Volkslieder der Sächsischen Oberlausitz
Von Friedrich Sieber, Krostau bei Schirgiswalde
Vor einigen Jahren habe ich versucht, in einer Anzahl Ortschaften der Sächsischen Oberlausitz den noch vorhandenen Schatz an Volksliedern festzustellen. Ich bin nicht als Wandervogel durchs Land gezogen, der mit glücklicher Hand da ein Liedlein fing, dort ein anderes. Als geborener »Edelroller« war ich in den Ortschaften meist beruflich tätig. Mit Alter und Jugend sang ich. Mancherlei Beobachtungen habe ich dabei anstellen können.
Es ist deutlich wahrnehmbar, daß der Schatz der von Ohr zu Ohr überlieferten Lieder rasch im Abnehmen begriffen ist. Die Jugend kennt etwa nur noch die knappe Hälfte der Lieder, die in gleichen Ortschaften dem Alter vertraut sind. Dieses ungefähre Zahlenverhältnis gilt vor allem für bäuerliche Siedelungen. In rein industriell tätigen Gebieten ist die Liedüberlieferung viel mangelhafter. Nicht so ungünstig ist sie meiner Beobachtung nach in Ortschaften, die zwar überwiegend mit Industriearbeitern bevölkert sind, die aber auswärts zur Fabrik gehen. Seßhaftigkeit in vererbten Häuschen und gemeinsamer Fabrikweg können die Tatsache erklären.
Wer singt in den Dörfern die Volkslieder? Stellen sie ein Erbgut dar, allen Bewohnern einer Landschaft gleicherweise vertraut? Nein, die Zeiten der Gebundenheit aller an überlieferte Volkswerte sind auch in der Oberlausitz im Entschwinden. Das Volkslied hat sich aus breiter Öffentlichkeit zurückgezogen. Die größte Anzahl der Männer beachtet es kaum. Frauen sind seine Hüterinnen geworden. In überwiegender Weise ist es ein ganz bestimmter Typus der Frau des Volkes, die das überlieferte Volkslied hegt. Sie ist intellektuell gut veranlagt, sie hat Charaktereigenschaften, die sie zur Hausfrau und Mutter vorzüglich befähigen, sie ist stimmbegabt und meist mit sicherem musikalischen Gehör ausgestattet. Die Stuben, in denen von den Ahnen überlieferte Lieder gesungen werden, sind meistens blank und glänzend. In polnischen Wirtschaften habe ich fast nie alte Lieder singen hören. Bei gemeinsamer Winterarbeit (Federnschleißen) oder an weichen Sommerabenden auf der Bank vor dem Hause, da tritt das Volkslied aus seiner Verborgenheit. Die oben geschilderten Frauen sind die Vorsängerinnen, sie können Text und Melodie. Unter ihrer sichern Führung tauchen Bruchstücke in anderen auf, zagend fallen sie ein, und die getragenen Weisen lassen vergangene Welten wiedererstehen.
Doch ehe wir die Lieder einer Betrachtung unterziehen, die hier als Volkslieder bezeichnet werden, wollen wir uns über den Umfang des Begriffs verständigen. Ich habe in meine Sammelarbeit nicht mit einbezogen:
1. Lieder, die durch Schulpflege lebendig bleiben oder geblieben sind;
2. Lieder, die zum Sangesschatz der Gesangvereine gehören;
3. Lieder, die durch Wandervögel und ähnliche Bewegungen wieder in Umlauf gekommen sind;
4. Selbstverständlich alle modernen Schlager, mit denen gegenwärtig der allergrößte Teil der Sangeslust bestritten wird.
Die Lieder, die abgesehen von den in eins bis vier aufgezählten Arten noch im Volke lebendig sind, die allein wollen wir einer näheren Prüfung unterziehen. Ich habe ein reichliches halbes Hundert derartiger Lieder aufgezeichnet. Ich will einige von denen mitteilen, die meines Wissens nach noch nicht in Sammlungen veröffentlicht sind.
Am zahlreichsten ist das Liebeslied vertreten. Unter ihnen ist die Ich-Form häufig. Da singt ein Mädchen:
Der Vetter Michel liebet mich
Mit deutscher Redlichkeit,
Und wie er liebt, liebt sicherlich
Kein Bauer weit und breit.
Geht er ins Holz, ich bin schon da,
Er gibt mir Käs’ und Brot.
Er fällt das Reis’g, ich bind’s zusamm’,
Wir küssen uns halbtot.
Wenn nun der liebe Sonntag kommt
Da gehen wir zum Tanz,
Da springen wir, wer weiß wie sehr,
Und trinken frisches Bier.
Wenn nun der Tanz ist ausgetanzt
Da gehen wir zu Haus.
Da führt der liebe Michel mich
In Lust und Freud nach Haus.
(Wittgendorf bei Zittau.)
Das folgende Lied bricht an der spannendsten Stelle ab. Eine andre, mit der ersten gar nicht zusammenhängende Erzählung beginnt. Dadurch wird eine geradezu ausgezeichnete Wirkung erzielt:
Wenn ich gleich kein’ Schatz mehr hab’, ’s wird sich einer finden.
Ging das Gäßlein auf und ab, kam bis zu der Linden,
Als ich zu der Linden kam, stand mein Schatz daneben.
Grüß dich Gott, herztausiger Schatz, bist denn du gewesen?
Bin gewesen im fremden Land, hab’ viel Neues erfahren.
Was du Neues erfahren hast, kannst du mir wohl sagen.
Hab’ erfahren dies und das, wünsch’ bei dir zu schlafen.
Schlafen kannst du wohl bei mir, aber nur in Ehren.
Ob es wird in Ehren sein, müssen wir erst sehen.
Zwischen Berg und tiefem Tal saßen einst zwei Hasen.
Fraßen ab das grüne Gras, ja, bis auf den Rasen.
Da sie sich satt gefressen hatten, setzten sie sich nieder.
Warten bis der Jäger kommt, der schießt sie darnieder.
(Friedersdorf bei Zittau.)
Auch das Motiv, das in dem bekannten schwäbischen Lied: Jetzt gang i ans Brünnele, behandelt wird, fehlt unsern heimischen Liedern nicht. Meinem Empfinden nach ist es in mindestens ebenbürtiger Form dargestellt.
Ich ging wohl durch einen gar so lustigen Wald,
Und da kam ich zu ’nem Börnlein und das war so kalt.
Ich setzte mich nieder um eine kleine Ruh’,
Ich hörte den schönen Singvögelein zu.
Ich hörte so lange, bis daß es mich verdroß,
Und da fielen zwei Röslein auf meinen Schoß.
Und die Röslein, die waren von Golde so rut,
Junge Mädchen, die haben einen stolzen Mut.
Ich ging wohl in ein Wirtshaus, ich tanzt aber nicht.
Ich suchte mein schön’ Schätzchen, ich fand’s aber nicht.
Ich suchte in der Stube, ich suchte in dem Haus;
Ei, da stand mein schön’ Schätzchen und lachte mich aus.
Ei lache, immer lache, es wird dich schon gereu’n,
Wenn ich werd’ bei ’nem andern schönern Schätzchen sein.
(Dittelsdorf, Friedersdorf bei Zittau.)
Ein Totenlied, rührend in seiner tiefempfundenen Schlichtheit, lautet folgendermaßen:
Bei mir ist Spiel und Tanz vorbei, das Lachen ist vorüber,
Ich hasse Lieder und Schalmei, und Klagen sind mir lieber.
Ach Gott, wer hätte das gedacht, als ich sie dankbar küßte,
Daß ich so bald die grüne Tracht in Schwarz verwandeln müßte.
Geduldig war sie wie ein Lamm, tat niemand was zu Leide,
Sie war so fromm, so tugendsam, zu aller Menschen Freude.
Und wenn sie kam, da konnte man die Blicke nicht vertragen,
Und wenn sie lachte, mußte man die Augen niederschlagen.
(Wittgendorf.)
Eine Totenklage ist auch das Lied, das in dem bekannten Volksliederbande der Blauen Bücher (Karl Robert, Langenwiesche: Von Rosen ein Krentzelein) unter der Überschrift: »Der Trauernde« (21.–30. Tausend, S. 96) abgedruckt ist. Die von mir aufgezeichnete Lesart ist ausführlicher, verrät aber in einigen dialektischen Wendungen noch den süddeutschen Ursprung.
Die alte Weisheit des Nibelungenliedes: als ie diu liebe leide z’aller jungeste gît, wird lebendig in dem Abschiedsgespräch zwischen einem Burschen, der wandern will, und seinem Mädchen:
Des Sonntags, des Montags in aller Still
Kam eine traurige Botschaft zu mir:
Dieweil ich von mein’m Schätzchen hat Abschied genomm’n,
Da sollt ich nur noch einmal zu ihr komm’n.
Als ich die Gasse herunterkam,
Sah ich mein Feinsliebchen an der Haustür stahn.
Sie winkt mir mit dem Äugelein, sie scharrte mit dem Fuß,
Sie aber wußt es nicht, daß ich wandern muß.
Als ich zu ihr gekommen war,
Sagt sie zu mir in aller, aller Still:
Ich sollt’ sie nicht verlassen in aller ihrer Not,
Ich sollt’ sie treulich lieben bis in den Tod.
Sie an mein schneeweißes Angesicht.
Wie mich die große Liebe hat zugericht.
Kein Feuer auf der Erde brennt nimmermehr so heiß,
Als die verborg’ne Liebe, die niemand nicht weiß.
In Trauern muß ich schlafen geh’n,
In Trauern muß ich wiederum aufersteh’n;
In lauter Traurigkeit verbring ich meine Zeit,
Dieweil ich nicht darf lieben, was mir mein Herz erfreut.
Geht dir’s wohl, so gedenk’ an mich,
Geht dir’s aber traurig, so kränket es mich.
Vom Herzen bin ich froh, wenn’s mir und dir wohl geht,
Obgleich mein junges Leben in Trauern steht.
(Wittgendorf.)
Häufig wird in den Liebesliedern die Ich-Form aufgegeben. Der Liebesstoff wird balladenartig behandelt. Als ein Übergang zu dieser Form kann folgendes Lied angesehen werden:
Warum bist du denn immer so traurig? Weil alles über mich geht.
Drum laß ich den lieben Gott walten, der alles am besten versteht.
So schön wie eine Rose, die fein am Stengel dort steht,
So schön ist auch ein jung’ Mädel, wenn es im Grünkränzel geht.
So falsch wie eine Schlange, die auf der Erde rumkriecht,
So falsch ist ein Junggeselle, wenn er sein Mädel verführt.
Und wenn er sie verführet hat, auf off’ner Straß’ läßt er sie steh’n,
Da denkt sie in ihrem Herzen, wo soll ich nun weiter hingehn?
Der Apfel ist schön rosenrot, schwarze Körner sind darin.
Und wenn der Bursch geboren wird, trägt er einen falschen Sinn.
Ein falscher Sinn, ein froher Mut, das ist der Burschen Gebrauch,
Drum gibt es so viele in Friedersdorf, die lieben die Falschheit auch.
(Friedersdorf.)
In vielen Liedern treten dramatische und epische Bestandteile neben den lyrischen stärker hervor. Mehr oder weniger reine Balladen entstehen. Dazu gehört das schon von Herder im Elsaß aufgezeichnete Lied vom Grafen: »Ich stand auf hohem Berge«, das mit geringen Abweichungen in der ganzen Lausitz verbreitet ist, ferner das Lied: »Es war einst eine Jüdin«, das in etwas umgestalteter Weise den Stoff der Königskinder behandelt und nach der Weise des Grafenliedes gesungen wird. Eine andre Ballade, die mit dem so sehr beliebten Anfang anhebt: »Es stand ein’ Lind’ im tiefen Tal, ist oben breit und unten schmal«, an den sich aber wenigstens drei verschiedene Lieder anschließen, die inhaltlich kaum etwas Gemeinsames haben, enthält einen schönen Liebesgruß, der schon seit dem Ruodlieb (1030) eine beliebte Gedichtform darstellt. Das Mädchen schickt mit dem Boten an ihren Liebsten, der sie vermeintlich verlassen hat, folgende Wünsche:
Ich wünsch’ ihm so viel Wohlergehn, als so viel Stern am Himmel steh’n.
Ich wünsch’ ihm so viel Hochzeitsgäst, als in dem Wald sind grüne Äst.
Ich wünsch’ ihm so viel Herzeleid, als so viel Sand am Meere leit.
Eine stark abweichende Lesart der Ballade ist bei Uhland enthalten (Nr. 116). Das alte Balladenmotiv des verwundeten Burschen, der in den Armen der Geliebten stirbt, wird behandelt in dem auch anderwärts aufgezeichneten Liede: »Es wollt’ ein Mädchen früh aufsteh’n«, dessen dunkle Melodie in hervorragender Weise dem schwermütigen Stoff angepaßt ist. Knapp, rasch fortschreitend ist die Ballade vom Soldaten, der aus dem Kriege zurückkehrt:
Was kann mich denn schöner erfreuen, ju, ja erfreuen,
Als wenn der Sommer angeht.
Es blühen die Rosen im Garten, ju, ja im Garten,
Soldaten marschieren ins Feld.
Und als ich in das fremde Land Österreich kam,
Da gedacht ich gleich wieder nach Haus.
Als ich dann wieder nach Hause kam,
Feinsliebchen stand an der Tür.
»Gott grüß’ dich, du Hübsche, du Feine,
Vom Herzen gefällst du ja mir.«
»Ich brauch’ dir ja nicht zu gefallen,
Ich hab’ schon längst einen Mann.
Einen hübschen, einen feinen, einen reichen,
Der mich ernähren kann.«
Was zog er aus seiner Tasche?
Ein Messer, ’s war scharf und gespitzt.
Er stach’s dem Feinsliebchen ins Herze,
Das rote Blut gegen ihn spritzt.
Und als nun das Mädchen gestorben war,
Da grub man ihr ein Grab
In ihres Großvaters Lustgarten,
Wo Rosen und Rosmarin steh’n.
Ihr Mädchen und Junggesellen,
Nehmt euch ein Beispiel daran.
(Schönbach bei Löbau.)
Es ist ganz zweifellos, daß dem erwähnten Heereszuge nach Österreich ein bestimmtes historisches Ereignis zugrunde liegt. In manchen Liedern tritt das Historische stark hervor. Die Ballade wird zum historischen oder politischen Lied. Ich habe in der Lausitz noch lebendig gefunden das Lied über den Feldzug Napoleons I. nach Rußland: »Napoleon, du Schustergeselle«, weiterhin ein Lied, das den Krieg von 1870 zum Hintergrund hat: »Im Städtchen zu Baden da steht ein Haus«, das aber dem bekannten Sedanliede: »Bei Sedan auf den Höhen«, an Wert nachsteht. Das Interessanteste dieser Gattung ist das über einen großen Teil Europas verbreitete Marlboroughlied, durch dessen Wortprägung und Wortbindung gedämpft der vornehme Glanz hochadligen Hintergrundes leuchtet. Dieses Marlboroughlied hat in der Oberlausitz ein eigenartiges Schicksal gehabt. Der Eingang: »Marlborough zog zum Kriege«, hat sich eine kühne volksethymologische Umdeutung gefallen lassen müssen. Was war dem biedern Lausitzer, der sangeslustigen Dorfdirne, der stolze Britenherzog Marlborough? Und so begann der Lausitzer das Lied: »Mein Bruder zog zum Kriege«. Nun konnte nicht mehr Madame in die Höhe steigen, um nach den Vermißten Ausschau zu halten, der zu Ostern kommen wollte, sondern die Schwester tut es. Nun kommt nicht mehr der Page, der die Trauerbotschaft bringt, der höfisch und fein spricht:
»Das Neue, das ich bringe, macht schöne Augen naß.
Leg’ ab die ros’gen Kleider und deinen Blumenschmuck.
Dein Marlbruck ist gestorben, tot und begraben schon.«
Drei Burschen kommen gezogen, von Blute rot, Mitkämpfer sind sie gewesen. Anspruchslos und schlicht sprechen sie:
»Das Neuste, das wir bringen, macht dir die Äuglein naß.
Dein Bruder ist erschossen, ist tot und lebt nicht mehr.«
Durch alle diese folgerichtigen Änderungen ist die Handlung der Ballade aus der großen Welt in den engen Kreis des Volkes verpflanzt worden, ohne etwas von ihrer Tragik zu verlieren.
Aber nicht nur harte politische Tatsachen haben im Volkslied ihren Niederschlag gefunden. Viele von ihnen sind vom kulturhistorischen Gesichtspunkt aus aufs höchste belehrend. Vor allem fesselt den Literarhistoriker manch seltsames Lied, das unter dem Namen Volkslied durchschlüpfen will, weil es vom Volke gesungen wird. Das echte Volkslied, das wurzelhaft dem Volke entwachsen ist, zeigt eigentümliche Merkmale, die ihm einen wundersamen, unnachahmlichen Zauber verleihen. Das Volk, das solche Lieder hervorbringt, ist gleichsam eine ungeheure, sich selbst unbewußte Individualität, von einer mächtigen Lebensform beherrscht, die in seinen Gestaltungen nach Ausdruck ringt. Je näher wir der neueren Zeit rücken, desto fühlbarer zerbricht der Kosmos Volk. Gruppen und Einzelwesen entreißen sich seinem magischen Banne. Neben die Dichtung des Gesamtvolkes tritt die Dichtung der schöpferischen Persönlichkeit. Aber in allen gesunden Zeiten besteht eine starke, untergründige Verbindung zwischen Volk und Persönlichkeit. Beide hängen zusammen wie Mutter und ungestümes Kind. Eins steigert das Wesen des andern. Wieder eine solche reine Verschränkung zwischen Volk und Einzelwesen entstehen zu sehen, ist unser aller Sehnsucht; denn seit Beginn der neuesten Zeit ist die Lebensform Volk in Millionen Atome zersplittert. Jedes Glied der einstigen Gemeinschaft hat das Recht betontester Einzelexistenz an sich gerissen. Die Folge dieses Vorgangs ist auf künstlerischem Gebiet die Zerstäubung jedes Stilgefühls. In Zeiten tiefer Bindungen wird der Mensch in einen Stil hineingeboren, dessen Träger das Gesamtvolk ist. Nach Zertrümmerung des tragenden Mutterschoßes wird Stil zu einer Aufgabe, die jeder im individuellen Leben in zuchtvoller Arbeit lösen muß. Da dies aber nur wenig Begnadeten möglich ist, bleibt die Masse der Glieder eines Volkes in lebengestaltender Hinsicht im Chaos. Der Instinkt für angemessene Form ist verloren gegangen. Wahllos ist die Masse jedem Einfluß hingegeben. Daß dies nicht erst ein Entwicklungsergebnis der unmittelbaren Gegenwart ist, beweisen eine Anzahl Lieder, die deutliche Spuren flüchtiger Literaturmoden an sich tragen, die der bewertende Beurteiler mit gutem Gewissen als minderwertig bezeichnen kann. Drei Einflüsse dieser Art sind in einer Anzahl der von mir gesammelten Lieder deutlich wahrnehmbar. Zum ersten sind es die Schauerromane, die an der Wende des neunzehnten Jahrhunderts sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuten. Besonders häufig sind die Schauer des Kirchhofs verwendet worden. Dort finden wir während der »süßen« Geisterstunde den Liebhaber, dessen Mädchen starb. An der Kirchhofsmauer rauscht es. Eine weiße Gestalt naht, still und sanft, voller Trauer. Wilhelmine ist es. Flehend bittet der Liebhaber, ihn mitzunehmen in ihre Totenkammer. Aber allein entschwindet sie ihm. Nicht nur Stoff und Behandlungsart verraten die Entstehungszeit dieses Liedes. Wer sich einmal die lehrreiche Mühe machte, die Vornamen unsrer Vorfahren zusammenzustellen, wird finden, daß Wilhelmine eine ganze Zeit hindurch im ersten Teil des neunzehnten Jahrhunderts ein ausgesprochener Modename war. Noch ein andres Schauerlied möge Erwähnung finden. Es erzählt, wie ein Schlossergesell’ nach jahrelanger Wanderschaft zu seinen Eltern, die ein Gasthaus haben, zurückkehrt. Der Bursche gibt sich nur seiner Schwester zu erkennen. Um Mitternacht ermordet der Vater, von Neugier und Habsucht getrieben, den unbekannten Fremdling. Dies Lied ordnet sich wichtigen literarhistorischen Zusammenhängen ein. Es behandelt einen ganz ähnlichen Stoff, wie die Tragödie Fatal curiosity des Engländers George Lillo, die zum Ausgangspunkt der Schicksalstragödie wurde, die mit Hilfe des entfesselten Geisterchors, durch entsetzliche Bluttaten und Verbrechen, Schauer und Entsetzen erregen wollte.
Um dieselbe Zeit, als in Deutschland die Schicksalstragödien blühten, waren die tugend- und rührsamen Familiengeschichten des Feldpredigers August Heinrich Julius Lafontaine in Mode. War er doch sogar ein Lieblingsschriftsteller der Königin Luise. Auch dieser Einfluß ist in einigen Liedern deutlich nachzuweisen (z. B.: Steh ich hier am eisern Gitter).
Mit diesen beiden Einflüssen hat auch die dritte der damals herrschenden Moden ihren Niederschlag in Liedern gefunden. Es ist die nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen wildwuchernde Ritterromantik. Deutschland wurde von Ritterdramen und Ritterromanen überschwemmt. Welche köstlichen unfreiwilligen Parodien entstanden, mag eine Probe zeigen:
Eine Heldin, wohl erzogen, mit Namen Isabell,
Die schoß mit Pfeil und Bogen, so gut wie Wilhelm Tell.
Ein Ritter, jung an Jahren, mit Namen Eduard,
Der sich beim Ringelspiele in sie verliebet hat
Er gab ihr zum Geschenke, den schönsten Blumenstrauß,
Doch nichts konnt’ sie erfreuen, sie schlug ihm alles aus.
Er gab ihr zum Andenken, den schönsten Trudihahn,
Doch nichts war ihr zur Freude, von ihm nahm sie nichts an.
Fahr’ hin, du Stolze, du Spröde, dein Stolz wird dich gereu’n,
Du wirst noch Tränen weinen, wenn ich werd’ nicht mehr sein.
Einst ritt sie eine Strecke, als Jägerin in das Holz,
Da saß in einer Ecke ein Bär, in Ängsten stolz.
Gleich stieg sie von dem Pferde, das stolze, kühne Weib,
Und schoß mit ihrem Pfeile, das Untier durch den Leib.
Das Roß mußt ihrer warten, sie eilt von ihm zum Wild –
Wen erblickt sie? Eduarden, in Bärenhaut gehüllt.
Und kaum verging’n sechs Wochen, verzehrt von Gram und Schmerz,
Begrub man ihre Knochen, zu Füßen Eduards.
(Krostau.)
Doch nicht mit diesen Tönen wollen wir eine Abhandlung über Volkslieder der Sächsischen Oberlausitz schließen. Das soll eine kurze Betrachtung mundartlicher Dichtungen tun. Mundartliche Lieder, die über den Interessenkreis eines bestimmten Dorfes (Beziehungen auf bestimmte Personen und Vorkommnisse) hinausgehen, sind nicht zu zahlreich. Ihr gemeinsames Merkmal besteht darin, daß sie fast ausnahmslos Scherzlieder sind. Da werden die üblichen Berufe einer scherzhaften Prüfung unterzogen. – Die besorgte Mutter schlägt der Tochter aus jedem Berufe »Einen« vor. Aber das Töchterchen ist wählerisch. An jedem hat sie auszusetzen:
Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne,
D’r Leinwabr stroamplt mit Händ’n und Füss’n,
Ar könnt’ mich mit ’n Schütz’n erschissen,
Nee, Mutter, nee, ’n Leinwabr, dan mag ’ch ne.
Doch endlich hat sie den rechten gefunden:
Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
D’r Spieler hot verschied’ne Puppen,
Ar läßt mich monchmol o mit hupp’n,
Ja, Mutter, ja, ’n Spieler, dan will ’ch hon.
(Naundorf bei Gaußig.)
Anspruchsloser ist eine andre Dorfschöne:
Hans’l soaß an Uf’nloch
Und flickte seine Schuh,
Da koam Nubbersch Gret’l
Und guckt d’r Arbeit zu.
Hons, wenn de heiroatst, do heiroatst de mich,
Ich hoa ja no’ drei Pfenn’ge, die lang’n fer mich und dich.
Und wenn mer wer’n verheiroat sein, do hoa mer no kee Haus,
Nu, do keef m’r uns an Henkltop und do guck m’r ub’n ’naus.
(Goldbach.)
Aber was sich hinter der holden Hülle der Schönen verbirgt, das kommt erst nach der Ehe zum Vorschein. Das kann uns der unglückliche kleine Mann erzählen:
Es woar amol a klenner Moan, vi – vallera,
Dar wullt a grußes Weibl hoan, hm, hm, hm.
Doas Weibl wullt ze Boalle giehn,
Dar kleene Moan wullt o mit giehn,
Moan, du mußt drheeme bleib’n,
Du mußt ’n Kinnern Samm’l reib’n.
Und oals de Fro vum Boalle koam,
Da stand ar durt und leckte droan.
Do noahm de Fro ’n Bas’nstiel,
Und hieb ’n Moan, doaß ar fiel.
D’r Moan, dar huppt a’s Butterfoaß:
»Nu kumm ock har, und tu’ m’r woas.«
D’r Moan, dar huppt zum Fanster ’naus,
Und lief gor schnell a Nachboars Haus.
»Herr Nubber, ich will se emol woas soin:
Mich hut su sehr de Fro geschloin.«
D’r Nubber soite nischt drzu,
Ar duchte: Mir gieht’s salber su.
(Naundorf.)
Ein andres Lied erzählt in neckischer Weise die Geschichte von der Bauersfrau, die dem Pfäfflein einen Hirsebrei mit einem halben Schock Eiern kocht, während der Bauer im Holze ist.
Ich muß gestehen, daß es mir nicht ganz unbedenklich erscheint, daß der Lausitzer mundartlich nur Scherzlieder kennt. Empfindet er seine Mundart selbst als komisch? Der Spaßmacher spricht Mundart. Oder ist sein innerstes Wesen überwiegend aufs Komische gerichtet, für Tragisches schwer zugänglich? Das glaube ich nicht. Vielleicht ist er zu verschlossen und zu unbeholfen, um seine tiefsten Empfindungen dem Worte anzuvertrauen.
Wenn wir im Vorangegangenen die Texte der Volkslieder einer Prüfung unterzogen haben, so müssen wir uns dabei bewußt bleiben, den unwesentlichen Liedteil betrachtet zu haben. Der Träger des Volksliedes ist die Melodie. Das wird dem Sammler oft in eindringlicher Weise deutlich. Die meisten seiner Gewährsleute können ihm das Lied nicht aufsagen, sondern nur vorsingen. Mit der Melodie stellt sich der Text ein. Ganz dürftige Texte sind um ihrer Melodie willen beliebt, während wertvolle Texte, wenn sie unsanglich sind, vernachlässigt werden. Im allgemeinen kann jedoch behauptet werden, daß Text und Melodie zu einer stilvollen Einheit verschmolzen sind. Text und Melodie offenbaren eine einfache, natürliche, undifferenzierte Empfindungsweise. Vor allem die Melodie bringt meist in hervorragender Weise typische Empfindungszustände, wie Ausgelassenheit, Freude, Lust, behagliche Zufriedenheit, Trauer, Schmerz zum Ausdruck. Gerade in dieser typisierenden Darstellung von Seelenzuständen liegt ein wesentlicher Grund der allgemeinen Beliebtheit des Volksliedes.
Nochmals: »Pflanzt Nußbäume«[11]
Von B. Voigtländer
Den Ausführungen Klengels in Heft 10 bis 12 des vorigen Jahrganges unsrer Mitteilungen wird jeder Natur- und Heimatfreund zustimmen; der Nußbaum ist tatsächlich nicht nur ein wertvoller Nutzbaum, sondern er befriedigt auch unser Schönheitsgefühl durch seinen hohen Schmuckwert. Da wir jetzt gezwungen sind, das Größtmöglichste aus unserem Boden herauszuwirtschaften, möchte ich noch auf einen anderen, weniger bekannten Nußbaum hinweisen, der wegen seiner hervorragenden Eigenschaften die gleiche Beachtung verdient, wie der bei uns zumeist angepflanzte gewöhnliche oder Walnußbaum, Juglans regia.
Es ist der amerikanische oder schwarze Nußbaum, Juglans nigra; er übertrifft in Schnellwüchsigkeit und Schmuckwert den Walnußbaum, ist für unser Klima genügend hart und stellt keine höheren Ansprüche an die Bodenbeschaffenheit. Seine Schnellwüchsigkeit ist in dendrologischen Werken und Fachzeitschriften wiederholt dargelegt worden, außerdem bin ich in der Lage, ein treffliches Beispiel dafür aus eigener Anschauung anzugeben. Der Tharandter Forstgarten besitzt je einen, vor etwa dreißig Jahren gepflanzten Baum beider Arten. Während nun Juglans nigra in Brusthöhe bereits einen Umfang von ungefähr einen Meter hat, mißt Juglans regia erst gegen siebzig Zentimeter. Hierzu kommt noch, daß ersterer gegen fünfzig Meter hoch wird, während der letztere selten eine Höhe über zwanzig bis fünfundzwanzig Meter erreicht. An Holzzuwachs übertrifft also der schwarze Nußbaum den Walnußbaum ganz erheblich.
Juglans nigra hat eine schmälere Krone als Juglans regia, seine schmäleren Blätter stehen nicht so dicht, lassen also mehr Sonnenlicht durch die Krone. Die Anpflanzung wird sich also namentlich dann empfehlen, wenn die pflanzliche Umgebung des Baumes durch zu tiefen Schatten, wie ihn der Walnußbaum meist gibt, ungünstig beeinflußt würde. Einen Mangel hat der Baum allerdings; seine Früchte sind nicht so wertvoll wie die des Walnußbaumes. Da Schale und Kernhaus sehr dickwandig sind, bleibt für den Inhalt nicht viel Raum; der Kern bleibt klein und wird zudem wegen seines starken Ölgehaltes sehr leicht ranzig. Dieser Nachteil will mir aber nicht als ausschlaggebend erscheinen, da ich die Früchte des Walnußbaumes nicht als Nahrungsmittel, sondern nur als Naschgelegenheit ansprechen möchte. Meines Erachtens wiegt der hohe Wert, den der schwarze Nußbaum als Nutzholzerzeuger hat, den Mangel der Früchte mehr als doppelt auf. Das Holz des amerikanischen Nußbaumes wird in Zukunft noch mehr begehrt werden als schon jetzt, weil es ein sehr wertvoller Stoff für die Herstellung von Flugzeug-Propellern ist.
Auch in bezug auf Anpflanzung und Pflege ist die amerikanische Nuß nicht anspruchsvoller als die gewöhnliche Walnuß. Am besten fährt man, wenn man den Baum nicht pflanzt, sondern die Nüsse an Ort und Stelle legt. Die beste Zeit dafür ist der Herbst; man erreicht dadurch, daß ungefähr achtzig vom Hundert zum Keimen kommen, während bei der Frühjahrssaat nur bei etwa sieben vom Hundert ein Erfolg eintritt.
Ist man gezwungen, einen amerikanischen Nußbaum zu verpflanzen, so achte man darauf, daß das sehr fleischige und leicht eintrocknende Wurzelwerk vollständig erhalten bleibt, auch setze man es nicht unnötig lange der Luft und Sonne aus, sondern pflanze den Baum sofort wieder ein. Dies gilt übrigens für beide Nußbaumarten. Beachtet man diese Hauptregel, so wird man kaum Verluste zu beklagen haben.
Es könnte noch die Frage auftauchen, ob nicht etwa das Vaterlandsgefühl verletzt würde, wenn man amerikanische Nußbäume zahlreich anpflanzte. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß der Walnußbaum in unsrer engeren Heimat von Haus aus auch nicht bodenständig ist. Dem Dresdner Heimatfreunde bietet sich Gelegenheit, einen sehr großen amerikanischen Nußbaum an der Villa 78 an der Schnorrstraße zu bewundern. Er ist wahrscheinlich der größte derartige Baum von Dresden und der weiteren Umgebung.