Wiegender Boden
In weiten, flachen Mulden, am Grunde mit wasserstauendem Ton und Lehm gedichtet, sammelten sich die Wasser von Regen und Schneeschmelze zu kleinen und großen Seen. Sie waren die Augen der Hochflächen, darinnen gewaltiger Wolkenflug und blauer Berghimmel ihr Widerbild fanden. Millionen kleinster Lebewesen schwammen oder schwebten darin, deren verwesende Leiber den Grund mit Faulschlamm deckten. Da fanden die Wassergräser nährenden Boden. Bald nisteten die Torfmoose unter ihnen. Brüderlich verschlangen sie sich zu einem einzigen, unzerreißbaren Filze. Langsam, unaufhaltsam erblindeten die hellen Augen der Hochflächen.
Abb. 12. Seemoor mit Nebelflug
Ein Stück Eigenart der Kammlandschaft sind die Hochmoore. Über ihnen schwebt Wehmut. Den Hochsiedlern sind sie vertraute Fleckchen. Jedes bekam seinen besonderen Namen. Der Bergwanderer durchquert die »Bildwiese« bei Jungferndorf, verweilt »in den Nässen« von Obervoitsdorf, steigt in die »Moorbodengrube« bei Hinterzinnwald, erinnert sich der Sage vom »Gräfinsbad«, schaut vom Hochstand über die »Kiefernweiche« bei Georgenfeld, erschauert vor den Spukgestalten der Sumpfkiefern auf dem »Seemoor« am Bornhauberg, verweilt »in der Klietsch« bei Ullersdorf, schreitet hier auch über »die Quieke« und »Moosbeerpresse«, rastet in der »Moorlislheede« bei Willersdorf.
Abb. 13. Schiefgesunkene Sumpfkiefern im Seemoor
In den Mooren werden die Flüsse geboren, die zur Elbe rinnen oder in kurzem Lauf den Südsteilhang hinabspringen. Oft nur wenige Minuten voneinander getrennt sind die Quellböden zweier Wasseradern, die von hier in entgegengesetzter Talfahrt die Tiefe suchen. Aus den benachbarten Moorgründen am Keiblerberg fließt nach Nordwesten die Gottleuba, nach Südosten der Leichengrundbach ab. Ja, mitunter laufen die Wässer aus gleichem Quelland nach Norden und Süden fort. Dies geschieht beim Moor östlich von Streckenwalde, das vom Nitschgrundbach nach Norden, vom Tellnitzbach nach Süden entwässert wird, und der Moorboden nordöstlich von Ebersdorf schickt sowohl zur Elbe wie zur Eger einen Sernitzbach. Aus den Moorgründen zwischen Neustadt und Willersdorf sickern die Wilde Weißeritz und die Flöha. Unzählbar namenlose Gräben füllen die Moorwässer.
Urland sind die Kammoore. Aber selten blieb eines von ihnen unberührt von Menschenhand. Hacke und Spaten haben schon arg gehaust. Ein Fuder schwarzbrauner Boden wird täglich aus der »Moorbodengrube« ins Theresienbad nach Eichwald gefahren, und täglich kommen zwei Fuhrwerke zum »Seemoor«, um dies Urland zum heilkräftigen Bad nach Teplitz zu holen. Drei Meter hoch ragt die Abstichwand, ohne damit die ganze Mächtigkeit des Moores anzudeuten.
Um kargen Lohn steht die Mutter aus dem entfernten Hochdorf auf dem nassen Grund. Vom Morgen bis zum Spätnachmittag hackt sie an der Moorwand. Acht Kronen, sind zehn Groschen, bringt das mühevolle Tagewerk.
Zu Torfstreu wandelten die Neustädter ihren Moorboden. Seit Jahreslauf ruhen sie von dieser Arbeit. Der Sturm stürzte die leeren Horden, darauf Tausende und Abertausende Moorziegeln im Winde vertrockneten.
Abb. 14. Schiefgesunkene Sumpfkiefern im Seemoor
Auf dem Torfstich von Fleyh trocknen auch noch heute die Torfziegel zu Brennstoff für die Siedler.
Jeder Hackenhieb, jeder Spatenstich hilft einem Stück Urlandschaft zum Vergehen, die einen Wesenszug von ernster Schönheit für die Kammhochflächen bedeutet. Mag wirtschaftlich der Moorabbau begründet erscheinen, größer wird der Schaden, den die Wirtschaft trifft, wenn nicht weitschauender Geist in letzter Stunde die natürlichen Wasserspeicher für unantastbar erklärt.
Polsterförmig überzieht das Torfmoos den Boden, bleichgrün bei Trockenheit, hellgrün an Regentagen. Und nimmst du vom Urgrund ein Pflänzchen zwischen deine Finger, so wird dirs schwer zu glauben, daß dies bescheidene Geschöpflein mit seinem Vergehen und seiner wunderbaren Verjüngung zum gewaltigsten Wasserverwahrer werden kann. Nur das Mikroskop vermag dies Rätsel zu lösen. Zwei Zellenarten wechseln im Querschnitt des Blattes miteinander, farblose und grüne. Die grünen bergen Blattgrün, die farblosen bei Trockenheit nur Luft, und die luftgefüllten Räume mit den durchscheinenden Wänden schimmern im auffallenden Licht weiß. Kommt Regen, dann füllen sich die farblosen Zellen, deren Wände kreisrunde Löcher haben, sofort mit Wasser. Das Blatt beginnt zu schimmern. Millionen Pflänzchen vereint schaffen die grünleuchtenden Kissen.
Hast du schon einmal die gigantische Trinkkraft des Torfmooses geprüft?
Abb. 15. Im Sumpfkieferndickicht des Seemoors
Lege zwei Gramm wochenlang ohne Wasser gewesenes Torfmoos fünf Minuten lang wieder in das belebende Element. Dann wiege die vollgetrunkenen Pflänzchen. Achtundzwanzig Gramm sinds geworden, das vierzehnfache ihres ursprünglichen Gewichtes. Und das bedeutet für dich: Wiegst du angenommen sechzig Kilogramm, dann mußt du in fünf Minuten eine Wassermenge von achthundertundvierzig Kilogramm schlucken, wenn deine Leistung dem Können des Torfmooses nicht nachstehen soll. Achthundertvierzig Kilogramm Wasser sind achthundertvierzig Liter, zu trinken in fünf Minuten!
Abb. 16. Häuslerhütte mit sehr hohem Dach am Wege von Neustadt nach Willersdorf Nebeltag
Nur an feuchten Orten vermag das Torfmoos zu leben, trägt es ja doch nur in seiner Jugend Haftfasern gleich Würzelchen. Wenn es später wurzellos wird, dann müssen ihm Tau und Regen helfen, dann zieht es den Nebel ein, der hier oben seine Heimat hat und über manches Kammdorf hundertfünfzig sonnenlose Jahrestage breitet.
Abb. 17. Schindelgiebelmuster in Oberwillersdorf
Hebst du ein Stück Polster in die Höhe, so kommt dir ein Gewirr blätterloser brauner Stengel vors Auge. Eine noch dunkler gefärbte Masse lagert darunter. Das ist Torf, aus den Stengeln geworden, die aus Mangel an Luft und Licht abstarben. Das saure Moorwasser ließ sie nicht vollkommen verwesen. An der Spitze wächst das Torfmoos unaufhörlich weiter. Jungwerden am Spitzentrieb, Sterben in den unteren Teilen, das ist sein Lebenslauf. Und nach jedem vierten Blättchen an jedem seitlichen Ästchen setzt sich ein neues Zweigbüschel an. Dessen Sprossen gabeln sich wieder. So breitet sich in endlosem Fortgang Geschlecht neben Geschlecht.
Einen Heidestreifen durchschreitest du beim Gang zum Moor, durchzogen von Rinnsalen, die das Moor entwässern. Dann betrittst du den Boden, den noch keine Menschenhand bändigte, kein schollenstürzender Pflug wendete.
Wenn Wochen hindurch die Mittsommersonne über dem Urboden scheint, dann gibt er dem Fuße sicheren Grund. All die kleinen, flachen Wassertümpel verdunsten: Überall schwarze, rissige, brüchige Erdflecken. Dann strecke dich zur Rast auf das Heidekraut, pflücke mit lässiger Bewegung die Trunkelbeere, beschaue die purpurnen Moosbeerblütchen und die zierlichen Blättchen der Krähenbeere.
Im »Seemoor« verträume die Mittagsstunde zwischen den niederkauernden, sich bückenden, knienden, schleichenden Gestalten. Im weichen Grund sanken die Sumpfkiefern schief. Ihre Lichtstrebigkeit half die krummen Stämme formen. Ja, wenn du im Südteil dieses Moores weilst, darfst du getrost sagen: Hier schaue ich das urhafteste Krummholzmoor vom östlichen Erzgebirge.
Abb. 18. Fünf verschiedene Schindelgiebel in Fleyh
Im Mittagswinde schwingen die weißen Schöpfe vom Scheiden- und Binsenwollgras, schwanken die langen Halme der Fadensimse. Kein Vogellaut klingt.
Eine Spur im teigigen Boden verrät des Hochwildes Wechsel. Und nachts schreckt das Moor auf, wenn vom hohen Stand der Kugeltod darübersaust.
Über die »Kiefernweiche« mußt du wandern, wenn das Moor tagelang das Regenwasser trank und die Krummholzkiefern wie tückische Gespenster im Bergnebel lauern. Dann ruhen neben den großen Tümpeln noch viele, viele kleine, trügerisch überdeckt vom Heidekraut. Mit jedem Schritt wird das Moor laut unter den lastenden Füßen, strahlt das braunrote Moorblut empor.
Da, schnell auf dies feste Büschel! Im Augenblick schon sinkt der Fuß in Schlamm. Wie rettende Arme ergreifst du die Äste der Moorkiefern, tastest nach sichrem Boden. Auf und nieder geht der Körper. Im Schuh kluckst das Moorwasser. O, das macht müd, übers satte Moor zu gehn. Schwankender Boden macht heiß. Und gewinnst du ein festes Eiland zur Rast, dann wird dir bang vor dem tiefen Moorschweigen.
Abb. 19. Forsthaus in Fleyh
Im Moornebel geistern die Kiefern. Mit spannenden Sinnen wagst du das Weitertasten über den wiegenden Boden.