Die Farbe im Stadtbild

Seit Kriegsende sind vielerorts farbige Übermalungen von Gebäudeaußenseiten in Aufnahme gekommen und in einer Weise durchgeführt, die den »Landesverein Sächsischer Heimatschutz« zur Stellungnahme zwingt.

Den äußeren Anlaß dazu bot die Absicht der alten schönen Stadt Kamenz, alle Markthäuser durchgehend neu zu übermalen, eine Absicht, die inzwischen bereits großenteils durchgeführt wurde.

In dem Bemühen, für die hierhergehörigen Fragen, die in jüngster Zeit eine immer größere Bedeutung erhielten oder zu erhalten scheinen, eine tunlichst maßgebliche Beantwortung zu erwirken, bildete der »Landesverein Sächsischer Heimatschutz« einen Gutachter-Ausschuß, bestehend aus den Herren

Dieser Ausschuß war am 15. Dezember in Kamenz und hat dann nach eingehenden Beratungen Herrn Professor Dr. Tessenow beauftragt, die Meinungen und Gesichtspunkte aller Ausschußmitglieder – besonders auch soweit es sich um die hierhergehörigen Fragen allgemeiner Natur handelt – zusammenfassend niederzuschreiben.

Diese Niederschrift, der alle obengenannten Herren zustimmen, sei hiermit auch der Öffentlichkeit mitgeteilt:

Die Farbe hat als Gestaltungsmittel wohl ungefähr die gleiche Kraft, die gleiche Bedeutung, gleiche Geltung oder Wichtigkeit wie die Form. Jeder Mensch, soweit er sich mit der Gestaltung unserer Erscheinungswelt besonders beschäftigt, wird neben der Form immer auch wie ganz selbstverständlich – wenn auch vielleicht sehr unwissentlich – die Farbe berücksichtigen; und man kann mit vielem Rechte behaupten etwa: Soweit die Form mehr gilt als die Farbe oder – umgekehrt – die Farbe mehr gilt als die Form, hat das Ganze nicht seine Richtigkeit, und dies heißt ungefähr auch: Viel Form will viel Farbe, und wenig Farbe will wenig Form.

Große Farbenfreudigkeit ist nie ohne große Formenfreudigkeit; die eine wie die andere ist etwas sehr Natürliches oder Naturhaftes oder hat sehr viel mit dem natürlichen Triebleben zu tun, oder unsere betonte Liebe zu reichen Formen und starken Farben beweist immer, daß wir sehr nahe mit der Natur verbunden sind; so z. B. liebt der sehr eingewurzelte Landbewohner – sagen wir der Bauer – nirgends einfache oder ärmliche Formen oder stille, zurücktretende »dezente« Farben, sondern immer reiche Formen und viele und kräftigste Farben.

Die einfachen oder stillen Formen ganz ebenso wie die stillen, zurücktretenden Farben sind immer etwas wesentlich Städtisches oder sind – wenn man so will – immer etwas sehr Soziales; unsere Liebe zu ihnen setzt immer voraus, daß wir die Welt nicht nur als etwas sehr einfach Natürliches, sondern auch als etwas sehr kompliziert Unnatürliches begreifen, oder setzt immer voraus, daß uns nicht nur der urwüchsige Naturwille, sondern daß uns auch die allgemein-menschlichen Willensrichtungen sehr interessieren, die dem einfach Natürlichen immer insofern entgegen sind als sie auf eine Beherrschung der Natur hinzielen.

Dieser menschliche Herrscherwille der Natur gegenüber ist die stärkste Triebkraft dafür, daß wir Menschen uns immer wieder großgesellschaftlich verbinden und Städte bauen, oder ist letzten Endes die einzige Rechtfertigung für unseren Glauben an das Städtische oder an das menschlich Großgemeinschaftliche, das uns immer zwingt, unseren natürlich persönlichen oder individualistischen Willen zugunsten des Großgemeinschaftlichen zurückzudrängen, oder uns immer wieder zwingt, mit unseren natürlichen Triebkräften, sehr persönlichen Meinungen, Geschmacksrichtungen usw. zurückzuhalten oder in das Uneigenartige oder Allgemeine hinein zu entwickeln oder hinein zu neutralisieren.

So hat der Bauer allermeistens viel mehr als der Städter mit Eigenbrödelei zu tun, die für den Städter und besonders für die städtische breite Öffentlichkeit immer eigentlich unerlaubt ist; für ihr Gedeihen ist es hervorragend wichtig, daß alles Natürliche, Persönlich-Eigenartige zurücktrete.

Und so werden auch die Formen wie die Farben, die wir innerhalb der großen Gemeinschaften oder innerhalb der menschlichen breiten Öffentlichkeit zeigen, notwendig um so unauffälliger, bekannter oder neutraler sein, je mehr wir das Städtische lieben oder je besser unsere menschlichen großmassigen Gemeinschaften funktionieren.

Und wenn wir in jüngster Zeit sehr oft die städtischen Häuser mit sehr auffälligen Farben anpinseln, so kann das als ein guter Beweis dafür gelten, daß unser Gemeinschaftsleben sehr krank ist.

Die Gesundheit unseres Lebens und Treibens ist immer dann in besonders großer Gefahr, wenn wir soeben einen großen Gewinn oder einen großen Verlust hatten. Jeder große Sieg, ganz ebenso wie jede starke Niederlage, die wir haben, heißt auch, daß unser Leben und Treiben sehr verändert wurde oder daß wir vor neuen großen Aufgaben stehen; je größer und vielfacher aber unsere Aufgaben sind und je plötzlicher sie sich vor uns hinstellen, um so natürlicher oder häufiger ist es, daß wir zunächst viele und große Dummheiten machen.

Und so steht z. B. die dumme, unbeholfene oder unkünstlerische Art unserer deutschen nachsiebziger Häuser ebenso unmittelbar in Beziehung zu unserem siebziger Siege wie die vielen neugeschichtlichen Mißgestaltungen in aller modernen Welt so etwas wie eine sehr natürliche Frucht unserer neugeschichtlichen großen Erfolge sind, die wir in aller Welt auf zivilisatorischem Gebiete haben, und genau ebenso stehen unsere neuesten auffälligen Hausanstriche in unmittelbarer Beziehung zu der starken politischen Niederlage, die unser Gemeinschaftsleben in eine große Unordnung gebracht hat, so daß wir uns plötzlich vor großgesellschaftliche Fragen gestellt sehen, die innerhalb des gesunden Gemeinschaftslebens so gut wie überhaupt nicht als besondere Fragen auftreten und die sich als solche kaum beantworten lassen.

Die großgesellschaftliche Frage, ob wir viel Form oder viel Farbe oder wenig Form oder wenig Farbe nehmen sollen, ist eine sehr unglückliche oder sehr unheimliche oder sehr drohende Frage; sie beweist, daß unser sogenannter schöpferischer Instinkt sehr gelitten hat oder daß uns großgesellschaftlich ein Übermaß unserer arbeitlichen Aufgaben beschreit, so daß wir sehr allgemein nicht mehr gut verstehen können, was unsere »innere Stimme« uns zuflüstert.

Man behauptet gelegentlich wohl:

Größte, vorbildlichste Menschenwerke seien immer auch etwas Still-Einfaches; man kann – ganz anders herum – ebensogut wohl behaupten, größte Menschenwerke seien immer außerordentlich formen- und farbenreich; und also letzten Endes kann man viel Form und viel Farbe wohl ebensogut rechtfertigen, wie man wenig Form und wenig Farbe rechtfertigen kann; aber ganz sicher ist viel Form und viel Farbe, ohne daß ein besonders großes gestaltendes Können oder ohne daß eine hohe gesellschaftliche Kultur dahinter steht, immer wie des Teufels.

Die auffallenden, hier besonders interessierenden städtischen Hausanstriche bedeuten betontermaßen eine Abwehr gegen eine gewisse stumpfsinnige Unfarbigkeit, in die unsere Straßenbilder mehr und mehr hinein geraten sind.

Man kann sehr vernünftigerweise die Meinung betonen: wir hätten innerhalb der jüngeren Baugeschichte bei der Gestaltung unserer Hausansichten die Farbe vernachlässigt; aber wenn wir hier nun aus vielem nichtssagendem Grau heraus plötzlich alles mit Farbe zu überschreien suchen, so rennen wir damit von einem Extrem ins andere; ein solches Hin und Her ist sicher eine sehr moderne Bewegung, aber gehört zu der Modernität, die heute die ganze Welt zu zermürben sucht.

Was jeder Wichtigtuer gerne tut und leicht tun kann, ist immer übel; und unsere gelegentlichen allerneuesten Hausanstriche sind so, als seien sie ganz extra für die Gesellschaft der Wichtigtuer bestimmt.

Wir Menschen alle glauben gern an ein Leben und Treiben, das überall auch voller reichster Formen und stärkster Farben sei, und gewissermaßen, um diesen Glauben immer wieder zu bekennen, hängen wir unsere Festtage voller Fahnen und Girlanden und können wir im Karneval die Formen kaum wild und die Farben kaum stark genug bekommen und opponieren wir gelegentlich überhaupt gern gegen alles, was grau oder neutral oder mürrisch ist, und es ist wohl sehr schön, wenn die Farbigkeit unsere seltenen Festtage auch in das unvermeidlich viele Grau unseres Alltags hinüberstrahlt. Es gehört zu den selbstverständlichsten Liebenswürdigkeiten, wenn wir suchen, unserer Hausansicht eine gewisse lächelnde Freundlichkeit zu geben; es ist immer wie eine stille Hilfe oder wie ein stiller Trost, wenn in vielen grauen alltäglichen Mühen und Sorgen die Menschen oder Dinge uns freundlich grüßen; und solches Grüßen hat hinsichtlich unserer Hausbilder sehr viel auch mit einer gewissen Farbigkeit, aber hat hier ebensoviel auch mit einer gewissen stillen verbindlichen Zurückhaltung zu tun.

So wie in hundert Fällen etwa neunundneunzigmal der Grundton des städtischen alltäglichen Straßenbildes oder überhaupt des öffentlichen Alltags wie naturnotwendig ein grauer Ton ist, so können wir mit unserer städtischen Hausansicht ausgesprochen farbig eigentlich nur sein, indem wir mit der Farbe spektakeln.

Die Kultur der städtischen Hausfarbe ergibt fast ausnahmslos ein sehr gedämpftes Farbenklingen oder wehrt sich nie besonders gegen das dämpfende neutralisierende Grau, das im städtischen Alltag immer überlegen stark ist. Die graue Farbe ist vielleicht nicht ohne weiteres die allerbeste, ist aber ganz gewiß die selbstverständlichste Hausfarbe oder ist der besten Hausfarbe immer ganz nahe verwandt.

Die graue Farbe ist neben allen sonstigen Farben ungefähr das gleiche, was innerhalb der gesamten Formenwelt die sogenannten Architekturformen sind, deren Wesen oder Vornehmheit darin besteht, daß sie eine starke Allerweltsneutralität haben, oder daß sie – was hier ungefähr dasselbe ist – einen ganz großen einzieligen Gemeinschaftswillen zeigen. Deswegen ist unsere Architektur oder sind unsere Hausformen um so minderwertiger, je wichtiger uns das sehr Persönlich-Eigenartige oder je wichtiger uns überhaupt das Eigenartige ist. In Gesellschaft mit vielen Eigenartigkeiten und neben deren Verherrlichung ist die Architektur immer etwas sehr Uninteressantes und ist sie notwendig um so uninteressanter, je nobler sie ist, genau so wie in einer solchen Gesellschaft der Eigenartigkeiten die graue Farbe als die uneigenartigste oder alltäglichste Farbe notwendig in Verruf kommen muß.

Die graue Farbe ist nicht die Farbe der großen Freude oder die Farbe der tiefen Trauer oder der heißesten Liebe oder des wildesten Krieges oder des schlafmützigsten Friedens, sondern ist die Farbe, die alles still verbindet oder ins Verbindliche neutralisiert, ist die Farbe der großen Arbeit, ist die Lieblingsfarbe der Architektur oder der Baukunst oder die Lieblingsfarbe jeder stark aufbauenden großen Gemeinschaft.

Je mehr wir großgesellschaftlich niederreißen, je bissiger wir kritisieren, je kriegerischer oder revolutionärer wir sind, oder je unsicherer wir dem großen Ganzen gegenüberstehen, je fragwürdiger uns ringsumher alles zu sein scheint, um so mehr »reklamieren« wir, machen wir Reklame und um so auffälliger bepinseln wir unsere Häuser und um so ferner liegt uns die graue Farbe und ihre Kultur oder um so mehr fehlt uns das Baumeisterliche, ganz gleich, an welchen besonderen Wirkungskreis wir hierbei denken mögen.

Jedes gedeihliche großgemeinschaftliche Leben und Treiben erwirkt für alles Alltägliche und besonders für alles alltäglich Straßenseitige ohne weiteres eine starke Uniform oder einen »durchgehenden Stil«, so daß dort dann – besonders wieder an der Straße – jedes einzelne im Allgemeinen wie etwas sehr Selbstverständliches, Unauffälliges oder wie etwas sehr allgemein Anerkanntes erscheint.

Das Selbstverständliche, Unauffällige, Neutrale usw. wie auch das Graufarbige ist zwar nicht der einzige Beweis für ein starkes Gemeinschaftsleben, aber ist dort in dem großen Ganzen der Erscheinungswelt das Allersichtbarste.

Ein krankes oder schwächliches, minderwertiges Städtisches wird gewiß nicht dadurch sogleich gesund und stark und hochwertig, daß wir in ihm irgendwie zwangsmäßig alle Häuser straßenseitig grau anpinseln, aber ganz sicher werden alle stabil-förderlichen Maßnahmen, die getroffen werden können, daß ein krankes Gemeinschaftsleben gesunde, auf eine starke Neutralität oder Unauffälligkeit der einzelnen Hausbilder oder Hausfarben hinziele; dort werden die einzelnen Häuser sehr eigenartige oder sehr individualistische Formen und Farbigkeiten schließlich nur zeigen, soweit es sich um gewisse kleinmassige Hausteile – etwa um Haustüren, Firmenschilder, einzelne Schmuckteile, Fensterumrahmungen oder ähnliches handelt.

Der Städter, der sein Haus in der hellen Straße von unten bis oben, über die ganze Hausfläche hinweg mit irgendwelchen heftigen Farben und möglicherweise noch mit blitzenden Ölfarben anpinseln läßt, ist allermeistens ganz zuverlässig ein ausgemachter Querkopf mit sehr geringem Gemeinschaftssinn oder ist eigentlich überhaupt kein Städter, sondern gehört eigentlich in die wildeste, einsamste Natur hinaus.

Und soweit wir sehr empfänglich für den Ausdruck oder für die Gesichter der Dinge sind, können uns die vollfarbigen städtischen Hausanstriche, die uns in neuester Zeit mehr und mehr begegnen, etwas sehr Furchtbares bedeuten.

Diese Hausanstriche sind wie ein letzter Trumpf, den der Zerfall der Architektur auszuspielen hat oder auszuspielen beginnt, und den er nur ausspielen kann, weil uns im allgemeinen die Architektur oder ihr Zerfall immer gleichgültiger geworden ist.

Wenn uns aber großgesellschaftlich die Architektur oder höchste Baumeisterlichkeit nicht weiter besonders interessiert, dann haben wir ernsteste Ursache, für die Zukunft unseres Gemeinschaftslebens zu fürchten; sie wird dort eben so gewiß sehr kriegerisch durcheinander zerstörend sein, wie es sicher ist, daß die Baukunst die blühenden großgesellschaftlichen Kulturen am treuesten begleitet.

Vielleicht sind die Hausanstriche, um die es sich hier besonders handelt, so etwas wie die sichtbarsten Vorläufer einer großgesellschaftlichen Zersetzung, die überhaupt nicht mehr zurückgedrängt werden kann, und so ist es dann vielleicht sehr viel vernünftiger, zu suchen, solche Zersetzung zu beschleunigen oder zu fördern, als zu suchen, sie zu verhüten; aber so furchtbar wie es ist, ganz vorsätzlich planmäßig ein bestehendes Großgesellschaftliches zu zerstören, oder so natürlich, wie es für uns Menschen ist, neben allerlei Zerstörungswut doch immer wieder an das zuverlässig Aufbauende oder Baumeisterliche zu glauben, so vernünftig ist es auch, daß wir immer wieder suchen, innerhalb der großen städtischen Gemeinschaft, an der Straße, in erster Linie männlich-ruhig oder unauffällig zu sein und daß wir als Städter immer wieder suchen, alles das, was betontermaßen mit unserem persönlichen Geschmack, mit unseren besonderen Lieblingsfarben, überhaupt mit unseren ganz persönlichen Eigenheiten zu tun hat, möglichst nur dort zu betonen, wo die Welt uns sehr persönlich zugehört. Und das ist hier – im besonderen Hinblick auf unsere Häuser – das Hausinnere.

Je eigenartiger und stärker die Farben sind, mit denen wir irgend etwas gestalten, um so komplizierter werden im allgemeinen auch die Formen sein, die wir wählen und um so eifriger werden wir für das Ganze einen starken Rahmen suchen und umgekehrt: je weniger wir ein Ganzes einrahmen oder für sich abschließen können, oder je unmittelbarer wir ein Ganzes mit andern Ganzheiten verbinden oder zu verbinden suchen, um so selbstverständlicher ist es, daß wir uns um Verbindlichkeit, um Friedlichkeit, um Neutralität usw. bemühen oder daß wir mit unsern Formen und Farben eine gewisse stille Zurückhaltung üben.

Für das Fassadenbild eines städtischen Reihenhauses ist ein besonderer Rahmen so gut wie überhaupt nicht möglich; in der Reihe der städtischen Häuser erscheint das einzelne Haus immer nur als ein Teil eines viel größeren, und dies allein ist eigentlich Grund genug, jede städtische – und besonders jede städtische eingebaute – Hausansicht abzulehnen, die sich als etwas sehr Selbstherrliches zu spreizen sucht.

Das Innere eines jeden Hauses aber ist immer etwas stark Rahmendes oder Einrahmendes und ist darum immer noch ohne weiteres ein bester oder paßlichster Tummelplatz für unsere Selbstherrlichkeiten.

Sehr ähnlich so, wie unser persönliches Innere, etwa unsere eigenen Gedanken »frei« sind und still in uns die tollsten Sprünge machen dürfen, ist auch unser Hausinneres eine Welt, in der wir sehr nach unserm persönlichsten Belieben tun und lassen können, was wir wollen; sobald wir aber diese stark abgeschlossene, stark eingerahmte Welt verlassen und auf die Straße, in die große städtische Gemeinschaft, hinaustreten, handelt es sich um einen bestimmten Komment, dessen Wesentliches etwas Männliches, Sicheinordnendes, Verschwiegenes oder auch Graufarbiges ist.

So wie das sehr Eigenartige, sehr Auffällige, sehr Reizvolle usw. allermeistens etwas sehr Unmännliches ist, so ist es allermeistens auch etwas sehr Unstraßiges.

Das betont Eigenartige kann der breiten Öffentlichkeit gegenüber nur durch eine außerordentlich große gestaltende Kraft gerechtfertigt werden, und so selten wie solche Kraft ist, so häufig ist alles betont Eigenartige etwas Schwächliches, Schutzbedürftiges, Frauenhaftes, etwas, das für seine beste Wirkung eines starken Rahmens bedarf oder etwas, das wir am besten in das Innere einzuschließen suchen oder am besten nur innerhalb unserer »vier Wände« zur Geltung bringen.

Innerlich können wir kaum eigenartig und äußerlich kaum allgemein genug sein.

»Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über.« Sind wir innerlich leer, so ist es leicht für uns, still oder nichtssagend zu sein; aber so wie der flüssige Schwatz nicht immer ein volles Herz erweist, so ist das äußerliche Stillesein noch kein Beweis für eine innerliche Leere, sondern es kann eine männlichste, großartigste Disziplin bedeuten. Sicher ist, daß jeder innerliche Reichtum auch sehr nach außen hin drängt, aber ebenso sicher ist, daß die menschliche Kultur nicht einfach laufen läßt, was laufen will.

Je innerlicher oder inniger oder tiefer oder unantastbarer oder edler, um so mehr Hemmendes, Schutzwandliches, Toriges oder Verschleierndes ist zu passieren, bevor das Innere sich zeigt oder begreiflich ist; und so hat jede Äußerung, die auf tiefster, wertvollster Innerlichkeit beruht, nicht nur immer etwas sehr Filtriertes oder sehr Abgeklärtes, sondern dort ist es immer auch deutlich so, als liege hinter dem Begreiflichen, hinter der sichtbaren Form und Farbe etwas sehr Unbegreifliches oder etwas viel Formen- und viel Farbenreicheres.

Sind die Formen sehr reich und die Farben sehr stark, und haben wir dann – davorstehend – noch das deutliche Gefühl, daß sozusagen hinter ihnen, unsichtbar, noch viel reichere und viel stärkere Formen und Farben sind, so stehen wir vor allerhöchsten Werken.

Sind aber die Formen und Farben, die »dahinter sind«, z. B. – um es hier grob praktisch zu nehmen – die hinter der Hausansicht, im Innern des Hauses, sind, schwächer oder uninteressanter oder ärmlicher usw. als die Formen und Farben, die wir ganz obenauf oder ganz oberflächlich sehen, so haben wir es mit Formen und Farben zu tun, »hinter denen nichts Rechtes steckt«, oder die das gleiche sind, was wir auch meinen, wenn wir von »leeren Worten« sprechen, die in aller Welt um so übler sind, je wichtiger sie tun.

Das, was wir innerhalb des besten gestaltenden Arbeitens oder innerhalb der Kunst ablehnend als »Äußerliches« bezeichnen, ist immer etwas, das sozusagen stabil auf der Oberfläche sitzt, während das hohe Kunstwerk immer ist, als habe es die Oberfläche überhaupt nicht gestaltet, sondern als habe es eine vorhandene neutrale Oberfläche durchscheinend gemacht; und es ist beinahe richtig, hier zu folgern: jede gute Plastik ist immer so, als habe man sie aus ihrem Innern heraus geformt, oder jedes gute Bild ist immer so, als sei es von der Bildrückseite her durch die Leinewand hindurchgemalt, oder jede gute Musik ist immer so, als sitze der eigentlich Musizierende im Instrumenten-Innern, oder jede gute städtische Hausfarbe ist immer so, als habe man sie aus dem Hausinnern heraus durch die Mauer hindurch nach außen hin filtriert in die vorhandene graue Straßenschicht hinein, während jeder Hausanstrich, der uns sehr sozusagen an Maler und Farbentopf und Pinsel denken läßt, im Sinne des Gestaltens immer minderwertig ist.

Streng genommen dürften die Hausfarben nie angepinselt werden, sondern müßten sie – wenigstens größtenteils – die natürlichen Farben der gewählten Baustoffe sein. Besondere großflächige Hausanstriche sind immer nur soweit nötig, wie – nach baumeisterlicher Beurteilung – unsolide gebaut wird; so gehört besonders auch jeder äußere Kalkmörtelverputz zu den hausbaulichen Minderwertigkeiten; er wird innerhalb des gesamten Baulebens wohl immer eine gewisse Wertschätzung oder immer seine Verdienste behalten, aber jedenfalls ist auf seine eigentliche Minderwertigkeit um so dringlicher hinzuweisen, je mehr man ihn sozusagen zu verherrlichen sucht oder je notwendiger es ist, überall in der Welt nachzusehen, was hinter den äußersten Oberflächen los ist oder je mehr unsere Oberflächlichkeiten uns bedrohen, wichtiger zu werden als unsere Innerlichkeiten sind.

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Die Kamenzer Hausanstriche, die den besonderen Anlaß zu den vorstehenden Ausführungen bilden, widersprechen diesen in betonter Weise. Der Marktplatz dort ist viel mehr kunterbunt als farbig geworden, die einzelnen Häuser sind größtenteils – wie ohne jedes Bedenken – mit eigenartigsten schreienden Farben gestrichen, und es ist, als hätte man dort im Eifer die große hellgraue Fläche der Marktplatzpflasterung und die großen sehr gleichfarbigen alten Dachflächen als gegebene Farbenmassen überhaupt nicht empfunden; jedenfalls sieht es dort nicht so aus, als ob man sich bemüht hätte, diese großen sehr bestimmten Farbtöne in einen Zusammenklang mit den neuen Hausanstrichen zu bringen.

Nur einige wenige Häuser dort, besonders

das HausMarkt 11
und das HausMarkt 12
und das HausKurzestraße 2

haben in ihren neuen Anstrichen etwas still-freundlich Liebenswürdiges oder haben neben all’ ihrer besonderen Farbigkeit doch auch durchaus etwas bescheiden Zurücktretendes.

Jeder arbeitliche Mensch weiß, daß es leicht ist, ein fertiges Werk zu bemängeln und außerordentlich schwer ist, heute etwas zu gestalten, das einer ernsten Kritik gegenüber bestehen kann, und so soll hier das Kritisieren nicht weiter ausgesponnen werden; im Gegenteil, es sei hier betont, daß wir es schließlich für sehr viel respektabler halten, daß man – wie man es in Kamenz mit den Hausanstrichen getan hat – bestehende schwierige Probleme überhaupt anpackt als daß man – wie man es vielerorts tut – in die Weltgeschichte hinein – schläft. – Aber je mehr wir uns mit der Bearbeitung unserer Probleme in die breite Öffentlichkeit hinein stellen, um so nötiger ist es auch, daß unsere Arbeit öffentlich auf ihre Richtigkeiten und Unrichtigkeiten hin untersucht werde, besonders auch, damit das als unrichtig Erkannte nicht »fortzeugend Unrichtiges gebäre.«

Im übrigen möge unser Respekt, den wir vor den hier in Betracht stehenden Kamenzer Bemühungen haben, damit erwiesen sein, daß wir hier – wir nehmen an, sehr offensichtlich – in ernstester Weise suchten, die vielen (gewiß nicht immer leichten) Fragen behilflich zu beantworten, um die es sich mit unseren neuesten städtischen Hausanstrichen handelt.

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Schließlich sei hier gleich noch bemerkt, daß der »Landesverein Sächsischer Heimatschutz« im Verfolg dieser Kamenzer Hausanstriche beschlossen hat, unter der Leitung des Herrn Geheimrat Professor Gußmann und des Herrn Professor Rößler, Dresden, einzelne Farbtöne und Tonzusammenstellungen zu bestimmen, die im allgemeinen für neue Hausanstriche als empfehlenswert gelten können; es ist hierbei besonders daran gedacht, daß innerhalb der kleineren und kleinsten Ortschaften in den allermeisten Fällen ohne weiteres kaum die Möglichkeit besteht, sich für die Ausführung geplanter Hausanstriche sehr gut beraten zu lassen; und so wird nun von nächster Zeit ab die »Bauberatungsstelle des Sächsischen Heimatschutzes« mit den genannten Farbentönen in neuer Weise praktisch behilflich sein können, was hier besonders auch den Gemeindeämtern mitgeteilt sein möge.