Auf den deutschböhmischen Kammhochflächen des östlichen Erzgebirges
Von A. Eichhorn, Glashütte
Aufnahmen: Max Nowak, Dresden
Abseits von den belebten Fremdenorten auf der Nordabdachung des östlichen Erzgebirges liegt unser heutiges Wandergebiet. Noch vor zwei Jahrzehnten ruhte über diesem und jenem Dörflein und Städtlein der genannten Landschaft die Bergeinsamkeit. Da erwachte in den Menschen der Großstadt die Sehnsucht, aus Lärm und stauberfüllter Luft für Wochen in reine Luft und Stille zu fliehen, einmal in einfacheren Lebensverhältnissen zu sein. Das war ein edles und wertvolles Vorhaben. So mancher Häusler kam durch seine Sommergäste zu einem Sparpfennig. Aber bald brachten die »Fremden« das, wovor sie flohen, in die Abgeschiedenheit mit, und manches Stück Bodenständigkeit der Einheimischen in Sprache, Kleidung, Wohnungseinrichtung und Volkssitte schwand dahin.
Abb. 1. Blick vom Fleyberg über die Hochflächen von Motzdorf, Grünwald, Willersdorf, Ullersdorf
Abseits von den vielbegangenen Wanderstraßen, die über Nollendorf, das Mückentürmchen und durch den Seegrund führen, dehnen sich die weiten Hochflächen im deutschböhmischen Teil des östlichen Erzgebirges. Nur eine kleine Zahl vom großen Heere der Bergwanderer zieht auf dem Kammwege dahin, der über sie hinwegführt. Und die hier oben wandern, haben nur zu oft ihre vorwärtsdrängende Hast nicht daheim gelassen und können auf der dehnenden Weite nicht zur Ruhe kommen. Wer aber beharrenden Geist mitführt und im beschaulichen Verweilen mitunter den Kammweg verläßt, dem rinnt der Quell der Entdeckerfreuden, dem wird das »Neuland« zum Erlebnis. Nur der flüchtig schauende Wanderer kann diese Landschaft, die sich von Peterswalde an über Streckenwalde, Adolfsgrün, Vorderzinnwald, Hinterzinnwald, Neustadt, Willersdorf, Ullersdorf, Grünwald, Motzdorf, Fleyh bis Georgendorf breitet, »öde« nennen. Dem Kenner bleibt sie ein liebes Wandergebiet.
Dies Hochland trägt noch den Wintermantel, wenn die Menschen im Tiefland unter blühenden Bäumen den Frühling einatmen. Es ist eine erstorbene Landschaft um die Zeit, wenn die schweren Spätherbstnebel wochenlang darüber liegen. Es ist ein ergreifend Stück Heimaterde zur Mittsommerzeit, da alles seine Farben trägt und über die breitenden Hochwiesen sich ein weiter blauer Himmel spannt.
Zu solcher Stunde tritt einmal an den Rand der Hochfläche, vielleicht auf den Keilberg bei Neustadt, auf den Stürmer, die basaltne Strobnitz oder gar auf den zerblockten wegfernen Wieselstein. Jäh verstürzt sich der gewulstete Rand in eine weite Ebene, darüber sich viele gewaltige Basalt- und Klingsteinkegel türmen. Dein Gedankenlauf geht zurück in graue Zeitferne, da der Steinteig feuerflüssig aus der Erde quoll und zum drohenden Donnersberg, Kletschen, Schladnig, Borschen, Sellnitzer und Radelstein erstarrte, wie Wasser, Eis, Sonne und Wind an ihren Körpern nagten und mit umgestaltender Kraft um ihre Füße ein reiches Pflugland breiteten. Du schaust hinab auf eine einzige, riesige, verdunstete Werkstatt, daraus hunderte von Schloten starren, denen der Rauch in hoher Säule entsteigt und sich im Steigen zur breiten Wolke lockert oder breiig träge über den Rand quillt. Und all die wechselnden hellen und dunklen Qualmmengen fließen zum drückenden Dunstmeer zusammen. In der dunstschwangeren Ebene kriechen viele schwarze Schlangen mit qualmspeienden Köpfen. Das sind die langen Kohlenzüge, die aus dem Kohlenbecken die verkohlten Baumgestalten tertiärer Wälder zu den Dampfkesseln der Werkorte fahren, darinnen mit nervenzerrüttendem Lärm rastloser Menschenfleiß schafft.
Nach solchem Blick in die gärende Tiefe betritt wieder die Hochfläche. Verschwunden sind die aufgeregten Formen. Wie ein Greis in seiner wohltuenden Ausgeglichenheit begegnet dir die Landschaft, wo Wald, Wiese und Moor sich dehnen, die Ebereschenstraße zieht, die Berge sich als sanfte Hügel wölben und dazwischen in der flachen Wiesenmulde, bachentlang, sich das Hochdorf duckt oder verstreut auf freiem Plane hockt.
Du wirst diesen Gang tun mit dem Gefühl, einem erstickend machenden Dunst entronnen zu sein. Deine Atemzüge gehen tiefer. Oh, hier streicht reine Höhenluft, hier scheint die Sonne heller! Das Hehre der Einsamkeit wird dir nun erst bewußt.