Über Erhaltung wurmzerfressener Holzskulpturen

Vom Landeskonservator Dr. Bachmann

Dem Fachmanne, der das Land bereist um Kunstdenkmäler zu betreuen, wird oft auf die Frage nach dem Verbleib dieses oder jenes Kunstwerkes, das ehedem vorhanden war der bündige Bescheid: »das haben die Würmer zerfressen, da haben wir’s verbrannt«.

Die Werkstätten des Landesamtes für Denkmalpflege in Dresden kämpfen seit nunmehr zwei Jahrzehnten gegen den Holzwurm, diesen Hauptfeind und Schädling alter Holzskulpturen an. Langwierige Versuche haben dann endlich zu sicheren Ergebnissen geführt und heute können wir sagen, daß wir in der Lage sind, jedes noch so wurmzerfressene Holzbildwerk zu erhalten und so zu konservieren, daß menschlichem Ermessen nach ein in unseren Werkstätten imprägniertes Stück gar nicht mehr oder höchstens erst nach langen Jahren vom Wurme wieder angegriffen wird.

Aufnahme von Dr. Bachmann

Abb. 1 Totenschild des Herrn Georg von Ende, † 1660, Kirche zu Burkhardswalde (Meißen)

Der Holzwurm ist ein heimlicher Geselle, der seine Arbeit zwar verschwiegen, dafür um so gründlicher betreibt. Die dem Beschauer allein zugewendeten, meist schön bemalten und vergoldeten Teile eines Altars, eines Familienepitaphs oder eines Ölgemäldes auf Holzgrund lassen stets nur ganz vereinzelte Bohrlöcher erkennen, aus denen das charakteristische feine, gelbe Mehl herausrinnt, dagegen weisen Standflächen an Fußböden oder Wänden, Stellen, die selten oder nie dem Tageslicht zugekehrt werden zahllose Durchbohrungen auf. So erscheint manch schönes Stück, das lange auf einer Stelle steht, oder ruhig an den Wänden hängt untadelhaft im Stand, bis es eines Tages ganz unvermittelt zusammenbricht. Nimmt man dann Teile solcher Bildwerke zur Hand, so kann man beobachten, was allein schon das leichte Gewicht verrät, daß das Holzwerk bis auf eine ganz dünne deckende Kruste durchweg in Wurmmehl verwandelt ist. Bruchflächen lassen statt der Holzfasern eine pfefferkuchenartige Struktur erkennen, die feinstes Holzmehl ausfüllt. Ein Kind kann jetzt die starken Holzteile, etwa die Säulen eines großen Altaraufbaues mit einer Hand zusammendrücken, und der Laie ist dann schnell mit dem Urteil bei der Hand: rettungslos verloren! Hier setzt nun die Tätigkeit des Konservators ein. Wir haben Stücke in die Werkstatt übernommen, die auch nach Meinung von Fachleuten, von Architekten und Bildhauern nicht mehr zu erhalten waren und haben sie doch noch retten können. Zwei Beispiele nur mögen hier angeführt werden. Ein holzgeschnitztes Wappenepitaph aus einer Dorfkirche bei Meißen, das bis auf die äußerste, papierdünne Haut völlig leergefressen war, wurde zunächst, da es aus lauter Einzelbruchstücken bestand auf eine feste Holzplatte montiert, die nun sozusagen als Arbeitstisch diente. Der Holzbildhauer ergänzte die wenigen fehlenden Glieder, dann folgte das Durchtränken mit Imprägnierungsflüssigkeit und schließlich legte der Restaurator an den nun völlig neu gefertigten Körper letzte Hand an. Kreidegrund, Farben und Vergoldung werden von der Schutzflüssigkeit in keiner Weise angegriffen, nur durch vorübergehenden stechenden Geruch und durch größeres Gewicht der fertigen Teile verrät sich der Eingriff. War es vorher unmöglich dem zermürbten Körper mit irgendwelchen Werkzeugen zu Leibe zu gehen, so läßt sich nunmehr das neu gestärkte Holz nach Belieben mit Schnitzmesser, Säge usw. behandeln. [Abbildung 1] gibt den geretteten Kunstgegenstand nach seiner Auffrischung wieder, demnächst soll er wieder am alten Platz in seiner Kirche angebracht werden.

Aufnahme von Heinicke, Freiberg

Abb. 2 Schnitzaltar von 1610 in der Jakobikirche zu Freiberg i. S.

In Freiberg, in der neuen Jakobikirche befindet sich ein mächtiger, holzgeschnitzter Altaraufsatz, der im Jahre 1610 von Kurfürst Christian II. von Sachsen und seiner Gemahlin gestiftet wurde, und der von der Meisterhand des Freiberger Bildschnitzers Bernhard Dittrich geschaffen wurde. Das prachtvolle, überaus reich dekorierte Stück war bei der Übernahme aus der alten in die neue Kirche so aufgestellt worden, daß seine Rückseite dicht an der Apsiswand anlag, ein Fehler, der sich bitter rächen sollte. Der Holzwurm wütete nämlich ungestört und derart in dem Holzwerke, daß bei Hinzuziehung des Landesamtes im Jahre 1921 an einen Abtransport des Altars in die Werkstätten nach Dresden nicht mehr gedacht werden konnte, es wäre nur eine Ladung Wurmmehl dort eingetroffen. So mußte mit größter Vorsicht das große Kunstwerk an Ort und Stelle auseinandergenommen und auf dem Altarplatz selbst imprägniert werden. Die überaus schwierige und nicht ungefährliche Arbeit ist gut gelungen, und das wertvolle Schnitzwerk steht, wie [Abbildung 2] erkennen läßt, in alter Schönheit wieder an Ort und Stelle, nur mit dem Unterschied, daß zwischen Altaraufsatz und Wand nunmehr ein größerer Zwischenraum verblieb.

Welch große Gefahren so ein vom Wurmfraß befallenes Stück für seine ganze Nachbarschaft bedeuten kann, wird in Laienkreisen noch vielfach unterschätzt und allgemein zu wenig beachtet. Ein vom Holzwurm angefallener Stuhl kann eine ganze Kircheninneneinrichtung verseuchen, eine gleichfalls derart infizierte kleine Holzfigur ein ganzes Museum anstecken. Hausmittel, wie Petroleum und dergleichen können zwar den Wurm und den Käfer abtöten, richten aber gar nichts aus gegen die sehr widerstandsfähigen Eierablagerungen. Zeigen sich an einem gefährdeten Objekt an einzelnen Stellen immer wieder Wurmmehlhäufchen und rieselt bei leichtem Klopfen stets wieder Holzmehl aus den Bohrlöchern so ist energisches Eingreifen unbedingt geboten. Nur zwei Beispiele wurden hier aus der Praxis des Landesamtes angeführt, aber weit über Sachsens Grenzen hinaus wird heute schon das von den Dresdner Werkstätten für Denkmalpflege ausprobierte Verfahren mit bestem Erfolg angewendet.