Um Lugstein und Kahleberg
Von Dr. Kurt Schumann, Dresden
Mit Bildern von Walter Möbius, Dresden
Ich fahre gern mit der Kleinbahn. Man kann sich in Ruhe alles ansehen, was draußen vorgeht, kann die Gesteinsarten und ihre Pflanzendecke gründlich studieren, sich mit der Bevölkerung, ihren Sitten und ihrer Sprache vertraut machen, ist gegen Zusammenstöße mit Schnellzügen geschützt, wenn es auch vorkommt, daß die Lokomotive mit dem ersten Wagen in die Müglitz fällt, und man fährt vor allen Dingen sein Geld ordentlich ab. Die Mehrzahl dieser Vorteile fällt im Winter, wenn man zum Skilauf ins Gebirge fährt, weg. Draußen sieht man nichts, weil es bei der Bergfahrt wie bei der Talfahrt finster ist, die Bevölkerung im Wagen verschwindet unter Bretterhaufen und Rauchschwaden, und die lange Fahrt wird, wenn man sich nach sportlicher Betätigung sehnt, ein zweifelhaftes Vergnügen. Deshalb ist es außerordentlich zu begrüßen, daß in dieser Jahreszeit die Bahnverwaltung Züge fahren läßt, die statt der üblichen fünfzehnmal nur dreimal zwischen Heidenau und Altenberg halten. Daß sie trotzdem dieselbe Zeit brauchen wie die fünfzehnmal haltenden Züge, liegt diesmal nicht an der wohlmeinenden Bahnverwaltung, sondern an der klimatischen Eigentümlichkeit unsrer Gebirge, die doppelt soviel Niederschläge erhalten wie die vorgelagerten Niederländer, und zwar im Winter in Form von Schnee, weshalb man ja zum Wintersport ebendahin fährt. Dazu kommt noch, daß in diesen Gebirgen, namentlich da, wo sie der Mensch abgeholzt hat, der Wind in unfreundlicher Weise bläst, was zur Folge hat, daß auf den Feldern, wo man den Schnee zum Fahren braucht, der Sturzacker herauskommt, während er an anderen weniger zum Skifahren geeigneten Stellen meterhoch liegt. Zu diesen anderen Stellen gehört die Bahnstrecke Geising–Altenberg. Trotzdem waren wir, als wir am 1. März nach dem üblichen Mord und Totschlag beim Umsteigen in Heidenau im Sportzug saßen und durch eine merkwürdige Fügung auch noch einen Sitzplatz erhalten hatten, auf den sich niemand zu setzen gewagt hatte, weil es niemand für möglich hielt, daß zehn Sekunden nach Ankunft des Dresdner Zuges es noch einen freien Platz geben könnte, guter Hoffnung voll, zumal es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Um das Versäumte nachzuholen, fing es hinter Bärenstein derartig an Schnee zu schütten, als hätte es den ganzen Winter noch nicht geschneit, und so geschah wieder einmal das Unausbleibliche. Als das Zügel mühsam an dem Hang des Geisinger Tals hinaufgeklettert war und nun auf der Westseite vom Geisingberg die Hochfläche erreicht hatte, die das Tal des Roten Wassers von dem der Biela trennt, stand es trotz seiner zwei Maschinen still. Es fuhr noch einmal zurück, nahm einen gewaltigen Anlauf und blieb abermals stecken. Dann fuhr eine Maschine allein los und soll der Sage nach auch in Altenberg angekommen sein. Zurück kam sie jedenfalls nicht, und so schneite die andre Lokomotive samt Zug und Passagieren langsam ein, spuckte noch eine Weile verzweifelt Dreck und Feuer und ergab sich dann in ihr Schicksal. Ich ergab mich auch in das meine, zumal ich es als eine gerechte Strafe des Himmels dafür empfand, daß ich der Mahnung meines Söhnleins (Vater, du könntest eigentlich auch einmal zu Hause bleiben) wieder einmal nicht gefolgt war, obwohl ich den Winter in der Sächsischen Schweiz, in der Dresdner und Dippoldiswaldaer Heide, auf dem Carolasee und der Waldparkbahn wirklich zur Genüge schon genossen hatte. Ich wäre vielleicht auch diesmal zu Hause geblieben, wenn nicht Beelzebub in der Gestalt des Wandergenossen, der die schönen, diesen Aufsatz schmückenden Bilder geschaffen hat, mir mit dem Versprechen genaht wäre, daß er mit mir am Sonntag nach der Strobnitz fahren wollte, jenem schönen Aussichtspfeiler am böhmischen Hang, der durch Schiffners und Wagners begeisterte Schilderung zum Traum meiner schlaflosen Nächte geworden war. Reue und Gram im Herzen verließen wir schließlich den warmen Wagen, um uns gegen den Südweststurm nach Altenberg hineinzukämpfen. Glücklicherweise klebte es wenigstens nicht, und so kamen wir schon nach einer Viertelstunde in die Altenberger Vorstadt, die den ebenso unerklärlichen wie anheimelnden Namen »Polen« führt, stolperten an verschiedenen Hausgiebeln vorbei, liefen manchmal Gefahr, in einen zu irgendwelcher Haustüre führenden Tunnel zu fallen, erblickten ab und zu tief unter uns am Grunde von kunstgerecht ausgeführten Schächten (wir sind hier im Zinnbaugebiet) einen Lichtschein, der sich hinterher als Stubenfenster erwies, rutschten noch über einige gewaltige Schneewogen und standen plötzlich vor unserem Quartier. Drinnen fanden wir eine warme Küche und zwei alte Weiblein, die nach vorsichtiger Schätzung den Einbruch der großen Binge schon mit erlebt haben mußten, dazu drei alte Katzen, die teils blind und teils zahnlos waren und sich auch sonst sehr würdig benahmen im wohltuenden Gegensatz zu einer vierten, die sich mit ihrem noch wohlerhaltenen Gebiß über den in der üblichen liederlichen Weise eingepackten Rucksack des, abgesehen vom Namen, ganz unprophetenhaften Wandergenossen Elias hermachte und ihm den Belag von den Bemmen fraß. Das wurde für uns zum willkommenen Anlaß, den Rest unseres am Morgen gefaßten Gehaltes in Gewiegtem anzulegen und uns auf die Weise für die Strapazen des Sonntags zu stärken. Hätten wir allerdings gewußt, was uns bevorstand, so hätten wir zweifellos noch ein paar Eier an das Fleisch gerührt.
Abb. 1 Altenberger Binge im Schnee
Abb. 2 Der Kleine Lugstein
Am nächsten Tage brach nämlich im Flachland der Frühling aus, was die Dresdner veranlaßte, schöne Spaziergänge in den Großen Garten zu machen. Wir aber erlebten nach dem bekannten Gesetz von der Tücke des Objekts wieder einmal die Kehrseite von der Medaille, indem es fürchterlich pappte, als wir am Morgen am Raupennest (Name einer alten Bergherrenfamilie) emporkletterten. Ich gedachte zunächst wie immer an dieser Stelle meiner schönen Konfirmationsuhr, die ich vor zehn Jahren hier beim Hinabrollen nach Altenberg verlor, ohne sie jemals wiederzusehen, und dann faßten wir angesichts der zwanzig Zentimeter dicken Schneeschicht, die an den Brettern klebte, den männlichen Beschluß, die geplante Strobnitzexpedition aufzugeben und einen Spaziergang nach den nahegelegenen Lugsteinen zu machen. Also begaben wir uns zunächst nach Georgenfeld, dessen spaßige Häuselreihe im Winter noch putziger aussieht als sonst. Auch die übrigen Siedelungen der Hochfläche, Alt-Georgenfeld und Zinnwald mit ihren zerstreuten Schindelhäusern hatten in dem Winterkostüm nur gewonnen, zumal die sonst die Landschaft verunzierenden Halden der Wolframwerke auch mildtätig vom großen weißen Tuch eingehüllt worden waren. Einen besonders schönen Überblick über dieses Kammgebiet wie über die böhmischen Riesen hat man von dem glücklicherweise noch nicht mit Wegweisern bedachten Kleinen Lugstein, der nur um zehn Meter hinter der höchsten Erhebung dieses Gebiets, dem Kahleberg zurücksteht. Seine schroffen Porphyrklippen ragten nur mit den Spitzen aus dem dicken Schneepanzer heraus, der ihn jetzt umgibt, so daß er geradezu alpin aussah. Vielleicht könnte man mit Hilfe einer Tafel mit der Inschrift: »Nach dem sächsischen Matterhorn« den Fremdenverkehr an dieser Stelle etwas heben und für die Herbeischaffung der Konservenbüchsen, Apfelsinenschalen und Bemmenpapiere sorgen, die diesem in jeder Hinsicht reizvollen »Gipfel« zur Zeit noch fehlen.
Abb. 3 Der Böhmische Lugstein
Abb. 4 »Betrieb« am Kahlebergturm
Seinen etwas niedrigeren Bruder, den Großen Lugstein, ließen wir diesmal rechts liegen und schoben uns gleich über das Georgenfelder Moor, den »See«, der den Neugraben speist, mit seinen kaum noch sichtbaren Legföhren in den Märchenwald am Niklasberger Weg, von dessen bizarren Baum- und Schneeformen, die Menschen, Bären, Embryonen und Riesenschnecken glichen, unser Bild einen bessern Begriff gibt, als es irgendwelche Worte vermöchten. Auf der Suche nach immer neuen Überraschungen waren wir so tief ins Dickicht geraten, daß wir erst nach langem Suchen die Lichtung entdeckten, an deren Rande der Böhmische Lugstein, eine dreigeteilte Porphyrklippe, die von schönen Wetterfichten gekrönt wird, wie eine Burg sich aufbaut. Unter wehmütigem Gedenken an die Heidelbeermengen, die ich einst mit meinen Kursteilnehmern an dieser Stelle vertilgt hatte, schlugen wir den Weg nach dem oberen Weißeritztal ein. Merkwürdigerweise funktionierte trotz des mäßigen Schnees die Abfahrt nach Kalkofen ausgezeichnet, was meinem Schneeschuh veranlaßte, gerade in diesem Augenblick sich der Bindung mit Hilfe einer abgebrochenen Schraube zu entledigen, so daß ich tiefen Groll im Herzen in dem gemütlichsten Gasthaus des östlichen Erzgebirges anlangte, als meine Gefährten bereits beim zweiten Gang angekommen waren. Die nicht erst aus neuester Zeit datierende Bekanntschaft mit dem Kalkofener Gasthaus verdanke ich einem mir auch durch andere touristische Qualitäten sehr lieb gewordenen Schnapspascher, der sich unterdessen wieder seinem Originalberufe zugewandt hat, zumal die Früchte seiner beschwerlichen Tätigkeit ihm zerrannen, als er schließlich doch einmal erwischt worden war. Trotzdem mußten auch die Stammgäste das Lokal meiden, als die tschechische Krone so gestiegen war, daß selbst alles Entgegenkommen des Wirts die Valutadifferenz nicht mehr ausgleichen konnte. Nun sind wir die Hochvalutarischen geworden, und damit ist das freundliche Gasthaus aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Kaum kann die kleine Stube die Fülle der Gäste fassen, und ich sehe schon den fürchterlichen Augenblick nahen, wo die kleine Grenzkneipe dem Schicksal verfällt, dem schon so manches stille Grenzwirtshaus verfallen ist. Glücklicherweise hat unter dieser Entwicklung die Qualität bisher nicht gelitten, wie wir in ausführlicher Weise feststellten, indem wir die einst durch die Mitarbeit an Prager und Teplitzer Zeitungen verdienten Kronen hier in Sachwerten anlegten. Wir beschlossen darauf einstimmig, daß unsre noch unbeweibten Gefährten in Bälde eine »Böhmische« zu ehelichen und uns wöchentlich mindestens einmal zu Gansbraten mit Knödeln einzuladen hätten.
Abb. 5 Kahleberg Blick nach Westen (Stürmer)
Abb. 6 Kahleberg Wetterfichten am Nordhang
Dieses sonnige Zukunftsbild im Herzen reparierten wir zunächst den unzuverlässigen Schneeschuh in musterhafter Weise (ich hatte schon vorsichtshalber einen erprobten Fachmann mitgenommen), und damit war der Nachmittag gerettet, der sich nun zu einem Gipfel des Naturgenusses auswuchs. Zunächst gings hinab in die Weißeritzaue und auch irgendwo über die Weißeritz, die nicht zu sehen war, hinweg. Der Schnee pappte zwar auch hier noch im unbefahrenen Gelände nicht anders als am Vormittag. Aber glücklicherweise war hier überall so gründlich gespurt worden, daß die Bretter glänzend liefen, wenn man sich an die ausgefahrenen Gleise hielt. Noch besser wurde es im Tale des Warmbachs, das im Schatten lag. Auch hier hatte der Schnee allerhand Veränderungen hervorgebracht. Der übliche Weg auf dem rechten Ufer war durch eine mächtige Schneewächte gesperrt, und erst da, wo als Zeugen des einstigen Kalkabbaus mächtige Halden im Walde liegen, konnten wir wieder auf den geordneten Pfad zurückkehren. Da wo die Quellbäche des Warmbachs, der trotz seiner geringen Länge infolge der starken Niederschläge ziemlich wasserreich ist, sich vereinigen, ist eine breite Aue, deren Nordseite durch einen steilen Hang, wie wir ihn im Porphyrgebiet oft finden, begrenzt wird. Jetzt deckte ihn eine einheitliche Schneemasse, so daß wieder ein Bild entstand, wie man es sonst nur in den Gletschergebieten der Alpen findet. Und über der überhängende Wächte, die ihn krönte, spannte sich als Künder des nahenden Frühlings ein ganz unwinterlicher geradezu italienisch blauer Himmel. In langen Kehren schoben wir uns an der Schneewand empor. So gelangten wir wieder auf die hier ungefähr achthundert Meter hoch liegende Rumpffläche, von der aus sich ein herrlicher Blick auf das obere Weißeritztal, den buchenbestandenen Hemmschuh, Bahnhof Moldau, Böhmisch-Ullersdorf und Neustadt und die beiden Eckpfeiler des Niklasberger Tals, Stürmer und Bornhau, bot. Am alten Teich kamen wir auf die um die Abendzeit schon etwas verödete »Heerstraße«, die uns an unsern alten Freund Kahleberg heranbrachte. Auch er hat leider unter der großen Mode, die dazu führte, daß es in Dresden bald so viele Schneeschuhe gibt wie in Amerika Automobile, etwas gelitten. Nach neun Uhr vormittags und vor fünf Uhr abends kann man ihn neuerdings nicht mehr besuchen, wenn man nicht zuviel von dem Volk dort treffen will, das überall besser hin paßt als in die freie Gottesnatur, während man in den stillen Stunden höchstens ihre Visitenkarte findet, und auch diese nur an dem allgemeinen Lagerplatz am Turm. Die Aussicht von dort aus bietet aber am Abend die geringsten Reize, weil der Osten dann im Dunkel liegt. Unsere Feierstunde erlebten wir diesmal am entgegengesetzten Ende des Berges, wo die Neunundzwanzig seinen Rücken erreicht. Wie gestochen zeichneten sich Burg und Kirche von Frauenstein am Westhimmel ab. Von da zog sich die einförmige für das Erzgebirge so charakteristische Rumpffläche bis zum Stürmer, neben dem unser ursprüngliches Ziel, der Turm der Strobnitz auftauchte. Und dann gabs noch ein besonderes Geschenk. Weit im Südwesten über langgestreckten Waldflächen hoben sich zwei Gipfel heraus, die alle andern überragten. Im Zeiß zeigten sich auf dem rechten Turm und Schutzhaus. Kaum wagten wir auszusprechen was alle dachten. Der höchste Berg der Heimat und sein stolzer böhmischer Bruder sandten uns freundlichen Abendgruß beim Abschied von winterlichen Gebirge. Und über dem allen ein Himmel, der frühlingsselig grün und blau und rot leuchtete und sich in den Zapfen spiegelte, die zu Hunderten an den Rauhreiffichten um uns herum hingen. Als ich im vergangenen Herbst in der Dresdner Volkszeitung einen Bericht über meine Algerienfahrt veröffentlichte, schloß ich mit den Worten: Was sind alle Schätze des Orients neben dem bescheidenen Grün der Zäunlinge, das jetzt wieder unsere Anlagen schmückt, und was sind selbst die hundertfünfzigtausend Palmen Biskras neben einer rauhreifgeschmückten Fichte am Kahleberg! Daß selbst dieses kühne Wort noch nicht genug sagte, lehrte mich diese Stunde, als das Abendlicht über Schnee und Eis und Rauhfrost seine letzten grellen Lichter warf und damit einen Schönheitsgarten um uns schuf, aus dessen Verzauberung wir uns nur schweren Herzens losreißen konnten. In sausender Fahrt trugen uns die nun wieder ganz brav gewordenen Bretter den Schlängelweg hinab nach der Einunddreißig und von da nach Altenberg, wo unser Zügel immer noch nicht angelangt war, so daß uns wohl oder übel noch die Abfahrt nach Geising blühte. Eine Viertelstunde später langten wir über den glattgefahrenen und gefrorenen Schnee der Vorwerkswiesen am Bahnhof an.
Abb. 7 Kahleberg Blick nach Norden
Als wir nach Absolvierung der fünfzehn Stationen in Reick landeten, war alles schwarz: Himmel und Erde. Ein Ahnen von nahen Veilchen und Schneeglöckchen stieg aus der feuchten dampfenden Elblandschaft auf. In unseren Herzen vermählte sich das Lenzhoffen des Niederlands mit dem Glanz, den vor wenigen Stunden der scheidende Gebirgswinter um uns ausgebreitet hatte. Am nächsten Morgen aber wußte Karl nicht, was ihn von dem Winter-Frühlingsglück am meisten freuen sollte: der steckengebliebene Zug mit den zwei Lokomotiven oder der Kalkofener Streuselkuchen, den er aus den Tiefen des Rucksacks ausgegraben hatte.
Abb. 8 Kahleberg Blick nach Altenberg und dem Geising