Herrnhut

Ein Stimmungsbild von Susanne Hausdorf

Nichts Historisches mit Daten und Zahlen und Begebenheiten. Etwas von dem eigenartigen Reize dieses wunderlichen kleinen Städtchens möchte ich wiedergeben, das den fremden Besucher seltsam anheimelt, wie ein altes frommes Bildchen aus Großmutters Album. Gewiß, es gibt hübschere kleine Städte, idyllischer, äußerlich reizvoller, mit uralten Bauweisen und romantischen Resten einstiger Ritterherrlichkeit; Städtchen, die an Spitzweg, Schwind, Ludwig Richter gemahnen, aber das eine, ganz Besondere, das hat eben nur Herrnhut. – Ist es die rührende Schlichtheit der Bewohner, die feine, stille Art, wie sie ihr Tagewerk erledigen, ihre Feste feiern, die ganze Gemeinde eine große Familie, in Leid und Freude miteinander verbunden? Ein Hauch von Güte und Vornehmheit umfängt uns unter diesen Leuten und den modernen Großstadtmenschen überkommt ein nachdenkliches Verwundern und dann eine mehr oder weniger tiefe Beschämung. Denn – Hand aufs Herz – zuerst hat er prickelnde Spottlust verspürt über all das »Rückständige«, das ihm dort begegnete. Auf dem kaum fußbreiten »Trottoir« kamen ihm Leute entgegen, die er linkisch und altmodisch fand und belustigt musterte. Aber da sah er unbekümmerte Freundlichkeit und fast kindlich anmutende Arglosigkeit in Gruß und Gebärde. Und weiter, durch offene Fenster blickte er in saubere Zimmer mit blanken alten Möbeln und vielen schneeweißen Häkeldeckchen. Und immer stand da auch ein Blumenstrauß und immer lag da irgendwo auf Tisch oder Fensterplatz das Buch des Hauses: die Bibel. Und von den »altmodischen« Menschen, denen die reine Herzensgüte aus den Augen blickt, von den blanken Stuben mit Häkeldeckchen und Bibel und Blumenstrauß geht ein feiner Zauber aus, der den Spötter von vorhin restlos gefangennimmt. – Die lieben schlichten Häuser! So ein richtiges Herrnhuter Häuschen hat eine spiegelnd geputzte Messingklinke an der Haustür, eine gute alte Schelle dahinter, die chronisch heiser ist und einen kühlen dämmrigen Hausflur, mit weißem Sand bestreut. Eine knarrende hölzerne Treppe führt ins Obergeschoß, manchmal ist sie aus Stein, blütenweiß getont. Hinter dem Hause das Gärtchen, ein liebes verträumtes Hausgärtlein mit einer lebenden Hecke darum; Malven blühen darin und mancherlei Nützliches. – Und dann ist der »Herrschaftsgarten« da, das Schmuckstück des Ortes, für alle zugänglich, von jedermann geschont und respektiert. Wo in der weiten Welt blühen die Rosen schöner, leuchten die Nelken stärker? Ich wüßte mir kein friedlicheres Plätzchen als im Herrnhuter Herrschaftsgarten, an sonnigen Sommertagen! Ein Duften ist da, ein köstliches Gemisch von Rosen, Nelken, Reseden, Wicken und Buchsbaum; und dazwischen duften noch viele längst vergessene Blümlein und Kräuter, die es anderswo gar nicht mehr gibt, so pietätvoll-altväterisch, so gepflegt und anheimelnd wie das ganze Herrnhut selbst. Weiße Bänke unter Linden und Kastanien. Blätterrauschen, Bienensummen, dann und wann behutsame Schritte auf den Kieswegen, Kinderstimmen, irgendwoher die Klänge eines Chorals. Eine Uhr schlägt, tief, versonnen; Schwälblein schwatzen am Hausgiebel irgendwo, alles verhalten, geruhsam, von Frieden durchtränkt.

Herrnhut, im Hintergrund sein berühmter Friedhof

Der Gottesacker: Eine schmale Lindenallee führt hinauf. Ja und dann steht man verwundert wie in einer großen Buchenlaube und sieht, daß das hier keine Gräber sind, wie wir sie kennen auf unseren Friedhöfen, mit teueren und billigen Grabsteinen, prachtvoll geschmückten Erbgrüften neben verwahrlosten Rasenhügeln. Nein, hier liegen sie alle gleich, die stillen Schläfer und man hat das Gefühl, daß sie wirklich friedlich ruhen unter den schmucklosen Steinplatten. Was sollten hier prunkvolle Monumente und kunstvolles Schmiedewerk, hier, wo Äußerlichkeit nichts, tiefste Innerlichkeit alles gilt! Nur eine schmale Platte mit Namen, Geburts- und Todestag und einem Spruch darunter, kaum handhoch über dem Erdboden. Aber einem jeden Sarg gab die ganze Gemeinde das Geleit, wie sie auch der Taufe und der Trauung jedes einzelnen Mitgliedes beiwohnt und es gibt wohl keinen bedeutsamen Festtag, an dem sie sich nicht zu innigem Gedenken um die Gräber ihrer Verstorbenen versammelt.

Die Kirche? Ja, die übliche Kirche mit Turm und Portal sucht man vergebens. Inmitten des Ortes, von den Häusern und Häuschen umgeben wie eine gute Mutter von ihrer Kinderschar, liegt es, das Gotteshaus. Weiß, schmucklos, mit winzigem Türmchen, das man gar nicht als Kirchturm anerkennen kann. Drinnen in dem einfachen hellen Saal haben sie alle ihren bestimmten Platz: die Alten, die Jungen, die Jüngsten; hüben die Frauen, drüben die Männer. Weiß die Wände, die Emporen, die Orgel; auf weißem sandbestreutem Fußboden die weißen Bänke. Vor den hohen Fenstern, die das Licht ungebrochen hereinlassen, ein dunkel verhangenes Pult, ein besonderer Stuhl dahinter. Hier spricht der Prediger zu seiner Gemeinde. Und er spricht wirklich. Nichts, was Auge und Ohr ablenkt in Farbe und Ausdruck, reines tiefdurchdachtes Gotteswort wird hier gegeben. Hier begreift man mit einemmal diese Menschen in ihrer rührenden Anspruchslosigkeit, ihrer Weltfremdheit, ihrer Treue an ihren Toten.

Krieg und Revolution haben auch Herrnhut ihre Spuren aufgedrängt. Aber das stört nicht weiter; so wenig, wie die paar modernen Stadthäuser zwischen den ehrwürdigen grauen Häuschen. Autos rasen über das holprige Pflaster der Staatsstraße in der Richtung Löbau–Zittau zu, es gibt sogar Sommergäste in Herrnhut, was tut’s? Einer stillen unberührten Insel gleich liegt es ruhig im »brausenden Strom der Zeit« und wer von seinem heilsamen Frieden kostete, der denkt sein mit Heimweh.