Leineweber-Weihnachten auf der Neusorge vor fünfzig Jahren
Von William Bergmann, Sebnitz
Als ich im Jahre 1866 auf der Neusorge das Licht der Welt erblickte, war Sebnitz ein armes Weberstädtchen. Von seinen Weihnachtsfeiern will ich erzählen.
Wenn der liebe Herbst herankam, die Abern – Kartoffeln klang fremd – im Keller lagen, finstere Nächte begannen, die Erde in Dunkel zu hüllen, dann leuchteten aus der Ferne die ersten Strahlen des kommenden Weihnachtssternes in die Nacht. Jetzt begann die Zeit der seligen Weihnachtsträume. Jeder Tag und jede Nacht wurden gezählt.
Die Anfangsvorbereitungen galten der Christmette, welche den Glanzpunkt des Festes bildete. Wochenlang vorher fing man an, die Lichter zu kaufen, die man zur Mette brauchte. »Pfenglichtel« hieß man sie damals, die man nur nach und nach kaufen konnte, denn es gab weniger Pfennige als heute. Die meisten Kinder – auch Erwachsene – hatten jedes einen langen Nagel am Fenstergewändel, an welchem die Lichter aufgehängt wurden, und zwar so, daß man sie durchs Fenster von außen sehen konnte.
Es wurde gewetteifert, soviel als möglich Lichtel zusammenzubringen, und man war stolz und glücklich, wenn sich die »Globbe« vermehrte. Nun ging es in die Nachbarschaft gucken. Siehe da: Der Hillemann Emil hatte schon zwölf, ich erst acht, der Schwach Karle hatte noch mehr, aber der Just Elwin hatte wieder weniger, das war ein Trost.
Die weiteren Vorboten kamen in Gestalt der Zimmermann Karoline, Funkhähnel Male, Adler Mine und Pate Biesold seiner Mutter, welche mit Pfefferkuchen in allen möglichen Farben, Figuren und Formen hausieren gingen. Damit zu Weihnachten der nötige Vorrat da war, wurden immer einige Stück gekauft und hingelegt.
Die Ausstellungen hatten begonnen. Man besichtigte bei Henkbäcken, Hillbäcken, Krachbäcken, Heymannbäcken, Endlerbäcken, Laubnerbäcken, Giebnerbäcken, Hochbäcken, wo ich Pfefferkuchen mit malen durfte, weil seine Frau die Gruhnert Guste von der Neusorge war, mit Bewunderung die Fenster mit den ausgestellten Männern, Frauen, Reitern usw. Die schönsten Pfefferkuchen hatte der Güntherbäcke …
Sorgenvolle Stunden bereitete die Ruprechtzeit. – Ob er heute kommen wird? … Da plötzlich schlug die Rute unbarmherzig an die Fensterläden. – Der Ruprecht kommt! der Ruprecht kommt! – Vor Schreck schleunigst alle unter die Leineweberstühle gekrochen und gebetet. – Die Äpfel und Nüsse mußten in allen Ecken und Winkeln zusammengesucht werden und wurden sofort verspult. Aus den leeren Nußschalen wurden Schnepperchen gemacht, Zwirnsfäden drumgebunden und Holzspänel hineingesteckt. Damit wurde bis Weihnachten geschneppert.
Haufens Großer parierte immer nicht. Den hat der Ruprecht in den Sack gesteckt und mitgenommen. Der hat aber gezappelt und gegorgelt …
Das Ausschneiden der Modellierbogen spielte eine große Rolle. Es entstanden Kirchen, Häuser, Burgen, deren Fenster mit buntem Papier überzogen, durch Lichtel erleuchtet, einen herrlichen Anblick boten.
Zum Kammerfenster wurde jeden Morgen hinausgeguckt. Oh, es hat geschneit! Diese himmlische Freude! Von diesem Tag an mußten alle Pferde auf den Straßen Glockengeläut tragen, und dieser Klang läutete in unsere Herzen die seligmachende, gnadenbringende Weihnachtszeit ein.
Während der Adventszeit erfüllte die Leineweberstube täglich der Gesang der Weihnachtslieder: »Ehre sei Gott in der Höhe«, »O Tannenbaum, o Tannenbaum«, »Ihr Kinderlein kommet« oder »Stille Nacht, heilige Nacht« usw.
Der Vater ging jeden Sonntag in die Kirche und offenbarte zu Hause in der Familie die Weihnachtsbotschaft, die er durch die Predigt vernommen hatte.
Nicht unerwähnt soll bleiben, daß in den letzten Wochen in vielen Geschäften die bunten Wachsstöckel in allen Größen ausgestellt waren, welche hauptsächlich ein Geschenk für die Kundschaft bildeten. Große Bewunderung riefen die Spielsachen bei Buchbinder Schuberts und bei Eckböhmens hervor. Stundenlang wurden sie angestaunt.
Was nun den finanziellen Teil der Leineweber betraf, so konnte von Reichtümern keine Rede sein. Der dicke Haufe, bekannt als der fleißigste Leineweber von der Neusorge und Retschine, machte jede Woche eine Werfte ab und verdiente fünf Taler. Die übrigen Leineweber, wie mein Vater, brauchten ziemlich zwei Wochen dazu. Vor dem Abmachen mußte gewöhnlich eine Nacht durchgearbeitet werden; denn Montag war öfters blauer Montag. Die Woche vor dem Fest ging es natürlich feste Tag und Nacht, damit Geld ins Haus kam. Als der heilige Abend herangekommen war, gingen Vater und Mutter – Mutter mit dem Tragkorbe – in die Stadt einkaufen. Der geheimnisvolle Bescherungsakt ließ dann nicht mehr lange auf sich warten. Beim Onkel Adolf horchten wir ungeduldig auf das Zeichen. In Blitzesgeschwindigkeit war der Gabentisch gestürmt. Nun wurde bewundert, probiert, gekostet, und es wurden die Häuflein kritisch betrachtet, daß ja nicht eins mehr hatte als das andre.
Das Christgeschenk erhielt seinen Platz auf dem Längertüchel, das nur Sonntags und Festtags den Leineweberstuhl zierte, oder auf der Sitzebank.
Ins Bette wollte niemand gehen. Die Glocken tönten, die Mette wurde eingeläutet. Der Höhepunkt war da. Alle Lichtel und Wachsstöckel wurden mitgenommen und in langen Reihen aufgestellt. Tausende von Lichtern erglänzten, und ein köstlicher Duft durchströmte die Kirche. Die alte, in Fleisch und Blut übergegangene Bergsche Motette, das Mettelied, verfehlte nicht ihre Wirkung und erfüllte alle Herzen mit heiligem Zauber. Umfangen von reinster und seligster Weihnachtsstimmung gings nach Hause.
Aus vielen Häusern leuchtete Kerzenglanz.
Im eisernen Ofen in der Mitte der Stube wurde Feuer gemacht und sich drumgesetzt. Die Schmauserei ging los mit beneidenswertem Appetite so lange, bis alles weg war.
Vom ersten Feiertag bis zum Hohen Neujahr zog alle Welt durch die Stadt, um die Schattenspiele, Hirtenhäuser, Pyramiden, Sterne und Christbäume – letztere waren damals noch nicht so Mode wie heute – in Augenschein zu nehmen. Die Fensterläden waren natürlich alle offen. Bei Bauer Stohbachs war ein Krippel mit Springbrunnen aufgestellt, ein Wunderwerk der ganzen Umgegend. Scharenweise standen die Leute vor dem Fenster.
Wir zu Hause hatten das unbeschreibliche Glück, auch ein Krippel zu besitzen, beweglich mit Handbetrieb. Alle Kinder der Neusorge kamen und wollten die Leier leiern. Außer Joseph und Maria, die das Christkindlein bischte, sah man die Weisen aus dem Morgenlande, Hirten und Schafe. Auf zwei beweglichen Bahnen liefen durch die Häuserreihen Figuren, deren jede einen Sebnitzer Namen bekommen hatte. – Achtung! Jetzt kommt die Hampel Hanne, die Bockmale, die Kahlguste, die Krausenguste, der Franz vom Hofe, der Postelbatz, der dicke Vollmann, der Bergmann Emil, der Lautevetter, der Hundehenke, der Trampelhenke, der Bäumelhenke, der Nasenhenke, der blecherne Hantzsch, der eiserne Hantzsch, der Kullrübentürke, der Gückelpeschke, der alte Schleifer Hartmann, der Kätzrichter, Budäus genannt, Kacheltopp, der alte Knöfel, der alte Mäuerschneiders Kitzwauwau, Türmelwirt und Finkenritter usw.
So feierte man Weihnachten vor fünfzig Jahren.