Prüfung

Zu Boden ward ich fast geschlagen,

Ward heimgesucht und hart gequält,

Doch meine Seele ward gestählt,

In Leid verjüngt, ich darf nicht klagen.

Ich hab ihn Tag und Nacht geschaut,

Des Menschenlebens tiefen Jammer,

Gefühlt hab ich des Schicksals Hammer,

Jetzt ist mir erst der Schmerz vertraut.

Nicht nur der Schmerz, der in den Wunden

Der Seele haust, gern gönnt er ja

Dem armen Leibe hier und da

Ein Glück von spärlichen Sekunden.

Nein! jener Schmerz, der dumm, brutal

Den Körper schlägt, an dessen Plage

Ich zu erinnern nie mich wage,

Des Tieres ganz gemeine Qual,

Die Pein, die unsere Tage stündlich

Zur gräßlichen Tragödie macht,

Die höhnisch aller Bitten lacht,

Die tief uns packt und unergründlich.

Gesundheit freut sich ihres Seins

Und schert sich nicht um fremde Leiden,

Kaum kann sie Güte unterscheiden

Von Schwäche, beides scheint ihr eins.

Wir pflücken gierig alle Trauben,

Wir folgen stürmisch unserer Lust,

Schlecht sind wir, wir sind’s unbewußt,

Solang wir an das Leben glauben.

Der trotzig lebensfrohe Sinn

Ist Klippe meinem Sein gewesen,

Nun da im Buche ich gelesen

Des Schmerzes, sank mein Stolz dahin.

Des Nächsten Trauer beugt mich nieder,

Ich friere mit dem nackten Kind,

Mich schüttelt jeder leise Wind

Und jedes Leid hallt in mir wieder.

Ich denke an den bleichen Mann,

Der in des Kerkers kalten Schauern

Den Frühling jenseits hoher Mauern

Nur ahnt und ihn nicht sehen kann.

Der Kranken denke ich, sie liegen

Still auf dem Rücken, stumm, in Schweiß,

Indeß die Augen fieberheiß

Durch der Tapete Muster fliegen.

Ich denke des Rekruten, den

Des Abends spät aus der Kaserne

Das Heimweh trägt in weite Ferne,

Dort wo im Dorf die Linden stehn.

Ja selbst der Tiere muß ich denken,

Der Rosse, die die Peitsche treibt,

Die das Geschirr zerdrückt, zerreibt,

Die müde ihre Köpfe senken.

So lastet auf mir jede Not;

Daß fremde Schmerzen mich zerreißen,

Mag Klugheit immer Schwäche heißen.

Doch täglich läßt mich so der Tod

Des eignen Lebens Tiefen sehen;

Ich weiß, daß ich mir Erbe bin

Und daß ich wirklich bin, mein Sinn

Beginnt den Weltgeist zu verstehen.