Ehrenfriedersdorf

Von Edgar Hahnewald

Über die halbdunklen Bahnsteige des Dresdner Hauptbahnhofes strömten schweigsame Arbeiterscharen hinaus in den schlüpfrigen Tauschmutz des Januarmorgens, den die Gaslaternen verdrießlich und übernächtig beleuchteten.

Fünf Stunden später, nach langsam steigender Fahrt durch weißen Winterglanz liegt die kleine erzgebirgische Stadt vor uns. Wir stehen über ihren Dächern. Jenseits steigt der Sauberg auf. Über seiner weißen Fläche schweben die Halden der verlassenen Bergwerke beschneit und blaubeschattet wie blumenblaue Wolken am helleren Himmel. Schachtanlagen sind schwarz in das Schattengewölk eingezeichnet.

Dort oben begab sich die »lange Schicht« von Ehrenfriedersdorf. Ein junger Bergmann Oswald Barthel wurde im Jahre 1508, nach andrer Lesart 1507 verschüttet. Sechzig Jahre später fand man ihn wieder, unversehrt und mit allen Kleidern. Der Pfarrer, der ihm die Grabrede hielt, begann sie: Es ist groß zu verwundern, daß ein Pfarrer einem die Leichenpredigt tun soll, welcher fünfunddreißig Jahre eher, als der Pfarrer geboren, gestorben ist. Die Legende erzählt, daß der Bergmann so jung und blühend, wie er gewesen, als der Berg ihn in sich begrub, wiedergefunden worden sei, und sie dichtete nach einer ähnlichen viel späteren Begebenheit im Bergwerk zu Falun, die von Friedrich Rückert, Johann Peter Hebel und E. T. A. Hoffmann dichterisch bearbeitet worden ist, auch die treue Braut hinzu, die als zitternde Greisin an der Bahre des Wiedergefundenen die späte Brautmyrte sich ins weiße Haar flicht und sterbend niedersinkt. So erlebten wir als Kinder die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf in Apels Marionettentheater und so hat sie Widar Ziehnert in den sächsischen Volkssagen in einem Gedicht von vierundvierzig Strophen besungen.

Der Bergbau ist erloschen. Da und dort steht in Museen noch ein Gerät aus Ehrenfriedersdorfer Zinn. Während des Weltkrieges wurden die Halden und Schächte noch einmal nach Wolfram und letzten Zinnresten durchwühlt. Nun ist auch das vorbei, und »Ehrndorf« begnügt sich wieder wie vordem damit, Schuhe, Spielbälle, Posamenten und Strümpfe zu fabrizieren.

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Ehrenfriedersdorf ist ein echt erzgebirgisches Städtchen, lang hingestreckt in eine Talsohle eingebettet, rings vom Walde umgeben. Brände haben die Stadt zuletzt 1802 und 1866 verheert und die alten vordem errichteten niedrigen Häuser sind nur noch vereinzelt zu finden. Das Städtchen macht auf den Fremdling einen freundlichen, sauberen und geräumigen Eindruck, die Straßen sind tadellos instand gehalten, der Markt nimmt die ganze Breite der Talsohle ein, hüben und drüben müssen die Straßen steigen.

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Eine der steilen Straßen steigt zur Kirche hinauf, die seit fünfhundert Jahren wie eine kleine kantige Burg am Hang die Stadt bewacht.

Im weißen Schiff unter gotischen Gewölben steht ein Kunstwerk, das die Besucher von weither in das entlegene Städtchen lockt: der Ehrenfriedersdorfer Altar.

Fünf Jahre lang, von 1916 bis 1921 war er nach vollzogener Ausbesserung kleiner Schäden in der Dresdner Gemäldegalerie untergebracht. Dresden wollte ihn behalten, aber die Ehrenfriedersdorfer ließen nicht locker und haben ihn nun wieder.

In der Galerie stand er im deutschen Pavillon, in der Gesellschaft Cranachs. Ein glanzvolles Museumsstück, vor dem die Kunstfreunde verweilten. Aber ein Museumsstück unter tausend Bildern, von der Sixtina, von Dürer, Holbein, Rembrandt, Rubens, Correggio, Giorgione, Tizian, von allen großen Sternen überstrahlt.

Nun steht er wieder in der kleinen weißgetünchten Kirche, in die er gehört. Orgelklang rauscht wieder über das alte vergoldete Holz. Beim Eintritt sieht man ihn im Durchblick unter einem Mauerbogen zwischen schweren Pfeilern leuchten. Im weißen Raum, in dessen Gewinkel an diesem Tage Schneelicht und Sonnenschein durch klare Fenster fiel.

Tritt man, des Blickes über die weiten winterlichen Flächen, über das weiße Tal mit der kleinen blaugedächerten Stadt noch gewärtig, in die weiße Halle der Kirche ein, so leuchtet der edle Goldglanz des Altars wie eine milde Sonne über den weißen Höhen der herben erzgebirgischen Landschaft.

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Abb. 1. Wandelbarer Flügelaltar der St. Nikolaskirche zu Ehrenfriedersdorf, von einem unbekannten süddeutschen Meister, um 1510

Wie ein torflügelhohes Bilderbuch erhebt sich der Schrein über dem geschnitzten und vergoldeten Sockel. Auf die vier Flügel sind Heilige und Apostel gemalt: Wolfgang, Andreas, Bartholomäus, Martin. Von der würdevollen Ruhe der Heiligen in reicher Bischofstracht und der märtyrerhaften Ergebung des graubärtigen Apostels Andreas hebt sich Bartholomäus seltsam ab. Sein rötlichgelbes, grün gemustertes Gewand ist mit derselben peinlichen Sorgfalt gemalt, die der Künstler auf die prächtigen Bischofsgewänder Wolfgangs und Martins verwendete. Aber darüber hängt, das Gewand fast verdeckend, der weiße, rötlich überhauchte Mantel in flauen flatternden Falten, die an Grünewalds geisterhafte Heilandsgewänder denken lassen. Und über dem weißen Mantel, leicht geneigt wie lauschend, fast lauernd, von der goldnen Glorie umleuchtet, blickt das Gesicht des Apostels aus der schwarzen Fülle des Haares und Bartes. Auf Mund, Nase und linke Wange fällt Glorienschein, und in diesem erhellten Apostelgesicht glüht das Auge in dunkler Leidenschaft, die auch in der mit dem Messer spielenden Hand zuckt. Es ist, als glimme in diesem schwarzen Auge ein Funke vom Fanatismus jener Nacht, die des Apostels Namen trägt, in der die Pariser Hugenotten um des Glaubens willen geschunden wurden wie er in Armenien. Es ist ein Kalenderzufall, der die Pariser Bartholomäusnacht mit dem Namen des Apostels verknüpft, aber man findet Beziehungen, wenn man dieses verhalten glühende Auge sieht, das dreiviertel Jahrhundert vor jener Blutnacht von einer unbekannten Hand gemalt wurde.

Abb. 2. Mittlere Ölgemälde des Ehrenfriedersdorfer Altars

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Der Küster schlägt die Flügel wie Flügel eines schweren Tores auf und vier andere Bilder erscheinen: das Abendmahl, Christus im Garten Gethsemane, Christi Gefangennahme, Christus vor Kaiphas. Der Maler hat mit Erschütterungen gerungen, die die große Ruhe des Werkes erregt durchzittern. Und wieder liegt ein von innen heraus leuchtendes Zwielicht über den Farben, über dem vergeistigten Graurosa des Heilandgewandes, über dem Fahlgrün des Rockes Ischariots, das an Grünewald denken läßt. Dieses, man könnte sagen: zweideutige Grün, in das Judas gekleidet ist, kennzeichnet den Verräter unleugbarer als das Teufelchen, das ihm beim Abendmahl aus dem Munde schlüpft, als die Geste des heftigen, vom Schauder vor der eigenen Tat schon gejagten Kusses. Schon beim Abendmahl trägt Judas das zwiespältige Gelb-Grün. Es hebt ihn heraus aus der Runde der Jünger, die mit verschiedener Anteilnahme an der Szene zwischen Christus und Judas vor ihren viereckigen Holztellern und den merkwürdig kubistisch geformten Brotstücken sitzen. Christus blickt zur Seite, auf ein nahes, schmerzliches, unabwendbares Schicksal. Er ist schon nicht mehr bei den Jüngern in diesem Augenblick, in dem seine Hand dem Verräter den Bissen Brot reicht und seine Linke den von schmerzlichen Ahnungen erschütterten Johannes umarmt. Zwei schwarze Streifen des weißen Tischtuches laufen wie weisende Male auf Ischariot zu und trennen ihn aus der Runde der andern, vor denen sich Gerät und Speise des Mahles, Brot, Fleisch und roter Wein, das Frühstück mittelalterlicher Bürger ausbreitet. Das alles ist mit geduldiger Sorgfalt, mit liebevoller Hingabe an das spielende Glanzlicht auf einem Glase in der Hand eines unbekümmerten Trinkers zu Ischariots Rechten gemalt. Nur über den zwei Hauptgestalten der Szene, über Christus und Judas, über dem zarten Graurosa und dem Fahlgrün ihrer Gewänder liegt ein Schein, der an Grünewald erinnert.

Abb. 3. Unterer Teil des Ehrenfriedersdorfer Altars

Auf dem zweiten Bilde schlafen die drei Jünger zu Füßen des betenden Heilands. Petrus hält den weißhaarigen Bauernschädel zwanghaft gewendet, die Hände krampfen über Kreuz ins Gewand, als ob Traumgesichte den Schlafenden quälten. Und wieder, wie auf dem Abendmahlsbilde bei Johannes spricht die Haltung eines Jüngers aus, was der Herr durchlebt. Noch in der gestreckten Starre des Beines, dessen nackter Fuß mitzubeten scheint, kommt die Inbrunst des Mit-sich-Ringens ergreifend zum Ausdruck.

Abb. 4. Kopfstück des Ehrenfriedersdorfer Altars

In erduldender Ergebung läßt dann Christus die Gefangennahme und die Mißhandlungen vor Kaiphas über sich ergehen, während die leidenschaftlich verzerrten Gebärden seiner Widersacher die schimmernde Gestalt umgeben. In der Szene vor Kaiphas bellt ein springendes, löwenartig frisiertes Schoßhündchen den einen der Häscher an. Jünger sind nicht mehr um Christus – in rührender Besorgnis trug der unbekannte Maler einer ohnmächtigen Kreatur auf, Anteil an der Qual des Gepeinigten auszudrücken, wo niemand mehr sich seiner erbarmt.

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Der Maler des Ehrenfriedersdorfer Altars ist unbekannt. Niemand kann sagen, wie er hieß und woher er kam. Die Forscher haben herausgefunden, daß der Altar um 1510, frühestens 1507 entstanden ist. Um 1510 schuf Grünewald in Frankfurt am Main. Kannte der Maler des Ehrenfriedersdorfer Altars die Werke des Meisters von Isenheim als ein Kleinerer, Strebender, ein Könner, der zum Meister lernend aufsah? Wo schuf er? Und wie kam das kostbare Werk in die kleine erzgebirgische Stadt? Niemand weiß es. Das große Bilderbuch des Altars erzählt viel – über seinen Schöpfer schweigt es.

Abb. 5. St. Nikolaskirche zu Ehrenfriedersdorf, erbaut um 1300

Die Überlieferung verbindet den Namen eines Meisters Hans von Köln mit dem Werke. Flechsig hat festgestellt, daß ein Hans von Köln 1508 in Chemnitz Steuern bezahlt und nach 1515 in Annaberg gewohnt hat. Steche dagegen bezeichnet den mutmaßlichen Meister dieses Namens als eine mystische Persönlichkeit der Kunstgeschichte, für deren Existenz jeder stichhaltige Beweis fehle. Seiner Ansicht nach gehört die Malerei des Ehrenfriedersdorfer Altars der fränkischen Schule um die Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert an. Flechsig dagegen meint, fränkisch sei diese Kunst nicht, am allerwenigsten nürnbergisch. Eher sei ein niederländischer Einfluß zu spüren.

Abb. 6. Neujahrsläuten mit der »Großen Glocke« in der Ehrenfriedersdorfer Kirche. Die Glocke ist fünfundsiebzig Zentner schwer und stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert (1543)

Also: wir wissen nichts und können nur bewundern.

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Die alten Angeln knarren zum zweiten Male. Das zweite Flügelpaar öffnet sich und der Schrein tut sich auf, der die köstliche Schnitzerei birgt.

Zwei winzige Engel tragen mit kindlicher Anstrengung, als hätten sie das von Zimmerleuten beim Gebälkrichten abgeguckt, einen Halbmond, in dessen Bogen Maria in holder, himmelfahrtsbereiter Ruhe tritt. Sie rafft das schwergoldene, blaudurchwirkte Gewand mit zarter Hand, den kleinen Finger damenhaft abspreizend. Schwere magdliche Flechten fallen über die Schultern auf den Mantel. Durchbrochene Baldachine aus verschlungenem Rankenwerk wölben sich über ihr, aus denen wie aus Taubenschlägen die Dreieinigkeit schwebt, um die Himmelskönigin zu krönen. Unter den Baldachinen dunkelt tiefes, tuchweiches Blau – es ist bemaltes Holz.

Abb. 7. Teilansicht der Krippen- und Pyramidenausstellung des Krippenvereins zu Ehrenfriedersdorf im Januar 1924

Neben Maria stehen die heilige Katharina mit dem Schwert und Sankt Nikolaus, dem die Kirche geweiht war, und auf den Seitenflügeln die heilige Barbara mit dem Kelch und Sankt Erasmus mit der Winde, auf die der Legende nach seine Gedärme bei lebendigem Leibe gewunden wurden.

Über dem Schrein in Gold und tiefen Leuchtfarben wächst bis zu den steinernen Gewölberippen hinauf ein zartes Geflecht von Gittern, Ranken und Fialen um geschnitzte Darstellungen des Ecce homo, der Handwaschung und der Kreuzigung. Das feingliedrige Schnitzwerk rankt im seitlich einfallenden Licht in pflanzenhafter Leichtigkeit. Es ist wie ein heiteres auflösendes Spielen, an dem die Hände des Meisters nach getanem Werke Gefallen fanden. Die Fialen biegen sich in launigen Windungen, als ob sie der lange geübten Strenge ausweichen wollten, als ob die Renaissance in die gotische Formenwelt schon lockernd eingriffe.

Der ganze Schrein ist übersponnen. Auf den Flächen des Sockels, über der beschatteten Laube der Predella um Christi Grab, an den Konsolen zu Füßen Marias und der Heiligen, an den Umrahmungen des Schreins und der Flügel, auf den teppichartigen Flächen hinter den Figuren, an den Baldachinen über ihren Häuptern, in den Gittern, Baldachinen und Fialen der Bekrönung, überall rankt und spinnt pflanzenhaft, blumenlicht das goldene Schnitzwerk. An Schmach und Pein und Tod mahnen die Darstellungen, aber darüber, in freudiger Vermählung von Gold und Licht, in jubelnder Leichtigkeit, blüht es wie ein himmlischer Garten, zu dem die jugendliche schöne Göttin im Goldgewand aufschwebt. Von der inbrünstigen Streckung der kindlichen Körper der kleinen Engel, die mit vor Anstrengung gespreizten Flügeln der ruhevoll schwebenden Göttin den Halbmond unter den Fuß halten, der sich von der Erde schon löste, bis zur zierlichen Kreuzblume der höchsten im Lichte flirrenden Fiale geht dieser aufstrebende Zug durch das ganze Werk wie ein Jauchzer durch einen goldenen Garten.

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Auch den Schnitzer kennt die Kunstgeschichte nicht. Dehio schließt auf den unbekannten Annaberger Meister WZ von 1512, während Steche die Hand des Meisters HW zu erkennen glaubt, von dem Werke in Annaberg und Borna erhalten geblieben sind und in dem Steche auch den Meister der Freiberger Tulpenkanzel vermutet. Wiederum: wir wissen nicht, wer dieses Werk schuf, und können nur bewundern.

Abb. 8. Greifensteine der Stadt Ehrenfriedersdorf, sieben bis einunddreißig Meter hohe Granitfelsen, mitten im Walde gelegen, mit Berggasthäusern. In der Nähe Stülpner- und Ritterhöhle aus den Zeiten des Bergbaues

Mit einem letzten Blick umfaßt man das hohe Goldgeleucht des Schreins, wenn der Küster die Bilderbuchflügel wieder schließt und nun Wolfgang und Andreas, Bartholomäus und Martin wie Wächter am Tore stehen. Und man gönnt diesen Schatz der kleinen Stadt, die in ihm den schönsten Altar Sachsens besitzt und deren einziger Kunstbesitz er ist.

Abb. 9. Wintersport an den Greifensteinen, vorzügliches Skigelände, fünfzehnhundert Meter lange Rodelbahn, Sprungschanze

Eine Merkwürdigkeit gibt es in der weißhellen Kirche noch: zwei alte kupferne Kesselpauken, die an hohen Festen donnernd zur Orgel dröhnen. Sie hängen an der Empore. Der Pfarrer machte ein einziges Mal den Versuch, den Paukendonner durch Chorgesang zu ersetzen. Aber den Ehrenfriedersdorfer Kirchgängern gefiel das nicht. Sie wollen, daß zwiegestimmter Paukendonner über sie hindräut, wenn sie vorm Goldaltar zur Orgel singen.

Sie haben das Turmblasen in weihnachtlichen Nächten, wenn der Glöckner seine Mansarde illuminiert und sie auf verschneitem Markt nächtlich promenieren, sie haben den Gesang der Bergleute aus der Grabestiefe des Schachtes hoch über der Stadt am Morgen des Weihnachtstages, sie basteln an Weihnachtskrippen und Pyramiden, stellen Bergmannsleuchter mit brennenden Lichtern und nach der Bescherung die Weihnachtsgeschenke der Kinder in alle Fenster, sie halten so viele Bräuche in schönen Ehren – warum sollen nicht auch die Kesselpauken donnern, wenn sie ihrem Gotte dienen? Also wird weitergepaukt, und der verwunderte Gast, der die Pauken in der Kirche hängen sieht, möchte das kriegerische Weltgerichtsgedröhn im Orgelbrausen gern einmal hören, weil es das – Orgel und Pauken ohne Orchester – sonst nirgends gibt.

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Dann stiegen wir zum Glöckner hinauf. Der Weg führt über hochstufige glitzernde Gneistreppen, dann auf hölzerner Laufbahn unterm Dachstuhl hin und im weiten viereckigen Turmschacht, den das Geläut der Glocke von oben durchdröhnt, auf hölzernen Treppen aufwärts. Unverhofft, weil der Turm gar nicht hoch und eigentlich gar kein Turm ist, steht man in einem kleinen bewohnten Vorraum. Hinter einer schmalen offenen Tür schwingt und dröhnt die Glocke dicht über den Dielen. Eine junge Frau greift jedesmal, wenn die Glocke kommt, mit beiden Händen hemmend nach dem Klöppel, damit er schneller ausschwingt. Das junge Weib ist schlank, fast mager. Unter ihren leichten blauen Röcken errät man die Formen eines wohlgebauten Körpers in der Bewegung der Arbeit. Der Gegensatz zwischen der schweren lallenden Last der schwingenden Glocke und der mädchenhaften Biegsamkeit der weiblichen Gestalt ist von eigenartigem Reiz. Aus dem Dröhnen lacht die Frau uns zu. Sie hat ein angenehmes erzgebirgisches Gesicht. Nun ergreift sie einen ledernen Zügel. Es sieht aus, als spiele sie Pferdchen mit der Glocke. Dann, nach einem letzten Schlag, schlingt sie die Lederschlaufe rasch um den Klöppel, der nun den Anschlag nicht mehr erreichen kann. Dann hängt die Glocke leise verklingend. Darüber aus einer Lücke gucken die Männer. Die Glocke wird nicht am Seil gezogen, sie wird von einem schaukelartigen Brett am Glockenlager aus stehend »getreten«, wobei sich die Männer an quer angebrachten Handstangen anhalten.

Wir schmiegen uns an der Glocke vorbei, die fast die ganze Breite des hölzernen Kämmerchens ausfüllt und deren glatter Bronzeleib sich wie belebte kühle Haut anfühlt. Das offene Schallfenster rahmt die frische weiße Landschaft ein. Unter uns liegt die blaugedächerte Stadt weich in weiße Höhen eingebettet. Wir sehen das weiße sonnige Tal, durch das wir dann nach der nächsten Bahnstation wandern werden.

Und vor dieser hellen weißen Landschaft unter blauem Himmel, in der die Schneeschatten wie blumenblaue Gewölbe schweben, ersteht noch einmal das Bild der schlichten weißen, von Sonne durchgossenen Kirche, in der der strenge erzgebirgische Winter seine weißen Flächen ausgebreitet zu haben scheint und in der der Goldaltar wie eine goldene Sonne über diesen winterlichen Höhen leuchtet.