I.

Die schönste Freude ist doch die Vorfreude; die reinste zumindest. Und das schönste, zarteste vom Frühling ist der Vorfrühling, scheint mir. Und die Vorfreude am Vorfrühling, das ist jene seltsame, bestrickende Wanderlust, jenes Heimweh nach Feld und Wald draußen vor der Großstadt, nach der heimatlichen Natur, die unser Mutterland ist und bleibt, – mögen wir es auch in den hastenden, unfrohen großen Städten mit ihrer lauten Lustigkeit verraten – so wie der Staat unser Vaterland ist und bleibt. Und das sind wohl die unglücklichsten Waisen, die ihr Mutterland oder ihr Vaterland oder gar beides verloren haben. Deshalb wollen wir heute einen Weg weisen, den wir 1921 an einem Sonntage, an dem vier Wochen nach Wintersonnenwende die Sonne schon so boticellihaft lichtes Hellblau und Himmelsgold allum streute, so daß hier und da schon eine Kornelkirsche vorwitzig ihre safranfarbenen kleinen Blütendolden öffnete, aus der Stadt hinausgewandert sind, und zwar gerade dort, wo weite Fabrikvorstädte ihren Bewohnern den Verlust des Mutterlandes vorzulügen suchen und damit ihnen manchmal so leicht auch das Vaterland verleiden.

Hinter Löbtau steigt der Weg westwärts über Wölfnitz rasch an nach der Hochfläche zu, auf der 1745 die Kesselsdorfer Schlacht vom alten Dessauer gegen die Sachsen gewonnen wurde, die dort die letzte Stellung vor ihrer Landeshauptstadt zu halten versuchten. In einer guten Viertelstunde liegt die Stadt schon tief unter uns. Mit den Tönen der großen Glocken der Kirchen der Altstadt elbwärts drunten im Grunde klingen die der helleren munteren Geläute von Niedergorbitz und Oberpesterwitz zusammen, indes wir an stattlichen Wirtschaftsgebäuden vorbei dem Herrenhaus von Roßthal zuschreiten.

»Glückauf« grüßt die Inschrift von dem vielleicht etwas zu monumentalen Sandsteinumbau des kunstvoll zierlichen schmiedeeisernen Rokokotores herab, das ebenso wie mehrere andere ähnliche Gittertore mit dem feinen Stilgefühl seiner Entstehungszeit so glücklich in die Achse der Zufahrtsstraßen gelegt ist. »Glückauf«, ein froher Gruß auch für den Wanderer am Morgen und eine Anspielung auf den Besitzer, den Freiherrn von Burgk, den Eigentümer der bekannten Steinkohlenschächte. Sein Wappen prangt an dem Giebel über dem einen der beiden Erker, die mit ihren kunstvollen deutschen Renaissanceformen die Front des Hauses geschickt gliedern. Die reichen Schmuckformen der Balustraden, Zinnen und zumal der säulenreichen Unterbauten erinnern ein wenig an die fröhlichen und strotzenden Formen des Heidelberger Schlosses und zeigen, wie feinfühlig der Oberlandbaumeister C. M. Haenel schon 1858/59 die Renaissanceformen wieder tatsächlich neu zu beleben wußte, die dann Jahrzehnte lang leider bald so blutleer oder so voll hohlem Pathos an Mietskasernen und Geschäftsbauten kopiert wurden.

Abb. 1 Döhlener Kohlenbecken mit Windberg

Am Haupteingange befindet sich auf einer Rokokokartusche ein Wappen mit den Initialen v. N. Es ist das Wappen des Geheimrats von Nimptsch, der 1763 Direktor der Porzellanmanufaktur geworden war, hier auf dem Gute seiner Gemahlin, einer geborenen von Haustrin, seinen Lebensabend zubrachte und 1772 eine »Poetische Beschreibung der Zufriedenheit und angenehmen Ruhe auf einem Landgut« veröffentlichte. Sie erzählt mancherlei von den bescheidenen Freuden eines derartigen Herrensitzes auf dem Lande: von Vexierspiegeln und Grotten, von dem »guten Prospekt« und von Wasserkünsten. Viel davon wurde, nachdem Roßthal schon nach der Schlacht von 1745 völlig ausgeplündert worden war, in der Schlacht bei Dresden 1813 zerstört, als Murat die Stellung der Verbündeten zwischen Döltzschen und Gorbitz, das heißt ihren linken, mit der Front nach Osten gerichteten Flügel durch eine Umgehung vom Zschonergrunde her unhaltbar machte und Roßthal so zwischen die feindlichen Feuer geriet. Jetzt erinnert natürlich nichts an den stattlichen, vorzüglich gehaltenen Baulichkeiten des Rittergutes mehr an jene Zeiten der Zerstörung. Ein Bild tiefen ländlichen Friedens ruht es, umsäumt von breitästigen Obstbäumen, so nahe dem lärmenden Plauenschen Grunde, der schon seit Menschenaltern die gleiche sanfte Lieblichkeit eingebüßt hat, die uns nur noch die alten Stiche der Pulvermühle, der Villa Kosel und mancher »pittoresken« Felspartie am Ufer der Weißeritz überliefern.

Abb. 2 »Juchhöh-Schlößchen«

Hier oben aber, abseits der Heerstraße der Industriemächte, da ist alles noch fast wie vor fünfzig oder hundert Jahren. Wie ein Motiv aus Ludwig Richters Skizzenbuche mutet die mit so bewundernswerter anspruchsloser Sicherheit der Maße und Farben am Kreuzweg errichtete Obstbude aus Fachwerk an. Und wie vornehm und trotzdem lieblich liegt drüben das gotisierende Schloß der Grafen Luckner auf Altfranken auf dem sanften Höhenzuge mit seinen vielen Pappeln und Schonungen.

Abb. 3 Denkmal des Freiherrn Dathe von Burgk in Burgk
»Ihren unvergeßlichen am 28. 6. 1897 † Wohltäter die dankbaren Bergknappen«

Unterdes sind wir langsam noch höher gestiegen. Weit liegt das Land nun um uns: nordwärts bis nach der Lößnitz reichbebauten milden Hängen, westwärts ins hügelige Bauernland um Braunsdorf und Kesselsdorf und südwärts hinab in den Grund und hinüber zu der langgestreckten Pyramide des Windberges (vgl. [Abb. 1]). Neu-Nimptsch heißt die Siedelung, an der unser Weg entlang führt. Kleine Häuschen sind es, so wie wir sie jetzt vor der Stadt wieder zu errichten bestrebt sind. Diese hier hat wohl jener Geheimrat von Nimptsch Ende des achtzehnten Jahrhunderts errichtet. Und auch sich selbst baute er an der höchsten Stelle ein Lusthaus, das »Schlössel des Barons« nennen es die Leute, eines jener feinen, kleinen Herrenhäuser ähnlich »Antons« gegenüber dem Waldschlößchen ([Abb. 2]). Der ganze Berg heißt »Jochhöhe«, aber weil er so lustig ins Land schaut, nennt das Volk ihn mit schalkhaftem, sicherem Humor einfach »die Juchhöh«. Daß es übrigens auch ernsthaftes Raten und Taten auf diesen Dörfern gibt, beweist der Anschlag des Gemeindevorstandes, wonach Rauchen und Zuspätkommen in den Gemeinderatssitzungen (Neu-Nimptsch gehört zu Roßthal) verboten ist. Wir denken bei dieser Proklamation wehmütig daran, wie unendlich weit etwa Groß-Berlin in seiner politischen Reife mit seinen Stinkbomben und Tätlichkeiten in parlamentarischen Sitzungen derartigen Hinterwäldlern voraus ist.

Und ähnliche Gedanken über Stadt und Land beschleichen uns, nun wir rasch vorwärts schreitend den Grund in Freital kreuzen mit den protzigen Kitschöldrucken und den vielen Näschereien in jedem zweiten Laden, und anderseits den unschönen Plakaten an allen Ecken.

Freilich auch jeder einzelne Landwirt sollte gerade in seinem Interesse in Sachsen ganz besonders bereit sein, die Not so weiter anderer Kreise verständnisvoll und freiwillig zu lindern, nicht durch Almosen, aber durch werktätige Hilfe, vermittelnden Takt und auch durch wirksame Warnung einzelner skrupelloser Berufsgenossen. Die Früchte werden auch dabei nicht ausbleiben. Und der Landmann weiß, daß die Früchte nicht die schlechtesten sind, die am langsamsten reifen.