II.
Nun haben wir Freital durchquert und steigen langsam auf der Südseite des Tales bergan. Am Huthause von Groß-Burgk vorbei kommen wir bald an das Schloß. Schon im Mittelalter saßen hier Herren von Burgk (Borgk, Borc; Boragh heißt Tannen- oder Fichtenhain). Im sechzehnten Jahrhundert folgte die Familie von Zentsch, im achtzehnten die Familie Seiler-Dathe; 1822 wurde deren Haupt Friedrich August als Freiherr Dathe von Burgk in den Adelsstand erhoben. Die Familie, der außerdem unter anderem noch wie erwähnt Roßthal und ferner das Schloß Schönfeld bei Großenhain gehört, ist durch den Kohlenbergbau so reich begütert. Im Orte nimmt man davon übrigens wenig wahr, da die Schächte jenseits von Höhenzügen südwestlich liegen. (Vgl. aber das Denkmal [Abb. 3].)
Das Schloß selbst ist gleichfalls ein echter ländlicher Herrensitz, dem man anmerkt, daß er organisch und bodenständig entstanden ist. Verspielte und kapriziöse Putten und Rokokoherrschaften, wohl aus Knöffels Zeit (um 1780), blicken von den Pfeilern der Parkmauer. Urnen, Bosketts, alte efeuumsponnene Bäume, deren tiefhängende Zweige einen stillen Weiher streifen, vereinen sich mit dem seltsam vielgiebligen Schlosse mit seinen charakteristisch stilisierten Kaminköpfen und einem raffiniert geschickt in all diese alte, leise, ein wenig holländische Beschaulichkeit hineinkomponierten Papagei zu einem Bilde, wie es so echt selbst – ein Monumentalfilm nicht wiederzugeben vermag.
Am Mausoleum Friedrich Augusts von Burgk auf stiller Vorhöhe und an Bergknappenhäusern, zuletzt an einem Waldwärterhause mit dem Holzbrunnen auf der Wiese unterm Berge vorbei, führt durch Buchen ([Abb. 4]) ein steiler Zickzackweg die etwa zweihundert Meter Steigung zum Windberg hinauf. Der Blick von seiner Höhe, insbesondere von dem so wuchtig und richtig in die Landschaft gestellten König-Albert-Denkmal aus, ist unerwartet mannigfach und eigenartig, besonders durch den unvermittelten Gegensatz von rein industriellen Gegenden und weitem, stillem Land, etwa über Tharandt oder nach Kipsdorf und Frauenstein zu. Den Abstieg nach Deuben nehme man aber auch am Tage nicht abseits der Wege, denn der Steilabhang nach Westen zu ist zum Teil von alten Bergwerksgängen durchzogen, die dichtes Laub manchmal völlig überdeckt. Bei Dunkelheit oder Schnee zumal würde es dem Wanderer leicht schlechter ergehen können, als Görge dem Fiedler, der im Windberge den Zwergen einst zum Tanz aufspielen mußte und dafür die ersten Kohlen erhielt, die sich ihm – wir können es so gut verstehen – in Gold verwandelten.
Abb. 4 Im Buchenwald des Windberges
Die Mittagstunde ist unterdes herangekommen. Danach wandern wir noch von Deuben über Hainsberg-Coßmannsdorf auf Pfaden, die jeder selbst sich suchen mag, auf jene friedvolle Hochfläche hinauf, auf der, wie auf einer Insel von einigen Kilometern Durchmesser, fast allenthalben von tiefeingeschnittenen Tälern umgeben, ein stilles Bauerndorf so zeitlos um sein feinbehelmtes Gotteshaus sich lagert, wie nur irgendwo in Franken oder Schwaben. Wir treten still in die Kirche mit ihrer seit zwei Jahrhunderten fast unversehrten, ganz einheitlichen Ausstattung. Nur siebzehn Pastoren hat sie in fast vierhundert Jahren gehabt. Und der kluge Totengräber, der mit viel richtigem Gefühl die alten Heiligenfiguren aus katholischer Zeit seiner Kirche aus dem lehrreichen Museum im Großen Garten zurückwünscht, hat wohl auf dem Friedhofe allein mit der eindrucksvollen dichten einen Reihe Lebensbäumen ringsum nicht allzuviel zu tun, die Toten so tief unter die Erde zu betten, wie sie sich im Leben über sie erhoben haben. Ja früher, als noch nicht Coßmannsdorf eigene Parochie war, da gab es für den Totenbettmeister mehr zu schaffen, zumal als 1869 die vierhundert Bergknappen in den Windberg zur letzten Schicht gefahren waren und so mancher von den Verunglückten im Lederwams auch hier oben in Somsdorf seine Ruhe fand.
Aber allmählich weht der Abendwind kühler von Westen, wo schon die zackige Linie des Tharandter Forstes schwarz gegen den im letzten Abendschein grell gelben Himmel steht. Noch eine kurze Rast im behäbigen Erblehngericht von 1695 und eine halbe Stunde sanftes Abwärtsschreiten über die Hochfläche erst, dann am Berghange, in dessen hohen Fichten schon die Käuzchen sich ernst und leidenschaftlich suchen, dann nimmt uns mit einbrechender Mondnacht das anheimelnde Gewirr der alten stillen Straßen des leise einschlummernden Tharandt auf.