War sich a Kuh kaafn will, muß erscht in Schtall hom!
Erzählung aus dem Erzgebirge von Paul Meile, Lugau (Erzgeb.)
In einem jener kleinen, aber volkreichen Industriedörfer des Erzgebirges, dessen Spielwaren auf dem Weihnachtstische das Entzücken der Kinder bilden und die in alle Welt hinausgesandt werden, gleich wie das heilige Evangelium, stand etwas abseits ein kleines Häuschen. Seine Mauern und Giebel zeichneten sich scharf von den dahinterliegenden weißen Schneeflächen ab. Friedlich lag es im Mondscheine da und sah, wie ein altes Großmütterchen, müde und schläfrig aus mit seiner Schlafmütze aus weißen Schneeflocken, die von einer wundersamen Garnitur glitzernder Eiszapfen umgeben war. Es war vollständig eingeschneit und von Schneewehen verhüllt, so daß nur, gleich zwei verschlafenen Äuglein, die erleuchteten Fensterchen hervorblinzelten. Die Stakete des Gartenzaunes aber hatten weiße Mützen bekommen, so daß sie in dem flimmernden, bleichen Mondlicht wie ein Glied Soldaten erschienen, dem der davorstehende Brunnenständer »Stillgestanden!« kommandiert hat. Und er hatte in jener Nacht wirklich ein Gesicht bekommen, der Brunnenständer, ein martialisches, verdrießliches Gesicht, mit einem weißen Schneebarte. Aus seinem langgestreckten Arme rieselte schon längst kein Wasser mehr und ein langer Eiszapfen hing wie ein blanker Säbel daran herunter. Er zeigte mit dem Arme sehnsüchtig nach den beiden hellstrahlenden Fenstern hin, hinter denen es hübsch warm war, wie in einer richtigen, erzgebirgischen Stube. Drinnen auf dem Lehnstuhle saß ein alter grauhaariger Mann mit einem Paar fröhlich blinkender Augen. Der Tisch vor ihm sah wie ein Schlachtfeld aus, wenn man sich den Pulverdampf und das vergossene Blut hinzudenkt. Hier lag ein ganzer Haufen herrenloser Arme und Beine, dort einsame Köpfe ohne Besitzer, oben in der Ecke verstreut Flinten und Säbel, daneben eine Menge Krieger, die ganz und gar den Kopf verloren hatten und etwas davon entfernt ein Glied vollständig gerüsteter Musketiere, welche des Kampfes zu harren schienen, kurz es war ein richtiges Motiv für einen Schlachtenmaler. Und davor saß, unentwegt von all den Greueln, Meister Berthold mit dem Leimtiegel und fügte, wie weiland Wodan in Walhall, die getrennten Gliedmaßen an die Leiber der Helden.
Die alte Wanduhr hatte eben ausgeholt, die Stunde zu schlagen und zwei Augen blickten, wie erschreckt, auf ihr Zifferblatt. Ein Paar blaue, zärtliche Augen waren es, mit feuchtem Glanz und einer stummen Bitte, als wollten sie die alte Wanduhr ermahnen, sich nicht so anzustrengen und fein langsam vorzuschreiten, man merkte ja an dem Knarren und Rasseln, wie schwer es ihr wurde. – Ob sie dem alten Berthold gehörten? – Behüte der Himmel, wie könnt ihr so etwas denken! Es waren junge, kaum achtzehnjährige Augen und sie gehörten seinem Töchterlein, der Liesel, welche neben dem Tisch am Klöppelsacke saß. Sie hatte die fleißigen Hände in den Schoß gelegt und blickte verstohlen in das Halbdunkel, wo die Ofenbank stand. Nicht etwa, daß der alte Ofen so besonders merkwürdig gewesen wäre oder die alte Ofenbank etwa irgend etwas Interessantes geboten hätte, durchaus nicht. Übrigens waren das auch alte Bekannte, deren allerinnersten Herzensgeheimnisse sie schon wußte. Das war es also nicht. Aber es saß dort jemand, dem fortwährend die Pfeife ausging und der jeden Abend in notwendigen Geschäften zum alten Berthold herüberkam. Bald mußte er im Kalender etwas nachsehen, bald ein wenig Vogelfutter für den Grünitz holen, bald etwas fragen oder etwas ausrichten, er wurde gar nicht mehr fertig. Und dann setzte er sich noch ein wenig auf die Ofenbank, natürlich nur der Unterhaltung wegen und sagte kein Wort mehr. Das tat, außer dem Alten, überhaupt niemand, nur der graue Kater schnurrte gravitätisch, denn er hatte sich in die zu Boden gefallene Pelzmütze gesetzt, in deren riesigen Dimensionen es ihm außerordentlich behagte. Höchstens flüsterte noch das Rotkehlchen auf der Trockenstange am Ofen einmal vor sich hin, weil es vom Frühling träumte und vom grünen Wald. –
Also, die Uhr hatte ausgeschlagen und ächzte noch ein wenig hintennach von der Anstrengung. Ein verstohlenes Lächeln flog über das wettergebräunte Gesicht des Alten, denn in demselben Augenblicke waren zwei leise Seufzer hörbar, die das Bedauern zweier Anwesenden über den so schnell verflossenen Abend ausdrücken sollten. – Ich hoffe, ich brauche nicht erst zu erklären, daß nicht der Kater und das Rotkehlchen es waren, die auf diese Art ihren Gefühlen Luft machten.
»Du wolltst uns doch noch a Geschicht erzehln, Vater!« sprach plötzlich die Kleine und wurde feuerrot über ihre Kriegslist. Dabei klöppelte sie vor Verlegenheit so eifrig, daß der Klöppelsack diesmal dem Kater den Vorrang ablief, was musikalische Leistung anbetraf. »Aber bitt schie, kaa sette grusliche, sinst kaa m’r net eischlof’n.«
Der erzgebirgische Dialekt klang prächtig von diesen roten Lippen und das Dirnlein selber sah dabei aus wie eine Moosbeerenblüte droben vom Gebirgskamm.
»Iech denk m’r när, du kast öftersch net eischlof’n un’ denkst an Geschpenster, freilich warn se für dich net grod zum Fürchtn sei.«
Nein, es war nicht hübsch von dem Alten, daß er das gleich so frei heraussagte, und so behäbig dabei schmunzelte und die Verlegenheit der Kleinen noch ärger machte! Vom Ofen her kamen jetzt dichte Dampfwolken, als wenn frisch eingeheizt würde. Die Klöppel flogen durcheinander und ich möchte gerade nicht behaupten, daß immer jeder Schlag richtig war. Die wassergefüllte Glaskugel über dem Klöppelsacke warf ihr flimmerndes Licht auf ein Paar feine, zitternde Hände, die offenbar nicht recht wußten, was sie taten, während ein liebes Gesichtchen sich tief herabbeugte, ohne zu bedenken, wie schädlich das für die erwähnten blauen Augen sein mußte. Aber die Kleine hatte einen wackeren Bundesgenossen, der ihr zur rechten Zeit zu Hilfe kam. Der Kater hatte sich von seiner etwas ungewöhnlichen Lagerstätte erhoben. Pflichtgefühl und Tatendrang regten sich plötzlich in ihm, er stand eine Zeitlang erwartungsvoll da, jeder Zoll ein Held, dann plötzlich ein Satz, ein Schlag, ein stolzes Murren und er hatte die fetteste Maus beim Kragen, den berüchtigten Einbruchsdieb in Rotkehlchens Bauer und Liesels Küchenrevier.
»Hot mich doch de Miez do gleich of in Gedank’n gebracht,« lachte der alte Berthold, »’s is’ freilich schie a bis’l schpät, obr iech muß eich die Geschicht doch noch erzehln, wie m’r a Maus ze män Glück v’rholf’n hot.«
Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schmunzelte pfiffig und erzählte:
’s is’ freilich schie a hübsch paar Gahr har, do bie ich a mol vun män Schatz kumme, Gott hob se salig, un do is’ m’r ’s Harz asu schwar gewasn, daß ich net wu aus un ei wußt. Iech war dazemol a gung’s Bärsch’l un ho miech gerod asu durchgebracht in dar schlacht’n Zeit. Mei Schatz aber war ’s aanzige Kind a’gesass’ner Leit. Un wie uns dar ihr Vater aanistogs unner d’r Haustür ertappt hot, kloppet ’r mir asu ganz ruhig of de Achsel, lachet a weng un saaht: »Bartholdgust, war sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Drauf ging ’r fort und iech schtand mutterseelnalaa do, denn mei Schatz war schu lang über alle Barg.
»War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« Mir wollt’n die Wort net wieder aus’n Kopp un schwar ful m’rsch of’s Harz, wos f’r a armer Teifel iech war. Über dann Sinniern war ich aus’n Dorf nauskumme, immer wätter un wätter lief ich, bis in de Baarnbach naus, wu iech mich unner in Haselnußschtrauch hieleget un ze simeliern aafing. ’s war a wunnerschiener Harbsttoog. De Lärng gubeliert’n drum am Himmel, d’r Buch’wald sah fei rut und gahl aus un de liebe Sunn lachet asu freundlich, als wollt se ne Abschied vun Summer noch racht schwar mach’n. Iech soß dort’ un tat su racht wehmütig an mei Elend denk’n, an mein Vater un an mei alt’s gut’s Mutterle, die drüm of’n Gottsacker lieng, schie seit langer, langer Zeit. Wie se sich aa hatt’n plong müss’n, bis se endlich aa hiegange sei, wu m’r net wieder kimmt un endlich sei Ruh hot. Iech dacht dra, wie m’rsch aa asu gieh söllt, wie iech mich aa asu durchschlepp’n müßt, uhne Fraad, när in Armut un Harzelaad. Mir kam ’s Wasser in die Aang un ich hatt’s Gesicht in’s Moos gedrückt, dos mit sän rut’n Schpitzeln aus’n Aarzbudn vorgucket. Drum im Busch zankt’n sich de Nusser, d’r Wind fuhr durch’s treiche Laab vum Wald rüber. A klaans goldigs Kaaferle kletterte im Moos rim, sinst war alles ruhig un mir warsch, als söllt iech aa miet eischlof’n, wenn d’r Winter käm, wie das Kaaferle un jedes Pflanz’l un Kreitich, dos iech d’rnooch aa mei Ruh hätt’.
Wie iech asu dolog, här iech of aamol was wispern, iech richt mich in de Höh’ un sah’ a wunnerschiene Haselmaus of in alt’n Schtrunk sitz’n, a Nuß zwisch’n de Pfötle an dar’sch draarim knapperet un guckt miech su racht harzlich aa. ’s war a klaans erbersch Ding’l un blinzlet mit sän halln Äugle lustig har, als wollts song: »När net v’rzoong, dei Pack’l, wos du ze troong hast, is noch lang net’s schwarste!« Wie iech mich noch übersch Tierl freu’ rauscht’s of aamol in d’r Luft un a grußmachtiger Grimmer prellt of dan Haselnußschtrauch, verfitzt sich drinne, reißt sich wieder lus un macht Gagd of das Tierl. Iech ob’r besinn mich net lang, greif nong erscht’n, best’n Schtaa un warf d’rnooch, sudoß ’r d’rschrackt wieder auf un d’rzu fliegt.
»Bist aa asu aan’r dar’ne arme Leit’n nischt gönnt’«, schrier iech d’rbußt un war ganz wutig worn. D’rauf setzt iech mich wieder hie un simeliert wätter. De Nusser zanktn sich noch immer drüm im de Buchecker, ’ne Kräh’ flug langsam übern Wald und tat laut krachzn, d’r Wind raschlet noch immer im Laab wie zevor un mir warsch ganz dumm un deebrig im Kopp worn, wie zum Eischloofn. Wie lang iech asu do gelang hob, waß iech net. Nooch ’ner klänn Weil här iech awos rasch’ln un of aamol schtieht a klaans Mannl v’r mir mit gruß’n Schtief’ln, lange graue Bart, in gruß’n Maul, des vun än Ohr bis zum annern gieht, – na ihr wards nooch’r noch härn, wie’s vull’ns aussooch.
»Grüß Gott, Bartholdgust,« saht’s ganz freundlich un lachet miech aa. »Hob när schinn dank, doß de m’r geholf’n hast, ’s wär m’r dißmol, Gott schtraf mich, an Krong gange.« Iech war ganz deebrig, rieb m’r v’rwunnert de Aang un wußt net, ob iech wach war oder traamet. »Ja, ja,« sooget’s un nicket mit sänn Köpp’l, doß de gruß’n Zäh’ när asu klappert’n, »’s war d’r Tannegeist drüm vun d’r Eberleith, v’r dann iech amool de Holzweib’le in Schutz genumme hob, d’rseit hoot’r sänn Bittern of miech.«
Iech war asu d’rschrockn, doß iech kaa Wört’l rausbränge kunnt. Endlich d’rmahnet iech mich ob’r doch wieder un freeget, mit wen iech aangtlich de Ehr’ hätt. »Kennst miech wuhl net?« schpricht’r, »iech bie doch ’s Nußknackerle vun Baarnbach. Schau, de ganz’n Haselschträucher immedim sei mei, drinne wuhn iech mit män Haselgeisterle un mei richtiger Name is’ Alraun vun Baarnbach.«
’r zug a klaa Pfeif’l aus d’r Tasch, mit ’ner Haselnußschool als Kopp, schtoppet’s mit treing Blütenträub’le un schlug mit zwee Nüss’n Feuer.
»Iech hob diech oft schu gesaah mit dänn Schatz dohauß’n. Waßt’s noch, do drüm biste’s erschte mol mit’r gesaßn.«
»Ach Gott, Harr Alraun,« lametirt iech, »des is itze alles v’rbei! ihr Vater« –
»Waß schie, kenn de ganze Geschicht, un wos willste dä nu aafange?«
»Schtarm möcht ich!« schrier iech un heult’, doß miech d’r Bock schtieß, iech kunnt mir net half’n.
»Schaam dich, asu wos ze soong, ze wos haste dä deine Händ. Biste net d’r beste Holzdreher im ganz’n Gebirg?«
»»War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtoll hom,« hoot ehr Vater ze mir gesaaht un wie sell iech’s aafange bei dan schlacht’n V’rdienst?«
»Schau Gust’l,« saaht ’r racht bedächtig, »iech will d’r half’n, weil de m’r vorhin asu brav beigeschtand’n hast.«
»Half’n, wenn ’r des’ wollt un könnt, ob’r wie?«
»Nu,« schpricht ’r drauf, »do könnt iech d’r zum Beischpiel dan machtig gruß’n Topp vull Dukatn weiß’n, dann de Schwed’n gleich do drüm v’rgroom ham.« –
»Dukatn? un än ganz’n Topp?«
»Freilich,« nicket ’r un feixet asu racht hamisch, »galle, des wär wos? oder ne Otterkönig sei gold’n’s Krönl’, dos alle Wünsch d’rfüllt?«
»Ach Gott, Harr Alraun …«
»Odr sell iech d’r soong, wu die gruße Aarzod’r ze Toog tritt, die do drunt’n schtreicht? richtig raans Rutgültig! …«
»Lieber Gott, Harr Alraun,« schrier iech mit gefalt’n Händ’n un knie’et v’r dan klän Mannl nied’r, »mir is’ aans asu lieb wie’s annere, song Se’s när fix.« –
»Fällt m’r gar net ei,« schpricht ’r of aamol. »Schaamst de dich net, doß de dei Glück geschenkt hom willst un drim batt’ln tust?«
»Ja, ’s is’ net schie, obr, wie sell iech’s sinst aafange?«
»Arwett’n sell’ste, daß de drnooch soong kast ›des is’ mei un des hob iech salb’r fartig gebracht un kaa Mensch hoot m’r awos dreizereedn un m’r wos geschenkt.‹ Ab’r iech will d’r d’rbei a bis’l of de Schprüng half’n.«
Iech wußt noch immer net, wu dos’ naus sollt und gucket’n froogweis aa. De Geschicht fing aa furchtsam ze warn. ’s Nußknackerle schtellet sich kerzengrood v’r mich hie un sooget: »Na guck amol haar un merk d’r’sch genau was de itze si’st.«
Ja du lieber Gott, was goob’s do viel wätter ze sah? ’s Mannl sooch narrisch genung aus, hatt korze, schtammige Baa mit gruß’n Schtief’ln aus Baamrind, a korz Röck’l, schie künstlich aus Ficht’nnood’ln geschpunne, in grußmachting Kopp mit in gruß’n Maul un in lange Bart, wie weiß’ Moos. Sei Hut war a brauner Schtaapilz, de Aang funkelt’n wie Bleiglanz, d’rbei raacht’s ganz gewaltig aus seiner Haselnußpfeif’ – ’s roch wie richtig gepascht’r Dreikönigsknast’r – d’rbei sooch mich’s immer schtarr un schteif aa.
»Fällt d’r noch immer nischt ei?« froogt’s endlich.
»Naa.«
»Bist a racht’r Dam’l,« schpricht’s un fängt aa mit’ne Zänne ze klappern, daß m’r himm’langst wur.
»Na, ob’r itze?«
»Lieb’r Gott, Harr Alraun,« saht iech, »iech sa’h immer noch nischt vun Dukat’ne –«
»Schau Bartholdgust,« schpricht’r do of aamol, »iech hätt wirklich net gedacht, daß de asu damlich wärscht. Selling Leit’n is’ freilich net ze half’n. In Gebärg is’ annersch, do hamm de Dumme kaa Gelick.«
Wie ’r des gesäht hatt, schtand’r karz’ngrood v’r m’r, gucket miech wied’r mit sänn feuring Aang aa un raachet wos ’s Zeug hält. D’r Qualm wur immer schlimmer, ’r blus mir’n grood in’s Gesicht, daß m’r’sch ganz drehet wur un ’s Maan’l schließlich gar net meh sooch un iech geroodaus schrier, er söllt aufhör’n, iech könnt’s nimmer aushalt’n. –
Ja, wos war dä des’? Iech richt mich in de Höh’ un reib m’r de Aang. V’r m’r schtieht mei Fabrikharr un fröget »Hast wuhl nischt wätt’r ze tu, wie in d’r Baarnbach hauß’n zu lieng un ze schloof’n?«
Iech bie wie v’rn Kopp geschloong, schtieh’ net Red un Antwort un freeg när immer, wu d’r Harr Alraun vun Baarnbach wär un de Dukat’n.
»De hast wuhl a bis’l wos in d’r Kru’?«
Des bracht miech a bis’l wieder ze V’rschand und iech d’rzehlet d’rauf alles, wie m’rsch gange war, vun meiner Liebschaft un meiner Armet, ob’r vun Nußknackerle sa’ht iech nischt. ’r mocht sich d’rbei wos überleeng, gucket mich immer mol miet asu froogweis vun d’r Seit aa un maanet endlich asu korzwak, wie ’s sei Art war: »Iech will d’r amool awos soong, iech brauch in tüchting Modellschnitzer.«
Iech gucket’n ganz erschtaunt aa. – Modellschnitzer? – Iech? – die immer erscht weithaar v’rschriem wurn? Iech war ganz v’schtaanert un sa’ht kaa Wört’l.
»Iech hoo deine Arwett’n gesah’, iech will d’r amol wos soong: Bräng m’r amol a nei’s Modell, ab’r awas besunn’rsch nei’s un appart’s. Gestern is’ a gruße Beschtelling of Nußknack’r kumme – also a appart’s Nußknack’rmodell, v’rschtand’n?«
Iech war wie vun Schloog gerührt. Ob’r des waß’ iech noch, wie’r fort war, hob iech mei Mütz in de Höh’ geworf’n un Juchhe geschrien, wos när de Kahl haargoob. Of aamol war m’rsch zum Bewußtsei’ kumme, ’s Nußknackerle hatt’ m’r Modell schtieh’ wulln. D’rauf bie ich hamm gange, ho’ gebast’lt, gedreht un geschnitzt un ne dritt’n Toog drauf schtand iech mit män Modell in män Maast’r sein’r Schtub’ – ’s leibhaftige Nußknackerle, wie ’s v’r m’r geschtand’n hatt.
Iech soog wätt’r nischt, ob’r wie daar die Arwett’ sooch’, schrier ’r wie besaß’n: »Zaa Taler kriegst de of d’r Schtell, du Sack’rment’r, un Modellschnitzer bist de aa.« – Zug de Lood auf un – Gott schtieh’ mir bei – zaa Taler loong v’r mir, a Gald, wos iech sinst in vierz’n Toong net v’rdient hatt’.
»Na, guck miech när net asu dumm aa, gieh’ in de Schänk un loß de Apost’l schpringe.«
Des hob iech nu freilich net gemacht, ohamm bie ich gange, hoob’s Sunntigzeig aagezung un ze män Schatz’l gange. Wie iech z’r Tür neitroot lachet daar ihr Vater über’sch ganze Gesicht.
»Na su wos, bei euch is wuhl Kirmiß«, schprich’r, »weil de asu aufgedunnert bist?«
»Naa«, sa’ht iech, »Kirmiß net, ob’r Hebeschmaus, iech hoob grood’ne Grundschtaa gelegt, zum Schtall, dann iech m’r f’r de Kuh’ erscht baue sollt.«
»Nu, halt’s Maul, du Baarnbach’r Modellschnitzer, iech waß schu alles, ob’r a Gahr müßt d’r noch wart’n mit d’r Hochzig, ’r seid doch noch de raane Kinner. – Itze dauert miech blus noch’s Pflast’r v’r meiner Haustür.« –
Na ’s Pflast’r v’r d’r Tür hoot nimmer viel Schoodn geliet’n. Vun daar Zeit aa kunnt iech nei in de Schtub ze män Schatz’l gieh’. M’r ham freilich noch länger wie a Gahr mit d’r Hochzig gewart’t, weil m’r ’ne Schtall erscht noch orndlich ausbaue wollt’n. Ob’r aamol is’ d’r Toog doch kumme. Noch heit klingt m’r’sch in de Ohr’n, wie d’r Schmiedhenner un d’r Clarenettschneider ’ne Grußvat’rtanz blus’n un se miech mit ’ne Baarnbacher Modellschnitz’r genast hom. Ob’r heit noch soog iech: »War sich a Kuh kaaf’n will, muß erscht in Schtall hom!« – –
Die Geschichte war zu Ende und eine Fortsetzung kaum zu erwarten. Die Uhr tickte wieder geheimnisvoll und der Alte saß mit einem pfiffigen Lächeln da, so daß man wirklich in Zweifel war, ob er die eben erzählte Geschichte selbst für glaubwürdig fand. Darauf trat er vor die alte Uhr hin, um sie aufzuziehn. Und das ist wahr, solch’ ein altes Familienmöbel mit einem Gehäuse wie ein Kleiderschrank, hat so viel Mucken und Schrullen, wie die alten Leute selbst. Drum kostete auch die rationelle Behandlung derselben viel Zeit, welche man anderswo besser zu verwenden können glaubte. So mochten wenigstens die beiden Zuhörer denken, die hinter dem Rücken des Alten plötzlich eine lebhafte Unterhaltung in – wie es schien – schon oft geübter Flüster- und Zeichensprache eröffneten.
Wir wollen versuchen, es in gut Erzgebirgisch zu übersetzen.
»Mach när, soog’s!« beginnt der weibliche Teil. –
Energisches Kopfschütteln und betrübte Resignation seitens des starken Geschlechts.
»Worim dä net?« –
»’s hilft doch nischt!« –
»Freilich hilft’s, mach när!«
Zweifelndes Kopfschütteln und demonstratives Qualmen.
»De hast blus kaa Harz, bist m’r net gut!« – –
Pause zur Verarbeitung der kränkenden Gefühle. – Die alte Uhr schnarrt drohend und ist zur Hälfte aufgezogen. Nur das Schlagwerk fehlt noch.
Neue Attacke: »Mach när, bie net asu narrsch’, iech half d’r!« –
Dumpfe Resignation und ein tiefer Seufzer, die Schwere des Entschlusses kennzeichnend. –
»Net wahr, de sag’st’s? Schau, iech hob dich doch asu garn.« –
»Iech will’s versung …, naa, naa, ’s gieht wirklich net, iech bräng’s net zu waag!« – –
Anhaltendes Schnarren. Die Uhr ist aufgezogen und schlägt dröhnend und unwiderruflich die Abschiedsstunde. Der Alte kehrt an den Tisch zurück und setzt demonstrativ die Pelzmütze auf. Auf dieses Zeichen erhebt sich ein großer, hübscher Bursch aus einer ungeheuren Rauchwolke und schickt sich an zu gehen. Er dreht furchtbar linkisch und unbeholfen die Mütze zwischen seinen Händen, nimmt verlegen Abschied, trotz des ermunternden Blickes aus den blauen Augen und greift nach der Türklinke.
»Na, Grüß Gott, un loß’ d’r heut’ Nacht net ’s Nußknackerle in Traam vürkumme,« sagt der alte Berthold schmunzelnd beim Abschied.
»Ich gelaab’s net – – ob’r« –, die Tür ist schon halb geöffnet und der Bursche steht schon in der Hausflur – »ob’r … Nachb’r, iech wollt’ dir när soong, doß iech heit Warkführer in d’r Dampfschneidmühl drüm woorn bie.« – Die Tür wird schnell zugemacht und der, der diese welterschütternde Neuigkeit gebracht hatte, schickte sich eben an, vor lauter Verlegenheit wegzulaufen. Das ging nun aber nicht so leicht. Erstaunen und Verwunderung war jetzt auf Seiten des Alten, daß seine Erzählung so unverhofft schnell ein Gegenstück gefunden hatte. Schon hatte auch er die Türklinke in der Hand und seine Kommandostimme ertönte.
»Wirst de gleich noch amol reikumme! Na, warts epper ball?« Freilich kam er wieder, aber verlegen wie ein armer Sünder.
»Warkführer bist de worn, saht amol aa! – Ob’r warüm haste dä des net schu lang gesaht?«
»Iech hatt’ doch gar kaa Zeit a Wört’l ze red’n,« hieß es nach einer langen verlegenen Pause – »Ihr v’rgönnt aan doch ’s Wort net!«
Der Alte hielt sich den Bauch vor Lachen. »Kaa Zeit,« rief er, »un sitzt schtund’nlang doo, wie a schtaanern’s Mannl. Also Warkführer bist de woorn – hm – ja un wos’ nu wätt’r?«
»Ja, un … un …«
»Warkführer is’r woorn … un … un …« mischte sich die Kleine über und über errötend ein. –
Wenn der alte Berthold sich vorhin den Bauch vor Lachen halten mußt, jetzt mußt er sich setzen. –
»Un asu a Fürchtebuz’ will heirat’n,« stöhnte er. – »Na, iech will euch när of de Schprüng halfn, daß de Pantoff’lwirtschaft lusgieh’ kaa, ’raus brängste doch net, was de soong willst. Also heiratn! – Na, meinthalm, nu’mehro hoob iech nischt meh’ dr’geeng, män Seeng hab’t’r.«
Und nun ereignete sich wirklich das Unerhörte, daß die erloschene Pfeife von neuem in Brand gesetzt wurde und das große Schweigen von neuem anfing. Die alte Uhr schlug noch manche Viertelstunde mit merkwürdig zitternder Stimme. Sie teilte wohl die Stimmung des alten Berthold, der still und versonnen in seiner dunklen Ecke saß und sich seinen Erinnerungen hingab. Er sah seine Jugend in seinem geliebten und gehüteten Kinde wiederkehren, er sah den Burschen, der, treu wie Gold, wohl nach menschlichem Ermessen imstande war, sein Kind vor Leid zu bewahren und ihm ein liebes, warmes Nest zu bereiten. Er dachte an seine treue Lebensgefährtin, die längst unter dem grünen Rasen schlief und der er wohl bald folgen würde und berichten konnte, daß sein Kind treu behütet zurückblieb. In seinem Auge glänzte etwas – nein, Gott bewahre! – eine Träne war es nicht. Später ging die Tür und hinter der Schwelle hörte man noch lange heimliches Flüstern, als wären die alten guten Hausgeisterchen wieder lebend geworden und huschten über den Flur. Der Mond kam über die Berge herauf und sein silberner Strahl flimmerte auf den Eiszapfen und den Millionen Sternchen an den Fenstern des Häuschens. Schließlich verstummte auch das Flüstern. Ein junger Bursche trat aus der niedrigen Tür und stapfte durch den tiefen Schnee. Droben auf dem Berge schaute er noch einmal nach dem Häuschen zurück, das sein Liebstes barg, warf seine Mütze in die Höhe und jauchzte laut in den dunklen Wald hinein.
Abb. 1 Hetzwalde mit Windmühle (»Hetzemühle«) vom Beerberg aus gesehen