Verfallende Schlösser in Sachsen
Von Landeskonservator Dr. Bachmann
Wer als Wanderer durch Sachsens Gaue zieht, den wird so manchesmal eine in Trümmern liegende alte Burg, eine malerische Ruine von den Höhen des Erzgebirges, im Elster- oder Muldental gegrüßt haben, ein stummer Zeuge sagenhaft gewordener Kämpfe, eine letzte Erinnerung an vergangene Geschlechter. Mancher wird sich auch wohl fragen, ob nur Krieg und Kampfeswirren allein so starken Verfall bedingten, haben doch oft dicht benachbart solchen Ruinen stattliche Schlösser und Herrensitze ihren Platz gefunden. Und in der Tat entstanden gar viele dieser Burgenreste in Zeiten des Friedens, als die adligen Geschlechter höfisch wurden und Fürstendienste nahmen, als ruhige Zeiten es ihnen ermöglichten inmitten ihrer Felder und Kulturen selbst sich anzusiedeln. Dann verfielen schnell die alten Zufluchtsorte auf Bergeshöhen, die kunstvoll gegründeten Wasserburgen im Sumpfgelände. Das wertvolle Bauholz, Dachziegel und alles sonst verwendbare wanderte zum Neubau hinüber und der Rest blieb den Stürmen, den Eulen und Dohlen überlassen. Die romantische Ruine war fertig, und die Volksphantasie eifrig geschäftig, sie mit verborgenen Schätzen, mit weißen Frauen und spukenden Rittern zu beleben.
Heute, so sollte man meinen, entstehen keine Ruinen mehr. Die nachfolgenden Zeilen mögen das Gegenteil beweisen.
Abb. 1 Wasserschloß Geilsdorf i. V.
Noch vor rund vierzig Jahren stand dicht neben dem stattlichen Rittergut Geilsdorf i. V. eine reizvolle, alte Wasserburg, aufrecht und wohlerhalten, von der Professor Steche, Sachsens erster Denkmalspfleger um 1888 im staatlichen Inventar folgende Schilderung gab. »Die von drei Seiten jetzt noch von Wasser umgebene, rechtwinklige Anlage mit vier vortretenden achtseitigen Ecktürmen, deren gewellte Hauben Feueressen krönen, wurde nach dem Jahre 1667 und wohl mit Benutzung der ursprünglichen Unterbauten durch die Grafen von Tattenbach, deren einer, Johann Ernst, Kammerherr des Kurfürsten Friedrich August I. war, erneuert und reich im Stile der Zeit ausgestattet. Das Schloß enthält eine vornehme Treppenanlage und stattliche Wohnräume nebst Saal, treffliche Gewölbe wie Figurennischen und erinnert in seinem gesamten inneren Wesen lebhaft an das Palais im Großen Garten zu Dresden, ist aber in rettungslosem Verfall und seiner Ausstattung bis auf geringe Reste entkleidet. Eine Restaurierung erfolgte laut Inschrift 1719.« Bedauerlich bleibt, daß sich damals niemand fand, der uns genaue Pläne und Abbildungen der wertvollen Anlage überlieferte. Schon in jenen Tagen war das Schloß unbewohnt, und der Schwamm, eine notwendige Folge der umgebenden, stagnierenden Wassergräben hatte Pfahlrostgründungen, Balken- und Mauerwerk durchwuchert. Stück für Stück sank das Gebäude in sich zusammen und heute kündet nur noch ein einziger Eckturm von vergangener Herrlichkeit, in wenig Monaten wird auch dieser letzte Rest des Wasserschlosses Geilsdorf verschwunden sein. Zum Gedenken möge hier den Heimatfreunden ein Bild gegeben sein, daß das Gebäude noch unversehrt zeigt. ([Abb. 1]).
Abb. 2 Baumallee zum Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut
Auch die sächsische Lausitz kann ein altes Schloß aufweisen, das schwer bedroht in seinem Bestand erscheint. Wer von Herrnhut kommend, die große Staatsstraße nach Zittau zu entlang wandert, dem wird ein Stündchen hinter Herrnhut eine reizvolle Baumallee auffallen, die zur Linken hinüber zum Dorfe Großhennersdorf führt. Verlockt ihn der dunkle Laubengang der seltsam verschlungenen Bäume ([Abb. 2]) zum Abschweifen vom Wege, so kommt er bald beim alten, stattlichen Kretscham des Dorfes an, wird aber zunächst vergeblich um sich schauen, was eigentlich das Hauptziel der stolzen Baumpromenade gewesen sein mag. Schließlich wird er, nach einigem hin und her, auf ein altes Wasserschloß stoßen, daß unter Bäumen versteckt, umgeben von ausgetrockneten Wassergräben, umzogen von einer verfallenen Brüstungsmauer stumm und verlassen dahinträumt. Der Stumpf eines verwitterten Turmes, dessen dereinstige, lustige Barockkugelhaube den Stürmen seit langem zum Opfer fiel, bewacht den einzigen Zugang, den wir über eine alte Steinbrücke hinweg erreichen ([Abb. 3]).
Abb. 3 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Turmpartie
Hier öffnet sich sofort ein reizvoll malerischer Durchblick in den rechteckig umgrenzten kleinen Schloßhof, den an zwei Seiten Rundbogenhallen umrahmen und den einige sonnendurchleuchtete, herbstlich bunte Bäume beschatten ([Abb. 4]). Das Gesamtbild wird ursprünglich viel bewegter gewesen sein, als noch die oberen Galerien in Fachwerkbögen sich ebenfalls nach dem Hofe zu öffneten und Einblick in die Verbindungskorridore gestatteten, von denen aus auch die Festsäle des Obergeschosses zugänglich waren. Es sind deren zwei, die nebeneinander liegen und durch zwei Geschosse hindurchreichen. Heute sind sie ihrer Decken beraubt und anstatt auf barocke Deckengemälde in verschnörkelter Stuckfassung blickt das Auge in das offen zutage liegende Gerippe des mächtigen Dachstuhles. Der sechsfenstrige Ecksaal mit seinen beiden Erkerausbauten bietet noch immer wunderschöne Fernblicke auf das Lausitzer Land, und wir hören gerne, wie der alte Führer berichtet, daß der junge Graf von Zinzendorf hier als Kind gespielt habe, betreut von der Frau Großmutter, der alten Exzellenz von Gersdorf. Hier hat er auch mit seiner jungen Gattin im Jahre 1722 geweilt, als er die ersten böhmischen Ansiedler auf seinem Grund und Boden am Hutberge, dem späteren Herrnhut besuchte. Hier haben auch vom 29. Juli bis 10. August 1748 die Sitzungen der vom Landesherren ernannten Kommission stattgefunden, die zu prüfen hatte, »ob die Lehre der Evangelischen Brüdergemeinden für übereinstimmend mit der Augsburger Konfession zu halten sei.«
Abb. 4 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Hofansicht
Rund um den kleinen Hof ziehen sich die gewölbten Wirtschaftsräume, die alten Ställe und Keller im Erdgeschoß, die großen und kleinen Kammern der Obergeschosse, nicht alle zu gleicher Zeit, sondern nach Bedürfnis nach und nach im sechzehnten bis achtzehnten Jahrhundert entstanden. Barock umrahmte, einfache Stuckdecken und Stuckkamine, Reste gemalter Tapeten sind alles, was von der Innenausstattung erhalten ist. Noch besteht eine reizvolle alte Wendeltreppe in einer Hofecke, noch ist die breitere Haupttreppe von der Eingangshalle beim Turme her begehbar ([Abb. 5] Grundriß des Obergeschosses), aber nur wenige von den Räumen sind noch in wohnlichem Zustand und ein Zug des Verfalls geht durch das ganze Schloß.
Abb. 5 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut Grundriß des Obergeschosses
Eine Tuschzeichnung vom Jahre 1755 ([Abb. 6]) läßt uns erkennen, wie das alte Schloß in seinen besten Tagen ausgesehen hat. Wir finden da im Mittelpunkte des Bildes auch noch die graziöse, barocke Gartenanlage mit Orangeriegebäude, wie solche damals zu jedem besseren Schloßanwesen gehörte. Nur die völlig verbaute Orangerie und ein Rest des Gartentores, nebst einem Gartenhäuschen sind davon bis heute erhalten geblieben. Auch der große, im Bilde vorn links sichtbare Gebäudekomplex des alten Katharinenhofes hat längst schon einem Neubau weichen müssen.
Abb. 6 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut
Soll das auch das Schicksal des alten Wasserschlosses sein? Die Brüdergemeinde in Herrnhut, die Besitzerin des Anwesens, hat in der jetzigen schweren Zeit nicht die Mittel übrig, den großen Gebäudekomplex zu unterhalten. Die Belegung mit Kriegsgefangenen in den Kriegsjahren hat ein weiteres getan, den Bestand zu gefährden. Sollte es aber nicht trotzdem möglich sein, dem alten Schlosse, das ja in einem der schönsten Teile unseres Sachsenlandes gelegen ist, neues Leben zu geben?! Sind nicht im Lande Sport- und Wandervereine genug vorhanden, denen hier ein schönes Heim geschaffen werden könnte?!
Abb. 7 Schloß Großhennersdorf bei Herrnhut
Ganz gewiß sind zunächst Mittel vonnöten, den verbrauchten Bau zu sichern und ihn wieder wohnlich zu gestalten, doch wird es ohne weiteres möglich sein, dies schrittweise, von Jahr zu Jahr fortschreitend zu bewerkstelligen. Sicher ist aber, daß hier in herrlichster Lage damit ein Asyl geschaffen werden könnte, wie es sich unsere deutsche Jugend nicht besser wünschen und erträumen könnte.
Die Kriechtiere und Lurche unseres sächsischen Vaterlandes[1]
Von Rud. Zimmermann, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Von den einunddreißig für Deutschland nachgewiesenen Kriechtier- und Lurcharten gehören dreiundzwanzig, also über zwei Drittel, auch der sächsischen Tierwelt an. Es sind dies von den Kriechtieren die Zaun- und die Berg-(oder Wald-)eidechse, die Blindschleiche, die Ringel- und die Glatte (oder Hasel-)Natter sowie die giftige Kreuzotter als in Sachsen ziemlich weitverbreitete Arten. Ihnen reihen sich noch die Würfelnatter als eine dem Süden angehörende, in Sachsen bei Meißen nachgewiesene, entweder verschleppte oder längs der Elbe aus Böhmen eingewanderte Art und die verschiedentlich (so in der Leipziger Gegend, bei Rochlitz und an der Elbe) gefundene Sumpfschildkröte an. Das Vorkommen der letzteren ist noch recht umstritten; die Mehrzahl der Tierkundigen führt es auf Aussetzungen zurück und vertritt damit eine Anschauung, die ich persönlich jedoch nicht für alle gemeldeten Funde teilen kann und worüber ich mich ausführlicher bereits an anderer Stelle ausgelassen habe[2]. Die Lurche sind in Sachsen durch den Wasser- und den größeren Seefrosch, den man früher nur als eine Varietät des ersteren ansah, heute aber wohl allgemein als eine eigene Art anerkennt, den Gras- und den Moorfrosch, die Erd-, die Grüne (oder Wechsel-) und die Kreuzkröte, den Laubfrosch, die Rotbauch- und die seltene, nur lokal vorkommende Gelbbauchunke (ein Nachprüfen des Vorkommens ist dringend erwünscht!), die Knoblauchskröte, den Feuersalamander, den Kamm-, den Berg- und den Teichmolch vertreten. Von den übrigen deutschen Arten fehlen unserem Sachsenlande die in Süd- und Westdeutschland vorkommende und wohl aus dem Süden eingewanderte Mauereidechse, die ebenfalls dem Süden entstammende, an einigen wenigen Orten nur beobachtete Smaragdeidechse, die bei Schlangenbad im Taunus und bei Schlitz in Oberhessen sowie noch an einigen anderen Orten sich findende Äskulapnatter, die wiederum ein Tier des Südens und als solches entweder bei uns eingewandert oder nach einer anderen Lesart durch die Römer eingebürgert worden ist, sowie die der Kreuzotter ähnliche, ebenfalls giftige Aspisviper, die bei Passau und an einigen Stellen im oberen Teile Badens nachgewiesen worden ist; der lokal in Süddeutschland beobachtete Springfrosch, die interessante Geburtshelferkröte, der auf die bayerischen Alpen beschränkte und an einigen anderen Orten Süddeutschlands vorkommende Alpensalamander, der vor einer Reihe von Jahren von einem sächsischen Lurchpfleger bei Dresden ausgesetzt worden ist, über dessen Vorkommen aus jüngerer Zeit aber keine Nachrichten mehr vorliegen, sowie der Leistenmolch.
Abb. 1 Kreuzotter, Ruhestellung
Über die Verbreitung einer Anzahl der vorgenannten Arten innerhalb der weißgrünen Grenzpfähle sind wir bei weitem noch nicht in der wünschenswerten Klarheit unterrichtet; an der sicheren Festlegung ihrer Vorkommen kann sich jeder ernste, sich für unsere Tierwelt interessierende Naturfreund beteiligen und dabei durch ihm vielleicht unbedeutend scheinende Beobachtungen, der Wissenschaft doch recht nützliche Dienste leisten.
Abb. 2 Kreuzotter, Angriffsstellung
Der Moorfrosch z. B., der im nordsächsischen Flachlande weit verbreitet und besonders dessen ausgedehnten Teichgebieten eigen ist, steigt von hier aus auch in das Hügelland und unsere Mittelgebirge empor – das von mir festgestellte Vorkommen von Limbach gehört hierher –, und wird schließlich, obwohl er eigentlich ein Tieflandbewohner ist, an geeigneten Stellen selbst in höheren Lagen noch angetroffen, wie die von mir gemachten Funde des Tieres an den Großhartmannsdorfer Teichen, südlich Freiberg, beweisen. Die genaue Festlegung seiner südlichsten Verbreitungsgrenze, die zu ziehen uns heute in Ermangelung der notwendigen Unterlagen noch nicht möglich ist, wäre tiergeographisch aber von großem Werte. – Die Unterscheidung von unserem Grasfrosche, dem er äußerlich so auffallend ähnelt, daß er als eigene Art erst in verhältnismäßig später Zeit erkannt worden ist, und dann auch lange noch ein Streitobjekt gebildet hat, wird den Anfänger allerdings noch einige Schwierigkeiten bereiten, ihm mit Sicherheit aber möglich sein, sobald er beide Arten einmal gleichzeitig nebeneinander gehabt hat und miteinander hat vergleichen können. Der Moorfrosch unterscheidet sich vom Grasfrosch durch die etwas schmalere Stirn und die spitzer auslaufende Schnauze, durch den stets ungefleckten Bauch (beim Grasfrosch ist er fast immer dunkel gefleckt) und untrüglich durch den sogenannten Fersenhöcker, eine längliche, schwielenartige Erhebung an der Wurzel der inneren Zehe der Hinterfüße, der allen Fröschen eigen ist und ein sicheres Artmerkmal bildet. Beim Moorfrosch ist er stark und hart, schaufelartig seitlich zusammengedrückt und immer länger als die halbe Innenzehe, beim Grasfrosch dagegen ist er schwach und weich und bildet einen länglich-stumpfen Wulst von jederzeit geringerer Länge als die Hälfte der Innenzehe.
Abb. 3 Kletternde Ringelnatter
Ähnlich wie beim Moorfrosch ist die genaue Festlegung der Südgrenze des Vorkommens auch von der Grünen und der Kreuzkröte vonnöten. Die Grüne Kröte ist eine häufige Erscheinung in der gesamten Leipziger Tieflandsbucht, aus der sie zum mindesten auch bis ins sächsische Mittelgebirge aufsteigt; ich konnte sie bei Göppersdorf bei Burgstädt als an den bisher bekannten südlichsten Fundort nachweisen. Dann tritt sie wieder zahlreich im Flußgebiet der Elbe auf, in dem sie in der ganzen weiten Umgebung Dresdens vorkommt und stromaufwärts bis über Pirna hinauf ihr Vorkommen ausdehnt. Aus dem Osten unseres Landes waren Vorkommen unserer Art im Schrifttum bisher zwar noch nicht festgelegt, doch fehlt sie ihm keineswegs, sondern verbreitet sich von der Elbe aus in östlicher Richtung, zum mindesten über das gesamte Oberlausitzer Teichgebiet, in dem ich sie in den letzten Jahren wiederholt als durchaus nicht selten feststellen konnte. Aus dem Gebiete zwischen Mulde und Elbe ist sie bisher noch nicht nachgewiesen worden, wahrscheinlich, weil dieses bisher so herzlich wenig ihre Beobachtungen auch bekannt gebende Naturbeobachter aufzuweisen gehabt hat. Die Kreuzkröte kommt zunächst in der unmittelbarsten Umgebung Leipzigs vor, scheint sich aber von hier aus nicht wie die Grüne Kröte weiter südwärts zu verbreiten – mir wenigstens glückte bisher trotz jahrelanger Nachforschungen der Nachweis ihres Vorkommens hier noch nicht –, wird aber dann wieder, durch ein räumlich recht großes Gebiet vom Leipziger Vorkommen getrennt, von Chemnitz erwähnt und konnte von mir im Sommer 1919 in großer Zahl auch bei Limbach festgestellt werden. Das Chemnitz-Limbacher Vorkommen scheint ein völlig in sich Geschlossenes, inselartiges zu bilden. Dann ist sie auch, wiederum durch das Gebiet zwischen Mulde und Elbe von den westsächsischen Vorkommen getrennt, in der Umgebung Dresdens nachgewiesen. Aus der Lausitz war sie bisher nicht bekannt, dürfte aber wohl auch hier noch an manchem Ort nachzuweisen sein, nachdem ich sie im Sommer 1924 bei Königswartha aufgefunden habe.
Abb. 4 Vor ihrem Schlupfwinkel sich sonnende Glatte Natter
Die drei Kröten sind äußerlich recht gut voneinander unterschieden und ihre sichere Bestimmung dürfte selbst dem Ungeübten keine großen Schwierigkeiten bereiten. Die Erdkröte, die verbreitetste und wohl überall gleich häufige der Sippe, ist von graubrauner, bald ins asch- und schwärzlichgraue, bald wieder ins gelblich- und oliven-graue und -bräunliche übergehender Farbe, die sich allmählich in den helleren Ton der Unterseite auflöst; die Grüne Kröte ist auf hellerem ledergelben bis gelbgrauen Grunde ziemlich dicht mit satten samt- bis grasgrünen Flecken gezeichnet, von denen sich besonders an den Seiten und am Halse zahlreiche rote Wärzchen abheben, während die unterseits ebenfalls wieder in hellere Töne übergehende Farbe der Kreuzkröte ein bald mehr ins gelbliche oder graue, bald wieder ins braune übergehendes Oliv ist, durch das längs der Rückenmitte ein etwas vertiefter, schwefelgelber Streifen verläuft.
Abb. 5 An einem senkrechten Baumstamm emporkletternde Glatte Natter
Abb. 6 Zauneidechse, Angriffsstellung
Eine ähnliche Verbreitung wie der Moorfrosch und die Grüne Kröte besitzt in Sachsen auch die froschähnliche (und der Familie der Froschkröten angehörende) Knoblauchskröte, die erheblich kleiner als die eben betrachteten Vertreter der echten Kröten ist, und der auch die für diese so bezeichnende warzige Hautoberfläche abgeht. Ihre Farbe ist ein helleres oder dunkleres Grau oder Braun, das mit kastanienbraunen bis schwärzlichen Flecken und allerlei roten Punkten und Tüpfelchen gezeichnet ist. Als ein Tier des Tieflandes verbreitet sie sich zunächst wiederum über die gesamte Leipziger Tieflandsbucht und steigt aus dieser dann auch ins Hügelland und ins Mittelgebirge empor, wo sie bei Lunzenau nachgewiesen werden konnte. Dann kommt sie gleichfalls wieder im Flußgebiet der Elbe vor und scheint sich hier stromaufwärts ähnlich wie die Grüne Kröte bis Pirna hinauf, und in östlicher Richtung über das Oberlausitzer Tieflandsgebiet zu verbreiten. – Nicht so weit südwärts wie die eben genannten Arten scheint sich dagegen die Rotbauchunke zu verbreiten, die auch innerhalb ihres durch das nordsächsische Tiefland gekennzeichneten Vorkommens sehr lückenhaft verbreitet zu sein scheint.
Abb. 7 Berg- oder Waldeidechse
Abb. 8 Blindschleiche
Abb. 9 Wasserfrosch
Waren die bisher betrachteten Arten Tieflandsbewohner, deren genaue Verbreitungsgrenze vor allem gebirgswärts noch festzulegen ist, so besitzen wir im Feuersalamander und im Bergmolch zwei Lurche, die Bewohner des Berg- und Hügellandes sind und von denen neben ihrer genauen Verbreitung innerhalb desselben vor allem noch die unteren Verbreitungsgrenzen festzulegen sind. Der Feuersalamander erreicht in Westsachsen auf dem Rochlitzer Berge die Nordgrenze seiner Verbreitung und dehnt von hier aus sein Vorkommen nur im Muldentale noch bis in die Colditzer und Grimmaer Gegend aus, während ich ihn im Zschopautale am weitesten nördlich bei Waldheim gefunden habe. Die Grenzen des Vorkommens des Bergmolches dagegen liegen noch nördlicher, ich begegnete ihm noch bei Geithain und im Muldental ebenfalls bis in die Gegend von Grimma, von wo aus er sich dann noch bis in die Pflege von Beucha-Brandis verbreitet. Im Gebiete der Elbe scheint das Vorkommen des Feuersalamanders kurz vor Meißen auszuklingen, der Bergmolch aber auch hier noch weiter ins Tiefland vorzudringen. –
Abb. 10 Grasfrosch
Abb. 11 Laubfrosch
Von den vier Schlangen Sachsens ist die Ringelnatter die häufigste und eine über das ganze Land verbreitete Art; es dürfte bei uns kaum ein größeres Gebiet geben, dem sie fehlt. Ihre größte Häufigkeit erreicht sie in den teich- und wasserreichen Landschaften des Flachlandes, wo sie, wie z. B. an vielen Teichen der Oberlausitzer Niederung in manches Mal fast unglaublichen Mengen sich findet. – Groß (und jedenfalls bei weitem größer, als so mancher meint) ist auch das Verbreitungsgebiet der Kreuzotter, die aus den gebirgigen Teilen des Landes – Vogtland und Erzgebirge beherbergen sie in besonders großer Zahl – bis weit ins nordsächsische Flachland hinein und darüber hinaus vordringt. Als kreuzotterfrei gilt nur der äußerste von der Elsteraue eingenommene Nordwesten des Landes sowie ein Gebiet, das rechts der Vereinigten Mulde beginnt, im Süden auf die Freiberger Mulde trifft und sich bis nördlich Freiberg ausbuchtet, dann südlich Meißen die Elbe kreuzt und östlich Großenhain im Norden auf die Landesgrenze stößt. Gebildet wird es von Teilen der Amtshauptmannschaften Oschatz, Döbeln, Meißen und Großenhain. Kreuzotterfrei scheint endlich noch der äußerste Osten der Lausitz, etwa aus der Gegend von Bautzen an bis zu den Vorbergen des Zittauer Gebirges zu sein, während die nördlichen Teichgebiete – ich konnte erst im vergangenen Frühjahr wieder eine Anzahl diesbezüglicher Feststellungen machen – die Schlange überall noch beherbergen und durchaus nicht als »Storch«gebiete kreuzotterfrei sind.
Abb. 12 Knoblauchskröte (sich eingrabend)
Abb. 13 Rotbauchunke
In vielem mangelhaft dagegen sind wir noch über die Verbreitung der Glatten Natter in Sachsen unterrichtet. Sie ist ebenfalls nicht selten, scheint aber ein kleineres Verbreitungsgebiet als ihre Verwandten zu besitzen. Sie steigt bei uns aus dem Flachland in das Hügelland, in dem sie in Sachsen auch ihre größte Häufigkeit zu erreichen scheint, und in die niederen und wärmeren Lagen der Gebirge empor; sie ist ungleich wärmebedürftiger als die Kreuzotter und scheint dazu allen höheren und rauheren Teilen völlig zu fehlen.
Abb. 14 Feuersalamander
Abb. 15 Teichmolch (Aquarienaufnahme)
***
Bei diesen wenigen Hinweisen auf noch offene Fragen der Kriechtier- und Lurchverbreitung in Sachsen soll es jedoch für heute bleiben, obwohl ich sie leicht noch weiter ausdehnen könnte. Ihr Anschneiden an dieser Stelle soll lediglich eine Anregung für die Leser der »Mitteilungen« sein, nach Kräften an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Mitteilungen nimmt der Verfasser (Dresden, Marienstr. 32) jederzeit mit Dank entgegen; sie werden Verwendung finden in der in Arbeit befindlichen »Sächsischen Wirbeltierfauna«, die ich zusammen mit R. Heyder und R. Zaunick bearbeite.
Fußnoten:
[1] Siehe auch: Zimmermann, Rud., Ein Beitrag zur Lurch- und Kriechtierfauna des ehemaligen Königreichs Sachsen. Archiv für Naturgeschichte 88, 1922 A, 8. Heft, 245–267.
[2] Zimmermann, Rud., Das Vorkommen der Sumpfschildkröte im Gebiet des ehemaligen Königreichs Sachsen. Fischerei-Zeitung 24, Neudamm 1921, 250–253.
Otto Altenkirch
Ein Maler der sächsischen Landschaft
Von Edgar Hahnewald
Der Heller flimmert in brandigem Dunst. Die Sandflächen breiten ein fahles Gelbgrau über den Vordergrund, von dem sich einige schmale Heidekrautinseln in trockenem Braunviolett mit vereinzelten grünen Flecken darin abheben. Weiter hinten streckt sich eine Windgrassteppe, weich wie Haar und kupfern in der Farbe, vor einem Waldstreifen, dessen Kiefernwipfel einer schweren Wolke gleich tief auf der Fläche zu liegen scheinen und nur am Rande, wo der Wald sich lockert, von einzelnen Stämmen wie von Stützen über der Erde gehalten werden. Über dem Walde steht hoch, prachtvoll, in einem stumpfen, dunklen Stahlblau eine Gewitterwolke wie ein riesenhaftes Haupt ohne Antlitz, von einer Aureole hervorbrechender Lichter umstrahlt. Sie steht regungslos, als warte sie noch, ehe sie mit rollender Donnerstimme in die Landschaft spricht. Unter diesem Wolkenhaupt drängt sich das bißchen Landschaft noch enger an die bleiche Erde. Nur eine Birke steht ganz allein mitten in der Sandfläche auf einem kleinen zerrissenen Teppich von Heidekraut. Ihr von vielen Stürmen verbogener Stamm, vor dem Stahlblau unwahrscheinlich weiß, überschneidet den fernen Waldstreifen und hält einen Laubbüschel wie eine zerfetzte Fahne hoch vor die drohende Wand.
Und noch jemand steht in der spärlichen Fläche. Ein Maler vor seiner Staffelei. Die Krempe eines in vielen Wettern verblichenen Hutes beschattet seine Augen. Er trägt eine alte, mit allen Farben seiner Palette beklexte Jacke und blank getretene Holzpantoffeln, die ihm das stundenlange Stehen erleichtern. Er sieht in dieser Kleidung einem Handwerker ähnlicher als einem Künstler. Ein Blick auf seine Leinwand auf der Staffelei zeigt, daß er ein Künstler ist. Im kleineren Abbild ist dort die Landschaft noch einmal, der Sand, das Heidekraut, das Windgras, der Wald, die Birke, die Gewitterwand. Das Bild läßt erkennen, was in dieser scheinbar kargen eintönigen Sandebene den Maler reizte: das einsame Aufstehen der Birke über dem ganz tiefgenommenen Horizont, ihr Hinaufweisen in die hohe drohende Wolke, die vier Fünftel des Bildraumes beherrscht. Aber nicht allein das, nicht nur die beinahe trotzige, beinahe tragische Einsamkeit der Birke mit der zerschlissenen Laubfahne in der kargen Landschaft macht diesen künstlerisch gesehenen Ausschnitt zum Bilde. Das rein malerische des Motivs zog den Künstler an. Die flimmernde, von sommerlichen Dünsten geschwängerte Atmosphäre, das irrende Spiel fliehender Lichter am Himmel und über den Farben des Sandes und der Heide, das beinahe Geängstete, Erschreckte dieser Landschaft unter dem schweren Dunkel der riesenhaften Wolke. Der eigenartige Gegensatz zwischen dieser drohenden Erscheinung, die in ihrer stahlblauen Ruhe und Ballung wie ein Dämon wirkt und doch schwere, sommerliche Sättigung verheißt – der Gegensatz zwischen ihr und der flimmernden Unrast, der Erregung in der kleinen Landschaft, die bleich in zitternder Luft sich hinschmiegt, den ersten Donnerschlag fürchtend und doch die Sättigung mit aller Glut des trockenen Sandes erwartend – das ist in freilich literarischer Übertragung der malerische Reiz dieser Landschaft, an der nach der Meinung des Laien »aber auch gar nichts« ist. Einfach: Anreiz für den Maler ist der unendliche Zauber des Lichts, und das landschaftliche Motiv ist nur der Träger, an dem dieser Zauber sichtbar wird.
Der Maler ist stumm an sein Werk hingegeben. Aus dem Hutschatten hervor prüfen die zusammengekniffenen Augen immer wieder bald die Landschaft, bald das Bild. Unter der großen Palette hervor sprießen bereit gehaltene Pinsel wie ein starrer Strauß. Der Maler arbeitet mit dem Spachtel, diesem kleinen Werkzeug aus federndem Stahl, an das hölzerne Heft angebogen wie eine Kelle und schmal wie ein Brieföffner. Auf der Palette mischt der Spachtel leise klingend die gebrauchte Farbe und mit einem Spachteldruck verwandelt sich das Klexchen Farbenpaste auf der Leinwand in einen Büschel violetter Heide, der wie eine lebendige Flamme im bleichen Sande lodert.
Trüber Tag
Dresdner Heller
Über den Heller kommen zwei Frauen mit Heidelbeerkrügen. Das drohende Gewitter hat sie aus dem Walde vertrieben. Beim Maler bleiben sie stehen. In seiner beklexten Jacke, in seinen Holzpantoffeln halten sie ihn für ihresgleichen, für einen erwerbslosen Malergesellen vielleicht, der auf diese Weise sich ein paar Mark zu verdienen sucht. Sie halten darum mit ihrer Kritik auch nicht hinterm Berge. Sie meinen, es gibt schönere Sachen, die man malen könnte als da den Sand und die dumme Birke. Aber die Wolke mit dem dahinter hervorbrechenden Licht findet ihre Anerkennung. Und wie lange er an einem solchen Bilde male? So – im Varieté hat die eine Frau einmal einen Schnellmaler gesehen, der malte in fünf Minuten ein Bild, größer als das hier, mit einem Fluß und Bergen, Schiffen und einer Windmühle. Und gleich so mit dem Pinsel los. Der konnte was!
Der Maler antwortet auf die naiven Fragen der Frauen, ohne sich lustig zu machen. Er ist innerlich dem einfachen Volke nahegeblieben, aus dem er stammt. Ihm ist diese einfache Gedankenwelt vertraut. Und es gab eine Zeit, wo er als arbeitsloser Malergeselle in Bukarest Hintergründe für ein Panoptikum malte. Damals malte er an eine Kerkerwand, vor der Maria Stuart in Wachs sitzen sollte, einen Schwerverbrecher in stahlblauen Fesseln.
Sommermorgen
Dresdner Hochland
Die eine der Frauen sieht den Spachtel, mit dem der Maler arbeitet. Vielleicht meint sie, der arme Teufel wolle die teuren Pinsel schonen. Aber ein bißchen muß sie doch lächeln darüber, daß der Maler mit diesem blechernen Ding »malt«. Dann fragt sie, wie viel er denn für so ein Bild bekomme. Der Maler nennt mit einem leisen diabolischen Vergnügen den ungefähren Preis. Das Gelächter der Frauen schallt über den Sand. »Und das bringen sie Ihnen auch noch ins Haus, was!« Die eine lacht über den vermeintlichen Witz, die andere aber lacht mit einem Streifblick auf die Holzpantoffeln und mit einer Miene, die deutlich sagt: Es kann diesen Malern noch so schlecht gehen – große Aufschneider bleiben sie doch!
Das hohe Wolkenhaupt spricht einen ersten verhaltenen Donner in den von Spannung erfüllten Raum. Ein Schauer fährt in die Birke. Am Rande des Hellers erhebt sich eine graue hinwirbelnde Sandsäule.
Die Frauen verabschieden sich eilig und gehen.
Novembertag
Am Hellergut
Der Maler zeichnet mit dem Pinselstiel seinen Namen in die frische Farbe des Bildes: Otto Altenkirch. Dann packt er sein Malgerät zusammen. Während er die Mischfarben von der Palette wischt, sieht er den Frauen nach, die schon weit fort als zwei dunkle Körperchen über den bleichen Sand eilen. Er lacht leise, freundschaftlich, so wie jemand, der in andere Lebenskreise hineingewachsen ist, einmal über eine naive Äußerung seiner alten Mutter lacht, voller Liebe und voller Achtung vor der einfachen Tüchtigkeit, der er selber alles zu danken hat.
Mit erhobener Stimme donnert die Wolke. Sie reckt sich riesenhaft über den Himmel. Und während der Maler seinem Arbeitsquartier in der alten Hellerkaserne hinter den hohen Bäumen zuschreitet, schlagen die ersten groschengroßen Tropfen in den durstig zerfallenden Sand.
***
Am 2. Januar 1925 feiert Professor Otto Altenkirch seinen fünfzigsten Geburtstag. Er wird ihn im Kreise seiner Freunde feiern, lächelnd und wortkarg, wie es sein Wesen ist. In jener Gelassenheit, die es fertig bringt, mit einer Antwort, einem Einwand auf eine Frage zurückzugreifen, die acht Tage zuvor in der Runde besprochen wurde, und es so zu tun, als sei eben in diesem Augenblick die kleine Pause im Gespräch eingetreten, in der er nun sprechen kann. Es ist jene Gelassenheit des märkischen Blutes, neben der wir Sachsen, denen doch nicht gerade das Temperament aus den Poren spritzt, wie nervöse Wiesel wirken. Sie ist ohne Schwere, sie ist nur Ruhe.
Alte Linden
Am Hellergut
Die Mark ist Otto Altenkirchs Heimat. In Ziesar, einem kleinen ereignislosen Städtchen bei Magdeburg, stand seine Wiege in der Behausung eines kleinen Sattlermeisters. Altenkirch ist später mit Malkasten und Staffelei auch in seine Heimat gegangen, und rund um das Ackerbürgerstädtchen entdeckte er die heimatliche Landschaft gewissermaßen noch einmal: flach hingebreitetes Land, verlorene Gehöfte unter aufragenden Bäumen, blinkende Wasser, in denen sich die Wolken spiegeln. Es stellte sich heraus, daß durch alle seine Bilder, so verschieden sie nach Motiv und Stimmung sein mögen, immer wieder die Heimat durchschimmerte. Wo deutsche und vornehmlich sächsische Landschaft die stillere und verhaltenere Sprache seiner Heimat redete, dort hat er sie aufgesucht, geliebt und gemalt. Und die nährenden Wurzeln seines künstlerischen Tuns führen in ihren letzten zarten Verästelungen in den Boden der märkischen Heimat.
Winterwald
Hirschfeld
In Ziesar trabt Altenkirch acht Jahre lang mit den Kindern der Kleinbürger und Bauern in die Volksschule damaliger Primitivität. Immerhin gibt es in dieser Schule schon einen Zeichenlehrer und Altenkirch macht die Entdeckung, daß man die Welt zeichnend und malend darstellen kann. Irgendwelche schlechte Öldrucke, vor denen er bewundernd steht, bekräftigen das und begeistern ihn. Und nun macht er vor den alten Gemäuern Ziesars die ersten Zeichenversuche, die seinen Lehrer so stark von einem vorhandenen Talent überzeugen, daß er Altenkirchs Vater rät, den Jungen Maler lernen zu lassen. Der Sattlermeister befolgt den Rat auch. – Altenkirch kommt nach Beendigung seiner Schulzeit in die Lehre zu einem Berliner Dekorationsmaler, dessen Stolz es ist, daß seine Werkstatt im Rufe steht, tadellose Fußbodenanstriche zu liefern. Die Lehrjahre verstreichen – Altenkirch »verstreicht« sie mit Ringpinsel und Bernsteinlack. Er arbeitet elf, zwölf, ja vierzehn Stunden täglich und schiebt den Malerkarren durch die Straßen Berlins in jener guten alten Zeit, als noch niemand sich um das Schicksal der Lehrlinge kümmerte. In heimlichen Stunden erwachen immer wieder noch ganz gestaltenlose Träume. Wer sieht einem armen geschundenen Lehrling an, daß der Kuß der Muse auf seiner Stirne glüht? Die tausendmal geschriebene Geschichte vom häßlichen Entlein schreibt das Leben immer wieder von neuem. Altenkirch bittet seinen Lehrmeister um die Erlaubnis, in die Zeichenstunde der Berliner Fortbildungsschule gehen zu dürfen. Es wird ihm erlaubt. Altenkirch ist glücklich. Er lernt, er zeichnet und malt nachts, Sonntags, in allen Freistunden. Seine Mitschüler machen ihm klar, daß er gar nicht so schuften brauche, das werde gar nicht verlangt. Für sie ist die Sonntagsschule nur eine begreiflicherweise begrüßte Gelegenheit, der Sonntagsarbeit in der Werkstatt des Meisters zu entgehen. Der Lehrer aber wird auf Altenkirch aufmerksam. Er hatte die Gepflogenheit, die talentierten seiner Schüler in die vorderen zwei Reihen zu setzen und sich nur um diese zu kümmern. Die übrigen, von denen er wußte, daß bei ihnen eine noch so eifrige Bemühung des Lehrers nicht vorhandene Talente nicht wecken könnte, vertaten im Hintergrunde ihre Zeit. Wie in einer Lesebuchgeschichte taucht dieser Lehrer über ein Menschenalter später, kurz vor Altenkirchs fünfzigstem Geburtstag noch einmal auf: als Besuch in Altenkirchs Atelier, in dem er vor den Gemälden seines ehemaligen Sonntagsschülers steht und fragt und Notizen macht für den Unterricht an der Kunstschule, zu deren Lehrer er selber sich heraufgearbeitet hat. Beide, der Lehrer und der Schüler von damals sind nun Professoren, und die mitgekommene Gattin des Lehrers formuliert die Pointe dieser Anekdote: »Sehen Sie – erst haben Sie von meinem Mann gelernt und nun lernt mein Mann von Ihnen.«
Überschwemmter Weg
Im Kamenzer Teichgebiet
Die Lehrjahre vergehen. Altenkirch ist nun Malergeselle. Am Tage arbeitet er auf Neubauten, die in Berlin wie Pilze aus der Erde schießen. Die Freistunden widmet er der sehnsüchtig erstrebten Kunst. Sein Lehrer im Zeichenkursus der Fortbildungsschule ist jetzt der Maler Hugo Händler, der wertvollen Einfluß auf den Gesellen ausübt. Auch er kreuzt später noch einmal, und zwar entscheidend Altenkirchs Weg.
Vorfrühling
Muldental
Dann packt den jungen Malergesellen der alte deutsche Wandertrieb. Die Erzählung reisender Malergesellen in den Frühstückspausen zwischen Hobelspänen und Farbentöpfen hatten in ihm die Sehnsucht nach der Ferne geweckt. Altenkirch geht mit sechzig Mark in der Tasche auf Wanderschaft, die nach Rumänien, in die Türkei, nach Ägypten und über Italien und die Schweiz zurückführen soll. In Bukarest bleibt er hängen. In der rumänischen Metropole kennen die Gebrannten nur drei Malerwerkstätten, in denen es für geleistete Arbeit auch Lohn gibt. Altenkirch gerät als unerfahrener Neuling natürlich in eine der anderen. Statt Lohn zu zahlen, borgt der Meister seine Gesellen an. Dann brennt er durch. Ein Unglück kommt auch hier nicht allein: Altenkirchs Mantel mit sämtlichen Papieren wird gestohlen und verschwindet in irgendeinem Trödlerladen der farbigen Balkanstadt. Betrogen und bestohlen sucht der Malergeselle Hilfe beim deutschen Konsulat. Er erhält drei Franken und vom Konsulatsarzt die Versicherung, daß er tauglich sei und seiner Militärpflicht in Deutschland genügen müsse. Altenkirch erarbeitet sich das Geld für die Heimreise. Er malt Hintergründe für die Wachsfiguren eines Panoptikums – es sind Vorspiele seiner späteren Theatermalerei, ohne daß er das ahnt. Nebenher füllt er seine Skizzenbücher mit den bunten Erscheinungen dieser für ihn so abenteuerlichen Stadt. Ein Brief der Mutter ruft ihn in die Heimat zurück. Die Träume von Konstantinopel, Jerusalem, Kairo versinken. Die Kaserne der Ortelsburger Jäger nimmt den unsicheren Kantonisten auf. Altenkirch dient seine zwei Jahre ab. Und auch in der Schoßtasche des Waffenrocks steckt das Skizzenbuch.
Nach der Militärzeit nimmt er wieder Unterricht beim Maler Händler. Der schickt ihn eines Tages mit einem Bündel Zeichnungen und einem Empfehlungsschreiben zu Eugen Bracht, der damals an der Berliner Akademie das Atelier für Landschaftsmalerei leitete. Der große Traum wird Wirklichkeit. Altenkirch kann 1899 als Hospitant und später als Vollschüler in die Landschaftszeichenklasse Paul Vorgangs eintreten. Seinen Lebensunterhalt erarbeitet er sich immer noch als Malergeselle. Nach drei ungewissen, an Arbeit, Hoffnungen und Entbehrungen überreichen Jahren wird er, obwohl ihm die sonst geforderte Schulbildung fehlt, als Studierender der Akademie in das Atelier Brachts aufgenommen. Als Bracht nach einem Vierteljahr einem Ruf an die Dresdner Akademie folgt, nimmt er Altenkirch mit sich. Er bleibt Brachts Schüler und Assistent bis 1906. Gleichzeitig treibt er bei Emanuel Hegenbarth Tierstudien. Die Tiermalerei spielt später keine Rolle in Altenkirchs Schaffen, aber Hegenbarth beeinflußte sein Werden mindestens ebenso stark wie Eugen Bracht. Altenkirch lernte von ihm die feine Einfühlung, die malerische Vollendung, die Hegenbarths Bilder auszeichnet. Und wer Altenkirchs malerisches Werk kennt, konnte in der Hegenbarth-Gedächtnisausstellung, die der Sächsische Kunstverein im Herbst dieses Jahres in Dresden zusammenbrachte, erkennen, wie viel ihm dieser Meister gegeben hat, und es hat seinen Reiz, den Anregungen und ihren individuellen Wandlungen von Zügel zu Hegenbarth, von Hegenbarth und Bracht zu Altenkirch nachzuspüren.
Aus den Ateliers seiner Meister heraus ging Altenkirch schon als Schüler eigene Wege. An seinen Landschaftsstudien aus dieser Zeit kann man, wenn er sie einmal aus den Winkeln seines Ateliers hervorholt, beinahe den Monat bestimmen, in dem er sich von den manchmal fast zu »schönen« Farben Brachts freimacht und die herberen Farbenreize der Landschaft sucht, für die ihn Neigung und Hegenbarths Einfluß empfänglich macht. Er sucht die einfachere, herbere Landschaft, in der Brachts majestätische Baumschläge und die dekorativ geballten Wolken sich gleichsam schlichter geben. Er sucht und findet sie. Noch als Studierender entdeckt er 1903 den Dresdner Heller für sich, für seine Malerei. Es ist die scheinbar karge Landschaft, in der später seine Meisterschaft reifte.
Im Sommer 1906 verläßt er die Akademie – nun ist er Maler. Der große Traum ist erfüllt. Aber das Leben ist nicht leicht. Er schlägt sich kümmerlich durch. Als Malgebiet erwählt er sich die Muldenlandschaft um Siebenlehn, Reinsberg und Biberstein. Außer den Motiven für seine Malerei ziehen ihn zarte Fäden in das alte Studiengebiet – in Siebenlehn fand er die Gattin. Außer in der baumreichen Muldenlandschaft findet er seine Motive im Kamenzer Teichgebiet, um den Deutsch-Baselitzer Großteich, der Hegenbarths bevorzugtes Studiengebiet war. Es ist die Zeit der »Elbier«, denen zusammen mit Ufer, Dorsch, Fritz Beckert, Bendrath, Hegenbarth, Wilkens, Georg Erler auch Altenkirch angehört. Seine Kunst geht nach Brot. Es ist trotz mancher Bildverkäufe ein so karges Brot, daß Altenkirch nahe daran ist, der Kunst Lebewohl zu sagen und wieder auf die Bockleiter des Stubenmalers zu steigen.
In jenen kritischen Tagen kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Altenkirch hilft dem Maler Georg Erler bei der Herstellung der Dekorationen für ein Fest des Dresdner Alpenvereins. Sein handwerkliches Können, die Vertrautheit mit dem Material, der Leimfarbe, kommt ihm dabei zu statten. Und als Erler der freigewordene Posten eines leitenden Theatermalers der damaligen Hoftheater angeboten wird, verweist er auf Altenkirch, der für diese Aufgabe alle Voraussetzungen mitbringt: künstlerische Berufung und handwerkliches Können. Graf Seebach, der damalige Intendant, und Geheimrat Dr. Adolph, der zu jener Zeit in der Theaterleitung tätig war, sahen, was Altenkirch konnte. Altenkirch selber traut sich nicht recht. Die Bescheidenheit des Malergesellen hemmt ihn. Graf und Geheimrat – vor den Trägern solcher Titel wird er schüchtern. Er schreckt vor dieser ihm ganz und gar nicht vertrauten Welt, vor ihren Formen, die ihm nicht geläufig sind, fast noch stärker zurück als vor der Aufgabe selbst. Aber Geheimrat Adolph handelte, und ehe sichs Altenkirch eigentlich versah, hatte er den unterzeichneten Vertrag schon in der Tasche. Nun war er Leiter des Malsaales der Königlichen Hoftheater mit einem Gehalt, daß ihm, dem ewig Darbenden, unermeßlich erschien.
Anfang 1910 trat er sein Amt an. Zehn Jahre lang hat er ihm vorgestanden, und in diesen zehn Jahren sind schier unzählige Dekorationen aus dem seiner Leitung unterstellten Malsaal hervorgegangen. Von ihm stammten nicht nur die Entwürfe. Er legte als erfahrener, mit dem Handwerk vertrauter Praktiker der Leimfarbentechnik selbst Hand an und mancher Rundhorizont trägt den unverkennbaren Stempel seiner künstlerischen Arbeit. Es sind landschaftliche Kolossalgemälde – der Prospekt im Rheingold mit der Götterburg auf steilem Felsen ist zweiundzwanzig Meter hoch und sechzig Meter breit.
Die Periode der Theatermalerei ist ein Abschnitt in Altenkirchs Schaffen, dem gerecht zu werden auf diesem knapp bemessenen Raum gar nicht möglich ist. Sein Name bleibt für immer verknüpft mit jener Epoche der Dresdner Theater, die die Aera Graf Seebach-Zeiß war. Und noch lange wird der erdfrische Duft seiner Flußlandschaft zu Fausts Osterspaziergang, die sonnige Weite seiner Böhmerwald-Landschaft in Shakespeares Wintermärchen, die prachtvollen Wartburg-Prospekte im Tannhäuser, die märchenhafte Gralsburg im Parsival, die in aller Pracht des Winters prangende Waldlandschaft in Humperdincks Königskindern, die riesigen Szenerien im Ring der Nibelungen – um nur einige der unzähligen Dekorationen von seiner Hand zu nennen – die Besucher der Oper und des Schauspielhauses entzücken.
Rauhreif
Weg nach Deutschenbora
In diese Zeit seines Schaffens, das ihm 1917 den Professorentitel als verdiente Ehrung eintrug, fallen Studienreisen nach Süddeutschland, in die Schweiz, nach Italien und Norwegen und schließlich auch eine halbjährige Kriegsfahrt als Landsturmmann, aus der heraus ihn eine ernsthafte Krankheit wieder seinem Berufe zuführte. Diese Reisen führen ihn, der schon Rumänien kannte, in reichere Landschaften. Er studiert auch auf Reisen, malt und zeichnet, und auch als Landstürmer füllt er seine Skizzenbücher mit den Maaslandschaften um das unglückliche Dinant. Immer, unter der hohen Sonne Italiens, angesichts der Schneegipfel der Alpen und der Fjordlandschaften Norwegens, bleibt ihm die Natur die Lehrmeisterin. Aber es geht ihm wie Ludwig Richter: von allen Reisen bringt er nur das geschärftere Auge, die vertieftere Liebe zur heimatlichen Landschaft mit, deren intime Reize zu malen er nie müde wird. Immer wieder stellt er seine Staffelei vor den Birken und Kiefern des Dresdner Hellers, vor den Waldhängen und Wasserspiegeln des Muldentals auf. Daß er »bedeutendere« Landschaften sah und erlebte und sie auch künstlerisch für seine Theaterdekorationen bewältigen mußte und doch den Kiefern und Birken, den Sanddünen und Aehrenfeldern, den Eichen und Gemäuern, den hohen Himmeln und stürmenden Gewölken seiner Hellerlandschaft treu blieb, zeigt, wie tief seine künstlerische Liebe im heimatlichen Boden verwurzelt ist. Alle Reisen in die Ferne vertieften diese Liebe, die nun in anderem Lichte steht als sie stünde, wenn Altenkirch nie über die windzerstreuten Sanddünen seines Hellers hinausgesehen hätte.
Lindenallee im Schnee
Reinsberg
Als er 1920 von der Leitung des Theatermalsaales zurücktrat, zog er sich nach Siebenlehn zurück, in die Heimat seiner Gattin und in jene Landschaft an der Mulde, in der er immer wieder starke Anregungen für sein künstlerisches Schaffen findet. Hatte ihn die Theatermalerei in seiner künstlerischen Entwicklung insofern gefördert, als er seiner Kunst nicht das tägliche Brot abzuringen brauchte, sondern ohne Sorgen das schaffen konnte, wozu es ihn künstlerisch trieb, so befreite ihn der Rücktritt nun in seiner Reife von beruflichen Bindungen. Er konnte sich nun völlig seiner Landschaftsmalerei widmen, die sich längst die Aufmerksamkeit ernsthafter Kunstfreunde erworben hatte. Als er nach Siebenlehn ging und seine Staffelei um Reinsberg und Biberstein aufstellte, sagte er sich aber nicht von den Birken und Kiefern der Hellerlandschaft los. Immer wieder kehrt er seitdem für kürzere oder längere Zeit nach Dresden zurück, um »auf den Heller« zu gehen und zu malen, umgeben von der kleinen Welt, in der er die kleinen Birken zu großen Birken und die Schulmädchen aus der alten Kaserne zu jungen Müttern hat heranwachsen sehen. Und dort, unter den einfachen Leuten dieses abgelegenen Lebenskreises, kennt man den Professor Altenkirch so gut, wie er die rissigen Stämme der alten Schatzeichen und die schlanken Kiefern des Trompeterwäldchens kennt.
***
Das ist sein Weg, der Lebensweg eines Meisters, der sich aus kleinbürgerlicher, fast proletarischer Herkunft zäh und zum guten Teil aus eigener Kraft zum Künstler von Ruf und Geltung heraufgearbeitet hat. Es ist der Weg, der ihn immer wieder und schließlich für dauernd in die sächsische Landschaft zurückführt, in der in fleißiger Arbeit und in schier unübersehbarer Folge seine Bilder entstehen.
Er malt sie mit den Mitteln einer reifen Kunst. Seine Bilder zeigen noch in jedem Quadratzentimeter tüchtiges handwerkliches Können. Sie sind Zoll um Zoll gediegene Malerei. Der alte Schadow pflegte seinen Schülern auf die Frage, wie sie malen sollten, zu antworten: »Setzt die richtigen Farben auf den richtigen Fleck.« Darum allein handelt es sich bei der Malerei. Und diese Kunst beherrscht Altenkirch mit einer Selbstverständlichkeit, die den kritischen Betrachter entzückt.
Meisterhaft ist seine Beherrschung der Luft. Sie umspielt alles Dargestellte auf seinen Bildern und gibt ihm die körperliche Erscheinung. Sie wird selbst zur Erscheinung. Sie rieselt durch das Goldlaub herbstlicher Birken, sie zittert über dem Sande in heißer Mittagssonne, sie liegt als feiner duftiger Schleier über der Ferne und hüllt kahle Bäume an trüben Tagen in melancholischen Flor. Ueber morgenkühlen Wasserspiegeln steigt sie als silberner Atem auf und zwischen den feuchten Stämmen stimmungsschwerer Tauwetterlandschaften dampft sie als weicher Brodem. Wundervoll, nur in der Reproduktion leider nicht wiederzugeben, glitzert die geradezu kristallisierte Luft im Geäst der vom Rauhreif verzauberten Bäume. Man denkt an Alexander von Villers schönen Satz: »Die Sonne wäre außerstande, den dichtesten Busch im Walde so innerlich zu beleuchten, wie dieser Staub des Himmels es mit seiner weichen Ruhe vermag.«
Ebenso meisterhaft, wie Altenkirch den Zauber des Lichts und der Luft bezwingt, ist die Sicherheit, mit der er sein Bild aus dem großen Raum der Landschaft herauslöst. Es ist nie ein Zuviel und nie ein Zuwenig. Immer gibt er ein in sich beruhendes Bild. Das ist nicht leicht. Liebhaberphotographen wissen davon zu erzählen, wie oft eine Aufnahme sie enttäuschte, weil sie noch nicht den richtigen Bildausschnitt zu finden verstanden. Altenkirch zählt zu den Malern, die uns Schönheit noch im einfachsten Stück Natur überhaupt erst sehen lehren. Oder ist es nicht überraschend, wie schön ein morastiger überschwemmter Weg, in dessen Tümpeln blauer Himmel und herbstliche Birken sich spiegeln, auf einmal sein kann, wenn er ihn uns zeigt?
Mit diesen Fähigkeiten vereint sich in Altenkirch jene malerische Phantasie, unter der Liebermann die den malerischen Mitteln am meisten entsprechende Auffassung der Natur versteht. »Je ausdrucksvoller durch die Form oder durch die Farbe oder durch beides zusammen der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war, desto größere, stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines Werkes nötig«. Das heißt also: malerische Phantasie ist die Kraft, die das seelische Erlebnis des Malers mit den Mitteln seiner Kunst sichtbar macht und in uns ein gleiches Erlebnis wach ruft. Es ist die Uebertragung der Seele des Künstlers in sein Werk. Er gibt uns, was ihn bewegte, und es bewegt uns. Sein Werk berührt unser Innerstes nicht, wenn der Maler nicht innerlich beteiligt war, als er es schuf. Der Dichter Hans Bethge schrieb einmal: »Calame hat auf großen Gemälden mächtige Szenerien des Hochgebirges im Aufruhr der Elemente dargestellt, aber unser Herz bleibt kalt dabei wie Hundeschnauze. Cézanne hat auf Bildchen, die nicht größer sind als ein paar Handflächen, einige Aepfel gemalt, und die mystischen Tiefen wehen uns ergreifend daraus entgegen, wir fühlen ein Stück Ewigkeit in überirdischem Glanz«.
Altenkirch malt die heimatliche Landschaft, wo sie am schlichtesten ist. Schlicht und still wie er selbst. Er malt die tragische Einsamkeit knorriger Kiefern unter stürmenden Himmeln, das Spiel der Sonnenlichter unter sommerlich sausenden Linden. Er malt das Erschauern, die reglose Unergründlichkeit eines Teiches im Waldschatten, die blanke Spiegelung herbstlicher Birken in den Tümpeln eines überschwemmten Weges. Er malt den Durchblick in blaue Fernen im Rahmen einiger Stämme, die zarten Versprechungen eines Vorfrühlingstages im Flußtale, den zitternden Glanz eines Sommermorgens unter weißen Wolken. Er malt die stille Sommerlegende eines Sandweges zwischen blühenden Heideteppichen, die graue Melancholie einiger herbstlicher Obstbäume an einsamer Landstraße. Er malt die prangende Pracht des Winters und die dunklen Wolkenberge eines Gewitterhimmels. Das alles malt er als Impressionist. Seine Bilder geben schlicht ein Stück schlichter Natur ohne tiefsinnige Philosophie. Und doch spricht aus seinen Bildern tiefes inneres Erleben. Er malt keine Bilderrätsel, mit denen der Betrachter ohne fremdwortreiche Erläuterung ihrer mysteriösen Bedeutung nichts anzufangen weiß. Er malt ganz einfach den Baum, die Straße, den Teich, den Sand, den Schnee. Auch der einfache voraussetzungslose Beschauer findet in seinen Bildern die Welt wieder, in der er selber lebt. So sind Altenkirchs Bilder gemeinverständliche Kunst und sie sind auf ihre Art und in ihrer künstlerischen Sprache dem schlichten Empfinden so wenig fremd wie die Bilder, die Van Gogh meinte, als er sich vornahm, Bilder zu malen, die den Matrosen gefallen sollten.
Altenkirch malt Baum und Straße, Teich und Schnee. Aber er gibt mehr. Ihm ist es weder um das photographisch getreue Abbild noch um die Darbietung artistischer Künste zu tun. Er gestaltet mit den Mitteln seiner Kunst jenes tiefere Erlebnis, das uns die heimatliche Natur noch in ihrem bescheidensten Winkel lieben läßt. Er hat den innigen Zusammenhang der uns umgebenden Natur mit uns selber erfaßt. Und auch der einfache Beschauer seiner Bilder empfindet das tiefere Erlebnis, das in diesen Bildern sichtbaren künstlerischen Ausdruck gefunden hat, das Erlebnis des seelischen Verbundenseins, das uns noch in jedem Baum ein verwandtes Sein ahnen läßt.
Altenkirchs Hellerlandschaften zeigen, wie unendlich viele, unendlich feine Reize in einer Landschaft verborgen liegen, die als reizlos geschmäht und gemieden wird. Spaziergänger, die die »Wüste« des Hellersandes mißmutig und eilig überwinden, wundern sich über den Maler in farbenbeklexter Jacke, der da seine Staffelei vor einem fahlgelben Sandstrich mit einer zerzausten Birke und einer Wolke darüber aufstellt. Sie ahnen nichts von der Schönheit der anonymen Landschaft, die gar nicht berühmt ist, die erst Maler für sie entdecken müssen und die ihnen nun vor einem Bilde aufgeht. Sie verdanken einem Künstler die Offenbarung, daß die Heimat auch noch in ihrem unberühmtesten Winkel schön und liebenswert ist. Und wenn man die Maler nennt, die uns die Augen für die Schönheit der heimatlichen Erde geöffnet und geschärft haben, wird man immer auch Otto Altenkirch nennen und ihm danken müssen.
Vom Wisent
Mit Mitteilungen über seine Geschichte in unserem sächsischen Vaterlande
von Rud. Zimmermann Dresden
Mit 7 Abbildungen, zum Teil nach photographischen Naturaufnahmen des Verfassers
Der unglücksreiche Ausgang des letzten Krieges hat auch Europas größte Säugetierart und das eine sich bis auf unsere Tage gehaltene seiner beiden ehemaligen Wildrinder, den Wisent, dem Untergang nahegebracht. An zwei Stellen nur, in dem eigenartigen Urwaldgebiet von Bialowies (Bjelowjesch) in Westrußland und im Kaukasus noch in freier Wildbahn vorgekommen, wurde der durch die Kriegshandlungen stark gelichtete, von der deutschen Militärverwaltung nach der 1915 erfolgten Einnahme von Bialowies aber sorgfältig gehütete und auch wieder höher gebrachte Restbestand ein Opfer der Nachkriegswirren: russische Bauern knallten ihn zusammen, während im Kaukasus die Rätetruppen in den Jahren 1918 und 1919 mit Maschinengewehren und unter Aufbietung ganzer Regimenter als Treiber und Schützen unter dem Bestande derart gewüstet haben, daß er ebenfalls als verloren gelten kann, selbst wenn sich doch noch einige Tiere den Verfolgungen entzogen haben sollten. Für eine Nachricht aus Rußland, daß im Bezirke Bobrujsk, Gouvernement Minsk (ca. dreihundert Kilometer östlich von Bialowies) eine Anzahl versprengter Wisente gesichtet und unter Schutz genommen sein sollten, ließ sich bisher ebensowenig eine Bestätigung beibringen wie für die Mitteilung des während des Krieges sich in besonderer Mission in Persien aufgehaltenen Tiermalers Peter Paschen, daß möglicherweise in einem unserer Kenntnis sich bisher entzogenen Bestande der Wisent noch in Nordpersien freilebend vorkommt. Wir besitzen daher mit Sicherheit zunächst nur noch gegen sechzig sich in Zoologischen Gärten und privaten Wildparks befindliche Wisente. Um diesen kleinen Rest vor dem allmählichen, ohne besondere Vorsichtsmaßnahmen auch unabwendbaren Aussterben zu bewahren, hat sich im August vorigen Jahres die »Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents« (Vorsitzender Direktor Dr. K. Priemel, Frankfurt a. M., Zoologischer Garten) gebildet, die unter den noch vorhandenen Tieren planmäßig züchten und versuchen will, einen wieder größeren Bestand heranzuziehen und bei günstigem Erfolg unser Tier wieder in freie Wildbahn überzuführen. Die Aussichten für die Bestrebungen der Gesellschaft sind die besten, und es wäre nur zu wünschen, daß ihr reiche Erfolge und die baldige Verwirklichung ihrer Pläne beschieden sein möchten. Unser Sachsen hat ein besonderes Interesse an der Erhaltung des Wisents; spielt dieser Urwaldrecke in der Geschichte des Landes doch eine nicht unbedeutende Rolle. Freilich nicht mehr als wildlebendes Tier – als solches ist er frühzeitig schon ausgestorben –, sondern, wie wir später noch sehen werden, als gehegtes und besonders zu den in Sachsen so prunkvollen Kampfjagden viel verwendetes Tier. –
Ich lernte den Wisent im letzten Kriegsjahre in Bialowies kennen. Ueber meine Begegnung mit ihm habe ich wiederholt an anderer Stelle berichtet[3] und es sei hier daraus kurz das folgende wiederholt:
»Meine erste Begegnung mit dem Wisent erfolgte im Januar 1918, als ich von meiner Dienststelle im Westen zur Leitung photo- und kinematographischer Aufnahmen, die der Bund für Vogelschutz in Stuttgart vornehmen ließ, nach Bialowies beurlaubt worden war. Der erste Eindruck, den ich von den Tieren erhielt, enttäuschte allerdings etwas. Die Herde von siebzehn Stück, die auf einem Kahlschlag stand und der strengen Kälte und des hohen Schnees wegen von Zeit zu Zeit in Waldheu etwas Futter dargeboten erhielt, ließ wenig von der erwarteten und den Tieren sonst auch eigenen Wildheit ahnen. Die Winterfütterung des Wisents war unter russischer Herrschaft zu einer alle gebotenen Grenzen überschreitenden Regel geworden und hatte das Wesen und die Natur der Tiere in der denkbar ungünstigsten Weise beeinflußt. Der Wisent war verweichlicht worden, und die dabei alle Scheu vor dem Menschen abgelegten Urwaldriesen muteten manchesmal fast wie halbzahme Stallrinder an. Diese große Vertrautheit wurde dem Tiere besonders in der Zeit der Besitzkämpfe um das Waldgebiet zum Verhängnis; sie machte den Abschuß spielend leicht und manch einer der Recken erlag der tötlichen Kugel, vor der ihm eine größere Scheu sicher bewahrt hätte[4]. Unter der deutschen Verwaltung war allerdings mit der bis dahin geübten Fütterungsweise gebrochen worden; die Tiere, die sich so sehr an die Fütterung gewöhnt hatten, daß sie unter russischer Herrschaft bereits im Oktober, wenn der Wald ihnen noch hinreichende Aesung bot, an den Fütterungsstellen sich einfanden[5], erhielten nur jetzt mehr ausnahmsweise bei strengster Kälte und tiefem Schnee in mäßiger Weise (zumeist in gefällten Weichhölzern: Aspen usw.) Futter dargeboten. Der Erfolg dieser Methode war ein guter; der Wisent wurde wieder zäher und ausdauernder und man wird Escherich Recht geben müssen, wenn er einen großen Teil der günstigen Erfolge der deutschen Hege, die die Ergebnisse der zarischen wesentlich übertrafen, auf diese Abkehr von der ehemals geübten Fütterungsweise zurückführt.
Abb. 1 Zu Holze ziehender Wisentstier. Bialowies, Januar 1918
Die seinem Wesen gar nicht entsprechende große Vertrautheit, die der Wisent während der ersten Zeit der deutschen Verwaltung zeigte, hatte er zu meiner Zeit zwar größtenteils bereits wieder abgelegt, doch konnte er wenigstens winters über die ihm durch eine jahrelange Gewohnheit anerzogene Eigenheit nicht ganz verleugnen, und so mußte daher um diese Zeit sein Bild den Eindruck, den man von dem urigen Wilde hatte, noch immer ungünstig beeinflussen. Anders war es schon, wenn man ihn abseits von den Futterstellen im dichtesten Walde begegnete, ihm hier vielleicht beizukommen versuchte und dann zuschauen durfte, wie die Tiere, flüchtig geworden, durch den schneeverhangenen, winterlichen Wald dahinstürmten. Mit einer seltenen Deutlichkeit steht mir da noch das Bild einer Herde in Erinnerung, die ich wenige Tage später antraf und sich in so hastigen Fluchten meiner Gegenwart entzog, daß trotz der hohen, schalldämpfenden Schneedecke der Boden doch noch immer unter ihren Tritten dröhnte und lange noch, nachdem sie den Blicken entschwunden war, eine dichte Wolke von den unterwüchsigen Fichten aufgewirbelten Schnees den Weg bezeichnete, den sie genommen hatte. Und nicht minder unverwischbar in der Erinnerung haben sich dann die Begegnungen eingegraben, die ich in der sommerlichen Jahreszeit nach meiner im April 1918 erfolgten Versetzung nach Bialowies mit dem Tiere hatte und die mir das reckenhafte Wild in seiner ganzen ursprünglichen Schönheit und Wildheit zeigten. So stieß ich – aus der Fülle der Erinnerungen sei hier diese eine mitgeteilt – beispielsweise am 15. Mai 1918 in einem von unterwüchsigen Fichten reichlich durchsetzten Laubholzbestand, der von drei Seiten von schwer zu begehendem Sumpf- und Bruchwald umgeben war, mit der vierten aber an einen freien, noch aus russischer Zeit herrührenden Kahlschlag angrenzte, auf eine ruhende Herde von schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Köpfen. Die Tiere hatten sich am Boden niedergetan oder standen, der lästigen Insekten wegen lebhaft mit den Wedeln peitschend, im Schatten der Bäume. Ein starker Stier, neben einem im Winter beobachteten Einzelgänger wohl der stärkste der von mir gesehenen, stand etwas abseits und uns – in meiner Begleitung befand sich noch einer unserer Jäger – am nächsten; er schien mit dem ihm zweifellos zukommenden Amt des Alterspräsiden noch das des Wächters der Herde zu bekleiden. Die Entfernung zwischen uns und der Herde mochte etwa zweihundert Meter betragen. Vorsichtig pirschten wir uns von Baum zu Baum bis auf vierzig bis fünfzig Meter an sie heran. Der Stier war, trotz aller beobachteten Vorsicht beim Anpirschen doch schon etwas unruhig geworden, er hob – wie ich glaube deutlich gehört zu haben, unter einem leisen, verhaltenen Grollen – windend den ursprünglich gesenkten Kopf und peitschte erregter mit dem Wedel. Seine Unruhe schien auch auf einige der ihm zunächst befindlichen Kühe übergegangen zu sein, wenn eine nur geringe Wendung ihrer Köpfe in der Richtung unseres Standortes einen dahingehenden Schluß gestattete. Immerhin blieb uns Gelegenheit, das sich für immer ins Gedächtnis eingegrabene Bild, das die Herde in den urwüchsigen Bestande bot, in dessen grünem Dämmer einige leuchtende Sonnenflecken umherirrten, längere Zeit auf uns wirken zu lassen. Erst als wir uns von neuem, jetzt allerdings ein weites Stück fast deckungslos, weiter anzupirschen versuchten, kam ein erhöhteres Leben in die Tiere. Die uns am nächsten stehenden Kühe trotteten, ursprünglich allerdings noch recht gemächlich, als hielten sie die Gegenwart von Menschen gar nicht für so bedeutend, rückwärts, die am Boden ruhenden erhoben sich und folgten ihnen nach, bis dann auf einmal, völlig unvermittelt, alles zu einer wilden Flucht wurde. Nur der Stier stand noch an seinem Platze, regungslos, uns zugekehrt und den Kopf tief gesenkt. Dann richtete er ihn hoch auf, blähte unter deutlich grollendem Schnaufen die Nüstern – es sah aus, als ob er uns annehmen wollte, und ich muß gestehen, daß in diesem Augenblick ein leichtes Zittern meinen Körper durchlief –, wandte sich aber dann rückwärts, zunächst ebenfalls noch ganz bedächtig, so wie es anfangs auch die anderen Tiere getan hatten, stürmte aber dann nach dieser gemächlichen Wendung in um so hastigeren Fluchten, daß Erdreich und Laub hoch emporwirbelten, der eben den Blicken entschwindenden Herde nach. »Heute habe ich es begriffen, was der Wisent für den Wald bedeutet, und mehr denn je wünsche ich, daß dieses an ferne Urzeiten erinnernde Wild ihm auch dauernd erhalten bliebe. Mit dem Schwarzwild – die vorhergegangene, unverhoffte Begegnung mit der führenden Bache in der Wildnis des Sumpfwaldes hat dieses Empfinden nur noch verstärkt –, dem Rotwild und dem sich hoffentlich wieder einstellenden Elch würde der Wald für den Zoologen und Jäger ein Paradies werden, wie es in Europa ohnegleichen wäre«. Nicht ohne eine große Wehmut wiederhole ich heute, nachdem wir alle unsere an Bialowies geknüpften naturschützerischen Hoffnungen haben zu Grabe tragen müssen, meine damals unter dem frischen Eindruck des eben Gesehenen und Erlebten niedergeschriebenen Worte.
Abb. 2 Wisent im Winter Bialowies 1918
Das Dröhnen des Bodens, das Knacken brechender Zweige und junger Bäumchen, das hinter den Flüchtigen herklang, war verstummt. Vorsichtig folgten wir der Herde, die in einem, namentlich von jüngerem Holze dicht bestandenen Erlenbruch verschwunden war, in der Erwartung, sie nochmals zu Gesicht zu bekommen. In dem Bruch, das – wie die aufgefundenen Spuren bewiesen, den ständigen Aufenthalt der Herde bildete –, war aber leider nicht mehr an die Tiere heranzukommen. Obwohl in ihm die Deckung eine ganz vorzügliche war, war doch bei der Dichte des Pflanzenbestandes und dem manchesmal kaum zu bewältigendem alten Fallholz das Vordringen nicht immer ganz lautlos zu bewerkstelligen. Noch ehe wir es erwartet hatten, kaum vierhundert Meter vom ersten Standort der Herde entfernt, erhob sich dicht seitlich von uns ein Getöse, das das vorher Gehörte noch übertrumpfte, in das laute Knacken und Brechen grünen und dürren Holzes klangen deutlich grollende Schnauftöne hinein: die Herde, an die wir, wie wir aus den Spuren feststellen konnten, bis auf nur knappe zehn Meter herangekommen waren, war zum zweiten Male vor uns flüchtig geworden.« –
Einige Angaben über die Größe des ehemaligen Wisentbestandes dürften hier nicht uninteressant sein.
Nach der sehr sorgfältigen Zusammenstellung von B. Szalay[6] betrug die Zahl der in Bialowies vorhandenen Wisente im Jahre 1832 siebenhundertsiebenundsiebzig Stück, sie stieg von da an ständig, bis sie mit eintausendachthundertachtundneunzig Stück im Jahre 1857 ihre Höchstzahl überhaupt erreichte. Dann sank sie wieder, vor allem auch unter den Wirkungen der polnischen Revolution, bis auf nur noch fünfhundertachtundzwanzig Stück im Jahre 1872. 1882 war der Bestand wieder auf sechshundert angewachsen, verminderte sich in den folgenden Jahren aber von neuem (1885: dreihundertvierundachtzig und 1889: dreihundertachtzig Stück) und hatte danach mit etwa siebenhundert Stück im Jahre 1899 eine nochmalige erfreuliche Steigerung erfahren. Ebenfalls wieder mit gegen siebenhundert wird der Bestand für die Jahre 1903 und 1909 angegeben, worauf er aber infolge einer Wildseuche, die als Folge einer geradezu unsinnigen Übervölkerung des Waldes mit Wild auftrat, auf kaum sechshundert Stück im Jahre 1911 zurückging. Doch erholte er sich auch jetzt wieder; für 1914 bezifferte Escherich auf Grund vorgefundener russischer Unterlagen die Zahl der vorhandenen Tiere auf siebenhundertsiebenunddreißig und für 1915 gibt ihn Szalay (nach Oberst von Spieß) mit siebenhundertsiebenzig an.
Unter den vernichtenden Wirkungen der Kriegshandlungen aber erlitt der 1914/15 noch so erfreuliche Bestand seine bis dahin schwerste Schädigung; eine anfangs 1916 von der deutschen Militärforstverwaltung vorgenommene Schätzung bezifferte die Menge der vorhandenen Tiere auf nur noch einhundertundfünfzig bis einhundertundsechzig, dem traurigen Abglanz eines besseren Einst! Was viele nicht zu hoffen wagten, geschah jedoch noch einmal: der Bestand erholte sich auch jetzt wieder und unter der sorgsamen Hege der Militärforstverwaltung stieg die Zahl der Tiere bis auf gegen zweihundert zur Zeit der erzwungenen Räumung des Gebietes. Die letztere aber vernichtete mit einem Schlage alle unsere Arbeit und besiegelte den endlichen Untergang des Bialowieser Wisents.
Über die ehemalige Höhe des Kaukasusbestandes sind wir weit unvollkommener unterrichtet; der russische Zoologe Filatow, der zum Studium des Tieres von 1909–1911 drei Reisen in den Kaukasus unternommen hatte, schrieb, daß die Zahl der hier vorhandenen Wisente »schwerlich weniger als hundert betragen, andererseits aber wohl kaum an tausend herangereicht haben dürfte«.
Das Waldgebiet von Bialowies, wenn ich hier noch einige wenige Worte darüber sagen darf, bedeckt eine Fläche von gegen dreizehnhundert Quadratkilometern und kommt damit an Größe fast dem ehemaligen Herzogtum Altenburg gleich. Es bildet ein einziges großes, zusammenhängendes Waldmeer, das im Norden, Westen und Süden größtenteils in Wiesen- und Feldlandschaften übergeht, im Osten aber in feuchte Niederungen, mit Erlen- und krüppelhaften Fichtenbeständen oder in weite baumlose Sumpfflächen ausläuft, die weiter östlich in den Pripjetsümpfen ihre Fortsetzung finden. Forstlich setzt sich der Wald zusammen aus der Kiefer als den verbreitetsten Waldbaum überhaupt und der meist sekundär auftretenden Fichte sowie einer Anzahl Laubholzarten: Hainbuche, Eiche, Winterlinde, Spitzahorn, Esche, Ulme, Birke, Aspe und Schwarzerle. Diese Bäume bringen es zu ganz erstaunlichen Wuchsleistungen und überraschen den Besucher des Waldes durch ihre gewaltigen Höhen ebensosehr wie durch die Schönheit ihrer Wuchsformen. Die größte von uns gemessene Fichte beispielsweise war zweiundfünfzig Meter lang, Höhen von fünfundvierzig bis sechsundvierzig Meter bei Stammstärken von einem Meter und darüber waren etwas ganz normales. Kiefern maß ich bis zu achtunddreißig Meter, Laubbäume, wie Eichen, Linden, Eschen usw. bis zu fünfunddreißig Meter und darüber und selbst Birken und Aspen blieben in ihrem Höhenwachstum nicht hinter diesen Maßen zurück. Überaus reizvoll war die große Mannigfaltigkeit und der bunte Wechsel der Bestandsformen. Üppigster Laubwald, in dem bald durch das Vorherrschen der Hainbuche ein ganz eigenartig wirkendes grünes Halbdunkel herrschte, das dem Photographen nur zu oft seine launischen Tücken offenbarte, und der an anderen Stellen wieder durch stärkeres Auftreten der Eiche und dem Einstellen der Kiefer ein lichterer wurde und dann eine nicht nur blütenreiche, sondern ganz besonders auch eine farbenbunte Bodenflora im Gefolge hatte, wechselte ab mit dunklen Fichtenbeständen, in denen die grüngoldenen Moospolster am Boden oft eine so eigenartige Wechselwirkung zu dem Silbergrau der flechtenüberzogenen Stämme bildeten; nassestem Bruchwald, in dem bald Fichten und Erlen überwogen, bald aber auch wieder andere Laubhölzer die Erle verdrängten oder die Fichte zur allein herrschenden Holzart wurde, und in dem das Eindringen oft überaus schwierig war, ja manchesmal fast zur Unmöglichkeit wurde, schloß sich trockenster Kiefernwald auf Sandboden an, in dem eingesprengte, weißstämmige Birken und unterständige Fichten nicht selten die malerischsten Wirkungen hervorbrachten. Dazwischen hinein schoben sich von Sauergräsern bestandene Moorwiesen, an deren Rändern Fichten und Erlen, Kiefern und Birken kümmerten, oder eigenartig wirkende Waldmoore, deren wachsende Sphagnumpolster mit dem Sumpfporst und der braunroten Moosbeere die beginnende Hochmoorbildung verrieten. Meistens fehlten zwischen den einzelnen Bestandsformen alle vermittelnden Übergänge; ein nur geringer, dem Auge gar nicht auffallender Bodenunterschied und der dadurch bedingte Wechsel in der Höhe des Grundwasserstandes ließen die eine Form fast immer unvermittelt und schroff aus der anderen hervorgehen. Begegnete man dann in diesem Wald dem Wisent, so konnte man sich in jene entlegene Zeiten zurückversetzt wähnen, in denen auch noch der deutsche Wald das gleiche Aussehen besaß und in seinem dämmernden Grün ähnliche Urwaldrecken ihr Wesen trieben. –
Die lange Zeit und bis fast in die Gegenwart hinein heiß umstrittene Frage, ob in Europa nur ein oder zwei Wildrinder vorgekommen sind, ist heute endgültig entschieden; wir wissen, daß zwei: der Ur und der Wisent, noch in historischer Zeit hier nebeneinander lebten. Neben aufgefundenen Resten des Ures, der sich bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein am längsten in Polen gehalten hat, besitzen wir auch einige alte Abbildungen von ihm[7], die uns aufs überzeugendste die grundlegenden Unterschiede zeigen, die ihn von seinem Vetter, dem Wisent, trennten.
Daß beide, der Ur sowohl wie der Wisent, ehedem auch unser heutiges Sachsenland bevölkerten, kann als unbedingt sicher gelten, wenn wir auch über ihr Vorkommen im Lande keinerlei geschriebene Kunde besitzen und daher leider auch ihrem Verschwinden bei uns heute nicht mehr nachkommen können. Am frühesten wohl ereilte dem Ur[8] sein Schicksal. Nach Szalay bis ins siebente Jahrhundert nach Christi die häufigste der beiden Wildrindarten, starb er in Süddeutschland aber schon im neunten oder zehnten Jahrhundert aus und dürfte um die Jahrtausendwende auch den meisten übrigen deutschen Gauen bereits gefehlt haben. Am längsten hat er sich in Deutschland in Ostpreußen gehalten; Szalay neigt aber im Gegensatz zu der verbreiteten Annahme, daß in einigen Wäldern daselbst noch um 1450 Ure wild lebten, zu der Auffassung, daß er auch hier schon im vierzehnten Jahrhundert ausgestorben gewesen ist und die späteren Erwähnungen des Tieres sich auf eingeführte masovische Ure beziehen. In Polen lebte er, wie schon erwähnt, noch etwas länger; er wurde hier zwar ebenfalls im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert selten, kam in einigen kleinen Beständen aber doch noch bis zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts vor. Der letzte überhaupt starb im Jahre 1627. Wir gehen nach dem eben gehörten wohl kaum fehl, wenn wir das Verschwinden des Ures in Sachsen in die Zeit um die erste Jahrtausendwende verlegen.
Abb. 3 Bruchwald in Bialowies (Aufenthaltsgebiet des Wisents)
Länger als der Ur hat sich der Wisent gehalten; sein Vorkommen in freier Wildbahn ist für eine ganze Anzahl deutscher Landschaften noch für spätere Jahrhunderte als das des Ures belegt; der letzte freilebende deutsche Wisent ist um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Ostpreußen seinem Schicksal erlegen. Über sein Aussterben in Sachsen liegt ebenso wie über das des Ures ein ungelüftetes und vielleicht kaum noch zu lüftendes Dunkel; vielleicht, das er bei uns etwa gleichzeitig mit dem Ur verschwunden ist, möglich aber auch, daß er sich wie in anderen deutschen Gauen auch in Sachsen noch etwas länger zu halten vermocht hat.
Kunde von dem ehemaligen Vorkommen von Wildrindern in unserem Vaterlande geben uns noch einige auf »Auer« usw. lautende Ortsnamen, von denen Szalay in seiner fleißigen Zusammenstellung »Der Wisent im Ortsnamen« (Zoologische Annalen 7, 1915, Seite 1–80) aus Sachsen zehn (?) nennt und ihnen noch Weißensee bei Zittau (im Jahre 1360 = Wisensee) als möglicherweise, aber nicht unbedingt, auf den Wisent zurückgehend angliedert. Die Gemeinde Taura bei Burgstädt leitet ihren Namen ebenfalls von dem Ur (= Tur) ab und führt neuerdings (das sei hier zur Nachahmung in ähnlichen Fällen empfohlen) daher auch ein Wildrind in ihrem Gemeindesiegel. Es stellt allerdings nicht den Ur, sondern den Wisent dar.
Lange nach seinem Verschwinden aus freier Wildbahn begann der Wisent in unserem Vaterlande nochmals eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen; er wurde, wie das auch anderwärts geschah, neu eingeführt und in besonderen Wisent-(Auer-)Gärten gehegt und gezüchtet; Szalay, dem besten Kenner der Geschichte des Wisents, verdanken wir darüber die umfangreiche und wertvolle Arbeit »Wisente im Zwinger« (Zoologischer Beobachter 57–60, 1916–1919). Unser Sachsenland hat an der Wisenthege einen besonders großen Anteil gehabt, und es bereitet nicht nur dem Zoologen viel Freude, sondern ist auch kulturgeschichtlich von großem Interesse, an der Hand der leider nur recht spärlich fließenden Quellen der Geschichte der Wisenthaltung weiter nachzugehen.
Die ersten nachweisbaren Wisenteinführungen in Sachsen erfolgten zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts; eine Angabe von Koepert in dessen »Jagdzoologisches aus Altsachsen[9]«, daß 1717 der Wisent in Sachsen zuerst genannt wird, ist ein Irrtum und mutet etwas eigentümlich an, nachdem er unter seinen Quellen auch von Schimpff aufführt, der den älteren Nachweis beibringt. Wenn Szalay (»Wisente im Zwinger«) es für nicht ausgeschlossen hält, daß bereits unter der Regierungszeit Friedrichs des Weisen (1486–1525), der Hochmeister des Deutschordens in Preußen wurde und daher in engere Fühlung mit dem Lande kam, das die ersten Wisente lieferte, Wisente in Sachsen eingeführt worden sind, so fehlen uns dafür doch (Szalay weist selbst darauf hin) jegliche Unterlagen. Erst unter dem tierliebenden und leidenschaftlich der Jagd huldigenden Kurfürsten Johann Georg I., der an Stelle eines noch im vorhergegangenen Jahrhundert errichteten Löwenzwingers 1612 ein eigenes Löwenhaus bauen und den alten Jägerhof bedeutend vergrößern und verschönern ließ – die Weihe desselben fand 1617 statt – hören wir von Wisenteinführungen; von Schimpff berichtet uns, daß der Kurfürst eine wertvolle Menagerie errichtete und für diese »weiße Rehe, schwarze Füchse, Gemsen, Auerochsen, barbarische Schafe, Renntiere, Dromedare, indianische Mäuse, nordländische Katzen und Paviane« aus »aller Herren Länder« kommen ließ. Die Auerochsen sind natürlich Wisente gewesen, die ohne allen Zweifel aus Ostpreußen bezogen wurden.
In einem Verzeichnis des von seinem Nachfolger, dem Kurfürsten Johann Georg II., während der Jahre 1657–1680 erlegten Wildes werden sechs »Büffel« als zur Strecke gekommen aufgeführt, und es ist wohl möglich, daß wir unter diesen Wisente zu verstehen haben. Szalay vermutet, daß sie »der Kurfürst gewiß im eigenen Wildparke züchtete und jagte«. Unter seinen Vorfahren scheinen nach Ausweis des von diesen erlegten Wildes Wisente noch nicht gejagt, aber möglicherweise schon zu den damals so beliebten Tierkämpfen und Kampfjagden, die unter August dem Starken und seinem Nachfolger in Sachsen ihre größte Blüte erlangten, verwendet worden zu sein. Das »Theatrum europaeum«, 1685, z. B. berichtet, daß am 3. Februar 1651 auf dem Schloßhof zu Dresden eine »Hatz« abgehalten wurde, bei der »ein Beer mit einem grimmigen Büffel-Ochsen sehr lustig und wohl gekämpffet« hat. Unentschieden muß hierbei noch bleiben, ob unter dem Büffelochsen bereits ein Wisent oder ein Hausbüffel zu verstehen ist, da beide Tiere zu den Kampfjagden Verwendung fanden und wenigstens in den späteren Berichten dann auch immer auseinandergehalten werden. So hören wir z. B., daß zu einer 1721 im Löwenhaus zu Dresden veranstalteten Kampfjagd ein Löwe, ein Tiger, drei Bären, vier hauende Schweine, ein Keiler, eine Bache, ein Auer- und ein Büffelochse verwendet wurden, während auf einer anderen, 1739 im Jägerhof abgehaltenen, zwei Bären, ein Auerochse und ein Stier auf dem Platze blieben, und von einem vierten, am 8. Februar 1740 veranstalteten Kampfjagen es unter anderem heißt: »Der Auerochs gab der Mauleselin mit den Hörnern einen Stoß, womit er ihr den Leib aufschlitzte«. Die in den Berichten erwähnten Auerochsen sind immer Wisente gewesen.
Abb. 4 Der Ur nach Herberstains »Moscovia«, Wien 1557 (»Die gemain nent den Bisont, ich aber Aurox«)
Unter Friedrich August dem Starken (1694–1733) und seinem Nachfolger, Friedrich August II. (1733–1763), die beide neben der sächsischen Kurwürde ja auch noch die polnische Königswürde bekleideten, geschahen die Wisenteinführungen im großen; sie erfolgten in der Hauptsache wohl oder sogar ausschließlich aus Polen, dem neuen Herrschaftsgebiete der beiden Fürsten, das an Wisenten ja noch sehr reich war. Ob, wie Szalay auf Grund eines am 21. Juli 1733 veröffentlichten kurfürstlichen Patents, in dem es heißt: »Nachdem wir entschlossen, unterschiedene Stücke Auer und dergleichen Wild aus dem Auergarten bei Königsburg in das Freie zu lassen«, annimmt, damals auch noch preußische Tiere vorhanden waren, möchte ich vorläufig hier noch unentschieden lassen; ich vermute, daß der Ausdruck »Königsburg« gar nicht auf Königsberg in Preußen zu beziehen ist, sondern eine lokale, mit Moritzburg (dem »Königsschloß«) in Verbindung stehende Bedeutung hat, wie ich an einer anderen zeitgenössischen Stelle Schloß Moritzburg als die »Königsburg« bezeichnet fand. Zwei Jahre vorher war ja auch erst ein Transport Wisente aus Litauen (Polen) eingetroffen.
Die in dem eben genannten Patent erwähnte Aussetzung ins Freie geschah in der Liebenwerdaer Heide (nördlich Elsterwerda, in der heutigen Provinz Sachsen); Koepert berichtet darüber, daß der Kurfürst im Juni 1733 den Oberhofjägermeister von Wolffersdorff den Auftrag dazu erteilt hat, und gibt dann das Bestätigungsschreiben des letzteren wieder, in dem es u. a. heißt: »Ew. Kgl. Hoheit haben gestrigen Tages mir mündlichen gnädigst Befehl zu erteilen beliebet, daß ich neunundvierzig Stück derjenigen Auer, so seither in dem Auergarten im Amte Moritzburg erhalten werden, nach Liebenwerda und dasiger Gegend ins Freye schaffe« usw. Über den weiteren Verlauf der Aussetzung erfahren wir aber leider nichts; eine Nachprüfung der Koepert als Quelle gedienten, nach ihrem Standort im Hauptstaatsarchiv von ihm bedauerlicherweise aber nicht näher bezeichneten Archivalien und im Anschluß daran weitere Nachforschungen waren mir bisher noch nicht möglich. Bemerkenswert ist es aber, daß bei der Auflösung des Auergartens zu Kreyern die nach v. Schimpff unterm 29. Juli 1793 das Hofjournal verzeichnet, der dabei noch vorhandene Bestand an Wisenten ebenfalls nach der Liebenwerdaer Heide überführt worden ist.
Abb. 5 Der Wisent nach Herberstains »Moscovia«, Wien 1557 (»Die gemain nent den Auroxen, ich aber den Bisont«)
Zeitlich vielleicht ungefähr zusammen mit der ersten Aussetzung des Wisents in der Liebenwerdaer Heide oder nur um ein weniges später erfolgte ein weiterer Aussetzungsversuch in Grethen bei Grimma, über den wir als einzige bisher bekannte zeitgenössische Quelle Doebels 1746 erschienene »Jäger-Practica« besitzen. Es heißt dort in Kap. 3 (Vom Auerochsen): »… sondern es sind auch welche im Freien bei Grehden vor einigen Jahren ausgesetzt worden[10]«. In dem sich dieser Angabe unmittelbar anschließendem Satze: »Die Vermehrung ist aber doch so stark nicht von denselbigen hier in Deutschland, als wo sie in ihrem ordentlichen Vaterlande sein. Ob sie gleich alle Jahre brunften, so gehen und bleiben sie doch sehr vielfältig gelte«, die sich zunächst ganz allgemein auf die in Deutschland überhaupt gehegten Wisente bezieht, ist aber wohl gleichzeitig auch ein Urteil über die Grethener Tiere mit enthalten, über deren weitere Geschicke wir dann aber ebensowenig etwas erfahren, wie über die bei Liebenwerda ausgesetzten Wisente.
Die im Lande eingeführten Tiere fanden zunächst wohl in Moritzburg Aufnahme, wo bereits vor dem Jahre 1703 einige Stallungen vorhanden waren, die auf einem alten Baurisse des Schlosses ausdrücklich als Auerochsen- und Büffelställe bezeichnet sind. Im Jahre 1727 richtete man dann an der Dresden–Großenhainer Straße auf Kreyener Revier (westlich von Moritzburg) einen eigenen Auergarten ein, an den heute noch die Auerschänke die Erinnerung aufrecht erhält. Über die Zahl und die Zeiten der erfolgten Wisenteinführungen sind wir bisher nur auf das allerdürftigste unterrichtet; sicherlich sind die vorhandenen Quellen, die uns hierüber Auskunft geben können, bei weitem noch nicht erschlossen. Von Koepert hören wir nur, daß im Jahre 1731 eine Anzahl Wisente aus Litauen in Kreyern eintraf und Freiherr von Friesen (Beiträge zur Jagdchronik des sächs. Hofes. Tharandter Forstl. Jahrb. 15, 1863, 304) vermeldet, daß nach dem Hofjournal vom 14. April 1747 der Posthalter Opfermann »von Warschau anhergekommen sei und zwei Auerochsen in Kasten mitgebracht habe«. Auch über die Mengen der in Moritzburg und Kreyern vorhanden gewesenen Tiere erfahren wir nur wenig; nach Koepert befanden sich 1740 im Friedewalder (Kreyener) Auergarten fünfundzwanzig junge Wisente, im November 1742 elf ebenfalls junge in Moritzburg. Diese Angaben und vor allem auch die Zahl der 1733 nach Liebenwerda überführten Tiere (neunundvierzig Stück) lassen auf das Vorhandensein von zeitweilig recht ansehnlichen Mengen schließen. – Die Auflösung des Kreyener Auergartens erfolgte, wie wir bereits hörten, im Jahre 1793 und die damals in ihm noch vorhanden gewesenen Wisente wurden nach der Liebenwerdaer Heide überführt. Mit dieser Nachricht endet für uns die Geschichte der Wisenthege in Sachsen; ihre Kenntnis ist, wie aus unseren Darlegungen hervorgeht, noch eine recht lückenhafte, und dem Historiker bietet sich daher eine dankbare Aufgabe dar, sie weiter klarzulegen. Insbesondere wäre es von großem Wert, weitere Kunde über die in der Liebenwerdaer Heide und bei Grethen erfolgten Aussetzungen und ihre Erfolge zu erhalten. –
Abb. 6 Das Augsburger Bild des Urs nach Hamilton Smith
Abb. 7 Siegelmarke der Gemeinde Taura bei Burgstädt mit Wisent-(nicht Ur-)Darstellung
Des Interesses halber sei hier noch erwähnt, daß in den Jahren um 1770 in den europäischen Großstädten ein nordamerikanischer Bison herumgeführt und zur Schau gestellt wurde. Auch in Dresden wurde er gezeigt, scheint hier aber nicht allzuviel Interesse gefunden zu haben. In »Einige Nachricht von dem allhier, und neuerlich zu Leipzig fürs Geld gezeigten Bisont oder Buckelochsen« in den Misc. Saxonia VI, 1772, S. 162–164 nämlich lesen wir: »Da dieses Thier hier unter dem Namen eines Americaners herumgeführt und aus denselben eine so große Seltenheit gemacht worden; So hat ein gewisses inländisches Wochenblatt eine kurze und richtige Beschreibung desselben gegeben, worinnen zugleich gezeigt wird, daß der Bison jubatus eben kein so fremdes Thier gewesen sei. Der Name ist … wahrscheinlicherweise deutschen Ursprunges. Das Thier selbst ist vom Auerochsen [= Wisent. Der Verf.] wenig unterschieden. Masecov hat … das Bild des Bisont (Wisent, oder Wesent, wie es von alters hier in Deutschland hieß) stechen lassen, und es hat mit dem herumgeführten alle Aehnlichkeit … Hieraus erhellet einigermaßen, daß der hier so genannte Americanische Bison jubatus nichts anders als der große wilde Auerochse, oder Waldochse, den man sonst in Litthauen, in der Ukraine, in Pohlen, Preußen, Pommern u. s. w., also ganz in der Nähe findet, und daß dieses eigentliche Vaterland etwan die nördliche Gegend von Europa sey. Hier in Dresden hat der Herumführer nicht eben viel Beyfall und fast gar keine Bewunderer seines Bisonts gefunden, und die ihn ja für sehenswert gehalten, werden eben nicht bedauern, daß er nunmehr in Berlin mit Hunden und einem seiner Stiefgeschwister, dem Auerochsen, gehetzt werden soll … Beydes also, die wenige Seltenheit sowohl, als die gegenwärtigen Zeitläufte, machen uns dergleichen Neuigkeiten vollkommen entbehrlich«.
Etwas eigentümlich mutet es an, daß dem ungenannten Verfasser der »Nachricht« es nicht bekannt gewesen zu sein scheint, daß Wisente noch kurz vor seiner Zeit in Dresden zu den Kampfjagden verwendet wurden und daß sie lebend jedenfalls noch in unmittelbarster Nähe der Stadt, im Kreyener Auergarten vorhanden waren. Denn dieser wurde ja erst 1793 aufgelöst und enthielt zu dieser Zeit bestimmt noch einige Wisente.
Fußnoten:
[3] Europas letzte Wisente. Zeitschr. f. Vogelsch. u. a. Gebiete des Naturschutzes 2, Berlin 1921, 63–73. – Meine Begegnung mit dem Wisent in Bialowies und die Geschichte seines Unterganges. a) Pallasia, Zeitschr. f. Wirbeltierkunde, herausgeg. v. Rud. Zimmermann. 1, 1923/24, 55–64. b) Helft uns den Wisent erhalten! Eine Werbeschrift, herausgeg. v. d. Int. Gesellsch. z. Erhaltung d. Wisents, 1923, 15–25.
[4] »Die Wisente, die anscheinend durch die ständige Fütterung vollkommen an den Menschen gewöhnt waren, trotteten (beim Einmarsch der deutschen Truppen) teilweise neben den Kolonnen her, vielleicht in der Annahme, daß es Futterwagen wären. Es machte keine Schwierigkeiten, bis auf zehn Schritte an die Herden heranzukommen … Leider wurde bei dieser Gelegenheit so manches Stück dieses fast ganz ausgestorbenen Wildes … niedergeknallt« (Hpt. Gruber in »Bialowies i. d. V.«, S. 6).
[5] »Stumpfsinnig standen die Kolosse dem Futterstadel zugewandt im nahen Stangenholz. Nahezu unbeweglich, das mächtige Haupt gesenkt, warteten sie dort, eigene Nahrungssuche verschmähend, daß ihnen der Tisch gedeckt werde« (G. Escherich, Bialowies i. d. V., S. 200).
[6] Wisente im Zwinger. Zoologischer Beobachter 57–60, 1916–19 besonders 60, 1919, Seite 124 folg., 149 folg.
[7] Eine der bekanntesten und trotz einer gewissen Steifheit in der Darstellung auch wertvollsten Abbildung verdanken wir dem österreichischen Gesandten Freiherrn von Herberstain, der um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts den Ur sowohl wie auch den Wisent in Polen kennen lernte und beide (wohl noch in seinem Besitze befindlichen ausgestopften Stücke) zeichnen ließ und die Zeichnungen mit Beschreibungen der Tiere in seiner 1557 in Wien erschienenen »Moscovia« veröffentlichte. Ein anderes Urbild ist das sogenannte »Augsburger Urbild«, das der englische Zoologe Smith gegen Anfang des vergangenen Jahrhunderts bei einem Augsburger Altertumshändler entdeckte und 1827 in einer guten Wiedergabe veröffentlichte. Leider aber ist das Original inzwischen wieder verloren gegangen. – Die Herberstainschen Abbildungen sowohl wie das Augsburger Urbild habe ich unseren Ausführungen beigegeben.
[8] Der für den Ur (oder das Urrind) vor allem nach dem Vorbilde Nehrings gebrauchte Name Auerochs bezieht sich gar nicht auf diesen, sondern ist, wie der gründlich schürfende Szalay nachgewiesen hat, eine erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Aufnahme gekommene Bezeichnung für den Wisent, dessen Name seit etwa 1600 so gut wie vergessen war und erst nach 1850 wieder gebraucht wurde, sich allgemeiner aber erst nach 1870 einbürgerte. Seiner verhängnisvollen Doppelsinnigkeit wegen (er hat in der Tat auch bereits große Verwirrungen angerichtet) sollte der Name Auerochs daher zugunsten der klaren Bezeichnungen Ur und Wisent auch gar nicht mehr gebraucht werden.
[9] Beilage zum Jahresbericht des Vitzthumschen Gymnasiums in Dresden aus dem Schuljahre 1913/14, Dresden 1914. – Es ist allerdings bedauerlich, ja direkt unverständlich, daß der Verfasser auf die bei allen derartigen Arbeiten ganz selbstverständliche Standortsangabe der von ihm benutzten Archivalien verzichtet. Dadurch hat er nicht nur die Benutzung seiner sonst so verdienstvollen Arbeit ungemein erschwert, sondern auch ihren Wert künstlich erheblich herabgedrückt.
[10] Ist in dem, erst nach der vom Kurfürsten Friedrich August bereits im Juni angeordneten Überführung von Wisenten nach der Liebenwerdaer Heide, am 21. Juli veröffentlichten Patent, das keinerlei Angaben über den oder die Orte der Aussetzungen enthält, schon ein unausgesprochener Hinweis auf die Grethener Aussetzung enthalten? Szalays Angabe (Wisente im Zwinger): »1746 (mit Fußnote: »Oder etwas früher«) hat man in Grethen bei Grimma einige Wisente … ausgesetzt«, muß nach dem oben gehörten in »Einige Jahre vor 1746« abgeändert werden.