Die wiedererstandene Burg Scharfenstein an der Zschopau
Von Otto Eduard Schmidt
Mit Aufnahmen der Dresdner Photographischen Werkstätten, Dresden
Unter dem blauseidigen Himmel eines goldigen Herbstsonntags fuhr ich von Flöha aus das herrliche Zschopautal aufwärts. Noch nie hatte ich es in solcher Pracht gesehen. Der reiche Laubschmuck dieses Sommers (1924) hatte zwar schon sein Sterbekleid angelegt, aber es sprühte Licht und Farben, als ob der Tod in das Leben umgebogen werden könnte. Und was so siegprangend in die reine Luft leuchtete, das verdoppelte sich noch hie und da durch Spiegelung in dem ruhigen klaren Wasser der Wehrteiche, zu denen der Fluß sich überall anstaut, wo ein Mühlgraben abzweigt. Unten auf den smaragdgrünen Wiesen weideten buntscheckige Rinder und oben über dem golddurchwirkten Walde glänzten die kraftvoll durchgebildeten Ecktürme und Dächer der alles beherrschenden Augustusburg. Es folgt das behaglich um die altersgraue Feste Wildeck geschmiegte Städtchen Zschopau. Bald danach verkünden höher ansteigende schwarze Waldberge das Nahen der sagenumwobenen Burg Scharfenstein, der Perle des oberen Zschopautales – und nun liegt sie selbst vor mir, auf felsiger Anhöhe, vom Sonnengold umflossen, und bietet mir heute wieder fast denselben reizvollen Anblick wie vor sechs Jahren, als ich sie zuletzt sah. Aber zu genauerem Vergleich ist zunächst keine Zeit; denn im Durchgang des Bahnhofs begrüßt mich der Burgherr Graf Alexander von Einsiedel, und im nächsten Augenblick trägt uns der Kraftwagen mit kaum glaublicher Tatkraft den steilen Felsen empor in den Burghof. Die breite Steintreppe führt uns in ein großes, helles Empfangszimmer mit schönem Blick in eine sich nach rechts hin erstreckende, mit Kreuzgewölben überdeckte Galerie. Hier wird der Burgherr auf kurze Zeit abgerufen – und nun erst komme ich dazu, meine abgebrochene Gedankenkette über das Wie und Wo wieder aufzunehmen.
Über die Anfänge von Scharfenstein besitzen wir weder eine Urkunde noch die Angabe eines zeitgenössischen Geschichtschreibers. Aber der Name deutet, gerade wie der verwandte Name des Schlosses Scharfenberg bei Meißen, auf Beziehungen zum Bergbau: Scharfenstein ist der Stein, in dessen Nähe »geschürft« wird. Zum Beweise führe ich folgendes an. Gleich die erste urkundliche Erwähnung Scharfensteins im Lehnsbuche Friedrichs des Strengen (1349/50): »Johann von Waldenburg trägt vom Markgrafen zu Lehen Wolkenstein, Grifenstein (Greifenstein), Zcinewerk (Ehrenfriedersdorf), Bergwerck (Geyer), dy Schape (Zschopau) Scharfenstein« zeigt die Burg in Verbindung mit Zinn- und Silberbergwerken, ebenso die Urkunde über den Verkauf von Scharfenstein im Jahre 1439 (s. unten [S. 321]), endlich beweisen auch Reste von Stollen und Gruben in größerer Nähe von Scharfenstein, daß dort bergmännische Tätigkeit zu Hause war. Dem gegenüber müssen die älteren Behauptungen, Burg Scharfenstein sei schon lange vor dem Jahre 1000 erbaut worden, in das Gebiet der Fabel verwiesen werden.
Abb. 1
Mit dieser Grundstimmung begann ich die einzelnen alten Bauglieder der Burg genauer zu betrachten. ([Abb. 1.]) Zunächst den schon längst nicht mehr bewohnten Bergfried und die sich daran lehnenden Reste des Palas. Beide erheben sich auf der höchsten Spitze des gewachsenen Felsens (Kersantit) und sind mit uraltem, armstarkem Efeu bewachsen. Der kreisrunde Bergfried ist jetzt noch siebzehn Meter hoch, seinen Zinnenkranz und die Storchnesthaube als oberen Abschluß erhielt er 1850. Von zwei jüngeren Gliedern des Hauses Einsiedel unterstützt, maß ich die Mauerstärke: sie beträgt dreieindrittel Meter (der Bergfried in Zschopau drei Meter und siebzig Zentimeter), der innere Hohlraum ist nur ein Meter und fünfundachtzig Zentimeter weit. Das ziemlich hoch liegende Gemach des Bergfrieds war nur auf Leitern zugänglich, erst spät ist die untere Tür in den Steinpanzer gebrochen worden. Von Süden her ist der Angriff gegen den Bergfried erschwert durch den vierzehn Meter breiten und sehr tiefen Halsgraben, der den Talsporn, auf dem die Burg liegt, von den nach Süden zu höher ansteigenden Gebirgsstock lostrennt. Von der Plattform am Zinnenkranz genießt man eine entzückende Aussicht nördlich und südlich ins Zschopautal; der ernste Gipfel des Fichtelbergs war leider durch silbernen Duft verschleiert. Als wir dann zu Füßen des Steinriesen von seinen Schicksalen plauderten, trat der Burgherr wieder zu uns, und nun ging die Wanderung durch die Räume des Erdgeschosses ([Abb. 2]) und in die Tiefe der Keller. Im tiefsten Keller, zwei Stockwerke unter der Erde, sah ich den einst bis auf den Wasserspiegel der Zschopau in den Felsen getriebenen Brunnen; um seine Tiefe einigermaßen zu ermessen, ließen wir angezündetes Papier hinunterflattern. Der Brunnen ist leer, auch ohne Wasserspiegel; als er 1832 ausgeräumt wurde, kamen menschliche Gebeine und Waffen aller Art zum Vorschein; sie sollen von einer Erstürmung der Burg im Dreißigjährigen Krieg herrühren (s. unten [S. 325]). In den alten unteren Geschossen und Kellern habe ich von romanischer Bauweise keine Spur gefunden. Die ältesten Türgewände der Keller zeigten vielmehr die gotische Form des Eselsrückens. Man wird aber, wenn man die ältesten beglaubigten Nachrichten vom Scharfenstein und den baulichen Befund zusammenrechnet, die Anfänge der Burg frühestens um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ansetzen dürfen. Zum Vergleiche bemerke ich, daß die erste urkundliche Erwähnung des benachbarten und vielfach mit Scharfenstein verschwisterten Schlosses Wolkenstein aus dem Jahre 1241 stammt.
Abb. 2 Burghof Rechts Eingang zur Haupttreppe. Die Fenster darüber gehören zur Galerie des Gesellschaftsflügels. Weiter links die Hofseite des Rundbaues und des Kirchenflügels
In Rücksicht auf eine so späte Entstehung der Burg Scharfenstein halte ich es auch nicht für wahrscheinlich, daß die Burg längere Zeit nur aus dem Bergfried und dem kleinen daran gelehnten Palas bestanden habe. Dazu waren die Bedürfnisse des ritterlichen Adels um 1250 oder gar um 1300 schon zu weit fortgeschritten. Auch scheint die Sicherheit der Burg die Befestigung der ganzen Plattform des Felsens gefordert zu haben. Demnach sind die jetzt bewohnten, den Burghof im Dreiviertelkreis umgebenden Gebäude wenigstens zum Teil wohl gleichzeitig mit dem Bergfried und Palas oder nur wenig später erbaut worden; sie bildeten, untereinander durch Wehrgänge verbunden, den sogenannten Zwinger. So kann man die Burg in ihrem heutigen Umfange als ein beinahe gleichzeitig entstandenes Ganzes auffassen. Einzelne nach Westen zu sich der Talsohle nähernde Steintürme, von denen noch Trümmer vorhanden sind, bildeten, durch unterirdische Gänge miteinander und mit der Burg verbunden, eine Ergänzung dazu, die als Verbindungsglied zu der im Tale hinführenden Straße oder als Fluchtburg bei Gefahr für die Einwohner des Dorfes von Wichtigkeit war.
Diese meine Auffassung wird auch durch die nicht eben reichlich fließenden geschichtlichen Nachrichten über Scharfenstein bestätigt. Als Gründer und erste Inhaber der Burg müssen nach der obenerwähnten Angabe des Lehnsbuchs Friedrichs des Strengen die reichsunmittelbaren Herren von Waldenburg gelten, die seit 1241 auf Wolkenstein bezeugt sind, damals wohl das mächtigste Dynastengeschlecht der ganzen Gegend; denn sie besaßen in den Herrschaften Waldenburg, Rabenstein, Scharfenstein und Wolkenstein ein zusammenhängendes Gebiet, das von den sanften Hügelketten der mittleren Pleiße und Mulde bis hinauf zum Kamm des Gebirges (südlich von Wolkenstein) reichte. Daß es noch vor den Waldenburgern Kaiserliche Vögte von Scharfenstein gegeben habe, ist eine Vermutung, der jede Grundlage fehlt. Die Waldenburger verwendeten Scharfenstein, wie eine Urkunde vom 8. April 1386 (C D S I, B 1, 131 f.) dartut, als Leibgedinge bzw. Witwensitz für ihre Gattinnen. Darin liegt schon ein Beweis dafür, daß Scharfenstein damals nicht nur eine kriegerische Wache war – 1389 war Hans von Forchheim »heupmann uff dem Scharfensteyn« unter Anarg und Heinrich von Waldenburg C D S II, 12, 1 S. 417 –, sondern auch für eine ritterliche Dame genügendes Quartier bot: die Dörfer Griesbach, Hopfgarten, Grünau, Groß-Olbersdorf, Schönbrunn, Falkenbach, Drebach, Herold und Glashütte lieferten Zinsen und Naturalabgaben. Im fünfzehnten Jahrhundert, als die Feste Greifenstein, die bis 1429 die Bergorte Thum, Ehrenfriedersdorf und Geyer beschirmt hatte, von den Hussiten (?) zerstört war, übernahm Scharfenstein auch die Pflicht, diese Bergorte zu beschützen und die sich daraus ergebenden Rechte. Es gewann dadurch solche Bedeutung, daß der Landesherr Kurfürst Friedrich der Sanftmütige sein Auge darauf warf und, da die Vermögenslage der Herren von Waldenburg mißlich geworden war, sie 1439 durch Kauf erwarb, wobei der Münzmeister von Freiberg, Liborius von Senftleben, dessen Brüder und ein Stephan Glasperg als Mittelsmänner dienten. Sechs Jahre lang sollte es den Brüdern Heinrich und Anarg von Waldenburg freistehen, die Güter aus der Verpfändung einzulösen, aber sie vermochten es nicht. So erscheint schon 1445 der Kurfürst als Besitzer von Scharfenstein und seinem Zubehör. Diesem Umstande verdanken wir es, daß wir aus einem Verzeichnisse der landesherrlichen Einkünfte aus dem Jahre 1445 Wichtiges über die Einkünfte aus der Herrschaft Scharfenstein erfahren. Dazu gehören, je nach der Ausbeute steigend und fallend, jährlich zweieinhalb Schock von der Zinnschmelze in Ehrenfriedersdorf, dreißig Gulden von den Bänken der Schuster in den obengenannten Bergorten, zwei Schock Krämerzins und siebzehn Schock Zoll und Geleitsgeld. Dieser letzte Posten zeigt uns, daß Scharfenstein nicht nur Silber- und Zinnbergwerke zu beschirmen hatte, sondern auch eine Straße: den richtigen, von Öderan über Zschopau, Wolkenstein, Chemnitz, Komotau nach Prag führenden Paß. Übrigens behielt der Kurfürst von dem Scheinkaufe Senftlebens nur die Anrechte auf die Bergorte Ehrenfriedersdorf und Geyer, die er zum Amt Wolkenstein schlug, während Thum und Scharfenstein 1473 in den Händen des Heinrich von Schönberg waren, der sie mit Schellenberg und Zschopau vom Fürsten zu Lehen trug. Dieses Verfahren erinnert sehr an das Verhalten der sächsischen Fürsten beim Bankrott der Herrschaft Bärenstein 1491 (s. Kursächsische Streifzüge V. Bd. S. 314).
Von hier an fließen die urkundlichen Nachrichten in ununterbrochener Kette bis zur Gegenwart. Denn von 1486 an besitzen wir die Lehnsbriefe über Scharfenstein und die damit zusammenhängenden »Confirmationes et Consensus« (»Bestätigungen und Bewilligungen«) der Landesfürsten in vierzehn, meist sehr starken Bänden des Hauptstaatsarchivs, alles in allem ein überaus reiches Material mit vielen Briefen, das den unverdrossenen Forscher tief in das Innerste der Geschichte des Einsiedelschen Geschlechtes und der Burg Scharfenstein einführt. Der erste Lehnsbrief vom Jahre 1486 verleiht »Ern Heinrichen von Starschidel Rittern und seinen rechten Leibeslehenserben … Sloß Scharffenstein mit den Mennern dafur gesessen mit aller seiner Zubehörung … zu rechten Manslehen«. Der für uns wichtigste Lehnsbrief ist der vom Jahre 1492, durch den Scharfenstein an Heinrich von Einsiedel übergeht. In ihm sind auch alle die Vorbesitzer der Burg genannt, die sie nach dem oben besprochenen Kauf des Landesherrn (1439) zu Lehn getragen haben; dadurch wird die in der volkstümlichen Literatur über Scharfenstein verbreitete Legende, die Burg sei schon 1427 in den Besitz der Einsiedel gekommen, ohne weiteres als falsch erwiesen. Die wertvollsten Teile dieses Lehnbriefes lauten: »Anno domini etc. 1492 am Donerstage nach Pauli conversionis (des Paulus Bekehrung) hat mein gnediger Herr Herzog George von wegen und anstat seiner Gnaden Ern und Vatern Herzog Albrecht Ern Heinrich vom Einsiedel Rittern und seinen rechten Leibhslehenerben diese nachgeschriebene Sloß, Forwergk, Dorffer und Guter, nemlich das Sloß Scharffenstein … item das Forwerg die Grunaw genant … item das Dorff Alberstorff (Groß-Olbersdorf), Grunaw, Königswalde, Grisbach, Hopfgarten, Hornsdorff mit Frone uff etlichen Leuthen und etlichen Leuthen Fronen Geld, wie ime (ihm) die Er Heinrich Starschedel verkaufft … und also in aller mase so solch Sloß, Forwerg, Dorffer mit aller irer Zcugehorunge von den Hochgeborn̄ Fürsten, Herzogen Ernst Curfürsten seliger Gedechtnus und Herzog Albrecht etc. seiner Gnaden lieben Herrn Vettern und Vatern an Heinrichen von Schonberg Amptmann uffm Schellenberg solch Sloß, Forwerg, Dorffer und Gutter, Friedrich Blancken und forder an Ern Heinrich Starschedel Ritter und darnach Er Heinrich von Einsiedel Ritter in Kaufweiß bracht und die alle obgemelt gebraucht, gnossen, innegehapt und besessen, zu rechten Manlehen gereicht geliehen, soviel sein Gnaden von Rechtswegen daran zu vorleyhen hat. Testes (Zeugen sind): Er Hans von Mingwitz, Obermarschalg, Er Ditterich von Schonberg, Hoffmeister Ritter, Cantzler, Siegmund von Maltitz. Actum Dreßden Anno etc.«
Im Jahre 1508 muß Heinrich von Einsiedel auf Scharfenstein verstorben sein; denn am Sonnabend Agathe Virginis 1508 ist ein neuer Lehnbrief über Scharfenstein für seine Söhne Hugold, Heinrich, Hildebrand und Heinrich Abraham von Einsiedel in Leipzig ausgefertigt worden (fol. 9) usw.
Abb. 3 Galerie im Gesellschaftsflügel
Die Kreuzgewölbe und die spätgotischen Fenster sind alt (Ende des fünfzehnten Jahrhunderts)
Die Baulichkeiten der Burg waren wohl unter den verschuldeten Waldenburger Herren, die überdies im Jahre 1479 ausgestorben waren, und dann unter den wechselnden Besitzern arg heruntergekommen. Die neuen Herren von Einsiedel ließen zwar die Ruinen des Bergfrieds und des Palas unergänzt liegen, aber die wohnlicheren Gebäude um den Hof fingen sie an zu erneuern. Die spätgotischen Fenster im Gange des Gesellschaftsflügels (s. oben [Seite 317]) deuten auf eine Bauzeit am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ([Abb. 3]); umfassender waren die Erneuerungen Heinrichs von Einsiedel um 1533. Diese Jahreszahl trug ein nach dem Brande entdeckter, durch die Glut gespaltener Kragstein im ehemaligen Kinderzimmer des Wohnflügels ([Abb. 4]), während einzelne Dachziegel in Pfannenform die Jahreszahlen 1538, 1543 zeigten. Der zwischen dem Torhaus und dem Kirchenflügel langgestreckte Witwenflügel soll nach mündlicher Überlieferung zuletzt gebaut worden sein. Ist das der Fall, so ist der Witwenflügel, wie vielleicht auch andere Bauteile der Burg, an die Stelle eines früheren Wehrgangs getreten; denn die Sicherheit der Burg erforderte, wie schon oben erwähnt, eine lückenlose Schließung des Umkreises von der westlichen Wange des Bergfrieds bis zur östlichen. Im Jahre 1570 hatte Haubold von Einsiedel die Einengung seiner Befugnisse durch Kurfürst August zu verspüren, indem er dem Kurfürsten auf den Einsiedelschen Gütern und den Gütern von dreiundzwanzig Mannen zu Einsiedel, Erfenschlag und Dittersdorf auf dreißig Jahre die hohe Jagd abtreten mußte. Freilich bekam Einsiedel dafür alljährlich sechshundert Meißner Gulden Jagdgeld, zwölf Stück Wild, vier Bachen und vier Frischlinge. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges hauste auf dem Scharfenstein Heinrich Hildebrand von Einsiedel mit seiner Gemahlin Sophie, einer geborenen von Ponickau aus dem Hause Prietitz. Dieses Paar erbaute vor dem gotischen Tor der Burg, an dessen Innenwand man noch die Rillen der Eisenkette sieht, an denen die Zugbrücke auf- und niederging, am anderen Ende der Brücke ein schönes Renaissanceportal mit dem Allianzwappen der beiden Familien. Zweimal wurde die Burg während dieser Zeit erstürmt: 1632 von Herzog Bernhard von Weimar und 1633 von den Schweden, die die ganze kaiserliche Besatzung niederhieben und die Leichen in den Burgbrunnen geworfen haben sollen (s. oben [Seite 320]).
Abb. 4 Südgiebel des Wohnflügels
Unter dem Giebel das Speisezimmer mit den Treppen zum Terrassengarten am Bergfried
Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts war der Kurfürstliche Kammer- und Bergrat Curt Heinrich von Einsiedel Herr auf Scharfenstein. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte hier vor dem äußeren Tor der Wildschütz Karl Stülpner seinen großen Tag, als er, nur durch einen Baum gedeckt, die zu seiner Ergreifung aufgebotenen achtzig Mann des Chemnitzer Regiments samt den Förstern der Umgegend einen ganzen Tag lang durch seine Büchse in Schach hielt und dem Oberförster von Geyer und dem Gerichtsdirektor von Thum, die trotzdem aus dem Schlosse herausreiten wollten, durch einen wohlgezielten Schuß großen Schrecken bereitete.
Seitdem ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, voll von deutscher Not und deutscher Größe – die kriegerische Bedeutung der Burg trat zurück, sie wurde innerhalb einer stark mit Spinnereien und anderen Fabriken durchsetzten Gegend ein stiller Herrensitz, ein Zufluchtsort der Romantik; in ihrem Burggarten zu Füßen des efeubewachsenen Bergfrieds suchte der Wanderer die »blaue Blume« zu finden, die ihm die Geister der Vergangenheit und den Sinn des Lebens verständlich machen sollte – aber da kam die Nacht vom ersten zum zweiten Juni 1921, in der plötzlich der rote Hahn an den steilen Dächern emporzüngelte. Schauerlich schön spiegelte sich die rote Glut der Dachsparren und des gewaltigen Gebälks in der Sommernacht, und das ganze Schloß wäre wohl ein Raub der Flammen geworden, wenn nicht die Motorspritze der Patentpapierfabrik im Wilischtal mit ihrer tüchtigen Bemannung wenigstens das Hauptstück des Kirchenflügels und den ganzen Witwenflügel gerettet hätte. Dafür ging fast die ganze Habe des Grafen Einsiedel, der die Burg erst am 19. Dezember 1919 übernommen hatte, und ebenso die seines Gesindes zugrunde. Der anbrechende Morgen fand im Schloßhof ein ergreifendes Bild. »Neben dem Rest ihrer Habseligkeiten hockten apathisch mit vom Weinen geröteten Augen die Dienstboten. Der Schloßherr und die Schloßherrin, letztere hatte sogar Brandwunden davongetragen, ließ es sich nicht nehmen, auf der Unglücksstätte auszuharren. Besonders der Frau Gräfin wandte sich allgemeine Teilnahme zu. Ihrer Niederkunft entgegensehend, nur notdürftig bekleidet, Speise und Trank verschmähend, suchte sie noch hie und da helfend einzugreifen. Ihre Garderobe, ihre Wäsche ist fast völlig dem Feuer zum Opfer gefallen.« (Zschopauer Wochenblatt vom 4. Juni 1921.)
Abb. 5 Blick von Osten auf den Wohnflügel, Gesellschaftsflügel und Bergfried
Die Teilnahme am Verluste der Burg ging weit über Sachsens Grenzen hinaus, besonders aber regten sich aus den Kreisen des Heimatschutzes, der sächsischen Denkmalpflege und der Burgenfreunde hilfsbereite Hände, um dem schwer getroffenen Besitzer den Wiederaufbau der Burg zu ermöglichen. Trotzdem war es kein leichter Entschluß, als Graf Alexander von Einsiedel wenige Tage nach der Katastrophe unter Zurücksetzung aller persönlicher Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die die Errichtung eines neuzeitlich behaglichen Baues sicherlich geboten hätte, bestimmte, daß die Burg möglichst genau in derselben Form wiedererstehen sollte, wie sie den Flammen zum Opfer gefallen war. Im Inneren mußten natürlich den neuzeitlichen Bedürfnissen Zugeständnisse gemacht werden. Als Baumeister wurde der Geheime Hofbaurat Professor Bodo Ebhardt in Berlin-Grunewald, der bekannte Wiederhersteller deutscher Burgen, gewonnen, doch so, daß das sächsische Landesamt für Denkmalpflege die aufgestellten Pläne vor der Ausführung zu prüfen hatte. Am 10. Juni 1921 begannen die schon wegen des steil abfallenden Geländes sehr schwierigen Arbeiten des Aufräumens und der Sicherung der Unterbauten. So war z. B. am Gesellschaftsflügel, wo man schon lange vor dem Brande die nach außen überhängende Nordwestwand durch eiserne Zuganker mit Spannschlössern hatte sichern müssen, infolge starker plötzlicher Abkühlung beim Löschen eine ganze Ecke, ein Mauerblock von zehn Meter Höhe und zweieinhalb bis drei Meter Stärke einige Tage nach dem Brande in die Tiefe gestürzt. Hier mußte eine umfassende Notverankerung angebracht werden, um die übrige Wand, die nachzustürzen drohte, bis zu ihrer teilweisen Abtragung und Neubefestigung zu halten. Die Planungen für die Ergänzung der Unterbauten und den Wiederaufbau der zerstörten Wohnbauten gingen aus den »Hauptbaustuben« Ebhardts hervor, der auch persönlich mit dem Vorsitzenden des Landesamts für Denkmalpflege und dem Landeskonservator Fühlung nahm und mehrere Tage auf dem Scharfenstein zubrachte. Die örtliche Bauleitung lag in den Händen des preußischen Regierungsbaumeisters Kaske, der auch mehrere im Wiederaufbau von Burgen erfahrene Poliere zur Verfügung hatte. Obwohl ein Teil der Baukosten durch die Brandversicherung gedeckt war, obwohl der Staat in der Erwägung, daß es sich bei der Burg Scharfenstein um einen »dem ganzen Volke wertvollen Besitz« handelte, bei der Bauholzlieferung einen Preisnachlaß gewährte und obwohl der Besitzer durch Anspannung seines persönlichen Kredits erhebliche Mittel aufbrachte, so hat es doch nicht an Zeiten gefehlt, in denen infolge der immer steigenden Inflation die Fortführung des Baues unmöglich zu werden schien. Aber mit Hilfe der »Bausteine«, die andere Burgenbesitzer, einem Aufruf des Landesamts für Denkmalpflege und des Sächsischen Heimatschutzes folgend, seit dem Mai 1922 beisteuerten, gelang es doch, das Werk im Jahre 1923 zu vollenden. ([Abb. 5.])
Abb. 6 Witwenflügel, Torhaus (davor der Burggarten), Bergfried
Nach Westen und Süden zu gelegen
Daß die erneuerte Burg in ihrer Wirkung vom Tal aus fast ganz der alten gleicht, wurde schon erwähnt. Aber auch, wenn man sie vom Burghof oder von der Plattform des Bergfrieds aus betrachtet, oder wenn man die erneuerten Teile aufmerksam durchwandert, kann man allen Beteiligten die rückhaltlose Anerkennung nicht versagen, daß hier ein schwieriges Wiederherstellungswerk in selbstloser Gesinnung und aus echt geschichtlichem Geiste mit ausdauerndem Fleiß und vortrefflichem Geschick geleistet worden ist. Natürlich ist der Neubau kein sklavisches Abbild des alten. ([Abb. 6.]) Einige Giebelkonstruktionen und die damit zusammenhängende Gestaltung des Daches, das beim alten Schloß wie ein schmiegsames Fell in sich zusammenhängend über alle die verschiedenartigen und verschiedenhohen Bauglieder gezogen worden war, sind teils in Rücksicht auf die Witterungseinflüsse und die Feuersicherheit, teils auch, weil die Kunst der heutigen Zimmerleute nicht mehr der des sechzehnten Jahrhunderts gleicht, etwas verändert worden. Auch reichten die vorhandenen Mittel nicht dazu aus, z. B. den im zweiten Oberstock des Wohnflügels vorhanden gewesenen »Rittersaal mit den schönen gewundenen Holzsäulen und den geschnitzten Wappen am unteren Ende der Hängesäulen« zu erneuern, ebenso mußte die anfangs geplante Wiederherstellung der erst beim Brande hinter später eingezogenen Decken wieder aufgefundenen schönen Kassettendecken des sechzehnten Jahrhunderts und der wuchtigen profilierten Balken der Kosten wegen unterbleiben. Reste dieser profilierten Balken sind noch jetzt im gotischen Tor zu sehen. Auch das übrigens sehr schöne Herrenzimmer im halbrunden Turm des Gesellschaftsflügels ist durch den allzu dünnen und schmucklosen Ausfall der beiden Deckenbalken in seiner Wirkung geradezu beeinträchtigt worden. Aber gerade durch diese von der Not erzwungenen Mängel wird die erneuerte Burg Scharfenstein zugleich auch ein Denkmal unserer ernsten und schweren Zeit. Anderseits kann man manche Änderung der inneren Raumverteilung geradezu für eine Besserung des früheren Zustandes ansehen. So die bessere Unterbringung der Kinder und ihrer Erzieherin im Wohnflügel, die Herstellung einer offenen Halle im zweiten Oberstock des Gesellschaftsflügels und die Schaffung einer Burgkapelle, die es bisher trotz des »Kirchenflügels« im Schlosse nicht gab. Zur Burgkapelle ([Abb. 7]) ist ein sehr schönes, zuletzt als Speisegewölbe benutztes Gemach im Erdgeschoß des Wohnflügels rechts von der Haupttreppe umgewandelt worden. Das durch hohe Stichkappen gegliederte Tonnengewölbe sowie die spätgotischen Türgewände bedurften keiner Veränderung. In der Mittelachse des Fensters steht der Taufstein, dem Fenster gegenüber ist ein schlichter, brauner gotischer Holzaltar errichtet, das Gestühl stammt aus Schlesien, Grabmäler längst heimgegangener Familienglieder heben sich von den schlichten, weißen Wänden ab ([Abb. 7]). Besonders ergriffen hat mich das von V. Saila in Stuttgart gemalte Glasfenster: unter dem Kreuz sieben Engelsköpfchen mit den Anfangsbuchstaben der sieben Kinder, die dem gräflichen Paare bei der Einrichtung der Kapelle geboren waren. Eins davon, Mechtild, ist am 30. August 1921, also im Jahre des Brandes zur Welt gekommen. Im Ganzen sind es drei Knaben und vier Mädchen. An der dem Eingang gegenüberliegenden Tür steht der Spruch:
Gott legt uns eine Last auf,
Aber er hilft uns auch tragen.
Abb. 7 Die neue Burgkapelle im Erdgeschoß des Wohnflügels
Das Mauerwerk samt dem spätgotischen Türgewände und dem mit Stichkappen verzierten Tonnengewölbe ist alt
Später zeigte mir die Frau Gräfin noch die beim Brande größtenteils gerettete Bibliothek in einem Raume des Torhauses. Diese Bücherei hat allerdings durch das Feuer eine sehr anziehende Besonderheit verloren: den schön gebundenen Briefwechsel eines weltbekannten Liebespaares, eines zu Goethes Zeit am Weimarer Hofe lebenden Leutnants und Bergrats Johann August von Einsiedel – sein Bruder war der Weimarische Geheime-Rat und Oberhofmeister Friedrich Hildebrand von Einsiedel – und der Freifrau Emilie von Werthern-Beichlingen, die, um mit ihrem Geliebten entfliehen und eine Afrikareise antreten zu können, ihre Todesnachricht verbreiten und ein ihr gleichendes Wachsbild begraben ließ (1784). Andere wertvolle Schriftstücke aus dieser Zeit und aus dem Weimarer Kreise sind erhalten geblieben; ich sah Briefe von Wieland, Herder, Knebel, der Gräfin Tina von Brühl, Dorothea Schlegel u. a. Dann genoß ich die herbstliche Schönheit des vom Torhaus und Witwenflügel nach Westen zu liegenden Burggartens ([Abb. 8]) mit der alten Bastion, die einen herrlichen Blick ins Tal gewährt und umwanderte, soweit es der noch nicht völlig beseitigte Bauschutt gestattete, dicht am Mauerwerk hin die West- und Nordseite der Burg von außen. Dabei sieht man erst, wie kunstvoll sich hier uraltes Mauerwerk und die neuen Flickarbeiten, alte Unterbauten und neue Oberbauten einander durchdringen. Als ich mich danach im Schlosse verabschiedet hatte und die Treppe des Wohnflügels hinunterstieg, schaute ich, ehe ich in die noch immer goldene und wärmende Herbstsonne hinaustrat, noch einmal zur Tür der Burgkapelle hinüber – und gedachte der Kinderschar, die in diesen Räumen getauft und erzogen, hoffentlich einmal ein glücklicheres Deutschland sehen wird als das heutige. Aber weder das heutige noch das künftige Deutschland möge die alten Wurzeln seiner Kraft und seiner Kultur vergessen.
Aufnahme von Seidel-Naumann, Zschopau
Abb. 8 Burg Scharfenstein Gesamtansicht von Westen
Anmerkung. Die Quellen zu dieser Arbeit sind außer dem wiederholten Besuch der Burg Scharfenstein und den Mitteilungen des Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Einsiedel auf Scharfenstein die Akten des sächsischen Landesamts für Denkmalpflege, die Akten des ehemaligen Lehnshofes und mehrere den Bergbau im Erzgebirge betreffende Urkunden des sächsischen Hauptstaatsarchivs. Einzelne Hinweise verdanke ich der von Prof. Dr. Meiche ebenda angelegten Kartothek der Örter Sachsens.