Drei Wandertage im Erzgebirge

Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch

Der Preßnitzer Paß – welche Wolke von Brandgeruch und Blutdunst haftet für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges zur Zeit der dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier die Mordbanden durch’s unglückselige Meißner Land – zuerst die Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden die Schweden; und alle taten ihr Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst nichts blieb von dem, was er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. – Heut’ merke ich nichts von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus in der Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des Flüßchens. – Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland. Alles verklärt er – die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem Jungwuchs, die Felder und Fluren mit einer Pracht ohnegleichen. Der Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher im Giebelgärtchen hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling im gleichen Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht – hinauf auf die Berge.

Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den Rücken; voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein paar Minuten flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf grüner Matte die mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten Hammerwerkes liegen, der zuliebe ich den Umweg hierher gemacht habe. Denn mit einem tiefen, vollen Akkord aus guter, ja aus wirklich guter alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute begrüßen! Wohl – die Matte ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber der Hammer – –! Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal geleistet. Von der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in ihrer wuchtigen Geschlossenheit – wenn auch schon damals mit geborstenen Mauern – einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im ganzen noch drei Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen und das Herrenhaus sind übriggeblieben; alles andere abgebrochen und weggekarrt. Freilich, auch diese geringen Reste noch lassen die Pracht der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist ein wirklicher Genuß, jene Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. Daß wenigstens das Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein Glück. Mehr noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen schmunzelnd das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen ihren gewaltigen Tatzen emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen können an dem prächtigen Schindelwerke der drei Dächer, die mir damit bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, als die smaragdenen Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den Zähnen bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das allzunahe an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind ja bescheiden geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich wähle eben meinen Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins Auge bekomme und sieh da – ein wenig Freude kommt doch noch über mich.

Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt neben mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen. – Hei, rennt das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort hinab. Nimm dir doch Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim wird dir’s nicht wieder, so lange du lebst! Wüßtest du’s hier schon, wie’s draußen aussieht in der Welt, du machtest’s wie ich und stiegst ihn wieder hinauf, deinen Berg. – Wie schön ist die geheimnisvolle Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in Jöhstadt stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat.

Abb. 1 Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten, die fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befielen, atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber unsrer erzgebirgischen Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? – Ich glaube fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser Hauch von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der grünen Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies Heimatweben alle Not der öden Bauweise vergessen. – Welche Summe von Fuhrmannsnot mag mit der steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn in früheren Zeiten knarrten auch durch Jöhstadt die schweren Erzwagen – die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer freien Bergstadt. Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, das von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem Reliquien vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder sein Zimmerhäckel«, wie einer in der Reformationszeit despektierlich schreibt.

Abb. 2 Schwarzwassertal
Phot. Landgraf, Zwickau

Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so heftig gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren gebraucht – im Jahre 1817 gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig an seiner Würde als freie Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit einem gewissen Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts »Dorf und Stadt«), hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien Handelns und Hausierens gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein betrieben die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit Arzneimitteln aus den Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten sie Heiltränke ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte Teil der Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber mischte sich die Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit mochte die Kurpfuscherei nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. Als 1858 König Johann durch Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert und über eines Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch:

»Wer nicht lieb hat seinen Fürst

Den hack’ ich in die Leberwürst!«

Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein: »Er hat indes nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.«

Abb. 3 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau

Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel am Gotteshaus. Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers der berühmte Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als Studiosus war er Mitarbeiter der »Bremischen Beiträge«, der Gründung des Literaten Karl Christian Gärtner aus Freiberg, der es verstand, Rabener, Gellert und Klopstock für seine Kampfschöpfung gegen Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks Verwendung wurde Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen berufen. Vom König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den »durchaus Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister Struensee, den ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige geistliche Lieder aus dessen zahlreichen Dichtungen finden sich noch jetzt in unserm Landesgesangbuch. – –

Abb. 4 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau

Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne entgegen. Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter Kirchturm mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die Basaltkuppen des Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und der Scheibenberg; zur Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer Seite. Ein still verklärtes Wandern ist das im kristallenen Licht des Spätnachmittags! Nicht stürmisch und ausgreifend wie am Frühmorgen – geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd hockt im Eschenbaum an der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der erzgebirgischen Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo – da hat das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich die Neugier, einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen Bundesbruders jetzt hergeht. Bei Weipert tu ich den Schritt über die Grenze und entschuldige mich bei den hübschen zwei Mädels, die dort vor dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, daß es silbern klingt wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, ich könne sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der Tugend, will sagen die sächsische Landstraße, zurück.

Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere auf dem Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und lasse den Blick hinausschweifen über ein unendliches Wipfelmeer hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel singt ihr Abendlied auf dem Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen violetten Schimmer ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem Wege nach Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt der feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt Crottendorf im Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der Himmel geworden, die Sterne kommen herauf und im Korn schlägt die Wachtel. Die Blumen rundum haben die Köpfe geneigt und die grauen Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der Wiesennebel auch an mir in die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag der Kirchturm von Scheibenberg vor mir emporragt. –

Abb. 5 Der Bärenstein
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume säumen den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort in Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus aus dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die Biedermeierzeit nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über der Stadt, und in der Kirche erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. Scheibenberg war der Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers Christian Lehmann, der uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen Schauplatz der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur Heimatgeschichte hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen Wissenschaft vielleicht auch nicht für voll genommen – er hat vieles bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem Umweg zugetragen ward – so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so ausführlich wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen des Dreißigjährigen Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser Erzgebirge. Das aber dankt die Heimat dem getreuen Magister, der einundfünfzig Jahre lang hier in Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat er zu berichten, was menschliche Bosheit über diese Höhen, in diese Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine Seele im Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel des Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des Basaltbruches, kann auch ich heute einstimmen in dieses Lob.

Abb. 6 Königswalde
Phot. Landgraf, Zwickau

In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe ich nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den Hufen der Reiterpferde, den Rädern der plumpen Stücke und den Karren der Troßknechte geschüttert hat, jahraus, jahrein – die Straße durch Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! Wer über Wiesenthal ins Land Böheim wollte, der mußte hier durch. Auch die Reisenden in die Heilbäder dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt und gerädert, sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen sein. Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch nicht gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wird erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den Wiesenthalern gesagt: »Was zum Teufel wollt ihr Leute in dem wilden, kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit Feuer an und kommt in unsers Herren Lande!« –

Abb. 7 Aus dem Pöhlatale
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Froh bin ich schon, wie ich in Rittersgrün die glühende Talstraße verlassen darf und nun den Höhenweg hinanklimme, der mich durch schönen Waldbestand, in dem die Edeltanne häufig auftritt, hinüber nach Breitenbrunn führt. Im kleinen Dorfkirchlein dort darf ich ein wenig rasten und dem Ticken des Pendelwerks lauschen, das wie ein großer Herzschlag durch die Stille rauscht. Hinter dem Altar lehnen Klingelbeutel und Lichtlöschhütchen, auf der Platte stehen zwei weibliche Figuren mit gotischen Hüftverrenkungen. An dieser Stätte fand einst ein stürmisches Leben Ruhe und Frieden. Der Pfarrer Wolff Ulle aus Elterlein, der in jungen Jahren als Pfarrherr von Clausnitz den dortigen Dorfrichter erschlug im aufwallenden Zorn, konnte in Breitenbrunn nach langer Bußzeit im Elend und nach treuer Bewährung als Pestprediger zu Annaberg noch fast ein Menschenalter in der Stille amtieren, bis ihn am Altar der Tod ereilte.

Weiter geht es durch Wälderblau und Loheduft, bis hoch auf dem Berg mir der Kirchturm von Johanngeorgenstadt winkt, hinaufzukommen und Einkehr zu halten in einer Stadt, die durch ihre Entstehungsgeschichte zu den beachtenswertesten im Lande gehört. Mühselig wandre ich die endlose Berglehne hinan, durch nüchterne Gassen aus den letzten Jahrzehnten, in die vom nahen Böhmen herüber der Plattenberg grüßt.

Abb. 8 Scheibenberg
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Ja, von dorther sind sie gekommen, die Gründer von Johanngeorgenstadt. Immer waren die Plattener Bürger und Bergleute dem lutherischen Glauben treu zugetan. Schon der alte Matthesius hielt große Stücke auf sie. Aber in den Landen des Kaisers sah man scheel nach ihnen. Schon nach der Schlacht am Weißen Berge ward ihr Pfarrer gezwungen, ins Exil zu gehen, und auch der Osnabrücker Frieden brachte nicht die erhoffte Glaubensfreiheit. Ein katholischer Priester ward nach Platten gesetzt; was blieb den Bedrängten übrig, als Hilfe auf sächsischer Seite zu suchen? Zur Nachtzeit kamen sie dort in der Jugler Glashütte zusammen, und der Eibenstocker Pfarrer versah sie mit dem heiligen Mahl. – Immer erbitterter ward man in der kaiserlichen Regierung auf die Ketzer. Im Oktober 1653 endlich erschien ein Patent, daß sie »als Meineidige, Treulose, Ehr- und Pflichtvergessene um ihres kontinuierlichen Ungehorsames willen aus Kayserlicher Majestät Enden bannisiert seien«. Da galt es denn, der lieben Heimat Valet ansagen. Seit einiger Zeit schon hatte sich der Blick der Bedrängten auf den Fastenberg über der Grenze geheftet. Eine wilde und rauhe Waldhöhe, auf der aber schon zwei alte Berghäuslein im Gang waren, und wo man wohl auf weiteren Bergsegen hoffen durfte. »Das mag mir ein rechter Fastenberg sein,« soll einst eine sächsische Kurfürstin ausgerufen haben, als bei einem Jagen hier oben der Küchenwagen nicht nachkommen konnte. Das Hungerland nannten die Papisten hinter dem Grenzwasser spottend die Gegend und selbst der erste Lehrer der Exulanten schreibt: »Der Berg war nichts als dicker Wald, da die Bären brummeten, die Hirsche brüllten, die Wölfe heuleten und die Füchse belleten.« – Bei Nacht und Nebel brach man auf, immer in Sorge, daß kaiserliche Häscher einem auch noch die spärlichen Habseligkeiten abnehmen möchten. »Da war traun das Lachen theuer« schreibt der Lehrer, »ein rauschend Blatt erschreckte Euch des Nachts, immer gewärtig, die Ketten rasseln zu hören.« – Unverzüglich ging eine Petition an Johann Georg I. ab, er möge den Plattnern erlauben, auf dem Fastenberg eine Stadt zu gründen mit den Rechten einer freien Bergstadt. »So haben wir Berg- und Handwerksleute von der Platten, welche die papistische Religion nicht annehmen können, vollends unsre armen Hüttlein verlassen und in das liebe Exilium uns begeben müssen« heißt es gar wehmütig in der Bittschrift. Um ein Stück Land für Haus und Hof gegen mäßigen Erbzins für jeden Ansiedler, vor allem aber um Errichtung einer Kirche, Schule und Pfarre ward darin nachgesucht. »Dieweil unsre armen Seelen, so lange in Mangel gestanden, hertzlich darnach seuffzen.« Am 23. Februar 1654 war die Antwort des Landesherrn aus Schloß Annaburg da: Alles wurde bewilligt; »das Städtlein aber soll Johann Georgens Stadt hinfür genannt werden.«

So brach denn der erste Sonnenstrahl durch das graue Sorgengewölk. Nun ging doch in Erfüllung, was ihnen der treue Lehrer so oft vorgesprochen:

»Ach lieben Christen habt Geduld

Ob’s euch schon hoch thut schmerzen

daß ihr ohn’ alle eure Schuld

Alles habt müss’n verschertzen.«

Nun brauchten sie nicht mehr zu klagen:

»O Du hoch gekrönter Kayser,

Warum müssen wir davon?

Und verlassen unsre Häuser –

Macht’s nicht die Religion?

Laß doch die Gewissen frey

O Herr Jesu steh uns bey!

Könnt Ihr doch die Jüden leiden

Die doch Christum ehren nicht

Warum wollt Ihr uns abscheiden

Die doch folgen diesem Licht?«

Jetzt klang es ganz fröhlich und getrost:

»Auf der Platten, da wir wohnten

Plagten sie uns Tag und Nacht,

Bis wir zogen, da wir konnten

Bau’n Johann-Georgens-Stadt.

Nächst soll seyn das Haus zu Sachsen

Unser treuer Aufenthalt.

Gott hilf, daß wir drinnen wachsen,

Wie sich breitet aus ein Wald!«

Am ersten Mai 1654, als der Schnee geschmolzen war, begann der Bau. Der Schulmeister zu Schwarzenberg entwarf den Grundriß und bezeichnete eines jeden Heimstätte. Mit Macht ging man ans Reuten des Waldes. Eintausendsechshundertundneunzig Stämme allein mußten auf dem Marktplatz beseitigt werden. Am zehnten Mai schon war die erste Türschwelle gelegt. Spottend schaute man auf böhmischer Seite zu. Wo wollten die Leute dauernd gutes Wasser herbekommen hier oben? Sieh, und da sprang schon stark und hell ein Felsenbrunn, der bei einem Kellerbau angestoßen war, und auch Lehm fand sich reichlich vor. Freilich, wohnlich mögen diese ersten Häuser nicht gewesen sein. Viele von ihnen hatten keine Fenster, nur Lichtlöcher, und dazu standen allerorts noch die abgehauenen Stämme vor den Türen, bis endlich 1662 der Rat ernstlich auf ihre Beseitigung drang als eine Deformität für den Markt.

Noch einmal zeigte sich der Neid der böhmischen Nachbarn. Die neue Kirche der Exulanten war fertig geworden, da erging Anzeige nach Prag, sie stünde auf böhmischem Boden. Von beiden Regierungen ward alsbald eine Kommission zur Untersuchung des Falles gebildet. Nach längerem Suchen fand man die alten Grenzsteine, und es ergab sich einwandfrei, daß die Kirche auf kursächsischem Gebiete stand. Aus Ärger über diese Blamage soll der Prager Abgeordnete einem der Denunzianten coram publico eine gewichtige Ohrfeige gegeben haben.

Sachsen merkte es bald, welch tüchtigen Zuwachs es mit den neuen Bürgern bekommen hatte. Namentlich der erste Bergmeister von Johanngeorgenstadt stand beim Landesherrn in großer Gunst. Seiner Tüchtigkeit schrieb man das Erblühen des Bergbaues im neuen Revier zu, indes rings im Lande das Bergwerk gerade damals arg danieder lag. Der »Silber-Bergmeister« ward er genannt; sicher kein Schimpf für einen gerechten Bergmann.

Abb. 9 Orgelpfeifen am Scheibenberg
Phot. Landgraf, Zwickau

Zum Bergwerk gesellte sich bald in ausgiebigem Maße das Hammerwerk. Besonders in Wittigstal wuchs der alte Hammer zu hoher Bedeutung. Die »Hammerpursche« waren ein gar unbändig Volk, stark und dauerhaft. Bei der Arbeit hatten sie nichts an als ein Hemd und ein Schurzfell, und »weil sie immer am Feuer stehen, geht von ihrem Lohn viel aufs Getränke«.

Die neu entstandene Stadt ward in der Folge als Sehenswürdigkeit viel besucht. Peter der Große kam hierher, später auch Goethe und Humboldt. Wie aus einem Brief Goethes hervorgeht, sah er sich hier fleißig »unter der Erde« um.

All’ das zieht an meinem Geiste vorüber, wie ich im Rathaus am Fenster sitze und über den abfallenden Markt hinab schaue. Seit dem großen Brande von 1867 steht Johanngeorgenstadt in einem Gewande da, das freilich nicht mehr im entferntesten an die alte Zeit erinnert. »Neugotik« war das Schlagwort beim Wiederaufbau der Kirche, und auch das Rathaus ist in seiner alten Gestalt schöner gewesen. Aus einem Glasbild im Fenster des Gastzimmers kann ich das deutlich erkennen. Wie wundervoll mögen sich, danach zu urteilen, auch die Bürgerhäuser mit ihren weiten Bogentoren und den vorgekragten Obergeschossen ausgenommen haben.

Abb. 10 Johanngeorgenstadt
Phot. Landgraf, Zwickau

Nun, ein Stück alter Zeit bewahrt wenigstens das Gelände hinter Johanngeorgenstadt. Da grüßt noch manches Berggebäude zur Straße herüber. Die Krone von allen aber ist der alte Pferdegöpel, dessen Erhaltung dem Verein Heimatschutz erst kürzlich unter opferfreudiger Beihilfe weiter bergmännischer Kreise im ganzen Reiche gelungen ist. Es ist sehr zu begrüßen, daß uns so wenigstens eines dieser sinnreichen alten Triebwerke erhalten bleibt, wie sie im Erzgebirge zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich wurden und damals einen gewaltigen Fortschritt in der bisherigen Förderart mit der »runden Scheibe«, die durch Menschenkräfte gedreht ward, bedeuteten. Jahrhundertelang haben die dieser Betriebsart entsprungenen, hochmalerischen Baulichkeiten das Landschaftsbild unseres Gebirges beeinflußt. – Vergnügt kann ich mich heute überzeugen, daß die Wiederinstandsetzungsarbeiten an diesem allerletzten Artvertreter rüstig im Gange sind.

Abb. 11 Kammweg Johanngeorgenstadt–Oberwiesenthal
Hofphotograph Meiche, Annaberg

Viel hab ich heute gesehen und erwandert, aber die letzte Herzstärkung wird mir doch erst zuteil, wie ich beim Forsthaus Sauschwemme den Gipfel des Auersberges erklommen habe. 1018 Meter hoch über dem Meere in königlicher Einsamkeit hausen zu dürfen, ist ein gar stolzes Gefühl! Wie erstarrte grüne Meereswogen liegen sie da vor dem Fenster, die vielen, vielen Höhen des Erzgebirges; ganz selten einmal eine menschliche Siedlung, immer nur Wald, Wald und Wald. Keines von allen den Bergwirtshäusern, die ich schon besuchte, hat mir solch freudige Überraschung bereitet. Noch von meinem Bette im Obergeschoß aus kann ich die schlafende Bergwelt grüßen. Alles heute genossene Schöne aber wird in den Schatten gestellt von der erhabenen Weihe des Blickes, den ich zwischen ein und zwei Uhr in die Bergnacht hinaus tun darf! Ein feierliches Leuchten liegt über der gewaltigen Landschaft. Silbern blinken die Sterne herab; in rührendem Zagen zittert ein Lichtlein aus weit entferntem Menschenheim herauf. Wie ist die Waldnacht unsrer Berge stumm; und doch ist mir’s, als ginge ein brausendes Loblied über die Gipfel alle und Wipfel, das auch mir das Herz im Leibe entbrennen macht in Anbetung und Verehrung. – Schon dem alten fürstlichen Weidmann, Johann Georg I., war der Auersberg lieb und wert. Gern hielt er ein Jagen hier ab, bescherte ihm doch der Auersberg die stärksten Hirsche, die gröbsten Sauen und wehrhaftesten Bären. Auch ein hölzernes Aussichtsgerüst und Unterkunftshütten für die Jägerei ließ er hier errichten. »Gesegne euch Gott, ihr Hölzer, ich seh’ euch nimmer wieder«, soll er beim letzten Abschied von dem lieben Erzgebirgswald ahnungsvoll und wehmütig ausgerufen haben.

Am nächsten Morgen ziehe ich in einem herrlichen Frühgewitter zu Tal. Wild rauchen die Schluchten und die waldigen Höhen. Gewaltig und hehr ist die Schöpfung hier oben erst recht an einem Regentag. Drum groll’ ich auch nicht ob der Nässe und lange wohlgemut am Ziel meiner Wanderfahrt an, im wälder- und wiesenumgürteten Eibenstock.

Ich glaube es den alten Harzer Bergleuten, die das Erbe der Wenden im Zinnbergbau hier antraten, daß sie die Gegend an ihre Heimat erinnerte. Drum legten sie den Höhen hier oben heimische Namen bei. Einen Auersberg und einen Rammelsberg gibt es auch im Harz. – Waren die wendischen Ansiedler mehr auf Gewinnung des Zinns durch Auswaschen, das sogenannte Seifen, ausgegangen, so drangen die Sachsen nun mehr in die Tiefe. Zeche an Zeche entstand am Auersberg; zu Luthers Zeiten noch sollen sie jährlich mehrere tausend Zentner Zinn gespendet haben. Manch anderen köstlichen Fund gaben auch die rauschenden Bäche heraus – lauteres Gold in Körnern, von denen noch 1733 eines gewonnen ward, das dreizehn As schwer gewesen sein soll und August dem Starken überreicht ward.

Als der Bergbau anfing unergiebig zu werden, blühte auch hier das Laborantenwesen auf. Schon im sechzehnten Jahrhundert braute man in Eibenstock das Bergöl, ein Allheilmittel aus Harz, und später ward die Kunst der Arzneibereitung gewaltig ausgebaut. Aber der Wohlstand der Stadt war mit dem Bergbau dahingesunken, und mit besonderer Wucht trafen die Hungerjahre 1770 bis 1773 hier auf. Elementare Naturereignisse, wohl auch fehlerhafte wirtschaftliche Maßnahmen seitens der Regierung, die zuviel Korn aus dem heimischen Tiefland in die Nachbarländer abgegeben haben soll, leiteten die böse Zeit ein. Im Oktober 1770 kostete ein Brot in Eibenstock schon mehr als den ortsüblichen Tagelohn; 1772 überstieg es diesen dreimal! Grauenhaft war die Not. Alle Habseligkeiten hatten die armen Leute schon verkauft. Auf Wegen und Stegen taumelten die Verhungernden nieder und starben. Besonders anschaulich schildert ein Eibenstocker Bürger, der Hutmacher Georg Fichtner, der sich um Hilfe ins Niederland aufmachte, das Elend. »Aus Pferdedünger,« schreibt er, »habe ich die Kinder die Haferkörnlein aussuchen und essen gesehen. Bei Chemnitz fand ich ein Mädchen am Wege unter einem Haselstrauch, das hatte die Hände am Munde, beide voller Blut – die Fingerglieder waren weggebissen! Eine halbe Stunde vor Falkenstein lag eine tote Frau, ein einjähriges Kind kletterte auf ihrer kalten Brust und weinte – ach so kläglich. In diesem Jahre starben in Eibenstock über siebenhundert Menschen. In Brotschränken, Kisten und Kasten begrub man sie, man hatte für Särge kein Geld.«

Das Jahr 1773 brachte gute Ernten. Aber völlig verarmt lag Eibenstock da. Da war es ein junges Mädchen, das Rettung brachte. Eines sächsischen Oberförsters in polnischen Diensten Tochter war sie und hatte im Kloster zu Thorn kunstvolle Handarbeiten erlernt. Nach des Vaters Tode kam Clara Angermann nach Eibenstock, des Verstorbenen Heimat. Das Elend, das in der Stadt herrschte, brachte sie auf den Gedanken, den Frauen und Mädchen Unterricht im Tamburieren zu geben; und siehe, es ruhte ein Segen auf diesem Beginnen. Noch heute steht der Name der edlen Frau, die später die Gattin des Oberförsters Nollain ward, in Eibenstock in dankbarem Gedenken. – –

Da bin ich in meinen Gedanken fürwahr durch die ganze Stadt gewandert und noch einmal ziehe ich eine kurze Strecke durch ein schönes Wiesental hin, bis mich am unteren Bahnhof von Eibenstock der Zug aufnimmt. Ich danke dir, Heimat, daß du mich wieder einmal hast in deines Wesens inneren Kern schauen lassen. Fahre wohl, blauer Bergwald; Gott grüße dich, silbernes Bächlein – euer Heimathauch wird auch noch im Treiben der Stadt oft mein Herze erfreuen, denke ich euer in Liebe und Treue.