Eine vergehende Windmühlenlandschaft in der südlichen Oberlausitz

Von A. Eichhorn, Glashütte

Aufnahmen von Max Nowak, Dresden

Die Windmühle (Rudolf Löwenstein)

Die Mühle dreht die Flügel

dort droben auf dem Hügel;

der Müller sieht zum Fenster ’naus

und schauet nach dem Winde aus:

»Ich dreh’ mich, ich dreh’ mich nach dem Winde!«

Stets nach des Wind’s Belieben

muß ich die Mühle schieben.

’s ist freilich oft für mich Verdruß,

daß ich vom Winde leben muß:

»Ich dreh’ mich, ich dreh’ mich nach dem Winde!«

Der Wind und auch das Glücke,

sie haben ihre Tücke!

Der Müller und der Hahn am Dach,

sie tuen beid’ dieselbe Sach’:

»Sie dreh’n sich, sie dreh’n sich nach dem Winde!«

(Aus »Heimatstimmen« von Bernhard Schneider.)

»Überdies bemerke ich nun schließlich noch, daß man auch fünfundzwanzig Windmühlen zählen kann.« Diese Nachricht aus dem Jahre 1857 gibt uns die alte Chronik des Südlausitzer Industrieortes Neugersdorf. Der Chronist beschreibt darin die Aussicht vom Kirchturme des genannten Dorfes. Fünfundzwanzig Windmühlen innerhalb des Gesichtskreises eines »Zweihundertvierunddreißig Stufen« hohen Turmes in Berg- und Hügellandschaft ist viel, da fast alle im Stundenkreise des erwähnten Standortes liegen. Eine derartige Windmühlenhäufung findet sich in der ganzen Oberlausitz nicht wieder, so daß die Bezeichnung Windmühlenlandschaft für dies Blickfeld zu Recht bestehen kann. Die umstehende Skizze zeigt die Verteilung der Windmühlen im Gelände.

Gegenwärtig kreisen hier nur noch sechs Windmühlen ihre Flügel: Je eine in Hetzwalde, Oberleutersdorf (Eibauer Flur), Kottmarsdorf und drei in Oderwitz. Auf manchen Hügeln steht noch einsam das Wohnhaus, wo einst so viele Dorfbewohner ein- und ausgingen. In Schankstätten wandelten sich andre Windmühlen, und manchen Windmühlengrund furcht wieder der Pflug zur Keimstatt fürs liebe Brot. Die Übersicht berichtet über Standort, Erbauung und gegenwärtigen Befund einer Anzahl Windmühlen, die auf der Skizze angegeben sind, soweit es dem Verfasser nach eingeholten Erkundigungen möglich war.

StandortErbautAbgetragenGegenwärtiger Befund
Beckerbergwindmühle in Eibau17591889Gasthaus
Röthemühle, Eibau1790um 1885Wohnhaus steht noch
Klingermühle, Leutersdorfum 18001891Wohnhaus steht noch
Hetzwalder Windmühle1802Noch in Betrieb
Knochenmühle, Ebersbach1803um 1882Fabrik
Dutschkemühle, Kottmarsdorf1840Steht noch, aber außer Betrieb
Felsenmühle, Spreedorf18421894Gasthaus
Burgmühle, Kottmarsdorf1843Noch in Betrieb
Zimmermannmühle, Eibau1844Noch in Betrieb
Beerbergmühle, Neugersdorf18461903Wohnhaus steht noch
Müllersche Windmühle, Neugersdorf18051835Wohnhaus steht noch
Hohlfeldtmühle, Neugersdorf18191863Wohnhaus steht noch
Wemmemühle, Ebersbach1867Schuppen
Röthigmühle, Spreedorf1895Wohnhaus steht noch
Hofewegmühle, Ebersbach1914Wohnhaus steht noch
Spitzkunnersdorfer Mühle1898Wohnhaus steht noch
Hainbergmühle1871um 1890Wohnhaus steht noch
Zimmermannmühle, Neueibau1913Wohnhaus steht noch
Neumannmühle, Oderwitz1867Noch in Betrieb
Birkmühle, Oderwitz1817Noch in Betrieb
Berndtmühle, Oderwitz1847Noch in Betrieb
Adlermühle, Oderwitz18071905Wohnhaus steht noch
Dienelmühle, Oderwitz1905Gasthaus

Ausführlicher erzählt der Chronist die Geschichte der Windmühlen, wie folgendes Beispiel bezeugt. »Die Beerbergwindmühle. Diese wurde im Jahre 1846 von J. Gottlieb Hänsch aus Ober-Oderwitz auf ein Areal von 183 □Ruthen, das derselbe von dem Besitzer J. Gottfr. Hermann um 240 Thaler erkauft hatte, erbaut und am 8. August desselben Jahres gehoben. Bald darauf übernahm sein Schwiegersohn Johann Gottlob Palme, ebenfalls aus Ober Oderwitz, diese holländische Mühle und erbaute im Jahre 1850 ein Wohn- und Backhaus daneben, was im Jahre 1853 nahe daran war, abzubrennen. – Anno 1851 den 6 Octbr. erkaufte dieselbe der Wassermüller K. Gottlieb Richter ebendaher, und Anno 1852 den 20. Novbr. acquirirte diese unter Nr. 153 gebrachte Mühle der Bäcker Vincenz Gampe von Seifhennersdorf, gebürtig aus Cunnersdorf in Böhmen, um 1200 Thaler. Sie hat 2 Mahlgänge mit Graupenstampe und giebt jährlich nach Zittau 4 Thaler Windzins. Gegenwärtig ist sie an Fr. Aug. Förstern von hier um 50 Thaler verpachtet.« So lautet der Bericht des Chronisten vom Jahre 1857 über diese Windmühle. Die neue Chronik erzählt weiter: »Nach mehrfachem Besitzwechsel gelangte die Mühle in den Besitz der Familie Neumann und ging vom Vater auf den Sohn über. Dieser ließ die Mühle vor wenigen Jahren abbrechen, so daß sie nur ein halbes Jahrhundert gestanden hat. Es schwand mit ihr die letzte Mühle im Orte. Neumann verkaufte die Bäckerei 1903 und zog nach Oderwitz.« Die wenigsten Jahre ist die Windmühle am Hainberg in Betrieb gewesen, die 1871 erbaut und 1890 bereits wieder abgebrochen wurde. Was will diese kurze Spanne Zeit besagen gegen das Alter der Windmühlen von Moos bei Alexandria in Ägypten. Die zum Teil noch gut erhaltenen Mühlen (sechs- und achtflügelig) werden auf etwa dreitausend Jahre geschätzt.

Gelände zwischen Zittau, Kottmarsdorf und Landesgrenze (Tschechoslowakei)

Achtet man auf die Erbauungszeit der »Südlausitzer Windmühlen«, so muß auffallen, daß sie fast alle vom Jahre 1800 an »aufgestellt« worden sind. Diese Tatsache steht im Zusammenhange mit dem von der Stadt Zittau ausgeübten Mühlzwange. Die genannte Stadt hatte seit dem Dreißigjährigen Kriege bis 1800 fast alle Mühlen (Wassermühlen) der Umgegend in ihren Besitz gebracht und übte scharfen Mühlzwang aus. Nur in den »Ratsmühlen« durften die Bauern ihr Getreide mahlen lassen. »Aber mit der Zeit machten sich an diesen Grundstücken allgemeine große Baulichkeiten notwendig, und wenn das aus öffentlichen Mitteln geschah, so entstanden allzu hohe Kosten.« (Wauer, Geschichte der Industriedörfer Eibau und Neueibau). Zittau verkaufte darum nach und nach alle Mühlen, die außerhalb der »Flurzäune der Stadt lagen«. Weise berichtet in seiner Chronik von Ebersbach: »Die 4 Wassermühlen waren im Besitze des Rathes zu Zittau. Ende des vorigen Jahrhunderts verkaufte die Stadt Zittau diese Mühlen, und zwar: 1792 die Buschmühle an Gottlob Freude für 860 Thaler und einen jährlichen Wasserzins von 40 Thalern nebst 6 Scheffel gutes Landkorn zur Lichtmeß (die seither in Nutzung gehabten beiden Teiche wurden dem Käufer gegen eine jährliche Erbpacht von 14 Thalern überlassen), 1796 die Obermühle an Johann Christian Zumpe für 500 Thaler und 40 Thaler jährlichen Wasserzins; 1797 die Niedermühle an Christian Friedrich Wagner für 500 Thaler und 81 Thaler jährlichen Wasserzins; 1801 die Mittelmühle für 500 Thaler und 80 Thaler jährlichen Wasserzins an Johann Christoph Winkler«. »Am 4. Juni 1804 ordnete nun die Revisionskommission schlechthin an, es sollten alle Mühlen Zittaus, die außer den Flurzäunen der Stadt lagen, allmählich verkauft werden, weil man die Kämmereikasse von den immer wiederkehrenden großen Ausgaben für Bauten befreien wollte. Um nun diese Kasse möglichst wenig zu verwirren, sah man beim Verkaufe nicht darauf, die Preise, soweit es ging, emporzutreiben, sondern bedang sich lieber einen jährlichen Wasserzins aus, der dem bisherigen Pachtzins möglichst gleichkam.« (Wauer, Eibau, Neueibau.)

Abb. 2 Zimmermannmühle in Oberleutersdorf (Eibauer Flur) mit Wohnhaus des Windmüllers

Mit dieser Verordnung fiel auch der drückende Mühlzwang. Neue Mühlen wurden gebaut, und zwar Windmühlen. Daß einige Jahre vorher schon vereinzelt Windmühlen aufgerichtet wurden, mag seinen Grund darin haben, daß man mit Bestimmtheit auf eine Aufhebung des Mühlzwanges in nächster Zeit rechnen konnte, auch nicht alle Windmühlen in dieser Landschaft auf Zittauer Grundeigentum standen. Die Windmüller standen in keinem guten Ansehen bei dem Rat der Stadt Zittau. Wauer schreibt in seiner »Geschichte der Industriedörfer Eibau und Neueibau«: Einen auffallenden Vorsprung hatte Eibau ferner vor manchem Nachbardorfe betreffs der Windmühlen. Erst im Jahre 1803 erteilte der Rat die Erlaubnis, in Ebersbach eine Windmühle zu errichten, während Eibau bereits seit 1759 auf dem Bäckerberge und dann auf dem Röteberge und Kieferberge je eine Windmühle besaß. Als aber die letztgenannte abbrannte, zeigte der Rat deutlich, daß bei Erteilung dieser Windmühlkonzessionen nicht etwa das Bedürfnis oder der Vorteil der Dorfuntertanen entschied, sondern daß auch hierbei die Interessen der Stadt im Vordergrunde standen. Der Rat erlaubte weder 1792 noch 1795 die abgebrannte Windmühle auf dem Kieferberge wieder aufzubauen, da er selbst einmal einen derartigen Plan ausführen könne; die Windmüller verdienten überhaupt keine Begünstigung, hieß es, denn sie zahlten nur vier Thaler Zins und entrichteten auch diese geringe Abgabe nicht pünktlich, während sie andererseits den Ratsmühlen Konkurrenz machten. Erst unter dem Einfluß der Revisionskommission, welche ja auch im Mühlwesen Zittaus bedeutsame Änderungen mit sich brachte, wurde das anders: 1804 erlaubte infolgedessen der Rat wiederum, auf dem Mundgute in Eibau eine Windmühle zu errichten. Eine Anmerkung Wauers beim Windzins (4 Taler) lautet: »Hieraus erklärt es sich vielleicht, daß bei der Kriegssteuer von 1779 für die Hufe nur 1 Thaler, für einen ganzen Garten 6 Groschen, für ein Haus 1 Groschen, für eine Windmühle aber 16 Groschen gezahlt werden mußten.« Die Beerbergwindmühle zahlte auch nur 4 Taler Windzins, wie der Chronist von 1857 uns berichtete. Etwas verwunderlich lesen wir darum die Nachricht über die Erbauung der Windmühle in Spreedorf. (Weise, Nachrichten aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde Ebersbach, II. Teil.) Dort heißt es: »Im Jahre 1803 wurde die erste hiesige Windmühle, ohnweit des Schlößchens, erbaut; auch diese wurde mit einem Wind- oder Mahlzins belegt. Wegen Erbauung einer Windmühle beim oberen Spreedorf 1842, auf Wünsches Bauerngute, wird bei dem Genehmigungsgesuch der Stadtrat zugleich gebeten, daß der Windzins möglichst niedriggestellt werde. Diese Mühle hatte zuvor in Altendorf bei Schandau gestanden. Der Mangelwerkbesitzer Büchner unternahm deren Aufbau hier.« Bemerkenswert ist die Nachricht, daß die Windmühle zuvor an einem anderen Orte gestanden hat. Die Annahme liegt nahe, daß Windmühlen in jenen Zeiten »versetzt« worden sind, sei es bedingt durch Verkauf oder ungünstige Windverhältnisse, die nach dem Erproben am ersten Standorte fühlbar wurden. Angefügt sei noch die Anmerkung Wauers betreffs der Röthemühle. »1790 ließ der Käufer des Nüfeltschen Gutes seinem Bruder einen unbrauchbaren Fleck hinten ›auf dem Berge an dem Kottmarwalde‹ unentgeltlich ab, um darauf eine Windmühle zu errichten. Der Müller hatte alljährlich folgende Abgaben zu leisten: a) an Zittau 4 Thaler gewerblichen Zins; b) ans Bauerngut 1 Thaler 8 Groschen Ackerzins, 7 Pfennig Beitrag zur Steuer und 8 Pfennige Botengeld. Meister Nüfelt und seine ›Mahlgäste‹, welche also bei ihm ihr Getreide mahlen ließen, durften dagegen den Fußsteig von der Windmühle hinten bis an die Ruppersdorfer Grenze ungehindert benutzen.« Das Wort »Mahlgäste« verrät uns, daß die Kunden mitunter »zu Gaste« blieben, also zuweilen »stundenlang« warteten, bis ihre abgelieferten Körner ihnen als Mehl zurückgegeben wurden.

Abb. 3 Zimmermannmühle in Oberleutersdorf Im Hintergrund der Kottmar

Wenn nun besonders Windmühlen gebaut wurden, so hat das seinen Grund in der Tatsache, daß die Gegend von Neugersdorf, Hetzwalde, Leutersdorf, Eibau und Kottmarsdorf arm an natürlichen triebkräftigen Gewässern ist. Der alte Chronist sagt: »An Gewässern fehlt es uns ebenso; denn wir haben hier in Altgersdorf blos 1. den Spreegraben, 2. den Mühl- und Fluthgraben, 3. den Rothen-Mühlteich, 4. den Bleichteich und 5. die Kranichpfütze. Ein Fluß, oder auch nur ein Bach, geht leider durch unsre Fluren nicht. An Gewässern ist auch Neugersdorf ziemlich arm, weshalb ja auch seine Erbauung so lange Zeit problematisch blieb, denn es hat nur zwei große und einen kleinen Teich, nebst einigen Teicheln und Dorfgraben, welche bereits bei Angabe der Spreequellen erwähnt worden sind. Daß die Dorfgraben bei Weitem noch nicht die Breite eines Baches erreichen, ist bekannt. Am wasserärmsten ist die Vorderecke und der Berg. Es sind da nur einige von den Teicheln, von denen die Gründungsschrift sagt: man solle ›wieder Gruben und ausgebohlte Wasserkasten‹ machen, um Wasser zu sammeln, weshalb namentlich am Berge leicht Wassermangel eintritt.« Die genannten stehenden Gewässer reichten oft nicht aus, um einer Wassermühle das ganze Jahr hindurch Triebkraft zu liefern, denn sie waren meist nur Sammelbehälter des Regenwassers, lagen also in Bodenmulden. In der neuen Chronik von Neugersdorf lesen wir: »Da, wo jetzt der von dem Brauereibesitzer Bundesmann erbaute Eiskeller steht und oberhalb des Röthigschen, jetzt Rotheschen Hauses, befand sich früher der obere Mühlteich. Dort stand eine Mühle mit unterschlägigem Gange. Da aber zur heißen Sommers- und zur kalten Winterszeit wenig Wasser zum Betriebe vorhanden war, ist diese sogenannte Obermühle in der Zeit von 1740 bis 1750 außer Betrieb gesetzt, der Teich zugefüllt und in Wiese verwandelt worden.« Und die »Teichel« waren angelegt, um bei Feuersgefahr Wasser zu haben oder als Viehtränke zu dienen, wie aus folgender Nachricht ersichtlich ist. »Außerdem fand sich auf der Langewiese ein Teich vor, welcher zum Tränken des Viehes benutzt wurde. Als der Rat zu Zittau im Jahre 1775 ein Geräumigt von 1 Scheffel an Gottfried Gocht verkaufen wollte, in welchem dieser Teich gelegen war, erhoben die Altgersdorfer dagegen Protest, da die Pfütze mit ihrem laufenden Wasser zum Tränken des Viehes diene, ›sie seien keine Bauern und keine Gärtner, sondern nur reine Leineweber, mithin die Milch und Butter ihr größtes Labsal sei.‹ Außerdem wird Repert. III., Kap. 1, 3 der Kranichpfütze Erwähnung getan, welche ebenfalls zum Viehtränken benutzt wurde. Es waren von 3 Seiten Dämme errichtet, von der Westseite aus wurde das Vieh hineingetrieben. Als der Teich einmal geschlemmt worden war, wurde die Benutzung desselben von Zittau verboten, später aber auf Ansuchen des Richters und Gemeindeältesten im Jahre 1819 gestattet.« Für neue Wassermühlen in Neugersdorf waren außerordentlich kostspielige Kunstteiche nötig, um dauernde Triebkraft zu erhalten, denn die vorhandenen standen bereits an den Plätzen im Gelände, die von Natur aus zur Wasserstauung günstig lagen, um den »Mühlteich«, den Lebensnerv für die Mühle, das ganze Jahr hindurch triebkräftig zu haben. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Hetzwalde, Neueibau, Oberleutersdorf, Spreedorf und Kottmarsdorf. Den neuerrichteten Mühlen in dieser Landschaft blieb in jenen Zeiten nur der Wind als Antriebskraft übrig. In den vielen Hügeln war eine Vorbedingung für den Windmühlenbetrieb erfüllt.

[Abbildung 1] zeigt uns eine von den noch in Betrieb befindlichen Windmühlen. Es ist die Windmühle zu Hetzwalde, im Munde der Einheimischen »Hetzemühle« genannt. Eine Besonderheit trug und trägt sie an sich. Hatte sie ehedem acht Flügel, so läßt sie zur Stunde fünf Flügel vom Winde bewegen. Ihre in nächster Umgebung noch »gehende« Windmühle, die Zimmermannmühle bei Oberleutersdorf, hat gegenwärtig auch fünf Flügel, seit 1917, bis dahin deren vier. [Abb. 2] u. [3]. Vier ist die gewöhnliche Flügelzahl. Auf die Frage, warum die Flügelzahl von acht auf fünf gebracht wurde, antwortete der »Hetzemüller«, es sei unpraktisch gewesen, der Wind habe sich »darin verfangen«. Die Flügel sind aus kleinen Brettern, den Windklappen, zusammengesetzt. Unser Bild 2 zeigt, daß jeder Flügel eine schmale und eine breite Reihe Windklappen aufweist. Bei der schmalen Reihe ist jede Klappe 60 Zentimeter, bei der breiten 1 Meter 10 Zentimeter lang. Die Windklappen sind beweglich. Starker Wind öffnet die »geschlossene« Fläche. Auch vom Innern der Windmühle aus kann der Müller mit Hilfe des Regulierkastens die Windklappen so stellen, daß der Windaufprall so geschieht, wie er ihn für seine Arbeit gerade braucht. Daß mitunter der Wind der Windmühle gegenüber ein gewalttätiger Herr werden kann, beweist die Tatsache, daß er der »Hetzemühle« 1921 drei Flügel, 1922 einen Flügel und 1923 wieder einen Flügel abbrach, so daß innerhalb drei Jahren alle fünf Flügel erneuert werden mußten. Damit sich die Flügel drehen, muß der Wind immer senkrecht auf sie auftreffen, nie von links oder rechts. Um dabei den Anprall auf das »Windmühlenhaus« etwas zu mildern, ist die Flügelwand möglichst schmal und mit den Seitenwänden durch abgeschrägte Flächen verbunden (siehe [Abb. 4]).

Der Wind wechselt seine Richtung. Die Flügel müssen also so gestellt werden können, daß er sie senkrecht trifft. Aus diesem Grunde ist die ganze Windmühle drehbar. Sie ruht auf einem ungeheuer starken Balken, der senkrecht auf einem in die Erde eingelassenen Steinblock steht. Gestützt wird der Balken durch einige andere fast ebenso starke. Dies Grundgerüst heißt Bock, die Windmühle eine Bockwindmühle. [Abbildung 5] zeigt die »Hetzemühle« von hinten. Aus der Windmühle ragen zwei Balken, einer schräg, der andere wagerecht. Der wagerecht herausstehende ist mit einem zweiten, der auf einem eisernen Rad ruht, verbunden. Diese Vorrichtung nennt der Windmüller den »Sterz«. Um ihn vor schädigenden Witterungseinflüssen zu schützen, wurde er mit einem Bretterverschlag umgeben. Das Ganze macht den Eindruck eines offenen Tores, besonders wenn man sich auf unserm Bild etwas nach links gestellt denkt. Auch aus der Ferne gesehen, wundert sich so mancher Wanderer über das »offene Tor« an der Windmühle. Bei anderen Windmühlen ragt der »Sterz« nur als ein langer Balken schräg aus der Mühle heraus. Der schräg herausstehende Balken auf unserm Bild ist ein Stützbalken. Um nun die Flügel in senkrechte Stellung zum Winde zu bringen, geht der Windmüller an den »Drehwagen« (siehe [Abb. 4]). Auf einem fahrbaren Gestell steht senkrecht die Achse eines Wellrades. Oben ist die Walze durchbohrt. Durch das Loch steckt der Windmüller eine Stange, die die Speiche eines Rades darstellt. Vom »Sterz« aus führt eine eiserne Kette (auf dem [Bild 5] am eisernen Rad sichtbar) zur Walze und wickelt sich darum, wenn der Windmüller mit Hilfe der Stange sie dreht. Dann nähert sich der »Sterz« dem Drehwagen, die Windmühle wird »gedreht«, in unserm Falle rechts herum. Das Gesetz am Wellrad ausnutzend, nach dem die Kraft nur der sovielte Teil der Last zu sein braucht, wie der Halbmesser der Welle vom Halbmesser des Rades, um einer Last das Gleichgewicht zu halten, läßt er die Stange (Speiche des Rades, Halbmesser!) auf der einen Seite möglichst weit aus dem Walzenloch herausstehen. So wird es ihm möglich, die Windmühle, die mit ihrer Inneneinrichtung eine bedeutende Last darstellt, nach Bedarf zu drehen. Der Drehwagen wird an einem der vorspringenden Steine, die im Kreise um die Mühle in die Erde gelassen sind, während des Drehens verankert. Ist der »Sterz« bis ziemlich an den Drehwagen gekommen, dann wird dieser bis zum nächsten vorspringenden Steine gefahren, festgemacht, und die Arbeit des Drehens beginnt von neuem. Dies wiederholt sich solange, bis die Windmühle die gewünschte Stellung einnimmt. Da ein großer Teil der Windmühlenlast auf dem Sterz ruht, so drückt das eiserne Rad erheblich auf den Erdboden. Um ein Eindrücken in denselben zu verhindern, was ja ein Neigen der Windmühle zur Folge hätte, läuft das Rad auf Steinfließen, die einige Zentimeter breiter als das Rad sind und einen Steinkreis um die Mühle bilden.

Abb. 4 Hetzemühle von der Flügelseite gesehen. Müller am Drehwagen

Unser Bild 5 zeigt eine Mühle, die durch die vielen Fenster bemerkenswert ist. Vierzehn große Fenster sind zu sehen, auf der uns abgekehrten rechten Seite weist sie ebenfalls sechs auf, gibt zwanzig Stück. Dazu kommen noch drei kleine, zwei über, eins unter dem vorspringenden Dache. Sie ist die größte von den noch »gehenden« Windmühlen. Auch im Innern weist sie eine Sonderheit im Vergleich zu andern auf, indem außer Spitzgang und Mahlgang noch ein Walzenstuhl aufgestellt ist. Eine beherrschende Stellung nimmt die »Hetzemühle« in dieser Windmühlenlandschaft ein, da sie einmal ziemlich in der Mitte derselben liegt und zum andern auf einem in diesem Gelände besonders hervortretendem Hügel ([Abb. 1]). Siebzehn Windmühlenstandorte sind von ihm aus zu sehen. Aber nur noch fünf Windmühlen, und davon wieder nur vier kann der »Hetzemüller« gegenwärtig beim Mahlen beobachten.

Abb. 5 Hetzemühle mit torartigem Sterz

Wie behaglich ist es, mit dem Windmüller im kleinen Mahlstübchen der Zimmermannmühle auf dem staubigen »Kanapee« zu sitzen. Am Fenster huschen die Flügel vorbei. Das Gebälk knarrt. Das Mahlstübchen mit dem Kanapee und uns schaukelt ganz merklich. Der Lehrbursche besorgt für eine Viertelstunde des Meisters Arbeit.

Abb. 6 Hetzemühle im Innern: Mahlpumpe mit Kühlschiff (rechts der runde offene Behälter)

Auf die Frage, warum soviele Windmühlen »eingegangen« seien, erzählt der Windmüller vom Aufkommen der Dampfmühlen, daß viele Windmühlen zum Aufstellen von modernen Mahleinrichtungen nicht geeignet gebaut waren, daß die Eisenbahn viel Mehl ins Dorf brachte und mit Wichtigkeit von schlechten Windjahren. Oft brachte der Bauer sein Korn erst zur Mühle, wenn er das letzte Mehl gerade verbrauchte. Nun sollte der Müller gleich mahlen. Ja, gern, aber der Wind blieb aus! Viele Bauern gingen zum Bäcker, der ihnen aus seinem Vorrat sogleich Brot und Mehl gegen ihre Körner eintauschte. Dadurch zogen die Bäcker die Bauern an sich. Der Windmüller hatte das »Zugucken«, er kam um seine Arbeit.

Abb. 7 Burgmühle in Kottmarsdorf. Kottmar im Hintergrund
Höchstgelegene Windmühle in der südlichen Oberlausitz

Und auf die zweite Frage, warum trotz dieser Umstände sich einige Windmühlen bis auf den heutigen Tag gerettet haben, gibt er uns den Bescheid: »Das ist durch den Krieg geworden.« In den Kriegsjahren waren die meisten Bauern »Selbstversorger«. Der Bäcker konnte ihnen kein Mehl und kein Brot für ihr Getreide geben; denn sein »zugeteilt bekommenes« Mehl mußte ja mit den von ihm »abgegebenen« Brotmarken übereinstimmen. Der Selbstversorger bekam keine Brotmarken, mithin war mit dem Bäcker »nichts zu machen«. Schaffte er seine Körner in die Mühle, so bekam er dafür sein ihm zustehendes Mehl und Brot, da der Windmüller in den meisten Fällen auch einen Backofen hat. Während der Inflationszeit kamen dem Windmüller die Kohlenteuerung (Dampfmühlen!) und die hohen Frachtsätze der Eisenbahn und Lastautos zugute; denn der Bauer fuhr sein Getreide in die Mühle, anstatt beim »teuren« Bäcker zu kaufen oder zu handeln. So lebte ein Stück Windmühlenzeit noch einmal auf. Wie lange? Ist es ein letztes Aufflackern? Dann gehört auch Julius Lohmeyers Reim vom Windmüller der Vergangenheit an:

Der Wind fegt über Berg und Tal

Und treibt die Wolken sonder Zahl,

Er saust und braust durch Feld und Wald,

Da ruft der kluge Müller: »Halt,

Du fauler, fahrender Gesell,

Jetzt mach dich an die Arbeit schnell,

Blas’ in die Flügel, dreh’ den Stein,

Mahl’ mir das Korn hübsch zart und fein,

Damit der wackere Bäckersmann

Uns Brot und Semmeln backen kann

Und süße Mandelplätzchen

Für unsere beiden Schätzchen.«