Das Lengefelder Spiel.

Das Mosensche Buch hat vielleicht auch den, um die Erforschung des geistigen Lebens unserer Erzgebirgler, hochverdienten Dr. Alfred Müller in Auerbach zu seinen Forschungen veranlaßt. Die hauptsächlichste Frucht seiner Studien ist meiner Meinung nach die Aufzeichnung des sogenannten Lengefelder Spiels, das auch in Marienberg zu Haus gewesen sein soll. Es ist zuerst veröffentlicht in dem Aufsatze »Ein altertümlicher Christumzug« von Dr. Alfred Müller in Nr. 12, Jahrgang 19 des Glückauf. Hier treten außer den gewohnten Personen auch noch Moses und der Tod auf. Den Beginn bildet das Hirtenspiel.

Die beiden Hirten klagen über die große Kälte und ihre erbärmliche Lage:

»Wenn Kieselstä Toler wärn
un Dukaten in dr Mistpfütz lägn«

wollte sich Märten eine neue Pelzmütze kaufen, und Daniel klagt gar über den Geiz seiner Frau. In diese sehr profanen Erörterungen tritt plötzlich ein Engel:

»Gelobet seist du Jesus Christ,
der du Mensch geboren bist!
Und wie es schon vorher bekannt,
die Hirten waren von Gott gesandt,
zu verkündigen das, was geschehn!
Zu Davids Stadt in Bethlehem
der heilge Christ geboren ist;
des soll sich freuen ein jeder Christ.
Er bringt mit sich viel schöne Gaben
für Mädchen und für junge Knaben.
Ich soll nun bereiten den neuen Thron;
drauf soll er sich setzen mit seiner Ehrenkron,
komm rein du schöner heilger Christ,
weil dir schon alles bereitet ist.«
Stimmt ein, ihr lieben Engelein,
lobt Gott und singet fein.

Nun wird eine Choralstrophe gesungen, z. B. »Vom Himmel hoch.« Nun setzt sich der heilge Christ auf einen Stuhl und die Schar ordnet sich um ihn. Links stehen die drei »Hellen«, d. i. die drei Engel und der Tod, rechts stehen die drei »Schwarzen«, Moses, Andreas und Petrus, die einen schwarzen Talar tragen. Petrus trägt einen Schlüssel, Andreas ein kleines Szepter, Moses eine Gesetztafel. Der Ruprecht oder Ruppas trägt als besonderen Schmuck eine Maske, an deren Stirn sich ein langes Horn befindet; vielleicht eine Erinnerung an den Teufel, sodaß in dem Spiel tatsächlich der Tod und der Teufel auftreten. Der Ruprecht ist auch hier grob:

Potz Schwefel und potz Pech!
Wie kommen wir alle hier zurecht?
Und wenn das meine Mutter wüßt,
daß ich hier wär, würde sie lachen,
daß ihr der Pelz würde krachen.
Ich will einschlagen die Kreuz und die Quer;
ich will schlagen,
daß man sie muß in Säcken naustragen.

Die Engel weisen ihn zurecht:

Du unverschämter stolzer Tropf,
juckt dir der alte Drachenkopf,
daß du so plötzlich tust fallen ein,
wo Gott und seine lieben Englein sein?

Den Streit endet der heilge Christ:

Einen schön' guten Abend will Gott euch geben,
Gesundheit und ein langes Leben.
Ich bin gekommen zu dieser Frist,
ich bin genannt »der heilige Christ!«
Ich bin vom Himmel auf Erden gekommen
und hab mir das Schauen vorgenommen;
ich will sehen, ob die Kindelein
fromm und fleißig gewesen sein.
Von welchen ich solches hör und vernehm,
die sollen mich finden bequem;
ich will sie erfreuen durch mein Geschenk,
auf daß sie sollen sein mein eingedenk.
Von denen ich aber werd anders hören,
die sollen meinen Zorn verspüren.
Drum, Andreas, du Diener mein,
examinier mir die Kindelein.

Andreas will nicht, die Englein seien besser informiert, doch bekennt er:

Es mangelt nicht an Sünden groß;
die Welt treibt Böses ohn Unterlaß!

Der Erzengel Michael wird noch deutlicher:

An Herren, Frauen und Gesind
sich oftmals großer Mangel findt;
dein göttlich Wort wird sehr veracht',
ein jeder auf sein Vorteil tracht.

Da nimmt der Tod das Wort. Er ist sehr überlegen und temperamentvoll. Seine Worte stehen in unserem Schlußspiel in der Kindermordszene.

Nach ihm kommt Moses:

Ich bin Moses, arm und elend geboren;
ein Mann von Gott bin ich auserkoren.
Ich hab die Kinder Israel geführt
aus dem Diensthaus Pharao,
aus der Fremdlinge Heer
und trocken durch das Rote Meer.
Auf dem Berg Sinai, da schrie ich zu Gott,
da empfing ich die heiligen zehn Gebot,
da schrieb mirs Gott auf zwei steinerne Tafeln,
daß ichs dem Menschengeschlecht hervor sollte tragen.

1. Engel.

Hör an, du Diener Moses von Gott,
sag an, wie lauten die heiligen zehn Gebot!
Wie lautet das erste Gebot?

Moses.

Du sollst auf der ganzen Erden
nur einen einz'gen Gott anbeten.

1. Engel.

Wie lautet das zweite Gebot?

Moses.

Du sollst nicht führen in Unehren
den Namen Gottes mit Fluchen und Schwören.

Jedes Gebot wird durch ein kurzes Reimchen erläutert; zum Teil in recht passender Weise:

Du sollst nicht töten zürniglich,
nicht hassen noch selbst rächen dich.

oder:

Dein Eh' sollst du bewahren rein,
auf daß dein Herz kein andern mein.

Zuletzt fragt der heilge Christ den Tod:

Hör an, du Tod,
haben auch die Leute gehalten die zehn Gebot?

Der unerbittliche Tod sagt unter Beifallsbezeugungen Ruprechts:

Nicht eins, Herr, ich vernein,
sie haben gehalten nicht eins.
Mit dem ersten Gebot
habens getrieben nur Spott;
es ist auch nicht dabei geblieben,
sie haben Abgötterei getrieben.
Zum andern habens geführt in Unehren
den Namen Gottes mit Fluchen und Schwören;
es ist auch nicht dabei geblieben,
sie haben Zauberei getrieben.
Zum dritten habens gesündigt greulich,
haben den Feiertag nicht gehalten heilig,
haben sich lassen den Teufel belehren,
haben nicht einmal auf die Predigt wollen hören.
Zum vierten haben Vater und Mutter nicht wollen ehren,
haben sich kein Bubenstück lassen wehren:
So die Eltern was wider ihre Kinder wollten sagen,
haben sie sie wollen zum Haus nausjagen.
Zum fünften, dem hört, was ich werd weiter sagen:
Sie haben einander gar totgeschlagen;
habens nicht können tun mit den Händen,
habens wollen gleichsam mit der Zunge vollenden.
Zum sechsten habens die Ehe gebrochen.
Ach, Herr, laß nicht ungerochen!
Zum siebenten ist ihnen auch nicht verhohlen:
Sie haben einander Geld und Gut gestohlen;
haben sie's nicht können tun bei der Nacht,
habens mit falschen Artikeln an sich gebracht.

usw. bis zum Schluß,

daß Gott ein eifriger Gott ist,
und alle, die ihn hassen,
wird er nicht ungestraft lassen.

Das betrübt den heiligen Christ:

Ei, das ist böse Mär!
Warum sind wir gekommen her?
Mich reuts, daß wir auf diesem Plan
so schöne Gaben haben schon lan.
Weil sie nun so böse sein,
so wollen wir nach dem Himmel eiln.

Doch fordert er noch den Moses auf, zu examinieren. Dies geschieht, und das Ergebnis ist so, daß Moses den Herrn bittet:

Ach, heilger Christ, sei nicht so hart!
Es ist ja wider deine Art.
Bist du nicht gütig, fromm und mild
und das rechte Liebesbild?
Willst du nun zum Himmel eilen
und die Gaben nicht austeilen?
Die Kinder lassen sich erbitten;
sie wollen lernen bessre Sitten
und sich hinfort zum neuen Jahr
recht richten nach der Eltern Lahr.

Trotz des Protestes Ruprechts gibt der heilge Christ dieser Fürbitte nach:

Wenn sie ferner wollen frömmer sein
und leben nach dem Willen mein,
ich wills versuchen, will wiederkehren,
auch meine Gebote freundlich lehren.
Ihr Kinder dürft euch nicht mehr fürchten;
mein Zorn ist ganz und gar geschlicht',
euch bin ich hold, will euch bescheren
und Gottesfurcht euch selber lehren.

Auch hier schließt der Liedvers: »Heut schleußt er wieder auf die Tür« das Spiel. Der erste Engel spricht aber noch folgenden Epilog:

Gute Nacht, ihr lieben Kindelein!
Gehorchet euren Eltern fein,
so wird das liebe Jesulein
stets euer liebes Brüderlein sein.
Solches hab ich euch zuvor gesagt,
Vater, Mutter, Mädchen und auch Knaben.
Im Namen Gottes, Amen!
Das werde wahr!
Gott geb euch ein gutes neues Jahr!

Mit diesen Worten sind auch die Schatten, die der Tod über das Spiel warf, verscheucht.