Die Kirche zu Straßberg im Vogtlande

Von Paul Apitzsch, Oelsnitz i. V.

Mit photographischen Aufnahmen von Kurt Sippel, Plauen i. V.

Oberhalb der Kreisstadt Plauen liegen im breiten Wiesentale der Weißen Elster zwei behäbige Bauerndörfer mit bemerkenswerten Gotteshäusern: Kürbitz und Straßberg. Die von Urban Kaspar von Feilitzsch im Jahre 1624 gestiftete Kirche zu Kürbitz gilt als die schönste Dorfkirche des Vogtlandes. Von unbekannter Hand geschrieben, steht an der Holzvertäfelung eines Betstübchens der Kürbitzer Kirche folgendes Distichon:

Pulchrius hoc in te non est, Voiglandia, templum,

Hoc urbs, hoc vicus, pagus et omnis ait, d. h.

Schöner als diese Kirche gibt’s keine in dir, o Vogtland!

Das sagt Stadt und Land; jedermann spricht es aus.

Abb. 1. Kirche zu Straßberg vom Wiesengrunde aus

Weniger bekannt und geschätzt ist die weiter elsterabwärts auf dem »Burgberg« gelegene Kirche zu Straßberg. Das Geschlecht derer von Straßberg gehört zu den ältesten Adelsfamilien des Vogtlandes. Ein Henricius advocatus de Strasberg wird urkundlich 1209 genannt. Das Stammschloß hinter der jetzigen Kirche wird bereits 1280 als zerstört aufgeführt. Ein Edler von Straßberg war es auch, der zwischen 1232 und 1248 Schloß Vogtsberg bei Oelsnitz erbauen ließ (Dr. Kurt von Raab: »Schloß und Amt Vogtsberg bis Mitte des sechzehnten Jahrhunderts«). Die Kirche in ihrer jetzigen Gestalt hat indes mit dem Geschlechte derer von Straßberg nichts zu tun. Sie ist an Stelle einer urkundlich 1284 genannten Capell zv Straszborgk, die unter dem Orden der Deutschritter stand, von Joachim von Reibold auf Schloß Neundorf im Jahre 1576 erbaut (Rich. Steche: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler, Heft 11). Dieser Joachim von Reibold muß ein sehr vermögender Herr gewesen sein; denn er besaß außer Neundorf und Straßberg auch Netzschkau, Sachsgrün, Ebmath, Haselbrunn, Rößnitz, Polenz, Gutenfürst, Kloschwitz und Thannhof. Nur einem so reich begüterten Patronatsherren war es möglich, die für mittelalterlich dörfliche Verhältnisse außergewöhnlich große dreijochige Hallenkirche zu schaffen.

Abb. 2. Straßberg im Winter

Wolkenlos und sengend heiß brütet ein stiller Sommernachmittag über der weiten Elsteraue. Ich steige von der staubigen Landstraße den kurzen, steilen Fußpfad zum Gotteshaus empor. Rechts des äußeren Friedhofseinganges schattet breitkronig eine alte Linde, und ihr Blütenduft, von keinem Windhauche verweht, versetzt urplötzlich ins Märchenreich der Romantik. Der weißhaarige Totengräber öffnet die Pforte, und – ich stehe gebannt von der Schönheit des Durchblicks, wie ihn Meister Sippel mit ausgesuchter Kühnheit in [Abbildung 4] auf die Platte gebannt hat. Vom dunklen Vordergrund hebt sich lichtübergossen der Vorplatz mit dem schmucklosen, romanischen Porphyrportal ab. Ich trete ein in die kühle Vorhalle. Eine freudige Überraschung! An den Wänden hängen drei alte Schnitzwerke. Zunächst der Mittelschrein eines Flügelaltars mit der heiligen Anna selbdritt, Johannes dem Täufer und einer heiligen Frau ohne Bezeichnung. Auf dem Kirchboden fand ich später die dazu gehörigen beiden Seitenflügel, innen ohne Schnitzwerke, außen mit Heiligenbildern bemalt. Das zweite, kleinere Schnitzwerk in der Vorhalle, die Fußwaschung Christi durch Maria Magdalena darstellend, scheint ein Innenfeld des einen Flügels ausgefüllt zu haben. Das dritte und kleinste Schnitzwerk, stark beschädigt und ohne Bemalung, stellt nach Steche die Geißelung Christi, nach Ansicht anderer Kunstkenner die Geißelung Pauli dar. Es hat mit dem Flügelaltar nichts zu tun und stammt, wie die beiden anderen Holzbildwerke, aus der Zeit um 1500.

Abb. 3. Kirche mit altem Friedhof

Von der Vorhalle im westlichen Turmbau führen zwei Wendeltreppen nach den Emporen und nach der genau über der Vorhalle gelegenen herrschaftlichen Betstube. An den Wänden verblichene Fresken vom Jahre 1626, Geburt und Himmelfahrt des Herrn darstellend. Das Kreuzgewölbe der Decke zeigt allerlei Stuckfiguren und plastische Engelsgestalten. Jetzt einfach weiß getüncht, scheint diese Decke ehedem bunt bemalt gewesen zu sein. Als weiteren Schmuck weist die Kapelle die Wappen der Adelsgeschlechter von Reibold, von Feilitzsch, von Thoß und von Ende auf. An der dem Schiffe zugewendeten äußeren Brüstung ist das Bildnis des 1712 gestorbenen Hofmarschalls Philipp Ferdinand von Reibold angebracht. –

Abb. 4. Durchblick auf das Westportal

Etwas sehr Merkwürdiges zeigt sich uns, wenn wir nunmehr, von der herrschaftlichen Betstube aus weiter aufwärts steigend, die beiden nächsthöheren Stockwerke des Westbaues in Augenschein nehmen. Diese sind eigentümlicherweise als Wohnung eingerichtet. Das eine Stockwerk enthält zwei stattliche Wohnräume, eine Küche mit Herd, eine Wandnische zur Aufbewahrung von Speisen und einen Vorsaal. Von diesen Räumen führen zwei sich entsprechende Treppen nach dem obersten Geschoß, welches die ebenfalls schön gewölbten Schlafzimmer enthält. Steche vermutet, daß mit diesem Wohnungseinbau die Herren von Reibold einen Druck ausüben wollten, einen selbständigen Pfarrer zu erhalten; denn Straßberg war lange Zeit Filial von Plauen. Ob die hochgelegene Pfarrwohnung jemals als solche benutzt worden ist, läßt sich urkundlich nicht nachweisen.

Abb. 5. Sakristei mit Erbbegräbnis

Und nun steigen wir noch ein Stockwerk höher, hinauf zu den Glocken. Die Kirche zu Straßberg gehört zu den wenigen vogtländischen Gotteshäusern, denen es vergönnt war, ihr vollständiges Geläut, trotz der Metallknappheit des letzten großen Krieges, behalten zu dürfen. Die größte der drei Glocken außer einer kurzen Widmung die Inschrift:

Durchs Feuer bin ich geflossen,

Christoph Salomon Graulich von Hof hat mich gegossen.

1725.

Die mittlere ist die älteste. Sie stammt aus dem Jahre 1673, und der Glockengießer heißt Hiob Breitinger.

Die kleine Glocke, gestiftet vom Kurfürstlichen Sächsischen Rittmeister Adolph Hauboldt Reibold, hat Daniel Hendel aus Zwickau anno 1688 gegossen.

Abb. 6 Straßberg mit Kirche

Statten wir zuletzt dem alten Friedhofe, der rings um die Kirche sich breitet, einen Besuch ab. Ehrwürdige Lebensbäume verleihen ihm ein düsteres Gepräge ([Abb. 3]). Eingesunkene Steinmale und rostkranke schmiedeeiserne Grabkreuze ragen aus einer Wildnis von Blättern und Blüten. Wundersam schmiegt sich aus dem Ostgiebel der Kirche die alte Sakristei an ([Abb. 5]). Unter den Steinfließen des kleinen Gebäudes ruhen seit 1821 im herrschaftlichen Erbbegräbnis die Gebeine der Rittergutsfamilie Golle auf Neundorf. Später wurde eine Gruft an der im Bilde sichtbaren Außenseite der Sakristei angelegt. Hier wurden Rittergutsbesitzer Karl Bruno Golle (gestorben 1917), Hauptmann Bruno Herbert Golle (gestorben 1917) und Rechtsanwalt Karl Hans Golle (gestorben 1921), beigesetzt. Wilder Wein rankt am bröckelnden Gemäuer empor, und von der Kalktünche des Ostgiebels rieselt an nebelfeuchten Tagen Körnlein um Körnlein. Die seit 1832 nicht erneuerte Kirche zu Straßberg bedarf, soll sie nicht völlig dem Verfall entgegengehen, innen und außen einer gründlichen Erneuerung. Die Kirchgemeinde hat keine Mittel hierzu. Es ist Pflicht der staatlichen Behörden, des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, des Landesamtes für Denkmalpflege und des Finanzministeriums, helfend einzugreifen und das gefährdete Kunst- und Kulturdenkmal zu retten, ehe es zu spät ist.

Die Abendglocke hebt an zu klingen. Weich weht der Talwind um die schlanken Pyramiden der Friedhofszypressen. Ich steige hinab ins Getriebe des Alltags, und lang noch im Weiterwandern muß ich gedenken des Schicksals der Kirche zu Straßberg.