Kampf und Entsagung

Ja, hier oben atmet sichs leichter. Aber es ist eine karge Heimat. Kampf und Entsagung spricht aus ihrem Antlitz. Kämpfen und entsagen müssen Pflanze, Tier und Mensch. Durch alle Monde hindurch währt der Kampf mit den Wetterkräften.

Abb. 2. Blick vom Keilberg über Niklasberg und die Teplitzer Ebene nach dem böhmischen Mittelgebirge

Reißender Sturm und Nebel führen miteinander einen zerzausenden Kampf. Vorbei jagt das weiße Gebrodel, und hinter dem Tarnschleier ahnt der Nebelwanderer die weite Wiese, den Wald. Immer währt ein Kommen und Gehen von weißem Geschiebe. Es ist Erregung in diesem Treiben. Aus der nebelverwischten Landschaft kommt nahes Wasserrauschen. Doch wenige Schritte vorwärts, und das Auge sagt, dem getäuschten Ohr, daß der Sturm mit dem Bergwald ringt. Aber nichts Körperhaftes ist am Walde: Ein schwingender, rauschender Schatten.

Drinnen im Wald wird der Nebel ziehend, wälzend, schleichend. Schwermut liegt im Nebelwald. Ein zeitloses Versinnen überkommt den Wanderer beim Gehen durch das graue Dämmer, das zwischen den Stämmen träge zieht, zuweilen regungslos zu schweben scheint.

Abb. 3. Wetterwolken über Unterwillersdorf und Motzdorf

Da plötzlich schlägt der Bergfink im Nebelwald. Aber nur mit Mühe vermag das Ohr die Richtung des Schalles zu bestimmen. Es ist, als litte das Ohr, wenn das Auge im Blick zum bunten Sänger gehemmt wird. Dann ruht der Bergwald wieder in seiner erschauernden Schwermut.

Und mit der nebelschwangeren Bergluft atmet der Wanderer die Schwermut ein. Im Versunkensein wird der hastende Geist zur Ruhe gebracht, wird manch Samenkörnlein für kommendes Schaffen erworben.

Ein erschauernder Zauber liegt im nebeltriefenden, sturmzerkämpften Wald. Millionen Tröpfchen hängen am Waldgras, am Nadelgehänge der Fichten. Mit dem Bergwald trieft des Wanderers Mantel, an dessen Saum sich der zu Tropfen gewordene Nebel speicherte. Vom Licht- und Schattenspiel ruht der Wald. Ausgelöscht sind die Waldfarben. Als drohende Gestalten geistern die Überhaltstämme auf der Lichtung.

Aus dem Nebel löst sich eine Menschengestalt, schreitet mit kargem Gruß vorüber, um sogleich wieder zu Nebel zu werden. Nebelverwischt zieht der Berghirsch über den Weg von Waldwand zu Waldwand.

Unmerklich endete der Wald. Hier lag an Sonnentagen das Hochdorf so wundersam verloren auf seinen Wiesen. Und heute? Doch nah, recht nah muß es sein, denn immer sind Dorfgeräusche vernehmbar, und der Zwitscherlaut der Schwalbe schrillt ans Ohr, die nahrungsuchend durch das Dämmer jagt. Ja, ein harter Kampf ist es für ein Schwalbenpaar, die Kinder zu erhalten, wenn selbst um des Jahres Hochzeit tagelang die mückenleere Nebelluft über den Hochflächen lagert. Wie schreien die kleinen Vogelkinder, wenn die wärmenden Eltern einmal für wenige Augenblicke nestfern sind. Auch die Stare gehören im Hochdorf zu liebgewordenen Sommergästen. Im Starkasten auf der sturmgerüttelten Eberesche wohnen sie. Wohl macht ihnen der Nahrungserwerb nicht so viel Mühe wie den Schwalben, aber kalte Tage bedeuten auch für sie karge Tage, weil das Gewürm im Boden bleibt. Auch jeglichem Haar- und Federwild sind die langwährende Nässe und Kühle zwei schlimme Feinde.

Aus durchwärmter Stube schaut das Auge in das weißgraue Dämmern, das kaum bis zum Nachbarhaus sich öffnet. Da verstärkt sich das Gefühl größter Abgeschiedenheit. Aber sollte heute, an des Jahres längstem Tage, der Nebel sich nicht lockern, nicht weggeblasen werden vom reißenden Luftstrom? Sie geben keine Hoffnung, die nebelkundigen Siedler. Mit tagelanger Nebelhülle auch zur Jahreshöhe sind sie vertraut. Und die bettelnde, wettertrotzende Zigeunerin schreitet barfuß mit ihrem Säugling im Rückentuch in den ziehenden Nebel, dessen nasser Hauch keinen wärmenden Sonnenstrahl zur Erde läßt.

Um die Mitternachtsstunde verglimmen die letzten dampfenden Glühaugen aus regungslos hockenden Gestalten. Totenstill ruht das Hochdorf in seinem Nebelsarge. –

Zerkämpfte Gestalten stehen im Wald und an den Straßen. Windgeschert sind Buche, Fichte, Eberesche. Der Bergwind stellte sie schief am Straßenrande und die Seite, die ihm zugekehrt, schor er ab. Nun gleicht die Baumkrone einem nach hinten zu wehenden Schopf. All die Zweige, die dem dauernd streichenden Winde zugekehrt sind, leiden an übergroßer Verdunstung, denn die wehende Luft wirkt aussaugend auf die Zwischenzellräume in den Blättern, ausgetrocknet wird der Boden und er vermag der übermäßigen Verdunstungsseite des Baumes nicht genug an Lebenssaft zuzuführen. Die Zweige verkümmern, sterben ab. Durch die monatelang gleichgerichtete Zugkraft zwingt der Wind die Äste der Gegenseite in seiner Streichrichtung zu wachsen. In einem so langen, ununterbrochenen Kampfe verlieren die Holz- und Bastzellen ihre Schnellkraft, die Fähigkeit, nach dem Anprall des Luftstromes wieder in ihre alte Lage zurückzuweichen. Die Baumkrone wird windschief.

Abb. 4. Oberwillersdorf in flacher Wiesenmulde

Feuchtende Nebel, zerzausende Wetterschauer und lastende Eismantel schufen die zerkämpften, zum Teil erstorbenen und wie blitzgetroffen anzuschauenden Baumgestalten auf dem Wieselstein. Trümmerholz in maßloser Menge, entrindet, gebleicht, vereint sich mit dem Blockgewirr zum fußhemmenden Kampffeld. Von jahrtausendelangem Kampfe mit den nagenden Wetterkräften zeugen die zerschundenen Felsmassen, um die sich das Haufwerk von Blöcken schart.

Stürmer! Es mag wohl sein, daß ihm seine Lage an einer der sturmreichsten Randaufwölbung der Kammhochflächen diesen Namen eintrug. Noch nirgends auf dem ganzen Erzgebirge sah ich einen so zerstürmten Buchenwald wie an des Stürmers sanft geneigter Westseite.

Moos- und flechtenüberkrustet sind Baum und Stein im feuchten Hochflächenwald. An den Wurzeln hocken die Becherflechten mit ihren roten Fruchtkörperchen. Unzählbar gelbe Schüsselchen vereinen sich zum leuchtenden Farbenpolster. Auf glatten Buchenstämmen zeichnet die Schriftflechte ihre Runen. Im Verein mit den Flechten haben sich die Moose in den Klüften der zerfurchten Fichtenrinden eingenistet. Hier rinnt das Wasser nicht so schnell herab, da können die winzigen Geschöpfe trinken nach Herzenslust. Gar verschieden sind sie an Farbe, vom hellgelblichen Grün durch alle Grüntöne hindurch wechselnd bis zum dunklen Samtgrün. Der Bergwanderer muß sein Leben schon nach dem Stifterschen Moossucher gestalten, wenn er den Artenreichtum dieses Pflanzengeschlechts ergründen will, das seine volle Farbenpracht im Regen leuchten läßt und mit seiner Schwellung ein Stück Regenschönheit von eigenem Zauber wird droben in der Einsamkeit. –

Es ist eine ernste Zeit für die Siedler, wenn das Heimsen auf den Hochwiesen anhebt. Mit erstem Dämmerschein zischen die Sensen durchs taugenäßte Gras, und wenn das Frühglöckel im Dorfe schwingt, dann eilt Weib und Kind hinaus und hilft mit streuen, wenden, laden. Selbst die kleinste Kraft muß dienen und sei es, daß sie die Heubüschel wiederholt, die der frische Bergwind wegblies, der die perlenden Stirnen kühlt. Mit dem Bergwind streicht würziger Heuruch über die Weiten. Dängelhammergeklirr verhallt sich im Walde.

Abb. 5. Blick vom Wieselstein (956 Meter) über das bewaldete Kammland nach Osten. Auf der freien Fläche Häuser von Langewiese

Heuzeit, heilige Zeit! In diesen Tagen bedeutet die Wiese für den Häusler die Kirche. Gar selten wird von den Heumachern ein Wörtlein laut. Es ist ein schweigsames Heimsen unter dem Sonnensegen, als gelte es, einen Schatz zu bergen, der verlorengeht, wenn Menschenlaut das Bergen stört. So ist es auch. Dem Häusler bedeutet sein Heu den größten Schatz und jede Stunde, ungenützt im verweilenden Gespräch, kann ihm sein Kleinod entwerten, wenn tückisch schnell sich nasser Nebel naht und tagelang nicht wieder weicht.

Abb. 6. Neustädter Häusergruppe im Nebel

Hat die Kuh ihr kräftig Heu, dann gibts auch Nahrung und von der Milch bescheidenen Erlös, erworben im stillen Heldentum der Arbeit. Der Bergwanderer nimmt das Mühen wahr, wenn er zu früher Morgenstunde am Steilhang weilt. Wägelchen auf Wägelchen, beladen mit zwei, drei und vier Milchkannen, rollt hinab in die Kurstadt und ihre Vororte. Dem Verkauf folgt die dreistündige, kraftfordernde Heimfahrt. Täglich wird der sechsstündige Lauf vollbracht neben aller Häuslerarbeit, auch wenn die Wiese höchste Kraft verlangt zu ernster Heuzeit.

Abb. 7. Nebel im Wald bei Willersdorf

Erst wenn die knisternde Ernte unters hohe Schindeldach gezwängt ist, dürfen sich die müden, schmerzenden Glieder in gewohnter Arbeit erholen. Dann folgt dem stillen Belebtsein auf den Hochwiesen durch die Heumacher ein ander Leben. Glöckelnd grasendes Milchvieh schreitet darüber und verwischt mit geräuschvollem Grasen die bogigen Sensenspuren. Des Hüters greller Ruf schreckt das Bergschweigen.

Abb. 8. Ebereschen im Nebelsturm bei Neustadt

Nur wenige Wochen genießen des Häuslers Kuh und Ziege den freien Weidegang. Während ihre Artgenossen im Tieflande sonnige Gilbhardtstage im Freien verbringen, hocken sie schon wieder im engen Stalle. Und draußen streicht feuchtender Nebel. Draußen heult der Sturm. Im Reif frösteln die Hochwiesen.

Ist die Heuernte geborgen, dann werden die Krüge mit Blaubeeren gefüllt, auf dem Moore die Rauschbeeren gestreift. Einen guten Korn gießt der Vater darüber, dann gibts nach einigen Wochen einen wohltuenden Trunkelbeerschnaps für Magen und Unwohlsein. Und weit habens die Häuslerkinder in ihrer Kunst gebracht, »Schwämme« aufzustöbern. Es muß auch ein großer Vorrat sein, wenn im Winter oft das Schwammlmahl auf dem Tische stehen soll. Der Winter ist ja so lang, so lang.

Abb. 9. Stube in Neustadt. Im Hintergrund der weißgetünchte Backofen. Anfeuern geschieht von der Hausflur aus

Entsagen müssen die Häusler jeglicher Obstfrucht, kein bunter Apfel, keine Birne reift da droben. Nur in der Ferne schauen sie unten ein üppiges Obstland. Grünen Bändern gleich dehnen sich die Fruchtbaumreihen in gelben Weizenflächen und an Straßen. Dort liegt gebender Boden. Dort scheint die Sonne wärmer. Entsagen muß auf der Kammweite das Auge dem Anblick von manneshohem, windgewelltem Halmenmeer, darinnen Rot und Blau und Weiß mit Ährengelb zum Farbeneinklange sich schart.

Abb. 10. Grenzgraben in der Kiefernweiche

Der Siedler kann zuweilen nur kniehoch den Brothalm sensen. Erst spät im Herbste reift mit Müh der Hafer. Zum seltnen Klang im Dorfe wird des Flegels Polterschlag. Abgerungen will der Boden seine karge Gabe haben. Bodentreue Herzen gebiert dies Hochland, zufrieden in ihrem Entsagen. Und lieb, lieb gewinnen sie ihr Fleckchen Heimaterde im werbenden Schweiße. –

Ein tüchtig Holz gilts auch immer bereit zu halten, denn keine Kohle kocht das Mahl, und der Backofen will ein kernig Scheit haben, wenn das Brot geraten soll. Zwei, drei und zuzeiten auch mehr behäbige Holztürme aus Stockholz und Scheiten stehen ums Häusl, hoch bis zum Schindelgiebel. Die besten Mitkämpfer sinds gegen des Winters Tücken, für die Zeit, da aus schneeträchtigen Wolken vom Abend zum Morgen, vom Morgen zum Abend ein begrabend Niederschütten anhebt. Langsam, unaufhaltsam versinken Weg, Brücke und Strauch im Schnee. Im Wald schart sich das weiße Flocken zur drückenden Last, knickt Ästchen, bricht Äste, senkt Wipfel, verzaubert Baum und Bäumchen zu bittenden, drohenden, fliehenden Menschen- und Tiergestalten.

Am Wetterhäusl vor der Haustür schaufeln die Leute den Weg frei zum Brunnenhäusl, schaufeln und schaufeln, es schneit und schneit, bald wird die Haustür am Giebel zum Ausgang.

Abb. 11. Drei Meter hohe Abstichwand im Seemoor

Kein Holz kann aus dem Wald in die Werkorte geführt werden. Die Brettmühlen im Dorfe feiern. Aber auch Schnee gibt Brot. Das Herdfeuer in der Schmiede kommt nimmer zur Ruhe. Gleitschiene um Gleitschiene muß es für die Schlitten hitzen. Ungeduldig verlangen die Zuggäule nach den Wintereisen an ihre Hornschuhe. Dann kommen Männer, vermummt gegen Kälte und Schneesturm, und holen Hacken und Schaufeln, die der Schmied angriffsfest schuf zum Kampf gegen Wächten, Wehen und Eis. Auf der Bezirksstraße schaffen sie um ihren Tagelohn. Über der regsamen Schar streicht der »Schneevogel« (Goldammer) hin und wieder.

In den stockholzdurchwärmten Stuben schleißen Frauen und Kinder die Federn der mühsam gezogenen Gans, binden die gesammelten Reiser zu Besen, vollenden manch kunstvoll Bast- und Strohgeflecht, schnitzen die Väter Stiele für Hämmer, Rechen und Karst, biegen den Sensenwurf, schärfen Axt und Säge für kommende Waldarbeit.

Und draußen dehnt sich die verschneite Weite, glitzert in müder Wintersonne, schattenbemustert in vollmondheller Frostnacht. Schneegeborgen träumt der verschüttete Jungwald. Ruhe liegt über dem Kammland und die Einsamkeit hält Wacht.