Aus einem alten Stammbuche
Von Geh. Reg.-Rat Benno von Polenz
Vor mir liegt ein altes Stammbuch aus dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts. Es trägt den Titel
Denkmahl der Freundschaft
gestiftet von Christian Ferdinand von Reiboldt.
Reinsdorff 1772.
Die Einträge sind aus den Jahren 1772 bis 1777.
Christian Ferdinand von Reiboldt entstammte einem inzwischen ausgestorbenen vogtländischen Adelsgeschlechte, an welches noch jetzt die Ortsnamen »Reiboldsruhe« und »Reiboldsgrün« erinnern. Die Überlieferung berichtet, es habe früher »das halbe Vogtland« der Familie von Reibold (so schrieb sie sich zuletzt) gehört. Der Vater Christian Ferdinands besaß Reinsdorf, ein Gut in nächster Nähe von Plauen. Hier ist unser Christian Ferdinand im Jahre 1754 geboren worden. Den ersten Unterricht erhielt er von Haushofmeistern, wie es damals bei jungen Kavalieren der Brauch war. Es waren Kandidaten der Theologie. Ihre Namen sind am Schlusse des Buches verewigt. Sie haben sich bescheidentlich auf den letzten Blättern eingetragen, obwohl die Einträge der Zeit nach zu den ersten gehören. Christian Ferdinand hat dann (offenbar im Jahre 1773) die Universität Leipzig bezogen und dort seine Studien bis zum Jahre 1777 fortgesetzt.
Er hat – den Einträgen nach zu schließen – einen großen Bekanntenkreis gehabt. Wiegt zunächst der grundbesitzende Adel der näheren und weiteren Umgegend von Plauen vor, so treten von dem Augenblick an, wo Christian Ferdinand von Reiboldt nach Leipzig kommt, das Bürgertum und die gelehrten Kreise sowie die Studentenschaft in den Vordergrund.
Leipzig stand im achtzehnten Jahrhundert im Mittelpunkt des geistigen Lebens. Darum hatte Goethes Vater im Jahre 1765 mit solchem Nachdrucke verlangt, daß Leipzig die erste Universität sei, die sein Sohn besuchen solle. Allerdings waren inzwischen zwei der berühmtesten Professoren – Gottsched und Gellert – gestorben. Immerhin besaß Leipzig noch eine Anzahl von Männern, deren Namen einen guten Klang hatten, vor allem die Professoren Clodius und Ernesti, sowie den Singspieldichter und Jugendschriftsteller Weiße, einen der vertrautesten Freunde Lessings, der auch auf den jungen Goethe nicht ohne Einfluß gewesen war. Noch immer standen jedem Kunstbegeisterten die Kunstanstalten und die reichen Sammlungen Leipziger Bürger zur Verfügung. Noch immer war Leipzig der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels und Buchgewerbes, wo die wichtigsten Erzeugnisse deutschen Geisteslebens gedruckt, verlegt und vertrieben wurden. Noch immer kamen bedeutende Leute von auswärts herbei, um für einige Tage oder Wochen die Luft Leipzigs zu atmen, denn die einmal geschaffene geistige Atmosphäre verflüchtigt sich nicht so leicht, um so mehr als die Abzugskanäle – Verkehrs- und Zeitungswesen – damals viel enger waren als heutzutage.
Neben Wissenschaft und Kunst blühte in Leipzig der gesellige Verkehr. Goethe hatte ihn selbst in reichem Maße genossen. In den Familien der großen Handelsherren, nicht zum wenigsten in denen der Buchhändler, waren Studenten, die sich dem Tone des Hauses anzupassen wußten, gern gesehene Gäste. Wie herzlich sich die Beziehungen Goethes zu der Familie des feinsinnigen Buchdruckers und Musikalienhändlers Johann Gottlob Immanuel Breitkopf gestaltet hatten, geht aus dem achten Buche von »Dichtung und Wahrheit« hervor. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß Goethe, nachdem er Leipzig verlassen hatte, in brieflicher Verbindung mit der Familie Breitkopf blieb, hierbei den jüngeren Sohn mit »Bruder Gottlob« anredete und des älteren unter der gleichen Bezeichnung – »Bruder Bernhard« – gedachte[2].
Daß der Verkehr der Studenten untereinander sich gleichfalls immer in so gesitteten Bahnen bewegt habe, muß, wenn man sich die Szene in Auerbachs Keller vor Augen hält, billig bezweifelt werden. Immerhin wissen wir aus »Dichtung und Wahrheit«, daß auch innerhalb der Studentenschaft Quellen geistiger Anregung flossen.
Dies war die Umwelt auch unsers jungen Reiboldt. Die Einträge im Stammbuche reden eine deutliche Sprache. Der Zahl nach überwiegen naturgemäß die Einträge von Studenten. Aus allen Gegenden Deutschlands stammen sie. Aber auch Ausländer haben sich verhältnismäßig häufig eingezeichnet. Man würde sie nach ihrem Namen und nach der Art ihres Eintrags nicht immer als solche erkennen, wenn nicht viele der Einzeichner nach guter alter Sitte bei ihrem Namen die Heimat angegeben hätten. Wir finden Leute aus Holland, England, Dänemark, Schweden, Norwegen, Kurland, Livland, Estland, Polen und dem eigentlichen Rußland.
Von den Universitätslehrern haben sich eingetragen:
Der in Gottscheds Bahnen wandelnde Christian August Clodius, Professor der Philosophie und Poesie (Goethe hatte seine Vorlesungen besucht, ihn aber als Dichter nicht allzuhoch einzuschätzen gewußt und ein seine dichterischen Eigenheiten nachahmendes Spottgedicht verfaßt),
Johann August Ernesti, berühmter Philolog und Theolog (Goethe, dessen Sinn ursprünglich nach Göttingen stand, hatte sich mit Leipzig in der Erwartung abzufinden gewußt, daß er dort unter anderen auch Ernesti würde hören können),
Hofrat Johann Gottlob Böhme, Professor der Geschichte (hatte für Goethe den Studienplan aufgestellt, freilich ohne sich dessen Beifall zu erwerben; anderseits war »Madame Böhme« bemüht gewesen, dem jungen Studenten die für Leipzig unbedingt erforderliche Lebensart beizubringen),
Hofrat Carl Andreas Bel, Professor der Poesie und Universitätsbibliothekar,
Dr. Christian Rau, Professor der Rechtswissenschaft,
der Universitätsfechtlehrer (maître des armes de l’academie) Georg Gottfried Michaelis (Reiboldt vermerkt: »Einer der seltenen Edeln!«).
Ferner finden sich Einträge des schon erwähnten Jugendschriftstellers Christian Ferdinand Weiße, der im Hauptberufe Kreissteuereinnehmer war und sich als solcher eingezeichnet hat, sowie des Lustspieldichters Johann Friedrich Jünger, der allerdings damals noch studierte. Gleichfalls Student war zur Zeit seiner Einzeichnung C. F. Ludwig, offenbar Christian Ferdinand Ludwig, der Sohn jenes Hofrats Ludwig, bei dem Goethe zunächst seinen Mittagstisch gehabt hatte. Der Sohn wurde später Professor der Chirurgie und fruchtbarer Schriftsteller in der Heil- wie in der Pflanzenkunde, bei dem sich Goethe für seine Forschungen Rat holte. Zu den damals noch unentdeckten Gestirnen gehört ferner Wilhelm Becker, der sich im Oktober 1776 eingetragen hat. Er wurde 1795 Inspektor der Dresdner Antikengalerie und des Münzkabinets und erhielt 1805 auch die Aufsicht über das Grüne Gewölbe. Goethe erwähnt in einem Briefe an Schiller Beckers Schilderung des Tales von Seifersdorf, die durch Kupferstiche[3] erläutert in dem von Becker herausgegebenen »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen« erschienen war. In diesem Zusammenhange muß auch eines Eintrags des Kunstschriftstellers und Generaldirektors der Sächsischen Kunstakademieen Christian Ludwig von Hagedorn gedacht werden. Goethe war ihm vorgestellt worden, als er im Jahre 1768 von Leipzig aus Dresden besuchte, und Hagedorn, erfreut über seine Kunstbegeisterung, hatte ihm persönlich seine Sammlungen gezeigt. Auch Reiboldt, der in so mancher Hinsicht auf Goethes Spuren gewandelt zu sein scheint, hat Hagedorn offenbar bei einem mehrwöchigen Besuche in Dresden kennen gelernt, den er während seiner Studienzeit ausführte.
Bemerkenswert ist, daß sich unter den Einzeichnern auch ein Schauspieler befindet, der zur Bondinischen Gesellschaft gehörende Friedrich Günther. (Der Besitzer des Buches kennzeichnet ihn in einem Randvermerke: »Einer der ersten deutschen Schauspieler im komischen Fach und ein braver Mann).« Das gesellschaftliche Vorurteil gegen die Schauspieler, unter dem noch die Neuberin (gestorben 1760) zu leiden hatte, war also damals doch schon stark geschwunden.
Daß Reiboldt auch in den Kreisen der Leipziger Bürgerschaft verkehrt hat, geht aus den Einträgen von Christoph Gottlob Breitkopf (dem schon erwähnten »Bruder Gottlob«) sowie seiner Schwester Konstantia (von ihren näheren Bekannten meist »Stenzel« genannt) hervor. Stenzel hatte seiner Zeit Goethes Vertraute bei seinem Liebeshandel mit Kätchen (Annette) Schönkopf gespielt und ist von ihm in der »Laune des Verliebten« verewigt worden, denn hinter den Schäfernamen dieses Stückes steckt niemand anders als auf der einen Seite Goethe selbst in seiner leidenschaftlichen Laune und das von ihm geplagte Kätchen, und auf der anderen Seite die muntere Stenzel und Goethes übermütiger Freund Horn. Stenzel hat sich im Jahre 1774 mit dem Dresdner Arzte Dr. Oehme verheiratet[4]. Reiboldt, der sie offenbar noch von Leipzig her kannte, hat sie, wie aus ihrem Eintrage hervorgeht, im Jahre 1776 in Dresden besucht. Dies und andere Umstände deuten darauf hin, daß der Verkehr Reiboldts im Breitkopfschen Hause sich nicht bloß auf gelegentliche Besuche beschränkt hat. Daß es auch damals noch lebhaft im Hause Breitkopf zuging, berichtet der Musikschriftsteller Reichardt im Jahre 1772:
»Das ansehnliche Breitkopfische Haus war ein sehr gastfreies, und mancher Abend wurde da unter frohen Spielen und lebhafter, witziger Unterhaltung durchlebt, bald mit Musik, bald mit sinnreichen und lustigen Aufführungen dramatisierter Sprichwörter. Man erzählte damals noch oft davon, wie Goethe wenige Jahre vorher in diesen Spielen geglänzt habe.« –
Ob Reiboldt ein Autographenjäger gewesen ist? Fast könnte man es vermuten, wenn man in seinem Stammbuch Einträge von Lessing, Goethe und Ramler findet. Billigerweise werden wir uns aber sagen müssen, daß die Bitte um einen Stammbucheintrag damals wohl auch dem Fernerstehenden nicht unbedingt verdacht wurde. Lessing hat sich am 20. Februar 1775 eingezeichnet. Er hat damals auf einer Reise von Berlin nach Wien in Leipzig Halt gemacht. Goethes Eintrag ist vom 31. März 1776. Er war damals von Weimar aus auf reichlich eine Woche herübergekommen, um sein geliebtes Leipzig nach der Studentenzeit zum ersten Male wiederzusehen. Wie dringlich es ihm mit diesem Besuche gewesen ist, geht daraus hervor, daß er erst seit dem 7. November 1775 in Weimar weilte! Ramlers Eintrag ist vom 22. Juni 1776. Ramler (damals Professor an der Kadettenanstalt in Berlin) galt als der Mann, der die deutsche Sprache am besten beherrschte. Trotzdem hat er nichts Eigenes, sondern einen Vers von Logau eingetragen. Lessings Eintrag ist ziemlich farblos. Er lautet ins Deutsche übersetzt: »Besser keinen Freund als einen oberflächlichen!« Viel bedeutsamer ist Goethes Eintrag: »Wer gern zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen!«
Daß Reiboldt zu dem Goetheschen Eintrage durch die Familie Breitkopf gekommen ist, halte ich nicht für unwahrscheinlich, denn Goethe hat bei seinem Besuche in Leipzig den oft gegangenen Weg zum »Silbernen Bären« sicherlich wiedergefunden. Die Einträge von Lessing und Ramler sind vielleicht durch Weiße vermittelt worden.
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Nach alledem werden wir annehmen dürfen, daß Christian Ferdinand von Reiboldt am geistigen Leben seiner Tage einen mehr als gewöhnlichen Anteil genommen hat. Er scheint aber auch ein Mann von gutem Geschmack gewesen zu sein, wenn anders wir aus der Gestaltung des Buches einen Rückschluß auf die Gesinnung des Besitzers ziehen dürfen.
Abb. 1 Titelblatt
Auf jeden Fall spricht das Buch für den hohen Stand, den das Buchbinderhandwerk damals eingenommen hat. Solid und dabei doch gefällig ist schon das lederüberzogene, zum Auseinanderziehen und Ineinanderschieben eingerichtete Behältnis. Der Rücken dieses Futterales trägt die Aufschrift »Stammbuch« und ist im übrigen so gestaltet, wie es bei den gedruckten Büchern der damaligen Zeit üblich war, so daß man das Stammbuch nicht nur auf den Tisch legen (wie wir es mit dem sogenannten »Album« zu tun pflegen), sondern auch – wohlverwahrt gegen Staub und Schmutz – in die Bibliothek neben andern Büchern einstellen konnte. Und nun das Buch selbst. Der Einband besteht aus rot und schwarz marmoriertem Pergament, dem reizvolle Goldornamente aufgepreßt sind, aus denen auf der Vorderseite die Anfangsbuchstaben des Namens, auf der Rückseite die Jahreszahl deutlich, wennschon nicht aufdringlich, hervortreten. Klappen wir den Deckel auf, so finden wir auf den beiden ersten Seiten an Stelle des Vorsatzpapieres einen Bezug von zartblauer Seide. Dann folgt auf den beiden nächsten Seiten links das Reiboldtsche Wappen, rechts der oben angeführte Titel, dessen zierliche in lichtroter Farbe gehaltene Umrahmung mit den blauweißen Wappenfarben gut zusammengeht.
Abb. 2 Reiboldtsches Wappen
Abb. 3 Allegorisches Wappen
Nun folgen dreihundertachtundfünfzig Seiten, von denen über dreihundert beschrieben oder bemalt sind. Wenn die Einzeichner adligen Standes waren, so ist auf der gegenüberliegenden Seite das Wappen in bunten Farben wiedergegeben. Ein Teil der Wappen ist von ebenderselben Hand gemalt, die auch das Titelblatt hergestellt hat. Diese Wappen zeichnen sich dadurch aus, daß sie in geschickter Weise in gekreuzte Palmen- und Lorbeerzweige gebettet sind, die rechts und links um das Wappenschild bis etwa zur halben Höhe herumgreifen; ein Schmuckgedanke, der sich bei den Wappenabbildungen im achtzehnten Jahrhundert öfters vorfindet. Der Maler, dem wir die Ausschmückung des Stammbuches verdanken, hat sich auf einem der letzten Blätter eingetragen. Unter seinem Künstlerwappen mit der Göttin Minerva, die eine Fahne in der Hand hält, stehen die Worte:
Plauen, am 3. des Hornung 1774.
Auf gnädigen Befehl des Hochwohlg. Herrn Besitzers habe dieses beifügen und mich zu Gnaden empfehlen wollen.
Christian Friedrich Zimmermann, Kunst- und Portraitmaler.
Unter den übrigen Bildern zeichnen sich mehrere durch ihren allegorischen (sinnbildlichen) Inhalt aus. Eines von ihnen soll offenbar den göttlichen Schutz darstellen. Eine weibliche Gestalt weist mit der ausgestreckten Rechten, in der sich ein Kreuz befindet, einen neben ihr sitzenden Mann auf einen im Hintergrund stehenden Tempel hin. Über dem Manne schwebt eine andere weibliche Gestalt, die mit einem Schild einen aus den Wolken zuckenden Blitz auffängt. Auf einem andern Bilde sieht man Herkules, der die Erdkugel an einem Band über die Schultern gehängt hat und am Stamme einer Palme in die Höhe klettert. Oben auf den Zweigen der Palme ruht eine zweite Kugel, vielleicht die Himmelskugel. Auf der Rückseite finden sich die Worte: »Dat gloria vires«, zu deutsch: »Der Ruhm verleiht Kräfte« oder in diesem Zusammenhange: »Der Erfolg spornt uns an, immer höheren Zielen zuzustreben«. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter diesen Bildern freimaurerische Gedanken verborgen sind. Bis zum Erscheinen der »Zauberflöte« waren nur noch einundeinhalb bis zwei Jahrzehnte.
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Den Beschluß bildet ein vom Besitzer mit großer Gewissenhaftigkeit angelegtes alphabetisches Verzeichnis der Einzeichner. Man sieht, welchen Wert er dem Buche beigemessen hat. Daß er sich auch in späteren Jahren noch mit seinem Stammbuche zu beschäftigen pflegte, geht aus vielen Randbemerkungen hervor, in denen er sich über den Charakter oder das Lebensschicksal des Einzeichners ausspricht. Da heißt es zum Beispiel:
An ihm verlor Deutschland eines seiner seltensten Originalgenies und ich einen wahren Freund; er starb an den Blattern am …
oder
starb in erbärmlichen Umständen und von jedermann verlassen im Jahre 1797; allen Hagestolzen zum abschreckenden Beispiel.
Zu dem Eintrage Lessings hat der Besitzer vermerkt:
† den 15. Febr. 1781 im 52. Jahr zu Wolfenbüttel, wo ihm ein Monument errichtet wurde, welches ich am 28. Sept. 1787 sah und des großen Gegenstandes nicht würdig fand.
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Abb. 4 Allegorisches Bild
Von den zweihundertsechsundsechzig Einträgen sind einhundertsechsunddreißig in deutscher und einhundertdreißig in fremder Sprache gehalten (also eine knappe Mehrheit für deutsch!), und zwar sechzig in französischer, neunundfünfzig in lateinischer, sechs in englischer, vier in italienischer und einer in griechischer Sprache. Die sechs englischen Einträge weisen darauf hin, daß gerade damals die englische Dichtkunst auf das geistige Leben Deutschlands einzuwirken begann, nachdem bis dahin die klassischen Schriftsteller und die Franzosen fast unumschränkte Herrscher gewesen waren. Die französischen Einträge stammen in der überwiegenden Mehrzahl von Personen adligen Standes (achtunddreißig); soweit dies nicht der Fall ist (zweiundzwanzig), sind die Einzeichner meist weiblichen Geschlechtes. Bemerkenswert ist, wie die Familie des Superintendenten Dr. Strantz in Plauen sich eingetragen hat. Der Herr Superintendent, der den Besitzer des Buches getauft hat und sich als sein Beichtvater bezeichnet, schreibt ein Psalmwort (Psalm 37, Vers 37). Dann folgt seine Ehefrau Eleonora Charlotta Strantzin geb. Kleinhemplin mit einem Verse in deutscher Sprache (von Brockes). Der älteste Sohn schreibt einen lateinischen Vers (aus der Medea des Seneca); die beiden ältesten Demoisellen Töchter schreiben französische Sprüche; dann folgt ein jüngerer Sohn mit einem griechischen und die jüngste (der Schrift nach kaum herangewachsene) Tochter mit einem deutschen Verse.
Abb. 5 Eintrag Lessings
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Die Einträge – es handelt sich meist um Verse, zum Teil aber auch um Sinnsprüche in ungebundener Rede – stellen sich in der Hauptsache als Zitate dar. Der Einzeichner hat den Eintrag also nicht selbst entworfen, sondern von anderen Leuten erdachte und bereits veröffentlichte Aussprüche benutzt. Als Quelle und Verfasser werden unter anderen angegeben: Die Bibel, Theognis, Cicero, Horaz, Livius, Tibull, Seneca, Logau, Weise, Canitz, Brockes, Haller, Friedrich der Große, Kleist, Gellert (von ihm findet sich ziemlich viel), Gleim, Uz, Zachariä, Giesecke, Cronegk (auch dieser wird öfters angeführt), Wieland, Clodius, Jacobi, Boileau, Voltaire, Young, Thompson, Pope. Klopstock ist niemals als Verfasser ausdrücklich genannt. Ich nehme aber an, daß verschiedene in seinem Geiste gehaltene Verse sich bei genauem Suchen auf ihn zurückführen lassen.
Von besonderem Reiz ist es, den Grundgedanken nachzugehen, die in den Einträgen zum Ausdrucke kommen. Wir gewinnen dadurch ein Spiegelbild vom Seelenleben der damaligen Zeit.
Lebensweisheit – zuweilen in etwas nüchterner Form – thront an erster Stelle. Der Vater widmet seinem Sohne folgenden Eintrag:
Im Glücke niemals stolz, im Unglück edelmütig,
Den Freunden immer treu und gegen Feinde gütig,
Auch denken, was man sagt, und sagen, was man denkt,
Ist was ein treuer Sohn dem treuen Vater schenkt.
Ein alter kurfürstlicher Geheimer Rat, Carl Friedrich von Beust, hält dem jungen Eigentümer des Buches folgenden Spiegel der Kavalierstugenden vor:
Les vertus nécessaires pour la perfection d’un gentilhomme sont la prudence qui l’éclaire, la tempérance qui le rend victorieux de la volupté, la vaillance qui lui fait mépriser les périls, où il se faut exposer pour faire de belles actions et enfin la justice pour lui faire rendre à un chacun ce qui lui appartient et l’unir par ce nœud sacré avec les autres hommes dans la société civile. C’est d’être:
Vir quadratus sine vituperio.
Kürzer und einfacher sind folgende Lebensregeln:
Ein wahrer Menschenfreund bleibt weise, wenn er lacht, und heiter, wenn er weint.
(Cronegk)
Wir wollen, Pilgrime der Erden,
Der kurzen Wallfahrt uns erfreun,
In unserer Jugend weise sein,
Um einstens im Alter recht fröhlich zu werden.
Einen alten Bekannten werden viele in den Gellertschen Zeilen finden:
Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben.
Güter, die du hier erwirbst,
Güter, die dir Menschen gaben,
Nichts kann dich im Tod erfreun.
Diese Güter sind nicht dein.
Überhaupt bestätigt sich, daß Gellert den überragenden Einfluß auf die sittliche Bildung des Zeitalters behauptet.
Naturgemäß findet auch Gottesfurcht verschiedentlich ihren Ausdruck. Aber auch das Religiöse bewegt sich meist im Gedankenkreise der Aufklärung. Von Herrnhuter Einfluß ist nichts zu finden. Von den sogenannten »Pietisten« wird nur Canitz (aus dem Freundeskreise Speners) angeführt:
Hilf, daß ich wandeln mag, als brächt’ ein frommes Leben
Mir hier in dieser schon die Schätze jener Welt;
Dabei, Herr, wolltest du mir solchen Glauben geben,
Der sein Verdienst vor nichts und dich vor alles hält!
(Canitz)
Recht nüchtern muten uns auch die Verse an, in denen das Lob der Tugend gesungen wird:
Wird sie geliebt, so liebt sie wieder,
Erfreut den Geist, belebt die Glieder,
Bringt wahren Ruhm, versöhnt die Feinde,
Genießt das Glück der treusten Freunde,
Verjüngt das Alter, schmückt die Jugend:
die edle Tugend. –
Durch dich, o göttliche Tugend, durch dich nur können wir freudig
Das Meer des Lebens durchschiffen. Laßt diesen Pharus uns leuchten,
So sehn wir den Hafen des Glücks trotz Ungewitter des Zufalls,
Trotz aller Leidenschaft Sturm, der nur den Einlauf befördert,
So wird die Vorsicht uns weise, der Himmel uns gnädig bedünken.
(Kleist)
Neben den Altären der Tugend rauchen die Altäre der Freundschaft. Ist doch das ganze Buch der Freundschaft gewidmet. Deshalb hat man ihm folgenden Vers vorangesetzt:
Mensch, lerne doch dein Leben dir versüßen,
Und laß dein Herz von Freundschaft überfließen,
Der süßen Quelle für den Geist!
Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten,
Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten
Erquickend durch die Seel’ ergeußt.
(Gellert.)
Mehr in der Tonart der »Empfindsamkeit« gehalten sind folgende Verse, die zwar auch der Freundschaft gelten, in denen aber der Modeausdruck »Sympathie« in erster Linie gebraucht wird:
Wen erhabene Sympathie,
Durch dein Band verbunden,
Deine Zauberstimme nie
Froh in Abendstunden
Hand in Hand und Brust an Brust,
Mit Empfindung grüßet,
Wem sie mit der reinsten Lust
Nicht die Zeit versüßet:
Der hat nur aus Eitelkeit
Musen Treu’ geschworen
Und von deiner Zärtlichkeit,
Freundschaft, viel verloren. –
Durch Sympathie will ich mit Dir
Das Glück der wahren Freundschaft singen,
Empfinden – und so wollen wir
Uns einst als Greise noch umschlingen.
Im scharfen Gegensatze hierzu steht die Äußerung eines bitteren Spötters:
Maler, male mir den Jüngling, dessen Herz von Freundschaft glüht
Und gefühlvoll an den Busen seines einz’gen Lieblings flieht,
Wie er noch in späten Jahren dieses Feuer nährt! –
Du staunst und sprichst, dies sei original? –
Gut! mal ihn mir einmal!
So wird mein Wunsch mir doch gemalt gewährt.
Maler, male!
Den Ausgleich bildet der von Lessing geschriebene Spruch:
Satius amicum habere nullum quam levem.
Nach dem hohen Liede der Freundschaft erwarten wir das hohe Lied der Liebe. Doch von Liebe ist bezeichnenderweise wenig die Rede, um so mehr von Empfindung, damals gleichfalls ein Modeausdruck. Es heißt da zum Beispiel:
Ein empfindungsvolles Herz und eine weisheitsbegierige Seele –
beides eine Welt voll Glück und Unglück! –
Stiller Freuden sich bewußt,
Mancher edlen Tat:
Dies sind Güter einer Brust,
Die Empfindung hat. –
Holder Zärtlichkeiten
Hohe Seligkeiten
Sind ganz ungemein.
Ihre schönsten Stunden
Wollen nur empfunden,
Nicht beschrieben sein. –
Freund, ein einziger Blick von einer Seele begeistert,
Die von der süßen Gewalt ihrer Empfindungen bebt,
Und ein Seufzer mit vollem Verlangen, mit voller Entzückung
Ausgedrückt auf einen zitternden, blühenden Mund,
Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge
Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert.
Etwas weniger klar ist der Ausspruch:
Empfindsamkeit ist das Genie zur Tugend.
Natürlich kann es im Zeitalter der Schäferspiele und Einsiedlerhütten nicht an Sprüchen fehlen, welche die Schönheit des ländlichen, in idyllischer Zurückgezogenheit verbrachten Lebens preisen:
Nur der ist ein Liebling des Himmels, der fern vom Getümmel der Toren
Am Bache schlummert, erwachet und singt. Ihm malet die Sonne
Den Ost mit Purpur, ihm haucht die Wiese, die Nachtigall singt ihm.
Ihm folget die Reue nicht nach, nicht durch die wallenden Saaten,
Nicht unter die Herden im Tal, nicht an sein Traubengeländer.
Mit Arbeit würzt er die Kost. Sein Blut ist leicht wie der Äther.
Sein Schlaf verfliegt mit der Dämm’rung, ein Morgenlüftchen verweht ihn.
(Kleist.)
An klassische Vorbilder gemahnt:
Glücklich ist der, der, fern vom Altar der feilen Chikane,
Richter und Anwalt nicht kennt und seinen ruhigen Morgen
In dem Gefolge der Musen, von Würden verschonet, dahinlebt.
(Zachariä.)
Denselben Gedanken, nur ein bißchen mehr ins Spießbürgerliche übertragen, bringt folgender, gleichfalls von Zachariä verfaßter Vers zum Ausdruck:
Oh, wie beglückt ist der, der seinen Morgen braucht,
Und früh beim klugen Buch sein sichres Pfeifchen raucht,
Der Tee des Nachmittags, Kaffee des Morgens trinket
Und früh sein Mädchen sieht, wenn sie sich nicht geschminket!
Doch bald werden wir wieder zu höheren Schichten erhoben:
So wie ein Silberbach hinfließt,
Den keine Welle schlägt,
Wenn er sich sanft ins Tal ergießt,
Von keinem Sturm bewegt,
So sanft fließe auch deine Zeit
Durchs Tal des Lebens hin.
Mit Blumen sei dein Weg bestreut,
Stets fröhlich sei dein Sinn!
Der Naturbetrachtung ist ein Vers von Brockes gewidmet, der uns schon wieder ins Gebiet des nüchternen Rationalismus führt:
Sag, o Mensch, auf welche Weise
Kann sich zu des Schöpfers Preise
Uns’re Seele schöner schmücken,
Als wenn wir von seinen Werken
Dadurch, daß wir sie bemerken
In den Geist ihr Bildnis drücken!
Aber gleich darauf kommen Verse, die Sonnenschein, Friede und süße Lieder atmen:
Dein Leben gleiche dem Liede
Der Musen im Myrtenhain,
Es tanze dahin wie jugendlicher Friede
Im heitern Sonnenschein! –
Oh, laß beim Klange süßer Lieder
Uns lächelnd durch das Leben gehn
Und, sinkt die lange Nacht hernieder,
Mit diesem Lächeln stille stehn!
(Jacobi.)
Einen begeisterten Hymnus auf die Musik stimmt der Organist Ernst Friedrich Rösler in Plauen an. (Vielleicht hat er den jungen Herrn in der Kunst des Flötenspieles unterrichtet):
Die Tonkunst macht die Freuden süße.
Sie kann die Schwermut selbst erfreun.
Sie macht entzückender die Küsse,
Den Scherz belebt und süß den Wein.
Das Gastmahl fliehn die Fröhlichkeiten,
Dem Freiheit und Musik gebricht,
Und bei dem Klange sanfter Saiten
Hört man der Narren Plaudern nicht.
Ein anderer wieder schätzt die Musik im Rahmen heiterer Lebenslust:
Ein fühlbar Lied, das Heinriettchen singt,
Hat mich oft zärtlich eingenommen.
Doch wenn mein Trinkglas dazu klingt,
So ist erst die Musik vollkommen.
Den hübschen Kindern gilt mancher Vers:
Freund, wider eines Mädchens Reiz
Hilft weder Fürstenhut noch Kreuz. –
Wer glücklich leben will, der lebe so wie ich.
Ich lieb’ ein hübsches Kind
Und bleibe doch vor mich.
Ein Offizier schreibt:
Hübsche Mädchen sind erschaffen
Für Soldaten, nicht für Pfaffen.
Drum erwählt ich diesen Orden
Und bin ein Soldat geworden.
Ein weiterer Eintrag beweist, daß Logaus Vers
Wie kannst du weiße Lilien
Zu roten Rosen machen?
Küß’ eine weiße Galathee;
Sie wird errötend lachen
nicht erst durch Kellers »Sinngedicht« weiteren Kreisen bekannt geworden ist. – An anderer Stelle finden wir ein eigenartiges Rezept für die Behandlung heranwachsender Töchter:
Soll ein Mädchen lüstern sein,
Gebt ihr einen Wächter:
Die verbotne Frucht allein,
Reizet Evens Töchter.
Honigsüß wird der Genuß,
Wenn die Väter dräuen.
Und im Winkel schmeckt ein Kuß
Besser als im Freien!
Ein Studiengenosse streift das Gebiet der Eindeutigkeiten:
Ein schwarzes Auge, dessen Nacht
Nicht List noch Schalkheit fehlen.
Ein Mund für deinen Kuß gemacht,
Den Lieb und Scherz beseelen.
Ein Busen, halb dem Auge bloß,
Erobernde Gebärden,
Ein Körper – –
Hier überlasse ich Ihnen, welche Schönheiten usw.
Aber es gibt auch strenger Denkende:
Ein Stammbuch, Freund, soll, wie ich denke,
Ein heiliger Ort und keine Schänke,
Kein Sammelplatz von Zot und Wahnsinn sein.
Die Freundschaft stiftet sich hier Tempel und Altäre,
Nur reiner Weihrauch füllt der Göttin Atmosphäre,
Der Freund ätzt hier sein Bild in reinstem Marmor ein,
Und so wie dieses Bild muß seine Freundschaft sein.
Man frägt sich unwillkürlich, ob bestimmte Einträge im Stammbuch dem Einzeichner Anlaß zu dieser Ermahnung gegeben haben. Im allgemeinen war man ja damals nicht übermäßig prüde. Ich habe ein anderes Stammbuch aus derselben Zeit gesehen, das wesentlich derbere Einträge enthielt. Und dieses Stammbuch gehörte einem Theologen! Vielleicht aber haben Einträge im Reiboldtschen Stammbuch gestanden, die über das, was damals als zulässig galt, hinausgingen, und der Besitzer hat diese Seiten nachträglich entfernt. Hierfür würde der Umstand sprechen, daß mehrere Seiten fehlen, die – nach der Seitenbezeichnung zu schließen – ursprünglich darin waren. Andererseits könnten es auch leere Blätter gewesen sein, denn auch der jetzige Bestand weist eine Anzahl unbeschriebene Seiten auf. Und hier erhebt sich die weitere Frage, warum das Stammbuch vom Jahre 1778 an nicht mehr benutzt worden ist. Erschien dem Besitzer nach seiner Rückkehr ins Philisterium die Umwelt so öde und nüchtern, daß es ihn nicht verlockte, seinem neuen Bekanntenkreise ein bleibendes Andenken zu sichern? Oder sollte er sich grollend vor den Erscheinungen der neuen Zeit zurückgezogen haben? Der Inhalt der Randvermerke spricht dagegen. Aus anderen Quellen habe ich über sein späteres Leben nichts erfahren können, als daß er sich mit Henriette Eleonore Sophie von Watzdorf vermählt hat und im Jahre 1799 als Amtshauptmann des Vogtländischen Kreises unter Hinterlassung von sechs Kindern in Taltitz gestorben ist. –
Kehren wir zum Buche zurück! Es ist bezeichnend für den Geist des Zeitalters, daß von Liebe zur Heimat oder von Begeisterung für das Vaterland so gut wie niemals die Rede ist. Aber auch Weltbürgertum wird nur einmal, und zwar in dem kurzen Wahlspruche »Patria est, ubi bene est« (zu deutsch: Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland) gepredigt. Hingegen findet das Ideal der Freiheit, das anderthalb Jahrzehnte später so gewaltige Umwälzungen hervorrufen sollte, in einigen der Einträge einen, wenn auch nur vorsichtigen Ausdruck:
Wer den Wert der Freiheit kennt,
Nimmt aus ihr die Lehre,
Daß, was die Natur vergönnt,
Unser Wohl vermehre.
Rückt das Ende nun heran,
Oh, so wird ein freier Mann
Andrer Welten Ehre. –
Der Wahrheit echter Freund haßt Stolz und Heuchelei.
Denkt von der Gottheit groß, von Menschen gut doch frei,
Traut nie zu kühn dem oft sich täuschenden Verstande
Und trägt auch nicht als Knecht des Aberglaubens Bande.
(Clodius.)
Im Gegensatz hierzu steht der Eintrag des Schwagers Heinrich Christian August von Tümpling, der sich an das Altüberlieferte hält:
Wir Kinder wollen’s so wie unsre Väter halten;
Treu, redlich, ohne Falsch, so hielten ’s auch die Alten.
Nüchterner Rationalismus und schwärmerische Sentimentalität hielten sich – das geht auch aus unseren Einträgen hervor – im Zeitalter des Rokoko die Wage. Aber es hatte sich auch schon ein drittes gemeldet. Friedrich der Große hatte an die Pforten der Zeit geklopft. Mannesmut, Ehre, tätiges Leben wurden nun wieder erstrebenswert. Auch dies hat seinen Niederschlag im Stammbuch gefunden:
Die Ehre kennt keinen Obern. Wer ihr zum Nachteil was gebeut,
Den fürchte nicht, wenn dich dein Leben zum Schutz der Ehre nicht gereut.
(Logau.)
Das Genie ist ein mutig Pferd, geht immer seinen stolzen, sichern Gang vor sich hin, sprengt weg über alles, was ihm im Wege steht, über Gräben und Hügel, Felder und Gebüsch – wohl ihm, wenn es nie zu kurz faßt! –
Wer gern zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen.
(Eintrag Goethes.)
Wer groß im kleinen ist, wird größer sein im großen.
(Haller.)
***
Wir haben uns bis jetzt in der Hauptsache mit dem Kern der Einträge beschäftigt, mit den Aussprüchen in gebundener oder ungebundener Rede, die der Einzeichner dem Besitzer des Buches als Geleitwort zum bleibenden Andenken mit auf den Weg gab. Dazu kam die eigenhändige Unterschrift und, wie wir gesehen haben, in einigen Fällen das Wappen. Oft aber war auch noch anderes Beiwerk vorhanden.
Abb. 6 Eintrag Goethes
Da findet sich z. B. neben der Unterschrift die Angabe eines sogenannten »Symbols«; wir würden »Wahlspruch« sagen. Meist sind es kurze Stichworte: »toujours sincère« (immer aufrichtig), »toujours le même« und »semper idem« (beides: immer derselbe), »Sympathie«, »Alles um Liebe«. Nur zweimal finden sich als Wahlspruch Verse:
Nicht immer Weise,
Nicht immer ein Tor!
und
Poor is the friendless master of a world.
A world in purchase of a friend is gain.
(Young)
(zu deutsch:
Arm ist der freundlose Herr einer Welt.
Eine Welt als Kaufpreis für einen Freund ist Gewinn.)
Sodann die Höflichkeits-Bindesätze: So wie wir es noch jetzt für unschicklich halten, unter unsere Briefe schlankweg unsern Namen zu setzen, so glaubten damals viele – besonders scheinen es die älteren Leute gewesen zu sein – einen Verstoß gegen die Regeln des guten Tones zu begehen, wenn sie ihre Unterschrift mit dem eigentlichen Eintrage nicht durch einen Schwall von Höflichkeitsfloskeln verbanden. So heißt es zum Beispiel:
Mein Herr! Ich hatte das schätzbare Glück, mit unter die Zahl Ihrer Freunde aufgenommen zu werden, und da ich itzt Sie verlassen muß, so tue ich es mit dem Wunsch, daß Sie mich fernerhin Ihrer schätzbaren Freundschaft und geneigten Andenkens würdigen mögen.
Noch schöner machen sich solche Redensarten auf französisch:
Monsieur – La permission que Vous m’avez donnée de mettre mon nom dans ce livre d’amis me fait espérer l’exaucement de ma prière que j’adresse par ceci à Vous en Vous conjurant de me conserver toujours la même amitié dont Vous m’avez honoré jusqu’ici, qui je suis – Monsieur – Votre – usw.
Herzlicher klingen die Worte:
Teuerster, schätzbarster Freund! Erinnern Sie sich bei diesen wenigen Worten Ihres Freundes, der Sie auch in der Entfernung so lieben und hochschätzen wird, wie es Ihr vortrefflicher Charakter verdient.
Aber die Zeitenwende zeigt sich auch auf diesem Gebiete. Die verbindenden Worte werden kürzer. Goethe schreibt nur »Zur Erinnerung«; andere setzen den nackten Namen darunter.
Eigenartig sind die nicht seltenen Vermerke, durch welche zum Ausdrucke kommt, daß zwei Personen, die sich hintereinander eingetragen haben, durch Bande der Freundschaft verknüpft sind. Meist geschieht dies durch die über zwei Seiten hinwegreichenden Worte: Haec pagina || jungit amicos oder Quos junxit amicitia || junguntur pagina (der Papierbogen verbindet die Inschriften von Freunden). An anderer Stelle heißt es kürzer; Amici || tia (Freundschaft). Auch der Abschiedsgruß »Adieu mein || liebster Freund« ist offenbar aus demselben Gedanken erwachsen. Noch schlichter und zu Herzen gehender wird der Gedanke durch die Worte ausgedrückt: »Ich suchte || dich, Freund.«
Je mehr man sich in das Buch vertieft, um so stärker wird man gefesselt. Die Umwelt des Christian Ferdinand von Reiboldt und das Zeitalter des ausgehenden Rokokos treten greifbar vor unsere Seele. Aber auch das Buch selbst erhält Leben, wird ein selbständiges Wesen, dem man seine Liebe dadurch bezeugen möchte, daß man kosend mit der Hand über den Einband hinfährt.
Unwillkürlich zieht es uns zu Vergleichen. Man denkt daran, was unsere – angeblich so hochentwickelte – Zeit aus den Stammbüchern gemacht hat. Sie führen gar nicht mehr den ehrlichen Namen »Stammbuch«. Bestenfalls heißt es »Album«, ein Wort, das so gut wie gar nichts sagt. Aber es kommt noch schlimmer. Denn »Poesie« leuchtets in Golddruck von dem schäbigen Einband. Aber was darin steht, ist vielfach barbarische Unkultur, und der abgedroschene Witz, auf die letzte Seite des Buches den Vers zu schreiben:
Wer dich lieber hat als ich,
Der schreibe sich nur hinter mich!
gehört immer noch zu den besseren Einfällen.
Doch wir wollen gerecht sein. Die Stammbücher spielen bei uns auch nicht entfernt die Rolle, die ihnen in früheren Jahrhunderten zukam. In der Hauptsache stammen die Einträge ja doch nur von Kindern und jungen Leuten, die noch nicht recht flügge geworden sind, allenfalls von Lehrern und Geistlichen, die in Erfüllung einer Art von Berufspflicht den Eintrag bewirkten. Wer einmal in hundert Jahren die Stammbücher aus dem letzten Drittel des neunzehnten und dem ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, der täte uns Unrecht, wenn er unsern Kulturgrad nach diesen Büchern beurteilen wollte. Ganz so tief sind wir im großen und ganzen denn doch nicht gesunken!
Fußnoten:
[2] Vergleiche die von Oskar von Hase verfaßte Denkschrift »Breitkopf u. Härtel«, Verlag Breitkopf u. Härtel, I. Band, S. 116.
[3] Vergleiche Band XIII, Heft 1/2, Seite 9 ff. der Mitteilungen des Heimatschutzes.
[4] Näheres über Gottlob und Stenzel in der schon erwähnten Denkschrift »Breitkopf u. Härtel«, I. Band, Seite 115 ff.