Aus grauer Vorzeit

Von Professor Dr. Paul Wagner

Ein Schöpfungstag – einer jener endlos langen, unmeßbaren Zeiträume der Erdgeschichte – ist angebrochen. Mitteleuropa schlummert noch auf dem Grunde eines seichten Meeres der Auferstehung entgegen. Die Sonne zieht am Himmel ihre Kreise; Stürme durchfurchen das Wasser, in dem seltsame Lebewesen – die Urahnen unserer Fische, Schnecken, Muscheln, Krebse, Korallen – sich ihres Daseins freuen. Moosähnliche Büschel von Polypenkolonien wachsen auf dem dunklen Schlamm der seichteren Uferzone oder lassen sich, mit zierlichen Schwimmblasen behaftet, von der Strömung treiben. Aber aus den Tiefen des Erdballs droht ihnen Gefahr. Plutos feurige Werkstatt ist nicht weit: von Zeit zu Zeit öffnen sich ihre Schlünde; glühendflüssige Lava durchbricht den Meeresboden, läßt das Wasser siedend aufzischen und zerspratzt dabei selbst in feinstes Aschenpulver, bis endlich die Gesteinsschmelze sich in breitem Strom ergießt und als »Grünstein« erstarrt.

Abb. 1 Blick vom Kahleberg auf den Geising
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Immer stärker arbeiten die plutonischen Kräfte. Ganz langsam, aber mit unwiderstehlicher Gewalt drängen sie den Meeresboden wulstig empor, lassen ihn aus dem Wasser auftauchen: Deutschland ist geboren, der einstige Meeresboden, jetzt zu Schiefer- und Sandstein- (»Grauwacken-«) lagern verfestigt, bildet seine erste Grundlage. Und in den flachen Landbuckel dringt von unten vulkanische Hitze nach; sie bringt die Gesteinskruste teilweise zum Schmelzen, zu kristallinischer Umgestaltung. Die Gneismassen, heute das Hauptgestein des Erzgebirges, mögen auf solche Weise unter einer mächtigen Last deckender Schiefergesteine entstanden sein.

Abb. 2 Mordgrund und Sattelberg
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Die pressenden Kräfte des Erdinnern steigerten sich zu ungeheurer Spannung; sie wirkten nicht nur aufwärts, sondern auch seitwärts schiebend. Die oberste Felskruste zerbrach dabei; das tiefer liegende Gestein aber wurde durch Druck und Hitze weich genug, daß es sich biegen und falten ließ. Und so türmte sich aus mehreren großen und Millionen kleiner Falten ein langgestrecktes Gebirge auf, das von Südfrankreich gegen Mittelsachsen zog und etwa in der Gegend Nossen–Gottleuba umbog in »sudetische« Richtung. Auch vulkanische Massen beteiligten sich am Aufbau: Gesteinsschmelze drang von unten in den sich aufbäumenden Schiefer und erstarrte halbwegs während des Aufsteigens als Granit. Wie hoch jene »mitteldeutschen Alpen« des erdgeschichtlichen Altertums (der »Steinkohlenzeit«) gewesen sein mögen, wir wissen es nicht. Aber eins ist sicher: während in ungezählten Jahrtausenden die plutonischen Kräfte sich mühten, ein Gebirge aufzutürmen, arbeiteten bereits unablässig die Kräfte des Himmels – Sommerhitze und Winterfrost, Regen und Wind, strömendes Wasser und Eis – an seiner Vernichtung.

Sattelberg

Abb. 3 Rumpffläche bei Dittersdorf, links hinten Sattelberg
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Die Berggipfel, erst ruinenhaft wild zerrissen, nahmen allmählich sanftere Rundung an. Brausende Bergströme trugen die Trümmer zu Tal. Am Gebirgsfuß entstanden weite Schotterflächen, und in ruhigen Talbuchten oder in Mündungsebenen wucherten waldmoorbildend Baumfarne, Schachtelhalme, Siegel- und Schuppenbäume. In einem gleichmäßig warmen Klima lösten die Baumgeschlechter einander rasch ab; ihre modernden Leichen versanken in den Schlamm und wandelten sich dort allmählich zu Steinkohle.

Das Werk der Zerstörung und Gebirgsabtragung wurde oft unterbrochen durch vulkanische Katastrophen. In langen Spalten brach der Erdenpanzer auf; Asche stiebte in gewaltige Höhen empor und schneite weithin das Land ein; dünnflüssige Lava ergoß sich zu Strömen und Decken und erstarrte zu Porphyr.

Abb. 4 Der Hohle Stein bei Oelsen Verwitterungsform im Gneis
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Am Ende des Altertums der Erdgeschichte war die sächsisch-böhmische Landschaft nur noch ein Schatten einstiger alpiner Formengebung. In breitgespannten Wellen zogen sich die abgetragenen »Rumpfgebirge« dahin, wie ein im Sturm erstarrter, steingewordener Ozean, bis endlich jener ewige Kreislauf der Erdoberflächenbildung aufs neue begann: Das Meer rückte, um jeden Schritt Landes im unaufhörlichen Wogenprall kämpfend, allmählich wieder vor, wich gelegentlich zurück, kam wieder, bis große Teile Mitteleuropas im kühlen Grab des Weltmeeres versanken. In welchen Etappen sich dieser Kampf innerhalb unserer engeren Heimat abgespielt hat, wie oft das Meer hier Sieger blieb, ist in Dunkel gehüllt. Nur eine Kampfperiode hat uns dauerhafte Denkmale hinterlassen. Gegen Ende des Mittelalters der Erdgeschichte, in der »Kreidezeit«, war unser Erzgebirge wieder einmal eine flachbuckelige Rumpflandschaft, nach Osten sich etwas tiefer einmuldend. Da drang von Nordwesten her ein Meer vor, überflutete jene Ostsenke und füllte ganz Nordostböhmen allmählich aus. Sehr tief kann das Meer nicht gewesen sein; denn auf seinem Grunde lagerten sich in der Hauptsache grobe und feine Sande ab. Aber die Meeresbedeckung dauerte lange genug, um Sandschichten von mehreren hundert Metern entstehen zu lassen. Wir kennen sie heute in ihrem verfestigten Zustand: es sind die »Quadersandsteine« der Sächsischen Schweiz. Zu ihnen gehören aber auch als abgelöste Verwitterungsreste die kleinen Sandsteindecken des östlichen Erzgebirges: die Paulsdorfer und Höckendorfer Heide, die Quaderbildungen im Tharandter Wald und hoch oben bei Nollendorf–Schönwald.

Abb. 5 Der Lugstein. Verwitterungsform im Porphyr
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Das Meer verlief sich wieder, und ein neues erdgeschichtliches Drama leitete die »Neuzeit« der Erde ein, gewaltig in seinen Ereignissen, schöpferisch und zerstörend zugleich. Wie einst im Altertum preßte von Süden her ein starker Druck gegen die Gesteinsdecke, suchte sie in Falten zusammenzuschieben. Aber das gelang nicht; nur eine sanfte Aufbiegung des gesamten sächsisch-böhmischen Gebirges kam zustande. Dann zerbrach die Kruste in einzelne Schollen, die sich längs den Bruchzonen gegeneinander verschoben. Der sächsische Anteil stellte sich etwas schräg, wie ein nach Norden flach abfallendes Dach. Nordböhmen sank tief hinab, Mittelböhmen baute sich teilweise spiegelbildlich wie Sachsen auf. An einer ähnlichen Bruchzone schob sich die Lausitz schräg aufwärts gegen den absinkenden Elbsandstein vor.

Mit der Zertrümmerung und den starken inneren Spannungen hingen erneute vulkanische Ergüsse zusammen. Im Süden bauten sie das ganze »Böhmische Mittelgebirge« auf. Auf der sächsischen Scholle erinnern die bekannten Basaltberge (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch, Cottaer Spitzberg) als letzte Reste an einst sicher größere Lavaergüsse.

Abb. 6 Der »Grüne Stein« am Kahleberg
Blockverwitterung im Porphyr
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Die Schrägstellung der sächsischen Scholle hatte noch eine wichtige Folge: Die Flüsse, die zu Beginn der »Neuzeit« trägen Laufs ihre Schlingen zogen und reichlich Schotter ablagerten, erhielten verstärktes Gefälle, größere Kraft und schnitten in die weiten Talmulden steilwandige Schluchten ein. Unterdessen lagerten sich drunten in der böhmischen Senke die Baumleichen der Sumpfzypressen und anderer wärmeliebender Genossen in dem moorigen Schlamm ab – heute feiern sie als Braunkohle ihre Auferstehung.

Abb. 7 Blick vom Kohlberg zum Luchberg und Grimmschen Wasser
Hochfläche mit Basaltberg
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Das üppige Pflanzenleben der Braunkohlenzeit fiel durch einen seltsamen Klimawechsel der Vernichtung anheim. Im hohen Norden, in Skandinavien, begann jene kühlfeuchte, schneereiche Periode, die der Geolog als Eiszeit bezeichnet. In Firn und Eis hüllte sich ganz Nordeuropa. Langsam, alles Leben ertötend, kroch die Eiskappe nach Deutschland hinüber, bis sie an der Mittelgebirgsschwelle sich staute und der Schmelzung anheimfiel. Auf den Höhen unseres Erzgebirges lag der Winterschnee den größten Teil des Jahres, und eine polare Pflanzenwelt fand in dem kurzen Sommer kärgliche Lebensbedingungen. Auch während der Eiszeit hörten die Bodenbewegungen nicht ganz auf. Ob es erneute Schrägstellung war oder auffällige Tieferlegung der nördlich angrenzenden Gebiete – sicher ist ein neues Einschneiden der Täler nachzuweisen, und die schönsten unserer Gebirgstäler, Strecken, wie z. B. der Rabenauer Grund, mögen nicht älter als eiszeitlich sein. Allmählich besserte sich das Klima; das nordische Eis gab den deutschen Boden wieder frei. Stürme brausten über das öde Land, das von zahllosen Schmelzwasserströmen zerschnitten wurde. Erst ganz langsam eroberte der Wald das Gebiet. Das Mammut und das Ren, die Bewohner der Tundra wichen nordwärts aus; Höhlenraubtiere folgten; Bären und Wölfe bargen sich im Urwald – die geologische Gegenwart und die Urzeit der Menschengeschichte setzen ein.

Abb. 8 Müglitztal mit dem Hahneberg bei Glashütte
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Und nun, nach dieser kurzen erdgeschichtlichen Vorbereitung, ergreifen wir Rucksack und Wanderstab, wandern hinauf zu den Kammhöhen unseres Gebirges und halten dort eine erste Überschau. Von dem allbekannten Mückentürmchen oder der hochragenden Kaiserwarte bei Nollendorf aus zeigt uns die erzgebirgische Landschaft am besten ihre Wesenszüge. Nach Norden baut sich Welle hinter Welle; weite Talmulden wechseln mit teilweise bewaldeten sanften Rücken. Es ist die uralte »Rumpfebene«, deren Geschichte wir kennen lernten, die sich vor uns ausbreitet, bis sie in der Ferne verklingt, wo in feinen Dunst gehüllt sich die Randhöhen des Elbtals und die Lausitzer Hügel anschließen. Freundliche Dörfer huscheln sich in langgestreckte Täler, verschwinden oft ganz im Gewelle. Oder sie klettern aus den höchsten, ausgebreiteten Talbecken bis auf den Höhenrand, wo das wettergraue Kirchlein weithin die Landschaft beherrscht. Oder endlich Bergbausiedelungen, wie Zinnwald, bauen sich in regellosem Haufwerk der kleinen Schachtelmannshäuslein mitten auf die schutzlose Hochfläche mit ihren sturmzerzausten »Vugelbeerbäumen« und den unfreundlichen Steinhalden vergangener Bergbauherrlichkeit. Lange Straßenzüge, deren Baumreihen sich oft scharf vom Horizont abheben, betonen im Kulturbild die gleiche, große und sanftgeschwungene Linienführung, die die Natur der Rumpfebene uns zeigte.

Abb. 9 Lockwitzgrund und Wilisch
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Wo sich ein Waldrücken stärker aus dem Gesamtbild abhebt, wie der nordwärts steil abgebrochene Kahleberg oder seine in der Tellkoppe gipfelnde Fortsetzung, da handelt es sich meist um »Härtlinge«, deren festes Gestein (z. B. Porphyr, Quarzschiefer) der Verwitterung besser trotzte als die benachbarte Gneis- oder Schieferfläche. Nur ein paar Bergpersönlichkeiten sitzen schroff, fast fremdartig, auf der Hochfläche. Es sind die Reste der Vulkanbauten aus der Braunkohlenzeit, jugendliche Nachgeborene und Härtlinge zugleich: schwarze Basaltmassen, die bei der Abkühlung in zierliche Säulen zersprungen sind – hier der Geising mit seiner Grabhügelform, dort der Sattelberg, der uns unter dem Schutze seiner Lavamasse auch noch ein Stück der alten Sandsteindecke erhalten hat. Weiter nordwärts der schöne Kegel des Luchberges und der einseitig abfallende Wilisch.

Abb. 10 Steinrücken-Landschaft bei Rückenhain
Aufnahme von Georg Marschner, Dresden

Im Osten zeigt sich das Erzgebirge schärfer begrenzt. Hier erheben sich hinter den bewaldeten Felsmauern der Raitzaer und Tyssaer Wände die Sandsteinklötze der Sächsischen Schweiz, beherrscht von dem breit hingelagerten hohen Schneeberg.

Und nun wenden wir den Blick nach Süden. Welcher Gegensatz! Kein scharfzackiger Kamm krönt das Gebirge; aber steil senkt sich der von zahlreichen rauschenden Bergbächen zertalte Waldhang hinab zur böhmischen Senke. Und unten rauchen die Schlote der Kohlenschächte, blitzen die Spiegel der Teiche, und dazwischen dehnt sich die reich angebaute Fruchtebene, bis sie sich anschmiegt an die Schar ehemaliger Feuerberge, die das Böhmische Mittelgebirge aufbauen. In diesem Gegensatz zwischen greisenhaften und jugendlichen Formen, zwischen uralter Rumpffläche und jungem Abbruch liegt ein Hauptreiz unserer Kammaussichten.

Abb. 11 Stadt Geising, vom Fuße des Geisingberges gesehen
Rumpffläche mit flacher Talmulde
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Aber sie erschöpfen das Gesamtbild des Erzgebirges nicht. Wir müssen unsern Standpunkt wechseln, um noch eine Wesensseite kennen zu lernen, die dem schönheitsuchenden Wanderer gerade am reizvollsten erscheint: die tiefeingeschnittenen Täler des Nordhanges. Als der Gebirgssockel sich in geologisch nicht weit zurückliegender Vergangenheit erneut schräg stellte, als die Flüsse ihre Sägearbeit verstärken konnten, da fraßen sie sich – vom Unterlauf angefangen – allmählich bergwärts in die alten felsigen Talmulden ein. Die Kammregion ist von dieser wiederbelebten Talbildung noch nicht erreicht worden – daher oben die flachen Formen. Aber von der Aussichtswarte des Lauensteiner Schlosses, von der Felsbastion bei Bärenstein, vom Schlosse Kuckuckstein schaut man hinein in jene prächtigen Täler. Und jeder Wanderer benutzt ihre vielgewundenen Talstraßen, freut sich des rauschenden Wassers, der schattenspendenden Waldhänge, der schroffen Felsnasen, die eine Gebirgslandschaft vortäuschen – viel wilder und zergliederter, als sie der Aufstieg zum Talrande dann darbietet. Denn auch in diesen nördlichen Teilen des Erzgebirges überwiegt der Charakter der Rumpfebene durchaus. Selbst das »Elbtalschiefergebirge«, jene östliche Grenzlandschaft des Erzgebirges mit ihren rasch wechselnden Streifen alter Schiefergesteine und ihren vielgewundenen Felsentälern (Bahre, Seidewitz, Müglitz), zeigt auf seinen Höhen zwar einige langgestreckte Härtlingsrücken aus Kieselschiefer, Quarzfels, Porphyr, Grünstein, sonst aber das gleiche Bild einer sanft absinkenden Hochfläche wie das Kammgebiet.

Abb. 12 Zinnwald und Georgenfeld. Streusiedelung auf der Hochfläche
(Aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von Weicker und Wiese)

Tief hat der Mensch seine Spuren der erzgebirgischen Landschaft eingeprägt. Durch das einst undurchdringliche Wald- und Moorgebiet zog er seine Straßen vom Meißner- zum Böhmerland. Rodend drang er vor; Germanen und Slawen versuchten die Wildnis zu besiegen. Der deutsche Ackerbauer baute seine Waldhufendörfer hinein; der Bergmann grub nach Schätzen. Eisenhämmer dröhnten in abgelegenen Waldwinkeln; sie wurden die Urahnen einer reich entwickelten Gewerbetätigkeit, die uns heute entgegentritt in den kleinen Städten des Gebietes, wie in den oft volkreichen Dörfern. Man kann sich das Menschenwerk nicht wegdenken aus dem Landschaftsbild – im Erzgebirge am allerwenigsten. Denn es ist längst keine Wildnis mehr, sondern ein Kulturgebiet ersten Ranges, ein Land, das Hunderttausenden Arbeit und Brot bietet, ein Land, reich an Schönheit – Wanderziel und Stätte des Ausruhens dem einen, dem andern die treugeliebte Heimat!