Der Hautfarn
Von Regierungschemiker Dr. Walther Friese, Stadt Wehlen
Eine der seltensten, aber wohl auch interessantesten Pflanzen, die nur noch in wenigen Exemplaren im Gebiet der Sächsischen Schweiz und sonst nirgends in Deutschland mehr vorkommt, ist Hymenophyllum tunbridgense Smith, der englische Hautfarn.
Die Schrifttumangaben über diese der Familie der Hymenophyllaceen angehörenden Kryptogame sind äußerst spärlich, alle Botaniker älterer und neuerer Zeit bezeichnen sie als sehr selten und nennen als Standort den Uttewalder Grund hinter dem Felsentor bei Wehlen. So schreibt Hippe: »Ist früher an mehreren Stellen des Uttewalder Grundes gefunden worden, zuletzt am 3. Oktober 1875 in der Nähe des Felsentors.«
Garke, Wünsche, Coßmann, Schmeil-Fitschen, Börner und andere führen ebenfalls nur diesen Standort an. Möglich ist es, daß diese Fundstelle von allen diesen Forschern aus der gleichen Quelle übernommen und abgedruckt worden ist, denn es erscheint äußerst zweifelhaft, daß alle die genannten Bearbeiter von Floren die in der Tat sehr seltene Pflanze selbst gesammelt, ja nicht einmal in frischem Zustande gesehen haben.
Häufiger als bei uns scheint sie nur noch in Luxemburg, und zwar im Tale der Ernz, um Echternach, bei Berdorf und Befort vorzukommen (s. Garke: Flora von Deutschland, Wünsche-Abromeit: Flora von Deutschland, Börner: Volksflora und Coßmann: Flora von Deutschland).
Die Familie der Hymenophyllaceen ist hauptsächlich in den tropischen Bergwäldern und in südlichen extratropischen Gebieten verbreitet; im Ganzen kennt man etwa einhundertsechzig Arten aus dieser Familie. Auf Europa entfallen davon nur Trichomanes radicans, Hymenophyllum Wilsoni und Hymenophyllum tunbridgense.
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Der Hautfarn (Hymenophyllum tunbridgense Smith)
Wie so viele andere Farne findet sich Hymenophyllum tunbridgense fossil bereits im Carbon (s. Prantl-Pax: Lehrbuch der Botanik, S. 255).
Was den Standort im Uttewalder Grund bei Wehlen betrifft, so ist mir nur noch eine einzige Stelle hinter dem Felsentor bekannt, glücklicherweise dermaßen unzugänglich, daß eine Ausrottung des dort nur noch in einigen spärlichen Exemplaren anzutreffenden Pflänzchens nicht wohl zu befürchten ist. Im Jahre 1905 fand ich bachaufwärts noch eine zweite Stelle mit einigen schönen Exemplaren; leider wurde diese Fundstelle bereits im folgenden Jahre durch einen Wolkenbruch völlig zerstört, der einen Felsabsturz auslöste, mit dem die kärglichen Reste des Farns zu Tal gerissen und für immer vernichtet wurden. Jedenfalls trifft die oben angeführte Bemerkung Hippes nicht zu, nach der man anzunehmen gezwungen ist, daß im Uttewalder Grunde kein Fundort mehr vorhanden sei.
Glücklicherweise ist es dem sehr verdienten, leider vor zwei Jahren verstorbenen Geologen Professor Dr. O. Beyer vergönnt gewesen, noch einen weiteren Standort des Hymenophyllum tunbridgense, und zwar im Basteigebiet zu entdecken. Auch dieser ist mir bekannt, aus begreiflichen Gründen muß ich jedoch davon absehen, ihn näher zu bezeichnen.
Getrocknete Exemplare von den Standorten aus dem Uttewalder Grunde habe ich seinerzeit Herrn Dr. Fr. Massute, Dresden, gegeben, der diese, wie auch solche von dem verstorbenen Professor Dr. Schorler gesammelte seinem Herbarium einverleibt hat.
Die Blattwedel des Hymenophyllum sind äußerst zart und die Stengel sehr dünn, nicht viel stärker als ein Roßhaar, schwarzglänzend und rund.
Das Hymenophyllum tunbridgense, das auch Linné bekannt war, muß unbedingt als ein Eiszeitrelikt angesehen werden[13].
Hoffen wir, daß die wenigen noch heute vorhandenen Fundstellen noch recht lange erhalten bleiben. Eine Zerstörung durch Naturereignisse, wie der einen im Uttewalder Grunde, erscheint durch ihre günstige Lage als ausgeschlossen. Allerdings gegen Mutwillen und Vandalismus gewisser Wanderer läßt sich nur schwer ankämpfen. Hat aber die Pflanze bereits viele Jahrtausende überdauert, dann ist wohl auch anzunehmen, daß sie uns noch weiterhin erhalten bleibt.
Fußnote:
[13] Ich möchte diese Pflanze mit ihrem atlantischen Vorkommen nicht als Eiszeitrelikt bezeichnen; mir scheint es vielmehr ein Relikt aus wärmerer Periode, der die Eiszeit an geschützter Stelle überdauert hat, vielleicht ein Tertiär-Relikt. – Drude hält Hymenophyllum tunbridgense für »einen Überrest der Interglazialzeit«. Ein ähnliches interessantes Farnvorkommen, nämlich von der mittelmeerländischen Notochlaeno Marantae an der Südostgrenze des Böhmerwaldes wird von Professor v. Beck angeführt, der dieselbe »als Relikt einer schon vor der Glazialzeit bestandenen Flora« betrachtet.
Dr. Naumann.