Pastell

Ich liebe euch in den ovalen Rahmen,

Vergilbte Bilder einer fernen Zeit,

Euch, längst verblichne Rosen, und euch, Damen,

Die ihr verwelkt seit hundert Jahren seid.

Die Lilie schwand, die Rose und die Aster

Im Wintersturm, im Regen und im Schnee,

Der Spritzfleck ist jetzt euer Schönheitspflaster,

Verstaubt und rissig liegt ihr auf dem Kai.

Die Erde sah das Reich der Schönen schwinden,

Die Pompadour, sie würde heute kaum

Ergebene Sklaven, Untertanen finden,

In ihrer Gruft schläft sie und dieser Traum.

Doch ihr, vergessene Bilder mit den Blüten,

Aus denen Leben längst und Duft entschwand,

Ihr lächelt! Die Erinnerung wollt ihr hüten

An alles, was einst leuchtend vor euch stand.

Trost

Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen,

Du trügest an demselben Platz,

Wo andere die Herzen tragen,

Nur eine Uhr, mein lieber Schatz.

O nein! Dein junger Busen dehnt sich,

Schwillt wie das Meer zur Zeit der Flut,

Dein junges Herz, es bangt und sehnt sich,

Und feurig kreist dein junges Blut!

Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen,

Der Blick, mit dem du mich entzückst,

Du wüßtest ihn nur aufzuschlagen,

Wenn du auf eine Feder drückst.

O nein! in mancher bangen Stunde

Hab ich die Träne, süße Frau,

Dir fortgeküßt mit heißem Munde,

In dunkeln Wimpern hing der Tau.

Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen,

Mein Kind, dein Köpfchen wäre hohl,

Die Verse, die ich vorgetragen,

Die hieltest du für Sanskrit wohl.

O nein! mit siegessicherer Miene

Blickst du mich an, dein Grübchen lacht ...

Du liebe, süße, kluge Biene,

Wer hat nur solches Zeug erdacht?

Weil du mich liebst, laß dir es sagen,

Verfolgt dich böser Mäuler Neid,

Brauchst mich zum Teufel nur zu jagen,

Dann hast du Herz und bist gescheit!

Die Alten von der alten Garde[2]

Mich hat aus meinem warmen Zimmer

Die Langeweile aufgescheucht,

Es war, wie im Dezember immer,

Im Freien neblig, kalt und feucht.

Ich sah, kaum konnt ich es begreifen,

Wie so etwas passieren mag,

Gespenster durch die Straßen streifen,

Gespenster hier am hellen Tag.

Ist dies die Nacht ruchloser Helden,

Wo unerlöste Seelen stumm,

Wie dies die deutschen Märchen melden,

In alten Türmen gehen um?

Ist dies die Nacht, wo Elfen schwärmen,

Wo sie geheimnisvoll und bleich

Im Totentanze seltsam lärmen

Rings um den traumverlornen Teich?

Ist dies die Nacht, die schaurig helle,

Die Er zur Heerschau ausgewählt,

Wo Er inmitten der Marschälle

Die Schatten der Getreuen zählt?

Doch Geister auf Pariser Gassen,

Zwei Schritt nur von den Varietés,

Wie können die sich sehen lassen

Im Straßenkot, im feuchten Schnee?

Ein Anblick, wahrlich, ein aparter!

Kein Zahn, nur Runzeln im Gesicht,

So zeigt der Boulevard Montmartre

Das tolle Volk im Mittagslicht.

So etwas sang noch nie ein Barde!

Den Tschako schwenkt die kleine Schar ...

Die Uniform der alten Garde,

Dazwischen schleicht auch ein Husar.

Sie kommen langsam angezogen,

Mit müden Schritten, ohne Laut,

Ein jeder kennt die Bilderbogen,

Worauf man diese Alten schaut.

Der Tod gab sie nicht wieder heute,

Kein Trommler hat sie aufgeschreckt,

Es hat nur ein paar alte Leute

Des Kaisers Heimkehr aufgeweckt.

Seit sie die letzten Schlachten schlugen

Nahm dieser zu und jener ab,

Die Kleider, die sie damals trugen,

Sind dem zu weit und dem zu knapp.

Armseliger Trödel, heilige Fetzen,

Ihr Lumpen mit dem roten Band,

In keines Königs reichsten Schätzen

Trifft man ein schöneres Gewand!

Ein Haarbusch, der sich mühsam fristet,

Ein Pallasch mit zerbeultem Griff,

Die Motte hat sich eingenistet

Im Loch, durch das die Kugel pfiff.

Die Hosen schlagen tausend Falten,

Die Sporen fraß beinah der Rost,

Es schlottert mancher dieser Alten

Erbärmlich bei dem harten Frost.

Und wieder andere sieht man keuchen,

In ihren Dolman eingezwängt,

Mit wohlgepflegten dicken Bäuchen,

Die Nähte werden fast gesprengt.

Kein Spott! es wäre jammerschade,

Nehmt eure Hüte in die Hand,

Seht Helden einer Iliade,

Wie kein Homer sie je erfand.

Habt Ehrfurcht! diese Bronzefarbe

Hat aller Zonen Hauch gebeizt,

Die Stirn zeigt manch verharschte Narbe,

Die vieler Jahre Furchen kreuzt.

Ägyptens Wüste, heiß und trocken,

Sie dörrte jenen schwachen Greis,

Dem Rußlands kalte Winterflocken

Die braunen Haare färbten weiß.

Es zittern ihre müden Hände ...

Die Beresina weiß, wovon!

Die Füße hinken ... welch ein Ende

Von Moskau bis nach Lissabon!

Der geht gebückt ... in hundert Nächten

Hielt ihn das Fahnentuch nur warm!

Dem fliegt der Ärmel an der rechten ...

Gewiß, ihm fehlt der rechte Arm!

Drum keinen Spott! laßt sie nur gehen,

Die jeder Bube heut verlacht,

Den Morgen haben sie gesehen,

Wir aber sehen nur die Nacht.

Was ihr verlort, hier blieb’s erhalten!

Die Grenadiere, der Husar,

Seht vor der Säule diese Alten,

Da steht ihr Gott, ragt sein Altar.

Stolz auf das Leid, das sie getragen,

So hören Frankreichs Herz sie jetzt

Laut unter ihren Lumpen schlagen,

Die längst die Zeit zernagt, zerfetzt.

In Tränen wandelt sich das Lachen,

Rings wird es still mit einem Mal,

Entschlafene Zeiten, sie erwachen,

Das ist ein heiliger Carneval.

Und über diesem Maskenzuge

Und über dieser bunten Schar,

Da breitet noch einmal im Fluge

Den Fittich aus der Kaiseraar.


[2] Am 15. Dezember 1840 wurde Napoleons Leiche in Paris beigesetzt. Seitdem zogen alljährlich an diesem Tage die Veteranen der großen Armee nach dem Invalidendom.