Wanderbilder aus den Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens

Vom Architekten Professor Richard Michel, Görlitz

5. Von Zittau zur Bertsdorfer Kirche[8]

Das mächtig aufsteigende Werk des genialen Friedrich Schinkel, die Westfront der Johanniskirche, im Rücken lassend, entlang der engen Weberstraße, vorüber an einigen der besten alten bürgerlichen Prachtbauten des »Zittauer Barocks« und an der mittelalterlichen, ehedem unter freundlich rotem Ziegeldach dreinschauenden »Weberkirche«, durch die »Webervorstadt« und »Alte Burggasse« wandernd, gelangt man bald hinter der einstmaligen Burgmühle auf »Altzittaus Gründungsstätte« mit dem Burgberg und dem Burgteich.

Schutzdämme mit kraftvoll aufragenden knorrigen deutschen Eichen umsäumen Matten und Gehege in der zwischen Mandau und Burgmühlgraben gelegenen Umgebung dieses historischen Winkels, der im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einer anziehenden Hainanlage ausgebildet worden ist.

»Hier entstand Zittau«

so lautet die Inschrift des Denksteins auf dem Burghügel zur Kennzeichnung der Stelle, auf welcher im dreizehnten Jahrhundert wahrscheinlich die erste Schutz- und Wehrstätte burgartig angelegt wurde.

Vom vorderen Burgdamm, nächst der Mandau, zeigt sich dem Auge ein schönes Landschaftsbild, das die geschlossene Kette des Iser-, Jeschken- und Lausitzer Gebirges mit feiner Linie segmentförmig als Hintergrund säumt. Tafelfichte, Jeschken, Hochwald und Lausche treten klar in den ihnen eigenen Formen hervor.

Im Mittelgrund, hinter dem Mandauufergelände mit den aufsteigenden Wiesenhängen erhebt sich links die Olbersdorfer, rechts die Hörnitzer Kirche, dazwischen, hinter entfernter liegenden Geländewellen der weißleuchtende Turm der Bertsdorfer Kirche, als ein seit altersher dem Wanderer entgegenwinkendes, weithin sichtbares Wahrzeichen.

Vom westlichen Dammende, welches eine mächtige alte Eiche schützt und schirmt – eine Reckin ihrer Edelart, – um deren Fuß ihres etwa 1,75 Meter im Durchmesser starken Stammes eine holzgezimmerte Bank den Wanderer zur Rast einladet, führt der Weg weiter am Mühlgraben-Stauwehr vorüber über die steinerne Mandaubrücke nach Hörnitz. Hier, das durch ein Turmpaar flankierte, giebelreiche, massig gedrungene Althörnitzer Schloß. Ein vom kunstsinnigen Zittauer Bürgermeister Hartig 1651–1654 errichtetes Baudenkmal hervorragender Art der deutschen Spätrenaissance, das sich auszeichnet durch Verhältniskunst und wuchtende Massenwirkung, wie solche hier besonders die Südseite zeigt.

Beim Anschauen des gesamten Schloßbereiches mit dem Park und Gutshofe versenken sich die Gedanken in die alte Bauweise, in das Großzügige des Baugeistes vergangener Geschlechter, unter welchen die Gestaltung solcher einheitlicher Baugruppen in der Landschaft, mit den Elementen dieser, so durchgeführt werden konnte.

Großartig eindrucksvoll wirkt beispielsweise das durch wunderlich verzweigtes Geäst und feines graugrün schillerndes Laub der mächtigen Kronen zweier Silberpappeln gezierte Einfahrtstor des Schloßguthofes.

Dem Baugeist einer hundert Jahre späteren Zeit verdankt das unweit entfernte ehemalige Neuhörnitzer Schloß, das der Zittauer Kaufmann Gottfried Hering 1751 errichten ließ, seine gute Gestaltung.

Der zwischen beiden schloßherrlichen Anlagen liegende, Alt- und Neuhörnitz trennende wohl älteste Ortsteil »Wall« genannt, gleicht der Anlage einer Wasserburg kleinsten Maßstabes. Ein noch teilweise vorhandener, durch Quellwasser gespeister Wassergraben umgibt eine auf kleiner Insel liegende Wohnstätte. Die in unmittelbarer Nähe rundherum errichteten alten kleinen Fachwerkhäuschen ergänzen die eigenartige Anlage, deren Entstehung mutmaßlich mit der der Zittauer Burgbergwarte erfolgt sein mag in grauer Vorzeit.

Von der von Hörnitz nach Bertsdorf ansteigenden, über einen Geländesattel führenden Landstraße sieht man, nah und fern, rundum in eine liebliche, wechselreich geformte Landschaft – ein Mosaik von zahlreichen Ortschaften des östlichsten Sachsenlandes mit dem schönen Stadtbild Zittaus.

Über dem Sattel, an der Straßensenkung, beginnt einladend der Anfang der hier versteckt in der Dorfbachmulde eingebetteten Ortschaft Bertsdorf, die sich in der Richtung zur Lausche, welche zwischen den Höhen des Jonsberges und Breitenberges den Hintergrund füllt, hinzieht, und allmählich im Gelände hervortretend, hinaufführt bis an den Fuß des Pocheberges.

Zu beiden Seiten des klar dahinrieselnden Dorfbaches und der Straße, sowie an und auf Wiesenhängen bauen sich mannigfach in alter Bauart die Wohnstätten des Häuslers, Webers, Handwerkers, Kleinbauern und die Gebäudemassen ansehnlicher Gutshöfe auf, mit verschiedenartigen, alterhaltenen Gefach-, Ständer-, Riegel-, Bretterwerk und Umgebinden, mit großflächigen, nur durch Dachluken und die Esse belebten Stroh- und Ziegeldächern, an deren Traufen vielerseits die Holzrinne sich zeigt. Steinerne Haustürstöcke mit manchem eigenen Schmuck und sonstigem Überbleibsel guter, sinniger Kleinkunst ausgestattet, sowie die im Pfarrhause gut erhalten gebliebene alte Bemalung einer Holzdecke, legen Zeugnis ab vom Können der vormals volkskünstlerisch tätig gewesenen Kräfte.

Über den Bach sich wölbende alte Quadersteinbrücken verleihen ihrer Umgebung idyllisch-malerische Reize. Die schiefwinklige Straßenbrückenanlage am Kirchgeländefuße mit zinnenartiger Brustwehrkrone, die einzelnen oberlausitzer Brücken solcher Art eigentümlich ist, möge als ein nachahmenswertes Beispiel besonders erwähnt sein. An dieser Steinbrücke ist eingemeißelt die Jahreszahl 1812.

Abseits vom Großindustrieleben atmet man hier gut bäuerliche Luft. Noch ist der Ort verschont geblieben von groben baulichen Verunstaltungen hochbaulicher Art. Bäuerlich-landbürgerlicher Sinn waltet und schafft hier vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht Arbeitszeitgesetzen, sondern dem Zeitweiser der Natur gehorchend.

Mitten im Ort – frei und hoch über dem Bett des Baches – steht die Kirche auf uralter, zur Verehrung göttlicher Allmacht geweihter Stätte, umgeben von ihrem umwehrten Kirchhofe, dessen grünberankte Mauern alte Denkmalskunst bergen.

Sie ist nicht als Werk einer »Ichkunst«, als ein Fremdkörper in die Umgebung »hineingesetzt«, sondern wächst in ihrer schlichten, maßvollen Bauart aus ihr heraus[9], als ein weiß verputzter, unter rotem Ziegeldach geschützter Bau mit markigem Turm, dessen ebenso bedachte Kuppelhaube bekrönt wird durch die grün und weiß gestrichene, formenreichere, offene Laterne, Haubenspitze und Wetterfahne mit der die Bauzeit kündenden Jahreszahl 1674.

So bildet auch hier die Kirche mit dem benachbarten alten Pfarrhause, den Bauernhäusern, Gartengehegen, dem Dorfbach, Strauch- und Baumbestand und der Straße eines jener uns lieben Dorfbilder, wie solche sich allerwärts in unseren sauberen oberlausitzer Ortschaften der erfreulichen Anschauung darbieten.

Die Bauanlage der, an Stelle eines durch Blitzschlag eingeäscherten Gotteshauses, um 1675 erbauten Kirche, übte vorbildlichen Einfluß aus auf die Gestaltung der später erbauten Kirchen in den benachbarten Ortschaften Hainewalde, Spitzkunnersdorf, Niederoderwitz und Eibau.

Das meisterliche Werk ist der verkörperte Ausdruck des Widerwillens gegen eine kleinliche Zerklüftung der Baumasse – ist ein Werk großzügiger Geschlossenheit, ein Beispiel, sprechend für die schlichte Eigenart des kernigen oberlausitzer Landbürgers, der nichtssagenden Äußerlichkeiten abgeneigt, solche Einfachheit schätzt, hegt und liebt.

Im Gegensatz zu dem fast nüchternen Äußeren, verbirgt sich hinter diesem das mit sicherem Können und edlem Geschmack gestaltete, mit Altar, Kanzel, Orgel und Lichtkronen kunstvoll ausgestattete Innere, dessen feierlich ruhige Gesamtwirkung durch eine erneuerte, sehr feinsinnige Farbengebung in weiß, grün und gold wohltuend gesteigert wird. Ein würde- und eindrucksvolles Ganzes ist es – ein anziehendes Herz der Kirchgemeinde.

Wanderers Wunschgedanken

Das Innere solcher schönen Landkirchen sollte man, wie es bei katholischen Kirchen meist üblich ist, durch Offenhalten einer Pforte in eine gesteigerte, lebensvolle Verbindung bringen, nicht nur für Glieder der Gemeinde, sondern auch für von fremdher kommende Freunde der Natur und Kunst, zum Erleben frei erwählter Ruhe- oder Weihestunden.

Deshalb möchten dem Wunsche derer, die vom Alltagsleben abgesondert, in frischfreier Natur auf friedvoller Stätte ein Kircheninneres betreten wollen – zum weilen und ruhen – keine Schranken entgegenstehen.

Sollte nicht so manches Glied der Gemeinde – wenn der rechte Zeitpunkt hierzu gekommen – das Verlangen haben, auch im Alltagsgewand den Raum der Kirche zu betreten, zum Verbringen einer stillen Stunde, zum Nachsinnen – zur eigenen Erbauung des inneren Menschen? – zur Wachrufung sich vernebelnder Erinnerungen? – – –

Es ändern die Zeiten die Wohnstätten, das Dorf und seine Bewohner, – Häuser alter Urahnen und Ahnen lassen sie verschwinden. –

Hier und da birgt das altehrwürdige Gotteshaus die hohen Werte urväterlicher Schaffenslust und kunstfröhlicher Gestaltungskraft. Diese Werte und ihre Entstehungszeiten sprechen zu uns in einer so treuherzigen, wahren Art, daß wir vermeinen mit Urahnen und Ahnen wieder verbunden zu sein. Ihre stumme Sprache bedingt eine feierliche Ruhe, um all die lieben Erinnerungen ernster und freudiger Art auslösen zu können für so manchen, dessen Werdegang von der Taufe bis ins hohe Alter mit dieser Stätte, diesem Raum, in enger Verbindung gestanden hat. – – –

Je nach Herzens- und Gemütsstimmung dürfte jenen und anderen die unverschlossene Gotteshalle Anlaß bieten, eine besondere Feierstunde in ihr zu erleben.

Und wenn zur rechten Abendstunde aus dem offenen Kirchenherzen der Orgel entströmende volkstümliche Weisen dringen könnten, hinab in den Ort, weit in das Land – – – – – so manches Menschenkind würde – bewußt oder unbewußt – dann solcher Töne lauschen oder angeregt durch deren Macht, mitsingen, – sein Sinnen aufwärts lenken, himmelan.


Nachsatz. Die einfache, schöne Bertsdorfer Gotteshausanlage, deren spitzbogige Maßwerkfenster als Nachklänge des Mittelalters in romantische Harmonie treten mit dem barocken Einschlag der Altar- und Kanzelformung, und deren Urheberschaft wahrscheinlich zu danken ist dem genialen, vielseitig tätig gewesenen Dresdner kurfürstlichen Hofarchitekten Wolf Caspar von Klengel, erhebt dieses Werk zu einem Bindeglied der Reihe hochbedeutender Bauschöpfungen jener Zeit, die unter Klengels Leitung zur Ausführung kamen, beziehentlich begonnen wurden.

Diese Bauepoche, während welcher unter anderen die erste Anlage des Großen Gartens und der Bau des darin gelegenen prächtigen Lustschlosses erfolgte, zeitigt im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts den Anfang zu den baukünstlerischen Großtaten in Dresden und diejenige Baukultur in der Oberlausitz, der wir die bedeutenden Werke des »Zittauer Barocks« in der Hausbau- und Denkmalkunst verdanken und die fortlebte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts.

Mit dem Beginn einer einsetzenden schulmäßigen Ausbildung Bauberufener in fernliegenden Großstädten, verlor die örtliche altmeisterliche Kunstübung ihre Kraft und Eigenheit, bis sie schließlich unterging in den Wellen neuer Zeit- und Kunstströmungen, welche zu neuem Leben erweckten die »klassischen Künste«, in deren strengem Geiste nach Friedrich Schinkels Plänen als Umbau errichtet und vollendet wurde die 1837 geweihte

St. Johanniskirche in Zittau.

6. Von der Bertsdorfer Kirche nach Oybin[10]

Von der Bertsdorfer Kirche führen strahlenförmig Straßen-, Feld- und Waldwege in die Ortschaften, Waldungen und auf die Höhen des nahen Zittauer Gebirges. Ein aussichtsreicher, prächtige Blicke in das sich um Zittau weitende Landschaftsbild gewährender Weg, führt am idyllisch gelegenen Hungerbrunnen vorüber, zur Leipaer Straße und durch die Katzenkerbe nach Oybin. Auf der Höhe, hinter der Katzenkerbe, entfaltet sich ein überraschend schönes Gegenbild. Es zeigt das den Oybiner Kessel rahmende Gebirge mit dem Hochwald und den im Mittelgrunde aufgetürmten Sandstein-Quaderberg Oybin.

Oybiner Klosterruine
Nach Originalzeichnung von Prof. R. Michel, Görlitz

Vielbesungene, sagenumwobene Ruinen krönen das Kleinod des Gebirges. In ganz eigener Schönheit, von Waldesgründen umgeben, liegt es, friedvoll eingebettet, vor des Wanderers Augen.

Doch am eindruckvollsten sind die Durchblicke, die aus Waldestiefen die hochthronenden, waldumsäumten Ruinen im Morgen- oder Abendglanz erscheinen lassen.

Im Anblick des verfallenen Klosters,

hoch oben, über Felsenhängen, –

im stillen Frieden der Natur, in der

sich Gott- und Menschenwerk so

wunderbar zusammen eint, –

im Anblick dieser Gottesburgruinen

andächtig weilend, schweigend sinnend,

bis Dämmerung sie umgibt und

letzte Sonnenblicke ihre Zinnen scheidend grüßen, –

welch deutsches Herz – vom Zauber

solcher Herrlichkeit umfangen, –

ergreift hier nicht das Sehnen und

Verlangen nach einem neuen

Morgengrauen – dem Aufgang

neuer deutscher Herrlichkeit in

volkseigener Kunst – in deutscher

Gotteswelt und deutscher Freiheit? –

Anmerkung: Baugeschichtliche Daten nach: Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens. 29. Heft. Amtshauptmannschaft Zittau.