Hermann Löns
Ein Lebensbild
Vortrag im Landesverein Sächsischer Heimatschutz am 12. Oktober 1923 im Vereinshaus
Von Kurt Siegel
Ein wunderlicher Tag geht über die alte Erde. Es schimmert in allen Farben und Stimmungen. Grau im Nebel und grämlich im Regen schleicht er dahin, andächtig und still wandelt er ohne einen Lufthauch – mit wildem Lärmen und Heulen saust er im Winde daher, bis zuletzt alles gegen die Nachmittagsdämmerung hin im sanften Regengeriesel einzuschlummern scheint.
Das ist die heimatliche, heimelige Schummerstunde, wo im Sinnen und Träumen und Dämmern Gestalten kommen, von draußen und drinnen, Gestalten lebendig werden, die einem lieb geworden im Laufe der Jahre – und die Gestalten grüßen aus goldenem Eiland und erinnern an Zeiten, da man selbst noch glücklicher war. Der Heidebusch aber vor mir auf meinem Schreibtische duftet mir heute besonders entgegen und läßt mich träumen von einem, der auch gewesen, mit dessen Werken und Wirken ich mich oft in stillen Stunden beschäftigte. Und die Gedanken flechten sich zu Bildern, und leibhaft ersteht vor meinem geistigen Auge Hermann Löns, dieser moderne Klassiker der Naturschilderung, dieser im geistigsten Sinne urdeutsche Mann. Und meine Gedanken tragen mich mit ihm hinaus in seine Heide, in seine Dörfer und Wälder, hinauf auf die Berge. Ich bin in der schönen, reinsten und heiligsten Natur, ich bin bei dem Besten und Echtesten, was das Leben der suchenden Seele bietet. Durch ihn redet auch heute wieder die Natur zu mir, durch ihn sprechen die Tiere, die Wälder rauschen und die Quellen lächeln. Und Menschen wandeln dazwischen von starker Echtheit und Kraft, von harter Lebenstreue und bitterer Daseinswahrheit, von milder Süße und träumerischer Schönheit, wie sie nur Sinn und Seele eines echten Dichters hegen und hergeben können.
Und was diese stille Stunde in mir geweckt und was ich aus seinen Werken gelesen, das will ich hier noch einmal – in kurzen Zügen – entrollen, will doch auch der Landesverein Sächsischer Heimatschutz diesem edlen Mann in den Herzen seiner Mitglieder ein bleibendes Denkmal setzen.
Willst du den Dichter recht verstehn,
Mußt du in Dichters Lande gehn!
Man muß einen Dichter erleben, sonst hat man nichts von ihm.
Hermann Löns, der Dichter, verdient es ganz besonders, ein Erlebnis zu sein. Nur so gewinnt man das richtige Verständnis von ihm. Und das ist ja der Zweck meiner kurzen Worte und des heutigen ganzen Abends. Liebe zu ihm und seinen Werken soll erweckt werden und die Würdigung, die er verdient.
Das aber soll gleich vorweg deutlich ausgesprochen werden: Hermann Löns ist kein »Jagdschriftsteller«, als der er so gern abgezeichnet wird, er ist auch kein »Heimatschriftsteller« oder ein »Heidedichter«, sondern er ist einfach ein Mensch und ein Dichter, wie wir nicht viele gehabt haben und nicht viele haben.
Ein Dichter nimmt das ganze Leben wie eine Dichtung, und jede seiner Dichtungen nimmt er wie das ganze Leben. Darin liegt sein Glück und sein Unglück. Wer ihm das nachfühlen kann, der ist ebenso glücklich oder unglücklich.
Alle die Verwirrungen und Irrungen, an denen das Leben Löns oft krankte, liegen in der tiefsten Seele seiner Dichternatur begründet, und wer hier beschreiben, erzählen und kennen lernen will, der muß gründlich und lange in diese Tiefen hinabtauchen und den Grund klären.
Löns gehört zu denen, denen die Dichtung und die ungeheure Tiefe ihrer Empfindung und Einbildungskraft glühende Male in die Seele brannte, und wo Brandwunden waren, da bleiben Narben, und manche Feuerwunden des Herzens heilen niemals. Wenn er gefehlt hat, so trugen Verwirrung, Verirrung und Krankheit die Schuld daran.
Hermann Löns hat selbst das Beste über sich, sein Werden und Schaffen geschrieben. Das steht im ersten Heft des deutschen Literaturblattes »Eckart« im vierten Jahrgang von 1909.
Löns ist am 29. August 1866 in Kulm an der Weichsel geboren; seine Eltern waren Westfalen. Sein Vater war Gymnasialoberlehrer; seine Mutter Klara geb. Kramer stammte aus Paderborn. Als Hermann ein Jahr alt war, wurde sein Vater nach Deutsch-Krone versetzt, wo die Familie Löns siebzehn Jahre blieb. Seine erste Kindheitserinnerung, die für seinen Sinn recht bezeichnend ist, war, daß er in einem blauen Kittel auf einem gepflasterten Hofe saß und grün und rot gefärbte Blattkäfer in eine Pillenschachtel sammelte. »Mit fünf Jahren lockte mich eine tote Maus mehr als ein Stück Kuchen.« Immer größer wurde seine Liebe zur Natur, vereint mit einem Hange zum Alleinsein; er war auch deshalb meist einsam, weil er sich in dem fremden Lande als Westfale nicht einheimisch fühlen konnte. Meist ganz für sich durchstreifte er Heide, Wälder und Moore und erlebte dabei allerlei Abenteuer:
»Beim Besuch einer Seeschwalbensiedlung, die sich auf einer Insel im Klotzowmoor befand, ertrank ich beinahe. Acht Tage nachher biß mich eine Kreuzotter.«
»Teils durch meinen Vater, teils durch das Leben auf Gütern und Förstereien, auf denen ich meist die Ferien verbrachte, wurde ich Fischer und Jäger, doch war mir schon damals ein unbekannter Fisch, ein seltener Vogel, eine regelwidrig gefärbte Eichkatze von größerem Werte denn ein gutes Geweih oder eine ganze Tasche voller Hühner. – Ich schoß auf meinen ersten Hirsch wie nach der Scheibe, aber als ich in den Sägemühler Fichten eine Schwarzdrossel als Brutvogel fand, flog mir das Herz. Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden, Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich doch mehr. Ähnlich ging es mir mit den Menschen; auch bei ihnen lockte mich das Ursprüngliche!«
Seine ursprüngliche Urwüchsigkeit, die er in seinem ganzen Leben und Denken nicht verloren hat, zeigte sich auch in seinem Verkehr: »Ich war ein Freund der Hütejungen, Fischerknechte, Waldarbeiter; meine sehr zivilisierten Mitschüler, die mit achtzehn Jahren Zigaretten rauchten und Fensterpromenaden machten, langweilten mich.« Als Hermann achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater in die Heimat, nach Münster versetzt. Eine Woche Aufenthalt in Berlin machte auf den Jüngling keinen besonderen Eindruck; er erinnerte sich nur noch an das, was er im Zoologischen Garten und im Aquarium sah. Er erwachte gewissermaßen erst, als er jenseits der Elbe die ersten Rabenkrähen erblickte und später bei Paderborn wirkliche, lebendige Salamander fing.
In Paderborn, der Heimatstadt seiner Mutter, entdeckte er seinen Sinn für Geschichte und deutsche Vergangenheit.
»Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen gefühlt, nun empfand ich Stammesbewußtsein. Stärker wurde es, als ich nach Münster kam, und es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich bewußt das, was ich unbewußt immer gewesen: Niedersachse.
Ein Heißhunger nach tieferer Bildung kam über mich. Zum ersten Male in meinem Leben arbeitete ich zäh und zielbewußt für die Schule und konnte, als ich eben das Gymnasium verlassen hatte, einige kleine Arbeiten in zoologischen Fachblättern herausgeben, die heute noch in gewisser Weise ihren Wert haben.«
In Münster, Greifswald und Göttingen studierte Löns Medizin und Naturwissenschaften und er war ein recht fröhlicher Student, der sich überall gut durchzusetzen wußte und, wenn es nötig war, eine sehr gute Klinge schlug. Das erwachende deutsche Schrifttum erweckte seine lebhafte Teilnahme; Arzt mochte er nicht werden, die zoologische Laufbahn war gänzlich aussichtslos; so kam es, daß Löns »mit beiden Beinen in das Zeitungsfach sprang.«
Schließlich, nach mancherlei Reisen, die ihn teilweise auch in das Ausland führten, wurde er in Hannover Redakteur und begnügte sich vorläufig damit, auf diesem Gebiet sehr vielseitig und hervorragend zu wirken.
»Wenn ich das Heftchen sah, in das ich als Bursch meine Verse geschrieben hatte, überkam mich ein aus Spott und Mitleid gemischtes Gefühl. Jahrelang kam ich kaum zu mir selbst. Ich führte ein ganz äußerliches Leben, das sich in der Hauptsache zwischen der Zeitung und der Jagd abspielte.«
Die Jagd, worunter er, wie jeder richtige Jäger, den stillen, innigen Verkehr mit der Natur versteht, ließ ihn immer wieder zur Besinnung auf sich selbst, zur inneren Einkehr kommen, und sie erweckte auch wieder den Dichter in ihm, und was der Wind, der über die Heide ging, ihm erzählte, das gewann Gestalt, und so entstand, fast unbewußt, sein »Braunes Buch«, dessen unaussprechlicher Zauber noch immer unerreicht ist, diese »Heidbilder«, die uns im Kleinen die Größe und Herrlichkeit des Alls zeigen.
Darum ist auch so wenig von ihm über das zu sagen, was man gewöhnlich »Entwicklung« nennt. Seine Entwicklung und sein Leben sind in seinen Büchern zu lesen, denn seine eigenen Dichterwerke sind ja auch Selbstbekenntnisse. Gerade bei Löns hat das Unbewußte eine hervorragende Bedeutung, so daß der Ausspruch Schopenhauers: »Ein großer Dichter ist ein Mensch, der wachend tun kann, was wir alle im Traum,« gerade auf ihn paßt. So wuchsen auch seine Gedichte und Balladen aus einem innerlichen Drange heraus, wie er selbst bekennt: »Alles, was in Dichtungen, sei es Vers, sei es Prosa, gut ist, steht außerhalb meines äußeren Wollens.« Die Balladenstoffe, die er gesammelt hat, lassen ihn nicht los, bis er sie in eine poetische Form gebracht hat und in seinem »Blauen Buche« herausgibt. Und neben diesen beiden entsteht sein »Goldenes Buch« mit sechzig kurzen, goldenen Liedern. Menschenseele und Natur eng verbunden klingen und singen hier, und eine unendliche Schönheit und Tiefe und Leidenschaft ist darin zu finden.
1911 kam dann eine wundersame Volksliedersammlung heraus: »Der kleine Rosengarten«, 110 Volkslieder. Er weiß es selbst nicht, wie es kam und woher sie erklungen sind. In ihnen findet man alles, was man sucht in trüben und heiteren Stunden. Sie sind so echt, daß sie alle im Wunderhorn stehen könnten und so sangbar, daß sich viele Tondichter schon mit mehr oder weniger Glück daran versucht haben.
Jeder, der Sinn für eine gemütvolle und innige Vereinigung von Dichtung und Liedkunst hat, greife zu diesen schlichten, lebenswahren Liedern, die auch dann noch leben werden, wenn das Volk längst vergessen haben wird, wer sie zuerst gesungen. –
Zuletzt wohnte Löns, nachdem er sich 1911 und 1912 in der Schweiz, in Wiesbaden, in Holland und in einigen norddeutschen Heideorten aufgehalten hatte, in Hannover, und hier in dem alten hannoverschen Lande, dessen herbe Natur, dessen Geschichte und Menschen es Löns angetan hatten, wurde er zum begeisterten, unvergeßlichen Sänger der Lüneburger Heide. Was er, der Jäger, Forscher, Dichter uns an Naturschilderungen aus der Heide bietet, ist so köstlich, so tief dichterisch erschaut und erfühlt, daß wir beim Lesen oft den Atem anhalten und für Minuten das Buch sinken lassen müssen.
Auch, was uns Löns an Jagdbüchern geschenkt hat, steht hoch über allen ähnlichen Stoffen. Sie sind eigener und ganz anderer Art. Die künstlerische Behandlung des Stoffes ist auf eine solche Höhe gebracht, daß schließlich das Gegenständliche – das Wild und seine Erlegung – zum Vorwand wird, um dem draußen Belauschten, Ersonnenen den Rahmen zu geben. Und wie weiß Löns die Landschaft uns nahe zu bringen, wie wundervoll zeichnet er uns das Bild des Moors, der Heide, wie werden die Farben des Jahres und die Stimmungen des Tages, das Wechselspiel von Luft und Licht, Wind und Wolken lebendig! Er zwingt zum Nacherleben. All die tausend Wunder der Schöpfung erfaßt er liebevoll, ihm entgehen nicht die Fährten des Wildes im Heidesande, er sieht den heimlich erbitterten Kampf der Pflanzen um Licht und Luft, die Falterwelt ist ihm vertraut und das Heer der Hautflügler, er kennt Glück und Leid des Schlängleins, das seinen Weg kreuzt. Keine Stimme draußen, sei’s die eines Vogels oder andern Getiers, die er nicht deuten könnte, kein Geschöpf, das er nicht liebte.
Ein reicher Schatz seines Schaffens ist uns aus dieser Zeit geworden: »Mümmelmann« mit seinem herzerfrischenden Humor. Sorglos, arglos lernt man bei den reizenden Tier- und Jagdnovellen lachen. Wahrhaft künstlerisch nach Form und Inhalt geben diese Novellen etwas ganz Neues, Eigenartiges, voll von poetischer Schönheit und zarter Empfindung. »Auf der Wildbahn« ist ein Buch reich an mannigfaltigen Stimmungen. Tiefe, ureigene Erlebnisse gibt der Dichter hier wieder, wie in den »Heidbildern« die toten Dinge in der Natur Leben erhalten. So steckt in diesen und anderen seiner Werke ein Stück Ewigkeitswert, der noch unsere Kinder und Enkel erquicken und befriedigen wird. Überhaupt müßten die vier Bücher: »Das braune Buch«, »Mümmelmann«, »Aus Wald und Heide« und »Was da kreucht und fleucht« in Millionen von Stücken unter der Jugend verbreitet werden. Es gibt keinen Ersatz dafür und nichts Gleichwertiges.
Und weil Löns so unerbittlich und naturnotwendig »draußen« wurzelt, so macht er auch in seinen Romanen die Natur zur Trägerin der Stimmung. Derb und kraftvoll, zart und lieblich weiß schon sein erster Roman: »Der letzte Hansbur«, dieser Bauernroman aus der Lüneburger Heide von Anfang bis zum Schluß zu fesseln.
In seinem anderen Romane: »Da hinten in der Heide« steht vor jedem Abschnitte der Name eines Vogels, das ist ein äußeres Zeichen für die eigenartige Poesie, die in diesem Buche ruht. Auch hier schildert er die Menschen in der Heide, und die Liebe zur Heimat findet und weckt ein lebendiges Echo.
Sein bestes, wertvollstes Buch aber ist der »Wehrwolf«, ein Buch, von dem man nicht wieder loskommt, ein Kriegslied, auch für die jetzige harte, hohe, grausame, stolze Zeit, wie es schöner nicht gesungen werden kann. Jeder Satz gräbt sich ein in Geist und Gemüt, und von diesen Menschen voller Kraft und Leben kann man sein Empfinden und Denken nicht wieder trennen, sie müssen durch das ganze Leben begleiten. Wie ein gewaltiges Tonwerk braust diese Bauernchronik aus dem Dreißigjährigen Kriege dahin, es liegt die Geschichte eines ganzen Volkes darin, wie es sich mit eiserner Kraft, mit aufgezwungener Härte und eingepreßter Grausamkeit geradezu hindurchwürgt und hindurcharbeitet durch die wilde Zeit. Das Werk paßt für alle Zeiten, für alle Völker, es hat Ewigkeitsgedanken und Ewigkeitswerte. Aber gerade für uns ist alles groß, schwer, heilig und erhebend, was darin zu lesen ist, und mit erschauerndem Herzen übertragen wir manches auf unsre Tage. – Und wie er dieses umstellte, umdrohte Volk der Heidebauern, das sich in Not und Untergang behauptet, als das deutsche Volk empfand, so daß er selbst sagte: »Mein Kriegslied von 1914 habe ich 1910 geschrieben im Wehrwolf«, so verdichtete sich ihm diese Liebe zu seinem Volk in einer unvergeßlichen Gestalt im »Zweiten Gesicht«, seinem letzten Erzählbuche. Wer Hermann Löns ganz kennen lernen will, muß diese Dichtung lesen; er selbst und vieles aus seinem Leben ist in diesem Bekenntnisbuche verborgen. Der, dessen Seele so reich, dessen Herz – trotz eines durchstürmten Lebens – so rein geblieben war, hat es nicht verstanden, das Glück an sich zu fesseln. Auch dann, als er sich schon wirtschaftlich freier regen konnte, ward dem herben Manne keine Ruhe geschenkt – innere Unrast, leidenschaftliches Gequältsein folterten durch Jahre den, der andern soviel Sonne und Wärme geben konnte.
Vom Leben enttäuscht und todmüde flüchtet er sich in seine Heide, da ist es das Volkskind Annemieken, das ihn tröstet und stärkt, Annemieken, das Backen hat, rot wie Rosen, Augen blau wie Bachblumen und Haar, das aussieht wie Haferstroh im Schnee. »In ihr küßt er sein Volk, ließ er sein Bewußtsein untergehen, wärmte er sein altes Herz an ewig jungem Leben.«
Weidwund schleppte sich Hermann Löns durch die letzten Jahre, nur die treue Büchse war ihm geblieben. So holte er sich Kraft immer und immer wieder auf seinen einsamen Gängen und Pirschfahrten im unwegsamen Moor, im menschenleeren Wildland.
Wer Löns aber im Kreise seiner geliebten »Heidjer« im Dorfkruge traf, wo er mit tausend Schnurren alle in Atem hielt, würde nie geglaubt haben, daß diesem hartgewöhnten, helläugigen Manne der Tod am Herzen saß, wie er uns ja auch in seinem Buche: »Der zweckmäßige Meyer« als ein echter Humorist entgegentritt, in diesen scheinbar harmlosen Geschichten, in denen aber doch so viel geistige Überlegenheit steckt, aus denen der richtige Leser so viel Lebenswahrheit, wahre Vornehmheit und reiche Anregung zu echter Bildung herausholen kann. Wir lesen da von den Liebesliedern der Vögel, und daß auch der Spatz Liebeslieder singt, von dem Vogel Wupp, dem Mauersegler, der in den Städten lebt, wo es keine Natur gibt. Wir erfreuen uns an dem köstlichen Teckel Bettermann und seinen Lebensweisheiten: »Sage mir, wie jemand riecht und ich will dir sagen, was er wert ist.« Und wie in seinen Büchern war er auch in Wirklichkeit ein wundervoller Erzähler, der, wenn er einmal alles Herzeleid vergaß, die Dörfler in der Heideschenke ebenso wie die Freunde in der Großstadt zu fesseln vermochte. Wenn Löns sprach, hing alles – vornehm und gering, Männlein und Weiblein – an seinen Lippen, und die Stunden schwanden im Nu dahin. Löns wurde viel geliebt, denn er war von Herzen liebenswürdig.
Und doch hörten auch die, die ihm fernstanden, aus seinen letzten Arbeiten mehr und mehr den müden, hoffnungslosen Ton heraus. So war der Ausbruch des Weltkrieges wie eine Erlösung für ihn. Schulter an Schulter mit seinem Volke, für »sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte«, zu kämpfen, todestrotzig, in entfesselter Kraft, das war Erfüllung, das war die Vollendung seines Lebens und Dichtens. Keinen Augenblick zögerte der fast Fünfzigjährige, der ungediente Landstürmer, in die Reihen der Kämpfenden einzutreten, und bald finden wir ihn bei der 4. Kompanie des 73. Infanterie-Regiments vor Reims stehen. Von hier aus sind noch Postkarten bekannt geworden, in denen er strahlend vor Glück von dem wild-schönen Leben im Schützengraben seinen Freunden schreibt. Löns war ja auch wie geschaffen zu solchem Leben; seine scharfen Augen, seine seit Kindestagen geübte Schießfertigkeit, seine ganze harte Natur und sein Vertrautsein mit »draußen« schufen ihn geradezu zum Idealkrieger. Er wußte nicht, was Furcht ist und hohnlachte stets jeder Gefahr ins Gesicht.
Und auch im Schützengraben konnte Angst und nervenstörende Spannung nicht aufkommen, wo Löns mit unerschütterlichem Gleichmute und Humor Stimmung schuf. Alle fühlten sich geborgen in seiner Nähe. Und weil er allen so viel bedeutete, weil man den Dichter-Forscher dem Vaterland erhalten wollte, wendete man ohne sein Wissen Gefahren möglichst von ihm ab. Löns bat und bettelte, an größeren Operationen teilnehmen zu dürfen, bis es schließlich nicht mehr möglich war, ihm nicht den Willen zu lassen.
So kam der 26. September 1914 heran, an dem seiner Kompagnie Sturmangriff befohlen war. Löns war glückselig; ein verwundeter Mitkämpfer erzählte später, daß er ihn nie so ausgelassen gesehen hätte, als an diesem Morgen. Um fünf Uhr ging der Sturm los. Löns mit einem Kameraden voraus ohne Deckung über weite Stoppeln dem Feind entgegen. Da prasselt auch schon feindliches Infanteriefeuer in die Reihen, und ehe die Kompagnie eine kurze Strecke vorwärtsgekommen war, brach Löns an einem Herzschuß zusammen. »Ich habe eins gekriegt,« das war sein Letztes.
So, wie er sich’s gewünscht durch Jahre, so hat er den Tod gefunden. Mitten aus dem starken Leben heraus, mitten aus seinem Liede. »Kurz war der Knall und schnell war sein Tod« – so hatte er einst in seinem »Braunen Buche« das Ende eines von ihm erlegten Rehbockes geschildert – »wohl dem, dem solch Ende beschieden wird: aus der Sonne hinaus den Sprung in die Nacht hinein!« So ist er über die dunkle Schwelle geschritten und eingegangen in das Land ewiger Schönheit und ewigen Friedens, nach dem er sich so lange gesehnt hat.
Wir aber wollen dankbar sein, daß wir einen deutschen Dichter, einen mannhaften Mann haben, wie Hermann Löns. Kraft brauchen wir, reine deutsche Kraft und Gesundheit in Leben und Dichtung. Gesunde Dichter brauchen wir, die festwurzeln im deutschen Land und in seiner herben, treuen Natur, die feststehen im echten Volkstum, aber dennoch auch in weite himmelblaue Ferne schweifen und nach den höchsten Sternen greifen.
Und so einer war Hermann Löns. Er lernt uns wieder deutsch denken, deutsch fühlen, und hat uns gezeigt, welch ungeheuren Reichtum unser deutsches Vaterland an literarisch würdigen Stoffen besitzt, und die Heimat, die deutsche Heimat ist endlich wieder einmal durch ihn so ganz in den Mittelpunkt gerückt.
Und darum wollen wir trachten, daß sein Werk und der Geist seines Schaffens unter uns lebendig bleibt zum Segen für uns und die deutsche Heimat.
Meine Worte aber mögen ausklingen mit dem Gedichte, das er selbst zu seinen liebsten gezählt hat: »Abendsprache«, von dem so manches wahr geworden ist.
Und geht es zu Ende, so laßt mich allein
Mit mir selber auf einsamer Heide sein;
Will nichts mehr hören, und nichts mehr sehn,
Will wie ein totes Getier vergehn.
Das graue Heidmoos mein Sterbebett sei,
Die Krähe singt mir die Grablitanei;
Die Totenglocke läutet der Sturm,
Begraben sollen mich Käfer und Wurm.
Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein,
Kein Hügel soll dorten geschüttet sein;
Kein Kranz soll liegen, da wo ich starb,
Keine Träne fallen, wo ich verdarb.
Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn,
Wie Laub und Gras, so will ich vergehn;
Und darum kein Hügel und deshalb kein Stein:
Spurlos will ich vergangen sein.
Anmerkung: Die gesamten Werke von Hermann Löns sind in acht geschmackvoll gebundenen Bänden vereint. Gesamtpreis 80 M. Bezug durch unsre Geschäftsstelle Dresden-A., Schießgasse 24. Ratenzahlung möglich.