Unsere alte Linde

Von Marianne Bieber

In dem kleinen Orte Kleinolbersdorf bei Chemnitz fiel im Sommer 1923 die tausendjährige Linde am Kirchhof einem Sturme zum Opfer. Die Pfarrerstochter, die im Schatten des Baumes aufgewachsen ist, widmet dem untergegangenen Naturdenkmal ein Gedenkblatt.

Schon seit frühesten Kindheitstagen war sie uns eine liebe Freundin – unsere alte Kirchhofslinde! Außerhalb des Friedhofes stand sie, an der Umfassungsmauer und ihr Stamm bildete, völlig krumm gebogen, – ob durch Alter oder durch Blitzschlag, war nicht zu ermitteln – einen natürlichen Torbogen zum Friedhofseingange. Ihr Alter war nicht festzustellen, die ältesten Dorfchroniken, die bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückreichen, erwähnen schon ihr Vorhandensein, aber nie ist darin der Tag ihrer Einpflanzung genannt. So zogen Jahrhunderte an ihr vorüber, sie sah Geschlechter kommen und vergehen und blieb immer die alte. Wenn an linden Sommerabenden die Dämmerung ihre zartvioletten Schleier über die heimatlichen Fluren breitete und süßer Heuduft das Tal durchwehte, dann huschten wir Geschwister oft zur alten Mauer. Auf weichem Moospolster eng beisammenhockend, lehnten wir uns an den breiten Stamm unserer alten Linde – drei Männer konnten ihn kaum umfassen – und wenn unser Auge verträumt den goldenen Reflexen folgte, die der letzte Schein der Abendsonne in die Fenster unseres Kirchleins zauberte, lauschten wir dem Blättergesäusel. Oh, wir verstanden so gut, was uns unsere alte Freundin erzählte. Führten doch der Anfang und das Ende eines jeden Lebensweges durch den Bogen der alten Linde, zum Anfang, wenn der zarte Täufling durchs Tor getragen ward, um im Kirchlein durch die heilige Taufe ein junger Christ zu werden und am Ende, wenn der müde Erdenpilger seine letzte Reise antrat.

Doch auch sonst war die alte Linde der Mittelpunkt des Dorflebens. Um ihren Stamm tummelten sich die Dorfkinder mit Haschen und Versteckspiel in frohem, jugendlichem Übermut und sorgloser Heiterkeit. Die Konfirmanden schritten in feierlichem Zuge hindurch, um als erwachsene Christen eingesegnet zu werden, um Kraft zu finden für den beginnenden Ernst des Lebens. Aus den Kindern, die sich einst am Fuße der alten Linde geneckt und gezaust hatten, wurden Leute und manchem erblühte nun in ihrem Schatten beim silbernen Schein des Mondes das selige Glück der ersten Liebe, und hatten sich zwei junge Herzen fürs Leben gefunden, so schritten gar bald zwei Glückliche Hand in Hand unter der Linde hindurch, um den Bund der Herzen im trauten Kirchlein durch Gottes Segen zu weihen.

Dem Sturme zum Opfer gefallene tausendjährige Linde am Kirchhof in Kleinolbersdorf bei Chemnitz

So folgte ein Abschnitt des Lebens auf den anderen, bis dann der letzte Weg herannahte. Manch ernster, stiller Zug ging durch das Tor, tränenden Auges folgten wehe Herzen in verzweifeltem Schmerz dem Sarge, der das Liebste für immer entführte zur letzten Ruhestätte. Die greise Mutter, deren einziges Kind, die Stütze ihres Alters, der unerbittliche Tod genommen, der gebeugte Witwer, der mit seinen jammernden Kleinen das Grab der treuen Kameradin aufsuchte, die verzweifelte Braut, deren blühendes Liebesglück des Todes eisige Faust unbarmherzig zerstörte: sie alle gingen den Weg durch das Tor des treuen Baumes.

Als die schweren Kriegsjahre kamen, gingen tiefbewegte Menschen durchs Lindentor, um im Gotteshause Schutz und Hilfe für teure Angehörige zu erbitten, und in der folgenden Zeit ward mancher Kranz mit Ehrenschleife hindurchgetragen, um der Nachwelt als Erinnerungszeichen das Angedenken Eines wachzuhalten, der für das Vaterland sein Leben dahingegeben. Es kam der Tag, an dem unsere liebe Glocke in früher Morgenstunde ihren letzten Gruß durchs Dörflein hallen ließ. Groß und klein stand unter der Linde, und manche stille Träne rann.

So teilte unsere alte Linde mit uns Freud und Leid; sie war uns allen ans Herz gewachsen. Sie gehörte zu uns. Wie stolz waren wir, wenn Schüler und Touristen auf der Wanderung unsern lieben Baum, das seltene Naturgebilde, anstaunten und abzeichneten.

Längst schon bestand er nur noch aus geborstener Rinde, und es war ein Wunder, daß er sich dennoch frisch erhielt, weiter grünte und blühte. Sorgsam stützten wir den Hauptast, als sich Altersschwäche bemerkbar machte, durch einen Pfeiler, und doch sollte der Tag kommen, an dem unser treuer Baum, der fast ein Jahrtausend allen Stürmen getrotzt hatte, morsch in sich zusammenfiel. Ein heftiger Wirbelwind knickte eines Abends den Bogen, so daß nur noch ein trauriger Stumpf stehen blieb, der wohl oder übel entfernt werden mußte. Wie groß war die Bestürzung, als diese Botschaft durchs Dorf lief. Manches Auge wurde feucht.

So ist mit unserm lieben Baum ein Zeuge vergangener Jahrhunderte dahingesunken; aber in unseren Herzen wird das Gedenken an unsere treue Lebensfreundin fortleben; Kindern und Kindeskindern werden wir noch dankbar und stolz erzählen von unserer alten Linde.