Kunst, Brauch und Glaube
Wo der Kornbau seltner wird, und die Wiese die Haupternte schenkt, dort bedarf es keiner großen Scheuern, da vermag des Hauses Dachraum den Wintervorrat zu bergen. Freilich, gar hoch ist das Dach, ein Stockwerk für sich, höher als der steinerne Unterbau. Das ganze »Häusl« zeigt, daß es besonders in Wintermonden im harten Kampfe mit den Wetterkräften steht. Steil sitzen die Dachflächen auf dem Unterbau, ein hoher »Wetterhut«, von dem der Schnee abrutscht. Schindelgepanzert trotzen die Giebel. Mit ihrer dunklen Wetterfarbe sind sie wohltuend der Landschaft eingefügt. Ruhe veratmet Dach und Giebel mit Wald und Wiese. Kein Farbenschrei schreckt unser Auge. Aber die weißgetünchten Mauern überall? Nein! Schreiend und leuchtend muß wohl geschieden werden. Freundliche Gesichter sinds, darinnen glänzende Augen stecken und darüber ein verwetterter, dunkler Kampfhut sitzt. Dunkles Wettergrau, leuchtend Weiß und helles Wiesengrün, umrahmt vom schwarzgrünen Wald, überwölbt vom blauen Himmel: Ein wundersamer Farbenbund. Kunst sind die Kammhäusel, als Ganzes geschaut, echte bodenständige Volkskunst.
Volkskunst offenbart sich auch in ihren Teilen. Selten sind die Schindeln am Giebel in einfacher Reihung zusammengefügt. Mannigfache Anordnungen zu formenschönen Mustern zeugen von des Dorfhandwerkers Kunstsinn. Alle Schindelformen, vom einfachen rechteckigen Brettchen bis zum sorgsam zugespitzten, gerundeten, gelockten und verzierten, weiß er beim Fügen zu meistern. Dem Freunde dieser Volkskunst wird es wenig Mühe bereiten, in den Kammorten Neustadt, Willersdorf, Fleyh fünfzig verschiedene Muster zu suchen. Fünf voneinander abweichende Schindelgiebel schauen wir auf unserem Bilde von Fleyh, dies auf kleinstem Raume. Und beim Forsthausgiebel bekommt jedes Fenster noch seinen besonderen Kopfschmuck.
Der Blick zum kunstvoll beschindelten Forsthausgiebel, wo aus weißer Umrahmung ein sonnenbeschienener Farbenquell quoll, da der alte Förster von echter deutscher Art im Sonntagsrock durchs Pförtlein schreitet, das war ein Schauen mit Feierstimmung.
Am Fenster hat der Häusler dort oben sein Blumengärtlein. Der allzukurze Sommer vermag draußen ums Häusl die Buntheit nicht zu schaffen. Drum wird die Fensternische zum Blumenheim, das Winterglück des Häuslers in rauhen Wintermonden. Seine Blumen beobachtet er gar sorgsam, pflegt sie wie liebgewonnene Menschen, wenn sie kränkeln.
Wieviel scharfe Beobachtung, poetischen Sinn und tiefes Gemüt verraten die Blumennamen! Gottesauge, Jesuauge, Leiden Christi, Brautschleier, Annl, stinkende Liese sind ihm vertraute Klänge.
Häuslerglück und Häuslerkunst sind die Blumen am Fenster.
Schlichte Volkskunst begegnet dem Wanderer in den vielen religiösen Malen am Wege. Freilich sind mitunter die Farben gar hart und unpassend nebeneinander gesetzt, und manche ungelenke Stellung und allzusehr verzerrte Gebärde hat der Dorfhandwerker beim »Heiligen« geschnitzt oder gemeißelt.
Hier stimmt die Gemeinde beim Bittgang durch die Felder ihren Betruf an: »Vor Blitz und Ungewitter befreie uns Herr Jesu Christi.« Aber auch mancher stille Beter sucht hier seelische Zuflucht. Der Kleinbauer kniet in stiller Andacht davor, daß Gott ihm Vieh und Feldfrucht beschirme vor den argen Wettern, die erbarmungslos ihre halmknickenden Eiskörner über die Kornfrucht schleudern, die mühsam gebaute, und schwere Sorge ums Brot mit niederschütten. Manch Häuslerheim ward auf der schutzlosen Hochfläche zur Wüstung, wenn aus dem brüllenden Wolkenballen der vernichtende Strahl zuckte.
Abb. 20. Häuslerstube in Neustadt. An der Tür stehen die Anfangsbuchstaben der »heiligen drei Könige« K M B
Überschattet wird der stille Beter vom Ebereschenbaum, umträumt von seinem Feldfrieden.
Manch Andachtsmal schuf dieser Glaube am Waldrande, wo die Bergfichten weit übers dürftige Haferfeld ästen, mitten im Wald, wo lebende Säule neben lebender Säule ragt und ungezählte Wipfel zum Dämmerlicht gebenden Dach sich schließen. Gesundheit und gute Wegfahrt erfleht das alte Mütterlein. Wer wollte leugnen, daß solch baumgeborgne Stätte auch den Andersgläubigen andachtsvoll stimmen könnte?
Abb. 21. Kirchgänger aus Willersdorf im Kirchdorf Fleyh
Sonntag ist’s. Im Kirchdorf wird das Hochamt eingeläutet. Da kommen die Häusler aus den eingepfarrten Orten durch ihren sommerlichen Feldsegen zum alten Holzkirchlein gezogen, im buntgeblumten Kopftuch Großmutter, Mutter und Kind.
Und wenn der eherne Betruf verklungen, dann träumt die Landschaft nach der bunten Bewegung in ihrem Feiertagsfrieden.
Abb. 22. Inneres der Johanniskirche in Fleyh. 1653 unter dem Richter Kaspar Panzer von den Einwohnern aus Holz erbaut
Nach der Andacht belebt sich der schmucklose, kreuzüberfüllte Friedhof. Vor den Kreuzen aus Holz und Eisen weilen die Kirchgänger, entblößten Hauptes die Männer, und ein murmelnd Bittgebet für des Verstorbenen Seele geht über ihre Lippen. Sich bekreuzend gehen sie hinweg. Auch zur Winterszeit, wenn nur des Kreuzes Spitze das Grab verrät, kommen die Beter an die verborgene Ruhestatt ihrer Lieben.
Im Plaudern kürzt sich der Heimweg. Mitteilsam wird immer der Heimgang vom Erntedank. Das macht die Vorfreude auf den farbenbunten Ernteumzug am Nachmittag. Auf dem Erntewagen stehen Hafergarben. Wohlgeschüttet lagern die Kartoffeln. In gelbem Blattgefieder hängen schwer der Eberesche rote Trauben. Marschmusik strafft den Gang bei alt und jung. Und abends gibts Erntetanz in des Dorfes »Schanknahrung«, wo der Baßgeiger ohne baumelnde Pfeife streicht, die bei der Übung am Samstagabend immer im Munde hing, wo der kleine »Schlagwerker« mit Händen und Füßen Töne schafft und mit dem Kinn den Takt zuckt.
Wenn nebelverhüllt das Kammland düstert, der Eberesche Blätter verwesend unterm kahlen Baum liegen, dann kommt ein ernster Tag. Jeder Grabhügel hat seinen Schmuck, auf jedem brennt ein Flämmlein, zuweilen in einer Nische, und durch des Türleins Scheibe quillt aus farbigem Glase ein milder Schein. Lautlos wandeln die Menschen. Versonnene Beter knien ungestört.
Wieder ist der Heimgang plaudersam. Doch viel wird heute erzählt vom kurzen Leben und raschen Tod, vom frühverschiedenen Kind, das vor wenig Wochen erst dem Knospenschlaf entsprungen, vom rastlos schaffenden Vater, von der liebegebenden Mutter, von Bruder und Schwester, von Greis und Greisin.
Am irdischen Vergehen hängt der Gedankenlauf.
Und einmal im Jahre wirds auf dem schneeverschütteten Hochland beim Sternenglanz lebendig. Schwarze Gestalten, vermummt gegen den schneidenden Nachtwind, schreiten dem Scheine des wegstampfenden Lichtträgers nach. »Heilige Weihnacht« wollen die Hochsiedler feiern um diese Stunde im kerzenerleuchteten Gotteshaus.
Im dämmervollen Winkel belauscht der Fremde das mitternächtliche Hochamt.