Bauernland
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Das alte Meißen – eigentlich wollt’ ich ja stracks vom Bahnhof aus die Landstraße gewinnen, die mich heute wieder einmal so unwiderstehlich anzieht. Aber wie mich nun der Hauch Jahrhunderte alten Bürgertums umwittert aus all den krummen und holprigen Gassen, da bring’ ich es doch nicht fertig, so wie mit Scheuklappen durch die liebe Stadt zu hasten. Und wie es so geht in dem alten Gemäuer, es kommt immer wieder ’was neues, noch nicht beachtetes hinzu, das auch dem eiligen Wanderer noch zur freundlichen Gabe wird und den Schatz an Erinnerungen vergrößert, den jeder echte Heimatfreund mit dem Namen Meißen verbindet. So beschließe ich denn, einen Umweg zu machen und mich, wenn auch kurz nur, an der Krone unserer obersächsischen Heimat zu freuen.
Abb. 1. Meißen, Stadtkirche
Die Superintendentenstufen geht es hinauf und an der hohen Schule vorbei, der Fürstenschule St. Afra. Hier bereits macht sich eine Erinnerung auf, die ich wohl immer behalten werde. Im Maien war es des vorigen Jahres, an einem kostbaren freien Werkeltag, da führte mein Weg hier herauf. Feierlich schwieg es im Bannkreis der Schule; es war, als hielten Bürgertum und Werktag respektvoll den Atem an vor dem Wehen klassischen Geistes. Aus den offenen Fenstern hallten die Stimmen der Professoren, die ihre Schüler auf die Höhen des Wissens führten; aus dem Obergeschoß des linken Flügels sang eine Geige süß und weltvergessen – da, ein Schrei, ein schier böotisches Jauchzen und Jubeln! »Ich habb’se, hurra, zwee Maikäfer habb’ ich.« Ein kleiner Barfüßler aus der Unterstadt hatte sich auf die Brüstung der Einfahrt geschwungen und ein paar der gefräßigen Philister im braunen Bürgerrock gefangen. Was galten ihm die Zauberin Kirke und Eos, die rosenfingrige? Fest stand er auf seinen zwei braunen Beinchen im Tage.
Abb. 2. Grubnitz
Ja, die Jugend in Meißen. Der alte Adrian Ludwig hat’s gewußt, daß das junge Menschengewächs am holdesten in und vor altem Gemäuer emporglänzt. Und als schlüg ich ein Blatt aus seiner Mappe auf, so muten mich die vier Büblein und Mägdlein an, die kurz vor der Zinnenbrücke unterm blühenden Kornelkirschbaum hocken und aus voller Kehle singen: »Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?« Habt Dank ihr lieben Musikanten, ihr macht mir den Sinn leicht und froh in aller Trauer der Zeit. Einmal schon ward mir hier oben das Herze getröstet im Bannkreis des Domes. Das war in den letzten Tagen des tottraurigen Jahres Achtzehn. Ich war im Dome gewesen und hatte die Liebesoffenbarungen deutschen Geistes dort auf mich wirken lassen. Als ich aber wieder heraustrat in den Tag, da fiel mich der Kummer an wie ein reißender Wolf über des Vaterlandes Schande – und dann sah ich ihn stehen. Schlank und hoch, die grüne Mütze des Fürstenschülers auf dem blonden Haar, so stand er unterm haushohen Fenster des fünften Joches am Langhaus, daran noch die glorreiche Hohenstaufenzeit gearbeitet, und blickte hinauf nach dem Westturm, ruhig und zukunftsfroh. Das feldgraue Gewand, aus dem Waffenrock umgearbeitet zum Bürgerkleid, verriet den Kriegsprimaner, der vom Schlachtfelde zurückgekehrt war für kurze Monate zur alten alma mater. Ich aber konnte den Blick nicht von ihm wenden – nein, noch war das Reich nicht erstorben. Hier stand die Jugend vor mir als Symbol – er mußte ja wieder kommen, der Tag der Deutschen! Das ist die zweite Erinnerung, um die mir der Burgberg so teuer.
Abb. 3. Steuden
Einen anderen schon, einen Großen, hat ja deutsche Jugend hier in Meißen gepackt, daß er der Grämlichkeit vergaß, in die er zum Leid seines Volkes versunken war – Goethe. Im April 1813 traf er hier mit einer Schar von Lützows schwarzen Jägern zusammen, als er sich auf der Durchreise nach Teplitz befand. Jubelnd umringten sie ihn und baten ihn, daß er ihre Waffen segne. Und siehe, der Mann, der mürrisch das Wort sprach: »Rüttelt nur an euren Ketten – er ist euch zu groß«, der wurde von all dem Jugendbrause doch schließlich gefaßt, daß er den Gruß fand: »Zieht hin mit Gott, und alles Gute werd’ eurem frischen deutschen Mute.«
Ein dritter Tag noch steigt vor mir herauf, wie ich mich der hohen gotischen Pforte nähere. Ein Ostersamstag war es, so wie heute, und ich schritt voll Ehrfurcht durch den Wald der Säulen, die dieses Domes Dach tragen. Vom Orgelchor herab ergoß sich ein Lied voll Glaubens und Jubelns – eine Frauenstimme probte noch einmal den Festgesang des kommenden Tages. Was hatte deutscher Glaube, deutsches Können hier für einen Tempel errichtet in Liebe und Kraft. Wie zog dies steinerne Gebet das Herz hier empor! Rainer Maria Rilkes Worte der Anbetung kamen mir in den Sinn, die also anheben:
»Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen Dich, Du hohes Mittelschiff –
und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.«
Dann blickte ich um mich. Stand er da nicht neben mir, die Stirne gesenkt, das strahlende Auge auf den Boden geheftet, um die Lippen ein Lächeln, solch ein Hergereister aus heiliger Ferne? »Diese Stunde ist ein Geschenk,« flüsterte er mir zu, mein Freund, der Dresdner Maler Bruno Heinz; der Nazarener, wie sie ihn später genannt haben. Er hatte mich heute hierher geleitet und seine Seele tat sich auf, weit und ahnungsvoll an dieser Stätte. Wenn einer, so verstand er den Geist der Werkleute, die an diesem Tempel gebaut haben viele Jahrhunderte lang. Hier weilte er gern. Verkannt und verspottet, von wenigen nur geliebt und verstanden, ist er seine Straße gezogen. In viel äußerer Not und Kränklichkeit, er, der doch ein König war und ein Dichter. Er, von dem seine Getreuen bald darauf in schwarz geränderter Botschaft meldeten: »Er ging hinüber in jene Regionen, die zur Zeit seines dornenvollen Erdenwallens schon seine ureigene Heimat waren: er ging den Weg seiner Sehnsucht.« All sein Wollen und Können hat er grade damals noch in einer Ausstellung darlegen wollen, einer Rechenschaft über sein Leben. Ach, es waren nicht viele, die in der Kuppelhalle vor seinen gewaltigen Blättern verweilten – und war doch eine Stätte der Rast da für die Seele, ein Gottesdienst in wahrer Bedeutung! »Die aber vorübergingen, schüttelten ihre Köpfe« und schritten zum Nebensaal, wo ein tüchtiger Tiermaler prächtige Ochsen und Pferde ausgestellt hatte.
Heute, hier war er glücklich! Mit einem schier fröhlichen Ruck warf er sein Haar in den Nacken und schritt mit mir weiter durch all den Zauber in Kreuzgang, Kapellen und Bildern. Dann aber standen wir unten am Strome, sahen noch einmal hinauf nach dem Berg, und mein Freund fluchte dem Zeitalter der Technik, das das Bild der reinen Magd über der Elbe geschändet hat und der Menschen Seele verwüstet.
Doch nun ade heute, mein Meißen. Hinaus will ich ja in das Land, zu dessen Schutz und Wehr du einstmals bestellt wardst, hinaus jetzt ins Freie!
Möwengekreisch, Dohlengejauchz und rispelndes Stromrauschen gehn mir zur Seite, wie ich jetzt flußabwärts den roten Klippen entgegenschreite. Noch nie sah ich die Albrechtsburg so schön und frei wie von hier aus. An der Schildmauer zwischen Bischofspfalz und Marien-Magdalenenkapelle klettert der Efeu empor und an der Burg gar strebt er hinauf in schwindelnde Höhe bis an die Fenster des zweiten Stockwerkes mit ihren gewaltigen spätgotischen Vorhangbögen. Ein Felsentor öffnet sich dann beim Gasthaus zur Knorre, und frei liegt der Wasserweg vor mir. Gar lieblich fließen die österlich frohen Farben der Landschaft ineinander über – das Junggrün der Saat und das Blaugrau des Stromes, über dem allen das Rot des Steinbruchgewändes am hohen Ufer. Will aber in all dem Sonnenglast das Auge dich schmerzen, so schau dich nur um und lasse den Blick einmal rasten auf dem ruhevoll grauen Altersgewande der Burg.
Wie der Steinbruch am Ufer nagt; nackt und kahl schießen gewaltige Wände gen Himmel. Aber versöhnlich breiten sich auf dem abgeräumten Gelände jetzt neue Weingärten mit frischem Gepfähl und jungem Rebwuchse aus. Da – hoch in den Lüften ein Sperber – stockstill steht er jetzt in dem brausenden Sturm, die Brust tief gesenkt, die Schwingen fast senkrecht gehoben, den langen Stoß aufgebogen vom Winde. Lange kann ich ihn durch das Glas so beobachten; dann geht ein elektrischer Ruck durch den Vogel und wie ein Pfeil schießt er herab ins Buschwerk des Hanges.
Hier nehme ich Abschied vom Strom. Durch sprießenden Laubwald geht’s einen Stufenpfad aufwärts, und unter festlichem Finkengeschmetter betrete ich die gesegneten Fluren von Zadel. Noch einmal aber schweift von hier aus der Blick zurück auf Fluß, Tal und Höhen, bis hinten im Morgendunst der Burgberg die Aussicht verriegelt. Wie reich ist hier wieder einmal unsere Heimat! Ich will nur hoffen, daß im kommenden Mai, wenn der Kirschbaum im Blütenkleid erjauchzt, diese Stätte von den Meißner Liebesleuten recht fleißig besucht werden wird; schöner als hier kann sich’s nirgends wohl träumen lassen von Lebensglück und Liebesdauer landaus und landein.
Zadel hat seine Bedeutung gehabt in der Geschichte der deutschen Besiedlung unserer Heimat. Es war Burgward und geriet früh unter die Klosterherrschaft von Zella. Unterm Krummstab ward die Rebe hier eingeführt und sie gedieh trefflich durch all die Jahrhunderte bis auf unsere Tage. Das alte Klostergut, seit der Reformation Staatsgut, und die benachbarten Hufen waren bevorzugte Weinlagen, und auch jetzt noch baut man hier einen Gutblau, Gutblank und Gutedel, der sich sehen lassen kann. Es hat Jahre gegeben, da hier St. Urban, der Rebenpatron, eine mächtige Segensfülle gespendet; so wurden 1652 hundertunddreißig Faß hier gekeltert. Der Nutzen, der so aus dem Weinbau entsprang, veranlaßte die Bauern, die Weingärten immer mehr auszudehnen, nicht nur in den Hängen, sondern auch auf der Hochfläche, bis Johann Georg II. in volkswirtschaftlicher Erkenntnis dem entgegentrat. »Wo der Pflug kann gehen, soll kein Rebstock stehen,« ist ein richtiges Wort.
In früheren Zeiten bekam die Pfarre zu Zadel ein jährliches Mostdeputat aus den landesherrlichen Bergen. Diese, später gegen Geld abgelöste Gerechtsame hat sich und seinen Herren Amtsnachfolgern wohl der gelahrte Magister Petrus Dietrich verdient. An ihn, heißt es, war einst die Frau Kurfürstin während des öfters vorkommenden Hoflagers auf dem Kammergut herangetreten mit der Bitte, ihren Eheherrn ob seines mächtigen Durstes und dessen allzu bereitwilliger Löschung ein wenig »zu schütteln«. Der Magister versprach, das Seine zu tun; wie er am Sonntag aber den lieben Herrn in seiner ganzen behaglichen Fülle unter der Kanzel sitzen sah, da bracht’ er es doch nicht übers Herz, zu scharf mit ihm ins Gericht zu gehen. Immerhin soll er einige milde Hinweise auf die bedenklichen Folgen allzu scharfen Zechens getan, dann aber mit den Worten geschlossen haben: »Se. Kurfürstliche Gnaden hat’s, es bekommt ihr, Gott segne’s ihr. Amen.« Ergebnis – die oben erwähnte Jahresspende!
Überaus anmutig ist das Kernstück Zadels, das stattliche Kammergut, auf dessen Hof von ferner Höhe her die dreizackige Kirche von Lommatzsch hereingrüßt, und die Dorfkirche. Im Jahre 1842 ward dies Gotteshaus errichtet an Stelle des alten Baus aus dem Mittelalter. Gurlitt nennt die neue Kirche in ihrer noch tastenden Gotik ein nicht unwichtiges Beispiel der auf die ländliche Kunst sich erstreckenden Romantik; und in der Tat, sie ist lieblich.
Unter einer herrlichen Apfelbaumallee ziehe ich dann hinüber zum Golkwald, der die Meißner Gegend von der Großenhainer Pflege trennt. In der Wiese schnarren die Stare, hinter den Weiden am Gosebach taumeln die Kiebitze hoch, und steif und lendenlahm hoppelt Meister Osterhase über die blanke Sturze. Mit Gebraus fährt der Südwest durch den Altgoldschopf der Eiche im Wiesengrunde; dann packt er mich in Genick und Rücken und schiebt mich als lästigen Ausländer über die Zadeler Grenze, hinein in den Golk. Das ist ein schmales, langes Stück trefflich gepflegten Staatswaldes, in dessen Stangen und Schlägen überall gewaltige Felsbrocken verstreut liegen. Sind’s wohl die Reste der Riesensteine, der Geschosse, die jene zwei feindlichen Nachbarn aus dem Geschlechte der Riesen einst gegeneinander geschleudert haben, der eine beim deutschen Zadel, der andere beim slawischen Wantewitz stehend? In noch anderen Strichen des Koloniallandes hier weiß das Volk von solchen Gigantenkämpfen zu berichten. So stammt der Sockel des Königdenkmals im Dresdner Zwinger und der Würfel des Moreaudenkmals von den Riesensteinen in der Nassau. Man darf wohl annehmen, daß mit den gewaltigen Streitern die beiden artfremden Völkerschaften, Germanen und Slawen, gemeint sind, die hier erbittert um die Herrschaft gerungen. Verschwunden ist wendische Art längst aus der Gegend, aber wenn die Bäuerin hierzulande die Gänse lockt mit dem Ruf: »Biele, biele« oder »husch-husch«, so sind das noch Überbleibsel aus der Sprache der Wenden.
Abb. 4. Zadel
Nach kurzer Waldwanderung grüßt mich wieder lachendes Bauernland, Laubach liegt vor mir. Über seine Fluren bin ich schon einmal geschritten, an einem Dezembertag im Schützenkessel. Die vielen Hasen, die allenthalben herumkobolzten, ließen mich damals nicht recht zur Betrachtung der Landschaft kommen. Heute, als schlichter Wanderer, habe ich mehr von ihr und kann mich ungestört an den roten Dächern und stattlichen Obstgärten des freundlichen Ortes freuen. Das Revier ist ja auch nicht mehr in Freundeshand; ich brauche also weiter nicht achtzugeben auf die Zahl der Hasen und Paarhühner, die ich antreffe, um daheim dem Revierherrn zu berichten. Knapp genug mag es übrigens selbst hier im milden Niederland für den armen Löffelmann im diesmaligen Winter zugegangen sein; jedes Weichholzgebüsch ist bis hoch hinauf blitzblank abgeknappert. – Der Gasthof zu Laubach besitzt eine Sammlung von überaus drolligen Öldruckbildern aus dem Jägerleben von Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ich habe sie gern, diese derbbunten Blätter, die so lustig all die Verlegenheiten schildern, in die ein Jägersmann geraten kann bei der Suche auf Hase und Huhn, bei der Pirsch auf Hirsch, Reh und »Kittelwilpert«. Es ist das auch eine Art Volkskunst, meine ich.
In träumerischer Frühnachmittagsstunde geht es dann weiter hinaus ins stille Land mit seinen Windmühlen und schwarzen Pflaumenbaumalleen. Kein brüllendes Auto, kein Fabriklärm stört den Frieden des stillen Tages der Grabesruhe; reines, ehrfürchtiges Bauernland schaut hier hinauf in den Himmel. Ganz selten einmal begegnet mir ein ländliches Fuhrwerk, fast stets dann mit wundervollen, edlen Pferden bespannt.
Abb. 5. Zehren – Zadel
Dort, wo das Land sich zur höchsten Erhöhung aufwellt, steht die neue Kirche von Wantewitz, dem »Dorfe des Iwan«, des grimmigen Feindes von Zadel. Einen erstaunlich weiten Blick tust du von hier aus ins Land. Erdwälle sollen früher das hochgelegene Dorf umgeben haben, noch 1840 sollen sie sichtbar gewesen sein. Damals stand auch noch die alte Kirche hier oben, die so viel mehr für Herz und Gemüt dem Heimatmenschen geboten haben muß mit ihrem wuchtigen, bodenständigen Breitturm als der nüchterne Bau aus dem Jahre 1864. Aber so war es ja damals fast überall im Lande – die alten Kirchen mußten weg. »Baufälligkeit« war meist der Befund, und wenn es dann ans Abreißen ging, da brachte man das ungeheure Mauerwerk oft gar nicht nieder, und die Pioniere mußten kommen mit Pulver und Zündschnur. Manch herzliebes Dorfbild hätte uns erhalten bleiben können; nur mit wirklicher Wehmut kann man Vergleiche anstellen aus den Abbildungen der alten sächsischen Kirchengalerie etwa, die um 1840 herauskam, und denen der neuen Auflage dieses Werkes aus unseren Tagen. – Sauber und nüchtern liegt das Innere der Wantewitzer Kirche vor mir; den schönsten Schmuck hat sie wohl in den zwei Leuchtern auf dem Altar – Eisenguß in edler Hermenform mit klassischer Lichtvase und ruhiger Ornamentik; ein beachtenswertes Werk aus der Frühzeit von Lauchhammer offenbar.
Abb. 6. In der Großenhainer Pflege
Wild fegt der Westwind jetzt über das Land, die Sonne ist hinter grauen Wolken verschwunden und der bunte Sonnenweiser am Halbhüfnerhaus von Wistauda kann seines Amtes nicht walten. Dorf Porschütz liegt hinter mir, und in der Ferne taucht Großenhain auf in einer auenartigen Landschaft, trotz aller Fabrikessenunzier noch ein trauliches Stadtbild mit seiner hohen graziösen Marienkirche. Fröstelnd blick ich mich um am Wegekreuz, etwas Melancholisches liegt über der Landschaft, und fürwahr, es ist eine traurige Stätte, an der ich jetzt stehe. Vor hundertundeinem Jahre hat sich hier eines jener Nachtstücke aus dem menschlichen Leben abgespielt. Ein junges Mädchen, eine Bürgerstochter aus Großenhain, ist hier einem Wüstling zum Opfer gefallen und unter seinen Fäusten verröchelt. Ins Elternhaus wollte sie heimkehren vom Besuch bei Verwandten über der Elbe, und als sie in den Abendstunden an diese Stätte hier kam, da früher ein Wäldchen gestanden, da brach aus den Büschen der Mörder hervor. Verzweifelt muß sie um ihr Leben gekämpft haben; ein Stück Tuch, aus dem Mantel des Mörders gerissen, verriet diesen später. Dabei ist ihr Hilfegeschrei nicht einmal ungehört verklungen; Landleute auf den benachbarten Feldern haben es gehört, haben es aber »nicht weiter beachtet« – ein bitterer Beitrag zur Geschichte menschlicher Trägheit und Torheit. So mußte dieses »schöne, allgeliebte und gute Mädchen«, wie das Großenhainer Wochenblättchen im Nachruf sie nennt, hier im Angesicht der Vaterstadt sterben. Auf dem Friedhof zu Strießen liegt sie begraben; auf ihrem Leichenstein, zu dessen Füßen ein paar Veilchen hervorsprießen, find’ ich die rührenden Worte: »Groll und Rache sei vergessen, unserm Todt Feind sei verziehn.« Der Vater war ein ehrsamer Buchbindermeister und kannte seinen Schiller. Den kleinen Denkstein an der Mordstätte aber, der im Laufe des Jahrhunderts halb ins Erdreich versunken war, hat der durch zahlreiche Veröffentlichungen um die Heimatgeschichte des Kirchspiels wohlverdiente Pfarrer Hasche zu Strießen wieder heben lassen.
Abb. 7. Meißen
Dieses Strießen mit seiner umfangreichen Geschichte darf wohl als typisches Dorf der Großenhainer Pflege gelten. Viel Beachtliches aus altsächsisch dörflicher Vergangenheit bieten seine Annalen. Da sind die »neuen Rügen«, die der Justizamtmann von Großenhain im achtzehnten Jahrhundert für das eingepfarrte Medessen festsetzte. Ein Paragraph aus ihnen gefällt mir besonders. »Auf jedem Hof,« heißt es da, »sollen zwei Samengänse gehalten werden und ein Gänsch. Der Zuwachs an dem Bestand aber soll zu Martini in jedem Jahr bei Strafe von einem Groschen gänzlich abgeschafft sein.« Ist das nicht eine gar fürsorgliche Anhaltung, den Genuß des edlen Gänsebratens bei denen Untertanen nach Kräften zu verbreiten? Gemeint wird die Vorschrift ja haben, den übermäßigen Weidegang der Martinsvögel einzuschränken. Von Interesse dürfte auch der Gutsübergabevertrag sein, der im Jahre 1740 hierzulande abgeschlossen ward und der einen beachtlichen wirtschaftsgeschichtlichen Beitrag liefert.
Da wird der Sohn verpflichtet, der das Gut an ihn abtretenden Mutter jährlich sechs Scheffel Getreide zu liefern und mahlen zu lassen. Beim Backen hat er ihr immer von ihrem Mehl zwei Brote und einen Kuchen in die mittelste Reihe des Backofens zu setzen. Er muß für sie eine Metze Lein aussäen, ihr einige Beete im Grätzegärtchen überlassen, dazu ein anderthalbjähriges Schwein und einen »tüchtigen« Stall, auch zwölf Kannen Butter, sechs Kannen Mai-, sechs Kannen Herbstbutter, ein Schock Käse, ein Schock Eier, den vierten Teil von allem Obst, freies Getränke »soweit er es selbst hat,« alle Sonntage eine Kanne Milch für sie bereitstellen. Der Mutter steht die Mitbenutzung des Kirchenstuhls zu, die der Mandelkammer, und der nötige Raum in der Stube, besonders die Hölle am Ofen. Sie darf bei des Sohnes Feuer kochen; wird sie krank, darf sie ihr Bett in die Stube stellen lassen, auch muß ihr eine Wärterin gehalten werden. – Ein guter Rückversicherungsvertrag wahrlich.
Im Jahre 1813 litt das Dorf besonders stark unter den Kriegslasten. Als Napoleon sich endlich am 27. September über die Elbe zurückziehen mußte, gab er den Befehl, das Land nach Möglichkeit zu verwüsten, alle Obstbäume niederzuhauen, sämtliches Vieh fortzutreiben, die Wälder zu verbrennen und alle Nahrungsmittel zu zerstören. Glücklicherweise verhinderte das rasche Vordringen der Verbündeten die Ausführung dieses Befehls. Die sächsischen Truppen aber sollen über die harte Behandlung ihrer Heimat so erbittert gewesen sein, daß sie bei einer großen Parade trotz des brausenden vive l’empereur der französischen Regimenter beim Vorüberreiten des Kaisers in völliger Lautlosigkeit verharrten, obwohl sie Napoleon sogar mit einer Ansprache beehrte.
Gar viel haben wir zwei Heimatfreunde, der Herr pastor loci und meine Wenigkeit, im traulichen Studierzimmer der Strießner Pfarre noch zu erörtern vor uns, da tritt das Pfarrtöchterchen herein: »In zwölf Minuten geht der Zug in Priestewitz ab.« Und so würdelos der Abschied wirken mag – wie ein gehetzter Bösewicht sause ich die Dorfstraße hinunter, und muß das liebe Dorf, das mir mit seinen gemütlichen Bauernhöfen und ummauerten Grasvorgärten beim Einmarsch so wohl gefiel, unbesehen lassen. »Ein und ein halb Kilometer bis zum Bahnhof« steht am Wegestein – und rund zehn Minuten nur Zeit! Da heißt es hergeben, was an Wanderlust noch in den Gliedern geblieben! Aber ich schaff’ es, querfeldein über Wiesen und Äcker; doch erst in Dresden komme ich wieder richtig zu Atem.