Das Tännichttal im Tharandter Wald
Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg
Aufnahmen von K. Reymann, Freiberg
Lange hatte während des Krieges und im bösen Jahr darauf mein treues Rad gerastet. Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen Sommermorgens und lockt hinaus, daß ich nicht widerstehen kann.
Hinaus aus den alten Mauern und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied jubelnd zur strahlenden Höhe trägt. Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan mit deinem spitzen Kegeldach, heute treibt’s in die Ferne mich mächtig hinaus. Und ihr Dohlen dort oben, die ihr dort flattert und schwebt, und mit hellem Rufe freudig im Schwarme in dem blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht, heute bin ich selbst ein freier, wilder Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt und tief das Glück eines freien Sonnentages spürt. – Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen, und dort der rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf dunklem, sprudelndem Wasser, die Heimat ist mein, denn meine Seele ist ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber sich meine Seele gibt.
Jenseits geht es steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter dem Fuß und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber. Rötlich blüht schon das Heidekraut in dichten Polstern am Wege. Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen hinab ins tiefe Tal und dort nach den Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breitem Höhenrücken geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. – Hast du Frucht gebracht? – –
Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie Blutstropfen am Straßenrande, und dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und Wirbeln gleich wilden, weißen Rossen über die Felder und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. – Wohl dem, der eine Heimat hat! – Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden, blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied, und taumeln von Kelch zu Kelch. Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor und ich trinke ihn mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein Teppich, wie ein dunkler, purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch die Millionen Blütenköpfe. – O, du Heimatflur! – –
Dort drüben grüßt das grüne Meer des Tharandter Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts, am Bach entlang. Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der Straße geliefert wurde. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch ängstliches hin und her laufen dem allzuraschen gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« – überfahrene Hühner sind immer »Rassehühner« – am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige alte Bäume beschatten den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser hinabschauen und die ganze Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch den leise der Harfenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. –
Auf schmalem Wege über dem Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen die Hänge eingespannt. Doch bald verwehren uns hohe, dichte Hecken den Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, die Gippenhäuser. Eine bleiche Dame sitzt am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:
»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
Hier magst du gesunden,
Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden
Ausheilen in friedsamer Stille.«
Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer Stille! –
Nun tauchen wir ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke ich dir, du deutscher Wald, und deinen stillen Wundern.
»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,
Der schöpft aus keinem andern!
Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet,
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet.
Daß ich wieder singen und jauchzen kann,
Daß alle Lieder geraten,
Verdank ich nur dem Streifen im Tann,
Den stillen Hochwaldpfaden.«
(Scheffel, Aventiure.)
Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen, führt mich in die harzduftige, grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen und leise ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter den Reifen des Rades, welches ich führe.
»Willst du dein Herz mir schenken, so fang’ es heimlich an,« das gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsre Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen leisen Wipfelrauschen wie des Waldes Seele mit uns spricht und ihre Wunder uns offenbart. Dann darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist. Was er dir zeigt und sagt, was er deiner Seele gibt, das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte kund wurdest.
Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden! Die Grillen zirpen ihr heißes Sonnenlied und über den Halmen und den Spitzen der Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, das aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat. Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig sind, sondern wehrlos der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:
»Auch das Schöne muß sterben.
Siehe, da weinen die Götter,
Es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht,
Daß das Vollkommene stirbt.«
Doch wie zum Troste senkt sich der Blick rechts durch Stämme und über schwankende Wipfel hinab in einen Talgrund, der noch wie ein stilles Märchenland des Friedens und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. Das Tännichttal, um dessen Schönheit, Poesie und ungestörten Frieden der Heimatschutz im letzten Augenblick sich mühte und den Weg der Rettung fand. Der Bahnbau war leider unvermeidlich und wurde mit leidlicher Schonung und Anpassung an den Waldabhang gelegt. Daß er, wenn jetzt auch die Wunden noch bluten, mehr und mehr im Laufe der Jahre verschwinden und in das Bild sich einordnen wird, dafür wird der Wald selbst schon sorgen und seine Wunderkraft heilend offenbaren, wenn Flechten und Moose, Heidekraut und Ginster, Gras und Waldkräuter, Birken und schließlich die ragenden Stämme des Hochwaldes sich das Werk des Ingenieurs zu eigen machen. Doch Schlimmeres als der Bahnbau sollte dem Tännichttale geschehen. Steinbrüche sollten angelegt werden, welche Wunde auf Wunde tiefer und tiefer geschlagen hätten und die grünen Hänge zerstört und mit dem Rasseln und Stöhnen, dem Lärmen und Kreischen der Maschinen die selige Waldesstille, die Vögel und das Wild des Waldes vertrieben und diesem lieben Märchenwinkel völlige Vernichtung gebracht hätten. Eine Schwebebahn mit hohen Bockgerüsten sollte das Tal überqueren. Das Rollen und Rütteln der Wagen und Schienen und das Knirschen der Steinbrecher, sowie die ganze lärmende Industriearbeit sollten die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternden Schlag für immer verstummen lassen. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme und Mauern aus den grünen Wipfeln des Waldes emporsteigen, sollten von dem Moloch des Industrialismus gefressen werden!
Abb. 1 Tännichttal
Nicht mehr als alles wäre dadurch dem Tale genommen worden! Doch stolz und freudig darf der Heimatschutz seines Erfolges denken: Diese Gefahr ist gebannt durch seine Bemühungen und die dankbar zu rühmende verständnisvolle Förderung des Finanzministeriums, welches in letzter Stunde die Genehmigung der Steinbruchanlage versagte. Doch wir blicken jetzt mit frohem, innerem Glücksgefühl ins Tännichttal hinab, wie es uns nun erhalten bleiben soll und noch viele stille Wanderer entzücken wird. Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die andern Bäche der Freiberger Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter, rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle rund 500 Meter, an der Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien Lande haben sich im Colmnitzbachtal in der langgestreckten, dem Wasserlaufe folgenden Siedelungsweise des Kolonistendorfes die Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der Schönheit nicht aber besonders dem Nutzen dient. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter dieses Tales mit seinen steilen bewaldeten Abhängen, im Gegensatz zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel ob man von oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen, smaragdnen Märchenwelt, oder ob man von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge steigen rund hundert Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde, und insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die Freiberger Gegend.
Abb. 2 Blick auf die Felsenklippen der Diebskammer vom Tännichttal aus
Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt von Porphyr durchbrochen. Durch dieses harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an der eigenartigen Faltung und Schichtung der Gesteinsformationen, wie einst in ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.
Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirns läßt die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von innerem Feuer durchglutet und wollten zu neuem vulkanischen Leben erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann in unserer Zeit der Volkshochschulen von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. Es ist ein Dienst an der deutschen Seele, wenn der Heimatschutz für diese Werte der deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Das Volk hat ein Recht darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten bleiben, und nicht der Ausbeutung einiger Kapitalisten überlassen werden. Das, was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf niemals Ware, darf niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß unbedingt als Besitz der Allgemeinheit als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.
Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges Naturdenkmal wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat und das Verständnis und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden. Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort geheimnisvoll zu schmücken. Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, der Felsen, wo der große Räuber einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen dieser Räuberburg, die bald wie Blut, bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips-Tullian, den jeder im Freiberger Bezirke kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz von Kauffungen schmachtete, mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden heute noch gezeigt.
Was das Wandern im Thüringer Land so unvergleichlich genußreich und poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, verklären. Sachsen ist nicht reich an solchen Stätten, aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes sein besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Das Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hängt sich dieses Gedenken an eine besondere Örtlichkeit, so erhält diese die Denkmalsweihe. Wie gesund und wie tief hat hier doch das Volk empfunden, daß es hier dem Orte noch diese besondere geheimnisvolle, geistige Denkmalsweihe der Phantasie gab, der durch seine landschaftliche Schönheit und seine wissenschaftliche Bedeutung schon seine Weihe als Naturdenkmal in sich trägt. – Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, der hier vor sechzig und siebzig Jahren jung war, liegt ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen, wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er schreibt:
Abb. 3 Diebskammer im Tännichttal bei Naundorf, Bezirk Freiberg
»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der »Diebskammer« sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine ersten akademischen Semester (1855–1861), in welch’ letzterem Jahre nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines mir befreundeten jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit ersten poetischen (richtiger wohl »gereimten«) Versuchen, übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter vonstatten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seiner Zeit bei den Freiberger allgemeinen Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu aufgesucht.«
O Klang der Jugendromantik und deutscher Träumerei aus diesem Tal heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch durch das Greisenalter tönt! –
Und diese Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch klingen werden, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit einige geschickte Geschäftsleute gute Geschäfte machten, sollten die Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich der Meißel sich hineinfressen in die Talwände, bis alles weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur Freude und Erquickung diente!?
Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese Gefahr gebannt ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in die tiefen Augen und versenken uns ganz in die Stimmung der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und Staub der Welt dort draußen.
»Selig, wer im stillen Lauschen
Einsam hier die Waldrast hält,
Wer beim flüsternd milden Rauschen
Das Getös vergißt der Welt.«
(Scheffel.)
Langsam steigen wir nun die Straße ins Tal hinab. Hier ist es zu schön, um auf dem Rade vorbeizufliegen, hier möchte man weilen und träumen, und warten, ob nicht irgend ein liebliches Wunder geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut.
Abb. 4 Felsen im Tännichttal bei Naundorf
Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm abschließt vom stillen Lande der Poesie?
Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
Im Winde schwankt die Birke,
Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke.
Ein harziges Gedüfte
Durchwogt die warmen Lüfte.
(Scheffel.)
Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der Wiese, und im weichen Dufte dämmern die fernen Abhänge des Tales.
Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd emporsteigend. Wir schreiten weiter am Wiesengrund. Weiß glänzen die Stämme der Birken am Wege, und die Felsen entwickeln sich zu einer langen gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und Kanten nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, der je nach Beleuchtung wechselt, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes, weiches buntgesticktes Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach an unserer Seite, und Birken und Erlen streuen ihren Schatten auf Weg und Wiese und flüstern im weichen Sommerwinde von den alten Geschichten, die hier geschehen. Denn dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der gar vieles erzählen könnte. Er ist aber ein rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen Runen. Was ist da Menschenleid und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen Füßen wächst, Bäume, die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und Löchern hervorkriechen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß niemand sie fassen kann, sondern nur ein unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen alten Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume spiegeln.
»Ich stehe in Waldesschatten
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten,
Der Strom wie ein silbern Band.«
Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
»Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet!«
Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick, und dann fliegt das Rad hinab in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart oder neckischer Laune. Wir sind im Leben draußen, aber unsere Seele weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt, sie wandert noch auf dem silbernen Steg in den Elfenwiesen, an deren Rand die dunklen Fichten Märchen träumen und wo um die Felsen geheimnisvoll die Sage raunt.
Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der Wald im blauen Dufte, dort drüben, das Tal, dort drüben – dort drüben –
»Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus!«
Abb. 5 Blick über Colmnitz nach dem Walde mit dem Tännichttal