Weihnachten und Heimat

Von Pfarrer W. Hoffmann, Chemnitz

Weihnachten und Heimat gehören für uns Deutsche in ganz eigentümlicher Weise zusammen. Vielleicht noch inniger als bei anderen christlichen Völkern, sind sie bei uns beide miteinander verbunden, ja miteinander verwachsen.

Unter Heimat verstehen wir ja nicht nur das Land, in dem wir geboren sind, geschweige denn unsere staatliche Existenz, sondern vor allem auch den Charakter unseres Lebens, so wie er sich aus den Naturbedingungen des heimischen Bodens, aus dem Volkscharakter und aus der Geschichte unseres Volkes herausgebildet hat. Wenn daher ein Deutscher in der Fremde mit Sehnsucht an die Heimat denkt, so vergegenwärtigt er sich nicht nur, falls er vom Dorfe ist, die Heimatflur und den Waldrand, oder, falls er ein Stadtkind ist, die stille Gasse oder auch das öde Mietskasernenviertel, sondern er hört auch die Kirchenglocken der Heimat läuten und denkt an all das Besondere im Leben des Alltags und der Festtage, das er in der Fremde nicht mehr findet. Ganz allgemein aber ist es die Weihnachtszeit und der Weihnachtsabend, die in der Fremde den Zug zur Heimat am stärksten werden lassen, so daß man sich sogar Mühe gibt, irgend ein stachliches Gewächs, das man findet, zu einem Christbaum zurechtzuputzen, und wenn man ihn selbst aus nackten Hölzern zusammensetzen müßte.

Wer es sich also zur Aufgabe macht, den Heimatsinn und die Heimatliebe zu pflegen, der kann am Weihnachtsfest am allerwenigsten vorübergehen. Er wird überzeugt sein und auch andere davon überzeugen wollen, daß eine Entwurzelung des christlichen Volksgeistes zugleich eine ungeheure Schädigung und Verarmung unseres heimatlichen Lebens zur Folge haben müßte. Denn ohne eine geistige Grundlage, ohne einen Glauben, der Herzenssache ist, müßten auch die schönsten Volkssitten schließlich verkümmern. Allem Äußeren entspricht hier ein Inneres. Und wenn dieses Innere verdorrt, dann kann auch das Äußere mit allen Mitteln und mit aller Anstrengung auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden; es kann das Äußere – ich meine die Volkssitte – nicht mit bloß äußeren Mitteln erhalten oder wieder belebt werden. Darum ist die geistige und seelische Verfassung unseres Volkes eine Angelegenheit, die auch uns Verfechtern des Heimatschutzgedankens nicht gleichgültig sein kann. Eine Materialisierung unseres Volksgeistes und Volkslebens würde auch unser Heimatleben mit all seinem Reichtum und seiner Schönheit schließlich der Verödung preisgeben. Denn das Wort bleibt wahr: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Es ist der Volksgeist, der sich sein Heimatleben immer neu schafft.

Es wird nun aber neuerdings immer wieder versucht, gerade um des Heimatgedankens willen, in unserem Weihnachtsfest das eigentlich Deutsche, das ursprünglich Germanische stärker zu betonen auf Kosten des Christlichen. Aber das kann zu nichts führen. Was ist nicht alles von einem germanischen Weihnachtsfest gefabelt worden! Es hat ein solches niemals gegeben. Und jeder, der ernstlich dem Ursprung unserer Weihnachtssitten nachforscht, erkennt von neuem die Unmöglichkeit, aus ihnen einen germanischen Kern herauszuschälen. So weit wir auch zurückgehen, immer finden wir bereits die innige Verschmelzung der Weihnachtsgeschichte von Bethlehem und der christlichen Gedanken mit der deutschen Sitte. Was allenfalls übrigbleibt, das sind die Schmausereien und Trinkgelage, in denen allerdings unsere vorchristlichen Altvordern groß gewesen zu sein scheinen. Diese aber noch mehr zur Hauptsache zu machen, als es ohnedies schon geschieht, das würde ganz gewiß nicht zu einer Erhöhung und Veredelung der deutschen Weihnachtsfeier führen.

Wir müssen schon die Tatsachen der Geschichte gelten lassen und können sie nicht korrigieren. Ein Volk lebt nun einmal aus seiner Geschichte, nicht aber von ungeschichtlichen Konstruktionen. Mit altgermanischer Götterromantik schaffen wir keine neue Weihnachtssitte, vor allem keine volkstümliche. Denn für Symbolgestalten ohne Realität hat unser Volk wenig Sinn. Darum wird Weihnachten ein christliches Fest bleiben, oder es wird aufhören zu sein. Wir können nicht einen neuen und noch dazu sehr zweifelhaften und gärenden Wein in die alten Schläuche füllen.

So wird das Christfest bei uns um so lebendiger bleiben, je entschiedener wir seinen christlichen Charakter festhalten, auch in der heimatlichen Weihnachtssitte. Alles, was nach dieser Richtung hin oder vielmehr von dieser Richtung her das Christfest belebt, das stärkt auch den Heimatsinn: die Ausgestaltung der kirchlichen Christvespern und Christmetten unter Anknüpfung an vorhandene oder vorhanden gewesene Sitten, das Choralblasen vom Kirchturm in der Frühe des Christtages, die Herstellung von Weihnachtskrippen und Weihnachtsbergen, die Wiederbelebung der alten schönen Christspiele. Gerade von letzteren ist gesagt worden, daß man »Totes nicht wieder zum Leben erwecken könne«. Aber neuere Erfahrungen zeigen, wie wenig dieses Urteil zutrifft. Denn wirklich tot ist ja nur das, woran wir innerlich keinen Anschluß mehr finden. Meines Wissens ist denn auch überall, wo man ein Christspiel wieder aufzuführen gewagt hat, der Zuspruch groß und der Eindruck tief gewesen. Ein Wort sei auch über die Weihnachtslieder gesagt. Es ist ein großer Mangel, wenn in so mancher Familie der »Bedarf« an Weihnachtssang mit dem Liede »O Tannebaum« bestritten wird, natürlich weil es am allgemeinsten und also am wenigsten die Gedanken der Weihnachten ausspricht. Ich möchte das als »verschämte Armut« bezeichnen. Sie ist um so bedauerlicher, als kein anderes Volk der Erde einen solchen Schatz nicht nur an Weihnachtschorälen, sondern auch an weihnachtlichen Volksliedern aufzuweisen hat.

Habe ich bisher zu zeigen versucht, daß ein ausgesprochen christlicher Charakter des Weihnachtsfestes den Heimatsinn in jeder Weise stärkt und belebt, so möchte ich nun auch den umgekehrten Satz aufstellen: Wem an einem wirklich lebendigen Weihnachtsfest gelegen ist, der muß auch an den heimatlichen Weihnachtssitten ein starkes Interesse haben. Es gibt auch puritanisch Gerichtete, die um der Heiligkeit des Festes willen alle schönen Sitten verwerfen, weil sie zu einer Veräußerlichung dieses Festes führen müßten. Daß diese Gefahr besteht und immer bestanden hat, ist nicht zu bestreiten. Heute kommt diese Gefahr vor allem von jener Weihnachtsindustrie her, die ohne innere Fühlung mit der Volkssitte alle nur erdenklichen Massenartikel auf den Markt wirft, zur angeblichen »Verschönerung« und »ergreifenden« Gestaltung des Festes, der Weihnachtsstube, des Christbaumes usw. Wieviel ursprünglicher Sinn geht z. B. verloren durch die elektrischen Christbaumkerzen! In manchen Kirchen lassen sie sich zwar der Feuergefährlichkeit wegen leider nicht vermeiden. Aber im Haus ist es doch nur der »Effekt«, den man erzielen will, wenn man knipst und der Baum erstrahlt. Und so verzichtet man auf die lebendige, brennende, flammende, wehende Kerze, deren Wachsduft sich mit dem Duft der Tanne vermischt. Man verzichtet auf den Anblick des Niederbrennens bis zu den letzten Lichtern, wo dann die Schatten an der Decke und an den Wänden huschen und die Stube in geheimnisvolles Dämmerlicht versinkt.

Es ist ja überhaupt vom Übel, wenn man sich gerade für das Christfest alles »fix und fertig« liefern läßt, anstatt selber Hand anzulegen und sich die häusliche Weihnachtsfeier zu »gestalten«. Ich kenne noch heute Familien, die immer weiterbauen an ihrem Weihnachtsberg oder an ihrer Pyramide, so daß sie von Jahr zu Jahr schöner wird. Dringend zu raten ist auch, derjenigen Industrie rechte Beachtung zu schenken, die noch nicht ins rein Mechanische versunken ist. Das ist die erzgebirgische Spielwarenindustrie. Sie verdankt es wohl auch gerade ihrer Gestaltungsfähigkeit und Verbindung mit dem Kunsthandwerk, daß sie noch immer einen Weltruf genießt. Die schaffende und gestaltende Hand ist noch nicht durch die Maschine ausgeschaltet. So schenkt sie uns auch für Weihnachten viel Brauchbares und Wertvolles, bis hin zu den handgeschnitzten Krippenfiguren der heiligen Familie, der Hirten und Schafe, der drei Könige und ihres Gefolges an Menschen und Tieren, der himmlischen Heerscharen. Natürlich müssen solche Figuren teurer sein, als die üblichen Industrieerzeugnisse. Aber ich weiß von manchen, die sich allmählich einen solchen kleinen Weihnachtsschatz sammeln, indem sie das eine Jahr einen »Heiligen-Drei-König«, das andere einen schönen Engel, das dritte zwei Schafe usw. hinzuerwerben. So können wir die Heimatkunst in den Dienst des schönsten aller Feste stellen, anstatt daß wir es nur mit Likörflaschen und mit Zigarren »in Geschenkverpackung« umrahmen. Und wo es im Ort ein Christspiel gibt, – wohl zu unterscheiden von einem bloß weihnachtlich zurechtgestutzten und innerlich zusammenhanglosen Theaterstück, – da führe man nun auch seine Kinder hin und komme vor allem auch selber mit. Alles, was uns Weihnachten veranschaulicht, dient dem Sinn dieses Festes. Denn so ganz »geistig« sind wir nun einmal nicht, und noch weniger sind es unsere Kinder, daß wir auf alles Äußerliche verzichten könnten. Und niemals kann dieses Äußerliche uns zu einer bloßen Ablenkung werden, so lange wir eben den eigentlichen Sinn des Festes stets im Auge behalten. Darum aber sind alle Bestrebungen freudig zu begrüßen, die unserem Christfest wieder einen recht heimatlichen, bodenbeständigen Charakter geben wollen.

Glaube und Heimat sind und bleiben die beiden Kraftquellen unseres Volkslebens.