Aus Ritter Turmfalks Burg und Kinderstube
Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg[1]
Hoch über alle Dächer der alten Bergstadt recken sich die Petritürme zum Himmel und schauen weit in die Ferne. ([Abb. 1.]) Weit liegen Wiesen und Felder und im immergrünen Kranze die Wälder gebreitet. Blinkende Teiche blitzen auf mit silbernem Spiegel und die Halden des alten Bergbaues grüßen herauf als Zeugen vergangener Bergherrlichkeit und harter Arbeit hundert zäher Bergmannsgeschlechter.
Und zu Füßen drängen sich die Dächer und Häuser, die Höfe und Gassen zusammen, und es wimmeln dort unten die Menschen im eiligen Hin und Her und scheinbar so zweckloser Hast, von der es nur wie das Rauschen einer Brandung verworren heraufklingt.
Diese ruhevolle Höhe mit weitem Blick in alle Himmelsfernen ist so recht ein Platz für Leute, die über die Alltäglichkeit sich erheben wollen, denen Einsamkeit mehr gibt als Zwang und Drang des engen Zusammenhausens, als das Rennen und Hasten mit und in der Menge.
Freilich muß man gut Freund sein mit dem Sturm, der um die Mauern manchmal fegt und heult als wollte er die Türme mit starken Fäusten schütteln, wie ein wilder Bub den Apfelbaum schüttelt, der schnaubend auch durch Ritzen und Schlitze und Winkel pfeift und faucht, daß im Gebälk es knistert und knackt, der prasselnd Regen und Hagel an Dach und Mauern und Luken wirft. Man muß Freund sein mit den Glocken, die dort oben leise summen und brummen und dann gewaltig wieder mit ehernen Stimmen hinausrufen, daß Menschenstimmlein ganz versinken und ertrinken im Schwalle der Brandung dieser flutenden Tonwellen. Auch der Klang der Orgel, die in Feierstunden unten im Kirchenschiff in an- und abschwellenden Akkorden dröhnt, darf ihn nicht stören. Wer dort oben wohnen will, darf auch den Blitz nicht fürchten, der mit grellen, funkelnden Augen hereinschaut und mit wildem Geknatter vorbeispringt und als feurige Schlange mit züngelndem Kopfe knisternd die Leitung herabgleitet.
Aufnahme von K. Reymann in Freiberg
Abb. 1 Petrikirchtürme in Freiberg Von Westen
Ja, wer seine Ziele hochsteckt und aus einsamer Höhe das Land und die Welt der Lebendigen überschauen will, wer auf sich selbst gestellt, allein stolz das Leben meistern will, muß scharfe Augen haben, raschen Entschluß und Kräfte zum Zupacken, darf Wind und Wetter und Sonnenbrand nicht scheuen, der muß früh wach sein und unermüdlich am Tage, bis die Nacht mit geheimnisvollem Dunkel die Gründe der Erde deckt. –
Frühling wars geworden in der alten Bergstadt nach langer schwerer Wintersnot. Der Schnee war wirklich auch am letzten schattigen Grabenrande getaut und verschwunden, und der Ring der alten Wallpromenaden lag wie ein frischer, grüner, duftender Kranz geschlungen um das graue Häusergewimmel der Altstadt. Wie atmete so mancher auf, viel mehr als sonst wohl in früherer Zeit, dem in unerbittlicher schwerer Wohnungsnot Winterkälte, Nässe, Schnee und Regen in engen, dumpfen Räumen die Tage und die Seele verfinstert und den Leib siech und matt gemacht hatten. Frühling wars geworden auch in der alten Bergstadt! Die harzigen Knospen der mächtigen Kastanien am alten Herzogsschlosse Freudenstein öffneten sich mit tausend Fäustchen, die ihre grünen Blätterfingerlein der Sonne, dem Lichte entgegenstrecken und ihre goldenen Strahlen greifen wollen. Die Birken hatten ihren lichtgrünen Schleier angelegt und das weiße Atlasgewand ihres bräutlichen Frühlingskleides schimmerte wie Silber.
Die Lerchen hingen im Himmelsblau und ihre Lieder rieselten wie kristallene Tropfen hernieder auf das Frühlingsland und die graue Stadt. Und die in den Straßen gingen und standen, lachten, und ihre Augen leuchteten, sie nickten sich zu und sagten: »Der Frühling ist da, nun wird es wieder besser werden!«
Die Mädchen sangen Lieder vom Lenz und vom Wandern und die Kinder spielten und tanzten auf dem Petriplatz zu Füßen der alten Turmriesen. Sie schauten hinauf nach dem in der Sonne funkelnden Turmknopf, denn »Sonnenstrählchen«, das Frühlingsengelchen aus dem Bilderbuche, hatte eins der Kleinen soeben dort oben sitzen und die weißen schimmernden Flügelchen heben sehen. Sie schauten auch nach dem grünen Birkenbäumchen, das dort oben aus der grauen, harten Mauer des südlichen niedrigeren, des »faulen« Turmes hervorgewachsen war und dort prangte, wie ein Frühlingssträußchen, das der graue Riese sich an die steinerne Brust gesteckt hatte. Wieder trieb es seine grünen Knospen und Blättlein stark und lebensfreudig, wo doch kein nahrhaftes Krümchen Erde es stärkte, kein Gärtner es pflegte und mit Wasser erquickte, sondern nur der Sturm es zauste. Ein kleiner Dreikäsehoch fragte, ob es der Pfarrer oder der Kirchner oder der liebe Gott gepflanzt habe, und woher sie die lange, lange Leiter dazu wohl genommen hätten! –
Da kamen zwei große Vögel schwebend vom blauen Himmel hernieder, so groß, wie noch keines der Kleinen in den Lüften geschaut, und stolze Kreise zogen sie, wie die bunten Tauben und die schwarzen Dohlen und alle die kleinen lustigen Vögel noch nie geflogen waren. Stumm, mit großen Augen und offenem Mund schauten die Kinder empor und, husch, verschwanden die Vögel gerade über dem jungen Birkenbusch am Turm in einem schmalen Fensterschlitz.
Was war das? –
Was war geschehen? Der edle Ritter Herr von Turmfalk und Frau Gemahlin waren von weiter Fahrt aus fernen Landen gekommen, hatten hier einen Hochsitz gefunden, wie er ihnen, den Hochgeborenen, gefiel und darum gleich hier Wohnung genommen, ohne nach Wohnungs- oder Meldeamt erst lange zu fragen, ohne den Hauswirt erst artig und höflich zu bitten, aber auch ohne Ansprüche an seinen Geldbeutel zu stellen. »Kiii–je, Kiii–je!« das war der Ruf, mit dem sie sich anmeldeten, ihren Turm umkreisten und mit dem sie in den blauen Himmel emporstiegen oder in die Weite davonflogen, mit dem sie auch dem Gesindel zänkischer Dohlen begegneten, die ihnen eifersüchtig den bisher nicht beachteten Platz nun streitig machen wollten. Etwa zehn dieser ruppigen Gesellen traten mehr mit Geschrei und Gezeter als Mut auf, um den wehrhaften Ritter von seinem Burgsitz zu vertreiben. Das edle, hochgeartete Paar ließ sich aber durch das Geschrei nicht anfechten, denn sie wußten wohl: Feigheit flieht und fürchtet scharfe Fänge! Ritter Turmfalk von Scharfenklau ließ in überlegener Ruhe und Kraft die Dohlen flattern, kreischen und schimpfen, und fuhr nur selten einmal durch den auseinanderstiebenden Schwarm vor oder über seiner Haustür. –
Der Hochsitz, den er sich hier vierhundertdreißig Meter über dem Meere erkoren, war sehr einfacher Art. Ein kleiner Fensterschlitz in der Turmmauer unterhalb der großen Schalluke des niedrigeren Südturmes ([Abb. 1]), fünfundzwanzig Meter etwa über der Erde gelegen, von fünfunddreißig Zentimeter Breite und fünfundsiebzig Zentimeter Höhe und fünfzig Zentimeter Tiefe war seine Burg. Wie der harte Mann im siebenbürgischen Jägerliede hat er sich hier »den Stein zum Bett gemacht« und ohne Halm und Ästchen, ohne Blatt, Feder oder andere weiche Dinge auf dem rauhen Gneis des Fensterquaders seinen Hausstand zwischen engen, harten Wänden eingerichtet. Einfach, enge, rauh und schlicht zwar war der Burgsitz, aber doch gut gewählt und sicher gegen die Feinde und die Wetter, welche Ritter Turmfalk kannte, denn starke Mauern schützten sein Heim von oben, unten und den Seiten und hart war auch die Rückwand seines Horstes, nach seinen mineralogischen Kenntnissen auch von blankem, glattem Stein.
Doch dieser harte, blanke, glatte Stein war blankes Glas, durch welches neugierige, freundliche Menschenaugen heimlich schauten und zudringlicher und frecher als jene ruppigen Dohlen in seine Familienverhältnisse einzudringen suchten, aber immer heimlich, ganz heimlich mit dem höflichen, stillen Ersuchen: »Bitte, bitte, gnädige Frau, sich nicht stören zu lassen.«
Mitte Mai legte Frau Turmfalk ein schönes bräunliches Ei. Nach dieser Leistung schwang sie sich mit dem Herrn Gemahl fröhlich in die Lüfte, um noch einmal vor weiteren Familienereignissen einen frischen, flotten Jagdzug in die Felder zu machen, wo zwischen grünenden, wogenden Saaten so recht runde, fette Mäuslein liefen. Erfrischt, gesättigt, angeregt kehrte sie mit hellem Kiii–je zum Horst zurück. – – Wehe! Das Ei, das erste Ei, das einzige Ei, der Stolz des jungen Ehepaares war fort! Spurlos verschwunden, geholen, gestohlen! Leer der steinerne Horst! Wer war der freche Dieb? – Gewiß diese Nesträuber, diese Dohlen! Doch nein, Frau Turmfalk, Sie sind im Irrtum! Das hatten die schwarzen Burschen mit dem lauten, frechen Schnabel doch nicht gewagt, heimlich in Ihr festes Haus, die Burg des Ritters Turmfalk von Scharfenklau einzudringen. Nein, ein wissensdurstiger Knabe hatte heimlich das Fenster hinten geöffnet, rasch das Ei geholt und freudestrahlend seinem Lehrer gebracht, der es der Schulsammlung einverleibte. Ja, auch im Menschen stecken oft schon frühe Dohlentriebe! Leider! – Frau Turmfalk war nun aber gewarnt! Sie blieb daheim und hütete den Horst und beschenkte nach und nach mit vier Eiern ihren Herrn Gemahl. Die hochgeborene Dame, die im stolzen Fluge nur in den höchsten Kreisen zu verkehren gewohnt war, die weite Reisen und ein buntes, ungebundenes Leben liebte, zog sich von der großen Welt zurück, verließ das feste Haus nur selten und ward ein braves, gewissenhaftes Hausmütterchen.
Herr Turmfalk war um seine Eheliebste recht besorgt. Er mußte für die Nahrung sorgen und brachte treulich seiner trauten Gattin manchen saftigen Braten, feines Wildbret von delikater Feldmaus, der sorglich und glatt der Kopf mit scharfem Schnabel abgeschnitten war. Nur wenn der warme Sonnenschein nachmittags am Turm anlag, vermochte er sein Hausmütterchen zu bewegen, vom Brutplatz aufzustehen, die Schwingen zu schütteln und zu kurzem Fluge in die Luft und in das grünende, üppige Frühsommerland zu schweben. Mutter Sonne hielt inzwischen für die Lieblinge der strahlenden Höhe die Eier warm, bis sie von ihrem Fluge in die Höhe und die Weite zurückkehrten und Frau Turmfalk gewissenhaft den Platz ihrer Hoffnungen mit neuer warmer Mutterliebe wieder einnahm. Was kümmerte es sie, daß mittags um zwölf Uhr und abends um sieben Uhr das Häuerglöckchen eine Viertelstunde dicht über ihrem Horste und Haupte läutete und mit seinem traulichen Bimbam die Lüfte erfüllte! Was ging es Frau Turmfalk an, wenn hinter ihrem Rücken so oft ein seltsames Gepolter sich erhob, wenn die Läuter der großen Kirchenglocken die hölzernen Treppen im Turme heraufstolperten oder herunterpolterten und es dann plötzlich stille wurde und mit Rascheln und Scharren dunkle Gestalten an ihrem Fenster sichtbar wurden und wieder verschwanden. Was kümmerte es sie, wenn Sonntags und in der Woche die großen Glocken tönten und dröhnten und wie ein wunderbares Klanggewitter über sie dahinging! Sie duckte sich fester und schmiegte sich mit schirmendem Flügel über ihren kostbaren Besitz mit der göttlichen Muttertreue, welche den brütenden Vogel zum rührenden Sinnbilde der aufopfernden Liebe macht. –
Vier Wochen gingen vorüber, nachdem sie die Eier gelegt, da, acht Tage nach Pfingsten etwa, mitten im wonnigen Junimonat, in den Tagen der Rosen wurde Frau Turmfalk unruhig. Es war ihr so eigen zumute, als sollte nun das Sitzen im engen Burggemach zu Ende sein, als sollte die fröhliche Jagd in Feld und Flur, das Kreisen in blauer Luft, das scharfe Spähen aus schimmernder Höhe und das Niedersausen zu scharfem Stoß, Griff und Fang wieder beginnen, aber eine ganz andere, höhere Bedeutung gewinnen, einen Zweck, den dunkel keimende Mutterliebe ahnte.
In den Eiern unter ihr war es schon so merkwürdig unruhig gewesen in den letzten Tagen. Jetzt sprangen die harten Schalen und sie fühlte, wie krabbelnde weiche Bällchen sich an ihre wärmenden Federn drückten, erst eins, dann zwei, dann drei und schließlich noch am nächsten Tage ein viertes, das Nesthöckchen, welches besonders warm und weich es haben wollte.
Wann Frau Turmfalk dieses frohe Ereignis ihrem ritterlichen Gatten mitgeteilt hat und wie er es aufgenommen hat und seinen Schnabel verzogen, wissen wir leider nicht, hoffen wir, fröhlicher als ein menschlicher Vater, dem Vierlinge angemeldet werden.
Genug, eines Tages, nicht lange nach Pfingsten, bemerkten die heimlichen Beobachter hinter der verräterischen Glasscheibe, daß vier kleine weiße Bällchen mit großen schwarzen Augen, großen Schnäbeln und ganz zartem Flaumkleid in ihrer Kinderwiege umherkrabbelten, sich zusammendrängten und noch recht unbehilflich ihre Köpfchen drehten. Die liebe Mutter war davongeflogen, den Vater kannten sie noch nicht recht, ihr schwaches Kinderstimmchen reichte noch nicht weit, der kalte Wind blies in ihr Eckchen, und ihr kleiner Magen hatte so seltsame, unangenehme Gefühle, daß die Schnäbelchen öfter ganz wie von selbst trichterartig sich öffneten und wieder schlossen. Ja, sie merkten, wie warm und wohl Mutterliebe und Muttersorge tut! Doch da kam sie schon herangeschwebt wie ein schneller Schatten und saß am Rand, an der Tür ihrer lieben Kinderstube. Und was hatte sie mitgebracht! Ein schönes, zartes, junges Mäuslein, so recht für den jungen Magen ihrer kleinen Brut geeignet und leicht verdaulicher Leckerbissen! Den Kopf hatte sie draußen schon abgeschnitten. Nun faßte sie das Mäuslein mit den Krallen, indem sie sich auf die Fußgelenke oder gleichsam auf die Ellenbogen setzte, um die Hände frei zu haben, und als wäre das tote Mäuslein ein Sack, aus dem sie allerlei Gutes hervorholt, holte sie mit dem spitzen Schnabel das Fleisch und die Eingeweide aus dem grauen Mäusewams heraus. »Sie hat das Fell ausgehöselt,« sagte der Kirchendiener Klemm. Das leere Fell wurde in die Tiefe befördert, und öfter fand man später am Fuß des Turmes in den Gebüschen und am Boden solch sauberen Mäusebalg, an dem nur noch die vier Beinchen und das Schwänzchen hingen.
Der Reihe nach bekamen die Jungen ihr Häppchen in ihren Schnabeltrichter und jedes wartete fein geduldig, bis sein Trichterlein an der Reihe war. Und wenn doch einmal das Nesthöckchen von den drei älteren Geschwistern zurückgedrängt war, dann überging Mutter Turmfalk auch einmal die drei vordringlichen dicken Brüder und nahm Nesthöckchen zuerst vor und füllte ihm den kleinen Hals mit einem Leckerbissen, und Dickbrüderchen mußten warten. O ja! in der Kinderstube von Ritter Turmfalk und Frau Gemahlin herrschte Ordnung und Zucht, Verträglichkeit und Reinlichkeit. Schon während der Brutzeit hatte Frau Turmfalk fleißig dafür gesorgt, daß das Haus rein war, damit der Herr Gemahl nichts zu tadeln fand: Keine Speisereste, kein Mäusewams, kein Schmutz und Kot wurde geduldet, sondern über die Schwelle des Hauses gekehrt. Auch die Kinder mußten dies lernen und waren in wenigen Tagen, lange ehe sie rechte Federn hatten und fliegen konnten, stubenrein und besser erzogen als manches kleine Menschenkind, das schon laufen kann. Wenn die braven, jungen Fälklein spürten, daß ein kritischer Augenblick nahte, dann krabbelten sie zum Rande des Mauerschlitzes vor, drehten sich um und hielten das Schwänzchen in die freie Luft hinaus und – – Klex – die Sorge war vorüber! Die liebe Mutter brauchte nicht das Kinderstübchen auszuputzen, denn das tat sie wohl nicht besonders gern.
Fleißig war nun das Elternpaar auf der Jagd, um ihre junge Brut zu sättigen. In zwanzig Minuten oder einer halben Stunde war eine Maus erlegt und zum Horst getragen. Doch es wurde nicht wahllos den ganzen Tag über gefüttert, denn das hätte dem jungen Magen der Fälklein geschadet. Die Stunden der Mahlzeit hielt Mutter Turmfalk streng inne, nämlich morgens etwa um sieben Uhr, mittags um zwölf Uhr und abends auch wieder um sieben Uhr, wenn oben im Turme das Bergglöckchen läutete. Die Mahlzeiten dehnten sich natürlich über längere Zeit aus, denn es ist nicht leicht und rasch getan, für vier hungrige Kinderlein die Nahrung herbeizuschaffen, sie zu füttern und zu sättigen, und schließlich selbst auch noch dabei satt zu werden. Ausschließlich Mäusebraten war die Nahrung unserer ritterlichen Familie Turmfalk. Trotz eingehender Beobachtung wurde nie ein Vogel oder ein Restlein Geflügelbraten oder auch nur eine Feder im Nest oder bei der Atzung bemerkt. Was ist denn auch ein Vögelchen für ein dürftiger Braten, mehr Knochen und Haut als Fleisch, gegen eine runde, appetitliche Feldmaus mit speckigem Rücken! Nur wenn es gar nichts Besseres gibt und der Hunger weh tut, mag auch mal ein Vogel als »Mausersatz« auf Turmfalks Speisezettel stehen. Unser Ritter vom Petriturm hatte solchen »Ersatzbraten« jedenfalls nicht nötig, sondern sein Jagdgebiet bot ihm reichlich die gesuchte Beute.
Im stillen Garten des benachbarten Logenhauses war es schon seit längerer Zeit den Mäusen unheimlich geworden. Sie hatten so lange ein friedliches, ungestörtes Leben geführt, waren umhergehuscht auf Besuch bald hier, bald da, hatten Hochzeiten und fröhliche Feste gefeiert, von allem genascht und niemals gehascht, und nun kam ein blitzschneller Schatten vom Himmel herabgeschossen, ein ängstliches Piepen und eine Maus aus ihrem Volk, eine Hauptmaus mit besonders ausgeprägtem Speckrücken war verschwunden, blitzschnell wie der Schatten! Wo war sie geblieben! Aufgeregt lief man zur Nachbarin, die schon allerlei erlebt hatte und zu erzählen wußte! Dieses unerhörte Ereignis mußte gründlich besprochen werden! Wie konnte so etwas im friedlichen Logengarten vorkommen?!
Wie sollte man sich dagegen schützen? – Doch die Tür der weitgereisten Nachbarin war noch nicht erreicht, da fuhr es plötzlich wie scharfe Dolche durch den Leib der neugierigen Mäusedame! Ein Zappeln und pfeifender Aufschrei und alle Neugierde ihres Lebens war befriedigt. Die unfehlbaren, nadelscharfen Krallen Ritter Turmfalks trugen sie zum nahen Horst. Tagaus, tagein minderte sich so das Mäusevolk. Eine unheimliche Stimmung und Angst breitete sich aus. Die tapfersten Mäusemänner wurden kleinlaut und sehr häuslich und ihre langen Schnurrhaare wurden stumpf und grau. Die blanken, schwarzen Äuglein matt und trüb! Die ganze Staatsordnung kam ins Wanken! Von Auswanderung wurde heimlich in den Gängen gewispert, denn man durfte sich bei Tage nicht mehr ins Freie wagen, da das fast an Selbstmord grenzte. Kein Mäusegatte ließ seine Gattin mehr zum Einholen aus dem Loche heraus. Der Speisezettel wurde täglich dürftiger, und der bisher so prall sitzende graue Leibrock wurde merklich weiter und unangenehm bequem! Ausgestellte Wachen an versteckten Eingängen zur Mäusesiedlung hatten mit zitternden Schwänzen und bebendem Fell beobachtet, daß der blitzschnelle Schatten ein großer Vogel gewesen war! Als erstes habe er stets ohne Unterschied dem erbeuteten, schmählich geraubten Mauseherrn oder Dame mit dem Schnabel haarscharf den Kopf abgeschnitten, wie mit einem Messer oder Schere, und das warme Blut sei umhergespritzt! Furchtbar! Solche Kopflosigkeit war nicht nach ihrem Geschmack! – – Ja, es ist nicht gut, einen stark bewehrten Feind mit scharfem Schnabel und spitzen Fängen als Nachbar zu haben, wenn man schwach und wehrlos ist! Wehrlosigkeit zeugt Feigheit, Nachgiebigkeit, Ehrlosigkeit, Armut, Hunger, Auswanderung, Untergang! – –
So war Ritter Turmfalk und Gemahlin der Schrecken des ganzen Mäusevolkes der Umgegend. Doch auch die Vogelwelt blieb nicht ganz unbeeinflußt. Obgleich man nie beobachtete, daß er einen Vogel gejagt oder geschlagen hätte, hatten sich doch auch die kleineren Vögel, welche sonst in den grünen Lindenwipfeln des Kirchplatzes fröhlich sangen und zwischen den Zweigen umherschlüpften und spielten, vorsichtig aus der unmittelbaren Nähe der Burg des reisigen Ritters zurückgezogen. Ob die neidischen Dohlen ihn verleumdet hatten? Ob den Vögelchen die Mäuse etwas von ihren Sorgen gepfiffen hatten? Ob alte Sagen und Aberglauben überliefert waren, die nun noch in den kleinen Vogelköpfchen spukten, und den bisher niegesehenen Vogel dort oben verdächtig machten? Ob der Anblick seiner scharfen Krallen und des spitzen Schnabels sie allein schon furchtsam machte? Ob sie den unfehlbaren Stoß bei der Mäusejagd beobachtet hatten und ihn nun für sich fürchteten? Ob sie aus Vorsicht nur die unheimliche Nähe des Raschen und Starken mieden, um nicht einem plötzlichen Begehren oder Einfall des Unberechenbaren ausgesetzt zu sein? – Der Schluß ihrer Vogelphilosophie war jedenfalls, daß sie sich drückten, denn geh zu den mächtigen Herren nur, wenn sie dich rufen, und bleib in ihrer Nähe nur, wenn du mußt. Der Schwache ist neben dem Starken leicht in Gefahr! – – –
Unermüdlich trieben so Herr und Frau Turmfalk ihre Mäusejagd, um ihre edelste Aufgabe in rechter Weise zu erfüllen, nämlich ihre Jugend aufzuziehen zu rechter Kraft und echtem Falkentum, um allen Aufgaben des Falkenlebens gewachsen zu sein. Sie waren auch vorsichtig und vorausschauend wie ein rechtes Elternpaar, das nicht nur für heute sorgt, sondern auch für die Zukunft, und daran denkt, daß für jede Mahlzeit genügender Vorrat zur Verfügung stehen muß, daß die Kinder nicht lange auf die Beschaffung warten und schließlich gar hungern müssen. Turmfalks hatten ihre Vorratsschränke und ihren Vorratsboden, die eifrig gefüllt wurden mit blutfrischen Braten, solange nicht die Atzung der Kinderlein sie in Anspruch nahm. In den seitlichen Wandungen rechts und links ihres steinernen Horstes befanden sich die Speiseschränke, das heißt etwa zehn Zentimeter tiefe aus den breiten Fugen des Gneissteinmauerwerks ausgewitterte Löcher, in welche sie sorgfältig erlegte Mäuse hineinlegten, ein Mäuslein über das andere gepackt, öfter drei oder vier in jedem Mauerschrank, alle Mäuse selbstverständlich ohne Kopf. Die braven Kinder konnten leicht an die offenen Schränke, wo das appetitliche Wildbret lag, aber Naschen und Stehlen lag ihnen fern. Sie warteten geduldig, bis die gute Mutter an den Vorrat ging und ihre aus dem Mäusewams »ausgehöselten« Leckerbissen verteilte. Mit dem raschen Wachstum der Falken wurden diese Happen größer und größer, bis sie schließlich Mann für Mann bei jeder Mahlzeit eine Maus bekamen und selbst an ihr das »Aushöseln« lernten. Da kam es auch vor, daß zwei Fälklein sich mit einer Maus beschäftigten und mit den Eingeweiden ihre liebe Not hatten. Das eine Brüderchen zog an einem Ende des Darmes, das andere am anderen Ende. Es wurde erst einmal »Tauziehen« gespielt, bis jedes seinen Happen sich einverleibt hatte. Das war nicht leicht und für Fälkleins vielleicht ebenso schwierig, wie wenn kleine Menschenkinder faserigen Stangenspargel oder glatte weiche Makkaroni essen sollen, ohne mit den Fingern nachzuhelfen!
Die Speiseschränke reichten manchmal nicht aus bei dem gesunden Hunger der kräftigen Falkenjugend und wenn die Jagd besonders ergiebig war. Als man eines Tages die Holzläden an den Fenstern des Glockenbodens auf dem Turme hoch über dem Horste öffnete, sah man auf einem hölzernen Sims oben eine Reihe von blutfrischen Mäusen liegen, nebeneinander kopflos und friedlich aufgereiht, wie der Wildhändler seine Hasen auf dem Schaubrett auslegt. Ob dieses Vorratslager der alte Herr Ritter Turmfalk nun heimlich für sich zu besonderen Genießerzwecken angelegt hatte, oder ob er in treuem Vaterpflichtgefühl hier seine Jagdbeute für die Jungen niederlegte, solange die Gattin mit der Atzung der Kinder beschäftigt war, damit sie ohne Mühe und ohne Zeitverlust die Nahrung von dem verabredeten Platze rasch herbeiholen könnte, das läßt sich nicht genau feststellen. Wir glauben aber, daß solche Arbeitsteilung und die gemeinsame Sorge für ihren hoffnungsvollen Nachwuchs durchaus in dem ritterlichen Charakter unserer geflügelten Helden liegt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß auch an anderen Stellen Ritter Turmfalk sich solch Lager von Wildbret anlegte, denn man sah ihn öfter um den Turm kreisen und auch durch eine fehlende Scheibe im unbewohnten Kämmerchen des ehemaligen Türmers auf der Ostseite des hohen nördlichen Turmes verschwinden und bald wieder herausfliegen. Was suchte er in dem öden engen Raume, wo höchstens Spinnen ihre Nester bauen und ihr Dasein kümmerlich fristen? Er hat sein Geheimnis nicht verraten! Vielleicht hatte er dort auch eine Niederlage eingerichtet, um auf alle Fälle gerüstet zu sein und seine hungrige Gesellschaft stets reichlich versorgen zu können, wenn die Jagd einmal nicht so ergiebig sein sollte. –
Die jungen Falken hatten sich in wenigen Wochen so kräftig entwickelt, die kleinen Schnäbel hatten sich hakenförmig gekrümmt und eine nadelscharfe Spitze bekommen, das zarte, weiche Daunenkleid war einem Federkleide gewichen, dessen Weiß mit feinen braunen Streifchen gesprenkelt war und allmählich namentlich auf dem Rücken mehr und mehr in Braun überging. Die kleinen Gesellen waren immer lebhafter geworden und der enge Raum der Fensternische wollte kaum mehr reichen. Vater und Mutter Turmfalk hatten schon auswärts Wohnung suchen müssen, weil für sie der Platz nicht mehr reichte. Wer weiß, ob nicht in wenigen Tagen die Kraft der jungen Flügel erprobt werden sollte – und dann war es zu spät, eine photographische Aufnahme zu machen! Am 18. Juli stiegen nachmittags drei Uhr Herr Kantor Bretschneider und Herr A. Schreiber mit photographischem Apparat die enge Wendeltreppe zum Turme hinauf, um die vier Junker Turmfalk auf die Platte zu bannen. Die Aufgabe war nicht leicht, denn die Aufstellung des Apparates war durch das Gebälk und die Treppe im Turme stark behindert. Die jungen Falken hatten scharfe Augen und scharfes Gehör. Auf jedes Geräusch und jede Bewegung antworteten sie durch Stutzen. Leise, ganz leise nur durfte das Fenster geöffnet werden, um nicht die Fälklein durch plötzliche Bewegungen zu erschrecken und dadurch etwa ein Zurückweichen und einen Absturz aus der engen Kinderstube über den Mauerrand in die Tiefe zu verursachen. Die Hand ging leise und langsam stückweise am Fensterrahmen innen hoch mit Ruhepausen und oben am Rahmen allmählich entlang und wieder abwärts, um Wirbel und Knopf zu erreichen, aber unverwandt folgten die funkelnden Falkenaugen, die Köpfe und die sich hebenden Hälse voll Mißtrauen der Bewegung, bis die Hand verschwunden und die dunkle Gestalt am Fenster nicht mehr sichtbar war.
Da die Aufnahmen jedoch aus dem dunklen Raume gegen das helle Tageslicht gemacht werden mußten, ergaben sie leider nur dunkle Schattenbilder ohne Durchzeichnung, die nicht befriedigen konnten. Eine Wiederholung der Aufnahme gleich am Abend wurde beschlossen zu einer Zeit, wo die nun bald flügge Junkerschar reichlich und fertig geatzt, satt, ruhig und behaglich im Horste saß und der gestrenge Herr Ritter von Turmfalk nebst Frau Gemahlin schon beruhigt fern von der Kinderstube sich einen sicheren Ruheplatz gesucht hatten.
Einhalbneun Uhr abends ging es nun wieder leise die dunkle gewundene Turmtreppe hinauf, ausgerüstet mit Blitzlicht, um, wie Schillings es nennt, eine »Natururkunde« zu gewinnen. Leise und vorsichtig beim Scheine einer Taschenlampe wurde der Apparat gerichtet, das Blitzlicht fertig gemacht und das Fensterchen am Horste geöffnet. Es war nicht leicht, die Linse scharf einzustellen, da ein scharfer Wind und Gegenzug durch das geöffnete Fenster sauste und alle Vorsicht zu Schanden zu machen drohte, auch das Holzwerk des Turmes innen Unbequemlichkeiten bot. Auch die geringste Bewegung und das leiseste Geräusch merkten die jungen Falken, wurden unruhig, zogen sich bis an den Außenrand der Nische, den Rand des finsteren Abgrundes zurück, wobei ein oder zwei der Tierchen verdeckt waren und die Absturzgefahr drohte.
Das machte eine Aufnahme zunächst unmöglich. Es galt die scheuen und ängstlichen Tierchen zu beruhigen, an das Geräusch und das Blitzen zu gewöhnen. Der Apparat wurde öfters »blind« abgedrückt, so daß ihnen das Knipsgeräusch nicht mehr auffiel und mit der elektrischen Taschenlampe wurde ein kleines Wetterleuchten veranstaltet, dessen Blitze die Falkenbrüder manchmal blendete, aber nicht weiter erschreckte, denn von ihrem Hochsitz aus hatten sie schon andere Flammenstrahlen die Dunkelheit zerreißen sehen. Nach ein und einer halben Stunde, etwa um einviertelelf Uhr, waren die Tierchen so beruhigt über das merkwürdige geheimnisvolle Treiben im Turm, daß sie zuletzt ihre Stellung nicht mehr verließen.
Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg
Abb. 2 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg
Jetzt konnte Blitz und Aufnahme gewagt werden. Brav saßen die vier Junkerchen nebeneinander gedrängt, denn der Nachtwind pfiff ganz ungewohnt und scharf aus der Finsternis durch ihre sonst so gemütliche Kinderstube, und sie drehten dem ungemütlichen Blaser, den durch die Flügel besser und wärmer gedeckten und geschützten Rücken zu und schauten gerade richtig in den Turm hinein auf die Kamera ([Abb. 2]). In der Mitte saß ziemlich breitspurig der älteste der Brüder und reckte den Kopf. Er fühlte sich verantwortlich für die Sicherheit der Burg. Er hatte doch ein ungewohntes Geräusch gehört, auf das er lauschen wollte. Halb hinter ihm der kleine Dicke, der den Mäusespeck so gern hatte, schlief schon halb und klappte ab und zu die runden Augen auf. Er war der satte Phlegmatiker, der ruhig für sich sorgen ließ, am wärmsten saß, dabei aber den jüngsten Bruder, das Nesthöckchen, ganz selbstverständlich und gemütlich noch an die Wand drängte, um recht bequemen Platz für sich zu haben, und der dazu noch sein dümmstes Gesicht aufsetzte. Das kleine ängstliche Nesthöckchen aber hob ergeben das kleine scharfe Schnäbelchen, zufrieden, daß es wenigstens noch ein Plätzchen hatte dicht bei den Brüderchen in dieser kalten unheimlichen windigen Nacht voller Unruhe. Dem vierten älteren Bruder war die Spannung des ältesten nicht entgangen, und mit ihm gemeinsam lauscht er hinaus in die unheimliche Finsternis, aus welcher eine ungekannte Gefahr sich zu nahen schien. Eben will er sein Bedenken und finstere Ahnung mitteilen, da blitzt es plötzlich blendend und grell auf, als wollte das Licht ihre Augen verbrennen und pechschwarze Finsternis folgt. Sie fahren entsetzt auseinander, Dickbrüderchen ist hellwach geworden und reißt die runden Augen auf, als wäre er eine Eule mit den großen Telleraugen. – Erst gestern Nacht hatte er ja eine mit leisem Flug um den Turm streichen seh’n! – Sie wenden sich rückwärts und wollen auf und davon im ersten Schrecken, Nesthöckchen ist schon fast am Rande des Horstes; da blitzt es zum zweiten Male auf, ebenso grell, ebenso schnell und dann bleibt es dunkel ([Abb. 3]). Wie gelähmt bleiben sie sitzen und können sich nicht rühren. Wohin sollen sie flüchten? Erst allmählich, als kein neues Entsetzen folgt und alles still bleibt, fällt die bannende Angst ab. Nur leise Geräusche im Turme, wie sie schon oft gehört, vernehmen sie noch, das Fenster wird geschlossen und plötzlich hört auch der kalte zugige Wind auf und sein unangenehmes Zausen, Zupfen und Wühlen in ihrem Gefieder. Der Wind, der ungebärdige böse Zausegeselle, ist wieder aus der Kinderstube der Falken ausgeschlossen. Sie drängen sich wieder zusammen, daß eins am andern sich wärmt, vergessen den Schrecken und schlafen dann ruhig im warmen Winkel ein, bis morgen früh die Sonne sie weckt oder die liebe Mutter Turmfalk mit dem heißbegehrten Frühstück kommt. – – –
»Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch«
Froher hätten die drei Jäger auch nicht nach Hause wandern können, wenn sie den weißen Hirsch erlegt hätten – sie haben ihn aber nicht erlegt!! – als wie unsere Photographen, als sie nach langem geduldigen Mühen den Lohn wohlgelungener seltener Aufnahmen nach Hause trugen. Sie fühlten sich beim Herabsteigen auf der schwarzen Wendelstiege des Turmes zu mitternächtiger Stunde wie Schillings, als er »mit Blitzlicht und Büchse« aus dem finsteren Urwald heimkehrte. Hellauf flammte der Mut: »In den nächsten Tagen oder Abenden wiederholen wir die Aufnahme und stellen untrüglich fest, wie die Entwicklung vorgeschritten ist!« »Natururkunden!« Doch Hindernisse treten ein: Als nach acht Tagen die Forscher zur Tat schreiten wollten, da war das Nest leer, und die jungen Falken hatten ihren Flug in die Welt angetreten.
Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg
Abb. 3 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg
Den 27. Juli, einen schönen Sonntag, hatten sie zu ihrem ersten Ausflug auf eigenen Flügeln sich ausgesucht. Bis zu den benachbarten Dachfirsten hatten sie ihre jungen Schwingen zunächst abwärts getragen. Dort saßen sie dann mehr ängstlich und erstaunt über ihren eigenen Mut und warteten, daß die Eltern ihnen den gewohnten Braten brachten. Die Maus auf dem Dachfirste, von den Eltern zugetragen, war ihnen so lieb wie die Maus im Turmhorst. Auch hier auf dem Dachfirste hielt aber die gestrenge Frau Mutter scharf die Reihenfolge ein, so daß nicht etwa ein kleiner Frechling doppelt erhalten konnte, während ein anderer leer ausging. Wenige Tage nur ging es von Dachfirst zu Dachfirst, auf Essenköpfe in immer gewandterem Fluge, dann hinüber in die benachbarten Gärten und Promenaden. Auf hohen Bäumen hat man sie noch bemerkt, bis eines Tages ihre erstarkten Flügel sie in die Ferne trugen zu eigenen Fahrten, Jagden und Abenteuern.
Die Kindheit war vorüber. Sie hatten gelernt, daß Mäusebraten jedem anderen Braten vorzuziehen, ja das einzige würdige und ritterbürtige Essen ist, daß die Mäusejagd der einzige Turmfalkensport ist, in dem Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit, scharfe Augen und Fänge sich rühmlich und nützlich betätigen können.
Aufnahme von K. Reymann in Freiberg
Abb. 4 Petrikirchtürme in Freiberg Von Süden
Drei Monate etwa hatten Ritter Turmfalks auf dem Petriturm gehorstet und täglich wohl mindestens durchschnittlich zehn Mäuse geschlagen. Das sind etwa tausend Mäuse in kurzer Zeit! Ruhm und Dank darum dir du wackrer, schneller Held!
Wenn aber ihr jungen Falken über den Feldern schwebt, wenn ihr in die blaue Höhe steigt, wenn ihr eure Beute schlagt, möge kein Schießer euch treffen, kein Feind euch verderblich werden! Eure Burg und Kinderstube auf dem Petriturm ist leer. Bald braust der Wintersturm um seine Ecken. – Wenn der Frühling kommt und das Birklein an der Brust des alten Riesen grünt und die Kinder nach dem Sonnenstrählchen auf dem Turmknopf spähen, wird dann ein Paar von eurem ritterlichen Geschlecht dort oben wieder horsten auf stolzer Burg über dem Treiben und der Unruhe der Welt? ([Abb. 4]).
Willkommen seid ihr uns, uns und der heimlichen neugierigen Kamera!
Fußnote:
[1] Nach eigenen Beobachtungen und Mitteilungen der Herren Kantor Bretschneider, Obersekretär Walter, Kirchendiener Klemm, Glöckner Lohse und des Herrn A. Schreiber in Freiberg.