Der Meineid

Ein Bild aus dem Jahre 1848 von Curt Balasus, Leipzig

»Heraus, ihr Schmiede von Markersbach!

Vorbei ist’s mit Hunger und sklavischer Schmach!

Allüberall im deutschen Land

lodert empor der Freiheit Brand!

Wollt noch länger feige zagen,

müßig ihr und gaffend stehn?!

Wollt am Hungertuche nagen

und die Kinder sterben sehn?!

Nein und nein! Es drückt die Waffen

Gott der Herr euch in die Hand.

Hinweg Geduld! Gewalt muß schaffen

neues Blühn dem alten Stand!

Reißt zu Stücken

alle Ketten, die euch drücken!

Freiheitsflammen zündet an;

denn der Freiheit Tag begann!«

Wer es gerufen? – Keiner weiß, wer;

doch kamen sie alle – so meldet die Mär.

Kamen aus Werkstatt und ärmlicher Kammer,

kamen von Weiber- und Kindergejammer,

im Arbeitsgewand,

die schwielige Hand

hielt noch den Hammer, das Eisen umspannt. –

So rotten sie sich zu entsetzlichem Werke. –

Hüte dich, Mensch, vor der eigenen Stärke!

Des Dörfleins still-sonniger, wonniger Friede,

so wohlig von Düften des Sommers umspült,

ward jählings zerstört durch das Toben der Schmiede,

die Hunger und Elend verzehrend gefühlt.

Hervorbrach, was heimlich im Innern fraß,

zerstörte der Ordnung geheiligtes Maß

und zeigt sich dem Tage als schäumender Haß.

Bald lodert der Flammen wild-zuckender Strahl

aus der Fabrik,

die mit klugem Geschick

den fleißigen Schmieden die Arbeit stahl,

und unter der Schar triumphierendem Schrei

bricht krachend Gebälk und Gemäuer entzwei.

Was baute in emsiger Müh der Verstand,

zerstört in Sekunden blind-wütig die Hand. –

Und der Flammen rot-leuchtende Glut

berauschet aufs neue das jagende Blut

der entfesselten Meute,

und gierig sie späht nach lebendiger Beute:

das Wohnhaus durchplündern die rasenden Horden,

um – nach dem Werk – den Besitzer zu morden;

vergebens – bis einer verkündet in gellendem Hohn:

»Zum Pfarrhaus, zum Pfarrhause ist er entflohn!«

Dem Rufe folgt schnell die chaotische Menge,

umgeifert das Pfarrhaus in wüstem Gedränge.

Und hungriger Menschheit entsetzlicher Dämon,

gehetzt von der wilden Erinnyen Chor,

er bäumt sich gewaltig, gebietend empor

und er fletschet die Zähne

voll Gier der Hyäne

und heischt als Tribut

lebendiges Blut.

Der Pfarrer erschaudert in heißem Erbarmen

und gräßlicher Not:

wie rett ich den Armen,

dem Zuflucht ich bot?

Dann donnern, als ständ’ er an heiligem Orte,

über die flammenden Köpfe die Worte:

»Hell leuchten die Flammen und klagen euch an!

Weh euch und der Untat! Was habt ihr getan?!

Verflucht sei die Hand,

die verzehrenden Brand

in die Stätte der emsigen Arbeit schlug!

Was dort erstand

schuf Geist und Verstand,

der euch zu höhrer Entwicklung trug.

Aus Hunger und Ketten

kann Arbeit euch retten!

Ihr trotzet vergebens!

Ihr haltet nicht auf

des Geistesstrebens

allstetigen Lauf!

Drum gehet und sühnet in Arbeit euch rein!

Mag Gott euch allgütig die Sünde verzeihn!«

»Wir kamen zusammen,

wir schürten die Flammen,

doch was wir zerstört,

es hat unser gehört!

Uns war der Fleiß,

ihm floß der Preis,

und von unserem Schweiß

errichtet er Hallen, Gerät und Maschinen

und wollte uns zwingen, als Knechte zu dienen!

Wir aber sind frei, und wir beugen uns nicht!

Nun gebt ihn heraus zu der Rache Gericht!«

Und tausendfältig umtost es das Haus:

»Gib ihn heraus! Heraus!! Heraus!!«

Darauf der Pfarrer, todbleich das Gesicht:

»Wen suchet ihr hier? – Ich habe ihn nicht!« –

Wohl starret die Menge sekundenlang,

gebändigt von herrischem Blick;

den Pfarrer durchschaudert es hoffnungsbang,

da flutet die Woge zurück:

»Heraus mit ihm!!« – »Ich hab ihn nicht!«

»Du hast ihn nicht?! – Er hat ihn nicht?«

»O glaubt ihm nicht! O seht ihn an!

Das ist ein Pfarr’, der lügen kann!«

»Ich hab ihn nicht!« –

»So schwör!!«

Blitzende Klinge im Kampfesgewühl –

so zuckt das Wort in des Pfarrers Brust:

Und winkt mir der Hölle wild-schauriges Pfühl –

ist Leiden nicht christliche Lust?!

Starb Christus am Kreuze nicht auch für mich?

O Menschenleben! Ich rette dich! –

Da hebt er voll Stolz das ehrwürdige Haupt:

»Weil ihr dem Worte des Pfarrers nicht glaubt

und das Heiligste machet zum Spott:

Ich schwör’s beim lebendigen Gott!!«

Die Menge schweigt.

Der Tag sich neigt

dem Abend zu.

Frieden bringet die Nacht und Ruh. –

So ward um ein Menschenleben

ein Gewissen hingegeben.