Schindelgiebel, Schindel- und Strohdach im östlichen Erzgebirge
Von A. Eichhorn, Glashütte
Wer aufmerksam durch die Kammorte des östlichen Erzgebirges wandert, der sieht auch heute noch vor den Häusern oder an deren Giebelseite Stöße von kleinen, rechteckig zugeschnittenen Brettchen. Es sind Schindeln, die der Häusler an der Sonne gehörig trocknen läßt, ehe er sie zum Wetterpanzer für Dach und Giebel zusammenfügen läßt. Jede Schindel ist an der einen Längsseite mit einer Rinne, der Nut, versehen, an der anderen zugespitzt, so daß beim Aneinanderreihen derselben ein lückenloses Gefüge entsteht. Länge und Breite der Schindeln wechseln, die Dicke ist immer gleich. Die gewöhnlichen Größenmaße sind 50 × 8 cm oder 50 × 9 cm. Doch kommen auch Schindeln im Maßstab 40 × 8 und 40 × 9 cm zur Verwendung. Früher wurden häufig die Ellenschindeln, 57 × 8 oder 9 cm, hergestellt. Die Schindeldicke beträgt 2 cm. Für ein Schock Schindeln zahlte der Häusler vor dreißig Jahren drei bis vier Mark, in den ersten Septembertagen 1923 für ein Stück fünfzigtausend Mark. In vergangenen Jahrzehnten stellten manche Häusler ihren Schindelbedarf selbst her. Sie kauften lange Knüppel, spalteten sie zu Brettern, zersägten sie nach den oben angegebenen Maßen und versahen die Brettchen mit Nut und Zuspitzung. Als Schindelholz wird Fichte verwendet, Eiche z. B. wird durch Hitze und Regen leicht rissig, läuft krumm. Mitunter gab es in manchen Dörfern einen Böttcher, Zimmermann oder Tischler, der sich fast nur mit »Schindelmacherei« sein Brot verdiente. Dieser Handwerker hieß dann im Munde der Dorfleute der Schindelmacher. Der Familienname Schindler hat sich jedenfalls aus der Bezeichnung für diesen Handwerker entwickelt. Heute schafft die Schindelmaschine in kurzer Zeit die Anzahl Schindeln, wozu der »Schindler« einst viele Tage brauchte. Eine Schindelmaschine steht z. B. in der Herklotzmühle in Rehefeld.
Beim Verschindeln der Giebel geschieht die Anordnung mit »Sinn«. Die Schindelgiebel in den Kammorten sind ein Stück bodenständige Volkskunst. [Skizze 1] und [2] zeigt einfache senkrechte Stellung. Bei [Skizze 3] sind die Schindeln am Giebel und Unterbau im »Fischgrätenmuster« angeordnet. [Giebel 4] zeigt eine Verschmelzung von [2] und [3]. Zwischen Giebel und Unterbau ist eine Schindelreihe eingefügt, bei der »eckige« und »runde« Schindeln abwechseln und eine Kante darstellen. [Skizze 5] und [6] zeigt, wie die »langen« Reihen im Unterbau angenehm gegliedert werden können, indem in bestimmten Abständen eine »lange« Schindel eingefügt ist, bei [5] unten rund, bei [6] unten zugespitzt. [Beispiel 7 a] zeigt eine geschmackvolle Schindelkante zwischen Giebel und Unterbau. Die unterste Schindelreihe gleicht der Kante bei [Giebel 4]. Ganz verschiedene Muster weisen die Giebel an einem Hause auf. [7 a] und [7 b] sind z. B. die zwei Giebel am Hause Nr. 11 in Rehefeld. Das Fischgrätenmuster [7 a] ist in [7 b] dadurch etwas verändert worden, daß jede zweite Schindelreihe geradlinig die unter ihr liegende überdeckt. Die Kante in [7 a] dient als Vorbild für die Gliederung der Reihen am Hauskasten [7 b]. Oft kann der Giebelbeobachter feststellen, daß eine Seite des Hauses ein sehr zusammengesetztes Schindelmuster aufweist, während die andere Giebelseite einfach verschalt ist. [Giebel 8] zeigt eine Abweichung von der gewöhnlichen Reihung, indem die wagerechte Reihung in eine schräge, mit dem Dache gleichlaufende verwandelt wurde. Alle Giebelschindeln sind unten abgerundet. Die Mittelreihe, die den Giebel in zwei Teile trennt, zeigt nach innen eingerundete Schindeln. Die unterste Reihe am Hauskasten wurde nur aus diesen Schindelformen gefügt. Sie ist »abgelockt«. Der Häusler hat für diese Linie einen ganz passenden Namen gefunden, denn beim längeren Betrachten sieht man, wie diese Wellenlinie den Lockenwellen eines Lockenkopfes gleicht. Der »geschmückte« Giebel in [Beispiel 8] hat als Gegengiebel einen einfach verschalten. (Haus Nr. 12 in Rehefeld.) Wer beim Wandern durch die Kammorte Schellerhau, Rehefeld, Altenberg, Georgenfeld, Zinnwald, Müglitz, Löwenhain, Fürstenwalde usw. besonders auf die Schindelmuster achtet, der wird ein Gebirgsdorf als wertvolle Fundgrube für diese Art Volkskunst herausfinden, nämlich Rehefeld. Tritt in den meisten Orten nur die einfache Reihung und das Fischgrätenmuster auffällig hervor, so zeigen die Giebel in Rehefeld, wie wunderschön die abgerundete Schindel wirkt. Die Skizzen [3]–[8] sind nur einige Beispiele aus der Fülle der Muster im genannten Dorfe. Freilich tritt die abgerundete Schindel auch in anderen Orten in geschmackvoller Anordnung auf (Georgenfelder Gasthof), doch nicht in dieser Musterfülle.
Mit Schindeln läßt der Häusler dort droben auch sein Dach decken. Nur die einfache Reihung rechteckiger Schindeln kommt dabei zur Anwendung. Auffällig an allen Dächern der typischen Kammhäusel ist ihre Steilheit. ([Skizze 9.]) Viel höher als der Unterbau wird mit dieser Bauart das Dach. Der große Dachraum dient als Heuboden. In schneereichen Wintermonaten gucken in den Kammorten oft nur die Dächer der »Häusel« aus dem Schnee. Der Häusler fühlt sich dabei wohl. Das »Stübl« wärmt der Schnee und über dem Wintervorrat sitzt der schindelgepanzerte »Wetterhut«. Eine besondere Dachform zeigt [Skizze 10]. Während eine Dachseite ziemlich flach verläuft, fällt die andere steil ab. Die flache Seite liegt auf der Wetterseite. Der Schnee wird vom Sturm darüber hinweggefegt und rutscht auf der steilen Seite hinunter, so daß auch diese Dachform gleich der in Skizze 9 dem Winterwetter trotzen kann.
Weniger in den Kammorten als vielmehr in den Dörfern der vorgelagerten Landschaft, trifft der Wanderer das Strohdach an. Besonders Dittersdorf bei Glashütte gibt mit seinen zahlreichen strohgedeckten Häusern einen anheimelnden Anblick. Warum das Strohdach bevorzugt wurde, das sagt uns eine Bittschrift der »Amtslandschaft Dippoldiswalda mit Glashütte« vom Jahre 1831. Darin lautet § 15:
»Höchster Anordnung zu Folge sollen neue Gebäude nur mit Ziegeln oder Lehmschindeln gedeckt werden. In unserm höheren, häufig den Stürmen und einen längeren Winter ausgesetzten Gegenden sind weder jene, noch diese insbesondere für die Wirthschafts-Gebäude, unter deren Dächern unsere Getraide- und Futter-Vorräthe verwahrt werden, anwendbar.
Unter Ziegeldachungen, die wir bei unseren beschränkten Mitteln nicht nach Art der Magazin-Gebäude anlegen können, werden die Vorräthe dumpfig, Lehmschindeln dagegen durchweichen sehr bald und sind daher noch weniger rathsam.
Ziegeldächer machen ferner in unserem Clima fast ununterbrochen kostspielige Reparaturen nöthig, wozu wir keineswegs den Aufwand wiederholt zu erschwingen vermögen, das Material zu Strohdachungen aber wächst uns zu und ihre Anlegung und Wiederherstellung besorgen wir mit eigenen Händen, ja selbst das unbrauchbar gewordene Dach gewährt uns noch als Streu und Düngmittel Vortheil.
Jene Dächer erfordern demnächst ein holzreiches Sparnwerk, diese dagegen ein ungleich leichteres und sind mithin auch in dieser Hinsicht jenen Bedachungen vorzuziehen.
Die Meinung, daß bei entstehenden Feuersbrünsten die Verbreitung des Brandes durch Strohdachungen befördert werde, wird bei uns durch die Erfahrung nicht bestätigt.
Die Gebäude in unseren Dörfern liegen in ziemlicher Entfernung voneinander, ein Flugfeuer aber wird durch das Begießen unserer Strohdachungen, die von Wasser oder Schlamm eingeweicht, dem stärksten Feuer trotzen, unschädlich gemacht.
Jahrhunderte hindurch stehen unsere Güther mit Stroh-, und im Amte Altenberg sogar mit Schindeldächern, fast kein Ort in unserer Landschaft ist von Feuersbrünsten verschont geblieben und dennoch sind, wie die Brandversicherungs-Commission uns zu bezeugen im Stande sein wird, nie ganze Dörfer, sondern lediglich nur einzelne Häuser oder Güther in Asche gelegt worden.
Wiederholt hat unser Justizbeamter, auf unseren Antrag deshalb Bericht zur höchsten Behörde erstattet, um die Zurücknahme oder Modification jener Vorschrift, die Gebäude nur mit Ziegeln zu decken, auszuwirken, wir aber sind jedes Mal abfällig beschieden worden und fühlen nunmehr die traurige Wirkung dieser Polizei-Maasregel um so stärker, als Niemand mehr zu bauen Lust bezeigt, daher im vergangenen Jahre um keine Bau-Concession nachgesucht worden und die vielen Hände, die durch das Bauen beschäftigt werden, von Tage zu Tage weniger Arbeit finden. Maurer- und Zimmerinnungen können uns attestieren, wie viele ihrer Genossen in ihrem Berufe zeither arbeitslos gewesen sind.
Daher wagen wir, Ew. Königl. Maj. und Ew. Königl. Hoheit das Gesuch sumissest vorzulegen,
den Dorfschaften das Befugnis ihre Gebäude, wo nicht nach dem Ermessen der Obrigkeit die Localität oder der Zweck des Gebäudes jene Vorschrift nothwendigt macht, auch ferner mit Stroh decken zu dürfen, huldreichst zu gestatten.«
»Das Material zu Strohdachungen aber wächst uns zu.« Dieser Satz erklärt das zahlreiche Vorkommen der Strohdächer. So kann aber nicht der Kammbewohner sagen. Herb bleibt dort droben die Feldarbeit, wo im Mai die Luft noch rauh zieht und die Nebel ihre Heimat haben, wo der Frühherbst zuweilen dem Häusler schon Schnee in den Hafer wirft und die Kartoffel in der Furche überwintern will. Da langt das wenige Stroh kaum für die Kuh im Stalle als Streu. Ihm wächst aber das Material zu seinen Schindeln zu im ausgedehnten Bergwalde.
Schindelgiebel, Schindeldach und Strohdach sind also in ihrer Verteilung auf Kammgegend und deren Vorland zum großen Teil klimabedingt.
Ihr Anblick erfreut den Heimatfreund immer von neuem. Etwas Anheimelndes geht von ihnen aus. Wohltuend sind sie der Landschaft eingefügt. Unwandelbar blieb ihre bescheidene Art in der Jahrhunderte gemessenem Wandel.
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