Die Vogelwelt unserer Obstalleen
Von Rud. Zimmermann
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Beobachtungen, die ich vor dem Kriege an der von Rochlitz nach dem Rochlitzer Berge führenden, mir von meiner Kindheit an vertrauten und von mir regelmäßig begangenen, in dem hier in Frage kommenden Teile von Obstbäumen bestandenen Staatsstraße über die daselbst nistenden höhlenbrütenden Kleinvögel machte und die dabei einen vorher kaum geahnten Reichtum an solchen ergaben, wurden die Ursache, daß ich in der Folge nicht nur noch schärfer auf die Vogelwelt der genannten Straße achtete, sondern meine Beobachtungen auch auf andere Gegenden ausdehnte und dabei vor allem auch Material zur Frage der Bedeutung unserer Vogelwelt für die Obstalleen zu erlangen versuchte. Im nachfolgenden nun soll über diese Beobachtungen, die in vielfacher Hinsicht recht interessante sind, etwas eingehender berichtet und dieser Bericht zunächst mit einer Schilderung der Verhältnisse an der oben genannten Straße begonnen werden.
Die Staatsstraße Rochlitz–Rochlitzer Berg, in Rochlitz kurzweg die Bergstraße genannt, wird in ihrem ersten, hier nur in Frage kommenden Teil von Feldern begrenzt, während auf eine Strecke von etwa 500 Meter Länge an der einen Seite auch der Wald an sie herantritt, der ihr auch sonst nicht fern bleibt und an den weitesten Stellen kaum viel über 500 Meter von ihr weg liegt. Der regelmäßigen Beobachtung unterstanden in den Jahren 1913 und 1914 eine Strecke von etwa 500 Meter, 1919 und 1920 aber von gegen 1500 Meter Länge, von der ein kleiner, etwa 200 Meter langer Teil von Kirschbäumen gesäumt, der größere aber beiderseits von Apfelbäumen bestanden ist.
An der kleineren, nur apfelbaumbestandenen Straßenstrecke wurden
| 1913 | und | 1914 | |||
| 2 | 1 | Paar | Gartenrotschwänzchen, | ||
| 3 | 5 | " | Kohlmeisen, | ||
| 1 | 2 | " | Blaumeisen, | ||
| 1 | 1 | " | Kleiber, | ||
| 2 | 1 | " | Feldsperlinge sowie | ||
| – | 2 | " | Stare | ||
insgesamt also 9 bzw. 12 Brutpaare einwandfrei festgestellt, von einigen weiteren, zweifellos auch noch genisteten Meisen- und Rotschwanzpaaren die Nisthöhlen aber nicht aufgefunden, während dann in dem größeren Straßengebiet
| 1919 | und | 1920 | |||
| 2 | 5 | Paar | Gartenrotschwänzchen, | ||
| 8 | 4 | " | Kohlmeisen, | ||
| 8 | 5 | " | Blaumeisen, | ||
| 1 | 1 | " | Kleiber, | ||
| 4 | 5 | " | Stare sowie | ||
| 1 | – | " | Grünspechte | ||
insgesamt also 24 bzw. 20 Brutpaare sicher bestätigt und ebenfalls wieder von einigen weiteren (Gartenrotschwanz, Kohl- und Blaumeise, Kleiber und Baumläufer) die Höhlen nicht aufgefunden werden konnten.
Von den 1919 und 1920 beobachteten Brutpaaren entfallen auf die kleinere, 1913 und 1914 unter Beobachtung gestandene Straßenstrecke
| 1919 | und | 1920 | |||
| – | 2 | Paar | Gartenrotschwänzchen, | ||
| 5 | 4 | " | Kohlmeisen, | ||
| 3 | 2 | " | Blaumeisen, | ||
| 1 | 1 | " | Kleiber und | ||
| 4 | 4 | " | Stare | ||
zusammen sonach 13 bzw. 13 Paare, von denen sich 1919 elf, 1920 aber neun Paare auf eine Straßenlänge von nur etwas über 200 Meter verteilten, so daß hier auf etwa 20 Meter Länge bereits ein Brutpaar kam! – Hervorgehoben soll dabei noch werden, daß in den Jahren 1913 und 1914 noch nicht der große Wert auf die Feststellung möglichst aller Nisthöhlen gelegt wurde und daß schließlich im letzten Jahre eine nur noch beschränkte Zeit auf die Beobachtungen verwandt und eine Straßenlänge von gegen 500 Meter überhaupt nicht voll begangen werden konnte.
Mit den von mir in früheren Jahren bereits beobachteten Arten konnten in dem hier geschilderten Straßenbereich an höhlenbrütenden Vögeln bisher der Gartenrotschwanz, die Kohl- und die Blaumeise, einzeln auch die Tannen- und die Sumpfmeise, der Kleiber und der Baumläufer, der Feldsperling, der Star, der große und der kleine Buntspecht sowie der Grünspecht festgestellt werden, zu denen als dreizehnte Art noch die weiße Bachstelze kommt, die vereinzelt in (Halb-)Höhlen der Bäume, regelmäßiger aber in den Straßenunterführungen ihre Nester errichtet, während ich den sonst zwar angetroffenen und an einer Straße in der Nachbarschaft auch brütend beobachteten Wendehals für unser Straßengebiet als Brutvogel einwandfrei noch nicht bestätigen konnte. – Der große Vogelreichtum dieses Straßenbereichs, der mit den hier aufgezählten Arten aber natürlich noch nicht erschöpft ist, sondern sich noch um die Freibrüter erhöht, ist nicht immer ein derartig hoher gewesen. Die Zahl der Höhlenbrüter war früher, als die Straßenbäume noch jünger waren und noch nicht diese Fülle natürlicher Höhlen aufwiesen, die sie heute besitzen, eine weit geringere; sie erhöhte sich erst, als der frühere, alt gewordene Straßenwärter einem jüngeren Manne weichen mußte, der, vogelfreundlich gesinnt, aus eigenem Antriebe auf den Straßenbäumen eine größere Anzahl zum Teil selbstgefertigter Nisthöhlen aufhing und damit sofort, in erster Linie wohl aus dem nahen Walde, zahlreiche Höhlenbrüter nach der Straße zog. Von den ehedem aufgehängten Nistkästen sind in den letzten Jahren allerdings viele ein Opfer ihres Alters geworden, andere von der Straßenjugend, die in ihnen willkommene Ziele für allerlei Wurfübungen erblickte, herabgeworfen worden. An ihre Stelle aber sind mit dem zugenommenen Alter der Straßenbäume eine große Anzahl natürlicher Höhlen getreten, die meistens unauffälliger sind und schon dadurch den in ihnen nistenden Vögeln in der Regel eine meistens weit größere Sicherheit gewähren. Der Gassenjugend wenigstens entgehen sie viel mehr, als wie die aufgehängten künstlichen Höhlen, an denen ich früher einige Male Buben beim Zerstören von Gelegen oder Bruten überrascht habe.
Abb. 1 Star vor der Nisthöhle
Abb. 2 Kohlmeise vor der Nisthöhle (der gleichen, wie in Abb. 1)
Eine Anzahl der hier beobachteten natürlichen Höhlen erfüllt ihren Zweck schon seit Jahren. So war die eine derselben (Abb. 1 und 2), die etwas ungewöhnlicher Natur und recht wenig wettergeschützt war, weil die Eingangsöffnung direkt von oben hineinführte, 1913–1915 von Kohlmeisen und während der Kriegsjahre 1916–1918, in denen ich die Beobachtungen allerdings nicht persönlich machen konnte, ebenfalls wieder von Kohlmeisen und einmal auch von Gartenrotschwänzchen bewohnt gewesen, bis dann 1919 und 1920 Stare sie sich als Niststätte erkoren hatten. Eine andere, vom Buntspecht angelegte und mehrere Jahre von diesen bewohnt gewesene Höhle hatte sich 1914 ein Kleiberpaar als Wohnung eingerichtet, eine Art, die auch 1919 und 1920 wieder in ihr brütend festgestellt werden konnte. In einer dritten, in der 1913 ein Feldsperlingspaar genistet hatte, dessen Besitzrechte im folgenden Jahre auf ein Blaumeisenpärchen überging, wurden 1919 und 1920 wiederum Blaumeisen beobachtet. Auch eine etwas eigenartige Nisthöhle unter einem Wegweiser, die durch die Überwallung des letzteren durch den stärker gewordenen Stamm, an dem er befestigt, entstanden ist, hat Jahre hindurch Nistzwecken gedient. Im Jahre 1914 stellte ich in ihr zum ersten Male Blaumeisen fest und fand die gleiche Art – nachdem ich während des Krieges ja nur selten und dann immer auch nur flüchtig während des rasch vorübergehenden Urlaubes beobachten konnte – dann 1919 von neuem als Bewohner der Höhle. Ebenso sollen, wie mir nachträglich ein für unsere Vogelwelt interessierter Herr mitgeteilt hat, auch während des Krieges Blaumeisen in ihr genistet haben, so daß im Hinblick auf die ungewöhnliche Art der Nisthöhle vielleicht der Schluß auf das gleiche oder Vögel des gleichen Paares nicht ganz unwahrscheinlich erscheint.
Abb. 3 Weiblicher Gartenrotschwanz vor der Nisthöhle
Abb. 4 Männlicher Gartenrotschwanz in der Nisthöhle
Eine auffallende, namentlich 1913 und 1914 sich ganz besonders stark aufdrängende Erscheinung war die Bevorzugung der weniger wettergeschützten Höhlen gegenüber den für Brutzwecke scheinbar geeigneteren natürlichen oder künstlichen Höhlen. Ich habe darüber früher schon an anderer Stelle berichtet[1] und auch neuerdings die Frage im Zusammenhange mit meinen anderen hier gemachten Beobachtungen nochmals angeschnitten[2]. Auf die eine dieser theoriewidrigen Höhlen (»Der Vogel bezieht nur vor Wind und Wetter geschützte Höhlen«) habe ich oben schon hingewiesen; es ist die in den Abbildungen 1 und 2 wiedergegebene, die von 1913 bis 1920 alljährlich Bewohner gehabt hat, trotzdem die ziemlich weite Eingangsöffnung direkt von oben in das Innere führte und daher dem Regen ungehindert den Zutritt gestattete. Einige scheinbar viel günstigere, aber unbesetzt gebliebene Höhlen befanden sich dabei auf Bäumen in der unmittelbarsten Nachbarschaft. Eine zweite dieser Höhlen, gleichfalls wieder mit dem Eingang von oben, von der ich bereits eine Aufnahme im VI. Bande, Seite 69, dieser Mitteilungen veröffentlichen konnte, diente 1913 einer dreizehnköpfigen Blaumeisenbrut als Kinderwiege, war dann 1914 von Kohlmeisen bewohnt und soll 1915 ebenfalls wieder Kohlmeisen als Bewohner gehabt haben. Auch hier befanden sich wettergeschütztere Höhlen in unmittelbarster Nachbarschaft. Eine dritte endlich – aus der Zahl der vorhandenen Beispiele nur noch dieses eine angeführt –, die unsere Aufnahmen 4 und 5 wiedergeben, und deren ungewöhnlich weiter Eingang nach Nordwesten gerichtet, also der Wetterseite zugekehrt war, war 1913 von einem Rotschwanzpaar bewohnt und wurde als Bruthöhle auch 1920 wieder von einem Pärchen der gleichen Art benutzt, nachdem durch ein weiteres Ausfaulen des Baumes neben der damals schon weiten Eingangsöffnung inzwischen noch eine zweite, gleichgroße entstanden war, wodurch die Wettersicherheit der Höhle eine noch geringere geworden war. Scheinbar günstigere Höhlen befanden sich auch in diesem Falle wieder in unmittelbarster Nähe. – Die Frage, warum die Vögel gerade diese weniger geschützten Höhlen den nach unseren Begriffen geschützteren vorzogen, fast, als ob sie uns damit auf das nachdrücklichste das Unzulängliche und Gezwungene aller von Menschen aufgestellten Gesetze vor Augen führen wollten, ist schwer zu entscheiden. Ob vielleicht, wie ich das an anderer Stelle ausführe, die Vögel einer an sich geräumigeren Höhle, selbst wenn diese weniger geschützt ist, den Vorzug vor einer engeren, sonst aber wettergeschützten geben? Und ob nicht vielleicht das Innere unserer künstlichen Meisenhöhlen für eine größere Brut – man denke nur an die oben erwähnte dreizehnköpfige Blaumeisenschar! – manchesmal etwas knapp sein mag? Ich lasse diese Fragen hier unerörtert, möchte aber wenigstens durch ihre Erwähnung Vogelfreunde zu weiteren Beobachtungen in dieser Richtung anregen. –
[1] Ornithologische Monatsschrift 1916, S. 356 fl.
[2] Ornithologische Monatsschrift 1921, S. 13 fl.
Abb. 5 Kohlmeise vor der Nisthöhle
Abb. 6 Blaumeise vor der Nisthöhle
Ist der hier geschilderte, ungewöhnlich groß erscheinende Vogelreichtum nur dem der Beobachtung unterworfen gewesenen Straßengebiet eigen, vielleicht, weil hier ganz besonders günstige Umstände ihn beeinflussen, oder können wir ihn ähnlich reich auch anderwärts beobachten? Ich glaube diese Frage bejahen zu können, sobald es sich um obstbaumbestandene Straßen handelt, die alte, höhlenbergende Bäume aufweisen. Bereits früher konnte ich in Westsachsen in der Frohburg-Kohrener Gegend schon bei nur flüchtiger Begehung auf oft recht kurzen Straßenlängen höhlenbrütende Kleinvögel: neben dem Gartenrotschwanz vor allem Kohl- und Blaumeisen und etwas vereinzelter den Baumläufer, in Mengen feststellen, die einen Schluß auf einen ähnlichen Reichtum, wie ich ihn an der Rochlitzer Bergstraße beobachten konnte, durchaus begründet erscheinen lassen. Und 1919 hatte ich dann wieder Gelegenheit, einmal in der Altenhainer Gegend bei Wurzen, wo ich auch den schmucken Trauerfliegenfänger als einen in Obstbäumen nistenden »Straßenvogel« feststellen konnte, und zum anderen in der Oberlausitz zwischen Kamenz und Königswartha den Rochlitzern ganz ähnliche Verhältnisse festzustellen. Der Reichtum einer obstbaumbestandenen Straße an höhlenbrütenden Kleinvögeln ist wohl überall noch ein ähnlich großer, wenn in älteren, höhlenreichen Straßenbäumen oder in aufgehängten Nistkästen nur die Bedingungen zur Entfaltung eines reicheren Vogellebens gegeben sind. Am ärmsten an einem eigenen Vogelleben bleiben nach meinen Erfahrungen die Kirschalleen, wahrscheinlich, weil diese weniger Kostgänger aus der Insektenwelt besitzen, als wie dies mit Apfel- und anderen Obstalleen der Fall ist. Der Einfluß eines angrenzenden oder nahegelegenen Waldes äußert sich, soweit ich darüber Beobachtungen anstellen konnte, nur in einer Erhöhung der Artenzahl, indem dann einzelne, sonst waldbewohnende Höhlenbrüter den Alleen zuziehen, scheint dagegen aber auf die Stückzahl, die auch in waldfernen Alleen eine große sein kann, sobald in diesen die schon erwähnten Bedingungen im Vorhandensein reicher Nistgelegenheiten gegeben sind, von nur untergeordneter Bedeutung zu sein. –
Besonderen Wert legte ich bei meinen Beobachtungen auf die Feststellung der Nahrungsquellen der in unseren Obstalleen nistenden Höhlenbrüter und damit auch auf die Frage ihrer Bedeutung für diese letzteren überhaupt. Ich konnte derartige Beobachtungen vor allem an der Rochlitzer Bergstraße in weitgehendstem Maße machen, weil ich hier – besonders in den Jahren 1913, 1914 und 1919 – für photographische Aufnahmen oft tagelang ansaß und dabei manches einzelne Brutpaar viele Stunden hindurch, oft auch mit dazwischen liegenden mehrtägigen Pausen, unter den Augen hatte. Ihren Nahrungsbedarf deckten die Vögel teils in der Allee selbst, teils aber auch im näheren oder ferneren Walde, wobei die verschiedensten Arten aber auch ein recht verschiedenes Verhalten zeigten. In jenem Teile des Beobachtungsgebietes, in dem die Straße von Kirschbäumen bestanden war und an dem beiderseits der Wald bis auf Entfernungen von 50 Meter an die Straße herantrat, bevorzugten die hier nistenden Arten als Nahrungsquelle allerdings fast ausschließlich den Wald und nur ausnahmsweise einmal suchte ein 1919 hier genistetes Blaumeisenpärchen einen der Alleebäume nach Insektenkost ab. Die so große Nähe des Waldes und dessen zweifellos bedeutenderer Nahrungsreichtum äußerten eben ihre Wirkungen, wozu dann auch noch das schon erwähnte geringere Insektenleben auf Kirschbäumen kommen mochte.
In den übrigen Teilen des Beobachtungsgebietes waren es zunächst die Meisen und unter diesen wieder ganz besonders die Blaumeisen, die ihren Nahrungsbedarf in erster Linie in der Allee selbst deckten, und nur dort, wo der Wald in größerer Nähe war oder gar an die Straße selbst herantrat, häufiger und wohl selbst einmal auch in überwiegendem Maße in diesem die Nahrung suchten. Dabei ließ sich wiederholt mit aller Deutlichkeit feststellen, daß sie zu Beginn der Jungenpflege zunächst die Straßenbäume bevorzugten und den Wald als Nahrungsquelle erst in Anspruch nahmen, als mit dem fortgeschritteneren Wachstum der Jungen auch deren Nahrungsbedarf ein größerer geworden war und die bisher fleißig abgesuchten Straßenbäume anscheinend nicht mehr in der Lage waren, ihn restlos zu decken. In den verschiedenen Jahren traten darin auch mehr oder weniger deutliche Abweichungen ein, die wahrscheinlich auf einen wechselnden Insektenreichtum der Straßenbäume zurückzuführen sind. Nur im Walde, die wenigen Fälle, in denen er auch einmal auf Alleebäumen zu Gaste ging, ändern an dem Bilde nichts, sammelte der Kleiber die Nahrung, wobei er freie Feldflächen von 100–500 Meter überflog. Im Gegensatz zu ihm schien dagegen wieder der Baumläufer den Obstbäumen an der Straße den Vorzug zu geben; bei den allerdings etwas spärlichen Beobachtungen 1919 an der Rochlitzer Bergstraße, die aber durch ähnliche in Westsachsen und in der Oberlausitz ergänzt werden, sah ich unsere Art nur Alleebäume absuchen, nie aber auch einmal das freie Feld in der Richtung des Waldes überfliegen. Ebenso entnahm auch der Gartenrotschwanz seinen Nahrungsbedarf in erster Linie den Straßenbäumen und verlegte die Jagdgefilde erst dann in den Wald, als ihm die Straßenbäume nicht mehr die nötigen Nahrungsmengen zu liefern im Stande zu sein schienen. Darauf deutet ganz besonders die 1913 gemachte Beobachtung eines Pärchens, das zunächst auf den der Bruthöhle am nächsten gelegenen Bäumen die Nahrung sammelte, dann sein Jagdgebiet immer mehr auch auf die entfernteren ausdehnte und schließlich kurz vor dem Flüggewerden der Jungen fast nur noch im Walde die Nahrung suchte. Eine überaus große insektenvertilgende Tätigkeit entfaltete auch der sonst so lästige Feldsperling, dessen zur Brutzeit hier erlangte Bedeutung in der Lage ist, einen Teil seiner sonstigen Untugenden aufzuheben. Ich sah ihn ausschließlich die Nahrung auf den Straßenbäumen einsammeln und ihn dabei eine Tätigkeit entfalten, die kaum der emsiger Meisen nachstand. Mehr als die anderen Vogelarten berücksichtigte er dabei die unmittelbarste Umgebung des Nistortes und sammelte auf deren Bäumen die Nahrung für seine Brut. Nie sah ich ihn das freie Feld nach dem Walde zu überfliegen, und nie auch andere, als tierische Nahrung herbeibringen. Im Gegensatz zu ihm deckte der Star seinen Nahrungsbedarf ausschließlich im Walde – das gelegentliche Zugastegehen auch auf einem Obstbaum ist kaum der Erwähnung wert –, und überflog dabei das freie Feld auf meistens recht weite Entfernungen. – Zusammenfassend, möchte ich inbezug auf die Insektenvertilgung in den Obstalleen durch deren höhlenbrütende Gäste den Meisen, die ja auch die häufigsten und regelmäßigsten Bewohner sind, die größte Bedeutung zusprechen und ihnen den meistens ja gleichfalls häufigen Gartenrotschwanz an die Seite stellen. Auch der Baumläufer wird überall dort, wo er sich als Brutvogel häufiger einstellt, eine hinter den Meisen kaum zurückbleibende Tätigkeit zu entfalten in der Lage sein. Des Feldsperlings Bedeutung endlich, die ihm in der Zeit der Jungenpflege wenigstens ohne Zweifel zukommt, vermag, wie schon gesagt, manche seiner sonstigen Untugenden abzuschwächen, dürfte aber kaum genügen, alle seine vielen Schwächen ganz auszugleichen.
Abb. 7 Haubenmeise vor der Nisthöhle
Äußert sich die insektenvertilgende Tätigkeit der hier erwähnten höhlenbrütenden Straßenvögel nun aber auch in einer praktisch ins Gewicht fallenden Weise? Ich glaube diese Frage, die ich aber nur ungern stelle, weil mir die Verknüpfung von Vogelschutz und Nützlichkeitsstandpunkt im allgemeinen wenig sympathisch ist, ohne die wir aber nicht auskommen können, wenn wir der großen Masse den Vogelschutz begreiflich machen wollen, entschieden bejahen zu müssen. In der von meinen Knabenjahren an bis in das späte Jünglingsalter hinein fallenden Zeit, in der an der Rochlitzer Bergstraße die Zahl der hier nistenden Höhlenbrüter eine nur kleine war, war auch das Insektenleben der Bäume ein viel größeres. Wenn der Straßenwärter die Allee mit der Baumschere durchgegangen war, lagen die herausgeschnittenen Raupennester zu Tausenden am Boden. Dieser Reichtum an Insekten – es handelt sich dabei ja auch vorwiegend um schädliche Arten, die ohne allen Zweifel den Obstertrag gemindert hätten –, ließ aber sofort nach, als mit dem Aufhängen von Nistkästen die Wirkungen dieser Maßregel in einer größeren Zahl der die Straße bewohnenden Vögel sich äußerten, und die Menge der Raupennester, die heute noch von dem Wärter der Straße entfernt werden muß, bildet nur noch einen verschwindend kleinen Bruchteil der früher beseitigten. Es ist das eine Erscheinung, die nicht etwa nur von mir beobachtet worden, sondern auch anderen schon aufgefallen ist und die ganz besonders der die Straße betreuende Wärter empfindet. Eins verdient dabei noch Beachtung, nämlich der geringe Einfluß, den die Vogelwelt des an die Straße angrenzenden oder doch in ihrer Nähe bleibenden Waldes auf das Insektenleben der letzteren auszuüben scheint. Wäre er ein größerer, so hätte er sich ja damals schon anders äußern müssen, als infolge der geringeren Zahl der Straßenvögel der Insektenreichtum der Allee ein noch größerer war. Es ergibt sich aus dieser Erscheinung daher wohl auch die für den praktischen Vogelschutz recht beachtenswerte Folgerung, daß zu einer wirksamen Bekämpfung der Schädlinge in Obstalleen durch die Vogelwelt auch in vogelreichen Gegenden es unbedingt der Heranziehung eines den Alleen selbst eigenen Vogellebens bedarf. Möchten daher die Besitzer von Obstalleen – als solche kommen in erster Linie ja wohl der Staat und die verschiedenen Ortsgemeinden in Frage – diesem Umstande künftig auch Rechnung tragen und einmal durch das Aufhängen von Nistkästen, zum anderen aber durch die Duldung einzelner alter, höhlenreicher Bäume, die Vogelwelt dieser Alleen nach Möglichkeit zu vermehren trachten. Die darauf verwandten Kosten werden ja bald in einer Verminderung derjenigen für die Schädlingsbekämpfung auf der einen, in einer Erhöhung des Obstertrages aber auf der anderen Seite ihre Wirkungen zeigen. –
Meine Ausführungen beschließe ich mit einer Liste der von mir bisher festgestellten höhlenbrütenden Alleevögel und füge dabei den einzelnen Arten noch die Ergebnisse meiner bisherigen Feststellungen bei.
1. Gartenrotschwanz. – Verbreiteter und neben der Kohl- und der Blaumeise vielfach auch häufigster Alleevogel, der – den eingehenderen Rochlitzer Beobachtungen stehen noch solche aus Westsachsen und der Lausitz zur Seite – zur Zeit der Jungenpflege in den von ihm bewohnten Alleen eine überaus nützliche Tätigkeit entfaltet und selbst beim Vorhandensein reicherer Nahrungsquellen, wie sie ihm etwa ein naher Wald darbietet, den Nahrungsbedarf in erster Linie den Straßenbäumen selbst entnimmt. Wenn Hennicke (Handbuch des Vogelschutzes, S. 122) unsere Art als wirtschaftlich bedeutungslos bezeichnet, so bedarf diese Behauptung in Fällen, wie wir sie in unseren obigen Darlegungen kennen gelernt haben, doch zweifellos einer entsprechenden Richtigstellung.
2. Kohl- und 3. Blaumeise. – Die beiden häufigsten und wohl nirgends fehlenden Alleevögel überhaupt, die eine besonders nützliche Tätigkeit entfalten und noch wesentlich an Bedeutung gewinnen, weil sie in vielen, vielleicht gar in den meisten Fällen mit ihren Bruten in dem Straßengebiet verbleiben, wenn andere hier genistete Arten andere Tummelplätze aufgesucht haben. – Es sei hier noch kurz auf die Rörigschen Untersuchungen über den Nahrungsbedarf unserer insektenfressenden Kleinvögel[3] verwiesen, nach denen beispielsweise ein Kohlmeisenpaar mit seiner Nachkommenschaft eines Jahres jährlich mindestens anderthalb Zentner Insekten als Nahrung verbraucht, um auch weiteren Kreisen ganz besonders nachdrücklich den hohen Wert dieser Vögel vor Augen zu führen.
[3] Arbeiten a. d. Biol. Anst. f. Land- u. Forstwirtschaft, Berlin. IV. Bd., Heft 1.
Abb. 8 Kleiber vor der Nisthöhle
4. Tannen-, 5. Sumpf- und 6. Haubenmeise. – Nur in der Nähe des Waldes und auch dann in der Regel sich nur vereinzelt einstellende Brutvögel, die zur Brutzeit in den von ihnen bewohnten Alleen eine zwar nicht minder große insektenvertilgende Tätigkeit wie ihre beiden vorgenannten Verwandten entfalten, aber nach Aufzucht ihrer Jungen wieder den Wald aufsuchen und die Alleen dann erst wieder vorübergehend zur Strichzeit besuchen.
7. Kleiber. – Ebenfalls wohl nur in der Nähe von Wald in den Obstalleen sich einstellender Brutvogel, der seinen Nahrungsbedarf aber weniger in diesen selbst, sondern mehr im Walde decken dürfte, aber eine größere Bedeutung für die Alleen im Herbst und Winter erlangt, wo er sie öfters zum Zwecke der Nahrungssuche besucht.
8. Baumläufer. – Ein zwar verbreiteter, an Zahl aber wohl immer hinter Kohl- und Blaumeise zurückstehender Alleevogel, dessen Tätigkeit der der Meisen aber kaum nachstehen dürfte und der wie diese auch nach Beendigung des Brutgeschäfts noch in den Alleen angetroffen wird.
9. Weiße Bachstelze. – Verbreiteter, hier und da in Halbhöhlen der Bäume, häufiger aber unter Straßenunterführungen usw. nistender Vogel, dessen Tätigkeit infolge der Art seiner Nahrungsaufnahme für die von ihm bewohnten Straßen aber von keiner Bedeutung ist.
Abb. 9 Wendehals vor der Nisthöhle
Abb. 10 Großer Buntspecht vor der Nisthöhle
10. Feldsperling. – Ein ebenfalls häufiger Alleevogel, dessen sonst überwiegend schädliche Tätigkeit zur Brutzeit für die von ihm bewohnten Alleen zu einer recht nützlichen werden kann.
11. Star. – Ein zwar verbreiteter, nach meinen Erfahrungen aber doch mehr örtlich als Alleebewohner auftretender Vogel, dessen Bedeutung für die Alleen aber nur eine geringere sein dürfte, da er seinen Nahrungsbedarf – den oben wiedergegebenen Beobachtungen an der Rochlitzer Bergstraße stehen Erfahrungen auch von anderen Orten zur Seite – nicht in den von ihn bewohnten Alleen, sondern an Stellen in der Nachbarschaft deckt.
12. Grauer Fliegenfänger. – Mehr gelegentlich sich einstellender, Halbhöhlen beziehender Alleevogel.
13. Trauerfliegenfänger. – Gleich dem vorigen wohl auch nur mehr gelegentlicher in der Nähe von Laub- oder laubholzreichem Mischwald sich einstellender Alleevogel.
14. Großer Buntspecht. – In der Nähe von Wald einzeln sich einstellender Alleevogel, der für die von ihm bewohnten Alleen aber ohne größere wirtschaftliche Bedeutung ist, durch seine Höhlen aber für die Kleinvögel Nistgelegenheiten schafft. Neben ihm mag sich hier und da der von mir als Alleevogel allerdings noch nicht beobachtete Mittlere Buntspecht in dieser Eigenschaft einfinden.
15. Kleiner Buntspecht. – Von größerer Bedeutung als seine beiden eben genannten Vettern wird für die von ihm bewohnten Alleen der Kleine Buntspecht, der meisenähnlich vor allem die Bäume in der Nachbarschaft seiner Bruthöhle absucht und, sein Wesen auch nach der Brutzeit hier noch treibend, besonders winters über die von Insekten angegangenen Knospen ausklaubt.
16. Grünspecht. – In der Nähe von Wald hin und wieder sich einstellender Alleevogel ohne größere Bedeutung für sein Wohngebiet.
17. Wendehals. – Ein zwar häufig in Obstalleen sich einstellender, für diese aber, da er die Nahrung zu einem großen Teil am Boden einsammelt – bei einem Pärchen beobachtete ich ausschließlich diese Art der Nahrungssuche – wirtschaftlich nicht bedeutender Brutvogel. –
Nachdem in der vorstehenden Zusammenstellung vorwiegend die wirtschaftliche Bedeutung unserer Alleevögel betont worden ist, sei wenigstens am Schlusse kurz auch noch auf ihre ideellen, der wirtschaftlichen Bedeutung durchaus nicht nachstehenden Werte hingewiesen. Unsere Vogelwelt vor allem ist es ja, die in das mitunter große Einerlei vieler unserer Straßen erst den belebenden Ton trägt, und sie wird das in einer um so größeren Weise tun, je artenreicher und mannigfaltiger sie sich hier entfalten kann. Darum wollen wir uns auch über die Anwesenheit der Arten freuen, deren wirtschaftliche Bedeutung hinter der der anderen zurückbleibt.