Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig Jahren
Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg
Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz schon vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt!
Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes und Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue deutsche Leben geschaut, geschmückt, geläutert.
Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung gegangen, fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem Vorwärtsdringen, weil das, was die Väter schufen und bodenständig im Heimatgrunde wurzelte, das was ihm eigen und schön war, oft besser erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und erhalten und zur Grundlage und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. Vielleicht hätten wir dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst!
Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann jetzt schon lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum selbstverständlichen Empfinden auch der Ahnungslosen, vielleicht hätten wir dann eine natürliche künstlerische Kultur, vielleicht – – vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig!
Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß und Ausdruck ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die Harmonie der Dinge ein Bedürfnis war.
Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als geistige Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und tiefschürfende Arbeiter am deutschen Volke und an der Heimat, da war diese selbstverständliche Kultur längst verloren gegangen. Sie muß nun mühsam Schritt für Schritt wieder errungen werden. Doch der Weg führt empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und findet im Heimatschutz Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der Heimatkultur sind solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden und haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und mit heißem Herzen!
Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren in Freiberg um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie Heimatschutzgedanken die Gemüter bewegten im erregten Für und Wider, wie damals die Leidenschaften und Schwächen des menschlichen Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden rissen, ohne die Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers am Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches Beispiel geschildert werden.
Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz geboten, hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Eine reiche, stolze Geschichte, die wir jetzt nicht weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, Ratsstuben und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und stöhnte der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch gefiel das Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren waren taub, ihre Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das geheimnisvolle Leben, die Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des alten Bauwerkes sprach, das mit der alten Stadt jung gewesen war, und im Alter ihr diente wie einst in der Jugend.
Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der Burgstraße der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen wie Schmarotzerpflanzen am gesunden Stamm und zehrten von seiner Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten waren entstanden durch die Begleiterscheinungen des Kramhandels, die der Würde des Rathauses nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen werden, darüber waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier könnten wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten die Stadtväter. »Für die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz geschaffen.« Außerdem war das Dach so hoch!! Mit seinem langen First und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes Stück vom Himmel ab und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite mußten sogar früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo blieb da die Gerechtigkeit! –
Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen Giebel mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen übereinander. Da fand ein besonders interessiertes, kundiges, scharfes Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz lotrecht stände, sondern nach innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich für sein Auge gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon in der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden! Wollte man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der Einsturz des Rathauses gewiß! –
Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der furchtbaren Gefahr!
Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen und Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen Gutachten überreicht. Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele des unbefangenen Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern bauen und verdienen will.
Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues »für jetzt noch nicht« vorliege.
»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht unbedeutende, jedoch sind in diesem selbst nicht die geringsten Risse oder Sprünge wahrzunehmen, was einesteils auf die große Festigkeit und den innigen Zusammenhang des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils aber zu der Annahme berechtigt, daß diese Neigung sehr allmählich oder wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die Sprünge, welche sich in der ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite allerdings zeigen, sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten Bedenken Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch nicht zu befürchten sein.«
Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil infolge »schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne. Er empfiehlt eine umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau des Giebels, Einbau der Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen und dergleichen. Sehr wichtig nimmt er den Abputz, zu dem er »eine graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra und Frankfurter Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter und die Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind ihm die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren« und »rektifizieren« möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die Hinterfronte nämlich bietet hinsichtlich der architektonischen Formen und Gliederungen eine so bunte Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit der Würde des Gebäudes in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte repräsentiert eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die Augen fallen wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut dringend not,« schreibt er in höchster ästhetischer Entrüstung. Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt werden. Die Kosten berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner Planung hatte er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne jedoch immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen. Gleichwohl und trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit den Plänen einverstanden, wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des altertümlichen Charakters des Gebäudes betont.
Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und praktischen Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche Unkenntnis oder Selbstbetrug oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen dreien gemischt!
Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855, da bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch Bedenken über die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer Berechnungen und Ausführungen die endgültige Entschließung noch auszusetzen. Er weist auf die politische Lage Deutschlands hin, »welche noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das Land bald entweder die Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer Mobilisierung der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung aller Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für die Folgen erfüllt.« Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium an und die Baufrage wurde einstweilen zurückgestellt bis auf die Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. Dieser Beschluß wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder noch nicht im Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine Denkschrift von zwölf enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner Schrift nieder, in welcher er alle Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt und Vorschläge macht.
Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das Marchandieren Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit desselben sehr beeinträchtiget und gefährdet werden würde, um so mehr als es eben an allen Neben- namentlich Hofräumen fehlt und nicht einmal loca secreta vorhanden sind, mithin allerlei Allodria, Mitbenutzung der oberen Appartements und dergleichen mehr in die übrigen Räume des Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen würden.«
Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die innere Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des Äußeren verunstaltet werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten sein, dem äußeren Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen zu opfern.«
Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz und Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die Anregungen wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht wieder zur Ruhe kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und dem äußeren Ansehen des Rathauses verderblich wurden.
Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner Ansicht das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren zu vertauschen, weil so die immense und überflüssige Belastung des Rathauses beseitigt, brauchbare und angemessene Dachräume erlangt, die Rauchfangunterhaltungen wesentlich vermindert, die Gefahr bei Feuerunglück – wo durch die jetzige ungeheure Last des Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, – bei weitem verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit erledigt würde.« Allein er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, daß solche im weiteren Kreise nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, obgleich die Kosten dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen, guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und Ziegelmaterial wohl gar nicht nötig wären.«
Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des Rathauses nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige Monate ruht scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch vielleicht die Frage das tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt die Baudeputation mit neuem Antrag auf – und sagt unter anderem: »Wenn sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, daß das derzeitige Äußere des Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt werden kann, ja daß es kaum den bescheidensten Anforderungen des decorum entspricht, und daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf den Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben nur in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann, … so hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen Aufwand bevorwortet.«
Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge des ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von den städtischen Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber noch einstweilen aufgeschoben, weil die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war und weil »der neugewählte Stadtbaumeister erst im Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst aber es an gehöriger Bauleitung fehlen würde.«
Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung und benutzte die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen.
Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im Erdgeschoß des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe vom übrigen Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher Stubenbrand. Brand im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein willkommenes Mittel und Schlagwort für ihre Ziele!
Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht zu betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die Stürme der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche Stadtbrände, die Schlacht bei Freiberg und die Gefahren der Zeit Napoleons unbeschädigt überstanden hatte, wurde angeblich plötzlich zu einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine sehr bedeutende Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt.
Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt. Dieses Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja nahe, daß der neue Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit zeigen wollte. Das war ein willkommener Auftrag, sein Licht leuchten zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit und Geringschätzung spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten Dach, das im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden, fehlerhaften Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von gebrochenen Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark, hinge gefahrdrohend nach dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande unvermeidliche Einsturz des überhängenden Giebels würde selbst die zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl in der Etage als im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues Dach von englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit möglichst flacher Neigung von etwa 30 Grad herzustellen, obschon rings der ganze Marktplatz und die ganze alte Stadt, nur hohe steile Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht scheuen, um »den mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.«
Zu diesem für Rathausdach und Giebel vernichtenden Urteil kam gleichzeitig eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa bestellt war, geht natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt es fast wie ein Echo des Gutachtens des Stadtbaumeisters, nur daß hier die angebliche Gefahr des Brandes und Einsturzes bereits auf die ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des belebtesten Teils der Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. Die drei ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend« geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig wurde nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit der Abänderung, auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um zwei Ellen gegenüber der Planung erhöht werden solle, so daß also statt einer Neigung von dreißig Grad eine solche von sechsunddreißig Grad gesichert wurde.
Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist übrigens, daß durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer an Haltbarkeit gewinnt, hauptsächlich aber ein besserer Prospekt erlangt wird. Ein flacheres Dach will nicht recht zu dem altertümlichen Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser Bemerkung vom 1. März 1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem Vorschlage ohne jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und ohne Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne jedes Verständnis für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im Marktbilde und Stadtbilde geurteilt hatte, so daß er erst durch die Anregungen von Laien auf diese Frage zwar gestoßen wird, und auch seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch ohne weitere künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle oder drei Ellen vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden gewesen.
So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig unfähigen und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein empfindender künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor für Baukunst an der Bergakademie Professor Eduard Heuchler.
Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe Bedeutung für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren künstlerischen Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger Altertumsmuseums bilden und durch seine ausgeführten feinempfundenen architektonischen Werke. Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger Dom sind ja heute noch von Bedeutung.
Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem ehrwürdigen Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch zu retten und wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und suchte die Öffentlichkeit aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In einem Aufsatz vom 21. März im »Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder. Er weist daraufhin, daß der Stadtrat schon seit vielen Jahren »einen sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar eine Baudeputation gehabt habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die beaufsichtigende Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male keine Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt werden muß!« Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt, in unseren Gegenden keinen Vorteil gewähren und die Reparaturen nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten ernsten Gebäudes und seiner Umgebung passen soll! – Es kommt mir vor, als wenn man einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen Baumeisters« einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder des Stadtrates und der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen.«
»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger baulustig gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser altes, dem tiefen Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig zusammenflicken könnten.« »Und hätten nun auch diese auswärtigen Baumeister einen Neubau des Rathausdaches jetzt als unabweisbar erkannt, dann würden sie sicher nicht vorgeschlagen haben, das alte ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete Gebäude durch ein modernes flaches zu dem Stil desselben schlecht passendes Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei- und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte also schon des Gesamteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen Maßstabe erscheinen.«
Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem Gutachten des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler sieht, seiner Zeit vorauseilend, nicht nur das einzelne Bauwerk als Individuum und losgelöst von der Umgebung, sondern als ein Glied des großen Ganzen, er sieht und beurteilt den Wert des Einzelbauwerkes im Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, mit dem Stadtbilde.
Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch heute über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs Allgemeingut geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und Bauberatung tätig ist, kennt die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit erwachsen.
Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der Einholung eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen das Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat, nicht zu versprechen vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit dem Bau vorgegangen werden. –
Und so geschah es! –
Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht entmutigen im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause.
Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen (vgl. Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu Dresden. Er bittet einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung zu entsenden, da das Abtragen des Daches bereits begonnen habe, um die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres Rathauses und Marktes« zu schützen.
»Seit dreißig Jahren war ich bemüht, meine Geburtsstadt Freiberg in seinen öffentlichen Anlagen durch kleine Monumente und durch einige Privatbauten vor den Toren zu verschönern. Die … möge aus dieser freimütigen Behelligung meinen Eifer für die Ehre Freibergs hochgeneigtest erkennen.«
In der Zeichnung wird von ihm durch die in das Dach eingezeichnete unterste Firstlinie die Höhe des künftigen flachen Daches angedeutet.
Auf diese Eingabe erging sofort Anordnung an den Stadtrat, den Bau einzustellen.
Am 19. Juni bereits fand außerordentliche Ratssitzung statt, in welcher es Heuchler nicht gut gegangen sein mag. Sofortiger Bericht wurde beschlossen und die Reise des Bürgermeisters und Stadtbaumeisters nach Dresden, um mit dem Kreisdirektor und dem Landbaumeister Hänel Rücksprache zu nehmen, da es »nicht nur im Interesse des Baues, sondern auch vornämlich zur Wahrung der obrigkeitlichen Autorität dringend wünschenswert erscheint, die Entscheidung herbeizuführen.«
Nicht mehr der unbeschädigte Wert des Baues, sondern die unbeschädigte Autorität von nicht sachverständigen Laien wurde als Banner im Kampfe aufgepflanzt.
Abb. 1 Das Freiberger Rathaus mit dem alten hohen Ziegeldach vor 1857. (Skizze nach Heuchler)
Dieser Bericht ist acht enggeschriebene Seiten lang und ist ein Zeugnis für die Bewegung, welche das Vorgehen Heuchlers im Ratskollegium bewirkt hatte. Die Schäden des Rathauses werden natürlich gewaltig übertrieben. Dann aber strotzt der Bericht von persönlichen Angriffen auf Heuchler, die jede Sachlichkeit vermissen lassen. Sein Vorgehen wird hämisch, ungehörig, gehässig genannt. Es wird angezweifelt, daß er »wirklich von lauteren Triebfedern beseelt und von wahrhaftem Eifer für die Sache und von aufrichtigem Sinne für das Gemeinwohl erfüllt wäre.« Es wird ihm vorgeworfen, daß er nicht vorher sich an den Stadtrat gewendet habe. »Wir müssen hiernach annehmen, daß er sich absichtlich der Wahrheit verschloß, um so desto sicherer mit seinen hinterrücklingen Plänen und ungescheuter zur Unzeit hervortreten zu können.« Seine Eingabe sei nur »das Produkt gekränkten Ehrgeizes oder sonstiger damit verwandter Seelenaffektion.«
Heuchler sei eine »Persönlichkeit, die eine fremde Ansicht nicht anerkennt und sich über alle durch die Gesetze gebotenen Formen solche nicht anerkennend, erhebt.« Es wird ironisch »seiner Talenten im Baufache, namentlich im Zeichnen und Ornamentenfache bis zu einem gewissen Grade gern alle Anerkennung« gezollt, nachdem er vorher als geschäftlich unzuverlässig hingestellt ist. An der Zeichnung wird bemängelt, daß das alte Dach zu niedrig gezeichnet sei. Der alte First läge in der Höhe der oberen Linie c. d., der neue in Höhe der mittleren Linie. Zum Schluß wird baldige Entschließung erbeten, damit »das Ansehen der Behörde und Gemeindeorgane durch dergleichen unwürdige und unlautere Mittel nicht gelähmt und in den Augen des hiesigen Publikums, dem schon lange zuvor – wahrscheinlich aus derselben unlauteren Quelle – die Nachricht einer verhangenen Baususpension erzählt worden ist, geschmälert« werde.
Dieses unsachliche Schreiben wurde nun in Dresden überreicht und mündlich erläutert. Die Entscheidung erfolgte sofort, ohne daß ein Sachverständiger nach Freiberg geschickt und ohne daß Heuchler auch nur noch einmal gehört worden wäre und zu den Anwürfen sich hätte äußern können, denn, wie es in dem Bescheide vom 27. Juni 1857 heißt, es sei dem Stadtrat nicht entgegenzutreten gewesen, »als ohnehin das Rathaus zu Freiberg keineswegs in einem solchen reinen Baustile ausgeführt ist, daß auf seine unveränderte Erhaltung vom architektonischen Gesichtspunkte aus ein … überwiegendes Gewicht gelegt werden könnte.«
Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der Anschauung von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche Baudenkmäler und alte Kunst des Vaterlandes verderblich gewesen ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die völlige Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten liegen. Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den wertvollen eigenwilligen Charakter gesetzt.
Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen der Architekturformen erhalten, durch welche Hänel eine feinere und reichere Gliederung des Daches und des Giebels bezweckte. Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von vier stehenden Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage Webers beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es wirkt wie ein trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in Dresden gegen Heuchler mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und dann selbst aus Heuchlerischen Gedankengängen heraus eine derartige Steigerung der Dachhöhe nachträglich vorschlägt. Es sind nun schon fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird gegenüber seinem ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser Vorschlag wurde genehmigt.
Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt.
Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares!
Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor ein altes Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm nach einer polizeilichen pflichtschuldigen Anzeige wegen einer »Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor einen »noch sehr glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden Redensarten auf offener Straße begegnet.«
Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei dem Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor Heuchlers herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium des Innern in betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter ausdrücklicher Verpflichtung der Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten hatte.
Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies herausgeschnüffelt, nahm widerrechtlich sofort das Schriftstück an sich und eilte mit dem Schritte des Retters und Rächers auf das Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, daß dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den Bürgern zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn, Hopperdiezel, sogar der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm nicht einen verschwiegenen Mann zur Unterschriftensammlung nennen könne, der weder den Urheber der Eingabe noch den, der sie in Bewegung setze, verraten würde. – Holzhausen wurde sofort vor das gestrenge Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß er in Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen zu tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei ihm in Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze Sache fatal, er sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch zu diesem ihm nur ärgerlichen Auftrage gekommen.«
Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den sachgemäßen Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch Vertrauensbruch erlangten Schreiben eine Abschrift nehmen zu lassen, ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte.
Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel oder Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit?
Und was war der Inhalt der Eingabe?
Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren Bausachverständigen zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit einer völlig sachlichen Begründung und Angabe des Tatbestandes. Es werden acht Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist die Feuersgefahr im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach feuergefährlicher als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung eines Ziegeldaches teurer als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit Rücksicht auf die Umgebung und die Größe des Hauses die Höhe eines Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und Hauptgesimsformen so wenig zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz nach Willkür verfahren kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen zu den alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu einer Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf den dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf dasselbe bei einer Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten Dachhöhe von zehn Ellen einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen, da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt angezogen werden kann?
Abb. 2
Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857–1920
Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler seinen Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie der Gesamterscheinung unabhängig von den Einzelformen, und in der Harmonie mit der Umgebung die künstlerische Lösung suchte und sah. Das ganze alte Freiberg hatte hohe steile Ziegeldächer. Da mußte auf ihn das neue flache Schieferdach ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag wirken, gegen den er sich in starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2).
Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft und blieb ohne Erfolg.
Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin und entwarf einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um der Eingabe zuvorzukommen, der von persönlichen Angriffen strotzt. Heuchler wird »niedriger Machinationen« bezichtigt. Er »wühle« und »wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine Mittel, zeige sich gehässig usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit gegen den neuen Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile werden gespitzt.
Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht abgeschickt, sondern zunächst das weitere abgewartet.
Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im »Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher Form auf die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche Entwicklung durch die verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich also so wichtige historische Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!«
Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines Verständnisses für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das seiner Zeit weit vorauseilt? Er bestreitet weiter diese dringende Not, spricht für die Erhaltung des hohen Daches und Giebels und sagt zum Schluß:
»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur darin, »das Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen Baustilen noch neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Rokokogiebel und dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des Gebäudes so verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.«
Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine Erwiderung der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten: »Traue doch der Herr Gegner, der den Umbau ausführenden Persönlichkeit auch Geschmacks- und Schönheitssinn zu! Oder will derselbe Herr diese Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch nehmen? Das wäre doch mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« Er würde kein Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn nämlich derselbe in seine Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben: Es gibt nur Einen in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und in einem würdigen Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider entsetzlich blind, diesen Einen zu finden! Will sich denn der Herr Gegner als das Orakel der Baukunst für Freiberg betrachtet wissen?« Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« gesprochen. – Man vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung und Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter! Darauf diese Verdächtigungen und Entstellungen! –
Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm: »… Daß man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will, als es nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll – Beweis genug – daß dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu Grunde liegen konnten.«
Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung mit technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen des »Kommunbauwesens« gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten vorhanden ist. Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor, welche in sachlicher Form und längeren technischen Ausführungen seinen Standpunkt und seine Arbeiten vertritt.
Abb. 3
Rathaus von Freiberg seit 1920
(Umbau von Stadtbaurat Rieß)
Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel hinwegfegte, ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen war, ein und war der Verunglimpfungen müde geworden. – Was in den Akten steht, ist ja sozusagen nur die Inhaltsangabe eines Buches aus dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene Seiten voll sind von menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was mag bei dem dichten Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch keine Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen und Verhetzungen, für Entstellungen und »Machinationen« im Gange gewesen sein, die dem wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor sechzig Jahren das Leben verbitterten. Er wurde spöttisch »Orakel« genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, denn seine Weissagung über das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. Seine Anschauung hat sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als falsch und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz erkannt worden, der nie wieder gut zu machen ist.
Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach ausgebaut und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die Wiederherstellung des alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht genommen und auch später vom Landesamt für Denkmalpflege durch Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte dies an der Kostenfrage und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle genügend Licht und Fenster zu schaffen.
Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen Wirkung hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern wäre durch Fensterreihen zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm möglich gewesen, der Art und Bedeutung der eingebauten Diensträume und Sitzungszimmer nach außen Ausdruck zu geben, ohne wesentliche Änderung des ganzen Bildes.
Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus der Aufgabe heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen Denkmalpflege und des Heimatschutzes.
Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues und Betonung besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele nahezukommen, die »Sünden der Väter« wieder gut zu machen und dem Rathaus seine frühere städtebauliche und künstlerische Bedeutung im Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3).
Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf dem Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen schreitet, dann wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau, den sein Zeichenstift in vielen köstlichen Blättern so liebevoll in seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste gegangen und die letzte Schicht verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, denn eine neue Zeit ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen und das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich durch Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor dem, was die Väter schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten Heimatwerte, daß sie dem Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut werden mögen.