1. Die Engelschar.
Bei geschlossenem Vorhange singt der Chor:
Auf, Tochter Zion, schmücke dich.
(Schneeberger Weihnachtslied.)
Der dritte Hirte tritt auf.
(Wiesaer Spiel.)
Einen schönen guten Abend, das geb euch Gott!
Ich bin ein ausgesandter Bot,
ich zeig euch an zu dieser Frist,
Daß jetzt wird kommen der heilge Christ.
Eine schiene gute Nacht! (Verbeugung.)
Er geht ab.
Hinter der Szene leises Harmoniumspiel (Vom Himmel hoch, da komm ich her). Zwei Engel, ein großer und ein kleiner, treten ein.
Der große Engel.
Einen schönen guten Abend, ihr lieben Leut (Kindelein[18])
der heilge Christ läßt euch grüßen,
was ihm zu tun befohlen ist,
wird allzeit sein beflissen;
indem er fährt auf in seinem Paradeis
und angestellet hat auf Erden seine Reis.
Heut ist der Tag, da läßt er seine Schellen klingen.
(Ruprecht läßt hinter der Szene seine Schellen klingen.)
Er wird euch viel Geschenk und Gaben mit sich bringen,
wenn ihrs zufrieden seid, so führ ich ihn herein,
doch dürft ihr aber nicht zu sehr erschrocken sein.
Denn wer fein fromm gewesen ist,
den wird er freundlich loben.
Komm immer, komm herein, du heilger Christ von oben.
Die Engel stellen sich rechts und links vor die Rampe, sie bilden den Abschluß der im Halbkreis aufgestellten Engelschar. Die Engelschar tritt unter den Klängen der böhmischen Kinderweise gemessenen Schrittes ein. Sie umwandelt einmal die Bühne und stellt sich dann, im Mittelpunkt der heilige Christ, im Halbkreis auf.
Der heilge Christ.
Wohlan, ihr Kinderlein, wie habt ihr euch verhalten?
Habt ihr auch respektiert die Lehrer und die Alten?
Die Eltern auch geliebt, mit Willen nie betrübt,
was sie befohlen euch, und sie erzürnet nicht?
Erschrecket nicht vor mir und meiner Majestat!
Examiniere du, Martin, an meiner Statt.
Martin.
Ach Herr, wie soll ich denn vor dir examinieren?
Du weißt ja selbst, wie oft die Engel Klage führen,
daß man allhier unter dem zehnten Kind
in manchem Haus ja nicht ein frommes findt.
Der Mutwill ist zu groß, die Bosheit nicht zu sagen,
indem ja in der Schul auch ihre Lehrer klagen,
indem sie auch zu Haus gar selten fromm sein,
wie ich hab itzt gehört von diesem Engelein.
Der heilge Christ.
Ei, ei, das ist nicht fein, daß ich jetzt Klag muß hörn!
ich dürfte mich hinfort von euch gen Himmel kehren.
Mich reuets jetzt, daß wir in dieser kalten Nacht
bis her an diesem Ort uns haben aufgemacht.
Drum, Niklaus, sags dem Knecht, wir wolln von hinnen fahren
und wollen unsre Schätz auf fromme Kinder sparen.
Nikolaus.
Ach lieber, heilger Christ, sehr groß von Gütigkeit,
schau und bedenke doch die alte Freundlichkeit.
Du wirst doch nicht so schnell mit uns von hinnen eilen,
sondern ihnen zuvor mit deiner Gabe teilen.
Es möchten doch noch etliche unter diesen Kindlein sein,
die nicht so mutwillig möchten gewesen sein,
wie jetzt vermeldet ist; ich schau dirs vom Angesicht,
daß dir aus Lieb, Herr Christ, das Herze bricht.
Der heilge Christ.
Ja freilich bricht es mir, ich bin ja Mensch geboren
und war ein kleines Kind, drum sind sie mir erkoren
bei meiner kleinen Herd: ihr Kinder weinet nicht,
ich bin auch allen hold, mein Zorn ist schon geschlicht.
Der große Ruprecht.
Hopp, hopp, Gotts Perlemann, Gotts Schwafel un Pach!
Gleich wie sich Mausdrack unern Pfaffer mischt,
su bin ich a uner dan heiling Christ.
Ich tat amol vorüberga,
Do hört ich e weiß Wunner a,
Dos Geschrei war in dan Haus su sehr,
als wenn de Stub voll klaner, klaner, Kinner, Kinner wär!
Der kleine Engel.
Hans, pack dich alsobald mit deinem groben Trutzen,
sonst will ich dir den Kopf mit Feuerschlägen putzen.
Geh hin, examinier die andern in dem Haus,
wer dir nicht folgen will, den jag und schlage naus.
Der große Ruprecht.
Hopphopp, du klaner Schnipper du,
kannst du dei Maul net halten zu?
Ich hob gedacht, ich will mein lange, lange Sack vollfülln,
doch muß ich tu noch deinem Willn.
Doch gieh ich net leer aus diesem Haus,
ich will schlong alles naus,
will Knecht und Mägd examiniern
und will sie auf die Dauer, Dauer vexiern.
Der heilge Christ.
Komm, Ruprecht, sage an, wie verhalten sich
Knechte und Mägde allhier in diesem Haus?
Der große Ruprecht.
Ach Herr, sie trachten spät und früh,
was sie kriegen für ihre Müh;
drum, so sei es mein gedenk,
gib ihnen zum Heiligenchristgeschenk
Prügelsuppen und Maulschellen,
Ziegenspeck und Pferkorallen.
Der kleine Ruprecht.
Ei, so muß ich mei Maul aa drinne hobn,
sonst frassen mein Ranzen de Grilln un de Schwobn.
Heut is gewasen ene kalte Nacht,
kälter hätt ichs net gedacht,
ich kunnt vir Kält bal nimmer stieh,
ich mußt e bissel of men Fald rümgieh.
Der große Ruprecht.
Du Schlingel, du Bengel, mußt aa dreireden?
Ich wöllt dich gleich mit Füßen treten,
mit Füßen treten, mit Füßen stußen,
daß de kaast ke Wort mehr kußen!
Während des Streites der beiden haben die andern Glieder der Engelschar behaglich schmunzelnd zugehört. – Der heilge Christ winkt jetzt dem kleinen Engel, den großen Ruprecht unterbrechend.
Der kleine Engel.
(Thalheimer Spiel.)
Vorsichtige, Künste liebende Herren und Frauen,
wie Sie allhier versammelt sein, zu hören und zu schauen,
was dies für ein Spiel mag sein –
Nicht Silber, Gold oder Geld,
welches liebt die ganze Welt,
sondern das liebe Jesulein
das wollen wir fürtragen,
wie Herodes mit List
getracht nach dem Kindlein Jesus Christ,
es zu töten.
Wir bitten, sein Sie fein still,
wir wollen agieren unser Spiel.
Puer natus in Bethlehem, unde gaudet Jerusalem.
Drei Könige aus Saba kommen dahar
Gold, Weihrauch, Myrrhen brachten sie dar.
Alleluja!
Die Musik setzt mit der böhmischen Hirtenweise ein. Die Engelschar marschiert ab. – Das Harmonium nimmt die böhmische Weise auf und leitet sehr leise über zum Ave Maria.
Der Vorhang fällt.