Der Einfluß der Gesteinsindustrie auf das Naturleben des Rochlitzer Berges
Von Rud. Zimmermann
Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers
Nur selten wohl wird sich der Verfechter des Heimatschutzgedankens mit einem Steinbruchsbetrieb in einer landschaftlich schönen Gegend abfinden können. Denn allzu häufig nur – ich erinnere bloß an die Zerstörungen des Siebengebirges durch die Steinbruchsindustrie und die ganz ähnlichen Erscheinungen auch in unserem schönen Elbsandsteingebirge – werden durch ihn unersetzliche Schönheitswerte vernichtet, hervorragende Landschaftsbilder für ewige Zeiten zerstört. Ganz anders dagegen liegen die Verhältnisse in bezug auf die Gesteinsindustrie des vielbesuchten Rochlitzer Berges, die zwar auch stark verändernd auf dessen Bild eingewirkt und zweifellos gleichfalls manche Schönheitswerte zerstört, aber in noch größerem Maße solche auch wieder geschaffen hat. Der Besucher des Rochlitzer Berges, der auf schattigen Waldwegen von Rochlitz oder Wechselburg kommend und aus dem Waldesdunkel tretend, plötzlich vor den mächtigen, gipfelumsäumenden Tuffbrüchen steht, wird von dem Bild, das sich ihm darbietet, ganz eigen berührt sein. Und der tiefe Eindruck, den die Steinbrüche auf ihn machen werden und den er auch mit sich fort nehmen wird, wenn er seine Schritte wieder talwärts lenkt, wird ein noch größerer sein, wenn er gar noch von der Zinne des Friedrich-August-Turmes, durch den treue Sachsenliebe einst das Gedächtnis eines seiner naturliebendsten und naturverständigsten Fürsten ehrte, die Blicke über den weiten Bergwald, zu dessen wechselvoll abgetöntem Grün das helle Rot der in den Wald gebetteten Steinbrüche eine so eigenartige Gegenwirkung bildet, zu den blauumdunsteten Höhen in der Ferne schweifen läßt.
Aus den Rochlitzer Steinbrüchen:
Abb. 1 Blick auf die senkrecht emporsteigenden Gesteinswände
Die Geschlossenheit des den Rochlitzer Berg bedeckenden Waldes, dessen einst so schöne Misch- und alten Buchenbestände heute allerdings zum größten Teil nur noch der Vergangenheit angehören, hat durch den Steinbruchsbetrieb eine nicht wegzuleugnende Einbuße erlitten, und das Urteil des Forstmannes, der die Verhältnisse vielleicht nur einseitig vom rein forstwirtschaftlichen Standpunkt aus werten wollte, würde sich daher auch nicht immer mit dem unseren decken. Dem rein forstlichen Verlust aber steht ein ungleich höherer Gewinn in dem Wechsel entgegen, den die Steinbrüche in ein zwar an sich schon hervorragend schönes, durch diesen Wechsel aber noch wesentlich gewinnendes Landschaftsbild tragen. Die Steinbrüche des Rochlitzer Berges sind nicht, wie das so vielfach der Fall ist, an den Hängen des Berges angelegt, um diese zu entblößen und sie ihres belebenden Pflanzenschmuckes zu berauben, sondern sie gruppieren sich größtenteils wie ein Kranz um den Gipfel des Berges und sind von hier aus in die Tiefe getrieben. Die dabei entstandenen senkrechten, oft zu ganz beträchtlichen Höhen emporragenden Wände, deren lichtes Rot durch angesiedelte Algen von gelben und grauen Farbflecken übertupft erscheint und in dessen prächtige Farbenwirkungen oft auch noch auf schmalen Felsleisten angesiedelte grün-goldene Moose und andere Pflanzen weitere wechselnde Töne tragen, sind von einer ganz eigenen Wirkung. Wo dazu noch an abgebauten Stellen der Boden sich mit einer neuen Pflanzendecke überkleidet hat und auf raumengen Felsvorsprüngen niedrige, aber derbe Kiefern sich angesiedelt haben, entstehen Bilder von ganz besonderer Schönheit und seltenen Reizen.
Aus den Rochlitzer Steinbrüchen:
Abb. 2 Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen Stelle
Die Wiederbesiedelung der abgebauten Stellen durch die Pflanzenwelt erfolgt meistens ungewöhnlich rasch. Wo der kahle, rote Fels zutage liegt und kaum einer Pflanze die Bedingungen zu einem gedeihlichen Leben zu bieten scheint, entwickelt sich innerhalb weniger Jahre bereits wieder eine Vegetation, die zwar keine besonders artenreiche, dafür aber meistens eine um so interessantere ist, weil sie neben ihrer Ursprünglichkeit uns vielfach in hervorragendem Maße Blicke in den Kampf tun läßt, den auch die Pflanze um ihr Dasein führt, und uns die Zähigkeit zeigt, mit der sie dabei um ihr Leben ringt. Wo die Winde in kaum zentimetertiefen Unebenheiten des Felsens nur eine Spur von Erdreich angeweht haben, siedeln sich bescheidene Moose und Flechten an, oder es keimen aus windangewehtem Samen Gräser und andere Blütenpflanzen. So das in seiner Schlichtheit so schöne Gänseblümchen (Bellis perennis), Habichtskräuter u. a. m., die ja in der Rosettenbildung ihrer dem Boden sich eng anschmiegenden, dachziegelartig übereinanderliegenden Blätter eine ebenso einfache, wie überzeugend wirkende Einrichtung gegen jede übermäßige Wasserabgabe besitzen und durch sie außerdem noch der raschen Austrocknung des kärglichen Bodens entgegenarbeiten. Das bedürfnislose Heidekraut (Calluna vulgaris) ergreift gleichfalls Besitz vom neuentstandenen Boden und mit ihm stellen sich hier und da auch einige bescheidene Heidelbeerpflänzchen ein. Von Bäumen sind es neben Aspen und Salweiden die mit den dürftigsten Verhältnissen vorliebnehmenden Kiefern und Birken, denen das wenige lockere Erdreich schon Nahrung gibt und die ihre Wurzeln zunächst ganz flach, aber weit an der Oberfläche des Felsens entlang senden, bis sie auf Risse und Spalten im Gestein stoßen, in die sie sich dann tief hinabsenken und den heranwachsenden Baum oft fester verankern als auf tiefgründigerem Waldboden. Dort, wo bereits während des Abbaues sich Schutt angesammelt hat, ist das Pflanzenleben ein reicheres. Unter anderen Arten finden wir hier die würzige Walderdbeere, während Brombeere und Himbeere oft dichte, der Kleinvogelwelt Unterschlupf und Nistgelegenheiten bietende Hecken bilden. Das Weidenröschen läßt im August weithin seine Blüten leuchten und in ihr Rot mischen sich die gelben Farben von Habichtskräutern und Johanniskraut, bis dann nach einigen Jahren die im Frühjahr von einer reichen Insektenwelt besuchten kätzchentragenden Sträucher der Salweide und inzwischen höher herangewachsene Bäume – den Kiefern und Birken gesellen sich hier höhere Ansprüche stellende Lärchen und Fichten, die Eberesche und von anderen Laubbäumen einzelne Buchen und Eichen zu – die niedrigeren kraut- und strauchartigen Pflanzen mehr und mehr verdrängen. Auf diese Weise erhalten sich auf dem Rochlitzer Berge abwechselungsreiche Pflanzengemeinschaften, die in ihrer Ursprünglichkeit überaus anziehend wirken und vor allem auch in die oft größere Gleichförmigkeit des unter Kultur stehenden Forstes einen diesen wieder zugute kommenden Wechsel tragen.
Aus den Rochlitzer Steinbrüchen
Abb. 3 Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen Stelle
Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 4 Siebenschläfer
Es wird ohne weiteres auch als ganz selbstverständlich erscheinen, daß die Steinbrüche, die bei ihrer räumlichen Ausdehnung inmitten des geschlossenen Waldes eine Welt für sich bilden, in der bis zu einem gewissen Grade die Natur allein regiert, auch von einem nach Lage der Verhältnisse nur günstigem Einflusse auch auf die Tierwelt des Rochlitzer Berges sein müssen. Eine Menge Tiere findet in den Spalten und Klüften der Felswände, in den an dunklen Verstecken reichen Haufen beiseite gefahrenen, unverwendbaren Gesteinsmaterials willkommene Schlupfwinkel, andere wieder werden angezogen von der natürlichen, von Menschen wenig besuchten Wildnis der abgebauten Teile. Der Siebenschläfer, dessen Vorkommen auf dem Rochlitzer Berge zunächst allerdings wohl eine Folge des einstigen Reichtums an Laubholz mit den ausgedehnten Rotbuchenbeständen ist, findet sich heute doch vorzugsweise in dem Bereiche der Steinbrüche und auch auf den Bestand der kleineren Raubsäugetiere, von denen ich Wiesel und Hermelin oft in den Steinbrüchen begegnet bin, und denen sich auch der Iltis, der Edel- und sogar der in den geschlossenen Wald sonst nur seltener eindringende Hausmarder zugesellen, sind sie nicht ohne Wirkung geblieben. Unvergeßlich wird mir der milde Sommersonntagabend bleiben, an dem ich unseren Edelmarder in einem auflässigen Teile des Mühlsteinbruches zum ersten Male längere Zeit hindurch in seinem Leben und Treiben beobachten konnte. Aalgleich wandte er sich durch die Steinwildnis hindurch, schnüffelnd untersuchte er jeden Spalt im Felsen, spürte jede Höhle ab, die die reichlich umher- und übereinanderliegenden Gesteinstrümmer bildeten. Eine Maus, die der Abend aus ihrem Versteck hervorgelockt hatte, wurde seine Beute, eine Goldammer, die ihr: »Wie, wie hab’ ich dich so lieb!« eben abgebrochen und sich in einem niederen Strauch zur Ruhe niedergetan hatte, entging seinen räuberischen Gelüsten noch im letzten Augenblick, so daß er ihr verdutzt von einem vorspringenden Gesteinsblock aus nachschaute.
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 5 Männlicher Gartenrotschwanz an der Nisthöhle an einer Hauswand
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 6 Weiblicher Gartenrotschwanz vor der Nisthöhle in einer Mauer
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 7 Junger Hausrotschwanz an der Nisthöhle in einem Gesteinsspalt
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 8 Junge Gebirgsstelze nach dem Verlassen des Nestes
Weit mehr noch als wie auf die verborgener lebenden Säugetiere spüren wir den Einfluß der Steinbrüche auf die der direkten Beobachtung ja weit zugänglichere Vogelwelt. Einige Arten, denen wir im geschlossenen Walde nicht oder doch nur vereinzelt begegnen würden, sind im Gebiet der Steinbrüche nicht selten, andere, den Wald zwar nicht meidende, erreichen in ihnen eine größere Häufigkeit. Ich denke da vor allem an unsere beiden Rotschwanzarten, die auf dem Rochlitzer Berge ganz besonders häufig sind und ausschließlich oder doch fast ausschließlich die Steinbrüche bewohnen, in denen sie auch wieder zu der ihnen ureigensten Nistweise zurückgekehrt sind. Nach den übereinstimmenden Versicherungen alter Steinbruchsarbeiter, die sich in jeder Weise auch mit meinen eigenen Erfahrungen decken, hat die Zahl dieser beiden Vögel in den letzten Jahrzehnten auffallend zugenommen. Namentlich beim häufigeren Gartenrotschwanz fällt diese Zunahme recht in die Augen. In einem Steinbruche traf ich im Frühjahre 1914 nicht weniger als fünf Brutpaare desselben – zwei davon nisteten an Arbeiterhäusern, drei aber in Gesteinsspalten – neben zwei vom Hausrotschwanz an, in einem anderen im Jahre vorher sogar sechs Paare des ersteren, die mit Ausnahme eines an einem Gebäude nistenden sämtlich in Felsspalten ihre Nester errichtet hatten, neben zwei Paaren des ebenfalls in Felsspalten nistenden Hausrötels. Auch die weiße Bachstelze bewohnt in ähnlich großer Zahl die Steinbrüche und nistet hier bald an Arbeiterhäusern, bald aber auch in geschützten Hohlräumen der Felswände. In diesem letzteren Fall teilt sie dann die Niststätten mit ihrer gelben Schwester, der Gebirgsstelze, deren Zunahme auf dem Rochlitzer Berge eine ganz besonders in die Augen fallende ist. Ich entsinne mich heute noch deutlich des Tages anfangs der neunziger Jahre, an dem ich die Art hier überhaupt zum ersten Male sah und über die Beobachtung der mir damals noch neuen daheim in jugendlicher Freude erzählte. Seit jener ersten Begegnung wurde sie zu einem meiner erklärten Lieblingsvögel und jede neue Beobachtung der damals noch seltenen bildete ein heute noch nicht vergessenes Ereignis. Jetzt ist sie schon eine ganz gewöhnliche Erscheinung und brütet alljährlich in wenigstens einem, häufig aber auch in mehreren Paaren in fast jedem der Steinbrüche. Aber auch andere Höhlenbrüter finden in den Felsklüften willkommene Nistgelegenheiten. Von Meisen sind es besonders die Kohl-, die Tannen- und die Blaumeise, ausnahmsweise auch die Sumpf- und die Haubenmeise, die regelmäßig in Gesteinsspalten oder in den Hohlräumen der überall gegen hereinbrechenden Abraum aufgeführten Schutzmauern nisten und denen sich auch gern der Kleiber zugesellt. 1916 während eines Urlaubes konnte ich in solchen Schutzmauern zum ersten Male auch den Mauersegler, der allsommerlich über den Gipfel des Berges seine Flugkünste treibt und den ich – Freund Heyder hatte ihn schon früher als Brutvogel des Rochlitzer Berges in Baumhöhlen des Waldes festgestellt – seit langem bereits im Verdacht hatte, auch »Steinbruchsvogel« zu sein, brütend nachweisen.
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 9 Kohlmeise vor der Nisthöhle in einer Gesteinswand
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 10 Tannenmeise an der Nisthöhle in einer Felswand
Daß ferner bei dem großen Reichtum der Steinbrüche an Hecken, die in den auflässigen Teilen oft so üppig wuchern, auch die Zahl der Buschbrüter eine ziemlich reiche ist, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises. Namentlich die Grasmücken in sämtlichen vier, der Rochlitzer Vogelfauna angehörenden Arten: der Dorn-, der Zaun-, der Garten- und der Mönchsgrasmücke, sind regelmäßige Bewohner derartiger Stellen.
Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 11 Großer Buntspecht an der Nisthöhle in einem Kirschbaum
Reich ist in den Steinbrüchen auch das seit meiner Jugendzeit sonst im Bereiche des Rochlitzer Berges aber stark zurückgegangene Kriechtier- und Lurchleben entwickelt. Die flinke Zauneidechse zunächst ist eine der auf dem Rochlitzer Berge abgenommenen Arten, die auch die Steinbrüche nicht mehr in den Mengen bevölkert, als wie ich sie noch als Knabe sah; der rotbäuchige Bergmolch, der einst geradezu in Massen die zahlreichen Steinbruchstümpel bevölkerte, ist weniger häufig geworden, und der in Schwarz und leuchtend Gelb gekleidete Feuersalamander, dessen ganze Schönheit nur der voll empfinden wird, der ihn einmal nach einem warmen Gewitterregen aus einem dunklen Spalt des von grünem Moos überkleideten roten Gesteins hat hervorkommen sehen, ist heute auch nicht annähernd mehr in den Mengen vorhanden, wie vor wenigen Jahrzehnten noch. Ein sinnloses Sammeln, bald – wie beim Bergmolch – von einer zwar naturfreudigen, aber in falschen Bahnen sich betätigenden Jugend, bald – wie beim Feuersalamander – von gewerbsmäßigen Fängern, denen ja nichts in der Natur heilig ist, trägt wohl die Hauptschuld an dem bedauerlichen Rückgange. Vielleicht wäre es aber wohl noch schlimmer um das heutige Vorkommen dieser Arten bestellt, wenn nicht die Steinbrüche ihnen und noch anderen ihrer Sippe: der goldgekrönten Ringel- und der spärlicheren glatten Natter, dem lebhaften Grasfrosch und der vielgeschmähten, dabei aber doch so nützlichen Erdkröte Schlupfwinkel in so reichem Maße darbieten würden, daß immer noch ein großer Teil von ihnen sich allen Verfolgungen zu entziehen vermag.
Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 12 Ringelnatter vor ihrem Schlupfwinkel
Der günstige Einfluß der Steinbrüche auf das Tierleben des Rochlitzer Berges, der aus den hier mitgeteilten Fällen zweifellos hervorgeht, würde noch augenfälliger werden, wenn wir unsere Betrachtungen auch auf die niedere Tierwelt ausdehnen und insbesondere die Insektenwelt in sie einbeziehen würden. Einer unserer größten und prächtigsten Tagschmetterlinge beispielsweise, der Eisvogel, verdankt sein Vorkommen der heute im Rochlitzer Bergwalde vorzugsweise auf das Steinbruchsgebiet beschränkten Aspe, und wie für ihn, liegen die Verhältnisse ähnlich auch noch für eine weitere Anzahl leichtbeschwingter Falter und andere niedere Tierarten. – – –
Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 13 Eine Erdkröte verläßt ihren Schlupfwinkel
Aber es scheint auch, als ob der Steinbruchsbetrieb des Rochlitzer Berges neben diesen günstigen Einflüssen auf das Naturleben noch einen solchen entgegengesetzter Richtung ausübt.
Aus der Tierwelt des Rochlitzer Berges:
Abb. 14 Blindschleiche beim Verlassen ihres Schlupfwinkels.
Unter den Waldbäumen des Rochlitzer Berges nahm einst die Weißtanne einen breiten Raum ein. Heute hat sie aufgehört, bestandsbildender Waldbaum zu sein; die wenigen, hier und da noch in den Mischbeständen stehenden, fast immer kränkelnden Stücke sind stumme Zeugen vergangener Zeiten. Forstlich ist der Baum nicht mehr hoch zu bringen. Es ist das eine Erscheinung, die man in unserem Vaterlande nun zwar auch an anderen Orten beobachtet und die man meines Wissens in erster Linie auf die Verunreinigung der Luft durch die Rauchgase unserer hochentwickelten sächsischen Industrie zurückführt. Ob immer und in welchem Maße dies zu Recht geschieht, vermag ich nicht zu entscheiden. Meines Erachtens wirken an ihrem Rückgange hier und da aber auch noch andere als die eben angeführten Ursachen mit. Die Tanne stellt ziemlich hohe Anforderungen auch an den Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens und ist gegen eine Abnahme desselben empfindlicher als andere Waldbäume. Eine Abnahme der Bodenfeuchtigkeit scheint aber auf dem Rochlitzer Berge stattgefunden zu haben. Darauf deuten nicht nur eine ganze Anzahl heute trockener Quelläufe an den Hängen des Berges hin, sondern sie geht auch hervor aus dem Umstand, daß heute noch fließende Quellen zum Teil wasserärmer geworden sind, als sie es in meiner auf dem Rochlitzer Berge verlebten Jugendzeit waren. Diese Abnahme der Bodenfeuchtigkeit aber dürfte im wesentlichen ihre Ursachen in dem Steinbruchsbetriebe haben. Infolge seiner räumlich großen Ausdehnung kommt ein beträchtlicher Teil der atmosphärischen Niederschläge dem Walde nicht mehr zugute; ein Teil verdunstet über den freien Flächen der Steinbrüche sofort, ein anderer Teil aber sammelt sich in ihren tiefergelegenen Stellen in Form kleinerer oder größerer Tümpel an und wird von hier gleichfalls, wenn auch allmählicher, der Verdunstung zugeführt. Aber auch nicht unbeträchtliche Mengen der über dem Walde selbst niedergehenden Niederschläge verbleiben nicht mehr in dem Waldboden, sondern strömen in Gesteinsspalten und Rissen jenen Wasseransammlungen in den tieferen Teilen der Steinbrüche zu und verdunsten hier ebenfalls wie jene direkt.
Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß dieser Einfluß der Steinbrüche auf die Abnahme der Bodenfeuchtigkeit des Waldes, der zwar nicht für sich allein, sondern wohl mit der schon erwähnten Verunreinigung der Luft durch Rauchgase an dem Rückgang der Tanne auf dem Rochlitzer Berge beteiligt sein mag, sich in seinen Wirkungen auch auf andere feuchtigkeitsliebende Pflanzen äußert.