DER SOHN DER SAMAṆAMUṆḌIKĀ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Um diese Zeit nun hielt sich der Pilger Uggāhamāno, der Sohn der Samaṇamuṇḍikā, im Redesaal der ebenholzverschaalten Großen Halle in Mallikās Garten auf, in Gesellschaft vieler Pilger, von etwa dreihundert Pilgern umgeben.[117]

Da ging nun Pañcakaṉgo der Baumeister eines Nachmittags von Sāvatthī hinaus, den Erhabenen besuchen. Doch Pañcakaṉgo der Baumeister gedachte alsbald: ›Es ist noch nicht Zeit den Erhabenen zu besuchen, zurückgezogen weilt der Erhabene; und auch die geistig thätigen Mönche besuchen ziemt sich jetzt nicht, zurückgezogen wirken die Mönche geistiges Werk. Wie, wenn ich nun den Redesaal aufsuchte, die ebenholzverschaalte Große Halle, den Garten Mallikās, wo Uggāhamāno der Pilger, der Sohn der Samaṇamuṇḍikā, weilt?‹ Und Pañcakaṉgo der Baumeister begab sich zum Garten der Mallikā, zur ebenholzverschaalten Großen Halle, zum Redesaal hin.

Um diese Zeit aber war Uggāhamāno der Pilger, der Sohn der Samanamuṇḍikā, im weiten Kreise der Pilgerschaar sitzend, {342} in lebhaftem Gespräche begriffen; und sie machten lauten Lärm, großen Lärm, und unterhielten sich über allerhand gemeine Dinge, als wie über Könige, über Räuber, über Fürsten und Soldaten, über Krieg und Kampf, über Speise und Trank, über Kleidung und Bett, über Blumen und Düfte, über Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über Städte und Länder, über Weiber und Weine, über Straßen und Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über Volksgeschichten und Seegeschichten, über dies und das und dergleichen mehr.

Und Uggāhamāno der Pilger, der Sohn der Samaṇamuṇḍikā, sah Pañcakaṉgo den Baumeister von ferne herankommen, und als er ihn gesehn mahnte er die Umsitzenden zur Ruhe:

»Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben: da kommt ein Jünger des Asketen Gotamo heran, Pañcakaṉgo der Baumeister! Von jenen Jüngern des Asketen Gotamo, die da als Hausleute, weiß gekleidet, in Sāvatthī wohnen, ist dieser auch einer, Pañcakaṉgo der Baumeister. Und sie lieben nicht lauten Lärm, diese Herren, Ruhe ist ihnen recht, Ruhe preisen sie; vielleicht mag ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen, seine Schritte hierher zu lenken.«

Und so schwiegen denn diese Pilger still. Und Pañcakaṉgo der Baumeister kam näher zu Uggāhamāno dem Pilger, dem Sohne der Samaṇamuṇḍikā, heran. Dort angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich zur Seite nieder. Und zu Pañcakaṉgo dem Baumeister, der da zur Seite saß, sprach nun Uggāhamāno der Pilger, der Sohn der Samaṇamuṇḍikā, also:

{343} »Vier Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben: welche vier? Da begeht er, Baumeister, keine böse That in Werken, redet kein böses Wort, hegt keine böse Gesinnung, lebt kein böses Leben. Diese vier Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben.«

Aber Pañcakaṉgo der Baumeister war durch die Worte des Pilgers Uggāhamāno, des Sohnes der Samaṇamuṇḍikā, weder befriedigt noch verstimmt; ohne Befriedigung, ohne Verstimmung stand er von seinem Sitze auf und ging fort: ›Beim Erhabenen werd’ ich den Sinn dieser Worte verstehn.‹

Und Pañcakaṉgo der Baumeister begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend berichtete nun Pañcakaṉgo der Baumeister dem Erhabenen Wort für Wort alles was Uggāhamāno der Pilger, der Sohn der Samaṇamuṇḍikā, gesagt. Als er geendet, wandte sich der Erhabene zu ihm und sprach:

»Ist es also, Baumeister, dann mag ein zarter Knabe, ein unvernünftiger Säugling, gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben, dem Worte des Pilgers Uggāhamāno, des Sohnes der Samaṇamuṇḍikā, gemäß. Denn ein zarter Knabe, Baumeister, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Werken: woher sollt’ er gar böse That in Werken begehn, es sei denn dass er um sich schlägt. {344} Denn ein zarter Knabe, Baumeister, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Worten: woher sollt’ er gar böses Wort reden, es sei denn dass er schreit. Denn ein zarter Knabe, Baumeister, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Gesinnung: woher sollt’ er gar böse Gesinnung hegen, es sei denn dass er zornig ist.[118] Denn ein zarter Knabe, Baumeister, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Leben: woher sollt’ er gar böses Leben leben, es sei denn dass er Muttermilch nimmt. Ist es also, Baumeister, dann mag ein zarter Knabe, ein unvernünftiger Säugling, gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben, dem Worte des Pilgers Uggāhamāno, des Sohnes der Samaṇamuṇḍikā, gemäß.

»Vier Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen noch nicht gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben, sondern nur bis zu jenem zarten Knaben, dem unvernünftigen Säugling, heranreichen: welche vier? Da begeht er, Baumeister, keine böse That in Werken, redet kein böses Wort, hegt keine böse Gesinnung, lebt kein böses Leben. Diese vier Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen noch nicht gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben, sondern nur bis zu jenem zarten Knaben, dem unvernünftigen Säugling, heranreichen.

»Zehn Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben.

{345} »‚So ist üble Gehabung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Daher kommt üble Gehabung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Da geht üble Gehabung ohne Ueberrest unter‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Also wandelnd geht man dem Untergang übler Gehabung entgegen‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚So ist gute Gehabung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Daher kommt gute Gehabung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Da geht gute Gehabung ohne Ueberrest unter‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Also wandelnd geht man dem Untergang guter Gehabung entgegen‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚So ist üble Gesinnung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Daher kommt üble Gesinnung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Da geht üble Gesinnung ohne Ueberrest unter‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Also wandelnd geht man dem Untergang übler Gesinnung entgegen‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚So ist gute Gesinnung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Daher kommt gute Gesinnung‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Da geht gute Gesinnung ohne Ueberrest unter‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen. ‚Also wandelnd geht man {346} dem Untergang guter Gesinnung entgegen‘: das, Baumeister, sag’ ich, muss man wissen.

»Was ist aber, Baumeister, üble Gehabung? Ueble That in Werken, üble That in Worten, böses Leben: das heißt man, Baumeister, üble Gehabung. Und woher, Baumeister, kommt diese üble Gehabung? Spricht man von ihrer Herkunft, so hat man zu sagen: aus dem Herzen kommt sie her.[119] Welcher Art ist das Herz? Das Herz ist eben gar vielfältig, manigfach, unterschiedlich; das Herz, das Gier, Hass und Irre birgt[120], da kommt die üble Gehabung her. Und wo, Baumeister, geht diese üble Gehabung ohne Ueberrest unter? Spricht man von ihrem Untergange, so gilt es, Baumeister, dass der Mönch üblen Wandel in Werken verlasse und guten Wandel in Werken erfülle, üblen Wandel in Worten verlasse und guten Wandel in Worten erfülle, üblen Wandel in Gedanken verlasse und guten Wandel in Gedanken erfülle, falsches Leben verlasse und auf rechte Weise das Leben friste: da geht jene üble Gehabung ohne Ueberrest unter. Wie aber wandelt man, Baumeister, dem Untergang übler Gehabung entgegenzugehn? Da weckt, Baumeister, der Mönch seinen Willen, dass er unaufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene üble, unheilsame Dinge vertreibe, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er unaufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene heilsame Dinge sich festigen, nicht lockern, weiterentwickeln, erschließen, entfalten, erfüllen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit. {347} Also wandelt man, Baumeister, dem Untergang übler Gehabung entgegenzugehn.

»Was ist aber, Baumeister, gute Gehabung? Gute That in Werken, gute That in Worten, Lauterkeit des Lebens: das, Baumeister, sag’ ich, gehört zur Gehabung; und man heißt es, Baumeister, gute Gehabung. Und woher, Baumeister, kommt diese gute Gehabung? Spricht man von ihrer Herkunft, so hat man zu sagen: aus dem Herzen kommt sie her. Welcher Art ist das Herz? Das Herz ist eben gar vielfältig, manigfach, unterschiedlich; das Herz, das keine Gier, keinen Hass, keine Irre birgt, da kommt die gute Gehabung her. Und wo, Baumeister, geht diese gute Gehabung ohne Ueberrest unter? Spricht man von ihrem Untergange, so gilt es, Baumeister, dass der Mönch Tugend habe, nicht aber Tugend sei; und dass er jene Gemütherlösung, Weisheiterlösung der Wahrheit gemäß erkenne, wo ihm die gute Gehabung ohne Ueberrest untergeht. Wie aber wandelt man, Baumeister, dem Untergang guter Gehabung entgegenzugehn? Da weckt, Baumeister, der Mönch seinen Willen, dass er unaufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene üble, unheilsame Dinge vertreibe, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er unaufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene heilsame Dinge sich festigen, nicht lockern, weiterentwickeln, erschließen, entfalten, erfüllen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit. Also wandelt man, Baumeister, dem Untergang guter Gehabung entgegenzugehn.

»Was ist aber, Baumeister, üble Gesinnung? Sinnende Lust, sinnender Groll, sinnende Wuth: das heißt man, Baumeister, üble Gesinnung. Und woher, Baumeister, kommt diese üble Gesinnung? {348} Spricht man von ihrer Herkunft, so hat man zu sagen: aus der Wahrnehmung kommt sie her. Welcher Art ist die Wahrnehmung? Die Wahrnehmung ist eben gar vielfältig, manigfach, unterschiedlich; die Wahrnehmung, die Lust empfindet, Groll empfindet, Wuth empfindet, da kommt die üble Gesinnung her. Und wo, Baumeister, geht diese üble Gesinnung ohne Ueberrest unter? Spricht man von ihrem Untergange, so gilt es, Baumeister, dass der Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung weile: da geht jene üble Gesinnung ohne Ueberrest unter. Wie aber wandelt man, Baumeister, dem Untergang übler Gesinnung entgegenzugehn? Da weckt, Baumeister, der Mönch seinen Willen, dass er unaufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene üble, unheilsame Dinge vertreibe, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er unaufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene heilsame Dinge sich festigen, nicht lockern, weiterentwickeln, erschließen, entfalten, erfüllen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit. Also wandelt man, Baumeister, dem Untergang übler Gesinnung entgegenzugehn.

»Was ist aber, Baumeister, gute Gesinnung? Entsagung sinnen, keinen Groll hegen, keine Wuth hegen: das heißt man, Baumeister, gute Gesinnung. Und woher, Baumeister, kommt diese gute Gesinnung? Spricht man von ihrer Herkunft, so hat man zu sagen: aus der Wahrnehmung kommt sie her. Welcher Art ist die Wahrnehmung? {349} Die Wahrnehmung ist eben gar vielfältig, manigfach, unterschiedlich; die Wahrnehmung, die Entsagung sinnt, keinen Groll hegt, keine Wuth hegt, da kommt die gute Gesinnung her. Und wo, Baumeister, geht diese gute Gesinnung ohne Ueberrest unter? Spricht man von ihrem Untergange, so gilt es, Baumeister, dass der Mönch nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes gewinne, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung: da geht jene gute Gesinnung ohne Ueberrest unter. Wie aber wandelt man, Baumeister, dem Untergang guter Gesinnung entgegenzugehn? Da weckt, Baumeister, der Mönch seinen Willen, dass er unaufgestiegene üble, unheilsame Dinge nicht aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene üble, unheilsame Dinge vertreibe, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er unaufgestiegene heilsame Dinge aufsteigen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit; weckt seinen Willen, dass er aufgestiegene heilsame Dinge sich festigen, nicht lockern, weiterentwickeln, erschließen, entfalten, erfüllen lasse, er müht sich darum, muthig bestrebt, rüstet das Herz, macht es kampfbereit. Also wandelt man, Baumeister, dem Untergang guter Gesinnung entgegenzugehn.

»Was für zehn Dinge aber, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben? Da eignet, Baumeister, einem Mönche untrüglich rechte Erkenntniss, untrüglich rechte Gesinnung, untrüglich rechte Rede, untrüglich rechtes Handeln, untrüglich rechtes Wandeln, {350} untrüglich rechtes Mühn, untrüglich rechte Einsicht, untrüglich rechte Einigung, untrüglich rechte Weisheit, untrüglich rechte Erlösung. Diese zehn Dinge, Baumeister, sag’ ich, lassen den Menschen gut begabt sein, höchstes Gut, besten Gewinn gewonnen, den Asketenkampf bestanden haben.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Pañcakaṉgo der Baumeister über das Wort des Erhabenen.


79.

Achter Theil

Neunte Rede

SAKULUDĀYĪ
– II –

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Um diese Zeit nun hielt sich der Pilger Sakuludāyī im Pilgerhaine auf, am Pfauenhügel, in Gesellschaft vieler Pilger. Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und wanderte gegen Rājagaham, um Almosenspeise. Und es gedachte der Erhabene: ›Allzu früh ist’s noch, in der Stadt um Almosenspeise zu stehn; wie, wenn ich nun zum Pilgergarten, nach dem Pfauenhügel ginge, Sakuludāyī den Pilger besuchen?‹ Und der Erhabene begab sich zum Pilgergarten, nach dem Pfauenhügel hin.

{351} Um diese Zeit aber war Sakuludāyī der Pilger, im weiten Kreise der Pilgerschaar sitzend, in lebhaftem Gespräche begriffen; und sie machten lauten Lärm, großen Lärm und unterhielten sich über allerhand gemeine Dinge, als wie über Könige, über Räuber, über Fürsten und Soldaten, über Krieg und Kampf, über Speise und Trank, über Kleidung und Bett, über Blumen und Düfte, über Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über Städte und Länder, über Weiber und Weine, über Straßen und Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über Volksgeschichten und Seegeschichten, über dies und das und dergleichen mehr.

Und Sakuludāyī der Pilger sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn mahnte er die Umsitzenden zur Ruhe:

»Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben: da kommt der Asket Gotamo heran! Und er liebt nicht lauten Lärm, dieser Ehrwürdige, Ruhe preist er; vielleicht mag ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen seine Schritte hierher zu lenken.«[121]

Und so schwiegen denn diese Pilger still. Und der Erhabene kam näher zu Sakuludāyī dem Pilger heran. Und Sakuludāyī der Pilger sprach zum Erhabenen also:

»Es komme, o Herr, der Erhabene, gegrüßt sei, o Herr, der Erhabene! Lange schon, o Herr, hat der Erhabene hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge sich, o Herr, der Erhabene setzen: dieser Sitz ist bereit.«

Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz. Sakuludāyī aber, der Pilger, nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich an die Seite. Zu Sakuludāyī dem Pilger, der da beiseite saß, wandte sich nun der Erhabene also:

»Zu welchem Gespräche, Udāyī, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«

»Sei es, o Herr, um jenes Gespräch, warum wir hier beisammen sind: schwerlich, o Herr, wird dem Erhabenen etwas entgehn, wenn es auch später zur Sprache kommt. {352} Wann ich, o Herr, fern von dieser Gesellschaft weile, dann ist sie zu Gesprächen über allerhand gemeine Dinge versammelt: wann ich aber, o Herr, diese Gesellschaft aufgesucht habe, dann richten sich ihre Blicke zu mir empor: ›Was uns der Asket Udāyī wird lehren, dem wollen wir lauschen.‹ Hat nun, o Herr, der Erhabene diese Gesellschaft aufgesucht, dann richten sich ebenso meine Blicke wie die der Uebrigen zum Erhabenen empor: ›Was uns der Erhabene wird lehren, dem wollen wir lauschen.‹«

»Wohlan denn, Udāyī, da soll eben von dir die Ansprache ausgehn, wie sie von mir ausgehn mag.«

»Die vergangenen Tage, o Herr, vor einiger Zeit, hab’ ich ihm, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennt — ‚Ob ich geh’ oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig‘ — von Anfang an Fragen gestellt: er aber ist von einem auf ein anderes übergegangen, vom Gegenstande abgeschweift, hat Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag gelegt. Da hab’ ich, o Herr, eben an den Erhabenen mit Freuden gedacht: ›Ja der Erhabene, ja der Willkommene, der wird gewiss dieser Dinge kundig sein!‹«

»Wer ist es denn, Udāyī, der alles weiß, alles versteht, unbeschränkte Wissensklarheit bekennt — ‚Ob ich geh’ oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig‘ — der von dir, von Anfang an befragt, von einem auf ein anderes übergegangen, vom Gegenstande abgeschweift ist, Verdrossenheit, Hass und Misstrauen an den Tag gelegt hat?«

»{353} Nāthaputto, Herr, der Freie Bruder.«

»Wer sich, Udāyī, mancher verschiedenen früheren Daseinsform erinnerte, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, und so weiter; wer sich also an manche verschiedene frühere Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen, erinnern kann: mag der von Anfang an mir Fragen stellen, oder mag er von Anfang an mich fragen lassen, so wird er, wie er sich von Anfang an die Fragen lösen lässt, sich zufrieden stellen, oder wird, wie er mich von Anfang an die Fragen lösen lässt, sich zufrieden geben. Wer[122] da, Udāyī, mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sähe, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennen kann wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: mag der vom Ende an mir Fragen stellen, oder mag er vom Ende an mich fragen lassen, so wird er, wie er sich vom Ende an die Fragen lösen lässt, sich zufrieden stellen, oder wird, wie er mich vom Ende an die Fragen lösen lässt, sich zufrieden geben. Aber, Udāyī, sei es um den Anfang, sei es um das Ende: die Satzung werd’ ich dir aufweisen. Wenn Jenes ist, wird Dieses, durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses; wenn Jenes nicht ist, wird Dieses nicht, durch die Auflösung von Jenem wird Dieses aufgelöst.[123]«

»Ich kann mich dessen, o Herr, was ich nur in meiner gegenwärtigen Erscheinung alles erlebt habe, durchaus nicht je einzeln ganz genau erinnern: woher sollt’ {354} ich mich gar an manche verschiedene frühere Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, und so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen, gleichwie etwa der Erhabene? Ja, o Herr, nicht einmal ein Irrlicht vermag ich jetzt wahrzunehmen: woher sollt’ ich gar mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, und erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, gleichwie etwa der Erhabene? Was mir nun erst, o Herr, der Erhabene da gesagt hat: ›Aber, Udāyī, sei es um den Anfang, sei es um das Ende: die Satzung werd’ ich dir aufweisen. Wenn Jenes ist, wird Dieses, durch die Entstehung von Jenem entsteht Dieses; wenn Jenes nicht ist, wird Dieses nicht, durch die Auflösung von Jenem wird Dieses aufgelöst‹, das ist mir noch viel weniger klar geworden. O dass ich nur, o Herr, bei meinem eigenen Lehrsatze dem Erhabenen durch die Lösung der Fragen zustimmen könnte!«

»Was hast du denn, Udāyī, für einen eigenen Lehrsatz?«

»Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz.‹«

»Was du aber da, Udāyī, als eigenen Lehrsatz also ansiehst, ›Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz‹, was ist das für ein höchster Glanz?«

»Ein Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Und was ist das, Udāyī, für ein höchster Glanz, über den es keinen größeren und helleren giebt?«

{355} »Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz.«

»Lange noch kannst du also, Udāyī, fortfahren, wenn du sagst ›Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz‹, und diesen Glanz nicht erklärst. Gleichwie etwa, Udāyī, wenn ein Mann also spräche: ›Ich habe nach ihr, die da im ganzen Lande die Schönste ist, Verlangen, habe Sehnsucht nach ihr‹; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst und dich sehnst, kennst du diese, ob es eine Fürstin oder eine Priestertochter, ein Bürgermädchen oder eine Dienerin ist?‹; und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die Schönste des Landes, nach der du verlangst und dich sehnst, kennst du diese, weißt du wie sie heißt, wo sie herstammt oder hingehört, ob sie von großer oder von kleiner oder von mittlerer Gestalt ist, ob ihre Hautfarbe schwarz oder braun oder gelb ist, in welchem Dorf oder welcher Burg oder welcher Stadt sie zuhause ist?‹; und er gäbe ›Nein‹ zur Antwort; und man fragte ihn: ›Lieber Mann, die du nicht kennst und nicht siehst, nach der verlangst du, sehnst dich nach ihr?‹; und er gäbe ›Ja‹ zur Antwort; was meinst du wohl, Udāyī: hätte nun nicht, bei solcher Bewandtniss, jener Mann unbegreifliche Antwort gegeben?«

»Allerdings hätte, o Herr, bei solcher Bewandtniss jener Mann unbegreifliche Antwort gegeben.«[124]

{356} »Ebenso nun auch, Udāyī, hast du gesagt ›Jener Glanz, o Herr, über den es keinen größeren und helleren giebt, das ist der höchste Glanz‹, und hast diesen Glanz nicht erklärt.«

»Gleichwie etwa, o Herr, ein Juwel, ein Edelstein, von reinem Wasser, achteckig, wohlbearbeitet, auf lichter Decke liegend leuchtet und funkelt und strahlt, ebenso glänzend ist die Seele, nach dem Tode genesen.«[125]

»Was meinst du wohl, Udāyī: ein Juwel, ein Edelstein, der von reinem Wasser, achteckig, wohlbearbeitet ist, auf lichter Decke liegend leuchtet und funkelt und strahlt, oder aber ein Glühwurm, ein Leuchtkäfer[126] in dunkler, finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Ein Glühwurm, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, ein Leuchtkäfer, dieser von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: ein Glühwurm in dunkler, finsterer Nacht, ein Leuchtkäfer, oder aber eine Oellampe in dunkler, finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Eine Oellampe, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, diese von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: eine Oellampe in dunkler, finsterer Nacht, oder aber eine mächtige Fackel in dunkler, finsterer Nacht: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

{357} »Eine mächtige Fackel, o Herr, in dunkler, finsterer Nacht, diese von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: eine mächtige Fackel in dunkler, finsterer Nacht, oder aber der Morgenstern in dämmernder Frühe, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Der Morgenstern, o Herr, in dämmernder Frühe, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, dieser von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: der Morgenstern in dämmernder Frühe, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, oder aber am Feiertage im halben Monat, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um Mitternacht der Mond: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Der Mond, o Herr, am Feiertage im halben Monat, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um Mitternacht, dieser von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Was meinst du wohl, Udāyī: der Mond am Feiertage im halben Monat, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um Mitternacht, oder aber im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, unbeschränkt um Mittag die Sonne: wer von den beiden hat größeren und helleren Glanz?«

»Die Sonne, o Herr, im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, wann die Wolken und Nebel verzogen und verschwunden sind, {358} unbeschränkt um Mittag, diese von beiden hat da größeren und helleren Glanz.«

»Nun sind es zwar, Udāyī, mehr als viele der Götter, deren Licht sich mit dem von Sonne und Mond nicht vergleichen lässt, und ich kenne sie: dennoch aber sag’ ich nicht ›Ein Glanz, über den es keinen größeren und helleren giebt‹; während, Udāyī, du dagegen von jenem Glatze, der dem Glühwurm, dem Leuchtkäfer nachsteht, unterlegen ist, sagst ›Das ist der höchste Glanz‹, und diesen Glanz nicht erklärst.«

»Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch!«

»Warum denn, Udāyī, sagst du: ›Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch‹?«

»Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Das ist der höchste Glanz, das ist der höchste Glanz‹: und da sind wir, o Herr, vom Erhabenen über unseren eigenen Lehrsatz befragt, ausgeforscht, unterrichtet, hohl und leer und eitel befunden worden.«

»Sag’ mir, Udāyī: giebt es ein vollkommenes Wohlsein, giebt es einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Wir haben, o Herr, einen Lehrsatz, der lautet: ›Es giebt ein vollkommenes Wohlsein, es giebt einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.‹«

»Und was ist das, Udāyī, für ein deutlich bezeichneter Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Da hat einer, o Herr, das Tödten verworfen, vom Tödten hält er sich fern, Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern, Ausschweifung hat er verworfen, von Ausschweifung hält er sich fern, {359} das Lügen hat er verworfen, vom Lügen hält er sich fern; oder er hat noch andere Büßerpflicht auf sich genommen. Das ist, o Herr, der deutlich bezeichnete Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.«

»Was bedünkt dich, Udāyī: zu einer Zeit wo man das Tödten verworfen hat, sich vom Tödten fernhält, fühlt man sich zu einer solchen Zeit vollkommen wohl, oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udāyī? zu einer Zeit wo man das Nehmen des Nichtgegebenen, Ausschweifung, Lüge verworfen hat, sich davon fernhält, fühlt man sich zu einer solchen Zeit vollkommen wohl, oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udāyī: zu einer Zeit wo man noch andere Büßerpflicht auf sich genommen hat, fühlt man sich zu einer solchen Zeit vollkommen wohl, oder wohl und weh?«

»Wohl und weh, o Herr!«

»Was bedünkt dich, Udayī: hat man nun aber den Pfad betreten, der Wohl und Wehe mit sich bringt, kann man da vollkommenes Wohlsein erreichen?«

»Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch!«

»Warum denn, Udāyī, sagst du: ›Abgeschnitten hat der Erhabene das Gespräch, abgeschnitten hat der Willkommene das Gespräch‹?«

{360} »Unser eigener Lehrsatz, o Herr, der lautet: ›Es giebt ein vollkommenes Wohlsein, es giebt einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen‹: und da sind wir, o Herr, vom Erhabenen über unseren eigenen Lehrsatz befragt, ausgeforscht, unterrichtet, hohl und leer und eitel befunden worden. Wie nun, o Herr: giebt es ein vollkommenes Wohlsein, giebt es einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Es giebt, Udāyī, ein vollkommenes Wohlsein, es giebt einen deutlich bezeichneten Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.«

»Und was ist das, o Herr, für ein deutlich bezeichneter Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen?«

»Da weilt, Udāyī, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten Schauung. Das ist, Udāyī, der deutlich bezeichnete Pfad, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.«

»Wie kann das, o Herr, der deutlich bezeichnete Pfad sein, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen? Erreicht hat man ja da schon, o Herr, vollkommenes Wohlsein!«

»Nicht hat man, Udāyī, da schon vollkommenes Wohlsein erreicht: der deutlich bezeichnete Pfad ist es nur, um das vollkommene Wohlsein zu erreichen.«

Auf diese Worte brachen die Jünger Sakuludāyī des Pilgers in lebhafte Rufe aus, in lauten Lärm, in großen Lärm:

»So haben wir unsere Lehrsätze verloren, so haben wir unsere Lehrsätze wiedergefunden![127] {361} Darüber hinaus begreifen wir nichts Höheres mehr.«

Und Sakuludāyī der Pilger beschwichtigte sie und sprach dann also zum Erhabenen:

»Inwiefern hat man nun, o Herr, vollkommenes Wohlsein erreicht?«

»Da erwirkt, Udāyī, der Mönch nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Und so da Geister sich vollkommen wohl befinden, geht er sie an und pflegt Rede und Rath mit ihnen, insofern hat man, Udāyī, vollkommenes Wohlsein erreicht.«

»Und gewiss, o Herr, führen die Mönche um dieses vollkommene Wohlsein zu erreichen das Asketenleben beim Erhabenen?«

»Nicht doch, Udāyī, um dieses vollkommene Wohlsein zu erreichen führen die Mönche bei mir das Asketenleben; es giebt, Udāyī, noch andere Dinge, die besser und vorzüglicher sind, um deren Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.«

»Was sind das aber, o Herr, für bessere und vorzüglichere Dinge, um deren Erreichung die Mönche das Asketenleben beim Erhabenen führen?«

{362} »Da weilt[128], Udāyī, der Mönch solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, und richtet das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer Daseinsformen. Er erinnert sich an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, und so weiter, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Das aber ist, Udāyī, ein besseres und vorzüglicheres Ding, um dessen Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Das aber ist, Udāyī, ein besseres und vorzüglicheres Ding, um dessen Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, {363} schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung. ›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da. Das ist, Udāyī, ein besseres und vorzüglicheres Ding, um dessen Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.

»Das sind, Udāyī, die besseren und vorzüglicheren Dinge, um deren Erreichung die Mönche bei mir das Asketenleben führen.«

Nach diesen Worten wandte sich Sakuludāyī der Pilger also an den Erhabenen:

»Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Gleichwie etwa, o Herr, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat der Erhabene die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’ ich, o Herr, beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: {364} möge mir, o Herr, der Erhabene Aufnahme gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«

So sprach Sakuludāyī der Pilger. Aber seine Jünger wandten sich also an ihn:

»Nicht darf Herr Udāyī beim Asketen Gotamo das Asketenleben führen, nicht darf Herr Udāyī, längst ein Lehrer, als Schüler in die Lehre gehn! Gleichwie etwa wenn man, längst geschmückt, einen jeden Schmuck ablegte, ebenso würde das Herrn Udāyī anstehn.[129] Nicht darf Herr Udāyī beim Asketen Gotamo das Asketenleben führen, nicht darf Herr Udāyī, längst ein Lehrer, als Schüler in die Lehre gehn!«

Und so hielten denn Sakuludāyī den Pilger seine Jünger vom Asketenleben beim Erhabenen ab.[130]


80.

Achter Theil

Zehnte Rede