Botanisches vom Krokus, insbesondere den Drebacher »nackten Jungfern«
Von Prof. Dr. Arno Naumann, Pillnitz
Mit Originalzeichnung des Verfassers und photographischen Aufnahmen des Herrn Joseph Ostermaier, Blasewitz
Die meisten Besucher Drebachs finden das holde Frühlingswunder der Krokusblüte so entzückend, daß sie sich gar nicht die Mühe nehmen, an einem zum Kauf angebotenen Sträußchen die Einzelblüte in ihrem reizvollen Bau zu betrachten. Wir haben eben gar keine Zeit mehr zu »beschaulichen Betrachtungen«, und müssen uns vor lauter Sorge um nötige Pflicht und lastende Not mit dem äußeren Schein der Dinge begnügen.
Einige Minuten aber wollen wir uns gönnen, um uns in die Blütengeheimnisse der Krokussippe versenken zu können. Da gibt es allerhand, von dem uns unsere Schulweisheit nichts träumen läßt.
Lange schon war die Blüte im Schoße der winterlichen Erde vorgebildet; schützend lag sie in der Spitze der Erneuerungsknolle geborgen. Es bedurfte nur einer Erwärmung der vom Schmelzwasser durchfeuchteten Erde, um die bereits fertigen Blütenknospen durch den erweichten Boden emporzuheben. Der vorher kurze Blütenstiel streckt sich durch sein von der Wärme angeregtes Längenwachstum und bringt die Blüte, gleichsam über Nacht, ans Licht. Die Sonne kleidet sie in das reizende Lila und küßt die Knospe wach, so daß die sechs zu einer dunkelvioletten Röhre verwachsenen Blütenhüllblätter – der Botaniker nennt sie Perigon – sich tulpenartig auseinanderspreizen. Wenn aber eine dunkle Wolke die Sonne längere Zeit verhüllt, ein verspäteter Schneesturm über die Wiesen jagt, oder sich der kühle Lenzabend herniedersenkt, schließen sich die Blüten wie in frostigem Schauer. Und doch vermögen die noch nicht erschlossenen, empordrängenden Blütenknospen so stark zu atmen, daß die gebildete Atmungswärme dünne Schnee- und Eisdecken zu durchschmelzen weiß: Per aspera ad astra!
Abb. 1. 1 Crocus vernus Wulf., f. drebachensis mit Blüte bis zum Fruchtknoten, frk., längs durchschnitten; s1 Blütenscheide; s2 Blätterscheide; sh Schlundhaare; n Narbe; 2 Blüte, schraffierte Teile dunkel-lila; 3 Querschnitt durch das gerollte Crocus-Blatt; 4 Knolle im Längsschnitt; Ek Erneuerungsknolle in erster Anlage; w eigentliche Wurzeln
Die Blüte der Krokusarten ist eingehüllt in ein bis zwei weiße, hautartige Hochblätter, sogenannte Blütenscheiden ([Abb. 1] s1), und auch die alsbald erscheinenden grünen schmalen, doppelrinnigen, lanzettlichen Laubblätter sind von einer Scheide ([Abb. 1] s2) umhüllt. Die von altersher bekannte Krokusart: der »Safran«, (Crocus sativus, L.) besitzt aber zahlreiche solcher scheidiger Hüllen. Nach dieser heilkräftigen Art Südeuropas hat man alle Krokusarten als »Safran« bezeichnet, ohne davon zu wissen, daß safara auf arabisch »gelb färben« heißt. Unser so naturbewanderter Victor von Scheffel, der »eine kluge Römerfrau ihr Safrangärtlein pflanzen läßt«, wirft diesen Herbstblüher des Färbesafrans durcheinander mit dem Lenzesherold des Frühlingssafrans (Crocus vernus Wulf.), wenn er singt:
Krokus, Sproß des Morgenlandes,
Seltner Gast auf Schwabens Flur,
Zeugnis ewig jungen Frühlings
Und uralter Weltkultur!
Jetzt muß ich einmal »botanisch« kommen!
Lila in allen Tönungen bis zum Violett, auch gelb und weiß sind die Hauptfarben der über hundert Krokusarten.
Abb. 2. Krokuswiesen bei Drebach im Erzgebirge
Die schmal-lanzettlichen Blätter und die Dreizahl im Blütenbau beweisen die Zugehörigkeit der Gattung Krokus zur Klasse der Einkeimblättrigen, die auch viele andere frühblühende Gartenstauden mit lineal-lanzettlichen Blättern in sich begreift.
Alles weist auf die Verwandtschaft mit Tulpe und Lilie hin, und der Botaniker, welcher auf »Ordnung« in seinem Reiche sieht, hat auch unseren Krokus in die Ordnung der »Lilienblütigen« (Liliiflorae) eingestellt. Dabei hat er aber bei der Fülle der Gattungen und Arten in allen Erdgebieten und bei gelegentlicher Abweichung vom eigentlichen Bauplan drei verschiedene Verwandtschaftskreise, sogenannte Familien, aufgespürt: Lilien-, Narzissen- und Schwertliliengewächse (Liliaceae, Amaryllidaceae und Iridaceae). Während wir bei den Liliengewächsen den grünen mittelständigen Fruchtknoten im Innern einer jeden Blüte leicht wahrnehmen können, haben die beiden anderen Familien zum Schutze vor schädigenden Insektenbesuchern dieses Gebilde unter die Blütenteile gestellt, so daß wir in dem unterständigen Fruchtknoten einen Entwickelungsfortschritt sehen dürfen. So tut es auch unser Krokus, und an genügend entwickelten Blüten kann man den unterständigen Fruchtknoten an kurzem Blütenstiel, zwischen den grünen Blättern versteckt, auffinden. ([Abb. 1] frk.) Auf ihm sitzt die langröhrige, sechsteilige lilae Blütenhülle, von denen die drei äußeren Zipfel schmal und etwas dunklerlila sind, als die inneren ([Abb. 2]). An ersteren ist etwa in Höhe der Kronenröhre innen je ein Staubblatt angewachsen, so daß die Krokusblüte wie all die schönblütigen Schwertliliengewächse, nur drei Staubgefäße zeigt, während die verwandten Narzissengewächse deren sechs besitzen. Vom Fruchtknoten aus erhebt sich, die Kronenröhre durchwachsend, ein langfädiger Griffel bis an die Staubbeutel oder darüber hinaus ([Abb. 1]), welcher an seiner Spitze eine dreiteilige orangegelbe, keilig verbreiterte Narbe ([Abb. 1] n) trägt. Die hellgelben, am Grunde pfeilförmigen Staubbeutel sind einem weißen Faden angeheftet.
Als nahe Verwandte der Gattung Krokus sind auch die als Beetschmuck gepflanzten Gladiolen anzusehen.
Diese ganze Verwandtschaft weist hin auf den Süden und Osten Europas als Ursprungsland, und es gibt tatsächlich im Mittelmeergebiet und Orient etwa achtzig verschiedene Krokusarten. Von hier aus haben sie wohl den Gebirgsbogen vom Balkan bis zu den Pyrenäen besiedelt. Hierunter gehört auch der oben erwähnte Heilsafran (Crocus sativus), dessen orangefarbene Narbe sogar die Blütenhülle überragt und unter dem Namen »Safran« von alters her zum Färben benutzt wurde. Er ist auf Dörfern heute noch ein Mittel, die Kuchen schön gelb zu färben und ihnen infolge eines ätherischen Öles einen eigenartigen Geschmack zu verleihen: »Safran macht die Kuchen gäl!« Zu einem Pfund Safran gehören die Narben von vierzigtausend Blüten.
Der Name Krokus ist chaldäischen Stammes, wo Kroke »der Faden« heißt. Dies beweist, wie schon in frühester Zeit die fädigen Narben bekannt und geschätzt waren, aber nicht bloß in ihrer färbenden Wirkung; auch eine gewisse Heilkraft schrieb man diesen Narben zu, und noch immer wird der »Safran« in den Apotheken zu Salben und Parfüms verwendet. Nannte doch der alte Römer den Safran »das einzige wirklich gut riechende Ding«. Plinius rühmt von ihm sogar, daß nach Genuß von Safran der Wein nicht trunken mache. Daher wohl auch die Gewohnheit, bei Trinkgelagen Kränze von Krokusblüten zu tragen!
Dies alles gilt von dem im Herbste blühenden südeuropäischen Crocus sativus.
Es wird uns nun interessieren, welcher Art unser Drebacher Krokus angehört, und da hat sich nach meinen Ermittelungen etwas eigenartiges herausgestellt: Infolge der frühen Blütezeit und der einzigen Blütenscheide ([Abb. 1]) gehört der Drebacher Krokus sicherlich in den Formenkreis des Frühlingssafrans (Crocus vernus Wulf.). An der Stelle, wo die trichterig-glockige Blütenhülle in die schmale dunkelviolett gefärbte Röhre übergeht, befindet sich innen ein Safthaarbüschel; die Röhre besitzt also einen bärtigen Schlund ([Abb. 1] sh), im Gegensatz zu dem Krokus des Riesengebirges: Crocus Heuffelianus Herb. mit glattem Schlund. Nun bleiben noch zwei Unterarten der Vernus-Gruppe: einmal unsere hauptsächlichste Gartenform mit ansehnlicher Blüte und einer die Staubbeutel überragenden Narbe: Crocus neapolitanus Gawl, das andere Mal die Alpenform mit kleinerer weißer oder lilaer Blüte und einer nicht über die Staubbeutel reichenden Narbe: Crocus albiflorus Kit.
Unser Drebacher Krokus ist sicher eine von der Gartenform »neapolitanus« abzuleitende Lokalrasse, hat aber, wohl infolge der Selbstverbreitung innerhalb bald dreier Jahrhunderte, besondere Merkmale angenommen.
Er ist durch kleinere Blüten und schmälere Blütenzipfel der Alpenform ähnlich geworden, und er besitzt nicht die von »neapolitanus« angegebenen »am Grunde weichhaarigen Staubfäden«, seine Staubfäden sind kahl. Seine Färbung ist ziemlich gleichmäßig: Von der dunkelvioletten Kronenröhre zieht sich an jedem Kronenblatt ein dunkler Fleck nach oben ([Abb. 2]). Dunkler sind auch die Spitzen der schmäleren äußeren Zipfel. Ich fand bei den meisten der untersuchten Pflanzen nur drei grüne Laubblätter vor, während der eigentliche vernus meist mehr als drei entwickelt! Die grünen Laubblätter zeigen auf der Unterseite parallel dem Rande zwei auffallende Rinnen, über welche uns ein Blattquerschnitt ([Abb. 3]) am besten Auskunft gibt. An diesem sehen wir, daß das Blatt in eigenartiger Weise mit seinen Rändern nach der Unterseite eingerollt ist. Solche Rollblätter deuten auf das Streben hin, das Innenwasser möglichst wenig nach außen verdunsten zu lassen. Es ist eine Art Verdunstungsschutz, der für trockene Sommer, aber auch für den scheinbar feuchten Vorfrühling angebracht ist. Ich sage »scheinbar« feucht! Die Bodenkälte verhindert nämlich die Wasseraufnahme durch die Wurzeln, hält also die Pflanze trocken, so daß die Blätter gezwungen sind, mit ihrem vorhandenen Lebenswasser möglichst sparsam Haus zu halten.
Nach all dem vom Drebacher Krokus gehörten, ist es wohl angängig, ihn als eine besondere, im Laufe der Jahrhunderte herausgebildete Lokalform anzusprechen und ihn botanisch als Crocus vernus Wulf. forma drebachensis zu bezeichnen.
Abb. 3. Zwei botanische Seltenheiten in Drebach: Frühlingssafran, im Volksmunde »Nackte Jungfer« genannt, darüber die 400jährige »Eibe«.
Aufnahme des Erzgebirgszweigvereins in Drebach
Nun noch einige Worte zur Frage der Verbreitungsmöglichkeit. Auch die Krokus pflanzen sich, wie andere Pflanzen, durch Samen fort, welche nach einem Befruchtungsvorgang entwickelt werden. Zur Befruchtung muß der Blütenstaub aus den Staubbeuteln auf die dreiteilige Narbe gelangen. Hier muß dies Stäubchen auskeimen und einen seidenfeinen Keimfaden (Pollenschlauch) in den mit Samenknospen erfüllten Fruchtknoten senden.
Abb. 4. Vorfrühling in Drebach
Beim Eindringen in die Samenknospen spielen sich noch geheimnisvolle Teilungsvorgänge ab, und erst dann ist die zur Frucht- und Samenbildung nötige geschlechtliche Vereinigung erfolgt. Wie aber gelangt der Blütenstaub auf die meist höher stehende Narbe? ([Abb. 1] n). Bei unserem Krokus könnte es nur durch Zufall mit eignem Pollen geschehen. Die lange, honigerfüllte Kronenröhre deutet darauf hin, daß die langrüsseligen Schmetterlinge beim Saugen des Nektars die Übertragung des Blütenstaubes besorgen. Aber bei der frühen Blütezeit sind die erwarteten Falter wohl ganz seltene Blütengäste, so daß eben eine Samenbildung meist unterbleiben wird. Allerdings kann die lange Kronenröhre bis zum Überlaufen mit Honig gefüllt sein, so daß auch Bienen und Hummeln, die ersten Frühjahrsbummler der Insektenwelt, mit ihrem kürzeren Rüssel zu Gaste gehen können. Trotz alledem wird wohl eine Samenbildung, sicherlich aber auch eine richtige Samenreife äußerst selten sein. Es wäre jedoch wertvoll, wenn Drebacher Ortsbewohner Beobachtungen anstellen würden, ob etwa im Juni die dreiklappige häutige Kapsel mit ihrem schlaffen bleichen Stiel und ihren zahlreichen kugeligen Samen im Grase dieser Krokuswiesen aufzufinden ist. Undenkbar ist es nicht, zumal ja auch Selbstbefruchtung in den Blüten eintreten könnte.
Abb. 5. Teilaufnahme der Drebacher Krokuswiesen
Die im vorhergehenden Aufsatz ausgesprochene Vermutung, daß eine Verbreitung der Pflanze auf ungeschlechtlichem Wege durch die Knollen erfolgt, ist nicht von der Hand zu weisen.
Abb. 6. Krokuswiese in Stürza bei Stolpen
Die neue Knolle, sogenannte Verjüngungsknolle, sitzt der abgeblühten Knolle obenauf ([Abb. 1] Ek) und müßte sich derart der Bodenoberfläche immer mehr nähern, wenn nicht Wurzeln sie herabziehen würden. Es ist aber möglich, daß einige so nahe der Oberfläche gelangen, daß sie beim jährlichen Rechen der Wiesen oder durch reißende Niederschlagswässer herausgerissen und über die Wiesen verbreitet werden.
Abb. 7. Krokusblüte im Schloßgarten zu Moritzburg
Daß auch Maulwürfe zur Verbreitung beitragen können, zeigt eine Bemerkung von Schoenach, der bei Bad Schartl (Vorarlberg) auf den Maulwurfshügeln Hunderte herausgewühlter Krokusknollen sah, die beim Breitziehen der Haufen oder auch durch Regengüsse weitergeführt werden und derart zur Verbreitung der interessanten Pflanze beitragen.
Abb. 8. Krokuswiese in Langenwolmsdorf
Auch anderwärts hat in Sachsen durch gelegentliches Anpflanzen einzelner Krokusstöcke im Laufe der Zeit eine starke Verbreitung stattgefunden, so daß wir auch außer Drebach ganz nette, wenn auch nicht so umfangreiche Krokuswiesen besitzen. Wir finden solche noch im Moritzburger Schloßpark und auf einer Gutswiese von Langenwolmsdorf sowie von Stürza. ([Abb. 6]–[8].) Vor kurzem sah ich eine Krokuswiese an der Grenze zwischen Ober- und Niederbobritzsch bei Freiberg, welche ebenfalls eine recht kleinblütige Form führte. Bei der sehr interessanten, etwas legendenhaften Erzählung von den, Herrn Pfarrer Rebentrost in Gnaden gewährten drei Pflanzenarten: Krokus, Eibe und Vogelmilch (Ornithogalum umbellatum) würde es von Wert sein, zu wissen, ob noch Aufzeichnungen, Briefe oder Urkunden bestehen, welche diese Mitteilung stützen könnten.
Es will mir bedenklich erscheinen, daß Professor Reichenbach in seiner vor etwa hundert Jahren erschienenen Flora Saxonica den Drebacher Standort nicht nennt. Unwahrscheinlich mutet es mich auch an, daß in dem kurfürstlichen Garten unter den Heilpflanzen die Vogelmilch aufgenommen war, von welcher mir bisher keine Heilwirkung bekannt geworden ist[1]. Im östlichen Erzgebirge steigt diese Pflanze nach meinen Beobachtungen zu Höhen von 450 Meter empor, im westlichen Erzgebirge scheint sie allerdings seltener zu sein, doch gibt Reichenbach einen Chemnitzer Standort und Frisch in der Flora des Pöhlberggebietes einen solchen vom Geyersdorfer Weg an.
Mag sich nun die von Herrn Ficker gebotene wertvolle historische Anmerkung durch Urkunden bestätigen lassen oder nicht, sie macht uns den reizenden Lenzesboten des Drebacher Krokus sicherlich noch lieber, und die Freude an dem lilaen Blütenteppich der »nackten Jungfern« des lieben Erzgebirgsdörfchens soll uns kein Zweifel verkümmern!
Fußnote:
[1] Die früher zu Heilzwecken gebrauchten »Wurzeln von Ornithogalum«: radix Ornithogali waren von Gagea, dem Goldstern, und zwar von den Arten lutea und arvensis.