truppen von ihrer dortigen Front abgezogen sind, die armenischen Kadres des russischen Heeres aber, verstärkt durch armenische Freischärler von türkischer Seite, um ihre Landsleute nicht wehrlos in die Hände der nach den früheren Erlebnissen nicht ohne Grund gefürchteten Türken fallen zu lassen, sich selbständig zur Wehr gesetzt, die armenische Republik erklärt, und bereits an türkischer Bevölkerung, die ihnen erreichbar war, Racheakte verübt haben, so ist nicht nur zu erwarten, daß die Türken bei der Niederwerfung dieses verzweifelten, in letzter Stunde gewagten armenischen Freiheitskampfes mit schonungsloser Grausamkeit vorgehen werden, sondern es ist auch die Lage der noch in Anatolien und Syrien lebenden Armenier aufs neue und sehr ernstlich gefährdet. Aber selbst wenn die armenische Bevölkerung im türkischen Machtbereich, eingeschüchtert durch ihre furchtbaren Erlebnisse in den letzten Jahren, sich gänzlich loyal verhält, so ist nicht anzunehmen, daß ihre muslimische Umwelt ihnen das glauben wird. Auf beiden Seiten sind von der Vergangenheit her Verbitterung, Rachsucht und Mißtrauen jetzt so hoch gehäuft, daß schon ein grundloses Gerede genügen könnte, um Ausbrüche der Volkswut auszulösen. Sind aber solche Exzesse erst an einigen Stellen vorgekommen, so ist das Unheil unter Umständen nicht mehr aufzuhalten, und das Ende kann die fast völlige Ausrottung des armenischen Volkes werden.
Diese unsere Sorgen wären selbst in dem Falle begründet, daß die türkische Regierung jetzt den ernstlichen Willen hätte, Ausschreitungen zu verhüten, wie auch wir hofften neuerdings voraussetzen zu dürfen. Aber die erwähnte Meldung der Agence Milli spricht leider stark für das Gegenteil. Kam es der türkischen Regierung nur darauf an, militärische Maßnahmen über die Waffenstillstandsgrenze hinaus zur Pazifizierung ihres früheren Gebietes im voraus vor der Öffentlichkeit Europas zu rechtfertigen, so genügte dazu der Hinweis auf den dem Waffenstillstandsvertrag zuwiderlaufenden Abzug der russischen Truppen und auf das Auftreten irregulärer armenischer Banden. Wenn sie statt dessen in jener Meldung sich über die an Türken verübten armenischen Gewalttaten, die, so verabscheuenswert sie sind, nicht ein Tausendstel dessen ausmachen, was während dieses Krieges Türken an Armeniern begangen haben, ausführlich ergeht, so kann ihr die Wirkung solcher Schilderung auf die muselmanische Bevölkerung des eigenen Landes nicht unbewußt gewesen sein. Dazu kommt, daß in der durch die Agence Milli unter dem 5. Februar mitgeteilten Rede von Halil Pascha die Worte,
„Wir weisen noch einmal alle Vorschläge oder Ratschläge, die uns von welcher Seite auch immer in Form einer Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten zugehen, entschieden zurück.“
nach dem Zusammenhang und nach ihrer Betonung auffallen. Ist denn die Selbständigkeit der Türken in ihren inneren Angelegenheiten durch irgendwen außer durch die Ententemächte bedroht? Oder soll hier im voraus einem Einspruch auch der Bundesgenossen, den zu befürchten man allen Grund hat, ein Riegel vorgeschoben werden?
Ich bitte, das Mißverständnis, als sei diese meine ehrerbietige Vorstellung aus unfreundlicher, illoyaler Gesinnung gegen unsere osmanischen Bundesgenossen geflossen, völlig ausschließen zu dürfen. Die zu der von mir geleiteten Orient- und Islam-Kommission gehörigen evangelischen Missionen und Liebeswerke verfolgen rein religiös-charitative Ziele. Unsere Instruktion bildet der supranationale Missionsbefehl Jesu. Wir dienen den Völkern, zu denen wir uns gesandt wissen, mit dem Evangelium und sind überall der bestehenden Obrigkeit untertan. Als einen verhängnisvollen Mißgriff müßten wir es verurteilen, wenn eine Mission ein unterworfenes Volk zum Freiheitskampf verleiten, oder in ihm bestärken oder unterstützen wollte. Als Einzelne verfolgen wir die politischen Ziele unseres deutschen Vaterlandes, als Missionsarbeiter im fremden Lande kennen wir politische Ziele nicht. Uns treibt allein christliches Erbarmen, dieses aber ist ebenso der muselmanischen Bevölkerung zugewandt, wie der armenischen. Wir können den Untergang eines altchristlichen Volkes durch fremde und eigene Schuld nicht teilnahmslos mit ansehen, wissen auch wohl, daß die Türkei durch seine Ausrottung sich selbst den größten Schaden zufügt, und dürfen auch nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem ungeheuren Ärgernis, mit dem dadurch der deutsche Name in aller Welt belastet wird.
Von allen Verleumdungen, die gegen Deutschland erhoben sind, hat nach unserer Kenntnis keine eine so unheilvolle Dauerwirkung erlangt, wie die, daß Deutschland der verborgene Anstifter der armenischen Greuel sei. Man geht im Auslande von der irrigen Voraussetzung aus, daß Deutschland, was es wollte, bei der Türkei habe erreichen können, ist auch beeinflußt durch türkische Äußerungen, die ohne Scheu ihre Maßnahmen auf deutschen Befehl zurückführen, und durch die unseligen Ableugnungen des tatsächlich Geschehenen seitens deutscher Türkenfreunde, die, wie man im Auslande richtig sieht, dadurch die türkische Regierung gegen die Vorwürfe der übrigen Welt unempfindlich machen und in ihrer Armenierpolitik bestärken. Die Überzeugung von der Verantwortlichkeit Deutschlands für die Behandlung der Armenier durch die Türken ist tatsächlich in der neutralen und feindlichen Welt so weit verbreitet und hat so tief gewurzelt, daß auch die Empörung, die über neuerliche Massakres ausbrechen müßte, in erster Linie wieder Deutschland zur Last fallen würde. Es kann somit die Frage ihrer Verhütung nicht lediglich als eine innere Angelegenheit der Türkei angesehen werden, die Deutschland außer Betracht zu lassen hätte.
Wie aber die politische Leitung Deutschlands deswegen angegriffen wird, so erregt es in der außerdeutschen Christenheit auch Ärgernis, daß, wie man meint, wir deutsche Christen und besonders die Missionskreise zu dem allen gewissenlos stillschweigen. Neue Greuel müssen daher auch den Riß in der Christenheit noch weiter vertiefen.
Aus all diesen Gründen bitte ich inständigst und gehorsamst, mit allen überhaupt in Frage kommenden Mitteln auf die türkische Regierung einzuwirken, daß sie die Maßnahmen gegenüber den armenischen Insurgenten in den Grenzen des Unerläßlichen halte und an ihrem Teil Ausschreitungen allerwärts ernstlich zu verhüten suche.
D. Karl Axenfeld, Missionsdirektor.
Dem Kanzler des Deutschen Reiches
Herrn Grafen von Hertling, Exzellenz, Berlin.
371.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 14. Februar 1918.
Dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen von Bernstorff, Exzellenz, Pera, zur gefälligen Kenntnis ergebenst übersandt.
Freihr. v. d. Bussche.
März.
372.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 2. März 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Bei künftigen Friedensverhandlungen mit den Westmächten werden diese unzweifelhaft die Armenierfrage zur Sprache bringen und versuchen, möglichst weitgehende Autonomie ostanatolischer Wilajets durchzusetzen. Gegenüber solchen Versuchen wird Lage der Türkei günstiger sein, wenn sie schon vor Eintritt in Verhandlungen greifbare Beweise dafür gegeben hat, daß sie entschlossen ist, den christlichen ebenso wie den muhammedanischen Bewohnern dieser Provinzen eine gleichmäßige, milde und gerechte Behandlung angedeihen zu lassen und ihnen beim Wiederaufbau des durch die Kriegsereignisse Zerstörten behilflich zu sein.
Die Wiederbesetzung des Gebiets vollzieht sich unerwartet schnell. Nach den letzten Nachrichten ist mit baldiger Einnahme Erzerums zu rechnen. Sobald dies geschehen, dürfte die Zeit gekommen sein, um die Armenier, die noch die Waffen tragen, zu freiwilliger Unterwerfung aufzufordern und ihnen für diesen Fall Straflosigkeit und freie Rückkehr in ihre Wohnsitze zu gewähren. Abgesehen davon, daß auf diese Weise weitere vielleicht schwierige Kämpfe vermieden würden, kann nur so der Anfang dazu gemacht werden, dortige Armenier, die unentbehrliches wertvolles Bevölkerungselement dieser Provinzen darstellen, wieder zu loyalen Untertanen der Türkei zu erziehen. Weiter müßten die geplanten finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der Dörfer und zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung der Wilajets gleichzeitig Christen und Muhammedanern zugute kommen. Auch würde sich empfehlen, die Rückführung der ins Innere des Reichs verbannten armenischen Bewohner in Aussicht zu nehmen.
Außerdem würde es die Stimmung weiter und einflußreicher Kreise günstig beeinflussen, wenn die türkische Regierung den deutschen Missionsanstalten, die früher unter Armeniern gewirkt haben, gestatten wollte, Vertreter an Ort und Stelle zu entsenden, um unter der Bevölkerung, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, Wohltätigkeit zu üben.
Fast ebenso wichtig wie die Behandlung der Armenier ist die der Griechen. Bei jetziger Lage besteht kein Grund mehr, die weggeführte griechische Bevölkerung der Küstendistrikte des Schwarzen Meeres von dort fern zu halten. Ihre baldige Zurückführung würde einzuleiten sein.
Euere Exzellenz bitte ich, in Ihren Besprechungen mit dem Großwesir, mit dem Minister des Äußern und auch Enver Pascha diesen Gedankengang zu entwickeln und über die Aufnahme Ihrer Vorstellungen zu berichten.
v. d. Bussche.
373.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. März 1918.
An Auswärtiges Amt.
Seit Monaten habe ich bei jeder Gelegenheit die Gedankengänge des Telegramms Euerer Exzellenz vom 2. d. M. an maßgebender Stelle wiederholt. Einer direkten Ablehnung bin ich niemals begegnet. Öfters gelang es, beabsichtigte unkluge Maßnahmen zu verhindern, meist erhielt ich aber Versprechungen, die bisher noch unerfüllt blieben.
Der Großwesir ist seit seiner Rückkehr aus Europa für Ermahnungen im Sinne der Berücksichtigung der öffentlichen Meinung zugänglicher.
Erst gestern sprach ich mit Talaat Pascha im Sinne Euerer Exzellenz Weisung, und er versprach dabei, mit den Armeniern entsprechend zu verhandeln und eine Amnestie bald zu erlassen.
Bernstorff.
374.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 13. März 1918.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Wie mir Monsignore Dolci mitteilt, ist er vom Papst angewiesen worden, bei der hiesigen Regierung für die Armenier einzutreten.
Unter allen Armeniern herrscht große Aufregung, da sie befürchten, daß allgemeine Repressalien seitens der Türken zu erwarten sind. Ich drahtete deshalb direkt an den Herrn Staatssekretär nach Bukarest die Bitte, die Angelegenheit mit dem Großwesir zu besprechen. Ohne Talaat Pascha werde hier nichts getan, und vielleicht sei der Großwesir zu bewegen, jetzt nach dem Frieden mit Rußland und der Einnahme Erzerums die versprochene Amnestie zu erlassen.
Bernstorff.
375.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 17. März 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Tanin und Terdjüman-Artikel vom 15. März sind geeignet, nicht nur Armenier, sondern auch unsere öffentliche Meinung über Absichten türkischer Regierung in Armenierfrage zu beunruhigen. Abgesehen davon sind aber so heftige Presseäußerungen auch deshalb bedenklich, weil dadurch unter türkischer Bevölkerung Stimmung hervorgerufen wird, die zu gefährlichen Ausbrüchen gegen Armenier führen kann und jedenfalls der türkischen Regierung die von ihr beabsichtigte versöhnliche Armenierpolitik erschweren muß. Ich empfehle dringend, daß türkische Regierung der Presse Zurückhaltung auferlegt. Es wäre auch zweckmäßig, weitere amtliche Meldungen über Greueltaten der Armenier zurückzuhalten, bis die Berichte der zu Wehib Pascha zu entsendenden Pressevertreter vorliegen. Berichte der Milli-Agence finden nach früheren Erfahrungen im neutralen und feindlichen Auslande keinerlei Glauben mehr.
Bitte dringend in diesem Sinne auf dortige Regierung einzuwirken.
v. d. Bussche.
376.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 17. März 1918.
An den Herrn Staatssekretär, Bukarest.
Botschafter Pera telegraphiert: „In armenischer Frage hat trotz aller Ermahnungen Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen, beruhigende Artikel zu schreiben oder zu schweigen.
Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den päpstlichen Delegaten, den Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung scheint diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.
Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Konföderation zu gründen. Großwesir steht nach Euerer Exzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.“
Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.
Bernstorff.
377.
Aufzeichnung.
Berlin, den 19. März 1918.
Vom Herrn Stellvertreter des Staatssekretärs seinen Erklärungen im Reichstag am 21. und 22. März zugrunde gelegt.
... Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben von Beginn der armenischen Krise an alles mit diplomatischen Mitteln mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Die Kaiserliche Regierung ist bei ihrem Druck auf die türkische Regierung bis zur äußersten Grenze gegangen. Die Verantwortung dafür, durch einen Bruch mit der Türkei wegen der Armenierfrage die Südostflanke unserer Weltkampfstellung zu entblößen und dadurch unsere damals im Osten und Westen schwer ringenden Heere in eine bedrohliche Lage zu bringen, hätte keine deutsche Regierung tragen können.
Als nach Abschluß des Waffenstillstands von Brest-Litowsk die Möglichkeit einer Räumung der damals von den Russen besetzten ostanatolischen Provinzen näher rückte, haben wir uns sofort mit den türkischen Staatsmännern wegen der Behandlung der Frage der Armenier in Verbindung gesetzt und ihnen gesagt, wie wichtig es im eigensten Interesse der Türkei, auch wegen ihrer Beziehungen zu den Bundesgenossen ist, daß beim Wiedereinmarsch der türkischen Truppen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung vermieden und daß von vornherein die Grundlagen für friedliche Verhältnisse zwischen den christlichen und muhammedanischen Elementen geschaffen werden. Der Finanzminister und der Minister des Äußern, mit denen im Januar bei ihrem Aufenthalt in Berlin in diesem Sinne gesprochen wurde, zeigten volles Verständnis und erklärten sich auch grundsätzlich damit einverstanden, daß sich nach Wiedereinnahme Ostanatoliens deutsche Wohltätigkeitsunternehmungen der Armenier dort annähmen.
Anfang Februar gelangte die Nachricht hierher, daß die russischen Truppen aus Ostanatolien abzogen, daß sich aber in dem von ihnen verlassenen Gebiet armenische Freischaren unter Führung fremder Offiziere gebildet haben und dort schlimm hausten. Einzelheiten sind durch die amtliche türkische Telegraphenagentur bekannt gegeben worden. Diese Nachrichten haben vielfach keinen Glauben gefunden und sind so aufgefaßt worden, als ob die türkische Regierung damit ein beabsichtigtes grausames Vorgehen gegen die Armenier im voraus entschuldigen wollte. Diese Auffassung scheint nicht begründet. Obwohl andere telegraphische Meldungen aus dem Kaukasus ins Ausland gelangen, ist bisher in keinem feindlichen oder neutralen Blatte eine Nachricht über türkische Ausschreitungen veröffentlicht worden. Auch das schweizerische Hilfskomitee für Armenien hat keine solche Nachricht erhalten. Einem Telegramm der Genfer Gruppe der armenischen Sozialisten an das Internationale Sozialistische Büro in Genf, worin von neuen türkischen Metzeleien nach Räumung des Landes durch die Russen die Rede ist, liegen offenbar nur Befürchtungen zugrunde. Diese Befürchtungen sind im Hinblick auf die Ereignisse des Jahres 1915 und die gegenseitige Erbitterung wohl begreiflich. Die Kaiserliche Regierung hat deshalb keine Gelegenheit vorübergehen lassen, der türkischen Regierung die Bedeutung der armenischen Frage vor Augen zu führen und hat bestimmte Vorschläge gemacht, wie weiteres Blutvergießen vermieden und auf die Dauer friedliche Zustände hergestellt werden können. Sie hat namentlich dringend geraten, die strengste Manneszucht unter den einrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, die armenischen Freischaren zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern, ihnen, wenn sie dieser Aufforderung Folge leisten, Amnestie zu gewähren, bei der beabsichtigten Hilfsaktion für die ostanatolischen Provinzen gleichmäßig die Armenier und Muhammedaner zu berücksichtigen, ferner auch die Zurückführung der nach dem Innern des Reiches Ausgesiedelten, die sich bei den jetzigen Transportschwierigkeiten allerdings nicht durchführen läßt, wenigstens zu beschließen und einzuleiten. Die türkische Regierung hat sich diesen Vorschlägen durchaus zugänglich gezeigt. Nach den bündigen Versicherungen, die der Großwesir, der Minister des Äußern und sein Vertreter Halil Bey gegenüber dem Herrn Reichskanzler, dem Staatssekretär von Kühlmann und dem Kaiserlichen Botschafter abgegeben haben, sind wir zu dem Vertrauen berechtigt, daß die Regierung zur Milde gegen die Armenier entschlossen ist, die unbeteiligte Bevölkerung nicht für die Untaten Einzelner verantwortlich machen und ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1915 abgespielt haben, zu verhüten wissen wird. Denn es besteht die Gefahr, daß sich in den benachbarten Bezirken von Kars und Ardahan, die nach dem Friedensvertrag von Brest von den Russen zu räumen sind und deren Bevölkerung selbst ihr künftiges Schicksal beschließen soll, zwischen Armeniern und Muhammedanern Kämpfe entspinnen, die, da die Armenier auch hier in der Minderheit sind, zu ihrem Nachteil ausschlagen müssen. Der baldige Erlaß einer Amnestie ist zugesagt worden.
378.
Telegramm.
Bukarest, den 20. März 1918.
Der Staatssekretär an Auswärtiges Amt.
Habe die armenische Frage im Sinne dortiger Anregungen mit Großwesir besprochen. Talaat Pascha meinte, daß er von hier aus wenig machen könne. Sobald er nach Konstantinopel zurückgekehrt sei, werde er die in Aussicht genommene Amnestiekundgebung erlassen. Bitte Graf Bernstorff entsprechend zu verständigen.
Kühlmann.
379.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 22. März 1918.
An den Staatssekretär, Bukarest.
Funkspruch Lyon vom 17. März meldet:
„Armenisches Nachrichten-Übermittelungsbüro gibt bekannt, daß Rückkehr Türken nach Trapezunt sich in neuerlichen Akten von Roheiten bemerkbar machte. Tausende von russischen Nachzüglern wurden erschossen oder lebend verbrannt. Die Armenier werden unbeschreiblichen Qualen unterzogen; Kinder in Säcke gesteckt und ins Meer geworfen. Die alten Männer und Frauen wurden gekreuzigt und verstümmelt, alle jungen Mädchen und jungen Frauen wurden den Türken ausgeliefert.“
Botschafter Konstantinopel ist benachrichtigt und um Äußerung ersucht. Anheimstelle Ew. Exzellenz, Angelegenheit mit Talaat zu besprechen.
v. d. Bussche.
380.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 24. März 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Die letzte heftige Preßkampagne gegen die Armenier ist dem Vernehmen nach auf unmittelbare Veranlassung Enver Paschas zurückzuführen. Ich bitte Euere Exzellenz durch General von Seeckt auf Enver einzuwirken. Alle Preßangriffe gegen die Armenier und auch Meldungen über Greueltaten der Armenier sollten, da sie der Sache nur schaden, unbedingt verhindert werden.
v. d. Bussche.
April.
381.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 3. April 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Mit dem Überschreiten der früheren russischen Grenze gelangen die türkischen Truppen jetzt in Gegenden dichter armenischer Ansiedlungen. Damit wächst die Gefahr, daß es zu Ausschreitungen kommt. Euere Exzellenz wollen dahin wirken, daß Aufrechterhaltung strengster Manneszucht und mildes Vorgehen gegen die friedliche Bevölkerung den Truppenführern von neuem eingeschärft wird.
v. d. Bussche.
382.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 14. April 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Folgender Funkspruch ist aus Moskau hier eingegangen:
„Der armenische Nationalrat, als das oberste Organ der Willenskundgebung des armenischen Volkes, wendet sich an Sie aus Anlaß der entstandenen unerträglichen Lage. Armenien, das blutüberströmt kaum aus dem Zustande einer jahrhundertlangen Unterdrückung entrissen wurde, ist neuen Leiden unterworfen worden. Den Abzug der russischen Truppen ausnützend, ergossen sich die türkischen Truppen sofort über das wehrlose Land, indem sie nicht nur alle türkischen, sondern auch schon alle russischen Armenier der Ausrottung unterwarfen. Im Widerspruch mit den Friedensbedingungen, die das Selbstbestimmungsrecht aller kaukasischen Bezirke anerkennen, rückt das türkische Heer, das Land verwüstend und die christliche Bevölkerung vernichtend, gegen Kars und Ardahan vor. Die Verantwortung für das weitere Schicksal der Armenier trifft Deutschland, da auf sein Betreiben die russischen Truppen aus den armenischen Bezirken herausgezogen wurden. Jetzt hängt es von ihm ab, die türkischen Truppen von den gewohnten Exzessen, die auf dem Boden der Rache und Wut stehen, abzuhalten. Nur schwer kann man sich mit dem Gedanken aussöhnen, daß ein Kulturstaat wie Deutschland, der die Möglichkeit einer Einwirkung auf seinen Bundesgenossen, die Türkei, hat, es gestatten würde, daß der Friedensvertrag von Brest für das armenische Volk, das gegen seinen Willen in diesen Krieg hineingezogen wurde, zur Quelle zahlloser Leiden würde. Deshalb ist der Nationalrat des Glaubens, daß Sie die nötigen und nur Ihnen möglichen Maßnahmen gegen die türkischen Behörden zwecks Beschützung des armenischen Volkes vor neuen Schrecken treffen werden.
Als Bevollmächtigter des Nationalrates
Nikolai Adonz, Professor der Universität Petrograd,
Johannes Sawriew, vereidigter Rechtsanwalt.“
Bitte dortiger Regierung Mitteilung zu machen und auf das Bedenkliche des türkischen Vorgehens hinweisen.
v. d. Bussche.
383.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 15. April 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Die Nachrichten über Greueltaten der vorrückenden türkischen Truppen mehren sich neuerdings. Euere Exzellenz darf ich um baldige Äußerung bitten, wie Sie diese Nachrichten beurteilen und was für Meldungen dort etwa aus dem ehemals russischen Gebiet eingegangen sind.
Da wir die Bestimmung des Brester Vertrages über Kars, Ardahan und Batum für die Türken durchgesetzt haben, wären wir in einer äußerst peinlichen Lage, wenn die jetzt erhobenen Beschuldigungen auf Wahrheit beruhten. Wir müssen verlangen, daß die Türkei schonend mit der christlichen Bevölkerung umgeht und ihre Rechte in jeder Hinsicht achtet. Auch haben wir ein Recht darauf, von den Türken über alle Vorgänge in den genannten Gebieten auf dem Laufenden erhalten zu werden. Euere Exzellenz wollen in diesem Sinne mit Großwesir und Minister des Äußern sprechen und Talaat Pascha an seine Zusage erinnern, alsbald nach der Rückkehr aus Bukarest eine Amnestie für die Armenier zu erlassen. Von einer solchen Maßnahme versprechen wir uns im gegenwärtigen Augenblick eine beruhigende Wirkung auf die überall bereits stark erregte öffentliche Meinung. Auch auf die Armenier in dem ehemals russischen Gebiete dürfte sie ihren Eindruck nicht verfehlen. Es wäre erwünscht, wenn General von Seeckt die Entsendung deutscher Offiziere durchsetzen würde.
Unterstaatssekretär v. d. Bussche.
384.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 24. April 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha, der heute morgen aus Batum zurückgekehrt ist, war bei meiner heutigen Unterredung mit dem Großwesir längere Zeit zugegen. Enver war voll Optimismus. Alles stehe im Kaukasus großartig für die Türken. Sie brauchten nur etwas weiter vorzurücken, dann werde Tschenkeli sofort nach Batum kommen und Frieden schließen. Enver hat im gleichen Sinn unserer obersten Heeresleitung gedrahtet.
Ich sagte Großwesir, daß wir zum mindesten eine Garantie in der Armenierfrage haben müßten, wenn wir die türkische Politik im Kaukasus unterstützen sollten. Hierauf erwiderte Talaat Pascha, daß ich seine diesbezügliche Zusage nicht mehr als vertraulich zu behandeln brauche. Ich sei autorisiert, Euerer Exzellenz amtlich auch zur Veröffentlichung mitzuteilen, daß die Amnestie für friedliche Armenier nebst Geldbewilligung und Erlaubnis zur Rückkehr in Heimat in Vorbereitung sei.
Bernstorff.
385.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 26. April 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
Auf Telegramm vom 24. April.
Es wäre uns vor Veröffentlichung türkischer Erklärung erwünscht, Aufklärung zu erhalten, ob sich die Rückkehrerlaubnis auch auf die nach Rußland Geflüchteten oder nur auf die Deportierten bezieht. Für welche Zwecke ist Geldbewilligung beabsichtigt?
v. d. Bussche.
386.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 28. April 1918.
Ankunft, den 29. April 1918.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 26. April.
Die Amnestie soll, wie mir Großwesir sagte, für die hiesigen Armenier gelten. Die nicht im Lande befindlichen zurückzuholen, wäre — so meinte Talaat Pascha — gefährlich. Die Geldbewilligung soll erfolgen, um die Armenier zu entschädigen, die ihren Besitz verloren haben. Die Armenier sollen, so weit dies möglich ist, die Wahl zwischen ihrem früheren Besitz und einem Geldbetrag haben.
Bei seiner Anwesenheit in Batum hat Enver Pascha eine Proklamation an die in den drei neuen türkischen Bezirken wohnhaften Armenier erlassen, daß sie dort bleiben möchten. Er hafte für ihre Sicherheit, Besitz und Freiheit. Die meisten hätten sich zu bleiben bereit erklärt.
Bernstorff.
387.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 30. April 1918.
Richtlinien für den deutschen Bevollmächtigten zu Verhandlungen mit der Transkaukasischen Republik in Batum.
I. Bei den Verhandlungen mit den Transkaukasiern ist zu beachten:
. . . . . . . . . . . . . . . . . .
3. Es ist dahin zu wirken, daß den Armeniern in den Gebieten, wo sie in geschlossenen Siedelungen wohnen, von den Georgiern und Tataren lokale Autonomie gewährt und auch in den übrigen Teilen Transkaukasiens ihnen volle Freiheit in der Ordnung ihrer kirchlichen und kulturellen Angelegenheiten zugestanden wird.
II. Bezüglich der Türkei ist zu berücksichtigen:
. . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. Die türkische Regierung ist zu bewegen, in den an sie nach dem Brester Frieden und dem Vertrag mit Transkaukasien zurückfallenden Gebieten den Armeniern, wo sie in geschlossenen Siedelungen wohnen, lokale Autonomie zu gewähren und in den übrigen Teilen des Landes ihnen volle Freiheit in der Ordnung ihrer kirchlichen und kulturellen Angelegenheiten zuzugestehen.
Mai.
388.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
Aus Erzindjan ging folgendes Telegramm ein:
Im Kreise Erzindjan waren während der russischen Okkupation 1916/17 1500 mohammedanische Einwohner zurückgeblieben. Verhalten Okkupationsarmee wird allgemein gelobt. Als Russen nach Waffenstillstand Dezember v. J. desertierten, wurde armenisches Schreckensregime unter Mrat Pascha gebildet. 600 Muslims im Alter von 3–70 Jahren wurden ermordet, Hunderte werden vermißt. Stadt ist ein Trümmerhaufen, nur das Zentrum mit Regierungskonak und Generalkommando sind erhalten, da Mine versagte.
Bernstorff.
389.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 6. Mai 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Von den Armeniern ist der Wunsch geäußert worden, daß ihren aus der Türkei geflüchteten Stammesgenossen die Rückkehr gestattet werde, da ihr Verbleiben im Kaukasus wegen des Mangels an Land und Unterhaltsmitteln zu Reibungen mit der nichtarmenischen Bevölkerung führen würde. Euere Exzellenz bitte ich, General von Lossow als Nachtrag zu seiner Instruktion zu ersuchen, den Versuch zu machen, die bekannten türkischen Bedenken gegen Wiederzulassung der Ausgewanderten zu überwinden.
Stellvertretender Staatssekretär v. d. Bussche.
390.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 12. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
Nach militärischen Meldungen beträgt die Zahl der wegen armenischer Grausamkeiten aus Erivan, Igdir und Nakhitschevan nach Bajasid ausgewanderten Mohammedaner etwa 10000. Ein großer Teil mußte wegen Verpflegungsschwierigkeiten nach Persien weitergeschickt werden. Die Leute können sich nicht gegen die Armenier wehren, da es ihnen an Waffen und Munition fehlt.
Bernstorff.
391.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 15. Mai 1918.
Wie mir erst jetzt bekannt wird, sind Mitte März auf Befehl des Kommandeurs des 4. Korps Ali Ihsan Pascha in seinem Bereich, insbesondere im Wilajet Mamuret-ul-Aziz wieder Maßregeln gegen den Rest der noch vorhandenen Armenier ergriffen worden. So sind aus den Ortschaften Pertak und Peri etwa 300 Frauen und Kinder nach Mamuret-ul-Aziz gebracht worden. Die halbwüchsigen Jungens waren gefesselt und wurden gesondert hinterher gebracht. Der Wali von Mamuret-ul-Aziz hat die Frauen und Kinder unbehindert gelassen, die Knaben aber sind in das Gefängnis gebracht worden.
Hungersnot herrscht in weiten Gebieten der östlichen Wilajets, so in Diarbekr, Meya-Farkin, Mardin und anderen Orten.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
392.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 15. Mai 1918.
Der K. Botschafter an Auswärtiges Amt.
Telegramm des Generals von Lossow:
„Die maßlose türkische Forderung, auch auf die rein armenischen Gebiete von Achalkalaki, Alexandropol und Eriwan abzielt auf Gebietserwerb weit über Brester Vertrag hinaus, auf alleinige wirtschaftliche Ausbeutung Kaukasiens und auf völlige Ausrottung der Armenier auch in Transkaukasien.
Am 13. abends haben die Türken die Überlassung der Bahn Kars-Alexandropol-Dschulfa in Form eines Ultimatums gefordert, ohne mein Einverständnis erlangt oder mich vorher benachrichtigt zu haben. Ich habe gegen dieses Vorgehen protestiert. Mein Vermittelungsvorschlag, auf Grund dessen eine prinzipielle Regelung der wichtigsten und brennendsten Fragen zu erlangen wäre, ist folgender:
1. Die Türken müssen den Brester Vertrag als Basis anerkennen.
2. Um den Türken den Rückzug zu erleichtern, wird der muhammedanische Bezirk von Achalzich in Form von Grenzregulierungen gegen georgisches Gebiet nördlich Batum und den rein armenischen Ostteil vom Bezirk Kars ausgetauscht, wobei Festung Kars den Türken verbleibt.
Halils Stellung noch unbekannt. Sobald der Vorschlag angenommen ist, kann der Transport türkischer Truppen auf der Strecke Kars-Dschulfa beginnen, jedoch nur unter deutscher Leitung und Garantie. Ich bitte daher, sofort kleine Kommission zu schicken, die gemeinsam mit mir in Tiflis die Bahnsachen bearbeitet, sowie ein deutsches Bataillon, das Wach- und Ordnungsdienst auf den Stationen von Alexandropol bis Dschulfa übernimmt. Dies wird von Kaukasiern unbedingt verlangt, da sie den Türken mit größtem Mißtrauen gegenüberstehen. Türkische Leitung oder Beeinflussung der kaukasischen Bahn lehnen sie mit größter Entschiedenheit ab.
Nachsatz: Aus einer Besprechung, die ich nachmittags mit Halil hatte, geht klar hervor, daß er, Wehib und ich im Prinzip einig sind. Dagegen bleibt Enver auf seinen Forderungen bestehen und verlangt ein sofortiges Ultimatum. Soll ein neuer blutiger Krieg im Kaukasus vermieden werden, so muß der Botschafter unverzüglich dem Großwesir erklären, daß die deutsche Oberste Heeresleitung niemals Envers Forderung unterstützen kann und schärfsten Protest gegen das die verbündeten Interessen schwer schädigende türkische Vorgehen einlegt.“
Bernstorff.
393.
Kars, den 16. Mai 1918.
Am 14. April d. J. trat ich von Konstantinopel die Reise nach meinem früheren Amtssitz Erzerum an. An Bord der „Gul Nihal“, die eigentlich nach dem von den Türken am 26. Februar d. J. zurückeroberten Trapezunt gehen sollte, befand sich Enver Pascha und das türkische große Hauptquartier. Da auf hoher See durch Funkspruch die Einnahme von Batum gemeldet wurde, so ließ Enver Pascha trotz erheblicher Minengefahr die „Gul Nihal“ nach Batum gehen und lief Trapezunt nur an, um den türkischen Oberbefehlshaber Wehib Pascha an Bord zu nehmen.
Bei dem Aufenthalt in Batum vom 18. bis 20. April konnte ich authentisch feststellen, daß die Türken, ebenso wie ich es in Trapezunt am 26. Februar beobachtet hatte, strenge Manneszucht hielten und den Einwohnern von Batum gegenüber Milde walten ließen. Die meisten Armenier waren aus Furcht vor Massakres aus Batum geflohen, jedoch erwies sich ihre Furcht als unbegründet und einige kehrten bereits dorthin zurück. Gewiß trug die persönliche Anwesenheit Enver Paschas, Wehib Paschas und des Generals von Seeckt zur Aufrechterhaltung der Disziplin bei. Es handelte sich hier um Truppen der 37. kaukasischen Division des Kjasim Bey, die sich bereits bei Trapezunt, Rize und Chope ausgezeichnet hatten.
Vom 22. bis 25. April hatte ich in Trapezunt Gelegenheit, griechische und persische Kaufleute zu sprechen, die ebenfalls keine Klagen über das Verhalten der Türken hatten. In Trapezunt war seit einigen Tagen der neue Wali eingetroffen und die Zivilverwaltung hatte wieder eingesetzt. Ich erfuhr Einzelheiten über die Verschickung der Armenier aus Trapezunt im Sommer 1915, wobei dieselben auf Mahonen verladen wurden, die jedoch nicht am Bestimmungsort Samsun ankamen, sondern mit Mann und Maus auf hoher See untergegangen sind[148]. Ich stellte authentisch fest, daß auf dieser tragischen Fahrt auch der mir persönlich aus Bagdad und Erzerum befreundete Armenier Regiedirektor Belekdjian mit seiner hochgebildeten Frau und seinen Söhnen umgekommen ist. Während der russischen Okkupation hat im Trapezunter Bezirk Ordnung geherrscht. Als jedoch nach der russischen Revolution vom Kaukasus aus armenische Regimenter nach Trapezunt in Garnison kamen, begannen trübe Zeiten für die Muselmanen. Nach dem Abzug der russischen Truppen im Februar 1918 hatten sich im Gebiet von Trapezunt und Erzindjan armenische Freischaren gebildet, die das Land gegen die vorrückenden Türken verteidigen wollten. Auf der Strecke von Trapezunt bis Erzindjan vom 25. bis 30. April passierte ich viele verwüstete Dörfer. Ob diese Verwüstungen von den armenischen Freischaren verübt worden sind, oder ob die abziehenden griechischen Einwohner vor den anmarschierenden Türken oder die abziehenden Türken vor den armenischen Freischaren selbst ihre Dörfer angezündet haben, war nicht festzustellen.
In Erzindjan verblieb ich vom 1. bis 4. Mai. Die Stadt, die ich in ihrer besten Blütezeit noch im Juni 1914 besucht hatte, war nicht wieder zu erkennen. Es sollen nach dem türkisch-kaukasischen Waffenstillstand im Dezember 1917 dort die Armenier unter Führung von Mrat Pascha ein Schreckensregime geführt haben. 600 Muselmanen im Alter von 3–70 Jahren sollen ermordet worden sein, Hunderte werden vermißt. Beim Abzug im März d. J. hatten die Armenier eine Mine gelegt, um die hervorragenden Regierungskonaks und das von Zeki Pascha erbaute Generalkommando zu sprengen; die Mine versagte jedoch. Am furchtbarsten sah das früher blühende armenische Viertel aus, das nach der Verpflanzung der Armenier aus Erzindjan nach Mesopotamien von den Türken okkupiert worden war. Der Bischofssitz, in dem ich dem armenischen Bischof gemeinsam mit dem englischen Konsul in Erzerum, Mr. Monahan, im Juni 1914 einen längeren Besuch abgestattet hatte, war völlig abgebrannt.
In Erzindjan erfuhr ich auch noch Einzelheiten von dem tragischen Ende des mir aus Erzerum befreundeten armenischen Bischofs Sinbad, der ein gern gesehener Gast im deutschen Konsulat in Erzerum gewesen war. Nach den mir gemachten Angaben ist Bischof Sinbad, den ich als einen überaus sympathischen und loyalen türkischen Armenier hochschätzte, im Juli 1915 auf dem Wege von Erzindjan nach Kemach, einige Kilometer von Erzindjan entfernt, von türkischen Gendarmen ermordet worden.
Zwischen Erzindjan und Erzerum hatte ich schon auf der Informationsreise im Juni 1914 festgestellt, daß außer dem Flecken Mamachatun, dem Sitz des Kaimakams des Kasa Terdjan, nur einige ganz kleine Weiler am Wege lagen. Mamachatun, um dessen Besitz von 1915 bis 1918 Russen und Türken heftig gekämpft hatten, war ein Trümmerfeld. Jetzt ist es türkische Etappenstation und von etwa 100 Muselmanen bewohnt. Seit Ende April war bereits wieder eine türkische Zivilverwaltung eingerichtet. Der Kaimakam sagte mir, daß alsbald von der türkischen Heeresleitung die Genehmigung zur Rückkehr der nach Kemach und Kharput geflüchteten muselmanischen Einwohner in ihre Ländereien zu erwarten sei. Von ihm erfuhr ich auch, daß der bisherige Wali von Sivas zum Wali von Erzerum ernannt sei und in einigen Tagen in Erzerum eintreffen solle.
In Erzerum verblieb ich vom 5. bis 8. Mai. Die Stadt, die bereits im Frieden einen trostlosen Eindruck gemacht hatte, war nun fast gänzlich verwüstet. Das deutsche Konsulat, das von den Kosaken am 7. Februar 1916 geplündert worden war, hatte bis zur Wiedereinnahme der Stadt durch die Türken als russisches Hospital gedient. Nun war es türkisches Hospital; in jedem der fünf Zimmer lagen 10 sieche türkische Soldaten.
Besonders stark hatte das armenische Viertel gelitten, in dem sich die armenischen Freischaren bis zum Einzug der Türken im April 1918 verteidigt hatten. Dieses Viertel war bereits von den Türken beim Abzug aus Erzerum zerstört worden, dann jedoch von den Russen wieder aufgebaut worden. Von den 10000 Armeniern, die ich im Jahre 1914 dort gekannt hatte, fand ich keinen mehr vor. Doch stellte ich mit Genugtuung fest, daß die beim deutschen Konsulat angestellten Armenier Solighian und Scherefian sowie alle österreichischen Schutzgenossen (die armenisch-römisch-katholischen Mechitaristen, sowie der armenisch unierte katholische Bischof) von den Türken im Sommer 1915 verschont worden waren und sich in Siwas und Konstantinopel in Sicherheit befinden. Dagegen war der mir befreundete zweite Direktor der Ottomanbank, Setrak Pasdirmadjian, ein Opfer der Leidenschaften geworden. Seine Töchter haben zwangsweise türkische Gendarmen geheiratet und sollen zurzeit in Urfa leben. In Erzerum selbst sollen bei dem Auszug der Armenier im Juni 1915 Ausschreitungen gegen das Leben der Deportierten nicht vorgekommen sein, da der Wali Tahsin Bey nur strikt den Ausweisungsbefehl aus Konstantinopel durchführte. Dem Führer der Daschnakisten in Erzerum, Rostom Effendi, war es gelungen, nach Rußland zu entkommen. Die nach der am 6. Februar 1916 erfolgten Einnahme von Erzerum durch Russen dort verbliebenen Muselmanen hatten ein trauriges Los. Viele wurden ins Gefängnis geworfen oder nach Sibirien verschickt. Ein neben mir im Todeskorridor der Zitadelle Tiflis inhaftierter Kurdenscheich wurde ohne kriegsgerichtliches Urteil auf Befehl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch im Februar 1917 gehängt. Einwandfreie Augenzeugen, deutschstämmige russische Soldaten aus den deutschen Kaukasus-Wolga-Kolonien, hatten mir bereits in Tiflis übereinstimmend erzählt, daß russische und armenische Soldaten türkische Frauen und Kinder in Erzerum unter dem Vorwande, nach Waffen zu suchen, vergewaltigt und geschändet hätten. Einzelheiten über die gegen die Muselmanen von armenischer Seite verübten Racheakte teilte der belgische Journalist Simais in Tiflis mit, der im Stabe des Generals Tschernosuboff den Einmarsch der Russen von Persisch-Azerbeidjan nach Wan und Rewanduz mitgemacht hatte. Dabei sollen armenische Drujinen (Freiwilligenkorps) nach dem russischen Vormarsch auf Bitlis und Musch Einwohner der hinter der neuen russischen Front gelegenen türkischen Dörfer niedergemetzelt haben. Von türkischer Seite wurde dann noch erzählt, daß, als die russischen Soldaten im Januar 1918 freiwillig Erzerum verließen und die Armenier beschlossen, unter Leitung französischer Offiziere die besetzten Gebiete der Türkei zu verteidigen, die Muselmanen Erzerums furchtbaren Martern ausgesetzt worden seien. Hunderte von Muselmanen, Männer, Frauen und Kinder, seien in zwei gegenüberliegende Häuser eingesperrt worden, die alsdann angezündet wurden.
Von andrer Seite erfuhr ich jedoch auch, daß vorher die Türken bei der Wiedereroberung von Erzerum sämtliche in der Stadt zurückgebliebenen Armenier hatten über die Klinge springen lassen.
Ich reiste von Erzerum über das Schlachtfeld von Sarikamisch nach Kars, wo ich vom 10. bis 14. Mai verblieb. Nach der Erzählung von Deutschrussen, die den Einmarsch der Türken in Kars Ende April d. J. miterlebt haben, war diesmal die Manneszucht gelockert und die einziehenden Truppen raubten und plünderten. Auch gingen die Türken sehr rigoros bei Requirierung von Proviant und Vieh vor. Trotz Weisung Enver Paschas konnte nicht verhindert werden, daß das Symbol von Kars, eine zur Verherrlichung des russischen Sieges 1878 gesetzte Statue eines russischen Soldaten in Bronze, der mit dem Fuße eine ottomanische Fahne zertritt, von den erbitterten türkischen Soldaten sofort zertrümmert wurde.
Zurzeit leisten die armenischen Truppen, die sich nach Preisgabe der früheren russisch-türkischen Grenze bei Alexandropol konzentriert haben, den Türken verzweifelten Widerstand.
Anders.
394.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 21. 5. 1918.
Aufzeichnung.
Ich habe Herrn Nasariantz beim Abschied folgende Mitteilung gemacht:
Seit die Delegierten des armenischen Nationalrates von dem stellvertretenden Herrn Staatssekretär empfangen worden sind, haben sich die Ereignisse im Kaukasus weiter entwickelt. Die Türken haben sich aus militärischen Gründen veranlaßt gesehen, die Grenzen von Ardahan, Kars und Batum zu überschreiten. Leider erscheint es infolgedessen zu Zusammenstößen mit Armeniern gekommen zu sein. Wir stehen wegen dieser Fragen in Telegrammwechsel mit der türkischen Regierung. Auch wird bereits in nächster Zeit der Oberst Freiherr von Kreß, ein guter Kenner der Türkei und der Türken, nach dem Kaukasus entsandt werden. Die armenischen Delegierten könnten sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat mit ihren Wünschen an Oberst von Kreß wie auch an General von Lossow wenden. Herrn von Kreß ist die armenische Angelegenheit besonders ans Herz gelegt worden.
Göppert.
395.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 23. Mai 1918.
Ankunft, den 24. Mai 1918.
An Auswärtiges Amt.
General von Lossow drahtet:
Eine Deputation armenischer Vertrauensmänner sowie die armenischen Vertreter in transkaukasischer Delegation, die gleichzeitig als Minister der Regierung angehören, hatten mehrfach Besprechungen mit mir. Armenier erwarten von Deutschland Rettung und Hilfe in ihrer verzweifelten Lage.
Das Ziel der türkischen Politik ist, wie ich immer wiederhole, dauernde Besitznahme der armenischen Distrikte und Ausrottung der Armenier. Alle gegenteiligen Versicherungen Talaats und Envers sind wertlos. In Konstantinopel herrscht die extreme armenierfeindliche Richtung. Türkischer Plan liegt klar vor mir: den muhammedanischen Bezirk von Achalzich glauben sie sicher zu bekommen, den völlig armenischen Bezirk von Achalkalaki suchen sie unter Verschleierung der Tatsachen als zum Bezirk Achalzich gehörig hinzustellen. Die Stadt Alexandropol ist von ihnen besetzt. Die Bahnstrecke nach Djulfa wollen sie einschließlich eines Geländestreifens 25 Kilometer östlich der Bahn okkupieren; um ihn nie wieder mehr zurückzugeben.
Die Annexion des Gouvernements Elisabethpol und Baku haben die Türken mit Einverständnis tatarischer Bevölkerung bewirkt, zugleich vorgehen sie auf Baku, um dortige Bolschewiki zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Ferner sind türkische Truppen auf Front südlich Achalkalaki im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die Armee begleitende kurdische und tatarische Freiwillige rauben und morden in armenischen Ortschaften. Männer werden alle abgeführt. Die armenischen Truppen weichen, um Konflikte zu vermeiden, nach Osten aus. Armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen muß, was zu Massakers führen muß. Türkische Politik hat offenbar das Ziel, unter Vermeidung von Ultimatum bezüglich des Territorialbesitzes ein fait accompli zu schaffen. Für armenische Bevölkerung bleibt kein Platz zum Leben. Dies muß zu Guerillakrieg führen, der Transport und Nachschub auf Linie Alexandropol-Djulfa unmöglich machen wird. Wie ich vermute, liegt dies in türkischer Absicht. Der Bevollmächtigte der Delegation armenischen Volkes, armenischen Nationalrats nachsucht Schutz Deutschlands gegen völlige Vernichtung und bittet, den Rest armenischen Territoriums unter deutsches Protektorat zu nehmen. Offizielles Schriftstück hierfür befindet sich in meiner Hand. Wenn die Ausrottung der Armenier verhindert werden soll, ist sofortiger ständigster Druck auf Türkei notwendig. Erbitte baldigst deutsches Kriegsschiff, damit ein Bataillon nach Poti, ferner Instruktionen über Stellungnahme zu offizieller armenischer Erörterung. Sofortige Aktion erforderlich.
396.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 26. Mai 1918.
An den Botschafter, Wien.
Infolge des Verhaltens der türkischen Regierung sind die Verhandlungen in Batum gescheitert. Die transkaukasische Republik ist auseinandergefallen, während sich Georgien vermutlich inzwischen als selbständiger Staat proklamiert hat.
Die türkische Regierung hat sich auf Grund der Bestimmungen des Brester Vertrags, wonach die Bezirke Ardahan, Kars und Batum von Rußland geräumt und es der Bevölkerung überlassen wurde, ihre staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Verhältnisse im Einvernehmen mit den Nachbarstaaten, besonders mit der Türkei, neu zu ordnen, für berechtigt gehalten, diese Bezirke zu okkupieren. Sie hat aber an ihren Grenzen nicht haltgemacht, sondern den Vormarsch weiter fortgesetzt. Die türkischen Delegierten haben bei den Verhandlungen in Batum mit dem Vorrücken ihrer Truppen immer weitergehende Gebietsforderungen gestellt. Außer Ardahan, Kars und Batum verlangten sie die Bezirke Achalzych und Achalkalaki, im Gouvernement Eriwan die Bahn Alexandropol-Djulfa, einschließlich des Gebiets westlich davon und einen 25 km breiten Streifen östlich der Bahn, das Gebiet nördlich Batums bis in die Höhe von Kubelity, wogegen sie sich zur Rückgabe des weiter nördlich von ihnen besetzten georgischen Gebietes bereit erklärten. Demgegenüber haben wir der türkischen Regierung nachdrücklichst geraten, die Grundlage des Brester Vertrages nicht zu verlassen und ihr empfohlen, die Stadt Batum nicht zu behalten, sondern den Georgiern zu überlassen, da es sonst wegen der Bevölkerungsverhältnisse und aus wirtschaftlichen Gründen schwerlich zu dauernd friedlichen Verhältnissen zwischen Türken und Georgiern kommen würde. Wir haben einen Austausch des Bezirks Batum nördlich des Tschorochflusses gegen andere und zwar von Tataren bewohnte transkaukasische Gebietsteile ins Auge gefaßt und der Türkei dringend nahegelegt, eine freundschaftliche Einigung mit der transkaukasischen Regierung herbeizuführen.
Statt diesem Rate zu folgen, haben die Türken jedes Maß verloren. Sie haben in Elisabethpol und anderen tatarischen Bezirken die türkische Flagge gehißt, beabsichtigen die Annexion des ganzen Gouvernements Elisabethpol und Baku und gehen auf Baku vor, um die Bolschewisten zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Auf der Front südlich Achalkalaki sind türkische Truppen im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die sie begleitenden kurdischen und tatarischen Freiwilligen rauben und morden in armenischen Ortschaften, aus denen alle Männer abgeführt werden. Die armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen wird.
Die Lage muß als außerordentlich kritisch bezeichnet werden. Ein weiterer Vormarsch der Türken würde im Kaukasus den allgemeinen Kampf entfesseln. Ferner ist zu besorgen, daß die kaukasischen Christen, besonders die Armenier, dem Wüten der tatarischen Bevölkerung und der irregulären Truppen preisgegeben, ausgeplündert, aus ihren Wohnsitzen vertrieben werden und, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben zu retten, in jeder Weise vergewaltigt werden. Wir können es aber weder vor unserem eigenen Volke, noch vor der Welt verantworten, wenn wir es zuließen, daß die Bestimmungen des Brester Vertrages, die mit unserer Hilfe durchgesetzt worden sind, als Freibrief zur Verfolgung der Christen im Kaukasus mißbraucht werden. Abgesehen hiervon, werden durch das türkische Vorgehen im Kaukasus starke Kräfte den wichtigsten militärischen Aufgaben der Türkei, den Operationen zur Verteidigung Mesopotamiens und Palästinas und zur Wiedergewinnung des verlorenen Gebietes, entzogen.
Unter diesen Umständen ist dem Kaiserlichen Botschafter in Pera folgende Instruktion erteilt worden:
„Das Vorgehen der Türken, die sich über unsere, von wahrer Bundesfreundlichkeit eingegebenen Mahnungen und Warnungen hinweggesetzt haben, hat die Hoffnung auf eine gütliche Einigung mit dem Kaukasus zerstört und die kaukasische Konföderation gesprengt. Angesichts dieser neuen schwierigen und bedauerlichen Lage bitte ich Euere Exzellenz, der Pforte in freundschaftlicher aber bestimmter Form mündlich folgende Erklärung abzugeben:
1. Die Kaiserliche Regierung wahrt sich gegenüber allen Geschehnissen im Kaukasus freie Hand und behält sich namentlich ihre Stellung vor zu solchen innerhalb oder außerhalb der Bezirke Ardahan, Kars und Batum getroffenen Maßnahmen, die nicht in Einklang mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk stehen.
2. Die Kaiserliche Regierung kann einen weiteren Vormarsch türkischer Truppen im Kaukasus und eine türkische Propaganda außerhalb der genannten drei Bezirke weder billigen noch unterstützen.
3. Die Kaiserliche Regierung erkennt die georgische Regierung als de-facto-Regierung an und erklärt sich vorbehaltlich der Zustimmung der russischen Sowjet-Republik grundsätzlich zur Anerkennung der Unabhängigkeit Georgiens bereit. Sie ladet die Kaiserlich Osmanische Regierung ein, ebenso zu verfahren und die Grenzen Georgiens zu achten. Die genaue Abgrenzung Georgiens wird unter Beteiligung Deutschlands zu vereinbaren sein.
4. Die Kaiserliche Regierung ersucht die Kaiserlich Osmanische Regierung, die angemessene Behandlung der Armenier in den von der Türkei besetzten Gebieten sicher zu stellen. Sie behält sich nähere Vorschläge hierüber vor.
5. Die Kaiserliche Regierung macht die Kaiserlich Osmanische Regierung darauf aufmerksam, daß die Türkei aus den bestehenden politischen Verträgen gegen Deutschland keine Ansprüche auf Schutz oder Beistand für solche militärischen oder diplomatischen Aktionen herleiten kann, die sie ohne unsere Zustimmung oder gar gegen unseren Rat unternimmt. Die Kaiserliche Regierung lehnt jede Verantwortung für derartige auf eigene Faust begonnene Unternehmungen ab und muß der Türkei die Folgen überlassen. Sollte sich durch willkürliche Zersplitterung der Kräfte die Gesamtlage der Türkei verschlechtern und die Erreichung der vertragsmäßig verbürgten Ziele in Frage gestellt werden, so wird sich die Türkei damit abzufinden haben, da wir uns ihr gegenüber auf eine Mehrbelastung unseres politischen Kontos nicht einlassen können. Ebenso wenig könnten wir die Türkei decken, wenn gegen die christliche Bevölkerung des Kaukasus von türkischer Seite Ausschreitungen verübt würden.“
Unsere Oberste Heeresleitung hat entsprechende Schritte bei der türkischen Heeresleitung unternommen.
Da Gefahr im Verzuge ist, war es nicht möglich, uns vorher mit der österreichisch-ungarischen Regierung ins Einvernehmen zu setzen. Ich wäre aber dem Grafen Burian besonders dankbar, wenn er den Markgrafen Pallavicini mit größtmöglicher Beschleunigung anweisen wollte, die gleiche Erklärung wie Graf Bernstorff abzugeben, damit sich die türkische Regierung einem einheitlichen Vorgehen der beiden verbündeten Großmächte gegenübersieht und nicht den Versuch macht, die eine gegen die andere auszuspielen.
Einem schleunigen Drahtbericht über die Antwort des Grafen Burian sehe ich entgegen.
Kühlmann.
Juni.
397.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 1. Juni 1918.
An die Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Talaat Pascha hat uns in der Armenierfrage vor mehr als einem Monat einen Amnestieerlaß als unmittelbar bevorstehend angekündigt und eine entsprechende Veröffentlichung anheimgestellt. Daraufhin ist hier eine solche Veröffentlichung veranlaßt worden. Deshalb und als Beweis des guten Willens der Türken müssen wir erwarten, daß die Amnestie nunmehr erlassen wird.
Kühlmann.
398.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 3. Juni 1918.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Euere Exzellenz wollen den dort vorliegenden Bericht des Konsuls in Aleppo vom 15. 5. 1918 inhaltlich beim Großwesir verwerten[149].
Stellvertretender Unterstaatssekretär von Langwerth.
399.
Großes Hauptquartier.
Telegramm.
Den 8. Juni 1918.
Der K. Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
General Ludendorff hat an Enver Pascha gedrahtet:
„Die Türkei hat sich ohne irgendwelche Rücksichten auf die Bundesgenossen über die in Brest geschlossenen Verträge, soweit sie Transkaukasien betreffen, hinweggesetzt. Die deutsche Regierung hat hiergegen bereits Verwahrung eingelegt und auf die Folgen eines solchen Verfahrens hingewiesen. Ich möchte nicht unterlassen, Euerer Exzellenz zu versichern, daß ich mich mit dem Vorgehen der deutschen Regierung in vollster Übereinstimmung befinde.
General von Lossow hat den Bahnschutz auf der Bahnlinie Poti-Tiflis-Alexandropol aus deutschen Kommandos gebildet, nicht lediglich aus deutschem Interesse, sondern auch im Interesse der türkischen Operationen in Richtung Djulfa. Diese Bahnwachen sind deutsche Truppen, und ich erhebe Einspruch dagegen, daß sie von dem Führer der 3. Armee nicht entsprechend respektiert werden.
Euere Exzellenz ersuche ich nochmals, die durch den Brester Vertrag gezogenen Grenzen zu respektieren, widrigenfalls ich mir die Freiheit weiterer Entschließungen vorbehalten muß.
Verträge, die zwischen der Türkei und den transkaukasischen Staaten unter Umgehung Deutschlands, Österreichs und Bulgariens abgeschlossen wurden, vermag ich von vornherein nicht anzuerkennen.
Wie Euerer Exzellenz bekannt, habe ich stets Ihre Interessen und Wünsche warm vertreten. Ich muß es Euerer Exzellenz gegenüber klar aussprechen, daß ich dies für die Folge nicht nur nicht tun kann, sondern daß das vertragswidrige Vorgehen der Türkei für mich jedes Zusammengehen mit Euerer Exzellenz ausschließen würde.“
Berckheim.
400.
Großes Hauptquartier,
den 9. Juni 1918.
Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
Feldmarschall Hindenburg läßt drahten:
Ich habe an Enver Pascha gedrahtet:
Im Namen der Obersten Heeresleitung ersuche ich Euere Exzellenz, anzuordnen:
daß alle türkischen Truppen aus dem kaukasischen Gebiet mit Ausnahme der Bezirke Kars, Ardahan und Batum zurückgezogen werden.
Berckheim.
401.
Tiflis, den 14. Juni 1918.
Bericht über das Blutbad bei Katharinenfeld am 1. Juni 1918.
Ich glaube von dem Ereignis, das sich am 1. Juni in der Nähe von der Kolonie Katharinenfeld zugetragen hat, ein ziemlich richtiges Bild zu besitzen. Insofern ich nicht selbst Augenzeuge war von den Tatsachen, konnte ich dieselben durch Ausfragen von Tataren, die an den Metzeleien beteiligt waren, und von geretteten Armeniern ergänzen.
Nach blutigen Kämpfen zwischen Türken und Armeniern bei Karakilissa, in denen die letzteren unterlagen und schließlich von den Türken umringt wurden, gelang es einer Schar von ungefähr 800 Armeniern — Soldaten und Flüchtlingen —, in der Richtung der Bahnlinie den Türken zu entkommen. Unter Verfolgung der Türken flohen diese der Bahnlinie entlang, und der größere Teil erreichte glücklich die Station Sanain, wo sie, wie anzunehmen war, die Türken nicht mehr zu fürchten hatten, da die Station von einer deutschen Truppenabteilung bewacht wurde und der dortige deutsche Kommandant die Armenier unter seinen Schutz nahm. Doch ihr Ziel war Tiflis; da allein, glaubten sie, würde ihr Leben gesichert sein. Sie schlugen den Weg über Ach-Kjoerpi nach Bolnis-Chatschin ein, wo von der gesamten Zahl nur noch 480 Mann ankamen. Unterwegs hatten sie große Not: keine Lebensmittel; kein Dorf wollte sie durchlassen, weder ein tatarisches, noch ein armenisches, aus der Befürchtung, dafür als Feinde der Türken betrachtet werden zu können. So mußten sie, meist auf Umwegen, durch tiefen Wald und auf menschenleeren Bergrücken entlang, flüchten und gelangten den 29. Mai, ganz ausgehungert, in die Nähe des armenischen Dorfes Bolnis-Chatschin. Da Bolnis-Chatschin bekanntlich ein reiches Dorf ist, so hofften auch die Unglücklichen hier bestimmt auf Aufnahme und Unterstützung von seiten ihrer Volksgenossen. Doch, wie ich von verschiedener Seite vernommen habe, sollen sie bei dem Versuche, sich dem Dorfe zu nähern, auch hier bewaffnetem Widerstande nicht nur der Tataren der benachbarten Dörfer, sondern auch der Bewohner von Bolnis-Chatschin begegnet sein. Sie wurden nachts, währenddem sie sich in dem benachbarten Walde (von den Deutschen der „Judenwald“ genannt) aufhielten, von der Seite des Dorfes her beschossen. Da trat ein tapferer Fähnrich der armenischen Bergbatterie, der sich schon vorher auf dem Wege als tüchtiger Führer bewährt hatte, kühn mit der weißen Fahne vorangehend auf und erklärte, daß seine Leute fast waffenlos seien. Daraufhin wurde ihnen erlaubt, das Dorf zu betreten. Doch hier mußten sie bald entdecken, daß sie von einer übermächtigen tatarischen Horde umringt waren, an deren Spitze ein gewisser Israfil-Begh aus Bolnis-Kapanaktschi stand. Man verlangte von den Belagerten vor allem die Abgabe ihrer Waffen, die im ganzen ungefähr noch 80 Flinten ausmachten. Was die übrigen Flinten anbetrifft, so — gaben die Flüchtlinge an — hatten sie die längst teilweise bei Karakilissa an die Türken verloren, teilweise unterwegs bei der Bevölkerung gegen Brot ausgetauscht. Nach langem Zögern traten sie schließlich ihre Waffen ab, unter Versicherung ihrer Volksgenossen, sowie der Tataren, sie glücklich nach Katharinenfeld zu bringen. Dann erklärte Israfil-Begh, im Namen des sich in Katharinenfeld befindlichen türkischen Paschas, des angeblichen Divisionsstabschef aus Dschelal-Ogly, die Entwaffneten als türkische Gefangene, die er die Aufgabe habe nach Katharinenfeld zum Pascha zu bringen. Hierbei muß bemerkt werden, daß in der Kolonie die Gemüter schon längst in Aufregung waren infolge verschiedener Gerüchte von dem Anrücken der Türken und der verzweifelten Flucht der armenischen Partisanenschar unter der Führung des berüchtigten und weit und breit gefürchteten Andraniks.
Die Türken zeigten sich denn eines Tages wirklich in Person zweier Offiziere, die von Dschelal-Ogly angekommen waren. Doch hatte sich die Nachricht von der Ankunft des Andraniks nie bewährt. So war es denn nichts Neues, als am 29. Mai tatarische Reiter mit der Nachricht angesprungen kamen, daß Andranik mit einem einige tausend Mann starken Haufen in Bolnis-Chatschin eingetroffen sei, doch wurde die Angabe so kategorisch wiederholt und dabei betont, Andranik wolle sich über Katharinenfeld nach Tiflis durchschlagen, daß es wiederum die ganze Kolonie auf die Füße brachte und eine gewaltige Panik hervorrief und den deutschen Bataillonschef veranlaßte, sämtliche Mannschaften unter Gewehr zu bringen. Dies geschah am Abend des 29. Mai. Um den Durchzug etwaiger Banden durch die Kolonie zu verhindern, wurden sofort 3 Posten, je 60 Mann stark, in den Richtungen südlich, westlich und nördlich, in 2 Kilometer Entfernung von der Kolonie ausgestellt, die, in ununterbrochener Verbindung mit einander stehend, die ganze Nacht durch Wache hielten. Um Mitternacht wurden Reiter nach Bolnis-Kapanaktschi ausgeschickt, die von dort ganz beruhigende Nachrichten brachten. Namentlich ist ihnen unterwegs niemand begegnet, und in dem Tatarendorfe gab man ihnen eine Auskunft, aus der man schließen konnte, es sei nichts los. Gegen Morgen wurden die ausgestellten Posten wieder zurückgezogen. Hierauf trat eine verhältnismäßige Ruhe ein; die Kolonisten, gewöhnt an verschiedenartige Provokation der Tataren, kamen zu dem Entschluß, daß auch diesmal Ähnliches vorliege und begaben sich auf die Arbeit. Nur erschien an demselben Tage — das ist der 30. Mai — wieder ein türkischer Offizier, nachdem die oben genannten ersten zwei die Kolonie verlassen hatten. Derselbe gab sich für den Stabschef der Division, die in Dschelal-Ogly stand, aus. Am selben Tage kamen die Tataren und Armenier aus den benachbarten Dörfern, u. a. auch aus Bolnis-Chatschin, und brachten dem „Pascha“ ihre Huldigung dar. Im übrigen verlief der Tag ruhig.
Am 31. morgens kamen wiederum aus Kapanaktschi Boten (Tataren) mit der Meldung an den „Pascha“, daß in Bolnis-Chatschin 700 bis 1000 Mann armenischer Soldaten angekommen seien. Doch bald wuchs die Zahl derselben, da immer neue Boten aus dem Bolnistale ankamen, bis auf etliche tausend Mann. Die Panik war wieder groß in der Kolonie. Obwohl ich diesen Nachrichten wenig Glauben schenkte, ging ich doch auf den Kirchenplatz, um womöglich Näheres zu erfahren. Dort traf ich den türkischen Stabsoffizier, welcher mir sagte, daß er soeben oben erwähnte Nachricht erhalten habe, und bat mich, Alarm zu blasen. Es ist zu bemerken, daß die Angaben der Tataren sich unterdessen schon an 10000 Mann beliefen. Ich, an derartige Übertreibungen tatarischerseits gewöhnt, riet dem Offizier, den Tataren nichts zu glauben, da ohnehin 5 von meinen Soldaten, die ich vor einer Stunde in den „Faldasch“ (das Wasserscheidegebirge zwischen dem Muschawer- und Bolnistale) geschickt, um das Nähere auszukundschaften, in einer Stunde hier sein müßten mit zuverlässigen Nachrichten. Er war einverstanden, auf das Eintreffen meiner Soldaten zu warten und gab offen sein Mißtrauen zu den tatarischen Meldungen kund. Nach einer Stunde kamen meine Soldaten vom Faldasch zurück und meldeten, die Tataren hätten die ganze Bergkette Faldasch besetzt, und somit den Weg nach Katharinenfeld abgesperrt. Obwohl dieser Bericht uns nicht beunruhigte, alarmierten wir doch sofort die ganze Mannschaft. Es wurden wieder Posten ausgestellt; einer im Süden bei der Muschawerbrücke und einer im Westen der Kolonie.
Hier muß ich jedoch bemerken, daß diesmal auf den Alarm nur wenige eintrafen, denn die Kolonisten, die letzten Tage schon so oft unnötigerweise alarmiert, verhielten sich ziemlich gleichgültig und schenkten der Bekanntmachung keinen Glauben mehr. Darum konnten nur verhältnismäßig schwache Posten ausgestellt werden.
Es verlief der Abend und die Nacht zum 1. Juni ganz ruhig. Am Morgen des 1. Juni ging ich zu dem türkischen Stabsoffizier, welcher mich mit den Worten empfing: „Es ist doch unglaublich, wie die Tataren lügen können. Es hat sich nun herausgestellt, daß in Bolnis-Chatschin nur 80 Mann bewaffneter Armenier sind.“ Auf dieses hin hoben wir die Posten auf und entließen unsere Mannschaften bis auf die wachthabende Halbkompagnie, und alles machte sich wieder an die Arbeit, da diese in den Gärten sehr dringend war.
Bis 5 Uhr nachmittags am 1. war alles ganz ruhig. Da, plötzlich fing am St. Georgsberg eine heftige Schießerei an. Ich begab mich sofort in den höher gelegenen Teil der Kolonie, von wo aus man das Tal und die daran grenzende Anhöhe, die „Tatarensteppe“, übersehen konnte. Die letztere wimmelte von Tatarenhaufen, deren Zahl ich ungefähr auf 3000 Mann schätzte. Im Verlaufe von etlichen Minuten hatten sich die Massen ins Tal heruntergewälzt, wo das Schießen immer heftiger wurde. In unglaublich kurzer Zeit waren große tatarische berittene Haufen im Galopp den Mühlenweg und den Karbacher Viehtrieb herangeritten und hatten so ihren Opfern den Zutritt zur Kolonie unmöglich gemacht. Etliche von den Reitern erklärten den Deutschen, daß diese sich ruhig verhalten möchten, da sie es nur mit den Armeniern zu tun hätten. An ein Einmischen unsererseits war übrigens im Moment auch gar nicht zu denken, da, wie schon gesagt, die ganze Mannschaft entlassen worden war und sich in den Gärten und Feldern auf der Arbeit befand. Es standen uns alles in allem nur 90–100 Mann zur Verfügung. Dazu kam noch der Zufall, daß von den auf der Tatarensteppe Arbeitenden niemand das Herannahen der Haufen zeitig bemerkt hatte. Und so wußte man den genauen Sachverhalt lange nicht. Die Tataren sagten nur, das wären die Armenier, die schon etliche Tage erwartet würden; sie würden jedoch allein mit denselben fertig werden.
Schnell verpflanzte sich unterdessen der „Kampf“ in die dicht an die Kolonie angrenzenden Weingärten, bis in die westlichen Straßenenden des Dorfes hinein, wo wir uns inzwischen, mit Maschinengewehren versehen, aufgestellt hatten, und zwar anfangs mit der Absicht, keinenfalls irgend jemand von den Banden in das Dorf herein zu lassen. Erst durch die von Deutschen geretteten und in die Kolonie eingeführten Armenier erfuhren wir den wahren Sachverhalt, woraufhin wir uns fest entschlossen, so viel als möglich, von den Armeniern, koste es was es wolle, zu retten. Die Armenier erzählten nämlich, daß — was oben schon teilweise vorausgegriffen ist — sie in Bolnis-Chatschin auf die Versicherung des Tatarenführers Israfil-Begh, sie ungefährdet nach Katharinenfeld zu bringen, als Kriegsgefangene des türkischen „Paschas“, ihre Waffen — etwa 80 Flinten — ausgeliefert und sich den Tataren übergeben hätten. Auf dem Wege in die Kolonie seien sie aber am Fuße des St. Georgsberges plötzlich von ihren Begleitern überfallen und der größere Teil zwischen der Kolonie und der erwähnten Stelle niedergemacht worden. Diese Angaben bestätigten sich u. a. auch tatarischerseits. Nur wenigen, berichteten weiter die Armenier, sei es gelungen, in die Weingärten zu entkommen, seien jedoch auch hier, verfolgt von den Tataren, größtenteils niedergemacht worden.
Nun gingen wir energisch vor und stellten den Tataren die kategorische Forderung, das Gemetzel einzustellen. Wir machten uns bereit zum Eingreifen, richteten das Maschinengewehr gegen die Tatarenmassen auf und drohten jeden niederzuknallen, der sich noch erlauben würde, einem Armenier nachzustellen. Gleichzeitig schickte ich eine Abteilung deutscher Schützen in das Innere der Kolonie, um sämtliche Muselmanen, deren in der Kolonie eine große Anzahl wohnt, und die, Blut gerochen, auch bereit waren, auf die Armenier loszugehen, in ihre Häuser zu treiben und sie zu bewachen.
Die Tataren, die anfangs, trotz der Drohung der Deutschen, immer noch vordrangen und fortfuhren, einzelne sich flüchtende Armenier zu verfolgen, fügten sich zwar grollend den Deutschen, als sie merkten, daß unserer mehr geworden waren. Die Leute hatten sich unterdessen, beunruhigt durch das gewaltige Schießen, schleunig allerseits von den Gärten in die Kolonie begeben und die Mannschaft sich gesammelt. Dies alles geschah innerhalb von stark zwei Stunden.
Um die Verwundeten aufzulesen und die sich dort noch aufhaltenden Tataren zu verjagen, durchstreiften wir nun die Gärten und das Tal. Es bot sich uns daselbst ein schauderhaftes Bild dar. Die ganze Gegend war bestreut mit nackten blutbefleckten, unmenschlich zugerichteten Leichen und Schwerverwundeten. Aus verschiedenem Versteck, aus dem Gebüsch, aus hochgewachsener Saat, aus Wassergräben und Kanälen krochen auf unseren Ruf die am Leben Gebliebenen hervor und freuten sich unbeschreiblich, als sie sich in den Händen der Deutschen wußten. So gelang es uns, hundert unversehrte und 52 verwundete Armenier zu retten. Die Toten ließen wir vorläufig noch liegen, da es inzwischen Nacht geworden war, die Verwundeten aber schneller Hilfe bedurften. Die 152 Mann wurden nun im Schulhause untergebracht, wo ihnen sogleich ärztliche Hilfe durch die Ärzte Ljesnik und Tetter zuteil wurde. Auch stellte sich sofort eine Anzahl deutscher Frauen und Mädchen bereitwillig zur Verfügung, die Unglücklichen zu pflegen. Die Kolonisten brachten gleich Wäsche, Kleider, Brot, Milch, Butter und Käse und alles Mögliche herbei, um die Untergebrachten zu stärken. Diese konnten sich für ihre Rettung nicht genug bedanken.
Erst am nächsten Morgen, am Sonntag den 2. Juni, machten wir uns daran, die Toten zusammenzufahren. Dank zahlreicher Teilnahme konnte das schnell geschehen. Wir fuhren sie an einen Hügel westlich von der Kolonie zusammen. Nachmittags um 1 Uhr wurden sie da in einem Massengrabe mit der Teilnahme unseres Herrn Pastor Steinwand christlich beerdigt, im ganzen 270 Mann.
Die hundert Mann, die unversehrt geblieben und von den Kolonisten mit Kleidern und Speise versehen waren, wurden von dem türkischen Stabsoffizier als seine Gefangene erklärt und uns zur Bewachung überlassen. Am selben Tag traf in Katharinenfeld eine Eskadron türkischer Reiter ein, mit denen die Gefangenen sogleich nach Dshelal-Ogly befördert werden sollten. Dieser Umstand versetzte die Armenier in solche Angst, daß noch in derselben Nacht 35 Mann von ihnen flüchteten, darunter auch der oben erwähnte Fähnrich von der armenischen Bergartillerie. Die übrigen 65 Mann wurden am 3. Juni mit den türkischen Soldaten nach Dshelal-Ogly befördert. Die Verwundeten wurden in Katharinenfeld in unserer Pflege zurückgelassen, wo sie sich noch jetzt befinden. Jedoch sind davon die am schwersten Verwundeten, 20 an der Zahl, schon gestorben.
Leutnant Walker.
402.
(Kaiserliches
Konsulat Tiflis.)
Telegramm.
Tiflis, den 19. Juni 1918.
An Auswärtiges Amt.
Deutsche Bahnwachen haben unverändert strengen Befehl, nichts Feindseliges gegen die Türken zu unternehmen. Einfahrt der Türken ohne deutsche Genehmigung ist gemäß Artikel 2 unseres Abkommens dadurch verhindert worden, daß die Züge an der Grenze von der deutschen Kommission angehalten werden mit der Drohung, die Eisenbahnstrecke werde zerstört, falls die Türken gewaltsam weiterfahren sollten. Türken haben tatsächlich nachgegeben und haben bis heute noch keinen Transportantrag bei der deutschen Kommission gestellt.
Türkische Truppen haben gestern morgen nördlich Kalageran deutsche Truppen beschossen, die Feuer erwiderten. Türken haben auf der Strecke nach Karakliß 3 Brücken verbrannt, Schanze Tiegenhof, nördlich von Kalageran, und denken vorläufig nicht daran, auf Karakliß zurückzugehen. Truppentransporte wegen vernichteter Brücken nunmehr dort unmöglich.
Türken haben in Batum alle muhammedanischen Nationalisten (türkenfeindliche und zu Georgien neigende) verhaftet. Hiesige Regierung bittet dringend, etwas für diese Leute zu tun, da sonst Abstimmung in Batum voraussichtlich für Türken ausfallen wird.
Schulenburg.
Juli.
403.
Armenische Delegation.
Berlin, den 2. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Durch unsere Denkschrift vom 15. Juni und bei Gelegenheit der Unterredungen, die Sie uns zu gewähren die Güte hatten, durften wir die Aufmerksamkeit der Deutschen Regierung auf die äußerst besorgniserregende Lage der armenischen Flüchtlinge im Kaukasus lenken.
Fast aus allen Ortschaften Transkaukasiens, die von den Türken besetzt wurden, sind die Armenier mit Weib und Kind geflüchtet, Hab und Gut im Stiche lassend und nur darauf bedacht, das nackte Leben zu retten. Die Zahl der so geflüchteten Armenier wird, niedrig geschätzt, mit 600000 berechnet (die Flüchtlinge türkisch-armenischer Herkunft nicht einbegriffen). Viele dieser Unglücklichen haben in den Bergen Zuflucht gesucht, und fast alle leben unter freiem Himmel, da für Unterbringung und Verpflegung solcher Massen bei der Einschränkung des armenischen Territoriums und der allgemein herrschenden Not keinerlei Möglichkeit besteht.
Ist der Zustand der armenischen Flüchtlinge jetzt schon unerträglich, so verschlimmert er sich in steigendem Maße von Woche zu Woche. Das Wenige an Lebensmitteln, die sie vielleicht mitnehmen konnten, wird bald erschöpft sein, und sie dürfen angesichts des allgemeinen Mangels auf eine nennenswerte Hilfe von anderer Seite nicht rechnen. Andererseits naht der Herbst heran, und das Hausen im Freien wird in dem herben Klima der gebirgigen Gegend ohne ernste Gefahr für Leben und Gesundheit nicht möglich sein. Dazu kommt noch, daß ihre Felder und Äcker herrenlos zurückgelassen unbestellt bleiben und ihre Wirtschaften und Baulichkeiten gänzlich verfallen müssen, wenn sie nicht bald in ihre Heimatsorte zurückkehren. Das wäre ein Ruin für viele Hunderttausend Menschen, aber auch ein großer Nachteil für die Lebensmittelversorgung und das wirtschaftliche Gedeihen von ganz Transkaukasien. Auch der Umstand, daß unter den armenischen Flüchtlingen bereits epidemische Krankheiten aufgetreten sind und sich ausbreiten, birgt Gefahren in sich, die für diese selbst verderblich, aber auch für die übrige Bevölkerung der Gegend verhängnisvoll werden können.
Nur durch eine sehr baldige Zurückführung der Flüchtlinge in ihre Heimstätten könnte allen diesen Gefahren vorgebeugt werden. Dank der schützenden Hand Deutschlands ist glücklicherweise der Schaden an Leben und Eigentum infolge des türkischen Einmarsches in Transkaukasien nicht in dem Maße eingetreten, wie wir es befürchtet hatten. Wird den Flüchtlingen die Möglichkeit der baldigen Rückkehr in ihre Wohnorte gegeben, so kann auch der durch ihre Flucht herbeigeführte Schaden in engeren Grenzen gehalten werden. Aber solange die Türken ihre Ortschaften besetzt halten, wird es nicht möglich sein, die Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen. Sie befürchten, von den Türken festgenommen und verschleppt zu werden, wie das mit ihren zurückgebliebenen Volksgenossen an manchen Orten geschehen ist, wo die Männer über 16 Jahre eingezogen wurden und verschwanden.
Die Flüchtlinge werden erst dann zurückkehren, wenn die Türken die Gegend geräumt haben. Wir durften erfahren, daß die Deutsche Regierung entschlossen ist und Schritte getan hat, die türkischen Truppen zur Räumung des armenischen Gebietes bis zu der durch den Brester Vertrag gezogenen Grenze zu veranlassen. Dieser wirksame Schutz unserer nationalen Existenz im Kaukasus erfüllt uns mit tiefster Dankbarkeit und läßt uns vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Es bleibt uns zu bitten, daß die Räumung, da sie nunmehr beschlossen ist, mit Rücksicht auf die unhaltbare Lage der armenischen Flüchtlinge und die Dringlichkeit ihrer sehr baldigen Rückkehr rechtzeitig genug erfolgt, um die geflüchteten Armenier vor größten Gefahren und Nachteilen zu bewahren.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian.
404.
(Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.)
Telegramm.
Tiflis, den 10. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Brieflich eingegangen am 30. Juli.
Bischof Mesrop ist mit Lebensgefahr von Eriwan hierher gekommen, um deutsche Hilfe zu erflehen. Nach seiner Angabe müssen mindestens eine halbe Million Armenier Hungers sterben, wenn nicht sofort den Armeniern die Rückkehr in die Gegend von Sadarabad-Igdir und Darvala erlaubt wird, um die reife Ernte einzubringen. Die Schilderungen des glaubwürdigen und verdienten Bischofs sind erschütternd. Die türkische Absicht, die ganze armenische Nation durch völlige Abschließung verhungern zu lassen, liegt klar zutage. Essad hat meine Bitte, den armenischen Flüchtlingen und dem armenischen Nationalrat die Rückkehr zu erlauben, unter nichtigen Vorwänden abgeschlagen. Stärkster Druck der Mittelmächte auf die Türken ist dringendes Gebot der Menschlichkeit und Politik.
Kreß.
405.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 11. Juli 1918.
Heute hat mich der armenische Bischof Mesrop, ehemaliger Verweser des Erzbistums Tiflis, besucht, wie ich Euerer Exzellenz bereits anderweitig berichtete.
Der Bischof, ein ehrwürdiger Mann, Ende der fünfziger Jahre, ist in Dorpat geboren und spricht gut deutsch. Er ist allein zu Pferde über das Gebirge durch die tatarischen Banden hindurch in steter Lebensgefahr von Eriwan nach Tiflis geritten, um die deutsche Hilfe zur Rettung der Reste der armenischen Nation zu erbitten.
In ergreifenden Worten schildert der Bischof das Schicksal seiner Nation. Er hat sich redlich bemüht, das Elend zu lindern und zu helfen. Mehr als eine halbe Million von Armeniern aus den von den Türken besetzten und bedrohten Gebieten haben in der ersten Hälfte des April in panikartiger Flucht ihre Dörfer verlassen und sind vor den Türken geflohen. Sie sind zurzeit in der Gegend von Eriwan versammelt. Man hat zwar etwas Geld aufgebracht, um sie zu unterstützen, aber sie bekommen auch für schweres Geld nichts zu essen. Viele, viele Tausende leben seit Wochen nur von Gras. Selbstverständlich wüten ansteckende Krankheiten und fordern zahllose Opfer unter den halb verhungerten und verelendeten Menschen.
Die Türken haben ungeachtet des Friedensvertrages von Batum und der Anerkennung der Selbständigkeit von Armenien das armenische Gebiet nicht geräumt und erlauben vor allem dem in Tiflis sitzenden Nationalrat und den in Georgien befindlichen Flüchtlingen nicht, in die Heimat zurückzukehren. Da der Nationalrat keine Verbindung mit Armenien hat, kann er seinen Regierungspflichten nicht nachkommen.
Die Ernte wird in den nächsten Tagen reif. Sie soll besonders in dem Gebiet zwischen Sardarabad-Igdir und Darvala gut sein. Wenn aber den armenischen Bauern nicht in kürzester Zeit gestattet wird, in ihre Heimat zurückzukehren, so ist die Ernte verloren. Die Armenier müssen dann entweder Hungers sterben oder ihre Ernährung fällt den Mittelmächten zur Last.
Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 and 60 Jahren sollen von den Türken zum Arbeitsdienst gepreßt sein. Nach Angabe des Bischofs herrscht größtes Elend unter ihnen. Jeder Armenier erhält trotz schwerer Arbeit täglich nur ein Stück türkisches Hartbrot (etwa 200 g). Der Bischof appelliert im Namen der armenischen Nation und in seiner Eigenschaft als Priester einer christlichen Kirche an die Großmut Seiner Majestät des Kaisers und der Deutschen Regierung. Nur Deutschland sei in der Lage, die Türkei zu zwingen, daß sie von ihrem verbrecherischen Beginnen einer systematischen Aushungerung der geringen Reste der armenischen Nation ablasse.
Deutschland müsse sich bewußt sein, daß es vor der Geschichte die Verantwortung zu tragen habe, wenn es seine Macht nicht dazu ausnutze, um eine christliche Nation vor der Ausrottung durch die Muhammedaner zu schützen.
Euere Exzellenz bitte ich, meine persönliche Auffassung dahin äußern zu dürfen, daß nach all den zahlreichen Nachrichten und Berichten, die ich hier erhalten habe, wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen dürfte, daß die Türken systematisch darauf ausgehen, die wenigen Hunderttausende von Armeniern, die sie bis jetzt noch am Leben gelassen haben, durch systematische Aushungerung auszurotten.
Es steht mir nicht zu, Euere Exzellenz auf die Pflichten aufmerksam zu machen, die Deutschland als christliche Nation den christlichen Armeniern gegenüber zu erfüllen hat, und auf den Eindruck, den es auf unsere öffentliche Meinung und die ganze christliche Welt machen wird, wenn wir die Armenier nicht vom Untergange retten. Ich darf aber die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz darauf lenken, daß unser Ansehen im Kaukasus und den umliegenden Gebieten schweren Schaden leiden wird, wenn es uns nicht gelingt, die Armenier gegen die Türken zu schützen.
Entschieden wird man uns vorwerfen, daß uns der gute Wille gefehlt habe, oder man wird annehmen, daß wir nicht die Kraft und die Macht besitzen, den Türken gegenüber unseren Willen durchzusetzen. Wir würden uns die zahlreichen und infolge ihres großen Reichtums sehr einflußreichen Georgier armenischer Abstammung zu unversöhnlichen Feinden machen und würden unseren Gegnern ein ganz besonders wirksames Propagandamittel gegen uns in die Hand geben.
Ich bitte deshalb Euere Exzellenz ebenso dringend wie gehorsamst, mit allen verfügbaren Mitteln und möglichst rasch einen energischen Druck auf die türkische Regierung auszuüben, daß sie sofort ihre Truppen aus Armenien zurückzieht, den geflüchteten Armeniern die Rückkehr in ihre Heimat gestattet, dafür sorgt, daß die Armenier unbehindert und ungefährdet an Leben und Gut ihre Ernte einbringen können, und daß die zum Arbeitsdienst gepreßten Armenier sofort in ihre Heimat entlassen werden.
Freiherr von Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
406.
Königlich
Preußische Gesandtschaft.
München, den 12. Juli 1918.
Der Nuntius bittet mich soeben, festzustellen, ob es möglich wäre, durch die Deutsche Regierung dringende Unterstützung für die armenische und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien zu senden, da es nicht möglich sei, solche vermittels der englischen Regierung über Konstantinopel zu schicken.
Der Nuntius ist zu dieser Anfrage durch den Kardinalstaatssekretär beauftragt und legt auf Beschleunigung der Antwort großen Wert.
Treutler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
407.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir haben die Ehre, in der Anlage Auszüge aus Briefen und Nachrichten aus der Heimat einzusenden, die als Belege für unsere Mitteilungen über die kritische Lage in Kaukasisch-Armenien dienen mögen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
408.
Berlin, den 15. Juli 1918.
Neueste Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien.
Auszüge aus dem Brief des Präsidenten des Nationalrates Herrn Aharonian vom 11. Juni (n. S.) aus Tiflis.
... Es hat den Anschein, daß Deutschland bezüglich Georgien ernste und entschiedene Engagements hat, die es in edler Weise und mutvoll verwirklicht, während unsere Sache noch in der Schwebe ist. Durch das türkische Eindringen flieht unser Volk zu Hunderttausenden, alles im Stiche lassend. Der Bezirk Achalkalaki ist schon ganz entvölkert; die Stadt ist niedergebrannt und liegt in Trümmern. 80000 Einwohner sind geflüchtet und haben sich in den Schluchten von Bakuriani eingeschlossen. Aus ganz Surmalu, aus allen besetzten Gebieten von Alexandropol und Kars, aus Etschmiadsin und den sonstigen Gegenden, bis wo die Türken vorgedrungen sind, flieht die Bevölkerung in großer Eile und geht zu Zehntausenden zugrunde. Diese Tatsache, daß die Türken aus Stadt und Bezirk Alexandropol die ganze armenische Jugend gesammelt und ins Innere der Türkei verschleppt haben, verbreitet Schrecken, und kein Flüchtling will in die von den Türken besetzten Gebiete zurückgehen. Das armenische Volk geht in den „Krallen“ der Flucht zugrunde, wie es in Türkisch-Armenien zugrunde gegangen ist. Deutschland, das in Türkisch-Armenien dieses furchtbare Verbrechen gegen die Armenier dulden mußte, weil sein Arm nicht hinreichte, wird es dulden wollen, daß nun auch hier im Kaukasus das armenische Volk durch Hunger und Flucht ausgetilgt wird, da Deutschlands Arm hinreicht und Wunder tun kann, wenn es will? Das müssen Sie unseren deutschen Freunden verständlich machen.
Der deutsche Vertreter, Graf von Schulenburg, verhält sich uns gegenüber wohlwollend; doch hat er die erforderlichen Anweisungen aus Berlin noch nicht erhalten, zu unseren Gunsten ebenso zu wirken, wie er zugunsten Georgiens tätig ist.
In der Tat beherrschen die Türken heute ganz Aserbeidschan bis Ciskaukasien. Sie beherrschen selbst die armenischen Gebiete, die nach dem letzten (Friedens-) Vertrag nicht unter die türkische Herrschaft fallen. Die türkischen Truppen halten besetzt: Lori, Kasach, Bortschalu. Aus Eriwan haben wir keine Nachrichten. Wir sind abgeschnitten. Die Eisenbahn und der Telegraph sind außer Betrieb. Es ist eine unerträgliche Lage. Wir konnten selbst die Nachricht von dem Friedensschluß dem General Nazarbekoff nicht mitteilen. Wir sind auch von Baku abgeschnitten. Wir versuchen, eine Regierung unserer armenischen Republik zu bilden; aber es besteht keine Möglichkeit einer Reise nach Eriwan. Unser Volk ist herrenlos, unsere Flucht unendlich, die Sterblichkeit riesengroß. Wir müssen entschieden und sofort wissen: Will Deutschland uns in der Tat beschützen oder nicht?
Auszüge aus der in Tiflis erscheinenden armenischen Zeitung „Horizon“ vom 11. Juni (Nr. 112).
25 Offiziere getötet.
Der Festungsoffizier von Kars, Karapetian, welcher am 4. Juni aus türkischer Gefangenschaft geflohen ist, berichtet folgende erschütternde Geschichte:
„Wir waren 28 Offiziere: 12 russische, 6 georgische und 10 armenische. Wir gerieten in der Station Allahwerdi in türkische Gefangenschaft. Man brachte uns nach Aschagha-Maral, wobei man uns unterwegs die Schuhe auszog. Dann kam ein türkischer Offizier und sagte: Folgt mir zu unserem Pascha, welcher sich in der Nähe in dem Büro von Mantascheff befindet und Euch verhören will.
Als man uns aus dem Eisenbahnwagen herausholte, fragte einer der Askjaris (türkischer Soldat): Habt Ihr die Maschinengewehre gebracht? Der andere hieß ihn drohend schweigen. Wir folgten dem Unteroffizier, umzingelt von Askjaris. Nachdem man uns etwa 3 Werst weiter geführt hatte, wurde der Regimentskommandeur Wladimiroff vorgerufen und seiner Kleider und Barschaft (1500 Rubel) beraubt, ebenso verfuhren sie mit den übrigen Offizieren. Auch mir nahmen sie die Kleider und 3833 Rubel weg. Dann hieß man uns zusammen hinsetzen, während der Unteroffizier die Gewehre zu laden befahl. In einem Halbkreis, 6 Schritt von uns entfernt, legten sich die Askjaris mit geladen Flinten hin. Gerade als der Befehl — Feuer — erteilt werden sollte, flohen wir alle, aber nur drei von uns konnten sich retten: ich und zwei andere, Leutnant des Ephremoffschen Regiments Smirnoff und Militärbeamter Kusma Fomin.
Die Nacht verbrachten wir im Schilf. Im Morgengrauen des 5. Juli krochen wir nach dem Platz, wo das Verbrechen begangen worden war und sahen dort die Leichen unserer Kameraden umherliegen, darunter die des Regimentskommandeurs Wladimiroff, des Offizierstellvertreters Sohraboff, des Bataillonchefs Bosnakian und des Offizierstellvertreters Bosnakian.
Mit großen Schwierigkeiten konnten wir die Station Kumis erreichen, von wo aus deutsche Offiziere uns nach Tiflis brachten. Barfuß und in Unterkleidern meldeten wir uns bei dem Stab der Roten Garde und erhielten Kleider und Schuhe.“
Ferman Wehib Paschas.
Zum Zwecke der Wiederherstellung der Eisenbahnverbindung zwischen Eriwan und Elisabethpol wurden besondere Züge abgelassen, in denen sich türkische Offiziere befanden. Diese Offiziere nahmen einen Ferman Wehib Paschas mit, in dem der tatarischen Bevölkerung mitgeteilt wurde, daß nunmehr der Friede geschlossen sei und ihre feindselige Haltung den Armeniern gegenüber aufzuhören habe. Ebenso sei es verboten, fernerhin die Armenier zu töten[150].
Auf der kaukasischen Heeresstraße.
(Zur Lage der armenischen Flüchtlinge.)
Aus Wladikawkas wird uns vom 2. Juli berichtet:
Es gibt keinen Armenier, dem nicht in Lars bei Kasbek ein Unglück begegnet wäre. Die armenischen Flüchtlinge werden nicht nur ihres Geldes und ihrer Habe beraubt, sondern sie haben dazu noch Erniedrigungen und Vergewaltigungen aller Art zu erdulden. Die Flüchtlinge, welche Wladikawkas erreichen, glauben, dort in Sicherheit zu sein. Nach kurzer Rast daselbst begeben sich die Flüchtlinge nach Armavir. Auf den Stationen Darkoch und Elchotowo wird der Flüchtlingszug das Opfer eines organisierten Räuberüberfalles. Hier werden die Flüchtlinge von den Räubern gründlich ausgeplündert, die geraubte Habe wird auf kleine Wagen verladen und nach den Wohnsitzen der Räuber geschleppt. Dies alles geschieht am hellen Tage und straflos. Die dortige Regierung, welche alle diese Ereignisse mit ansehen mußte, hat nun endlich strenge Maßnahmen ergriffen. Diesen zufolge sollten die Züge durch Soldatenabteilungen beschützt werden und hauptsächlich aus Panzerwagen bestehen. Wir hoffen, daß die räuberischen Überfälle nunmehr bald aufhören werden.
Aus Duschet wird uns vom 8. Juni gemeldet:
Einige Kilometer von Kazbek entfernt, brachen Feindseligkeiten zwischen den Gardisten der georgischen Republik und den Gardisten der russischen kommunistischen Republik aus. Die beiderseitigen Gegner schlossen, als sie das Elend der Flüchtlingsscharen auf dem betreffenden Gebiet sahen, einen Waffenstillstand von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachmittags, um den Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, gruppenweise die Linien zu passieren. Nach 2 Uhr sollte das „Kriegsspiel“ wieder aufgenommen werden. Nicht wenige Flüchtlinge werden trotzdem Opfer dieser Scharmützel und müssen, oft unter Zurücklassung ihrer gesamten Habe, schleunigst flüchten, um nur das nackte Leben zu retten. Auf den Sammelstellen der Flüchtlinge herrschen schreckliche Zustände. Kälte, Schmutz, Nächte unter dem freien Himmel fördern gefährliche Epidemien, denen viele zum Opfer fallen.
Auszug aus der Depesche der armenischen Delegation in Konstantinopel.
Aus dem Felde, den 12. Juli 1918.
Ankunft, den 12. Juli 1918.
Kaiserliche Botschaft an Auswärtiges Amt.
Für Dr. Ohandjanian, Berlin.
Avons reçu de Tiflis conseil national télégramme suivant date 7 juillet. Nationalrat erhält täglich alarmierende Nachrichten aus dem von türkischen Truppen besetzten Gebiet Lori. Fälle von Plünderungen und Morden seitens türkischtatarischer Banden im Süden von Sanahin mehren sich. Nach Unterzeichnung des Vertrages von Batum sind in Karakilissa fast 2000 armenische Männer, Frauen und Kinder Massakers zum Opfer gefallen. Zahlreiche Banden operieren noch jetzt in dieser Gegend. Nationalrat ersucht Euch um energischen Protest und um unverzügliche Räumung des armenischen Gebietes, das noch von türkischen Truppen besetzt ist. Essad Pascha Batum sandte mir ein Schreiben, worin er mitteilt, daß Rückkehr armenischer Flüchtlinge nach Akhalkalaki unangängig, da Bevölkerung noch stark erregt sei, über Verbrechen, die Armenier in demselben Gebiet verübten.
409.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Bei Besprechungen im Großen Hauptquartier sind in bezug auf die Kaukasusstaaten sowie in bezug auf Persien die in der folgenden Niederschrift enthaltenen Richtlinien festgelegt worden. General Ludendorff, der sich mit diesen Richtlinien einverstanden erklärt hat, hat mich beauftragt, im Auswärtigen Amt dem Herrn Staatssekretär Vortrag zu erstatten und bittet, daß möglichst völlige Übereinstimmung der politischen und militärischen Stellen herbeigeführt wird.
von Lossow.
410.
Berlin, den 15. Juli 1918.
Richtlinien.
Armenien, Kaukasisch-Aserbeidschan, Nordkaukasische Republik.
Nachdem die Verhandlungen mit Georgien beendet sind, folgen der Reihe nach Verhandlungen mit Armenien, Aserbeidschan und Nordkaukasus. Bezüglich Armeniens und Aserbeidschans könnte die Verhandlung gleichfalls in einer Revision der von der Türkei mit diesen Ländern in Batum geschlossenen Verträge bestehen. Auf der Konferenz wäre an die Delegierten dieser Länder als erste Frage zu stellen: „Wer ist Euer Staat, wer ist Eure Regierung, ist Eure Unabhängigkeit anerkannt oder nicht?“ Da eine befriedigende Antwort auf diese Fragen noch nicht gegeben werden kann, so ist es klar, daß die weiteren Verhandlungen mit diesen Staaten nur provisorischen Charakter haben können. Immerhin ist es möglich, daß für Armenien und Aserbeidschan der bisher rein türkische Vertrag durch einen provisorischen allgemeinen Vertrag ersetzt wird, der die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen neuen Staatengebilden und den Vierbundmächten einigermaßen festlegt. Für die Nordkaukasusstaaten, deren staatliche Grundlage auf noch unsicheren Füßen steht, wird der Abschluß eines Vertrages vielleicht großen Schwierigkeiten begegnen.
General Ludendorff spricht sich dahin aus, daß sich die deutsche Oberste Heeresleitung und die Oberste Kriegsleitung auf die rein militärische Seite der Kaukasusfragen zurückzuziehen wünscht und die politische Leitung ausschließlich dem Auswärtigen Amt überlassen will.
General Ludendorff bittet den Staatssekretär, ihn darin zu unterstützen.
Bezüglich Armeniens ist noch nachzutragen, daß die deutsche Oberste Heeresleitung anstrebt, daß auch seitens der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung einige Bataillone und Batterien zur Verfügung gestellt werden, um in Armenien eine ähnliche Aufgabe zu übernehmen, wie die Deutschen in Georgien, vor allem den Schutz der physischen Existenz der Armenier gegenüber drohenden türkisch-tatarischen Massakers.
Weiter ist erwünscht, daß die armenischen Streitkräfte organisiert und wieder verwendungsfähig gemacht werden, in ähnlicher Weise, wie wir es in Georgien beabsichtigen.
411.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Telegramm.
Tiflis, den 16. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt.
Frhr. v. Frankenstein hat seiner Regierung folgende Beobachtungen gedrahtet, die sich mit meinen decken:
„In Begleitung des Bischofs Mesrop und eines k. u. k. Militärarztes habe ich gestern einen Teil der in den Wäldern von Bakuriani kampierenden ca. 40000 Armenier besichtigt, die aus dem 2 Tagereisen entfernten Achalkalaki angesichts des türkischen Vormarsches im Mai geflüchtet sind. Ein Teil ist noch im Besitz geringer Vorräte, die übrigen sind in großer Not, liegen teils krank herum, dem Regen ausgesetzt; Flecktyphus und andere Krankheitsfälle sind in Zunahme. Sollten diese Flüchtlinge noch längere Zeit in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben, so wird nach Ansicht der unter ihnen tätigen Ärzte eine hohe Sterblichkeit durch Hunger eintreten. Die georgische Regierung gestattet wegen der Seuchengefahr nicht ihre Verteilung in Georgien.
Die besonders gut stehende Ernte in ihren Heimatdörfern muß in 10 bis 20 Tagen spätestens eingebracht werden. Falls die Flüchtlinge nicht bis dahin geschützt gegen türkische Gewalttätigkeiten zurückkehren können, so wird voraussichtlich ein großer Teil der Ernte zugrunde gehen, da die Türken zur Bergung der Ernte nicht in der Lage sein werden, und es wird nötig sein, daß die Mittelmächte in den kommenden Monaten diese Leute mit Getreide versorgen oder der Hungersnot überlassen. Gegen 30000 geflüchtete Armenier sind notdürftigst in Tiflis untergebracht und befinden sich, wie ich heute persönlich festgestellt habe, wegen hiesigen Brotmangels an der Verhungerungsgrenze; sie erwarten sehnsüchtig eine Möglichkeit zur Heimkehr.
Wie Bischof Mesrop versichert, ist die Lage der rund 500000 in die Umgebung von Eriwan gedrängten Armenier geradezu verzweifelt.“
Kreß.
412.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 18. Juli 1918.
Auf Bericht vom 12. 7. 1918.
Euer Exzellenz bitte ich dem Nuntius zu sagen, daß wir prinzipiell gern bereit sind, die Übermittlung von Unterstützungsgeldern an die armenische und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien zu übernehmen. Ob und wie weit die Ausführung — insbesondere in Persien — praktisch möglich ist, steht allerdings dahin.
Frhr. v. d. Bussche.
An die Königlich Preußische Gesandtschaft München.
413.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Die Depesche unserer Delegation in Konstantinopel vom 12. d. M., die Sie uns zuzusenden die Güte hatten, übermittelt uns ein Telegramm des armenischen Nationalrats aus Tiflis vom 7. d. M., wonach täglich alarmierende Nachrichten über Greuel gegen Armenier aus den von den türkischen Truppen besetzten armenischen Gebieten einlaufen. Zahlreiche türkische und tatarische Banden treiben ungestraft ihr Unwesen. Im Süden von Sanahin in Lori mehren sich die Plünderungen und Morde an Armeniern, und in Karaklis sind noch nach Unterzeichnung des Friedensvertrages von Batum fast 2000 armenische Männer, Frauen und Kinder den Massakres zum Opfer gefallen. Nach den bitteren Erfahrungen in Türkisch-Armenien bedeuten diese Vorgänge, die ähnlich auch in anderen Gegenden sich häufen — so z. B. bei der deutschen Kolonie in Katharinenfeld —, das Vorspiel zu katastrophalen Ereignissen, und aus diesen Befürchtungen heraus ersucht der armenische Nationalrat seine Delegierten, gegen diese Untaten energischen Protest zu erheben, und auf die unverzügliche Räumung des armenischen Gebiets durch die türkischen Truppen zu dringen.
Wir durften bereits durch unser ergebenes Schreiben vom 2. Juli der schweren Sorge Ausdruck geben, die uns und unserer Nation die Fortdauer der türkischen Besetzung unseres Gebiets bereitet, wodurch die Lage der Hunderttausende zählenden armenischen Flüchtlinge, die nackt und hungrig in den Bergen und Wäldern umherirren und massenweise den Entbehrungen erliegen, sich in steigendem Maße verschlimmert und die Rückkehr von Ruhe, von Beruhigung in unser Volk unmöglich gemacht wird. Jede Woche, um die sich die Räumung verzögert, erschwert die Lage, verwickelt die Situation mehr und treibt einem Zustand entgegen, dessen Gefahren für das Schicksal der Flüchtlinge und die Existenz unserer Nation überhaupt offensichtlich sind. Wir bitten auch, darauf hinweisen zu dürfen, daß die mit der türkischen Besetzung zusammenhängenden dauernden Ausschreitungen gegen die Armenier bei unseren Volksgenossen in allen Ländern begreiflicherweise starke Erregung und Befürchtungen hervorrufen.
Von dem dringenden Wunsche der Deutschen Regierung, Armenierverfolgungen im Kaukasus zu verhindern, sind wir vollkommen überzeugt und dankbar dafür. Aber solange die Türken noch Teile unseres Gebiets besetzt halten, werden sie immer Mittel und Wege finden, offen oder versteckt, direkt oder indirekt, durch organisierte türkische und tatarische Banden ihrer Politik der Armenier-Ausrottung nachzugehen. Schon die Vertreibung der Armenier aus ihren Heimstätten ist ein solches Mittel, das die Flüchtlinge wirtschaftlich ruiniert und sie zugleich allen Gefahren der Aufreibung aussetzt. Daher werden die Türken in jeder Weise ihre Rückkehr in ihre Wohnstätten verhindern. In dem Telegramm des armenischen Nationalrats ist auch von einem Schreiben Essad Paschas die Rede, der die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge aus Achalkalaki für unmöglich erklärt, weil die Bevölkerung angeblich über Verbrechen der Armenier dort noch stark erregt ist. Von Verbrechen, die Armenier in Achalkalaki verübt haben sollen, ist uns nichts bekannt; aber die Hinfälligkeit der Begründung Essad Paschas ergibt sich schon aus der Tatsache, daß in Achalkalaki die Muhammedaner — auf die sich doch nur die Erregung beziehen könnte — nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachen. In dem Bezirk Achalkalaki leben:
82775
Armenier,
9939
christliche Georgier und nur
5400
Muhammedaner und
800
Kurden.
Das einzige Mittel, den verderblichen Absichten der Türken bezüglich der Armenier rechtzeitig und wirksam zu begegnen, bietet nur die baldige Räumung unseres Gebiets und die Verwirklichung der Bedingungen des Brester Vertrags hinsichtlich unserer Grenzen. Nur ein energisches Eingreifen Deutschlands vermag die Türken zur Zurücknahme ihrer Truppen zu nötigen, und im Hinblick auf die wachsende Erregung und Panik, die das Verbleiben und die Ausschreitungen türkischer Truppen auf unserem Gebiet verursachen, wiederholen wir, indem wir gegen die türkischen Ausschreitungen in aller Form protestieren, inständigst unsere dringende Bitte, durch alsbaldige Entfernung der türkischen Besatzungen unser Volk aus einer Lage folgenschwerer Entwurzelung und voll lauernder Gefahren zu retten, bevor es zu spät ist. Wir bitten ferner, bis zur Durchführung der Räumung und zu ihrer Überwachung die Armenier durch eine militärische Expedition vor weiteren Verfolgungen schützen zu wollen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
414.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 17. Juli 1918.
Aufzeichnung für mündlichen Vortrag.
Armenien hat sich zu einer selbständigen Republik erklärt.
Sein Gebiet ist aber zum größten Teil von den Türken besetzt, die Bevölkerung teils in die Berge zusammengedrängt, teils nach Georgien geflohen, und die armenische Regierung außerhalb des Landes in Tiflis.
Die Lage der Armenier ist derart, daß etwas für sie geschehen muß.
Das den Armeniern zur Verfügung stehende Gebiet ist so beschränkt, daß die Armenier unmöglich darin leben können und bei Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes dem Untergange geweiht sind. Es wird daher erforderlich sein, die Türken zu bewegen, hinter die Grenze zurückzugehen, die ihnen im Vertrage von Brest-Litowsk zugestanden worden ist und auf armenischem Gebiete höchstens Bahnwachen zu belassen zur Sicherung der ungestörten Abwicklung der Militärtransporte in der Richtung auf Djulfa und Täbris. Die Armenier werden aber nur dann in ihr altes Gebiet zurückkehren können, wenn ihnen ein Schutz sowohl gegen erneute türkische Einfälle wie gegen Ausschreitungen tatarischer Banden gegeben wird. Dies läßt sich nur erreichen, wenn das Land von zuverlässigen Truppen besetzt wird. Die russische Regierung würde die Anwesenheit deutscher Truppen in Armenien vielleicht ohne Widerspruch hinnehmen, wenn ihr klar gemacht wird, daß diese Maßnahme nur aus humanitären Gründen erfolgt, um die Reste des armenischen Volkes zu retten. Können wir die für diesen Zweck erforderlichen Kräfte zur Verfügung stellen? Es darf darauf hingewiesen werden, daß die Rückführung der Armenier dringlich ist, damit die Ernte in den in Betracht kommenden Gebieten wenigstens noch zum Teil gerettet und Armenien vor einer Hungersnot bewahrt wird.
415.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Armenierführer Aharonian hat bei mir wieder verschiedene Klagen vorgebracht. Es handelt sich in erster Linie um die armenischen Flüchtlinge, wegen deren ich schon mehrmals beim Großwesir vorstellig wurde. Ferner bat Aharonian, Armenien durch österreichische oder deutsche Polizeitruppen zu besetzen. Er ist mit mir der Ansicht, daß die Beschlüsse der Konferenz einen Schlag ins Wasser bedeuten werden, wenn nicht die betreffenden Gebiete durch deutsche oder österreichische Truppen besetzt sind. Schließlich war Aharonian sehr besorgt wegen einer Unterredung des Berliner armenischen Delegierten mit Joffe. Dieser habe gesagt, daß Rußland zur Not Georgien anerkennen werde, aber nicht Armenien und Aserbeidjan. Lieber würde Rußland die Türkei mit Waffengewalt hinter die Grenzen von Brest-Litowsk zurücktreiben. Es scheint, daß die Russenherrschaft von den Armeniern ebenso sehr gefürchtet wird wie die der Türken.
Bernstorff.
416.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Täglich werde ich von der hiesigen armenischen Delegation mit der Bitte um Entsendung deutscher oder österreichischer Truppen nach Armenien bestürmt. Ohne eine solche Hilfeleistung unsererseits würde es unmöglich sein, die Anarchie in Armenien zu unterdrücken. Die armenischen Flüchtlinge würden jede Hoffnung verlieren, sich zusammenrotten und Banden bilden, um die Türken und die Tataren zu bekämpfen. Gefahr sei im Verzuge. Selbst wenn die Konferenz bald zusammentreten und Beschlüsse fassen sollte, würden diese in Armenien nicht befolgt werden, wenn nicht deutsche oder österreichische Truppen ihre Durchführung überwachten. Aharonian übergab dem Großwesir eine Denkschrift über die Lage in Armenien, welche ich mit dem nächsten Feldjäger einreiche. Talaat Pascha machte die üblichen Versprechungen; diese werden aber natürlich nicht erfüllt werden, da die lokalen türkischen Militär- und Zivilbehörden Weisungen aus Konstantinopel bekanntlich nicht befolgen, am allerwenigsten dann, wenn sie wissen, daß diese Weisungen die Folge eines deutschen Drucks sind.
Bernstorff.
417.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 27. Juli 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
General von Kreß drahtet vom 19. Juli:
„Ist bei der türkischen Regierung die dauernde Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nicht sofort zu erreichen, so bitte ich dringend, durchzusetzen, daß eine größere Anzahl Männer vorübergehend zur Ausführung der Erntearbeiten in ihre Heimat zurückkehrt. Andernfalls werden Hunderttausende Hungers sterben müssen. Es ist größte Eile geboten. Die Türkei muß auf Konferenz unbedingt dazu gezwungen werden, daß sie die Rückkehr der Armenier gestattet. Armenien ist viel zu klein, um alle diese Leute zu ernähren.“
Ferner vom 20. Juli:
„Ich halte es für meine Pflicht, nochmals darauf hinzuweisen, daß wir unter allen Umständen durchsetzen müssen, daß die Türken den geflüchteten Armeniern sofort die Heimkehr und Bergung ihrer Ernte gestatten.
Abgesehen vom Gebot der Menschlichkeit würde unser Ansehen und unser Einfluß im Orient die schwerste Einbuße erleiden, wenn wir uns so schwach zeigten, daß wir die Rettung einer halben Million Christen vom sicheren Hungertod bei den Türken nicht durchzusetzen vermögen.“
Euere Exzellenz bitte ich bei der dortigen Regierung in diesem Sinn nachdrückliche Vorstellungen zu erheben. Der österreichisch-ungarische Geschäftsträger erhält entsprechende Weisung.
Ich bitte die Oberste Heeresleitung, auf Enver Pascha im gleichen Sinne einzuwirken[151].
Hintze.
418.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Endlich haben sich nun der Großwesir und Nessimi Bey entschlossen, in der Kaukasusfrage bestimmte Stellung zu nehmen, nachdem die Angelegenheit mehrfach im Ministerrat besprochen worden ist.
Was die armenischen Flüchtlinge betrifft, so will die türkische Regierung sofort mit der Zurückführung in die Heimat beginnen. Talaat und Nessimi behaupteten, daß sie den Widerstand Envers, der militärische Gründe vorschütze, mit großer Mühe überwunden hätten. Letzterer habe auch bestimmt verlangt, daß für den Bezirk Achalkalaki bis nach Abschluß der Konferenz eine Ausnahme gemacht werde. Dort ständen nur neu gebildete schwache türkische Truppen, auf deren Disziplin man sich nicht verlassen könne. Die Armenier hätten dort vor ihrem Rückzug mit den Greueltaten begonnen; es liege daher die Gefahr nahe, daß die Türken sich rächen würden.
In der Frage der Grenzregulierungen blieb die türkische Regierung vollkommen intransigent.
Wir haben meines Erachtens gar kein Mittel, die Türken zum Nachgeben zu zwingen. Mit jeder Art von Repressalien ist bereits vergeblich gedroht worden.
Sollten Euere Exzellenz es für ausgeschlossen erachten, daß wir auf obiger Basis zu einer Einigung mit der Türkei kommen, so bliebe meines Erachtens nur übrig, mehr Truppen nach Armenien und Georgien zu schicken.
Bernstorff.
419.
Deutscher Militärbevollmächtigter.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
Generalfeldmarschall von Hindenburg drahtet am 29. 7. für Euere Exzellenz:
„Verschiedene Meldungen weisen übereinstimmend auf die dringende Notwendigkeit hin, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr nach Armenien zu gestatten, damit sie die Ernte einbringen können. Andernfalls müßten Hunderttausende Hunger sterben, da ihre anderweitige Versorgung nicht möglich ist. Allergrößte Eile sei geboten. Mit Euerer Exzellenz weiß ich mich darin eins, daß wir nicht gegen die Bevölkerung Krieg führen wollen. Euere Exzellenz werden es auch verstehen, wenn ich mich hier als Christ für die Errettung von 500000 Glaubensgenossen vom sicheren Hungertod einsetze. Im Interesse der Menschlichkeit bitte ich Euere Exzellenz, Befehl zu geben, daß die Unglücklichen in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Ich zweifle nicht, daß Euere Exzellenz, nun Sie durch mich von der Lage der Armenier unterrichtet sind, keinen Augenblick zögern werden, allerstrengste Weisung zu geben und ihre Durchführung zu überwachen.“
Lyncker.
Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister
und Vizegeneralissimus Enver Pascha.
420.
Großes Hauptquartier, den 31. Juli 1918.
Telegramm.
An General von Seeckt für Enver Pascha.
Die Mitteilungen über die Bewegungen der türkischen Divisionen in Richtung Djulfa bestätigen, daß in diesen Gegenden Kämpfe mit Armeniern stattfinden. Ich würde es für einen ebenso großen politischen wie militärischen Fehler halten, wenn diese Kämpfe über das militärisch unbedingt nötige Maß ausgedehnt würden. Wir können auch aus militärischen Gründen nicht über die bedenkliche Stimmung hinwegsehen, die durch Exzesse gegen die Einwohner bei diesen Kämpfen in Transkaukasien hervorgerufen würde.
v. Hindenburg.
August.
421.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin.
Berlin, den 2. August 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir erlauben uns, in der Anlage Auszüge aus den Briefen unserer Delegation in Konstantinopel zur gütigen Kenntnisnahme zu überreichen. Sie konstatieren eine weitere Verschlimmerung der Lage der armenischen Flüchtlinge, die äußerste Gefährdung ihrer Existenz und eine bedenkliche Zunahme der blutigen Gewalttätigkeiten der türkischen Truppen und tatarischen Banden. Angesichts dieser verhängnisvollen Entwicklung, die uns mit der tiefsten Sorge um unsere Nation erfüllt, bitten wir, unsere dringende Bitte um baldige Hilfe wiederholen zu dürfen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian.
Anlage.
Die letzten Nachrichten über die Lage in Kaukasisch-Armenien.
Aus dem Brief des Vorsitzenden des armenischen Nationalrates, Herrn Aharonian, vom 20. Juli.
„... Sie können sich dort keine Vorstellung davon machen, welchen ungeheuren Maßstab die Flucht unserer Nation angenommen hat und wie furchtbar das daraus entspringende Elend ist. Von Eriwan bis Dilidjan und Neubayazid sind die Straßen ein einziges Meer von armenischen Flüchtlingen. Die Heeresstraße zwischen Tiflis und Wladikawkas ist bedeckt von flüchtenden Armeniern... Die 80000 Armenier von Achalkalaki sind in den Schluchten von Bakuriani zusammengedrängt, ausgesetzt den amtlichen und nichtamtlichen Feindseligkeiten der fremden Ortsobrigkeiten. Die Täler von Karakilissa sind gefüllt mit Flüchtlingen. Dort befinden sich alle armenischen Einwohner von den Bezirken Kars und Alexandropol. Tataren aus Kaasch und Bortschalu haben, ermutigt durch die Gegenwart der türkischen Truppen, unmenschliche Metzeleien gegen sie verübt. So haben sie allein im Bezirk Karakilissa 2000 Armenier ermordet. Auf der Station Aschaghaserail wurden armenische Waisen, die mehrere Waggons füllten, mit ihren Lehrerinnen niedergemetzelt. Überhaupt ist die Eisenbahnlinie von Karakilissa bis Tiflis das „Schlachthaus“ unserer Nation geworden... Die Schar der Flüchtlinge, die an Zahl eine halbe Million übersteigt, schwindet in Not und Elend dahin, täglich und stündlich... Wenn nicht sehr bald unser Gebiet bis zur Brester Grenze geräumt wird, ist unser Volk verloren...“
Aus dem Brief des Ministers des Auswärtigen, Herrn Chatissian, vom 20./23. Juli.
„... Auf unsere Note, betreffend die Frage der Flüchtlinge, hat die türkische Regierung noch nicht geantwortet, obgleich sie versprochen hatte, die Angelegenheit binnen drei Tagen zu prüfen... Die türkischen Truppen verhalten sich sehr unkorrekt und begingen selbst Metzeleien in Karakilissa, Lori, Nucha, im Bezirk Achalkalaki usw..... Unsere Flüchtlinge gehen aus Lori über die Berge nach Dilidjan und von dort nach Neu-Bayazid und Eriwan. Die Türken führen die Tataren aus Kasach in den Bezirk von Kars über, um sie in den Ortschaften der geflüchteten Armenier anzusiedeln...“
Aus dem Briefe des Sekretärs der armenischen Delegation in Konstantinopel
Herrn Kotscharian, vom 20. Juli.
„... Der Verkehr ist noch nicht wiederhergestellt, weder nach Baku noch nach Eriwan.... Es bestätigt sich, daß viele Armenier aus der Ebene Schirak festgenommen und nach der Türkei verschleppt worden sind. In Elisabethpol sind die Armenier von den Türken ihrer Waffen beraubt worden.... Die armenischen Flüchtlinge aus den Tälern von Lori haben sich nach Kasach und andere Gegenden zerstreut. Die Heeresstraße nach Wladikawkas ist endgültig versperrt.... Die Flüchtlinge aus Achalkalaki sind noch nicht zurückgekehrt, Räuberbanden treiben in diesem Bezirk ihr Unwesen.... Die Zahl der armenischen Flüchtlinge allein aus unserem beschränkten Gebiet beläuft sich auf über 600000. Hunger und Epidemien herrschen unter ihnen und nehmen tagtäglich an Umfang zu.... Die Armenier entfernen ihre Familien aus der Stadt Baku...“
422.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha hat folgendes Telegramm an Feldmarschall von Hindenburg gerichtet:
„Ich habe dem (türkischen) Auswärtigen Ministerium, welches sich mit der Frage der armenischen Flüchtlinge beschäftigt, mitgeteilt, ich könne vom militärischen Standpunkt zustimmen, daß die Flüchtlinge in das Gebiet bis zu 20 km östlich der Bahn Alexandropol-Dschulfa sowie in die Distrikte zurückkehren, in welchen keine Kämpfe zwischen Muselmanen und Armeniern stattgefunden haben[152]. Als solcher ist z. B. die Gegend von Batum anzusehen. Im einzelnen muß Oberbefehlshaber der 3. Armee bestimmen. Ich vermag noch nicht anzugeben, inwieweit hiernach vom Auswärtigen Ministerium die Zulassung der Flüchtlinge erfolgen wird, werde jedoch nicht verfehlen, die Angelegenheit beschleunigen zu lassen und Euerer Exzellenz Mitteilung von dem Ergebnis zu machen.
Zu meinem Bedauern bin ich aus zwingenden militärischen Gründen bei vollster Würdigung der Euerer Exzellenz leitenden Beweggründe und dem lebhaften Bestreben, den Wünschen Euerer Exzellenz zu entsprechen, nicht in der Lage, die Rückkehr der Armenier in vollem Umfang und ohne Einschränkung zuzulassen.
Ich bitte, bei Beurteilung dieser Frage unsere Lage den Armeniern gegenüber in Betracht ziehen zu wollen. Vor Baku, bei Dschulfa und bei Urmia stehen sie uns im Kampf gegenüber, ihre Verbindung mit den Engländern ist nachweisbar. Eine Trennung zwischen Volk und militärischem Gegner ist in diesem Falle kaum möglich bei aller Bereitwilligkeit, grundsätzlich nicht gegen eine Bevölkerung Krieg zu führen. Euere Exzellenz verlangen von mir, eine halbe Million zum Teil bewaffneter und feindlich gesinnter Einwohner im Rücken unserer kämpfenden Armeen zu lassen, ohne daß irgend eine Gewähr für ihr friedliches Verhalten gegeben werden kann. Sie werden jedoch wie früher im russischen, so jetzt im englischen Sold unserer Kriegführung Schwierigkeiten machen. Zurückgekehrt in Gebiete, die durch Jahrhunderte alten nationalen Haß durchwühlt sind, werden sie Anlaß zu neuen blutigen Kämpfen geben. Euere Exzellenz wollen berücksichtigen, daß seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet Kars sich die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert hat, welche alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind[153], da in dieser Gegend eine russische Aushebung nicht stattgefunden hat. Es ist unausbleiblich, daß das muselmanische Volk in diesen Gegenden zur Rache aufstehen wird, so daß die türkischen Truppen gezwungen wären, um die Armenier zu schützen, gegen ihre eigenen Stammes- und Glaubensgenossen einzuschreiten. Gerade im Interesse der Menschlichkeit muß ein solcher erneuter Bürgerkrieg mit seinen unausbleiblichen grausamen Folgen vermieden werden. Die Rückkehr der Armenier würde ein Truppenaufgebot im Innern bedingen, welches die beabsichtigten Operationen unmöglich machen und unsere Kriegführung lahmlegen würde. Euere Exzellenz bitte ich, bei Beurteilung unseres Verhaltens diese Verhältnisse würdigen zu wollen.
Wenn ein Abzug der Armenier aus Baku und ihre Rückkehr in das armenische Staatsgebiet unmittelbar oder durch Vermittlung des Generals von Kreß verlangt wird, so werden von dem in Aserbeidschan kommandierenden türkischen Befehlshaber keine Schwierigkeiten gemacht werden. Ihre Entfernung aus Baku kann uns nur erwünscht sein, da es leichter sein wird, sich mit den dortigen Russen zu verständigen, falls nicht der dort anscheinend herrschende Einfluß eine Verständigung verhindert.“
423.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 4. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die türkische Regierung hat sich auf unsere von der Obersten Heeresleitung unterstützten sehr zahlreichen Schritte bereit erklärt, mit der Zurückführung der armenischen Flüchtlinge in die Heimat sofort zu beginnen. Nur der Bezirk Achalkalaki bleibt aus militärischen Gründen bis nach Abschluß der Kaukasuskonferenz ausgenommen. Wir hoffen, weiter Erfolg zu haben.
Der Staatssekretär
Hintze.
424.
(Delegation im Kaukasus.)
Telegramm.
Abgang aus Tiflis, den 4. August 1918.
Ankunft, den 15. August 1918.
Augenschein und eingehende Besprechung mit Regierung und Katholikos in Eriwan, von wo wir eben zurückgekehrt sind, haben unsere Auffassung bestätigt und bestärkt, daß nur baldige Hilfe der Mittelmächte Armenien vom Untergang retten kann. Kleines jetziges Armenien kann nicht einmal seßhafte Bevölkerung ernähren, geschweige denn die zurzeit dort befindlichen drei bis fünfhunderttausend Flüchtlinge, die Herstellung der Ruhe unmöglich machen. Entgegen dem Willen der Regierung führt schwierige Lage der Flüchtlinge dauernd zu neuen Bandenbildungen und hervorruft somit neue Verwickelungen mit Türken. Armenien wird von Türken ringsum hermetisch abgeschlossen, diese verhindern jeglichen Handel und Verkehr, veranlassen Abwanderung tatarischer und persischer Bevölkerung, so daß armenische Regierung Angriff auf Eriwan befürchtet. Türken haben auch hier Bedingungen Batumer Friedens nicht eingehalten, sondern halten jenseits Batumer Grenze wichtige Gebiete besetzt. Armenien nur lebensfähig mit Brest-Litowsker Grenzen ohne von Türken angestrebte Grenzberichtigungen, welche gerade wirtschaftlich wichtigste Distrikte an Türkei bringen würden. Zurzeit sind produktionsfähige Gebiete fast sämtlich von Türken besetzt, welche sie planmäßig ausraubten. Trotz Vertrags führen sie besonders große Baumwollvorräte aus. Die Ernte zum Teil von Türken eingebracht, zum Teil geht sie zugrunde. Bis Nachitschewan muß Eisenbahn unbedingt armenisch werden. Türken wäre Anspruch auf Truppentransport einzuräumen wie in Georgien. Bahn in leidlich gutem Zustande. Armenier stellen ebenso wie ich bestimmt in Abrede, daß es zwischen beiden Staaten zu Kämpfen kommt, wenn Türken sich auf Batumer Grenze zurückzogen. Envers gegenteilige Behauptung nur Vorwand, um für die völlige Zerstörung und Ausbeutung vertragswidrig besetzten Landes Zeit zu gewinnen, Türken wollen neuerdings von Aserbeidschan aus in rein armenische Provinz Karabagh einrücken und diese entwaffnen. Neue Kämpfe der wehrhaften Bergbewohner gegen Mohammedaner sind unvermeidlich, wenn wir sie nicht daran hindern.
In Eriwan Empfang warm und herzlich.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
425.
Der k. u. k. Vertreter in Tiflis.
Tiflis, den 4. August 1918.
An Seine Exzellenz den Herrn Minister des k. u. k. Hauses und des Äußern, Stefan Grafen Burian.
Eröffnung des armenischen Parlamentes.
Während Baron Kreß wegen dringender Angelegenheiten nach eintägigem Aufenthalte in Eriwan nach Tiflis zurückkehren mußte, blieb ich noch einen Tag in der Hauptstadt Armeniens, um der Eröffnung des Rates von Armenien beizuwohnen, hierbei Eindrücke zu sammeln und um noch mit dem Minister des Innern ein Gespräch zu führen.
Der bisherige Präsident des armenischen Nationalrates verlas von einer Tribüne vor den 46 Mitgliedern des Parlaments, hinter denen sich ein zahlreiches Publikum versammelt hatte, eine längere Eröffnungsrede, in welcher er zuerst einen historischen Überblick über die Vorgänge gab, die zur Selbständigkeitserklärung geführt haben, durch welche das Ziel jahrhundertelanger Bestrebungen erreicht worden sei. (Im Jahre 1046 verlor Armenien endgültig seine Selbständigkeit.) Er erklärte sodann, daß die Grenzen des Batumer Vertrages, innerhalb welcher Armenien nicht leben könne, nicht feststehend seien und revidiert werden würden. Alle in Armenien wohnenden Nationalitäten sollen ihr ruhiges Heim in der Republik haben, daher sei Wert darauf gelegt worden, daß die Nationalitätenvertreter bereits bei der ersten Sitzung anwesend seien. (Im Gegensatze hierzu sind im georgischen Nationalrate bisher nur georgische Volksvertreter, doch soll eine Vertretung der hiesigen anderen Nationalitäten in dieser Körperschaft geplant sein.) Er übergebe die Fürsorge für das Wohl des Vaterlandes dem Parlamente und trete als Präsident des Nationalrates zurück. Er wurde sodann einstimmig zum Parlamentspräsidenten gewählt. Seine Rede wurde hierauf zuerst auf türkisch und dann auf russisch verlesen, weil die Nationalitätenvertreter zum Teil armenisch nicht verstehen.
Die Volksvertretung ist folgendermaßen zusammengesetzt:
18
Daschnakzagan,
6
Freisinnige,
6
Sozialdemokraten,
6
Sozialrevolutionäre,
2
Parteilose,
6
Tataren,
1
Russe,
1
Yeside.
Die Yesiden sind ein den Kurden verwandter Stamm, der Religion nach sogenannte Teufelsanbeter.
Unter der Präsidententribüne hatten links die Präsidenten des tatarischen und des russischen Nationalrates Platz genommen, rechts die Pressevertreter. Über diesen in einer Loge die Minister und die Generäle, ihnen gegenüber war der leer gebliebene Armstuhl des Katholikos. Neben diesem war die Loge für die fremden Vertreter, in welcher sich außer mir zwei deutsche, nach Eriwan zur politischen und wirtschaftlichen Orientierung detachierte Offiziere, ferner der türkische und der persische Konsul und der Vertreter der Ukraine befanden. Außer der erwähnten Rede des Präsidenten wurden keine Ansprachen gehalten. Ein Teil der Abgeordneten verlangte dringend, daß am nächsten Tage sofort eine Sitzung abgehalten werde, da die furchtbare Notlage Armeniens sofortige Arbeit erheische.
Anschließend an die Eröffnungssitzung fand eine Parade aller Waffengattungen statt, zu der der größte Teil der Truppen morgens von der nahen türkischen Front gekommen war. Sie waren schlecht adjustiert, aber bemerkenswert große und kräftige Leute, die stramm marschierten. Das zahlreiche bunte Publikum — größtenteils Bauern — von Polizisten in Ordnung gehalten, verhielt sich ruhig.
Der k. u. k. Vertreter.
426.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Tiflis, den 5. August 1918.
Am 30. v. M. abends fuhr ich mit Baron Frankenstein und einigen Herren meines Stabes von Tiflis über Alexandropol nach Eriwan, um mich der armenischen Regierung vorzustellen. Essad Pascha hatte sein Versprechen gehalten und dafür gesorgt, daß unser Zug ohne ernstliche Belästigung das von den Türken besetzte Gebiet passieren konnte. Die Fahrzeit betrug etwa 22 Stunden. Wir trafen um 9 Uhr abends in Eriwan ein und wurden noch zu einem vom Bürgermeister gegebenen Essen eingeladen. Am 31. vormittags machten wir den Ministern und dem Vorsitzenden des Nationalrats unseren Besuch und fuhren dann nach Etschmiadzin, um dem Katholikos unsere Aufwartung zu machen. Seine Heiligkeit lud uns zu Tisch. Nachmittags kamen der Ministerpräsident und der Präsident des Nationalrats zu einer langen vertraulichen Besprechung zu uns. Abends wurde uns zu Ehren ein Bankett gegeben, an dem alle Würdenträger der Republik Armenien teilnahmen.
Ich trat noch am gleichen Abend die Rückreise an, während Baron Frankenstein die Einladung zur Teilnahme an der am nächsten Tage stattfindenden Parlamentseröffnung annahm. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, meinen Aufenthalt in Eriwan zu verlängern, weil die zurzeit bestehende Spannung zwischen Aserbeidschan und Georgien meine sofortige Rückkehr nach Tiflis wünschenswert machte.
Die Aufnahme, die uns von der Regierung und der Bevölkerung zuteil wurde, war warm und sympathisch. Mir fiel besonders vorteilhaft die gute Haltung und Straßendisziplin der armenischen Offiziere und Soldaten auf. Der Oberkommandierende General Nazarbekow macht einen sehr guten Eindruck; er soll auch in der russischen Armee den Ruf eines besonders tüchtigen Generals besessen haben.
Der Bolschewismus scheint beim armenischen Volke und beim armenischen Soldaten nur wenig Anhänger gefunden zu haben.
An der Spitze der Regierung steht als Ministerpräsident Herr Ruben Katschasnuni, ein etwa 60 jähriger, verständiger, sympathischer Mann, Minister des Innern ist Herr Aram Marukian, Minister des Auswärtigen Herr Alexander Chatissian, Kriegsminister General Aschwerdian und Finanzminister Herr Chatschatur Kartschikian.
Die Herren scheinen ruhige besonnene und zielbewußte Arbeiter zu sein.
Eine imponierende Persönlichkeit ist der Katholikos. Ein schöner stattlicher Greis von etwa 70 Jahren, von der Würde seiner hohen Stellung und dem ganzen Gewicht der auf ihm lastenden Verantwortung durchdrungen, klug und zielbewußt, während der Verhandlungen von einer geradezu abweisenden Zurückhaltung und Kälte, bei Tisch der aufmerksamste und liebenswürdigste Hausherr.
Die Unterredung des Katholikos mit Baron Frankenstein und mir nahm einen geradezu dramatischen Verlauf. Während von draußen das Summen und Brausen der tausendköpfigen Menge von Flüchtlingen, die in den weiten Höfen des Klosters biwakieren, in das klösterliche Gemach hereindrang, sprach sich der greise Katholikos bei der ergreifenden Schilderung des Elends seines Volkes, das der Vernichtung preisgegeben sei, und dem er als oberster geistlicher Hirte nicht helfen könne, in eine solche Erregung hinein, daß er am ganzen Körper zitterte. Er beruhigte sich wieder, als ich die Rolle schilderte, die die Mittelmächte bei den Armeniergreueln 1915 gespielt haben und ihm auseinandersetzte, wie Deutschland, das mit einer Welt von Feinden um seine Existenz kämpfte, der Armenier halber nicht das Bündnis mit den Türken auf das Spiel setzen konnte, und deshalb gezwungen war, sich auf Proteste gegen das Vorgehen der Türken in der Armenierfrage zu beschränken.
Im folgenden erlaube ich mir, die augenblickliche Lage Armeniens zu skizzieren, wie sie sich mir auf Grund persönlicher Beobachtung und auf Grund der Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten darstellt.
Die Armenier sind zurzeit von den Türken auf einem ganz kleinen Gebiete eingekreist, das mit Ausnahme des Beckens von Eriwan vollkommen Hochgebirgscharakter trägt und nahezu völlig unproduktiv ist. Ebenso wenig wie gegenüber Georgien haben die Türken Armenien gegenüber die Bestimmungen des von ihnen selbst diktierten Friedens von Batum eingehalten. Sie haben jenseits der von ihnen festgesetzten Grenze eine Reihe von Gebieten besetzt, deren Verlust für Armenien ganz besonders schmerzlich ist, weil ihnen dadurch auch noch die letzten Produktionsgebiete abgenommen wurden.
Zurzeit scheinen die Türken von Aserbeidschan aus gegen die zu 90 Prozent von Armeniern besiedelte Provinz Karabach vorgehen und die dortige Bevölkerung entwaffnen zu wollen, unter dem Vorwand, daß dort neuerdings die Armenier gegen die Muselmanen aggressiv geworden seien.
Die türkische Politik gegen die Armenier zeichnet sich klar ab. Die Türken haben ihre Absicht, die Armenier auszurotten, noch keineswegs aufgegeben, sie haben nur ihre Taktik gewechselt. Man reizt die Armenier, wo nur irgend möglich, man provoziert sie in der Hoffnung, dadurch einen Vorwand zu neuen Angriffen auf Armenien zu erhalten. Gelingt dies nicht, so will man sie aushungern und wirtschaftlich völlig ruinieren. Zu diesem Zwecke wird das unter nichtigen Vorwänden entgegen dem Vertrag von Batum besetzte Gebiet systematisch und planmäßig ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abgeführt. Die Beute an Kriegsmaterial, die die Türken in und bei Alexandropol gefunden haben, ist außerordentlich groß. Daß sie entgegen den Bestimmungen des Aprilvertrages auch alle Baumwolle ausführen, deren sie habhaft werden können, habe ich bereits gemeldet. Baron Frankenstein, der im Kraftwagen über Akstafa hierher zurückreiste, begegnete einer Kolonne von 3–400 schwer mit Baumwolle beladenen Bauernwagen, die aus Aserbeidschan nach Karakilissa fuhren.
Der Widerstand, den die Türken allen Aufforderungen zum Räumen des widerrechtlich besetzten Gebietes entgegensetzen, ist meines Erachtens lediglich darauf zurückzuführen, daß es ihnen noch nicht gelungen ist, alle Beute aus diesen Gebieten wegzuführen. Armenien befindet sich demgegenüber in einer sehr schwierigen Lage. Die Regierung ist fest entschlossen, alles zu vermeiden, was den Türken einen Vorwand zu neuen Angriffen geben könnte; aber sie besitzt nicht die Macht, zu verhindern, daß sich immer wieder neue Banden bilden. Es sind weniger politische Motive, aus denen heraus diese Banden entstehen, als der Hunger, der die Leute zwingt, auf Raub auszuziehen. Die Armenier in Karabach sind wilde Bergstämme, die niemals freiwillig ihre Waffen ausliefern werden. Wenn die Türken trotz meiner Warnungen die Entwaffnung durchführen wollen, so sind heftige Kämpfe mit allen den hier üblichen Begleiterscheinungen unvermeidlich. Der bekannte Bandenführer Andranik sollte in Armenien verhaftet werden. Man konnte aber nur eines Teiles seiner Bande habhaft werden, der Rest, unter Andraniks Führung, ist aus der Republik Armenien geflohen und führt nun auf eigene Faust Krieg gegen die Türken. Die armenische Regierung ist sich der Gefahr, in der sich ihr Land dauernd befindet, wohl bewußt. Sie ist entschlossen, dem Kampf auszuweichen und ihn solange wie irgend möglich zu vermeiden. Sie ist aber ebenso fest entschlossen und weiß sich darin mit dem ganzen armenischen Volke eins, sich bis zum letzten Mann zu verteidigen, falls die Türken ihr Land nochmals angreifen sollten. Die Türken würden dann in einen Gebirgskampf verwickelt, der unter Umständen recht beträchtliche Kräfte auf längere Zeit bindet — falls die Armenier nicht durch den Hunger besiegt werden.
Die Behauptung Envers, die Türken müßten die Bezirke von Alexandropol, Karakilissa usw. besitzen, um Zusammenstöße zwischen Armeniern and Georgiern zu verhindern, ist darauf berechnet, soviel Zeit zu gewinnen, daß die Ernte aus diesen Gebieten weggeführt und die Gebiete noch völlig ausgeraubt werden können.
Was die innere Lage Armeniens angeht, so wird sie außerordentlich erschwert durch die große Anzahl von Flüchtlingen, die sich gegenwärtig auf dem kleinen Gebiet Armeniens und insbesondere in der Gegend von Eriwan angesammelt haben.
Die eingesessene Bevölkerung des derzeitigen Gebietes der Republik Armenien wird auf 750000 Köpfe geschätzt. Auf dem Gebiet, das schon diese Leute nicht annähernd ernähren kann, befinden sich zurzeit aber außerdem noch 300–500000 Flüchtlinge. Diese Leute sind Hals über Kopf vor den Türken geflüchtet und mußten vielfach ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen. Die geringen Vorräte, die sie mitgebracht haben, sind schon längst verzehrt. Sie schlachten nach und nach ihr Vieh und berauben sich damit der letzten Möglichkeit zu Gründung einer neuen Existenz. Die Regierung schreitet energisch gegen Marodeure ein, aber der Hunger ist stärker als die Furcht vor der Strafe. Auf diese Weise geht auch der eingesessenen Bevölkerung der größere Teil ihrer Ernte verloren. Mit gebundenen Händen müssen inzwischen die Armenier zusehen, wie in den von Türken besetzten Gebieten die Ernte weggeführt wird oder zugrunde geht. Die armenische Regierung und den Katholikos bedrückt die doppelte Sorge, wie die Bevölkerung im laufenden Jahre ernährt werden soll und wie sich die Ernährungsfrage in der Zukunft gestalten wird. Wenn es den Zentralmächten Ernst ist mit ihrer Absicht, die Armenier vor der Vernichtung zu schützen, so müssen sie ihnen auch so viel Grund und Boden verschaffen, daß wenigstens die Hauptmenge des Verpflegungsbedarfes aus dem Lande gedeckt werden kann. Über das laufende Jahr aber müssen wohl oder übel die Zentralmächte durch Getreidelieferungen hinweghelfen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Deutsche Reich ruhig zusehen kann, wie die Muhammedaner ein christliches Volk der Vernichtung durch Hunger preisgeben.
Nachdem die Türken trotz unserer Vorstellungen die armenische Ernte zugrunde gehen ließen, ist es wohl nicht mehr wie recht und billig, daß das zum Unterhalt des armenischen Volkes benötigte Getreide jenen Beständen entnommen wird, die die Türken sonst aus der Ukraine oder aus Rumänien erhalten würden.
Die armenischen Flüchtlinge leben im Freien. In kürzester Zeit werden die Nächte kalt. Dann wird sich zum Hunger der Frost gesellen, um die Flüchtlinge zu dezimieren, wenn sie nicht vorher in ihre Heimat zurückkehren durften. Unsere Hilfe muß bald wirksam werden, sonst kommt sie zu spät. Wenn die Konferenz von Konstantinopel noch lange auf sich warten läßt, sind viele Tausende von Menschen zum Tode verurteilt.
Die Frage, was zu geschehen hat, um Armenien lebensfähig zu machen und ihm zu ermöglichen, unter Anlehnung an eine der Mittelmächte ein selbständiges Dasein zu führen, möchte ich dahin beantworten, daß Armenien die Grenzen des Brest-Litowsker Vertrages erhalten muß, aber ohne daß den Türken die von ihnen angestrebten Grenzberichtigungen bewilligt werden. Gerade diese Grenzberichtigungen würden Armenien seiner besten Grenzgebiete berauben. Wenn diese Gebiete den Türken überlassen werden, so geht ihre Produktion infolge der geschäftlichen Untüchtigkeit der Türken sofort zurück und ist für den Markt verloren.
Bei entsprechendem Ausbau der Bewässerungsanlagen, bei Einfuhr der nötigen Maschinen usw. werden die Armenier, aber niemals die Türken, aus diesen fruchtbaren Gebieten eine reiche Ernte von Seide, Baumwolle, Reis, Wein, Kognak, Spiritus und Obst, wahrscheinlich auch an Montanprodukten, herausholen.
Ich werde mir in Bälde erlauben, Euerer Exzellenz einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Armenien vorzulegen.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
427.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 6. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Ministerrat hat endlich die Amnestie für die türkischen Armenier beschlossen, Djambolat wird mit der Ausführung beauftragt[154].
Bernstorff.
428.
(Großes Hauptquartier.)
Telegramm.
Großes Hauptquartier, den 6. August 1918.
Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
Bei zweckmäßiger Auswahl der Truppen hat General Ludendorff keine Bedenken[155]. General v. Cramon erhielt bereits vor mehreren Tagen Weisung, unter dieser Einschränkung die Frage der Entsendung einer österreichisch-ungarischen Polizeitruppe mit Generaloberst von Arz zu besprechen.
Berckheim.
429.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 14. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die bisherige Haltung der türkischen Regierung in der Angelegenheit der Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nötigt uns zur Prüfung der Frage, ob eine Abwanderung der Flüchtlinge nach dem Norden möglich ist und unverzüglich ins Werk gesetzt werden kann.
Euer Hochwohlgeboren wollen sich hierzu umgehend telegraphisch äußern; gegebenenfalls bitte ich geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten.
v. Stumm.
430.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 20. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Ohne die politische Wichtigkeit, die eine Besserung der Lage der Armenier für uns und für die Türkei besitzt, im geringsten zu verkennen, und bei aller menschlichen Teilnahme für ihre Leiden müssen wir uns doch eine gewisse Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Türkei auferlegen.
Wir würden selbstverständlich für rein humanitäre Maßnahmen freie Hand haben. In dieser Hinsicht regen hiesige Armenierfreunde an, der Regierung in Eriwan dasselbe Quantum Getreide zu liefern, wie der Georgischen Regierung. Ob es möglich sein würde, das Kriegsernährungsamt zur Hergabe zu bestimmen, ist noch zweifelhaft. Ehe ich einen Versuch in dieser Richtung unternehme, bitte ich Euer Hochwohlgeboren um Äußerung, ob es angängig erscheint, Getreide durch Georgien nach Armenien gelangen zu lassen, obwohl wir den Georgiern selbst nur ein geringeres Quantum geben können als zuerst versprochen.
Hintze.
431.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 21. August 1918.
Urschriftlich dem Auswärtigen Amt, Berlin
gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
Der armenische Nationalrat
von Kars.
Tiflis, den 19. August 1918.
Der armenische Kirchenrat von Kars, der einzig und allein befugt ist, den Willen und die Interessen der vielgeprüften armenischen Bevölkerung des erwähnten Gebietes auszudrücken, protestiert auf das entschiedenste im Namen der armenischen Bevölkerung des Gouvernements gegen das von der türkischen Regierung unternommene Referendum der Bevölkerung des Gouvernements, wonach dieses Gebiet ohne weiteres dem ottomanischen Reiche einverleibt werden soll und erklärt hierdurch, daß § 4 des Brester Vertrages durch die türkische Regierung auf die gröbste Weise verletzt worden ist, da erstens die türkische Regierung teils mit Gewalt, teils mit Zwang, den sie auf die kaukasischen Regierungen geübt, wider den direkten und ausgesprochenen Sinn des Vertrages das Land okkupiert hat und zweitens allein und eigenmächtig ohne Rücksicht auf die Signatarmächte, die in demselben Paragraphen neben der Türkei erwähnt werden, die Willensäußerung nur der muhammedanischen Bevölkerung herbeigeführt habe, da ja die armenische Bevölkerung, die eine Majorität im Sandjak Kars bildet mit den anderen christlichen Völkern gänzlich von ihren Stammsitzen fortgetrieben, jeglicher juridischer Willensäußerung entzogen worden ist, obwohl sie faktisch durch ihre Flucht aus dem durch die türkischen Truppen okkupierten Lande ihre Willensrichtung deutlich zur Genüge an den Tag gelegt hat.
Im Namen der Rechte, die auf Grund des Brester Vertrages der ganzen Bevölkerung und nicht allein ihrem muhammedanischen Teile zugesprochen sind, appelliert der armenische Nationalrat von Kars an das Gewissen der im Brester Vertrage erwähnten Signatarmächte und bittet erstens, die türkischen Okkupationstruppen, sowie auch die muhammedanischen Massen, die von verschiedenen Nachbargebieten dorthin gezogen worden sind, um eine Stimmenmehrheit mit türkischer Orientierung herbeizuführen, zu entfernen und zweitens, Bedingungen zu schaffen, die der christlichen Bevölkerung die Rückkehr und die Festsetzung in ihrer Heimat ermöglichen, damit sie in den Stand gesetzt werden, laut demselben Vertrage ihre Regierungsform selbst zu bestimmen.
Eine diesbezügliche, ausführliche, durch geschichtliche, geographische und ethnographische Angaben unterstützte Denkschrift wird in Bälde der Kaiserlich Deutschen Regierung unterbreitet.
Der Vorsitzende des armenischen nationalen Rates von Kars.
Die Mitglieder: Unterschriften.
Der Schriftführer: Unterschrift.
An die Kaiserlich Deutsche Regierung in Berlin.
432.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 22. August 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Von General v. Kreß ging nachstehendes Telegramm vom 12. August ein:
„Envers Antwort[156] geht von falschen Voraussetzungen aus. Nicht darum handelt es sich, daß Armenier in das Gebiet östlich von Alexandropol-Djulfa einwandern dürfen, sondern darum, daß die dort eingepferchten und durch Hunger zur Verzweiflung getriebenen Armenier über die Bahn nach Westen zurückwandern dürfen, und daß das Gebiet bis zur Brester Grenze der Republik Armenien zur Ansiedlung der Flüchtlinge zurückgegeben wird. Die Durchführung der im Prinzip erteilten Erlaubnis zur Rückwanderung der Armenier in bestimmte Bezirke, wie Batum, wird dadurch erschwert, daß Essad Pascha für jeden einzelnen Armenier ein schriftliches Gesuch verlangt und diese Gesuche nicht erledigt. Nach Angabe des hiesigen türkischen Vertreters sollen sich bei Essad Pascha seit Wochen mehr als 1200 unerledigte Gesuche befinden.
Die armenische Regierung will und braucht Frieden mit der Türkei. Bei Djulfa, Baku und Urmia handelt es sich um Banden, die sich meist aus ehemaligen türkischen Armeniern zusammensetzen, Leuten, die alles verloren haben und deshalb weiter kämpfen.
Die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee könnten durch Österreicher und Deutsche geschützt werden.
Die auf dem kleinen Gebiet der Republik Armenien bestehende Ansammlung vom Hungertode bedrohter Hunderttausender von Flüchtlingen bedeutet zweifellos eine größere Gefahr als die Verteilung der Leute im Lande.“
Euere Exzellenz wollen die Pforte darauf aufmerksam machen, daß ihre Absicht, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr in gewisse Gebiete freizugeben, durch das Verfahren Essad Paschas vereitelt wird. Sie wollen die türkische Regierung um Abhilfe ersuchen und sie bitten, nochmals zu erwägen, ob nicht überwiegende Gründe dafür sprechen, das ganze Gebiet bis zur Brester Grenze den Rückwanderern zu öffnen.
v. Hintze.
433.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 24. August 1918.
An den Kaiserlichen Delegierten in Tiflis.
Mit Euerer Exzellenz Reise nach Eriwan und Ihrem dortigen Auftreten bin ich völlig einverstanden. Da die sehr ernsten Vorstellungen des Kaiserlichen Botschafters und die energischen Schritte der Obersten Kriegsleitung die Türkei nicht zur Räumung des armenischen Gebiets und zur Bewilligung der Rückkehr der Flüchtlinge bestimmt haben, erscheint es leider zweifelhaft, ob wir überhaupt imstande sein werden, den Armeniern wirksam zu helfen. Unser weiteres Vorgehen hängt von der allgemeinen politischen und militärischen Lage ab.
Hintze.
434.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 25. August 1918.
Ankunft, den 26. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
General von Kreß telegraphiert unterm 20. August:
„Das scheinbare türkische Zugeständnis in der Frage der Rückkehr armenischer Flüchtlinge ist vollkommen wertlos. Während in den von türkischen Truppen besetzten Gebieten die Ernte, soweit sie nicht von den Türken selbst fortgeschafft wird, aus Mangel an Arbeitskraft verfault, gehen die zusammengeballten Menschenmassen in den unproduktiven Gebieten östlich der von Enver Pascha bezeichneten Linie ihrem sicheren Untergang entgegen. Die Lage verschlimmert sich täglich. Sollten alle verzweifelten Hilferufe der Regierung und der obersten Geistlichkeit Armeniens ungehört verhallen, so wird die Verantwortung für Vernichtung dieses alten christlichen Volkes für immer auf Deutschland und Österreich lasten. Geschichte wird und kann nicht gelten lassen, daß die beiden großen Christenreiche Mitteleuropas nicht imstande waren, wenigstens hier, wo es sich um Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes handelt, ihrem asiatischen Verbündeten ihren Willen aufzuzwingen.“
Bernstorff.
September.
435.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Tiflis, den 3. September 1918.
Euer Exzellenz berichte ich gehorsamst, daß ich am 30.8., einer Einladung Halil Paschas und den dringenden Bitten der armenischen Regierung folgend, zusammen mit Baron Frankenstein Halil Pascha bei seinem Antrittsbesuch in Eriwan begleitet habe.
Ich habe die an mich gerichtete Einladung angenommen, weil ich hoffte, bei dieser Gelegenheit Halil Pascha davon überzeugen zu können, daß die Vorstellungen, die man sich in Konstantinopel von der sogenannten Armeniergefahr macht, unrichtig und unberechtigt sind. Ich hoffe, daß es den Berichten Halil Paschas gelingen wird, die türkische Oberste Heeresleitung davon zu überzeugen, daß all den Schlagworten, wie „militärische Notwendigkeiten“, „Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen“ und dergleichen mehr, mit denen man den Mord an vielen Tausenden von Menschen zu rechtfertigen und die Bemühungen des deutschen Botschafters und der deutschen Obersten Heeresleitung zur Rettung der Armenier lahmzulegen versucht, jeder berechtigten Grundlage entbehren.
Die türkischen Truppen im Kaukasus, mit den Armeeführern angefangen bis herunter zum letzten Leutnant, der auf Grenzwache steht, sind von Wehib Pascha derart gegen die Armenier und Deutschen verhetzt, daß es voraussichtlich lange dauern wird, bis es Halil Pascha, der auf einem weit vernünftigeren Standpunkt steht, gelingen wird, sich durchzusetzen. Essad und Ali Ichsan Pascha, sowohl wie insbesondere Schewki Pascha machen ihm nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten. Der letztere hat jüngst Halil Pascha geschrieben, er könne sich mit seiner Politik in keiner Weise einverstanden erklären. Seitdem er, Halil Pascha, den Oberbefehl übernommen habe, mache sich schon wieder der Einfluß dieser Deutschen fühlbar. Hinsichtlich der Einzelheiten unseres Besuches bitte ich auf die beiliegende Abschrift eines von Baron Frankenstein verfertigten Berichtes, dem ich in allen Punkten beitrete, Bezug nehmen zu dürfen.
Ich möchte mir erlauben, die folgenden Punkte als besonders charakteristisch für die türkische Politik unterstreichen zu dürfen.
1. Auf das Drängen der deutschen Regierung und Obersten Heeresleitung hin, sagt die türkische Regierung unserem Botschafter und den armenischen Bevollmächtigten in Kospoli zu, daß die Bezirke Lori and Pambak unter gewissen Bedingungen den Armeniern eingeräumt werden sollen. Ein diesbezügliches, von General v. Seeckt unterzeichnetes Telegramm trifft in Batum ein, mit dem Auftrag, auch mir hiervon Kenntnis zu geben. 2 Stunden später setzt ein Telegramm Envers den von General v. Seeckt gezeichneten Befehl außer Kraft. Ich erhalte keine Mitteilung.
2. Enver ordnet an, daß die armenischen Flüchtlinge, unter gewissen Bedingungen, nach gewissen Gegenden zurückkehren können. Essad Pascha sollte die nötigen Vollzugsbestimmungen erlassen. Da dieser grundsätzlich auf Briefe und Telegramme, die ihm nicht genehm sind, keine Antwort gibt, schicken Baron Frankenstein und ich den K. u. K. Oberstleutnant Pawlas nach Batum, um mit Essad Pascha über die Formalitäten der Rückkehr der Flüchtlinge zu verhandeln. Dieser schickt ihn wieder weg mit der Behauptung, die Kommandoverhältnisse hätten sich geändert, Halil Pascha sei nunmehr zuständig. Wir kommen zu Halil, um von ihm zu erfahren und durch Dokumente belegt zu erhalten, daß die Behauptung Essads glatt erfunden ist.
3. Halil las uns einen Bericht vor, den er von Nuri Pascha zur Weitergabe nach Konstantinopel erhalten hatte. In diesem Bericht wird wider besseres Wissen behauptet, daß „die Armenier“ im Bezirk von Karabag innerhalb 2 Tagen 30 tatarische Dörfer niedergebrannt hätten. Nuri weiß sehr wohl, daß es sich hier nicht um die Armenier, d. h. die armenische Republik, sondern nur um Andranik handelt, mit dem die armenische Regierung nichts zu tun hat. Nuri weiß ferner sehr wohl, daß höchstens 10 Dörfer zerstört sind, wenn ein Tatare ihm meldet, daß 30 vernichtet worden seien, er weiß auch sehr wohl, daß man sich in Kospoli nicht 4 oder 5 armselige Lehmhütten darunter vorstellt, wenn er von Tatarendörfern meldet. Dies ist nur ein Beispiel für viele, in welch gewissenlos tendenziöser Weise nach Kospoli berichtet wird, um dort völlig übertriebene und unrichtige Vorstellungen von der sogenannten Armeniergefahr zu erwecken. Nur aus dieser wissentlich falschen Berichterstattung läßt es sich erklären, daß man sich, ungeachtet unserer Berichte, noch immer auf den Standpunkt stellt, daß die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge in die Heimat eine Gefahr für die türkische Armee bedeute. „Man kann nicht zugeben, daß eine halbe Million bewaffneter Feinde im Rücken unserer Armee angesiedelt wird.“ Diese halbe Million bewaffneter Feinde sind Greise, Weiber und Kinder. Dafür, daß nahezu keine waffenfähigen Männer mehr zurückkehren können, haben die Türken und Tataren gründlich gesorgt. Es ist ein leichtes, die Flüchtlinge beim Überschreiten der Grenze völlig zu entwaffnen.
Auf ein weites Gebiet verstreut, bilden die verelendeten Flüchtlinge eine geringere Gefahr, als wenn sie auf einem engen Raum versammelt durch Hunger zu Verzweiflungstaten getrieben werden.
Wenn die Armenier wollten, so könnten sie heute tagtäglich in dem unübersichtlichen Gebirgsgelände ohne alle Schwierigkeit die rückwärtigen Verbindungen der Türken an einer der zahlreichen Kunstbauten der Gebirgsbahn Sanain-Karakilissa auf Wochen unterbrechen. Wenn die Türken sich gegen eine Bedrohung ihrer rückwärtigen Verbindungen sichern wollen, dann können sie dies nur dadurch tun, daß sie sich die Armenier zu Freunden machen. Treiben sie aber die Armenier zur Verzweiflung, so erreichen sie gerade das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen.
Die diesjährige Ernte in den von den Türken besetzten armenischen Gebieten ist zum Teil von den Türken eingebracht worden. Zum weitaus dem größeren Teil aber haben die Türken die Ernte dadurch vernichtet, daß sie ihre Pferde und ihr Vieh auf die Felder trieben.
Wenn die Flüchtlinge nicht zurückkehren dürfen, so werden diese reichen Gebiete — in erster Linie zum Schaden der Türken — auch im nächsten Jahre keine Ernte tragen.
Frhr. von Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
Anlage.
Ergebnis der Eriwaner Verhandlungen Halil Paschas und der armenischen Regierung unter unserer Mitwirkung:
Im Gegensatz zu den tendenziös entstellten Meldungen Essad, Schefki und Nuri Paschas über die der Türkei seitens Armeniens drohende Gefahr, gewann Halil Pascha den Eindruck, daß Armenien keineswegs beabsichtigt, gegen die Türkei vorzugehen. Halil versprach, Enver darüber aufzuklären, es handle sich bei der Rückkehr der Flüchtlinge hauptsächlich um Frauen, Kinder, Greise, die wenigen übrig gebliebenen Männer könnten vorher leicht entwaffnet werden. Er bezeichnete selbst Envers Zugeständnis der Rückkehr der Armenier in Gebiet 20 km östlich Bahnlinie Alexandropol-Djulfa als wertlos.
Die Rückgabe der Gebiete von Lori und Pambak, die General v. Seeckt vor einiger Zeit durch Telegramm nach Batum anordnete, Enver Pascha aber durch ein zweites Telegramm widerrief, versprach Halil wärmstens zu befürworten.
Essad Paschas Hinterhältigkeit ist durch die Oberstleutnant Pawlas gegenüber abgegebene offensichtlich unwahre Erklärung erwiesen, die Feststellung der Gebiete in seinem Kommandobereiche, in welche die Flüchtlinge ohne Gefahr der Niedermetzelung zurückkehren könnten, falle infolge Kommandoveränderung in Halil Paschas Kompetenz, was dieser selbst als unrichtig bezeichnet.
Erbitten eheste Mitteilung, ob Halil in obigem Sinne Enver berichtete, und mit welchem Ergebnisse.
Sterblichkeit unter den Flüchtlingen zunehmend.
Kreß. Frankenstein.
436.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Eriwan, den 10. September 1918.
An die Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis.
1. Am 9. September traf der politische Vertreter der Türkei, Mehmed Ali Pascha, mit 2 Offizieren in Eriwan ein.
2. Die erste Zusage Halils, Zurücksendung der armenischen Gefangenen, ist in Ausführung begriffen. Es sind bis heute ca. 400 Mannschaften und Offiziere eingetroffen. Der Zustand der Leute ist allerdings fürchterlich.
Der gestern eingetroffene zweite Transport soll ein gleiches Bild geboten haben.
Die türkische Regierung hat den armenischen Flüchtlingen erlaubt, wieder in ihre Dörfer, die jetzt zerstört sind, zurückzukehren.
Eisenmann.
437.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 20. September 1918.
An den Herrn Geschäftsträger, Pera.
Talaat Pascha hat geäußert, daß er sich bei seinen hiesigen Besprechungen mit Georgiern und Armeniern davon überzeugt habe, wie wichtig ein gutes nachbarliches Verhältnis mit beiden Völkern für die Türkei sei, und daß, abgesehen von Kars, Ardahan und Batum, das von den Türken besetzte Gebiet zurückgegeben werden müsse. Es ist daher zu hoffen, daß die türkische Regierung in der Rückwanderungsfrage jetzt Entgegenkommen zeigen wird.
von Stumm.
438.
Kaiserlich
Deutsche Delegation.
Tiflis, den 23. September 1918.
Wie mir Halil Pascha mitteilt, hat Nuri den Einmarsch regulärer armenischer Truppen in das Karabachgebiet zur Entwaffnung der Bande des Generals Andranik mit der Begründung abgelehnt, daß Karabach aserbeidschanisches Gebiet sei; demnach dürften die türkischen Klagen über die angeblich illoyale Haltung der armenischen Regierung und ihr geheimes Einvernehmen mit den Feinden der Türkei fortab jeder Berechtigung entbehren.
Freiherr v. Kreß.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Oktober.
439.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin.
Berlin, den 1. Oktober 1918.
Das Ergebnis der kürzlich in Berlin mit Talaat Pascha gepflogenen Verhandlungen gestattet uns, zu hoffen, daß die türkische Regierung, nachdem sie ihren Widerstand gegen die Anerkennung der Brester Grenze aufgegeben hat, nunmehr durch die baldige Räumung unseres Gebiets ihrem Zugeständnis die Tat folgen lassen wird. Wir sind uns der Bemühungen wohl bewußt, die von der Deutschen Regierung aufgewendet wurden, um dieses für uns erfreuliche Resultat herbeizuführen, und bitten, dafür den Ausdruck unserer aufrichtigen Dankbarkeit gütigst entgegennehmen zu wollen.
Unsere hiesige Delegation wurde in einem Augenblick äußerster Gefahr für unsere Existenz nach Berlin geschickt, um bei der Deutschen Regierung Schutz und Hilfe zu suchen. Wir wurden hier freundlich aufgenommen und genossen in weitestem Maße Gastfreundschaft, ein Zeichen gütigen Wohlwollens, welches wir zu schätzen wissen und das uns zur Dankbarkeit verpflichtet hat.
Durch die hoffentlich baldige Lösung der Räumungsfrage ist wohl der dringendste Teil der Aufgabe unserer hiesigen Delegation erfüllt.
Dr. H. Ohandjanian,
Bevollmächtigter Vertreter der armenischen Regierung.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
440.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 17. Oktober 1918.
Urschriftlich nebst Anlage
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler,
Prinz Max von Baden,
gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
La République de l’Arménie
M. A. E.
Mission diplomatique
en Géorgie, Tiflis.
Tiflis, Le 17 Octobre 1918.
Excellence!
J’ai l’honneur de communiquer à Votre Excellence la traduction textuelle de la note de protestation, que je viens d’adresser à Monsieur le Représentant Diplomatique de l’Azerbaidjan concernant le massacre de la population arménienne dans la ville de Bacou.
Je prie Votre Excellence d’avoir l’obligeance de porter à la connaissance du Gouvernement Impérial le contenu de cette note et les protestations de mon Gouvernement au sujet des cruautés inouies, commises lors de la prise de la ville de Bacou.
Profitant de cette occasion, je me fais plaisir de renouveler à Votre Excellence l’assurance de ma très haute considération.
Djamalian.
Chargé d’Affaires de la République de l’Arménie en Géorgie.
Son Excellence Monsieur le Général Kress von Kressenstein,
Chef de la Délégation Impériale Allemande au Caucase.
La République de l’Arménie.
Mission diplomatique en Géorgie.
Traduction.
Tiflis, le 16 Octobre 1918.
Le soussigné, Chargé d’Affaires de la République d’Arménie en Géorgie, a l’honneur de communiquer à Monsieur le Représentant Diplomatique de l’Azerbeidjan auprès du Gouvernement Géorgien, que d’après des renseignements d’une source certaine, reçus par le Gouvernement de la République d’Arménie, la prise de la ville de Bacou a été suivie d’un cruel massacre de la population paisible arménienne sans distinction de sexe et d’âge et complétée par un pillage des maisons, commis par des foules musulmanes.
Le nombre des victimes s’élève de vingt cinq jusqu’à trente mille personnes. Les scènes d’une barbarie inouie ont eu lieu pendant trois jours, et ce n’est qu’après l’expiration de ce délai, que des mesures ont été prises par les autorités, et quelques bandits alors surpris sur place ont été punis.
Lors de l’établissement du pouvoir du Gouvernement de l’Azerbeidjan, de nombreuses arrestations ont été opérées parmi les restes de la population arménienne et surtout parmi la classe intellectuelle, quant aux arméniens riches, des extorqueurs les somment, sous menace de les délivrer, à verser des sommes d’argent considérables.
Les blessés restés sans soins, les enfants jetés sur le pavé complètent le spectacle affreux de la domination de la foule dans cette ville.
En informant de ce qui précède, le soussigné a l’honneur de prier Monsieur le Représentant Diplomatique de porter à la connaissance du Gouvernement de l’Azerbeidjan la protestation la plus énergique du Gouvernement de la République d’Arménie, contre la non-prise des mesures opportunes pour faire cesser le massacre de la population paisible arménienne. Le Gouvernement de la République d’Arménie insiste également et sur la punition la plus sévère des personnes coupables d’agressions contre les habitants arméniens et sur l’adoptation des mesures efficaces, afin de mettre fin aux violences, qui ont lieu sur les malheureux survivants.
A. Djamalian.
Pour traduction conforme: M. Toumanoff, Conseiller de Légation.
441.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 21. Oktober 1918.
Euerer Großherzoglichen Hoheit beehre ich mich, anliegend Abschrift einer Eingabe des armenischen diplomatischen Vertreters in Tiflis gehorsamst vorzulegen.
Ich habe den Vertreter der Delegation in Baku, Oberstleutnant Freiherr von der Goltz, beauftragt zu helfen, soweit dies möglich ist.
Frhr. von Kreß.
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler
Prinzen Max von Baden.
Anlage.
Stempel der Vertretung
der armenischen Regierung in Tiflis.
Tiflis, le 19. Octobre 1918.
Excellence!
Vos bonnes intentions pour tout ce qui concerne Bacou me sont connues. Je sais également tous les efforts que Votre Excellence a apporté à introduire à Bacou un détachement avec les troupes turco-tatares, ce qui aurait occasionné une garantie des biens et des vies des habitants arméniens de Bacou. Il ne m’est également pas inconnu le refus tenace qui était opposé à toutes vos intentions.
Tout le monde connaît maintenant les horreurs dont fut victime la population inoffensive arménienne de Bacou et je n’ai aucun doute que les renseignements que vous avez, seront à temps communiqués au Gouvernement et à la nation Allemande. Toutefois la conduite inhumaine qui continue à avoir lieu envers cette population martyrisée, et le cauchemar sous lequel continuent à vivre encore les Arméniens de Bacou — ne sont pas connus à tout le monde.
Une terreur règne à Bacou. D’après les récits et les rapports des témoins de nationalités différentes et dans ce nombre il faut inclure et des musulmans, toute la classe intellectuelle arménienne est arrêtée et endure des tortures inimaginables. De ce nombre jusqu’à présent nous avons appris l’arrestation des personnes suivantes.
1.
Tigrane Sakharian (docteur en médecine),
2.
Djoumchout Aroutiuniantz (l’ex-maire de la ville),
3.
Artem Egiasarian,
4.
Konstantin Kalantarian (ingénieur),
5.
Samson Amiroff,
6.
Serge Melikoff,
7.
Georges Melikoff,
8.
Petre Souraboff,
9.
Stepan Tigranian (avocat),
10.
Mickail Atabékian (directeur de la banque du Caucase),
11.
Konstantin Khisanian (ingénieur),
12.
Manandian (avocat),
13.
Khoublarian (directeur de la banque de commerce),
14.
Grigor Ogandjanian.
La plupart des emprisonnés n’ont aucun rapport avec la politique, car tous ceux qui ont organisé la défense de la ville de Bacou, d’après les mêmes sources, ont quittée la ville à temps. L’arrestation de la classe intellectuelle peut être envisagé comme un acte de vengeance d’une cruauté inutile.
Les poursuites et les oppressions de la population arménienne ont fait surgir des groupes d’extorqueurs qui achèvent de ruiner cet élément. Sous la menace de dénoncer aux autorités, ces groupes d’extorqueurs somment beaucoup d’arméniens riches à verser des sommes d’argent plus que considérables et en cas de refus menacent de les faire emprisonner, les accusant d’avoir pris part au massacre des tatares.
Après le massacre apparurent une foule d’orphelins et de blessés, équi sans aucun aide de quel coté que ce fut, survivent à des jours effroyables et des bruits en plus circulent, que les autorités de Bacou ont l’intention d’amasser les réfugiés dans des camps de concentration, où ces derniers seront voués sans aucun doute à une mort certaine.
En vous communiquant tous ces faits, je prie Votre Excellence au nom de l’humanité et de la charité dont vous vous êtes toujours guidés à bien vouloir protéger les malheureux habitants arméniens afin qu’ils soient à l’abri des attentats qui pourraient se commettre et sur leurs vies et sur leurs biens.
Veuillez agréer, Excellence, l’expression de ma plus haute considération.
A. Djamalian
Chargé d’Affaires de la République de l’Arménie auprès du Gouvernement Géorgien.
Son Excellence, Monsieur le Général Kress von Kressenstein,
Chef de la Délégation Impériale Allemande au Caucase.
442.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 30. Oktober 1918.
Euerer Großherzoglichen Hoheit beehre ich mich, in der Anlage das Hauptsächlichste über die Baku-Massakres mir zugegangene informatorische Material für die Akten des Auswärtigen Amts gehorsamst zu übersenden.
Desgleichen füge ich den Schrift- und Notenwechsel bei, welcher zwischen der Kaiserlichen Delegation und den türkischen Befehlshabern bzw. Diplomaten und der Aserbeidschanischen Regierung in der gleichen Angelegenheit entstanden ist. Ich halte es für angezeigt, daß sich dieses Material bei den Akten des Auswärtigen Amts befindet, damit die Kaiserliche Regierung über die Maßnahmen unterrichtet ist, die die hiesige Kaiserliche Vertretung im Interesse der Menschlichkeit und zum besonderen Schutze der in Baku lebenden Deutschen unternommen hat.
Wenn die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen nicht alle zur Ausführung gelangt sind, so trägt daran einzig und allein die ablehnende Haltung der Türken die Schuld, gegen die ich keine Machtmittel besaß.
Die Entsendung des Barons von der Goltz erfolgte zum Teil ebenfalls aus dem Grunde, um wenigstens einen moralischen Druck auf die höheren türkischen Heerführer ausüben zu können.
Frhr. von Kreß.
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler,
Prinzen Max von Baden.
Anlage 1.
Türkische Heeresgruppe Ost.
Chef des Generalstabes
Osmanischer Oberstleutnant Paraquin.
Tiflis, den 26. September 1918.
An Generalleutnant von Seeckt, Exzellenz.
Vorgänge in Baku nach der Einnahme am 16. und 17. September 1918.
Am 16. 9. vormittags begaben sich Halil und Nuri Pascha mit ihrer Begleitung von Puta mit der Bahn nach Baku.
Bei Baladschari lagen 10 bis 12 tote weiße Engländer am Bahndamm. Der Bahnhof war nach der Wegnahme durch die Türken abgebrannt. Der Bahnkörper war auf der ganzen Strecke unbeschädigt.
Über der schwarzen Stadt hingen mächtige Rauchwolken. Türkische Artillerie hatte am 15. 9. vormittags einen Massut-Tank in Brand geschossen. Nuris Behauptung, er habe selbst gesehen, daß ein kleines russisches Kriegsschiff die schwarze Stadt beschossen habe, ist falsch. Ich habe in Baku deutsche und russische Zeugen, vor allem auch die Vertreter der russischen Flotte gesprochen. Da Südwestwind herrschte, schien der Brand eine große Gefahr für die Fabrikstadt zu bedeuten. Doch sprang der Wind am Nachmittag um. Es wurden nur 3 bis 4 große Tanks vom Feuer erfaßt, deren Inhalt am Abend des 17. noch nicht ausgebrannt war.
Noch am Vormittag des 17. war die schwarze Stadt von keinem türkischen Soldaten betreten worden! An diesem Tage kamen aus der schwarzen Stadt von verschiedenen Seiten Hilferufe. Die Tataren waren eingedrungen und plünderten. Die Gefahr, daß durch die Schießereien oder andere Zwischenfälle ein Brand mit verhängnisvollen Folgen eintreten könne, war groß. Es bedurfte trotzdem nochmaliger energischer Vorstellungen des Majors Mayr bei dem zum Stadtkommandanten bestimmten Generalstabschef Nuris, Nasim Bey, um endlich zu erreichen, daß am 17. mittags ein Infanterieregiment mit dem Schutze der wertvollen Anlagen betraut wurde, durch deren Zerstörung Baku seine wirtschaftliche Bedeutung einbüßen würde.
Die Fahrt durch die Außenstadt auf das Kampffeld bot einen seltsamen Anblick. Die Straßen waren fast menschenleer. Die Läden und Häuser waren nahezu ausnahmslos geplündert. An verschiedenen Stellen waren Haufen von geraubten Gegenständen zusammengetragen, die anscheinend den tatarischen Plünderern abgenommen und teilweise von einzelnen türkischen Soldaten bewacht wurden. Die an sich zweckmäßige Maßnahme kam jedoch nicht zur beabsichtigten Wirkung, da Soldaten und Tataren ungehindert in dem Haufen herumwühlten und wegtrugen, was ihnen beliebte. Schon auf dieser Fahrt zeigten sich die unverkennbaren Spuren schwerer Ausschreitungen. Zwei ermordete Kinder lagen am Wege, dicht neben uns krachte in einer Seitengasse ein Schuß, aus einem Fenster schrien Frauen in höchster Verzweiflung um Hilfe. Unsere Autos hielten, wir eilten in das Haus, allein die Übeltäter waren nach rückwärts entflohen. Trotzdem damals schon allgemein die Überzeugung herrschte, daß in der Stadt jede Zucht und Ordnung aufgehört und die christliche Bevölkerung geplündert, vergewaltigt und gemordet werde, wurde die Fahrt auf das Kampffeld fortgesetzt, wo eine stundenlange Parade vom 6. Infanterieregiment und den übrigen Waffen stattfand.
Nuri Pascha, der in Baku der Höchstkommandierende war, hat es unterlassen, rechtzeitig und ausreichend Maßnahmen zum Schutze des bedrohten christlichen und europäischen Lebens und Eigentums zu treffen. Ich bitte als Beweis für meine Behauptung folgende Punkte aufführen zu dürfen:
1. Am 23. 8. sagte mir Mürzel Pascha in Güsdek, daß die Tataren offen aussprächen, sie würden die Armenier massakrieren, sobald die Türken Baku nähmen. Ich habe diese Äußerung Nuri Pascha mitgeteilt, und ihn rechtzeitig mehrfach um vorbeugende Maßnahmen gebeten.
2. Ich habe sowohl Mürzel als Nuri Pascha gegenüber an Hand des Stadtplanes von Baku dargelegt, wie die Maßnahmen zur Besetzung einer großen Stadt zu treffen seien, einmal zur eigenen Sicherheit, dann zum Schutze fremden Lebens und Besitzes. Ich schlug die Anfertigung vervielfältigter Stadtskizzen und die genaue Einweisung der Regimenter in ihre Aufgaben vor. Von alledem ist nichts geschehen.
3. Der größte Teil der Tataren wohnt in Baku in einem durch eine 2 km lange hohe Mauer abgeschlossenen Stadtteile. Nichts wäre einfacher gewesen, als die Zugänge zu besetzen. Damit wäre einem großen Teil des Mordgesindels die Möglichkeit zu Ausschreitungen genommen gewesen. Bis zuletzt wurde diese Maßnahme nicht durchgeführt.
4. Von vornherein mußten in Gensche oder Tiflis Plakate vorbereitet werden, die das Standrecht verkündeten und jede Plünderung mit dem Tod bedrohten. Als das Gemetzel unvermindert den dritten Tag anhielt, entschloß man sich endlich zu dieser Maßnahme.
5. Nach der Flucht des Feindes wurde am 15. 9. ein Infanterieregiment zu kaum 1000 Mann, das 56. Infanterieregiment, in die Viertel-Millionenstadt mit ihrer gewaltigen Ausdehnung entsendet. Es bedarf keiner Ausführung, daß diese Besetzung völlig unzureichend war.
6. Der Rest der Truppe wurde nicht etwa zur taktischen Sicherung der Stadt verwendet. Die Truppe lagerte friedensmäßig auf den Höhen, hörte unten in der Stadt die ununterbrochenen Schießereien in den Häusern und hielt am 16. 9. vormittags eine Parade vor dem Pascha zu Ehren des hohen muhammedanischen Festtages, des Kurban-Beiram. Auf meine dringenden Vorstellungen, die ich an Halil Pascha als Mensch und Freund richtete, befahl Nuri, daß noch ein zweites Regiment in die Stadt rücken solle. Ich hielt mich für verpflichtet, sofort aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme nicht ausreichend sei. Nuri erwiderte, er hielte sie für genügend.
7. Als wir im Saale des Hotel Metropol versammelt waren, stürmten von allen Seiten telephonische und persönliche Hilferufe auf uns ein. Die neutralen Konsuln, an ihrer Spitze der dänische, erschienen und beschwerten sich in bitteren Worten über die Untätigkeit der Türken, der es allein zu verdanken sei, daß Gemetzel und Plünderung andauerten.
Naturgemäß wendeten sich alle Deutschen und deutschen Schutzbefohlenen an mich, aber auch die Konsuln und andere Persönlichkeiten baten mich als Deutschen um Vermittlung und Unterstützung. Ich brachte sie zu Nuri Paschas Kenntnis. Vor allem ersuchte ich, da ein amtlicher deutscher Vertreter fehlte, um den Schutz deutschen Lebens und Eigentums. Ich erbat die sofortige Gestellung von Schutzposten vor die deutschen Quartiere.
8. Statt mit allen Mitteln an die Herstellung der Ordnung in der Stadt zu gehen, trieben sich die Paschas, der Stadtkommandant, die gesamten Generalstabsoffiziere müßig in den Sälen des Hotels umher. Wenn Klagen und Bitten an Nuri oder den Stadtkommandanten kamen, so wurden sie mit jener inneren Teilnahmslosigkeit abgefertigt, die sofort erkennen läßt, daß jeder ernste Eifer und Wille fehlt. Ein großes Festmahl schloß sich an, dem sämtliche Generäle und die Stäbe mit dem Stadtkommandanten beiwohnten. Das Kaukasuslied wurde gespielt. Mit unverhohlenem Triumph wurde mir der Inhalt verdeutscht, daß nunmehr die Türkei sich ihr altes Eigentum, den Kaukasus, wieder holen werde. Während und nach der Tafel ging in der Stadt Mord und Plünderung weiter. Die Türken ließen sich dadurch in ihrer Untätigkeit nicht stören.
Ich kann die vielfach offen ausgesprochene Ansicht nicht unerwähnt lassen, daß die türkische Führung den Tataren die Gelegenheit zur Rache an den Armeniern geben wollte.
Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags erschien der dänische Konsul in großer Erregung im Saale des Hotel Metropol, wo sich unentwegt das ganze freie Treiben abspielte, und teilte mir mit, daß erneut deutsche Häuser geplündert und die Bewohner mit Waffen bedroht würden. Ich ging auf Nuri Pascha zu und sagte mit lauter erhobener Stimme ungefähr folgendes: „Exzellenz, ich bitte Sie nun endlich wirksame Maßnahmen zum Schutze der Deutschen zu treffen. Ich bin sonst gezwungen, der Deutschen Botschaft in Konstantinopel zu berichten, wie wenig Sie deutsches Leben und deutsches Eigentum schützen.“ Nuri erwiderte etwas verdutzt, er habe doch alles getan. Ich antwortete, daß dies nicht stimme. Man hätte eine Parade gehalten, während Mord und Plünderung herrschten. Es stünden immer noch 5 Regimenter untätig vor der Stadt, außerdem sitze der Stadtkommandant noch immer untätig im Saale. Von den Führern und Generalstabsoffizieren habe noch keiner das Hotel verlassen, um selbst einzugreifen. Ich bäte ihn nochmals dringend, nun endlich die Sicherheit der Deutschen zu gewährleisten. Ich persönlich würde mich nun mit den 3 deutschen Offizieren in die Stadt begeben, um nach Möglichkeit selbst den Deutschen zu helfen, daraufhin wandte ich mich ab und verließ den Saal.
Die ganze Auseinandersetzung konnte natürlich den im Saale Anwesenden nicht verborgen bleiben. Ich habe mit scharfer Betonung gesprochen, aber kein Wort und keine Geste gebraucht, die im geringsten beleidigend sein könnte. Der Tragweite meines Schrittes war ich mir wohl bewußt. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich in der gegebenen Lage nach all dem Vorausgegangenen so handeln mußte, wenn nicht die deutschen und neutralen Vertreter die Anschauung gewinnen sollten, daß der Schutz deutschen Lebens und Eigentums in ungenügender Weise von mir vertreten würde, da höfliches Ersuchen nicht zum Ziele geführt hatte.
Sachlich trug mein Auftreten jedenfalls Früchte. Der Stadtkommandant wurde sofort seiner Stelle enthoben. Nasim Bey wurde zum Stadtkommandanten ernannt und richtete sich nun eine Arbeitsstätte in einem anderen Hotel ein. Offiziere wurden mit Autos in die Stadt entsandt. Neue Truppen wurden in die Stadt gezogen. In diesen Maßnahmen dürfte das beste Eingeständnis der bisherigen Unterlassungen liegen.
Ich hatte an einige deutsche Häuser türkische Posten aufgestellt und war auf Ersuchen einer deutschen Familie mit Major Mayr zu einem jungen armenischen Rechtsgelehrten gefahren, der von den Tataren mit dem Tode bedroht wurde. Ich stellte vor das Haus ebenfalls einen Posten und nahm den Mann mit in das Hotel. Es war Nacht geworden. Als wir heimfuhren, krachten von allen Seiten die Schüsse. Das Feuer wurde immer lebhafter. Es klang, als ob in der Stadt ein erbitterter Kampf ausgefochten würde. Nuri Pascha meinte, es sei Festschießen zu Ehren des Kurban-Beiram. Auf jeden Fall war das Schießen ein willkommener Deckmantel für die Fortsetzung des Gemetzels.
Am nächsten Morgen, 17. 9., ging die Plünderung ruhig weiter. Nun wurde vor unserem Hotel ein Plünderer aufgehängt. Die Türken erzählten uns, auch andere Hinrichtungen würden jetzt vollzogen, um die Plünderer abzuschrecken. Als ich am 17. 9. abends Baku verließ, war in der Nähe des Bahnhofs noch eine lebhafte Schießerei. Die Ordnung war in der Stadt noch nicht hergestellt.
Die Ausschreitungen spielten sich meist im Innern der Häuser ab. Daher lagen auf den Straßen verhältnismäßig wenig Leichen. Sie waren meistens in Winkeln zusammengetragen, so daß man oft erst durch den Geruch aufmerksam wurde. An einer Stelle sah ich sieben Leichen, meist nackt, übereinander liegen, darunter mehrere Kinder und eine Wöchnerin. Die Leichen waren nahezu alle mit blutunterlaufenen Stellen, die von Kolbenschlägen herrührten und mit Stichen bedeckt. Aus Kellern schlug Leichengeruch entgegen. Ich muß betonen, daß ich nur wenig Zeit hatte, den Spuren des Gemetzels nachzugehen, da ich von allen Seiten um Hilfe bestürmt wurde. Doch schon auf meinen kurzen Gängen traf ich auf diese handgreiflichen Beweise der Metzeleien. Der Eindruck der Plünderung ganzer Straßenzeilen vom Keller bis unter das Dach drängte sich ohne weiteres beim Passieren der Straßen auf. Als ein türkischer Major am 17. abends von einem Rundgang zurückkam, sagte er unaufgefordert zu mir: „Sie haben recht. In der Stadt ist es schrecklich zugegangen. Man kann es nicht leugnen.“ Vor anderen Zeugen erzählte mir ein Deutscher, er sei mit dem Adjutanten Nuri Paschas in ein Haus gekommen, in dem 13 Grusinier ohne Unterschied des Geschlechts und Alters ermordet lagen. Als er darauf hinwies, daß es sich um Grusinier, also deutsche Schutzbefohlene handle, erhielt er die Antwort: „Man hat sie eben für Armenier gehalten.“
Der dänische Konsul bemühte sich, die Erschießung der beiden Deutschen aufzuklären. In ihrem Hause hatten sich armenische Soldaten verteidigt, die bei der Annäherung der Türken flohen. Obwohl beide ohne Waffen waren, und sich als Deutsche bezeichneten, wurde sie ohne weitere Prüfung des Sachverhaltes an die Wand gestellt und erschossen.
Aus der Fülle der tragischen Erlebnisse und erschütternden Eindrücke möchte ich ein Vorkommnis herausgreifen. Eine deutsche Dame mit drei Töchtern teilte mir mit, daß ihr Schwiegersohn — ein Armenier — getötet worden und ihre Tochter — eine Deutsche — mit zwei Kindern weggeschleppt worden sei. Da ich hoffte, sie befänden sich vielleicht in einem der Schutzlager, in die die Armenier seit dem 17. vormittags mit Kolbenstößen und Peitschenhieben zusammengetrieben und wie Viehherden zusammengepfercht wurden, so ging ich mit ihr von Lager zu Lager. Die Verlorene war nirgends zu finden. Alles hofft auf Deutschlands Hilfe. Vom Auftreten der Türken hat man genug.
Ich halte es für dringend nötig, schon zum Schutze der riesigen wirtschaftlichen Interessen, daß deutsches Militär und deutsche Sachverständige nach Baku kommen.
Den türkischen Versuchen gegenüber, die schweren Verfehlungen und widerlichen Vorgänge in Baku als harmlos und als im Zusammenhang mit der Erstürmung der Stadt hinzustellen, möchte ich nochmals betonen, daß das Gemetzel schon vor Wochen angekündigt und ohne jeden Zusammenhang mit taktischen Vorgängen durchgeführt wurde. Auch der Einwurf, man habe die Truppen nicht in die Stadt gelassen, da man ihrer nicht sicher gewesen sei, ist nicht stichhaltig. Allerdings durfte man nicht, wie es vielfach geschah, die Soldaten in kleineren Patrouillen durch die Stadt schicken. Wo dies geschah, beteiligte sich die türkische Soldateska lebhaft am Plündern und Schänden. Hätte man sie bataillonsweise auf den großen Plätzen aufgestellt und von dort Züge unter Offizieren entsendet, so hätte sich Ordnung schaffen lassen und die Truppe wäre in der Hand behalten worden.
Aus der Fülle von Zeugen, die weit besser wie ich über die schweren Ausschreitungen berichten können, möchte ich den dänischen, schwedischen und persischen Konsul, einen Herrn Dassel neben zahlreichen Deutschen, deren Namen mir entfallen, dann Major Hartmann, Major Mayr, Oberstabsarzt Brokelmann, Leutnant Uttermarck des bayerischen Jägerregiments Nr. 15 nennen. Der russische General Ali Pascha erzählte mir, daß sogar seinen beiden alten Schwestern 600 Rubel in der Wohnung abgepreßt wurden, da man ihnen vorhielt, sie seien Christinnen, obwohl sie den Koran vorzeigten. Ich würde es für richtig halten, daß in Baku eine deutsche Kommission gebildet wird, bei der alle Ausschreitungen gegen Deutsche und deutsche Schutzbefohlene angemeldet werden.
Ab ich am 17.9. abends mich von Nuri Pascha verabschiedete, reichte er mir die Hand. Obwohl es bekannt war, daß bei Baladschari ein Zusammenstoß zweier Züge erfolgt war und die Strecke gesperrt sei, fuhren wir los. Vielleicht käme man doch durch. Die Folge war, daß wir fast 24 Stunden vor Baladschari liegen blieben. Die Station Kyschli war ebenfalls geplündert. In der Gegend im Nordosten Bakus zeigten sich Reitergruppen, zahlreiche Schüsse fielen, Staubwolken tauchten auf. Was wirklich vorging, war nicht zu erkennen.
Am 18. vormittags erschien der Adjutant Halil Paschas und überreichte mir, ohne daß vorher ein Wort zwischen Halil und mir gewechselt oder irgend eine Reibung erfolgt wäre, folgendes Enthebungsschreiben, datiert vom 17. 9.:
Votre tenue et vos paroles d’hier contre S. E. Noury Pascha, le commandant en Chef de l’armée Islam, devant une foule amie et étrangère et par conséquence la plainte officielle de S. E. à moi m’obligent définitivement de mettre un terme à votre Mission de Chef d’Etat-Major chez moi.
Je vous ai mis à la disposition du grand quartier Général auquel je l’ai télégraphié.
Halil
en Chef de groupe d’armées d’Est.
Lieutenant-Général et commandant.
Der schroffe Inhalt des Schreibens machte es mir unmöglich, die Geschäfte bis zur Antwort des Großen Hauptquartiers weiterzuführen. Sie wurden vom Sous Chef, Oberstleutnant Bassri Bey, übernommen.
Paraquin, Oberstleutnant.
Anlage 2.
Délégation Imperiale Allemande
au Caucase.
Tiflis, le 20 Septembre 1918.
Excellence,
En vous faisant parvenir ci-jointe la copie d’un télégramme que je viens d’adresser à Son Excellence Noury Pascha, je ne manque pas de prier aussi Votre Excellence instamment de faire valoir toute votre influence auprès de votre Gouvernement et auprès du commandant-en-chef de l’armée Islam afin qu’il consente à la demande que j’ai dû lui exprimer. Comme représentant de l’Allemagne le plus rapproché des événements de Bacou je porte toutes les responsabilités pour la protection des sujets Allemands de cette ville vis-à-vis de mon Gouvernement ainsi que de la nation Allemande toute entière.
En même temps je crois pouvoir recourir à vos sentiments de haute justice et de l’humanité pour obtenir l’intervention de Votre Excellence en faveur des pauvres gens qui en ce moment souffrent si terriblement de la fureur des Tatares et qui ne sauraient être sauvés que par une puissante protection des troupes régulières Ottomanes.
D’après les renseignements absolument sûrs que je viens de recevoir, les Tatares ont commencé immédiatement après l’entrée dans la ville des troupes Ottomanes à se livrer à toutes sortes de cruautés, de pillages et de massacres. En première ligne ces atrocités furent dirigées contre les Arméniens, mais il y en a aussi des sujets des autres nations, qui sont tombés victimes eux-mêmes et leurs biens propres.
Quoique Noury Pascha disposât d’un nombre suffisant de troupes régulières pour mettre immédiatement fin à ces cruautés, il n’a pas pris pour des raisons qui ne me sont pas connues à temps des mesures énergiques de sorte que même le soir du 17 l’ordre à Bacou ne fut pas encore rétabli.
C’est en ma qualité de collègue et d’Allié que je me permets d’adresser cet appel au représentant d’une grande nation civilisée. En particulier je me base sur les promesses que Votre Excellence a bien voulu me donner au sujet des efforts que vous avez fait pour arriver à un resserrement des relations cordiales entre nos deux puissances.
Je saisis l’occasion pour renouveler à Votre Excellence l’assurance de ma très haute considération.
v. Kreß.
Son Excellence Abdoul Kerim Pascha, Représentant Impérial Ottoman près du Gouvernement de la République Géorgienne à Tiflis.
Anlage 3.
Délégation Imperiale Allemande
au Caucase.
Tiflis, le 20 Septembre 1918.
Très urgent!
Télégramme.
Je tiens d’une source absolument sûre que lors des massacres, qui malheureusement ont eu lieu à Bacou après la prise de la ville, plusieurs sujets ou anciens sujets Allemands sont aussi tombés victimes des atrocités et leurs biens dévastés. Par conséquent vu le fait que Votre Excellence n’était pas à même de protéger suffisamment les vies et les intérêts des citoyens Allemands, je vous adresse au nom de l’Empire Allemand la demande officielle et formelle de donner dès à présent votre consentement à l’envoi d’un bataillon Allemand qui sera exclusivement chargé de la sauvegarde des dits intérêts de mes connationaux. En ce qui concerne les crimes, qui ont été déjà commis contre des sujets Allemands je me réserve d’y revenir plus tard après avoir reçu les instructions y relatives de mon Gouvernement. Veuillez répondre, Excellence, par retour du courrier, et agréez l’assurance de ma haute consideration.
Général v. Kreß.
A Son Excellence Noury Pascha
Général de division Impérial Ottoman à Bacou.
Anlage 4.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus.
Tiflis, den 20. September 1918.
Herr Diplomatischer Vertreter!
Ich erfahre soeben aus absolut zuverlässiger Quelle, daß nach der Eroberung Bakus durch die türkischen Truppen tatarische Banden und Teile der tatarischen städtischen Bevölkerung Gemetzel größten Umfangs angezettelt haben, dem auch einige Deutsche zum Opfer gefallen sind.
Indem ich mir vorbehalte, auf einzelne Geschehnisse zurückzukommen, sobald ich im Besitz entsprechender Instruktionen meiner Regierung bin, bitte ich Euere Exzellenz schon heute, Ihrer Regierung mitteilen zu wollen, daß ich genötigt sein werde, volle Genugtuung für die Gewalttaten zu fordern, denen wehrlose Deutsche oder unter deutschem Schutz stehende Personen von Seiten der Tataren ausgesetzt gewesen sind.
Genehmigen Euere Exzellenz die erneute Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.
v. Kreß.
Seiner Exzellenz Herrn Djafaroff, diplomatischem Vertreter der Aserbeidschanischen Republik bei der Georgischen Regierung in Tiflis.
Anlage 5.
(Ottomanische Vertretung
in Tiflis.)
Tiflis, le 21. Septembre 1918.
A Son Excellence le Représentant du Gouvernement de l’empire allemand, Général von Kreß.
Excellence,
J’ai l’honneur de vous informer sur les soi-disantes atrocités et attaques sur les vies et bénéfices des sujets allemands pendant l’occupation de Bacou. Cela a été avisé à Votre Excellence par une idée tout à fait exagérée et pour les Arméniens aussi il n’a pas été commis aucun excès et aucune cruauté. Quant aux petits événements qui soi-disant eurent lieu pendant l’occupation de la ville, ils peuvent être considérés comme des accidents attachés aux anciens événements et cela peut arriver partout, mais c’est bien sûr que sur la chute d’une position de défense, qui a passée des scènes sanglantes, dans le passé et dans le présent, quelques petits accidents peuvent surgir, mais ils n’ont absolument aucun sens de massacre. Et surtout de pratiquer volontairement une attaque contre les sujets allemands, peut rester tout à fait en dehors de la vérité. C’est absolument impossible admettre de la part de l’armée et du peuple ottoman d’une telle action vis-à-vis de son allié et ami, Etat et peuple d’Allemagne. On peut réparer toujours les petits dégats qui soi-disant ont eu lieu pendant le courant des événements de Bacou et en même temps s’il y a eu de tels incidents appartenants à ce temps là, ce sera bien possible d’empêcher définitivement leurs répétitions et de maintenir la discipline et l’ordre, d’établir aussi la tranquillité et la paix et je crois que jusqu’à maintenant toutes ces choses là sont faites. C’est pour cela que je ne vois d’après moi aucun besoin d’envoyer un autre bataillon pour une ville qui a été prise avec tel prix de sang et des pareils sacrifices.
Parce que c’est bien sûr que les officiers supérieurs, les officiers et les troupes ottomanes qui se trouvent à Bacou savent que toutes sortes de droits de leurs confrères allemands sont aussi honorés et sacrés au même degré de leurs propres droits. C’est ce que j’appuis sur les idées et les jugements de n’envoyer sans nécessité un bataillon allemand à Bacou, c’est fondé sur la raison qui ne consiste aucun danger pour l’Empire ottoman et pour les armées devant nos ennemis communs ainsi que pour les sujets allemands et la façon d’agir en envoyant le susdit bataillon aura peut-être quelques inconvénients et des rumeurs nuisibles dans les sphères qui nous entourent.
Cependant en parlant du texte de votre lettre, Excellence, je l’ai communiqué au Gouvernement et au Commandant de l’armée de l’Islam et j’ai ajouté de ma part qu’il soit apporté de la part des troupes ottomanes le concours essentiel avec une attention spéciale, et s’il existe des nécessiteux, il faudrait pour ces pauvres aussi, par grâce, prêter le concours immédiat.
En joignant mes respects, Excellence, j’ai l’honneur d’appuyer sur notre alliance remplie d’honneur et de gloire communs et nos liens et amitiés et aussi les créances que Votre Excellence porte pour le gouvernement et le peuple ottoman et ainsi que pour l’armée remplie d’héroisme.
Veuillez agréer, Excellence, l’assurance de ma haute considération.
Représentant Diplomatique et Militaire du Gouvernement Impérial Ottoman,
Abdul-Kerim
Anlage 6.
(Türkische Kaukasusarmee.)
Bakou, le 25-9-34.
Excellence,
J’ai reçu votre télégramme et votre honoré du 20.9.18 informant les évènements arrivés à Bakou.
Ces nouvelles ne peuvent être de si authentique comme d’annonce.
Le premier jour de l’offensive générale de nos troupes contre Bakou, la résistance de l’ennemi n’avait pas été rompu tout à fait.
Le lendemain, par suite de la défense et durable et définitive de l’ennemi, l’armée a été obligée d’entrer en combat à la ville.
Plusieurs musulmans déjà chagrinés du massacre des musulmans fait par les arméniens en date 18 Mars 1918, et surtout les gaspilleurs ouvriers Persans, profitèrent instantanément de l’occasion présentée et se mirent à commettre quelques offenses.
Ces évènements a pu se rétablir en sûreté par les preuves et les mesures énergiques prit par l’armée et par la condamnation à mort de centaines de musulmans coupables de ces atrocités.
Dès lors, la ville possède une sûreté extraordinaire de sorte qu’aucun du peuple ne porte plainte.
Les renseignements que vous venez de recevoir sur les sujets allemands tombés victimes des atrocités ne sont pas ni vrais et ni réels, si il y a de même des offenses commis envers les sujets allemands, le Gouvernement Azerbaydjanien est obligé de dédommager les pertes désignées.
Les troupes turcs ont déjà rétabli l’ordre et la sûreté public. Voilà pourquoi il ne serait pas nécessaire d’envoyer les troupes allemandes pour la sauvegarde des sujets allemands.
C’est un de mes spéciaux devoirs la charge de protéger les vies et les intérêts des sujets allemands.
Noury, Général de Division.
Son Excellence le Général von Kreß,
Délégué Impérial Allemand Tiflis
443.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 29. Oktober 1918.
Die Meldung der Tribune de Genève[157] ist unzutreffend. Der wahre Sachverhalt ist folgender:
Bereits am 4. Juni hat die Türkei in Batum mit der damals neu gegründeten armenischen Republik einen Friedensvertrag geschlossen, dessen Bestimmungen in territorialer Hinsicht für die Armenier sehr ungünstig waren. Die türkische Grenze war weit über die im Frieden von Brest-Litowsk gezogene Linie vorgeschoben. Das den Armeniern verbleibende unfruchtbare Gebirgsland reichte nicht aus, um außer den ursprünglichen Bewohnern, den vielen Flüchtlingen aus Türkisch-Armenien und den von den Türken besetzten kaukasischen Gebieten Unterkommen und Nahrung zu bieten. Wir haben den Vertrag von Batum nicht anerkannt und alsbald energische Schritte unternommen, um die Türken zur Innehaltung der Bestimmungen des Brester Friedens zu veranlassen. Lange zeigte sich die türkische Regierung taub gegen alle Vorstellungen. Auch unser Versuch, den armenischen Flüchtlingen wenigstens zur Bergung der Ernte die Rückkehr in ihre verlassenen Dörfer zu ermöglichen, blieb zunächst erfolglos.
Erst bei den Verhandlungen, die im September hier mit dem Großwesir geführt wurden, gelang es uns, ihn zum Entgegenkommen gegenüber den Wünschen der Armenier zu bewegen und das Versprechen einer Revision der territorialen Bestimmungen des Vertrages von Batum zu erlangen. Die seit Anfang Juni in Berlin anwesenden armenischen Delegierten haben an den deutsch-türkischen Verhandlungen nicht teilgenommen. Talaat Pascha hat sich aber ihnen gegenüber im gleichen Sinne ausgesprochen.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Konstantinopel hat er dann sein uns gegebenes Versprechen erfüllt und mit der armenischen Republik eine Vereinbarung über Wiederabtretung und Räumung des armenischen Gebiets bis zur Grenze von Brest-Litowsk abgeschlossen.
I. A.:
von Langwerth.
An die Deutsche Gesandtschaft, Bern.
November.
444.
Société Impériale ottomane
du Chemin de Fer de Bagdad.
Konstantinopel, den 5. November 1918.
An den Verwaltungsrat der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft, Berlin, betreffend Armenierfrage.
In dieser Frage haben wir Ihnen in den Jahren 1915 und 1916 — hauptsächlich im Sommer und Herbst 1915 — vielfach und eingehend zu berichten gehabt.
Wie Sie sich erinnern werden, hatten wir Kämpfe zu bestehen, um unsere armenischen Angestellten ihrem Dienst an unseren Bahnen zu erhalten. Die kritischste Periode war im August 1915, als die türkische Regierung unvermittelt eines Tages an die Ausführung ihrer Absicht ging, unsere armenischen Angestellten in der Zahl von etwa 850 zwangsweise mit ihren Familien in die entfernteren Gegenden des Reiches abzuführen. Sie erinnern sich, daß der Zeichner dieses damals zunächst einen Aufschub der Maßregeln erwirkte dadurch, daß er erklärte, zur selbigen Stunde den Betrieb auf der ganzen Linie einzustellen, weil ein solcher in geregelter Weise nach der Herausnahme von 850 geschulten und eingearbeiteten Beamten eine Unmöglichkeit sei. An unserer ohnehin geschwächten Organisation zu rühren, bilde überhaupt eine Gefahr von ungeheurer Tragweite, die sogar den Gang des Krieges beeinflussen könne.
Es war dann eine sehr schwierige Aufgabe, den Aufschub in eine Aufhebung der Maßregeln gegen unsere armenischen Angestellten umzuwandeln, und, wie Sie wissen, haben wir diese Aufgabe trotz vielfacher und immer wieder aufs neue einsetzender starker Pression siegreich durchgeführt.
In diesen Tagen war nun eine Deputation unserer armenischen Angestellten bei uns, um zu erklären, daß sie erst jetzt die Freiheit besäßen, uns auszusprechen, was sie seit 1915 in steigender Lebhaftigkeit empfunden hätten, nämlich daß sie und ihre Familien Leben und Existenz nur unserem damaligen festen Eingreifen zu danken hätten. Daß sie seien, und was sie seien, dankten sie einzig der Leitung der anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, und es gäbe in den armenischen Familien an unseren Linien kein Familienmitglied, daß dieser Tatsache nicht jeden Tag, den Gott gibt, dankbar gedächte. In diesem Sinne sprach sich die Deputation aus, und unsere Erwiderung bewegte sich in der Richtung, daß wir an unseren armenischen Angestellten stets gewissenhafte Mitarbeiter besessen hätten, und daß es sich um ein einfaches Gebot der Pflicht für uns gehandelt hätte, Treue mit Treue zu entgelten. Den Dank nähmen wir gerne entgegen und hofften, daß wir ihn in der Gestalt von treuer Pflichterfüllung und Hingabe an unsere gemeinsame Aufgabe betätigt sähen. Wenn wir uns wie bisher auf unsere armenischen Angestellten verlassen könnten, so könnten sie sich mit Zuversicht auch auf uns — die Leitung — verlassen, und auf diese Weise könnten wir in gemeinsamer ernster Arbeit jeder von seinem Platze aus die Aufgabe erfüllen, die unseren Bahnen in der Türkei zum Besten des Landes und seiner Bewohner gestellt ist.
Einige Tage nach dem Erscheinen dieser Deputation sandte der armenische Patriarch in seiner Vertretung einen Herrn zu uns, dessen offizielle Tätigkeit die Führung der Geschäfte des armenischen Patriarchats ist. Im Namen des Patriarchs und des ganzen armenischen Volkes dankte er mir für meine Intervention zugunsten unserer armenischen Angestellten und deren Familien. Die armenische Nation habe eine Dankesschuld abzutragen, die Ehrensache eines jeden Armeniers sein müsse.
Ich möchte hier noch beifügen, daß unmittelbar nach meinem ersten Vorgehen im August 1915 und meiner stürmischen Auseinandersetzung mit den Behörden der damalige armenische Patriarch einen Vertrauten zu mir sandte mit folgender Botschaft: Er (der Patriarch) sei ein alter Mann und hoffe bald vor Gottes Thron zu stehen. Er sehne diesen Augenblick herbei, und er werde sich dem Throne Gottes mit einem Gebet auf den Lippen für mich nähern. Das sei alles, was er mir für jetzt im Namen der Armenier sagen lassen könne.
Die Armenier werden jetzt wieder in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückgeführt. Das Elend der Armen ist nach ihren mehrjährigen Leiden ungeheuer. Um im Gebiet unserer Bahn den Leuten etwas Hilfe zu leisten, haben Herr Huguenin und Zeichner dieses im Hinblick auf die Unmöglichkeit einer vorhergehenden Verständigung mit Ihnen jeder von sich aus Ltq. 500 dem bestehenden Komitee gespendet.
Hochachtungsvoll
Der Generaldirektor.
Günther.