Grenzland

Von Dr. Alfons Diener von Schönberg

Bilder von Max Nowak, Dresden

Wenn die Eisenbahn von Flöha flußaufwärts sich durch das enge Tal gewunden hat – so eng, daß nur auf kurze Strecken noch Platz für eine Fahrstraße neben den Schienen zu finden war –, tut sich plötzlich kurz vor der Haltestelle Blumenau ein weiter, lieblicher Talkessel auf. In vorgeschichtlicher Zeit ist er ein See gewesen, dessen Wogen weithin an waldige Ufer schlugen. Aber im Laufe der Jahrhunderte hat sich sein Abfluß immer tiefer in den dammartig vorgelagerten Gneisfelsen hineingefressen, sein Spiegel sank, und heute bedecken Wiesen und Felder den Grund, während grüne Wälder die Höhen säumen.

Inmitten so geschenkten Bodens hat sich dann bald der Mensch angesiedelt, und die windgeschützte Lage hat ihrer immer mehr hierher gelockt. Bei einer Windung des Zuges sieht man zwischen Bäumen schon Gebäude hervorlugen, ein Dach hinter dem anderen hebt sich empor, die Häuser rücken enger zusammen, ein Kirchturm, behäbig und stark, reckt sich zum Himmel und fleißige Essen lassen weißen Rauch in die Lüfte wehen: Olbernhau. Das streckt sich weithin talauf, aber da nimmt den Blick die ferne Höhe gefangen, die im Südosten das Tal zu schließen scheint. Winzige weiße Häuschen schimmern enggedrängt vom Kamme herab, und nadeldünn sticht ein Turm in den blauen Himmel: Katharinaberg mit der Franz-Joseph-Warte. Aber so eng das völkisch mit unserem deutschen Lande verbunden ist, wir wissen: Dort herrscht schon der Tscheche. Jäh überkommt einen das Gefühl von der Bedrängnis deutscher Art, und man senkt den Blick, ihn ausruhen lassend an dieser Stätte deutschen Wesens und deutschen Fleißes hier. –

Der Zug strebt weiter flöhaaufwärts, Neuhausen zu. Aber der Wanderer, der hier in Olbernhau aussteigt, findet eine Fülle des Lockenden, so viel, daß er erst kaum weiß, nach welcher Richtung des weiten Tales er die Schritte lenken soll.

In solchem Schwanken gibt es nichts besseres, als sich des schönen Wortes zu erinnern, das Gerhard Platz geprägt hat: Vom Wandern und Weilen im Heimatland. Nur wer zu weilen versteht, wird recht wandern und nichts abseits liegen lassen, was des Anschauens wert ist.

Also verweile man hier, bis talauf und talab der weite Grund durchwandert ist. Das rührige Olbernhau zeigt so recht, wie neues Leben sich neue Form geprägt hat. Noch vor dreißig Jahren eine kleine beschauliche Landgemeinde, die sich eng um das den Kern bildende Rittergut am Markt schmiegte, ist es jetzt eine Stadt von zwölftausend Einwohnern, die ihre Arme in Gestalt langer Straßen an den Hängen hin schon bis zu den Nachbardörfern ausstreckt. Schade, daß bei der Stadtwerdung im Jahre 1902 die prächtige Baumallee der Freiberger Straße dem Ehrgeiz, eine »städtische« Straße darzustellen, zum Opfer fiel. – Die unschönsten Gebäude sind, wie überall, wo der Aufschwung in den neunziger Jahren einsetzte, Amtsgericht und Reichspost: Aus rohen Ziegeln nach rohem Schema roh erbaut. – Von Altem ist nicht viel mehr vorhanden, nur wenige der alten Häuser stehen noch, so besonders am Markt, wo aus steilen Dächern lustige Reihenfenster blitzen. Und der Kirchturm steht noch so rund und gemütlich da, wie er um 1590 erbaut wurde, und wie ihn Theodor Körner beschrieb.

Der kam als junger Bergstudent von Freiberg gar oft hier durch, um im kurfürstlichen Kupferhammer Grünthal, der alten »Saigerhütte«, Studien zu machen. Eine halbe Wegstunde talaufwärts liegt dieses alte Werk, heute zu einer bedeutungsvollen Anlage erweitert, und vom alten Eingangstor, mitten zwischen kleinen Häuschen und großen neuen Gebäuden, grüßt noch das kursächsische Wappen. Aber wo Körner einst durch einsame Wiesen und Felder wanderte, begleiten heute Reihen von Häusern den Weg.

Dicht hinter dem Kupferhammer steigen Felsen steil empor, und von hohem Hange grüßt eine Kirche weit ins Tal, den Blick auf sich ziehend. Unwillkürlich kommt es einem in den Sinn: »Droben stehet die Kapelle«. Steigt man hinauf, so lohnt ein Blick von lieblichster Weite: Nach Westen das Tal mit Olbernhau, darüber dunkle Fichtenwälder in immer höher sich schiebenden Kulissen, im Süden der Eingang zum Natzschungtal, unweit dessen die schwarzen Türme und Halden des Anthrazitwerkes herüberdrohen. Nach Osten, zu Füßen der Waldberge von Rothenhaus, leuchtet aus grüner Matte das seltsam langgezogene Reihendorf Brandau, und weiter oben thront wieder Katharinaberg. Aber schon Brandau ist böhmisch und sein guter alter Name heute in Brandovo umgewandelt. Die Flöha, die hier unten dicht am Berghange fließt, ist Reichsgrenze.

Ein Gefühl, als ob man hier oben unabhängig von Grenzen sei, die Menschenhand gezogen, überkommt einen an der Kirche, die so frei hinüberschaut ins andere Land. Und dies Gefühl mag auch die Männer beseelt haben, die als erste sich hier niederließen. Emigranten aus Böhmen waren es, die um ihres protestantischen Glaubens willen die Heimat verlassen mußten, da ihnen der Westfälische Friede dort keinen Glaubensschutz gewährte. Mit dem breiten Strome heimatloser Flüchtlinge, der sich damals nach Sachsen und weiterhin ergoß, kamen auch acht Familien aus der Herrschaft Dux herüber. Sie fanden in dem Besitzer des Rittergutes Pfaffroda, dem Berg- und Amtshauptmann Caspar v. Schönberg, einen gütigen Förderer, der ihnen kurz entschlossen hier ihm gehöriges Land gegen eine geringe Summe (wir würden heute sagen: ein Bezeigungsgeld) abtrat. So entstand hier im Jahre 1651 die erste Siedlung, die zum Danke für ihren Gründer und Förderer den Namen Oberneuschönberg erhielt. 1658 und 1669 erhielt sie weiteren starken Zuzug aus Böhmen, was den Erzbischof von Prag, Fürst Waldstein, so verdroß, daß er sogar dem Kurfürsten Johann Georg mit Repressalien drohte. Aber hier, jenseits der böhmischen Grenze, galten die glaubensschützenden Bestimmungen des Westfälischen Friedens. So konnten die Heimatlosen Heimat finden und 1659 erst eine hölzerne, 1692 dann an gleicher Stelle eine steinerne Kirche bauen. Mit Absicht mögen sie sie so hart an die Grenze gestellt haben, daß sie wie eine Burg ins böhmische Land hinüberragte, und ehern mag zum erstenmal von hier das Lied hinübergeklungen haben: Ein feste Burg ist unser Gott! –

Abb. 1. Olbernhau. Kirche am Marktplatz

Talab von Olbernhau liegen zwei Dörfer ähnlichen Namens: Nieder- und Kleinneuschönberg. Auch hier gab Caspar v. Schönberg das Land an Exulanten, auch hier bewies er die gleiche Fürsorge für ihr Wohl, indem er alle drückenden Abgaben fernhielt und sogar (1655/59!) Gewerbefreiheit und Freizügigkeit gewährte. Noch stehen in den drei Neuschönbergischen Dörfern mehrere der alten Wohnstätten, die die ersten Ansiedler errichteten, kleine Häuschen, die grad Unterkommen für eine Familie boten. Und es ist charakteristisch, daß sie fast alle dort errichtet sind, wo ein Felsen zutage tritt – kleine Burgen endlich gefundenen Friedens – eine Versinnbildlichung des Wortes:

Wer Gott dem Allerhöchsten traut,

Der hat auf keinen Sand gebaut.

In sanftem Bogen windet sich durch Kleinneuschönberg die Biela der Flöha zu. Ihr Name verrät, daß, wie so oft im Gebirge, ehe dort Ansiedlungen entstanden, die Slawen den Wasserläufen die Namen gegeben haben. Man sieht es dem unscheinbaren Bächlein nicht an, daß ehemals Perlen darin gefischt worden sind. Noch 1912 wurde eine Muschel mit einer rosa Perle hier gefunden, und wenn ihr Wert auch von Fachleuten nicht hoch geschätzt wird, dem Heimatfreund ist sie zehnfach wert. Die alten Valen sollen diesen Reichtum genau gekannt und auch nach goldreichem Sand gesucht haben. Aber die Nachrichten darüber verlieren sich in sagenhaftem Dunkel.

Es lockt, der Biela zu folgen und nicht gleich nach Olbernhau zurückzukehren. Freilich führt ihr Lauf durch feuchte Wiesen, und man tut besser, der nahen Straße zu folgen, die abwärts nach Reukersdorf führt. Da steht man dann erfreut vor dem dortigen Gasthof »Zum Erbgericht«. Ein prächtiges Beispiel heimatlicher Bauweise in Fachwerk, an dem auch die echten erzgebirgischen Schiebefenster, für jeden Wind unangreifbar, aus Gründen der Heimatliebe noch erhalten sind.

Abb. 2. An der Reichsgrenze. Blick von der Kirche Oberneuschönberg auf Brandau und (am Horizont links) Katharinaberg in Böhmen

Auf der weiten Wiesenfläche haben schwarze Haufen den Blick gefesselt. So wandert man zu ihnen hinüber und steht bald vor großen Torfstichen. Als nach dem Kriege die Kohlen so knapp und teuer waren, konnten kaum genug der schwarzen Ziegel geliefert werden. Wir schreiten über glucksendes Erdreich an schwärzlich schimmernden Lachen vorbei und stehen plötzlich vor einer vier Meter hohen Wand, von der der Torf senkrecht abgegraben worden ist. Und hier blicken wir wieder in die Werkstatt der Natur, die in jahrtausendlangem Wirken diesen Boden schuf. Ganz deutlich sehen wir, wie drei Vegetationszeitalter hier übereinander liegen; dreimal erkennen wir eine Schicht von Baumstämmen untergegangener Wälder, auf denen dann die Zeit eine meterhohe Moorschicht gehäuft hat, bis auf deren Oberfläche wieder ein Wald erwuchs, den dann ein Naturereignis auch wieder zu Boden schmetterte.

Abb. 3. Kleinneuschönberg. Altes Haus auf Felsen

Flußauf und flußab ist nun das Tal durchwandert. Wohl möchte man gern von Olbernhau über die südliche Höhe nach Zöblitz und Marienberg zu wandern, aber es zieht uns heute nach der anderen Seite flöhaaufwärts. Und da wir dem Zuge der Bahn nicht folgen wollen, wandern wir nördlich den Hang empor, dem Walde zu. Ein steiler Steig führt den Auschänkberg hinauf, der seinen Namen von einer Schänke hat, die einstmals dort in der Aue lag. Die Höhe gibt noch einmal einen schönen, weiten Blick über das ganze Tal, dann nimmt uns der Wald auf. Der Heimatfreund freut sich, gleich hier ein Stück praktischen Heimatschutzes zu sehen. Wo der Steig auf die alte Saydaer Poststraße stößt, steht eine mächtige, wohl zweihundert Jahre alte Linde. Weithin spreizt sie ihre starken Äste, so weit, daß die vom Alter geschwächten ihr eigenes Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen. Da hat die Forstverwaltung von Pfaffroda jeden einzelnen fein säuberlich gestützt, so daß der alte Baum in unveränderter Schönheit ragen und grünen kann.

Bald nimmt der Dom eines Buchenwaldes den Wanderer auf. Gewaltige Stämme streben zu beiden Seiten der Straße empor, und in jungem grünem Laub spielt golden die Sonne. Ein altes Weiblein, so echt in ihrem Kostüm der Märchenhexe, daß man fast an Kostümierung glauben könnte, sucht mit gebeugtem Rücken, auf den Stock gestützt, nach dürrem Holz. Ein Specht klopft fröhlich hämmernd an den Stämmen. Er findet wenig hier, denn die Stämme sind noch gesund, trotz ihrer dreihundertzehn Jahre. Und sie sollen auch stehenbleiben, solange die Kraft in ihnen quillt. Aus Gründen der landschaftlichen Schönheit hat sie der Besitzer von jedem Holzschlag ausgeschieden und gewissermaßen zum Bannwald erklärt.

In den dunklen Fichten, die sich dann anschließen, muß man den Schwedenweg suchen, wenngleich keine Spur mehr von ihm erkennbar ist. Er hat seinen Namen daher, daß im Jahre 1639 hier eine schwedische Nachhut von dem Förster Graß aus Grünthal überfallen und mehrere Schweden erschossen wurden. Aber der schwedische Kapitän, der seine Frau in einer Kalesche mitführte, riß sie zu sich aufs Pferd und rettete sich verwundet nach Sayda. Zehn Tage später traf ein großer Trupp schwedischer Reiter in Olbernhau ein und vollzog ein schweres Strafgericht, indem er den unschuldigen Ort in Brand steckte.

Und da kommt auch noch eine andere Erinnerung an Kriegszeiten: Bis hierher drangen im August 1813 nach der Schlacht von Dresden die noch einmal siegreichen Franzosen verfolgend vor. Biwaks bedeckten die Höhen über Olbernhau, König Murat von Neapel nahm im Schloß Pfaffroda Quartier. Drei Tage blieb der Feind, dann wandte er sich der eigenen Schicksalswende zu, die ihn im Oktober bei Leipzig traf. Der Kanonendonner von Leipzig wurde, wie alte Aufzeichnungen erzählen, hier noch deutlich vernommen.

Abb. 4. Gestützte Linde am Auschänkberg bei Olbernhau

Die Höhe ist erreicht, und der Weg geht nun ebener dahin. Hier, etwas abseits von der Straße, stand bis vor wenigen Jahrzehnten eine uralte Tanne, in deren Rinde ein Jagdhorn eingeschnitten war, und die darum den Namen Hörneltanne führte. Weithin, erstaunlich weit, war sie als Landmarke bekannt. Und wie schön waren doch solche Landmarken mit lebendigen Namen! Wie viel schöner klangen die alten Bezeichnungen der Forstorte »an der Hörneltanne«, »am Hirschbad«, »am tiefen Graben«, als heute die nüchternen Benennungen »Abteilung 47« oder »73«. Daß Heimatliebe und Forscherdrang heute diese alten Forst- und Flurnamen sammelt, und ein reiches Material sich im Dresdner Hauptstaatsarchiv häuft, muß der Heimatfreund bei der zunehmenden Ernüchterung unserer Tage dankbar begrüßen.

Wiesenschlingen öffnen sich rechts und links, das Waldbild belebend. Noch einmal steigt der Weg sanft an, dann neigt er sich langhin zu Tal. Es ist wieder das Tal der Biela, deren großen Bogen wir abgeschnitten haben, und deren Lauf in der weithin sich streckenden Senkung nach Sayda hinauf wir wie aus der Vogelschau verfolgen können. Und schon grüßt vom fernen Höhenkamm die Stadt Sayda mit ihren beiden charakteristischen Türmen.

Abb. 5. Alter Buchenbestand im Pfaffrodaer Forst

Aber wir folgen der Straße abwärts und über dem Wald taucht das Schloß Pfaffroda auf, dessen fünf spitze Giebel über die Bäume des Parkes lugen. Inmitten des Gehöftes liegt, das hohe Alter der Siedlung kennzeichnend, die Kirche; die Haube ihres Turmes zeigt die für Sachsen nicht häufige Zwiebelform und schimmert kupfergrün herüber. Wie der Name sagt, sind es Mönche gewesen, die hier den Wald gerodet haben, Zisterzienser von Ossegg, die es als heilige Aufgabe betrachteten, das Land urbar zu machen, daß es dem Menschen Brot gäbe. Als dann im dreizehnten Jahrhundert der Landstrich an die Markgrafen von Meißen kam, wurden ihre Vasallen hier seßhaft, und seit 1352 sind es die Herren von Schönberg. Bis 1650 war Pfaffroda ein Teil der Purschensteiner Herrschaft, dann zwang die durch den Dreißigjährigen Krieg eingetretene Verarmung zur Teilung des Besitzes, und ein Vetter des Purschensteiners wurde hier heimisch: Georg Friedrich, der Vater Caspars, den wir als Gründer der Neuschönbergischen Dörfer kennengelernt haben. Dieser Stifter der Pfaffrodaer Linie hat freilich kaum hier wohnen können. Sein Amt als Oberberghauptmann hielt ihn in Freiberg fest. Und während er 1643 im Verein mit Georg v. Schweinitz und Jonas Schönlebe die Stadt Freiberg gegen den brandenden Ansturm der Schweden verteidigte, steckten diese hier das Schloß in Brand.

Zeichnung des Verfassers

Abb. 6. Schloß Pfaffroda

Es mag bös ausgesehen haben, als der Feind abgezogen war. Wohl waren die massiven Untergeschosse stehengeblieben, aber Giebel und Dächer ragten als traurige Ruinen empor. Doch dieses Unglück sollte noch zum Glück für die Familie ausschlagen. Der Kurfürst hatte die Absicht, mit mehr oder weniger sanftem Zwang Gut und Schloß zu erwerben. Als er nun auf einer Reise die zerstörten Trümmer sah, schien es ihm unwert, den Plan weiter zu verfolgen, und so blieb der Besitz der Familie erhalten. Bald waren die Schäden ausgebessert und die Giebel erhoben sich wieder in der schlichten Form, die noch heute steht, und die einem ausdrücklichen Wunsche Caspars v. Schönberg entsprach, der aus den bitteren Erfahrungen des Kampfes um sein Eigentum seinen Nachkommen zur Pflicht machte, das Schloß so schlicht zu halten, daß es nie begehrliche Blicke auf sich zöge.

Abb. 7. Pfaffroda, Schloßhof

Zu Füßen des Schlosses liegen zwei große Teiche und über ihre hohen Dämme, mit uralten Linden bestanden, führt die Straße hinweg. Diese Linden-Alleen, die auch östlich vom Schloß weit in die Felder sich ziehen, wurden von Curt Adolf Dietrich v. Schönberg in den Hungerjahren 1771/73 angelegt, um der Bevölkerung Arbeit und Brot zu schaffen. Sie verdanken also »Notstandsarbeiten« ihr Entstehen, ein Begriff, der uns vor dem Kriege ganz verloren gegangen war. Die alten Linden auf den Dämmen sollten übrigens kurz vor dem Kriege beseitigt werden. Das Straßen- und Wasserbauamt war ihnen nicht gewogen, da vielleicht unter Umständen doch die Möglichkeit bestände, daß einmal eine umbrechen und dadurch der Straßendamm beschädigt werden könnte. Glücklicherweise widersprach der Besitzer und zog ein Gutachten des Vereins Heimatschutz bei, das sich so erfreulich deutlich aussprach, daß die alten Linden und damit das schöne Landschaftsbild erhalten blieb.

Abb. 8. Schloß Pfaffroda. Halle (von 1578)

An dem unteren Teiche teilt sich die Straße. Die eine führt nordwärts nach Freiberg zu, die andere ostwärts nach Sayda. Wohl soll unser Ziel Sayda sein, aber wieder tun wir besser, zu weilen, um auch ein Stück nordwärts wandern zu können. Dort liegt hinter der nächsten Hügelwelle das Dorf Dörntal, und seine Kirche, eine der wenigen noch erhaltenen Wehrkirchen Sachsens, zieht uns an. Von der zwischen Pfaffroda und Dörntal gelegenen Höhe sieht man westlich den großen Kunstteich liegen, eines der Stauwerke der großen Wasserkunst, die zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts erbaut wurde, um die Maschinen des Freiberger Bergwerks mit Kraft – der Kraft, die das Wasser selbst darstellte – zu versorgen. Es ist ein imponierendes Werk alter Ingenieurkunst, das hier noch heute unter dem schlichten Namen Revierwasserleitung besteht. Weit oben im Quellgebiet der Flöha, bei Neuhausen, beginnt die Anlage, die in einem endlos langen Graben das Wasser den Bergwerken Freibergs zuführt. Dort fließt es dann durch den Roth-Schönberger-Stollen ins Flußgebiet der Elbe ab. Wo es irgend angeht, folgt der Graben, mit Holz überdeckt, der Horizontalen an den Hängen entlang, mag die Strecke auch noch so verschlungen sich winden. Nur an einzelnen Stellen ist er unterirdisch geführt. Und der Friedrich-Benno-Stollen, wie die Strecke zwischen Pfaffroda und Dörntal heißt, war bei seiner Erbauung ein viel bewundertes Kunstwerk. Damit es dem Graben nie an Wasser mangle, sind zahlreiche Talsperren an seinem Laufe errichtet, die größten in Dittmannsdorf, Dörntal, Obersayda und Großhartmannsdorf. Man staunt, welch gewaltigen Dammbau man hier bei Dörntal aufgeführt hat. Freilich mischt sich auch eine gewisse Wehmut dazwischen, denn in dem Damm sind auch die Quader der uralten Kapelle aufgegangen, die einst in Dörntal gestanden hat. Sie soll der heiligen Dorothee geweiht gewesen sein und Dörntal den Namen gegeben haben. Daß sie bestanden hat, ist erwiesen, daß der Name des Ortes von ihr herrührt, eine liebevolle Sage. Der Name mag viel eher daher kommen, daß das Tal einst von dornigem Buschwerk bestanden war und also als dornigtes Tal bezeichnet wurde.

Abb. 9. Kirche von Pfaffroda mit alter Kastaniengruppe

So blank der Spiegel des Teiches lockt, wir wandern geradeaus über Höhen und Wälder und stehen bald vor der ehrwürdigen Kirche. Aus steil ansteigendem Schieferdach ragt ein zierlicher Dachreiter, dem man es gar nicht zutraut, daß in ihm die schweren, großen Glocken geborgen sind. Um die weißen Mauern zieht sich rundum ein alter Wehrgang, aus mächtigen, uralten Baumstämmen fest gefügt. Schießscharten in den Wänden und Gießluken in dem über die Mauer hinausragenden Boden zeigen, wozu er angebracht wurde: daß sich in Zeiten der Not die friedliche Kirche in eine Zuflucht und Burg für die Bewohner verwandeln konnte. Der störende Schieferbelag ist bei der Erneuerung im Jahre 1912 von der Patronatsherrschaft auf Anregung der Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler entfernt, und der wohlerhaltene Wehrgang so in seiner alten Form wieder zutage gebracht worden. Besonders schön ist auch der Treppenaufgang zur Kirche. Ein Torhäuschen schützt ihn, und auf ihm finden wir wohl noch einen Rest von der alten Dorotheenkapelle wieder. Wie käme sonst an diese Stelle als eiserne Krönung das bischöfliche Doppelkreuz?

Abb. 10. Alte Wehrkirche in Dörntal

Mit der Berglehne, die die Kirche trägt, ist schon eine ansehnliche Höhe erklommen. Weit unten im Süden sieht man das Tal der Biela sich nach Sayda hinaufziehen. Wir schwanken, ob wir wieder hinunter sollen, um dem Bachlauf zu folgen. Aber es ist nicht nötig. Auf der Höhe führt die Straße weiter nach Sayda zu. Es wandert sich so schön und friedlich auf ihr, und man mag es kaum glauben, daß hier Winter und Wetter so unheimlich hausen können, daß es zur schwersten Gefahr für den Wanderer wird. Aber der Chronist Lehmann berichtet uns anschaulich ein Ereignis, das sich gerade hier im Jahre 1654 abgespielt hat: »Den 7. 11. gehet der Pfarrer zu Dörnthal Johann Haberstroh in den Flecken Sayda am Gebirge zum Markt und kauft nicht mehr denn ein paar Pfund Fleisch und vor einen Groschen Brätzlein, darauf er sein schwanger Weiblein hatte vertröstet. Im Rückwege kommet er im Windsturm von der Bahn ab in die Irre und ins Wasser nahe ans Dorf, und ob er sich gleich wieder herausgearbeitet und jämmerlich um Rettung geruft, haben doch sein Rufen die Leute vor ein Windbrausen gehalten und ihn hilflos gelassen, daß er naß und matt im Frost verderben müssen. Frühe hat man ihn tot gefunden, also daß er auch in der Todesangst die Nägel an Händen abgerissen.« –

Durch waldige Höhen führt der Weg. Er senkt sich sogar ein wenig, und da sieht man denn bald gegenüber auf einer anderen Höhe Sayda liegen. Es hilft nichts, wir müssen noch ein tiefes Tal bei Pilsdorf an der Bielaquelle kreuzen, um nach Sayda hinauf zu gelangen. Schlicht ist das Bild, das das Städtchen heute bietet. Vor dem großen Brande 1842 mag es malerischer und reicher ausgesehen haben. Seine Vergangenheit hatte es – erst als böhmische, dann als meißnische Grenzwarte – zu einem wichtigen festen Ort auf der Gebirgsstraße nach Brüx gemacht. Auch die uralte Salzstraße von Halle über Öderan nach Brüx führte hier durch, die bis vor wenigen Jahren noch als tiefer Hohlweg kenntlich war und erst hinter Sayda im Purschensteiner Wald wieder als solcher zutage tritt. Wie unendlich viele Fuhrwerke ihre Geleise in das Erdreich gegraben haben müssen, beweisen die Aufzeichnungen, daß die Straße im Jahre 1550 als sechs Ellen tiefer Hohlweg durch Sayda führte. Um den Verkehr zu erleichtern, ließ damals Caspar v. Schönberg auf Purschenstein die Höhlung ausfüllen und 1555 die Straße pflastern.

Denn auch Stadtherren von Sayda waren die Herren von Schönberg. An der Stelle, wo heute die sogenannte alte Schule steht, erhob sich ein festes Schloß, von dem leider auf keinem alten Stich oder sonstwo eine Abbildung zu finden ist, und auch Reste, außer dem befestigten Untergrunde, sind nicht mehr vorhanden. Sein Turm war dicker, als der bekannte Donatsturm in Freiberg, und noch im achtzehnten Jahrhundert diente es als Quartier für den Kommandeur einer Kürassierschwadron, die hier dauernd in Garnison lag. Nach dem erwähnten großen Brande wurde das schon baufällige Schloß und ebenso die Stadttore als Steinbruch benutzt, und die Steine zum Wiederaufbau der Wohnhäuser verwendet. So mag in mancher alten Hausmauer ein Rest ehemaliger Steinmetzverzierung schlummern, ohne daß der Bewohner selbst es ahnt.

Überhaupt ist Sayda oft von schweren Bränden heimgesucht worden. So in den Jahren 1465, 1599, 1634, 1702 und 1842. Der Brand von 1465 hat zu einer gewaltsamen Vertreibung aller Juden aus der Stadt geführt, da man ihnen die Schuld an ihm beimaß. Daß aber überhaupt ein Judenviertel hier bestanden hat, ist wiederum der Beweis, daß Sayda ein nicht unbedeutender Handelsplatz gewesen sein muß.

In der Mitte des Ortes etwa liegt die Kirche. Von Nordwesten zieht sich der älteste Teil der Stadt an sie heran, der sogenannte Plan, ein Platz, um den alte Holz- und Fachwerkhäuser stehen. Es sind die einzigen, die der Brand von 1842 unversehrt gelassen hat. Die Sage erzählt, daß 1813 eine Zigeunerin die Häuser auf hundert Jahre »versprochen« hatte, und als dann gerade 1913 mehrere durch Feuer zerstört wurden, verfehlte dieses Ereignis seinen Eindruck nicht. Innen ist die Kirche mit zahlreichen schönen Denkmälern der Familie v. Schönberg geziert, meist aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Außen zeigt sie eine schlichte Gotik. Nur das würfelförmige Untergeschoß des Turmes ist mit älteren Steinornamenten verziert, in denen noch romanisches Formempfinden nachklingt.

Jetzt trägt der Turm eine schlanke schlichte Spitzhaube, die man weit im Gebirge herübergrüßen sieht. Von oben tut sich eine unendliche Fernsicht auf. Überall wogen waldige Hügel und Berge aus weichen Tälern empor, und in noch deutlich erkennbarer Ferne sieht man die drei Schlösser, Frauenstein, Purschenstein und Pfaffroda liegen. Es ist das kein Zufall. Alle drei Schlösser waren einst im Besitz der Familie v. Schönberg, und der Turm des Saydaer Schlosses, den heute der Kirchturm ersetzen muß, war so angelegt, daß man von ihm in unruhigen Zeiten Feuerzeichen nach allen drei Schlössern hin geben konnte, die dort vom Wächter sofort wahrgenommen werden mußten. Die Herrschaft Frauenstein ist dann der Familie verloren gegangen, als der Kurfürst sie gewaltsam »einzog«.

Von alten Gebäuden fällt am östlichen Ausgange noch das sogenannte Hospital auf, das über der Tür das Schönbergsche Wappen, umrahmt vom Johanniterorden, in schöner Arbeit ziert. Dieses Hospital St. Johannis wurde von Bernhard v. Schönberg auf dem Sterbelager gestiftet, als er, im Jahre 1476 von Jerusalem heimkehrend, auf der Insel Rhodos starb. Das jetzt dort stehende schlichte Gebäude, 1784 erbaut, dient als Altersheim. –

Dunkler Fichtenwald schiebt seinen Saum hier ziemlich nahe an die Stadt, aber vor ihm steht noch ein neu entstandenes Viertel Saydas. Hier sind Wohnhäuser, namentlich für die Beamten errichtet. Denn auch hier verlangt die wachsende Einwohnerzahl räumliche Erweiterung.

Abb. 11. Kirchturm von Sayda mit dem alten »Plan«

Achtet man übrigens auf die Vegetation, dann wird einem klar, daß zwischen hier und Olbernhau ein Klimaunterschied von gut vier Wochen besteht. Wenn z. B. in Olbernhau schon Anfang Juni die Rosen blühen, so erschließen sie sich hier oben erst Mitte Juli; und so ist es auch im Herbst mit der Feldernte, die gar oft unter dem Schnee hervor geborgen werden muß. –

Abb. 12. Sayda. Hospital St. Johannis

In einer Talschlinge mit weitem Fernblick nach Süden liegen idyllisch zwei Teiche, die sogenannten Schwemmteiche, – ein Ziel, das im Sommer zahlreiche Menschen anlockt. Der Weg steigt wieder an, und hinter einer Biegung taucht ein altes Gebäude von seltsam großen Ausmaßen auf, das sogenannte Große Vorwerk. Auf einem mächtigen steinernen Unterbau erhebt sich ein schönes Fachwerkgeschoß, und friesartig laufen um die Mauern eigenartige Putzornamente vom Ende des 16. Jahrhunderts. Merkwürdigerweise ist das alte Gehöft immer von feindlichen Zerstörungen verschont geblieben.

Aus dem Grunde des weiten Tales, das sich nun aufgetan hat, grüßen die charakteristischen drei Türme des Schlosses Purschenstein. Schon von ferne kann man die zweckmäßige Anlage solcher alten Sitze erkennen: Im Grunde eines weiten Talkessels auf einem dort aufsteigenden Felsrücken errichtet, liegen sie einerseits so hoch, daß sie gegenüber den Fernwaffen der damaligen Zeit durchaus gesichert waren, andererseits aber so tief, daß die rauhen Stürme des Winters von den Höhenzügen abgehalten werden.

Abb. 13. Das »große Vorwerk« von Purschenstein

Ein uralter fester Ort ist dieses Purschenstein. Seinen Namen, ursprünglich Borsenstein, hat es von dem Ritter Borso von Riesenburg, der als Schutzherr des Klosters Ossegg gleichzeitig mit den Zisterziensern über den Gebirgskamm zog und während diese weiter westlich die Siedlung Pfaffroda anlegten, hier sein festes Schloß erbaute. Wie es dann unter den Markgrafen von Meißen an die Familie v. Schönberg kam, ist oben schon erwähnt. Liegen heute auch zahlreiche Nebengebäude um das Schloß, so erkennt man doch noch deutlich den Charakter als äußerst feste Burg: Von der einen Seite ist der steilabfallende Felsrücken durch das Tal der Flöha, auf der anderen Seite durch mehrere künstlich angedämmte Wehrteiche gegen feindliche Angriffe geschützt. Auf der schmalen Nordseite lagerte sich ehemals ein wehrhafter Halsgraben vor, und der südliche Abfall war durch starke Mauern mit zwei jetzt verfallenen Türmen gedeckt. Nicht genug damit, umgab eine dreifache Mauerwehr die eigentliche Burg, und fünf starke Türme, von denen drei noch heute stehen, bildeten feste Verteidigungspunkte. Von der innersten Mauer steht heute noch ein Teil in Gestalt eines bogenförmigen Laubenganges. Ehemals zog sich dieser auf drei Seiten rundherum und war mit einem Wehrgang versehen, während die vierte Seite das Wohngebäude selbst bildete. Und selbst wenn diese fast uneinnehmbare Anlage in Feindeshand gefallen war, konnten sich die Bewohner immer noch in den festen Bergfried zurückziehen, zu dem ein Eingang nur hoch oben, in Höhe etwa einer dritten Etage, führt. Denkt man sich den Zugang zu ihm in Form einer hölzernen Treppe oder Brücke, und diese Brücke dann in äußerster Not weggeschlagen, so konnten hier die Bewohner vor jedem Ansturm sicher sein, solange nicht der Hunger sie zur Übergabe zwang. – Vergegenwärtigt man sich dies, dann erscheint es einem gar nicht verwunderlich, daß sich hier im Dreißigjährigen Krieg, 1643, vierzig schwedische Reiter wochenlang gegen eine starke feindliche Belagerung durch die Kaiserlichen halten und nicht zur Übergabe gezwungen werden konnten.

Zeichnung des Verfassers

Abb. 14. Schloß Purschenstein

Unten im Orte Neuhausen wogt rastlos das Leben der neuen Zeit. Ursprünglich durch die Wasserkraft der Flöha herbeigezogen, hat sich eine lebhafte Industrie entwickelt, und weithin erstreckt sich schon heute der Ort. Darüber erhebt sich im Süden der Gipfel der Schwarte, der schon von Ferne überall auftauchte, und hier, trotz seiner Höhe von siebenhundertachtundachtzig Metern ganz harmlos niedrig erscheint. Schade übrigens, daß wir in Sachsen so oft nichtssagende Benennungen für schöne Landschaftspunkte haben. Die Schwarte ist wirklich ein Gipfel, der mehr hält, als sein prosaischer Name verspricht. In weiten Windungen zieht sich die Straße nach Deutscheinsiedel am Hange empor. Immer spärlicher werden die Häuser, nur ganz vereinzelt kleben sie unter dem kahlen Gipfel des Schwartenberges hingeschmiegt. Links geht es ab nach dem bekannten alten Bade Einsiedel, geradeaus führt der Weg nach dem Zentrum der sächsischen Spielwarenerzeugung, Seiffen und Heidelberg. Wir biegen rechts ab, um mühelos den Gipfel der Schwarte zu erreichen, und im sonnenvergoldeten Abend stehen wir vor einem Heimatbilde von überwältigender Weite und Größe. Unten im Tal streben aus milchig weißen Nebeln die Türme Purschensteins empor. Ganz leise dringt das Hämmern und Pochen des gewerbefleißigen Neuhausen herauf, aber rundum dehnt sich das Bild in feierlichster Stille. Dunkle Höhen, endlos, weltenweit wogend, ruhen in feierabendlicher Verklärung so frei und gelöst, als breiteten sie ihr Innerstes weit geöffnet dem wachenden Auge Gottes dar, und je tiefer die Sonne sinkt, desto goldener wird das Meer der hauchzarten Abendnebel, das die Täler erfüllt. Auf steilem Gipfel im Westen sieht man die ferne Augustusburg als vieltürmige Silhouette herübergrüßen, schwarz steigt der Pöhlberg weiter südlich empor, und selbst der Fichtelberg und Keilberg zeichnen sich mit klaren Linien in die Abendluft.

Auch nach Böhmen hinein öffnet sich weit der Blick, und woran man vor dem Krieg, als ein befreundetes Reich sich hier weithin erstreckte, nie dachte, das kommt einem jetzt plötzlich tief und stark zu Bewußtsein: Grenzland ist hier, und wir stehen wie auf einer Warte, mit deutschen Sorgen und deutschen Pflichten.