Die Sühne

I.

Entglitten waren ihm zum ersten Mal die Zügel,

Zum ersten Male hingen seines Adlers Flügel.

Nur graue Tage. Langsam kehrte er zurück,

In Moskaus Flammenmeer versank des Kaisers Glück.

Es schneite. Und soweit die Ebene sich streckte,

Soweit verschwand sie in dem Schnee, der sie bedeckte.

Kein Banner fliegt und kein Kommandoruf gebeut,

Das große Heer von gestern eine Herde heut.

* *
*

Im Sattel sitzen die Trompeter traumverloren,

Der bleiche Mund ist an die Hörner angefroren,

Granaten, Bomben und Kartätschen sind vereist,

Die Grenadiere wissen jetzt, was zittern heißt.

Mechanisch trotten sie des Wegs, die alten Kerle,

Im grauen Barte glänzt des Eises kalte Perle.

Es schneit, es pfeift der Wind. Barfuß ziehn sie einher,

Auf Glatteis, ohne Brot, den Weg kennt keiner mehr.

Soldaten sind es nicht, nicht Herzen, die empfinden,

Es sind nur Träume, die sich durch den Nebel winden,

Ein Zug von Schatten, matt, verblichen und erschlafft,

Ringsum die Einsamkeit, unendlich, grauenhaft.

* *
*

Der Kaiser sieht die Not, stumm bleibt sein bleicher Mund.

Noch steht der Baum, doch trägt er schon des Fällers Zeichen;

Der Riese, dessen Wipfel keiner konnt erreichen,

Der nie den Hieb der Axt, den Beilschlag nie gekannt,

Er fühlte des Geschicks, des Meisters schwere Hand.

Erschauernd hörte er die dumpfen Hiebe schallen

Und sah rings um den Stamm die Äste niederfallen,

Sie alle sinken hin, ein jeder wird gefällt.

Still schleichen bis zuletzt sie um des Kaisers Zelt,

Um auf der Leinwand seinen Schatten nur zu sehen,

Und wenn sie dort dann die Gestalt, sein Bild erspähen,

Scheint ihnen noch sein Stern. Und all die Pein, das Leid

Ist Majestätsbeleidigung, des Schicksals Neid.

Doch er, den keine Kraft bis dahin übermannte,

Er wandte sich zu Gott, dess’ Zeichen er erkannte.

Daß dieses eine Buße war, das ahnte er,

Doch nicht wofür. Gebeugt frug er und sorgenschwer

Vor den Legionen, die im Schnee begraben waren:

Ist dies die Züchtigung, Gewaltiger der Scharen?

Da hörte seinen Namen er im Dämmerschein,

Und eine Stimme quoll aus Nacht und Dunkel: Nein!

II.

Waterloo, Waterloo! still liegst du jetzt und träumend

Im weiten Kessel, dem die Woge überschäumend

Mit wildem Sprung entquoll! In diesem grünen Tal

Hielt der gefräßige Tod ein fürchterliches Mahl.

* *
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Gemetzel, ein verhängnisschwangrer Tag. Der Mann

Erkannte, daß der Sieg ihm in der Hand zerrann.

Noch stand als allerletzter Rückhalt seine alte

Erprobte Garde unberührt im Hinterhalte.

Vorwärts! rief er, zum Kampf, die ganze Garde vor!

Wie eine Springflut bäumte es sich wild empor.

Dragoner und Lanciers, die Helden aller Zonen,

Die Grenadiere, tapferer als Roms Legionen,

Der Donner und der Blitz im Rohr der Artillerie,

Die letzten Helden von Friedland und Rivoli,

Sie gingen in den Tod, ins sichere Verderben,

Und jubelnd grüßten sie noch ihren Gott vorm Sterben.

Ein einziger Ruf erscholl: Der Kaiser hoch! und dann

Marschierten sie in festem Tritt, Musik voran,

Die ganze Kaisergarde in den Höllenrachen,

Der englischen Kanonen spottete ihr Lachen.

* *
*

Mit einem Mal durchlief Verzweiflung alle Glieder,

Das gräßliche Gespenst schlug Mut und Hoffnung nieder,

Die Bataillone wichen rückwärts, bleich, entsetzt,

Die Fahnen waren ihnen nur noch Lumpen jetzt.

Die blasse Furcht, das Riesenweib mit schwankem Schritte,

Hob das verzerrte Haupt empor in ihrer Mitte,

Die Männerherzen zwang sie plötzlich in den Bann,

Von links, von rechts ein Schrei nur: Rette sich, wer kann!

Zurück! schallt es aus tausend Kehlen. Alle wanken,

Kein Widerstand, kein Halt, es sinken alle Schranken,

Besinnungslos strömt alles hin, das Herz versagt ....

Verdorrte Blätter, die der rauhe Herbststurm jagt!

Im Graben liegen schon die Protzen und Lafetten,

Ein jeder rennt, ein jeder will das Leben retten.

Sie werfen ihre Adler fort, Helm und Gewehr,

Die Veteranen fliehn, die Preußen hinterher.

Verbranntes Stroh im Wind, was einst ein Heer gewesen,

Jetzt flattert es wie Spreu, gefegt von Gottes Besen.

* *
*

Napoleon sah ihren Fall. Die Woge spülte

Geschütz und Roß und Mann und Banner fort. Da fühlte

Er des Gewissens Not, die Schande und die Schmach.

Er beugte sich: Ich bin besiegt, mein Schwert zerbrach,

Mein stolzes Heer entfloh wie vor dem Wolf die Schafe,

Gib Antwort, strenger Gott, ist dieses meine Strafe?

Da drang ein Laut wie Stahl ihm kalt durch Mark und Bein.

Im Donner der Geschütze rief die Stimme: Nein!

III.

Er stürzte. Gott hat für Europa andere Ruten.

Im fernen Meere liegt umwogt von wilden Fluten

Erloschenen Vulkans ein abgesprengter Teil.

Das Schicksal nahm den Hammer, Nägel, Eisen, Seil,

Es packte ihn, den bleichen Räuber seiner Blitze,

Und kettete ihn lachend an des Felsens Spitze.

Es lockte Englands Geier an; in ekler Gier

Zernagte ihm das Herz das widerliche Tier.

Erloschen ist der Sonne märchenhafter Schimmer,

Vom Morgen bis zur Nacht dieselbe Öde immer,

Der Kerker und die Einsamkeit und Schmerz und Weh,

Die Wache an der Tür, am Horizont die See,

Der nackte Fels, das Einerlei, endlose Räume,

Die Segel ziehn vorbei wie hoffnungslose Träume,

Die Woge braust, es pfeift der Wind, er heult und gellt ...

Leb wohl, mein Wappenschild, leb wohl, mein Purpurzelt,

Leb wohl, du Roß, das stolz den Cäsar einst getragen,

Das Diadem zerbrach und keine Trommeln schlagen!

Kein König liegt im Staub und küßt des Mantels Saum

Verzerrten Angesichts ..., vorbei der Kaisertraum!

* *
*

Den Bildern denkt er nach, die aus dem Nebel steigen,

O Ruhm, o Glanz, o leeres Nichts, o ewiges Schweigen!

Der Adler kennt ihn nicht, der seine Schwingen reckt,

Die Könige haben ihm den Kerker abgesteckt,

Entrinnen kann er nie den Blicken seiner Späher.

Und seine Stunde kam. Der Tod rückt immer näher,

Er wuchs in seines Lebens tiefe Nacht hinein

Wie in den Wintertag des bleichen Morgens Schein,

Die Seele fröstelte schon längst auf dunkeln Wegen.

Da eines Tages legt er auf das Bett den Degen

Und flüstert: es ist Zeit! Still hat er sich gestreckt,

Der Mantel von Marengo hat ihn zugedeckt,

All seine Schlachten standen an des Kaisers Bette.

Er aber sprach: Jetzt endlich ist gesprengt die Kette,

Sieg, Sieg, dort fliegt mein Aar, ich sehe ihn, er steigt!

Zum Sterben hatte er das müde Haupt geneigt,

Da sah er durch die Schatten, die auf’s Auge fielen,

Herrn Hudson Lowe über seine Schwelle schielen.

Laut schrie der Riese, den der Könige Fuß zertrat:

Das Maß ist voll, mir ist vergolten, was ich tat,

O Herr, genug des Zorns, laß ab von deinem Grimme.

Ich habe schwer gebüßt! Noch nicht ...! rief eine Stimme.

IV.

Das schwarze Mißgeschick ist wie die Nacht entflohn,

Im Tode stieg der Kaiser wieder auf den Thron.

* *
*

Die Schlacken fielen ab, in hellem Glorienschein

Erstrahlte jetzt sein Bild, von dunkeln Flecken rein.

Des Ruhmes Glanz hat die Gerechtigkeit bestochen,

Verstummt ist sie, sein Urteil hat sie nicht gesprochen,

Arcole lebte nur und Ulm und Austerlitz.

Wie in die Gräber alter Zeit stieß Menschenwitz

In jener großen Jahre tiefen Schutt den Spaten.

Die Völker jubelten, die Zeugen seiner Taten,

So oft darin des Konsuls Marmorbild sich fand,

So oft daraus des Cäsars Erzgestalt erstand.

V.

Es steigt der Ruhm, wenn Helden fallen!

Er hörte in des Grabes Nacht

Das Lied durch alle Lande schallen,

Das ihm Unsterblichkeit gebracht.

Die Erde sprach: Im Sturmeswehen

Ist ihm der Sieg gefolgt, das Glück,

Noch niemals sah vorübergehen

Die Weltgeschichte solch Geschick.

Auf dieses Mannes Sarg der Hügel

Sei höher noch als je getürmt,

Den Erdball leitete sein Zügel,

Den Himmel hat er fast gestürmt.

Bezwungen hat er diese Erde,

Zu eng war ihm der weite Raum,

Daß er des Schicksals Meister werde

Verlangte seiner Seele Traum.

Im Trotz hat er mit allen Sinnen

Sich wider Gottes Schluß gebäumt,

Wenn seinem herrischen Beginnen

Das Ende je zu lang gesäumt.

Er, der mehr als ein Mensch gewesen,

Sprach laut zu Rom: Die Welt war dein,

Du fällst. So hab ich es gelesen

Im Schicksalsbuch. Das Reich ist mein.

Ein Priesterkönig! zwei Idole

In einem, Leuchtturm und Vulkan!

Der Louvre ward zum Kapitole

Und St. Cloud ward zum Vatikan.

Als Cäsar hätte vor dem Volke

Stolz zu Pompejus dieser Mann

Gesagt: Siehst in der Feuerwolke

Mein Schwert Du? trag es mir voran!

In seinen wilden Phantasieen,

In seiner Seele heißem Traum

Sah er Nationen vor sich knieen,

Sie küßten seines Mantels Saum.

Die Räume wollte er, die Zeiten

Im Sturme durcheinander wehn,

Paris durch alle Welten breiten

Und in Paris die Welten sehn.

Er wollte in der Erde Mitten

Errichten seinen hohen Thron,

Zu einem Volk die Menschheit kitten

Wie Cyrus einst in Babylon.

Er wollte in vermeßnem Prahlen

Auf ewig gründen seinen Ruhm,

Jehovah sollte überstrahlen

Des neuen Gottes Heiligtum.

VI.

Er kehrte im Triumph zurück zu Frankreichs Strande,

Der Ozean gab seinen Sarg dem Vaterlande.

Zwölf Jahre lag er dort, erreicht hat er das Ziel,

Geheiligt durch den Tod, geheiligt durchs Exil;

Und alle, die an seiner Gruft vorübergehen,

Sie wähnen dort im Schatten wieder ihn zu sehen,

Im Kaisermantel mit den goldenen Bienen, stumm,

Im hohen Marmordom, und Schweigen rings herum,

Ihn, jenen Mann, dem einst zu eng des Erdballs Weite,

Das Szepter in der Hand, den Degen an der Seite,

Zu Füßen sitzt mit halb geschlossnem Aug der Aar.

So schläft den Todesschlaf der, welcher Cäsar war.

VII.

Des Nachts — im Grabesschweigen herrscht ja immer Nacht —

Ist plötzlich um die Geisterstunde er erwacht.

Seltsame Schatten sieht er durch das Dunkel irren,

Ein schrilles Lachen hört er durch die Halle schwirren,

Er richtet schreckensbleich sich auf in seiner Gruft,

O Grausen ... eine wohlbekannte Stimme ruft:

Steh auf jetzt! Moskau, Waterloo und alle Leiden

St. Helenas, und was Du fühltest, als im Scheiden

Am Sterbebett Du Albions höhnendes Gesicht

Erblicktest, das ist nichts. Jetzt erst naht das Gericht.

Hart klang die Stimme, zischend, schneidend und zersetzend,

Sarkastisch finster war der Ton, ironisch ätzend,

Ein bitteres, scharfes Lachen, eines Halbgotts Hohn.

Sire, sie schleppen Dich aus Deinem Pantheon,

Sire, sie holen von der Säule Dich herunter,

Blick um Dich! Räuberpack, ein widerlicher bunter

Schwarm von Zigeunern, die am Aase sich geletzt,

Die haben Dich, und Du bist ihr Gefangener jetzt.

Sie winden sich um Deines Fußes Erz, die Schlangen!

Stolz wie die Sonne bist Du unter einst gegangen,

Napoleon der Große, in der wilden See,

Jetzt stehst Du auf als Clown im Cirkus Beauharnais.

Sie putzen Dich, Du bist, wenn sie die Leute locken,

Der Große, doch ein Narr, wenn sie zusammenhocken.

Der Degen rasselt auf dem Pflaster laut und scharf,

Die Bande kann ihn auch verschlucken nach Bedarf.

Sie laden alle ein, die vor der Bude stehen:

Hereinspaziert, hier ist ein Kaiserreich zu sehen,

Der Papst ist engagiert ..! Ihr zweifelt? es ist wahr,

Und etwas feines noch, es tritt auch auf der Zar!

Doch der ist ein Sergeant, der Papst ist nur ein Bonze,

Als Extranummer haben wir den Mann von Bronze!

Fould und Magnan sieht man beliebig sich verwandeln,

Und Automaten, die wie ein Senat verhandeln,

Wir sind vom großen Kaiser die berühmten Neffen ...!

Hörst Du das Diebsgesindel schrein, hörst Du sie kläffen?

Der Kaiseradler, der sich in die Lüfte froh

Geschwungen einst, der ist jetzt ausgestopft mit Stroh,

Er, der das Schlachtfeld hat geschaut mit freien Blicken,

Sieht auf dem Jahrmarkt Deinen Thron zusammenflicken.

Sie haben Frankreich ausgeraubt, die feige Brut,

Du siehst ja, ihre Lumpen sind noch voller Blut,

Im Weihekessel wäscht den Trödelkram der Pfaffe,

Du, Löwe, folgst als Knecht, ihr Meister ist der Affe.

Dein Name ist ihr Bett, sie nutzen ihn mit List,

Sie düngen Austerlitz sogar mit ihrem Mist.

Dein Ruhm, Napoleon, ist Wein für ihre Schande,

Den grauen Mantel probt der Häuptling dieser Bande,

Sie sammeln Bettelgroschen in dem kleinen Hut,

Dein stolzes Banner ist zum Tischtuch grade gut.

Und an dem Spieltisch, wo die Gauner alle lauern,

Da säuft das Bettelpack und plündert frech die Bauern;

Du stehst Gevatter bei dem schnöden Beutezug,

Die Hand, die einst bei Lodi die Standarte trug,

Die Blitz und Donner hielt, die Hand, o Bonaparte,

Betrügt beim Würfelspiel und mischt die falsche Karte.

Mit ihnen mußt Du zechen, und sie stoßen dann

Dich höchst gemütlich mit dem Ellenbogen an.

Pietri duzt Deine Majestät, der Jammerlappen,

Herr Maupas darf vertraulich auf den Bauch Dich tappen.

Falschmünzer, Mörder, Schufte, Räuber ... jeder denkt,

Es wird, wie Dir, was er verbrach, ihm nicht geschenkt,

Doch vorher hoffen sie den Becher noch zu leeren,

Poissy trinkt auf St. Helena, um Dich zu ehren!

Ein ewiger Sonntag, Bälle, Feste früh und spät,

Der Pöbel stößt und drängt, der vor dem Cirkus steht.

Du steigst auf das Gerüst, um das die bunte Menge

Sich dreht, sie schreit und johlt im lärmenden Gedränge,

Laut klingelt neben Dir Rouher, der Hampelmann — —

So endet bei Callot, was bei Homer begann,

O welche Epopoe, o welches Schlußkapitel ...!

Troplong, der Hanswurst im gestreiften Narrenkittel,

Ist obenauf. Vor dieser Bude, wo ein Wicht

Den Cäsar spielt mit schlecht gewaschenem Gesicht,

Mit einem Schnurrbart, wie ihn die Banditen tragen,

Mußt Du, Gespenst im Hermelin, die Pauke schlagen!

Die gräßliche Vision verstummte und versank.

Der Kaiser taumelte, ein lauter Angstschrei drang

Aus seiner Brust, der Blick war starr. Verstohlen tauschten

Die Siegesgöttinnen, die an der Pforte lauschten,

Und heimlich Winke aus, da sie ihn zittern sahn.

In blasser Furcht erhob die Hände der Titan,

Dumpf klang sein Stöhnen in den grauen Finsternissen.

Verzweifelnd schrie er auf: Wer bist Du, laß mich’s wissen,

Der Du mir ewig folgst, den nie geschaut mein Blick! —

Ich ....? Dein Verbrechen bin ich, tönte es zurück.

Ein geisterhaftes Licht war ringsum ausgebreitet,

So klar, wie Gott, wenn er den Pfad der Rache schreitet,

Und eine Flammenschrift hob hell sich von der Wand,

Wie einst sie lohend vor Belsazars Auge stand,

Er las sie. Kalt und starr fiel er zurück ins Leere,

Geschrieben stand: Ich bin der achtzehnte Brumaire.