Die »nackten Jungfern«
Von Albert Ficker, Harthau
Alljährlich, wenn die Schneeschmelze vorüber, lockt es mich zu einem Naturdenkmal, das weit und breit nicht seinesgleichen hat.
Die »nackten Jungfern« Drebachs haben es mir angetan. Die beiden Hänge des Drebacher Tales sind übersät mit lilaen Krokusblumen. Wer das erstemal diese vielen Tausende des Frühlingssafran, Crocus vernus, erblickt, ist erstaunt von der Pracht, die sich seinen Augen enthüllt. »Nackte Jungfern« nennt sie der Volksmund, weil zuerst nur die Blüte ohne jedes Blatt zum Vorschein aus dem nackten Boden kommt, der noch keinerlei Grün zeigt.
Drebach verdankt diese Seltenheit dem medizinkundigen Pfarrer David Rebentrost. Außer der Verwaltung seines geistlichen Amtes befaßte sich dieser Herr noch mit der Heilkunde, hatte er doch neben der Theologie auch Medizin studiert. In Joachimstal war er sogar einige Zeit Stadtarzt gewesen. Sein Laboratorium mußte er auf Anraten der Superintendentur, bei welcher 1673 anläßlich einer Kirchenvisitation Beschwerden über das Treiben des Pfarrers einliefen, verlegen. Er kaufte sich eine wüste Stätte und erbaute dort das heutige »Pfarrgut«. Hier richtete er sein Laboratorium ein und konnte nun dort seinen medizinischen Studien obliegen.
Er ist es gewesen, der die Krokusblume nach Drebach verpflanzt hat.
Auf der Heinzebank traf einst der Pfarrer Rebentrost den sächsischen Kurfürsten, dessen Pferd einen Beinschaden hatte. Diesen beseitigte er. Für seine Hilfe durfte er sich aus dem Garten des Kurfürsten in Dresden drei Pflanzen erbitten. Rebentrost wählte die Krokusblume, die doldige Vogelmilch (Ornithogalum umbellatum) und die Eibe (Taxus baccata). Auf seinem Gute wurden diese eingepflanzt und legen noch heute Zeugnis davon ab.
Die jahrhundertealte Eibe, im Volksmunde Zedernbaum genannt, ragt aus dem Hofe des Pfarrgutes, und auf der Wiese blühen Jahr um Jahr die Krokusse und die doldige Vogelmilch, welche im Erzgebirge selten ist.
Von hier aus haben sich die Krokusse dann über beide Hänge des Tales verbreitet, und mir erscheint, daß sie auf der linken Talseite viel zahlreicher und dichter vertreten sind als auf der Pfarrgutseite.
Wie aber soll diese Verbreitung stattgefunden haben?
Spricht man mit ortseingesessenen Leuten, so ist die Meinung verbreitet, daß dies durch die Verbreitung der Samen durch den Wind geschehen sein müsse.
Es kann jedoch nur auf zweierlei Art und Weise vor sich gegangen sein. Die Krokusse haben zunächst die Pfarrgutswiese in Jahrzehnten ganz überwuchert. Die Bauern, an der Pracht dieser ersten Frühlingsboten erfreut, haben sie dann in ihre Güter verpflanzt, von wo sie in den vergangenen Jahrhunderten die umliegenden Flächen überzogen. An einzelnen Stellen kann man sogar beobachten, wo die ersten Anpflanzungen gewesen sind.
Die andere Möglichkeit: Durch das Eggen wurden Knollen herausgerissen und verschleppt; Maulwurfshaufen wurden über die Wiese breitgezogen und damit auch die herausgeworfenen Krokusknollen; Wassergräben wurden gezogen und das Land über die Fläche verstreut; das Wasser selbst spülte kleine Zwiebeln mit heraus und ließ sie bei der Bewässerung auf dem Grasplatze liegen. Dazu kommt noch, daß sich die Knollen durch zahlreiche Brutknollen vermehren, die dann an den Seiten der ursprünglichen Pflanzen emporkeimen.
Ob jedoch das Vieh, welches mit dem Heu die dreifächerige Kapsel (Frucht) frißt, durch seinen Dünger zur Verbreitung der Krokusblumen beigetragen hat, ist zweifelhaft, da die Samen gar nicht reif werden bis zur Heuernte.
Die Verbreitung durch den Wind scheidet aber vollständig aus. Sie ist eine irrige Annahme, da die Samen keinerlei Einrichtungen für die Windverbreitung haben.
Hunderte strömen alljährlich nach Drebach, um sich an diesem Frühlingswunder zu erfreuen.
Daß aber diese Krokusse nirgends anders gedeihen, wie von Ortseinwohnern versichert wird, ist ebenfalls nicht zutreffend, was einzelne Versuche bereits widerlegen.
Wenn auch nicht die Gefahr besteht, daß die Krokusse durch Pflücken ausgerottet werden könnten, hat sich doch der dortige Erzgebirgszweigverein des Schutzes dieses Naturdenkmals angenommen. Besonders die Eibe und die doldige Vogelmilch, welche beide im östlichen Erzgebirge sehr selten sind, bedürfen der Erhaltung.
Wer aber Zeit finden kann, der pilgere an einem sonnigen Frühlings- oder Ostertag nach Drebach im Erzgebirge und weide sich an dem lilaen Teppich der »nackten Jungfern«.